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...wer suchet, der findet.

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© 2016 Werner Pfeil

Verlag: tredition GmbH, Hamburg

ISBN

Paperback: 978-3-7345-6925-8
Hardcover: 978-3-7345-6926-5
e-Book: 978-3-7345-6927-2

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig.

Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.

Über den Autor.

Werner Pfeil wurde im März 1957 in Paderborn geboren. Bereits mit vierzehn Jahren, den Kurzschuljahren sei Dank, begann seine Ausbildung zum Dreher. Bei der Bundeswehr durchlief er Ausbildungen an diversen Standorten in Deutschland. In dieser Zeit holte er auch seine Hochschulausbildung nach, die ihn für seinen Werdegang qualifizierte. Nach 35 Dienstjahren schied er 2010 aus der Bundeswehr aus. Seither nennt er sich, bedingt durch die vielen Auslandseinsätze zwischen 1994 und 2008, heute zu Recht, Pensionär und Veteran. Am wohlsten fühlt er sich aber nach wie vor in seiner Heimat Hövelhof, am Tor zur Senne, oder wie es andere nennen, an den Quellen der Ems.

Seit September 2015 veröffentlichte er schauplatzorientierte Spannungsromane unter anderem die Senne Krimis „und kommt die goldene Herbsteszeit“ und „Finderlohn“.

Dieses Buch ist ein Roman. Handlungen und Personen sind frei erfunden. In diesem Buch tauchen viele Namen auf, die so oder so ähnlich in der Region rund um die Senne gebräuchlich sind. Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen waren nicht beabsichtigt und sind rein zufällig.

 

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über <https://dnb.d-nb.de> abrufbar.

Schriftarten aus dem Satz; Arial, Book Antiqua, Andalus.

Prolog.

Kadri Lushimi, der in Zeiten des politischen Umbruchs und des Einmarsches der Serben unter schwierigen Bedingungen im Kosovo heranwuchs, gerät auf die schiefe Bahn, wird vom guten zum bösen Jungen und wird so zum Handwerkszeug der UÇK. Zusammen mit seinen beiden Schergen, die er aus einer katastrophalen psychiatrischen Anstalt befreit hat und die zur Gruppe der »Adler vom Dulje« gehören, ist er im Kampf gegen die serbischen Truppen an einem wichtigen Pass eingesetzt. Als er die Stellung aufgeben will, gerät er mit seinem Gruppenführer Agon Besa in Streit und erschießt ihn. Nachdem er ihm all seine Papiere entwendet hat, um seine Identität anzunehmen, wirft er ihn zusammen mit einigen Minen in einer engen Kurve an der höchsten Stelle des Dulje-Passes vor die heranrückenden Panzer. So verbreitet sich, während er unter falschem Namen über Montenegro entschwindet, die Heldenlegende von Kadri Lushimi, der sich als Suizider der Sache geopfert hat. Das Land brauchte diese Geschichten, die in kalten trostlosen Nächten an den Lagerfeuern der UÇK, wenigstens für etwas Wärme sorgten. Der neue Agon Besa, den es nach Deutschland verschlägt, allerdings, sollte noch viel Schande über diesen Namen bringen.

Richard Klöppler, ein pensionierter Postbeamter und Hobbyarchäologe, findet bei einem seiner Streifzüge im Hövelhofer Forst perfekt gefälschte Druckplatten für Ein Dollar Noten, die er über seinen Freund und Hehler Karl Bruggner an den selbsternannten Bordellkönig Bielefelds, Agon Besa, verkauft. Für diesen Fund muss allerdings nicht nur Klöppler sterben, sondern auch sein Hehler und der Mörder selbst. Ein wahrlich toller Finderlohn.

Holger, einem Trucker, der hinter die düsteren Machenschaften Agon Besas kommt, geht es an den Kragen, und nur dank der modernen Medizin, kann er schwerverletzt überleben und letztendlich mit seinen kaum vernehmbaren Antworten Steine ins Rollen bringen.

Nachdem der Paderborner Kriminalhauptkommissar Vincent Blohm und seine charmante Lebensabschnittsgefährtin, Kriminaloberkommissarin Melanie Schwarz, lange im Dunkeln tappen bekommen sie von André, einem alten Freund, wichtige Informationen und heften sich an die Fersen des Monstrums Agon.

Agon Besa, der mit neuer Identität eine Karriere im Türstehermilieu macht und dabei die Autorität seines Chefs Johannes Bruggner im Bielefelder Rotlichtmilieu nach und nach untergräbt, um ihn schließlich aus dem Geschäft zu drängen, wird eine große Nummer in Ostwestfalen Lippe. Er kauft die Druckplatten, um mit den in Hövelhof hergestellten Ein-Dollarblüten griechischen Bürgern in Thessaloniki an Bankautomaten, die einer Pleite gegangenen Bank gehörten, die Möglichkeit zu bieten, an Bargeld zu kommen. Hiervon machen die arg gebeutelten Griechen natürlich Gebrauch, was zwar die europäische Finanzwelt erschüttert, aber Agon letztendlich eine Stange Geld einbringt.

Was die Kunden nicht wissen, ist, dass sie zum einen Falschgeld in ihren Händen halten und zum anderen, dass die Euros von ihrem Konto über Umwege auf einer Liechtensteiner Bank landen, so dass Agon nur abwarten muss, bis auch die letzten Dollarscheine aus den Automaten entnommen sind. So spielt er mit den Kommissaren Katz und Maus… und auf Zeit.

Durch gute Ermittlungsarbeit, aber auch dank Kollege Zufall, finden sie Agons Versteck. Er aber hat den Zugriff vorausgesehen und sein Versteck mit Sprengfallen präpariert. So läuft der Zugriff wenig erfolgreich… schlimmer noch, er nimmt Kriminaloberkommissarin Melanie Schwarz als Geisel und nachdem er in einer wilden Verfolgungsjagd im Bereich des Truppenübungsplatzes Sennelager die Polizei aus ganz OWL genarrt hat, gelingt ihm, nachdem er Melanie anschießt, unter dem Namen Skender Gasniqhi die Flucht.

Gerade noch rechtzeitig kann der Transfer von fast vierzig Millionen Euro von Griechenland über eine Briefkastenfirma in Panama auf sein bulgarisches Konto verhindert werden… mehr noch, denn es gelingt einer Gruppe Hackern die Summen zurück zu transferieren, so dass Oma und Opa Mykonos, oder wie auch immer, keinen finanziellen Schaden nehmen.

Vincent und Melanie überleben schwer verletzt, leider aber kann man das ungeborene Leben, welches Melanie unter ihrem Herzen trug, nicht retten. Der Verlust macht beiden schwer zu schaffen. Vincent schwört, dass er keine Ruhe geben wird, bevor der Kosovo Albaner Agon gefasst ist, die Gerechtigkeit ihren Lauf nehmen kann und er wieder Ruhe findet. Dabei gerät er selbst in Gefahr, Gut nicht mehr von Böse unterscheiden zu können. Mit André hat er allerdings einen besonnenen Freund an seiner Seite, der darüber hinaus über seinen alten österreichischen Kameraden Christoph Strasser einen guten Draht in das Kosovo hinein besitzt.

Am Ende triumphiert das Böse, was im Leben leider häufiger vorkommt, als uns lieb ist. Es gibt aber immer Hoffnung, und nur wer sich lange genug in Geduld fasst, wird Gerechtigkeit erfahren, denn wer suchet, der findet.

… damit endete der zweite Senne Krimi »Finderlohn«.

Zusätzliche Erläuterung des Autors.

Das jetzige Kosovo wird unterschiedlich bezeichnet. Nennen es die Serben »Kosovo«, so würden es Kosovo-Albaner als »Kosovë« bezeichnen. Der Name entstand durch das auch in Deutschland bekannte Amselfeld, der Kosovo Polje, wobei Kos Amsel und Polje Feld bedeutet und es sich somit um eine wörtliche Übersetzung handelt, die auf einer Legende beruht. Demnach sollen sich alle gefallenen serbischen Helden bei der Schlacht auf dem Amselfeld am 15. Juni 1389 in Amseln verwandelt haben. Widersprüchlich, denn zu dieser Zeit gab es dort kaum Amseln, die noch Waldvögel waren und im Südosten Europas so gut wie gar nicht vorkamen.

Es ist an sich nur ein kleiner Landstrich, etwa halb so groß wie Hessen. Die Berge, die eine natürliche Grenze zu den angrenzenden Staaten bilden, sind im Südwesten zu Montenegro an die 3000 meter hoch, und in Richtung Mazedonien erreichen sie etwa 2000 Höhenmeter. Der wunderschöne Naturpark Šar Planina wird heute als Skiparadies ausgewiesen und sowohl von kosovarischer als auch von mazedonischer Seite genutzt. Viele Wälder bestehen aus Buchen, Eichen, Ulmen und Birken, aber auch Nadelhölzer mit Kiefern, Fichten und Tannen sind in den oftmals rauen Vorgebirgen Heimat vieler Tiere. Braunbären, Wölfe, Luchse, Steinböcke und Fischotter sagen sich hier gute Nacht. An den wenigen Flüssen sieht man Pelikane neben Bussarden, Geiern und Adlern fliegen. Alles in allem nicht nur durch sein gemäßigtes, kontinentales Klima ein Land, in dem man sich wohlfühlen könnte, wenn es nicht die gar nicht so netten Restbestände aus den vergangenen Kriegen dort gäbe. Eine latente Minengefahr besteht nach wie vor in vielen Bereichen des Landes und immer wieder werden sie nach starken Regenfällen aus dem Boden gespült. Einer Mine ist es letztendlich egal, ob sie im Krieg oder Frieden detoniert, Freund oder Feind verletzt oder gar tötet.

Nur zu Zeiten des Kommunismus, unter der allgegenwärtigen Herrschaft Titos, konnte die serbische Regierung die volle Macht in allen Bereichen, auch in den entlegensten Winkeln des Kosovo ausüben. Als dieses Regime zusammenbrach, war der Arm des Gesetzes einfach zu kurz, um alle im Land zu erreichen. Gerade in den bergigen Regionen, wie im Dragaszipfel, der eingeschlossen zwischen Albanien und Mazedonien liegt und im Winter nur auf wenigen Straßen zu erreichen ist, wird auch heute noch nach alten Gesetzen gerichtet. Hier regelt in Abwesenheit von Gesetz und Ordnung der Kanun alle Fragen des Zusammenlebens. Aufgrund bestehender Fehden, die zum Teil noch aus Zeiten der Weltkriege herrühren, kommt es so auch heute noch zur Ausübung der Blutrache.

Der Kanun, den es in unterschiedlichen Ausführungen gibt, ist das Gewohnheitsrecht der Albaner, welches von Mund zu Mund über Generationen weitergegeben wird. In weiten Teilen des Kosovo gilt der Kanun von Skanderbeg. Die Gesetze bauen auf der allen Kosovaren wichtigen Ehre und den daraus resultierenden Rechten und Pflichten auf. Im Negativen umfasst es unter anderem die Blutrache, im Positiven das Gastrecht. Auch die »Besa« wird immer noch praktiziert, ein Pakt- oder Allianzrecht, das auch Waffenstillstandsabkommen, Bündnisse und Ehrenwort sowie Treue und Loyalität umfasst. Selbst Mördern wird diese »Besa« gewährt, allerdings meist nur für eine bestimmte Zeit.

Montag, 29. Juli bis Samstag, 22. August

»Alles wird uns heimgezahlt, wenn auch nicht von denen, welchen wir geborgt haben«. Marie Freifrau von Ebner-Eschenbach

Es sah gar nicht rosig aus für Kadri Lushimi, der in Deutschland unter dem Namen Agon Besa viel Unheil anrichtete und sich während seiner Flucht Skender Gasniqhi nannte. Als er voller Euphorie darüber, dass er der Polizei in Deutschland entkommen war, auf dem Flughafen Ohrid in Mazedonien aus dem Flugzeug stieg und von seinem Anwalt, Adim Ibrahimi, abgeholt wurde, war er zunächst enttäuscht. Selbstverständlich hatte er einen warmherzigen Empfang erwartet, den er sich nach seiner Meinung mehr als verdient hatte, jedoch fiel dieser eher reserviert aus. Erst im Wagen des Anwalts erfuhr er warum.

„Was ist, keinen Sekt kaltgestellt für einen alten Freund?“, fragte er deshalb eher unterkühlt, nachdem sie auf die Autobahn Richtung Zentrum eingebogen waren.

„Du bist gut… kannst es dir nicht einmal denken?… was soll der Scheiß überhaupt?“… dabei sah er Agon abschätzend von der Seite an.

„Hab dir vertraut und eine Menge Geld investiert… ganz zu schweigen davon, dass ich den guten Ruf der Kanzlei und meinen eigenen aufs Spiel gesetzt habe“, antwortete Adim gereizt. „Sei froh, dass ich dich überhaupt abhole.“

„Wie edel von dir“, stellte Agon spöttelnd fest, um danach sofort zornig loszuschimpfen.

„Spinnst du jetzt völlig und was willst du von mir, mehr Geld? Ist es das, was das Ganze hier wie eine Farce aussehen lässt? Kannst den Hals wohl nicht voll genug bekommen… oder?“

„Du weißt es in der Tat nicht?“, setzte er, nachdenklich geworden, neu an, „ich war immer für dich da, aber den mir zustehenden Lohn, den hätte ich dann doch gern so wie vereinbart. Will auch nicht einen Euro mehr, sondern nur, was mir zusteht und was abgemacht wurde.“

„Dann schau auf dein Konto, verdammt noch mal Adim. Ist dir auf Euro und Cent überwiesen worden, so wie du es wolltest. Habe gestern noch nachgesehen, und da stand es schwarz auf weiß… eine getätigte Überweisung“, polterte Agon mit hochrotem Kopf.

„Kann durchaus sein, aber dann hast du alles storniert und da ich es nicht gleich auf ein anderes Konto umgebucht habe, ist es nun bei mir verschwunden… wohin auch immer“, versuchte Adim ihn zu beruhigen.

„Was soll ich gemacht haben?“, fragte Agon völlig konsterniert und man sah ihm an, dass es in seinem Inneren anfing zu brodeln und sein Adrenalinspiegel in bedrohliche Bereiche anstieg. Das schien auch der Anwalt, der ihn auch in solchen Situationen des Öfteren erlebt hatte, bemerkt zu haben.

„Also, Klartext. Ich will mein Geld und gebe dir eine Woche Zeit herauszufinden, wie so etwas passieren konnte, und das nur, weil wir schon jahrelang Geschäfte miteinander machen. Ich kann auch zur Polizei gehen, denn wir haben einen Vertrag und da ist der Betrag, der mir jetzt fehlt, für meine Anwaltstätigkeiten beim Kauf des Grundstücks im Dragaszipfel deklariert… also komm mir nicht damit, dass ich nichts gegen dich in der Hand habe.“

Agon, der die Drohung sehr wohl verstanden hatte, lehnte sich zurück und versuchte sich zu beruhigen… was ihm nicht gelang. Bis sie die Innenstadt Ohrids erreichten, hing jeder seinen Gedanken nach.

So saßen sie schweigend nebeneinander, bis er am gemieteten Appartement, unterhalb des Ancient Theaters, mit tollem Blick auf den See, seine Tasche vom Rücksitz nahm und ausstieg. Er lehnte sich auf das Autodach und sprach drohend durch die geöffnete Scheibe, „ich verspreche dir, dass ich rausbekommen werde, was mit meinem und deinem Geld passiert ist und Gnade dir Gott, denn von mir wirst du keine erwarten, sollte ich herausbekommen, dass du mich übers Ohr hauen willst.“

Der Faustschlag auf das Autodach, der Agons Drohung unterstreichen sollte, deutete ihm an, das es wohl besser wäre, sofort loszufahren. Deshalb fuhr Adim Ibrahimi sehr nachdenklich zurück in seine Kanzlei nach Prizren, während Agon noch lange grübelnd auf dem Bürgersteig stehen blieb.

Erst einmal alles in Ruhe sacken lassen, dann einchecken und einen Internetzugang aufsuchen, so sein Plan, den er auch gleich in die Tat umsetzte. Vom Umtausch seiner falschen Dollar auf den Flughäfen verfügte er zumindest über etwas Bares, um sein Appartement im Voraus zu bezahlen. Er besichtigte das Zimmer, fand es einigermaßen adäquat, warf seine Tasche aufs Bett und schloss die Tür sorgsam hinter sich ab. Dann bestieg er den Aufzug, um in die Lobby zu gelangen. Dort fuhr er den Hotelrechner für Hausgäste hoch. Es dauerte ihm alles viel zu lange, denn seine Ungeduld und auch sein Zorn steigerten sich von Minute zu Minute.

Endlich konnte er seine Daten eingeben und nur wenige Augenblicke später bekam er fast einen Herzkasper. Schlappe 75.000 Euro standen auf seinem bulgarischen Konto, wo eigentlich knapp vierzig Millionen stehen sollten. Das, was er vorfand, entsprach lediglich dem Betrag, der dort schon seit einiger Zeit schlummerte und von dessen Zinsen er alle Abgaben an die Steuerbehörde im Land und die eine oder andere Bestechung beglich.

Verdammte Scheiße, wie konnte das sein. Geduld war ein Fremdwort für ihn, deshalb gab er viel zu hastig seinen PIN für das Liechtensteiner Konto ein, so dass er es wiederholen musste… dann aber auch dort Ernüchterung, die ihn schier um den Verstand zu bringen schien.

„Leider ist dieses Konto nicht mehr existent. Bitte wenden Sie sich per E-Mail an … blablabla“, stand da in großen Lettern auf dem Bildschirm und er hatte das Gefühl, dass ihn die Buchstaben hämisch angrinsten. Ja klar, die Löschung dieses Kontos hatte er selbst zu einem Zeitpunkt, nachdem alle Gelder auf das bulgarische Konto transferiert sein sollten, über die Briefkastenfirma in Panama veranlasst. Blankes Entsetzen machte sich breit und mit einem Schlag zertrümmerte er die Tastatur.

Wo war das verdammte Geld geblieben? In Luft hatte es sich definitiv nicht aufgelöst. Der Anwalt… ja, der hatte seine Finger im Spiel, oder hatte Kylon, der Grieche, etwa einen seiner illegalen Bänkertricks eingebaut, so dass seine Gelder nur scheinbar auf dem Konto gelandet waren und von dort in seine Taschen wanderten?

Drecksäcke… dafür sollten sie büßen.

Nichts war mehr mit einem coolen Getränk am Strand, Nächten mit Nutten und einem Leben in Saus und braus. Vorrang hatte nun eindeutig die Beschaffung des Geldes, alles andere musste warten, denn gerade auf dem verarmten Balkan galt… ohne Moos nichts los. Erst aber mal eine Nacht schlafen, was nicht so richtig gelingen wollte. Kein Wunder, so aufgekratzt wie er war. Deshalb checkte er am nächsten Morgen früh aus und stieg in einen kleinen Leihwagen. Zu mehr reichte es augenblicklich nicht, denn er musste den Rest seines Geldes fürs Erste zusammenhalten. Unterwegs beschaffte er sich die Dinge, die in den nächsten Tagen noch zur Verwendung kommen sollten. Er hatte ja noch immer seine Verbindungen.

Für die knapp zweihundertsiebzig Kilometer nach Prizren im Kosovo brauchte er fast vier Stunden, da es am Grenzüberang wieder einmal Stau gab. Dann aber stand er vor der luxuriösen Villa des schlüpfrigen Winkeladvokaten. Adim glaubte, dass Agon mit guten Nachrichten, was sein Geld anging, kam. Da er die von ihm hinterlegten Druckerplatten abholen wollte, schien es dem Anwalt nicht verdächtig, dass er bereits einen Tag, nachdem er ihn vom Flughafen abgeholt hatte, vor seiner Tür stand.

„Und… hast du alles klären können?“, fragte er freundlich, jedoch von Neugier erfüllt, als er ihm die Tür öffnete und ihn zu sich hineinbat.

„Das kann man sehen, wie man will“, entgegnete Agon verkniffen.

„Mir fehlen nur noch wenige, winzige Puzzlesteine, aber da wirst du mir sicherlich helfen können“, dabei blickte er in die erstaunten Augen seines ehemaligen Kompagnons, dessen Lächeln mit einem Mal verschwunden war.

„Wieso ich. Was kann ich dazu noch sagen, was nicht schon gesagt ist. Das Geld war da und ist nun wieder weg, weil du es so angeordnet hast.“

„Gar nichts habe ich“, dabei hatte er sich dem Anwalt mit funkelnden Augen genähert, der dieses Warnsignal allerdings nicht… oder zu spät wahrnahm. Mit einer blitzschnellen Handbewegung verdrehte er ihm den Arm und nahm ihn in den Polizeigriff, aus dem er sich nicht befreien konnte, auch, weil er im Gegensatz zu Agon eher ein schmales Handtuch war.

So wurde er zu seinem Schreibtisch geführt und mit wenigen Handgriffen hatte Agon ihn wie ein Paket mit Kabelbindern an seinem Bürostuhl gefesselt.

Bedrohlich ruhig war seine Stimme, nachdem er sich zu ihm hinunter beugte und den Kopf an seine Wange lehnte.

„Da wollen wir doch mal sehen, wo sich hier die Lügen verstecken. Hast du mit diesem, deinem Zeigefinger, auf der Tastatur alles eingestielt“, dabei hatte er sein Messer ziemlich dicht an seine Hand geführt, die er mit seinen stahlharten Pranken auf dem Tisch fixiert hatte.

Die Augen des Anwalts waren schreckensweit geöffnet und als er ihm mit einem Schnitt, die eine Fingerkuppe abtrennte, entfuhr ihm ein markerschütternder Schrei, der sicherlich in einem anderen Land Nachbarn und nicht zuletzt die Polizei auf den Plan gerufen hätten. Nicht so im Kosovo.

Ungläubig schaute Adim auf seine Hand, aus deren Zeigefinger Blut rann und sich auf dem Schreibtisch in einer kleinen Pfütze breitmachte.

„Was ist, war es so… oder bist du Linkshänder“, damit schnitt er ihm auch eine Fingerkuppe an der anderen Hand ab. Entsetzt und vor Schmerz laut schreiend, versuchte er, sich zu befreien, was Agon aber nur ein müdes Grinsen abrang.

„Soll ich weitermachen… acht Versuche habe ich ja noch, bevor es an Dinge geht, die richtig… und damit meine ich, richtig wehtun?“

„Ich schwöre dir“, dabei überschlug sich die Stimme Adims mehrfach, „ich kann dir nicht mehr sagen, als ich bereits erzählt habe, aber um Allahs Willen… hör auf.“

„Um Allahs Willen… Schwachsinn, als wenn ich mir je Gedanken um so einen Scheiß gemacht hätte. Hilf dir selbst, dann ist dir geholfen… schon mal etwas davon gehört? Du kannst dir auch selbst helfen und mit dem kleinen Verlust wirst du klarkommen. Sag mir einfach die Wahrheit.“

Es schien ihm wohl die Sprache verschlagen zu haben… denn da kam nichts mehr Verständliches aus dem Mund seines Anwalts. Agon hatte genug von dem immer lauter werdenden Gezeter des Menschen, der einmal sein Freund gewesen war… war, denn nun hatte er ihn beschissen, und das konnte er nicht ungestraft lassen.

Mit einem heftigen Ruck zog er das Messer quer unter dem Hals des Gefesselten durch, dessen Kopf daraufhin nach vorn sackte und Unmengen an Blut ausspuckte.

Schade, dachte sich Agon, der mitleidslos auf die zusammengesunkene Gestalt Adims sah, nicht mal Schmerz wird er empfunden haben, aber was soll es.

Nachdem er auch die anderen Fingerkuppen abgetrennt hatte, rollte er ihn in eine ausgebreitete Plane, warf ihn sich über die Schulter und stolzierte mit seiner Last zu seinem Auto. Einem kleinen Jungen, der auf der Straße spielte und neugierig auf den Mann starrte, der mit einem schweren Paket über der Schulter natürlich auffällig war, deutete er mit dem Zeigefinger seiner freien Hand vor die Lippen gelegt an, dass es besser für ihn sein würde, niemandem etwas zu erzählen. Jungs im Kosovo verstanden diese Sprache schon sehr früh und er konnte sich sicher sein, dass er weder etwas gesehen noch gehört hatte.

Während die Leiche bereits in seinem Kofferraum vor sich hin gammelte, hatte er sich gründlich in der Wohnung umgesehen und neben einer gehörigen Summe Bargeld einiges gefunden, was sich schnell zu Geld machen ließ. Auch die Dollar-Druckplatten, die im Tresor lagerten, für den er beim Öffnen mehr Zeit als erwartet benötigt hatte, waren nun wieder in seinem Besitz.

In der Nähe von Bishtazin, wo die Regionalstraße 107 den weißen Drin kreuzt, warf er zunächst die Fingerkuppen und dann später die ganze Leiche den Raubfischen zum Fraß vor. Dieser verdammte verstockte Lügner sollte in Dschahannam schmoren, dachte er, als er teilnahmslos am Ufer abgehockte und beobachtete, wie die schäumenden Fluten den Leichnam dankbar aufnahmen. Es gab noch viel zu tun, denn er hatte ja noch weitere Personen auf seiner Rechnung.

So fuhr er die knapp sechzig Kilometer nach Peja, wo er jemanden kannte, der es gewohnt war, keine Fragen zu stellen, auf die er eh keine Antworten bekommen würde, und der Verwendung für die gestohlenen Gegenstände hatte.

Bei ihm fand er Unterschlupf, jedoch trieb ihn sein unsteter Geist schon mitten in der Nacht aus den Federn. Da er nun über ausreichend Bargeld verfügte, überwies er einen Teil davon auf sein bulgarisches Konto, bevor er sich auf die vorerst letzte Etappe nach Pristina machte, was er nach etwa zwei Stunden über die Schnellstraße 9 erreichte. In einer Nebenstraße, bei einem kleinen Autolarje, wie die Werkstätten im Kosovo genannt werden, reinigte er sein gemietetes Fahrzeug gründlich, bevor er es am Flughafen abgab. Die Druckplatten und alles, was er nicht unbedingt auf Zypern benötigen würde, hatte er vorher in einem Schließfach am Bahnhof Kosovo Polje, unweit von Pristina, deponiert. Dann buchte er einen Flug, der ihn über Istanbul und Kairo in gut acht Stunden nach Lanarca auf Zypern brachte. Noch am frühen Nachmittag mietete er ein Fahrzeug, mit dem er eine Stunde später die an der Südküste in der Bucht von Akrotiri gelegene Stadt Limassol, die, entgegen der nördlichen, türkischen Zone, zur Republik Zypern gehörte, erreichte.

Hier also hatte sich Kylon Caranos verkrochen. Es war an der Zeit, sich auch diesen feinen Herrn einmal vorzuknöpfen. Dankbarkeit ihm gegenüber, dass er den Weg zu Griechenlands Geldautomaten geebnet, ihm das gute Dollarpapier und die alte Druckerpresse beschafft hatte, war fehl am Platz.

Der alte Grieche lebte hier von seiner Kohle in wenig bescheidenen Verhältnissen. Sein Verdacht gegen diesen abgezockten Broker hatte sich noch verstärkt, als er sich im Nachhinein daran erinnerte, wie energisch er darauf bestanden hatte, seine Dienste nur gegen Bargeld anzubieten.

Leider waren seinen Verbindungen, die er in ganz Europa zweifelsohne hatte, Grenzen gesetzt. So hatte er erst einmal in einem Beach Hotel an der Franklin Roosevelt eingecheckt, um eine Home Base zu haben.

Da er Kylons Vorlieben, was Klamotten, Frauen, Autos, Yachten und vor allem Drogen betraf, kannte, rechnete er sich gute Chancen aus, ihn schnell zu finden. Er googelte, fand ein Bild von dem eitlen Modenarr aus seiner Zeit als Banker, und so ausgestattet schritt er die Limassol-Marina-Street entlang, immer auf der Suche nach einem auffällig gekleideten Herrn Anfang sechzig. In dem einen oder anderen Café zeigte er das Bild… und endlich, im Nero am Yachthafen, konnte sich jemand an diesen feinen Herrn erinnern. Schnell hatte er die kleine Straße an der Promenade gegenüber der Kirche Agia-Napa erreicht, wobei ihm Kirche leicht untertrieben vorkam, denn in seinen Augen handelte es sich bei diesem Bauwerk um eine Kathedrale. Hier war Kylon des Öfteren in Begleitung ständig wechselnder Damen gesehen worden. Er legte sich auf die Lauer… etwas, was er schon in jungen Jahren noch vor seinem Wirken bei der UÇK von seinem Vater gelernt hatte, wenn sie dem wenigen Wild im Bistrica Tal nachstellten. In solchen Augenblicken erinnerte er sich an seine Heimat, sein Kosovo mit den vielen Landschaftsformen. Weite Felder wechselten sich mit hügeligen Ebenen bis hin zum karstigen Hochgebirge ab.

Rot-, Damm-, Muffel- und Schwarzwild standen in guten Zeiten auf dem Speiseplan der Familie Lushemi. Da viel schwieriger zu bejagen, waren sie nur sehr selten im Hochgebirgsrevier „Prokletije“ an der Grenze zu Albanien unterwegs, aber als die Zeiten des Umbruchs kam, hatte sich das erledigt.

Erinnerungen, mehr nicht und verdammt lang her… Bilder aus längst vergessener Zeit und müßig darüber nachzudenken, dass alles mit ihm hätte anders kommen können.

Er musste nicht lange warten, denn es war Flanierzeit, und alles was meinte, Rang, Namen oder Geld zu haben, zeigte sich nur allzugern auf der Promenade, um in einem der Luxusrestaurants zu speisen. So auch dieser Wichser von Kylon Caranos, der sich gleich zwei Blondinen untergehakt hatte. Auffälliger ging es kaum noch, denn er trug, wie so oft, diesen typischen Nadelstreifenanzug mit dünnen, weißen Streifen, ein stark gestärktes Hemd mit einer protzigen, goldfarbenen Krawatte. Das I-Tüpfelchen aber waren die schwarzweißen Lackschuhe, die selbst dem größten sizilianischen Paten zu Ehre gereicht hätten. Auffallend schön musste er sich fühlen, wogegen aber sein pockennarbiges Gesicht sprach, das sich zu einem breiten Grinsen hinreißen ließ, als er Agon erkannte.

„Agon, du hier? Mensch das ist ja super … komm, lassen wir zusammen die Sau raus. Mädels darf ich euch den Quell all meines Reichtums vorstellen. Mein Gönner Agon… komm, lass dich umarmen.“

Agon beschlich das Gefühl, dass dieses Trio bereits am frühen Tag einige Spuren dieses von ihm schon immer verabscheuten weißen Pulvers gezogen hatte. Ihm konnte es egal sein, denn vielleicht würde er aus ihm dann schneller all das rausquetschen, was er wissen musste. Zunächst aber nahm er das Angebot an und so schlenderten sie guter Dinge, jeder halt auf seine Weise, bis zur Meza Taverna, einem der angesagtesten Restaurants der Stadt.

Nach einem reichhaltigen Lunch, welches immer wieder vom heftigen Gekicher der beiden Frauen unterbrochen wurde, die anscheinend gut dressiert, auch auf die deftigsten Witze ihres Verehrers reagierten, ließ Kylon sich die Rechnung bringen. Er zahlte die fast dreihundert Euro, auf die er noch einen braunen Schein obenauf legte, ohne mit der Wimper zu zucken, und sie verließen den Laden, nicht ohne von Kratzfuß machenden Kellnern begleitet zu werden.

„So Mädels, nun lasst Papi und den netten Onkel mal ein paar Minuten allein. Hier“, und damit drückte er ihnen einige Hunderter in die Hand, „kauft euch was Nettes zum Ausziehen, auf das wir uns später bei mir in der Wohnung freuen können. Ist dann mal wieder Partytime angesagt.“

Dabei kniff er der etwas Dralleren leicht in den Po, was das Flittchen mit einem „Huch„ quittierte.

Kaum, dass die beiden aus dem Gesichtsfeld verschwunden waren, begann Kylon das Gespräch.

„Agon, nun sag schon, was treibt dich bei dieser Hitze auf diese gottverlassene Insel?“

„Denke, das sollten wir nicht hier besprechen, lass uns lieber in deine Wohnung gehen, da sind wir ungestört, bis die beiden Frauen auftauchen.“

„Soll mir recht sein, mir ist eh immer so schrecklich warm, wenn ich aus klimatisierten Räumen komme.“ Wie alte Freunde, den Arm um Agons Schulter gelegt, schlenderte er mit ihm auf kürzestem Weg zu seinem Appartement.

Gemeinsam mit Kylon betrat er das Domizil im vierten Obergeschoss und war übermannt vom Luxus und Lebensgefühl in einer für ihn neuen Dimension. Agon, der in der kargen Hütte seiner Eltern großgeworden war, hatte selbst in Bielefeld nur eine eher spartanisch ausgestattete Drei-Zimmer-Wohnung genutzt.

Hier, in dieser mehr als großzügig ausgelegten, luxuriös ausgestatteten Wohnung, die, wie er schätzte, mindestens einhundertachtzig Quadratmeter Wohnfläche aufwies, fühlte er sich absolut deplatziert und unwohl. Das lichtdurchflutete Wohnzimmer mit zwei nach Südosten ausgerichteten Balkonen sorgte für ein helles, schönes Wohnen.

Eine edle, vermutlich in Handarbeit gefertigte Küche, stach aus allem heraus. Er, der sich lieber mit Fast Food ernährte, konnte nicht glauben, dass Kylon hier jemals selbst den Kochlöffel geschwungen hatte. Die drei Schlafzimmer, eines davon mit Balkon, sowie zwei Designer-Bäder ergänzten die exklusive, protzige Wohnung.

„War nicht gerade billig“, berichtete er stolz, als er Agon bat, die Tür hinter sich zu schließen. „Kannst du mir glauben.“ Er glaubte es ihm, aber mit der Zurückhaltung und vor allem der Freundlichkeit Agons war es nun endgültig vorbei. Mit der Hacke trat er gegen die Tür, so dass sie beim Zuschlagen fast aus der Zarge gerissen wurde.

„Spinnst du jetzt, oder was ist los?“

Mit einem heftigen, ansatzlosen Schlag in das narbige Gesicht brach er Kylon das Nasenbein. Blut spritzte auf sein gestärktes Hemd und mit beiden Händen versuchte er, es zu verhindern, was ihm nicht gelang. Schon war Agon bei ihm und nach einem kurzen Kick in die Kniekehle schlug es den großen Griechen lang auf die Fliesen.

„Schluss mit dem Schmierentheater, was und wie hast du es angestellt, um an mein Geld zu kommen?“

„Ich… ich soll was?“, stotterte Kylon, der Schwierigkeiten hatte zu sprechen, da ihm das Blut auch im Rachen herunterlief.

„Keine Fragen, ich will Antworten, Sportsfreund“, und mit einem weiteren Schlag in die Magengegend unterstrich er seinen Anspruch auf Gehorsam.

„Ich habe doch genug Geld, verdammte Scheiße. Du warst ziemlich spendabel. Dazu meine Abfindung von der Bank. Mann, ich werde nie wieder arbeiten müssen und meine Kohle, die ich natürlich gut angelegt habe, bringen mir jährlich Zinsen, wovon es sich gut leben lässt. Kann ich mit deinen Pinunsen übrigens auch machen. Warum also, in Gottes Namen, sollte ich dich bescheißen wollen? Also lass die Scheiße“, flehte er.

„Ich soll was? Merkst du es noch, hab dir eine Frage gestellt… und Antworten? Fehlanzeige, nur Gesülze. Also, noch einmal von vorn. Wo ist mein Geld geblieben?“

Jedes seiner letzten Worte hatte er mit einem Schlag ins Gesicht des wimmernden Kylons begleitet, dessen Gesicht mittlerweile über und über mit Blut besudelt war.

„Ich weiß es nicht, verdammt noch mal. Kenne ja nicht einmal die ganze Geschichte, warum du davon ausgehst, dass dein ganzes Geld verschwunden ist. Wie soll ich da etwas zu sagen, geschweige dir helfen können.“

Agon mochte keine Menschen wie ihn, und nur sein Know-how und seine Verbindungen waren eine Zeitlang für ihn wertvoll gewesen, in der er sich seine Fähigkeiten zu Nutze gemacht hatte. Der Mensch Kylon interessierte ihn nicht die Bohne, aber vielleicht konnte er mit seiner Hilfe, sofern er wirklich unschuldig war, die wahren Übeltäter ausfindig machen. Im Geiste sah er sich schon auf dem Rachezug… der hakmarrje.

„Hast du Internet und wenn ja, gebe ich dir dreißig Minuten um meine Fragen zu beantworten und mich zufrieden zu stellen. Komm, hoch mit dir, die Zeit läuft.“

Mühsam, mit schmerzverzerrtem Gesicht schleppte sich Kylon zum Schreibtisch und klappte seinen Laptop auf. Wenige Augenblicke später hatte er diverse Registerkarten geöffnet, in deren Masken er nach und nach verschiedene Kürzel eingab.

„Verdammt, warum dauert das so lange“, fluchte er in sich hinein, als er ein weiteres Passwort eingeben musste, um an die Daten der Liechtensteiner Bank zu gelangen.

„Konto wie von dir gewünscht gelöscht.“

„So weit war ich auch schon, du Vollidiot. Verplemperst nur deine und vor allem meine Zeit.“

„Warte, warte, ich bin noch nicht fertig. Hier“, und damit zeigte er im Display auf einen Eintrag unter dem Beleg für die Kontoauflösung, „schau dir das genau an und nun“, dabei zog er aus einer Schublade einen Notizblock, „hier deine IP-Adresse und der Pin, mit der du immer Zugang zu diesem Konto hattest. Na… fällt dir was auf?“

„Ja, sieht doch wohl ein Blinder… die sind nicht identisch.“

„So und nun hier… meine IP Adresse und komm mir nicht damit, dass man sich von jedem Rechner der Welt hätte einloggen können, um solche Summen zu transferieren. Kannst du vergessen. Eigentlich gab es nur diese zwei Adressen, von denen es möglich war.“

„Was bedeutet in diesem Falle eigentlich?“, langsam wurde Agon ungeduldig.

„Nun ja, einem richtigen… und damit meine ich einem richtig guten Hacker, könnte es gelungen sein. Allerdings hätte er wahnsinnig viel Zeit investieren müssen.“

„Die ihm, nachdem man mir auf die Schliche kam, einfach nicht zur Verfügung gestanden haben kann… oder, was meinst du?“, ergänzte Agon noch immer misstrauisch.

„Genau, aber wenn er nicht allein gearbeitet hat…“

„Du denkst an so eine Organisation wie Anonymus?“

„Möglich, dann wäre das innerhalb von… sagen wir einmal zehn bis zwölf Stunden machbar gewesen, aber wie gesagt… nur unter ganz besonders guten Umständen.“

Allein der Gedanke, dass man ihm in Deutschland schneller als gedacht auf die Schliche gekommen war, dann auch noch Personal zur Verfügung hatte, um diesen, seinen persönlichen Schaden herbeizurufen, raubten ihm fast die Sinne.

„Warte“, wurde er in seinem langsam anschwellenden Zorn von Kylon, der noch immer wie wild auf seiner Tastatur herumgehackt hatte, unterbrochen.

„Hier, es geht noch weiter, denn von dieser Adresse, wurden alle Transfers annulliert. Heißt, das gesamte Geld wurde an die EC-Karten-Adressen zurücktransferiert und auch der Transfer an unseren gemeinsamen Freund Adim wurde storniert.“

„Kannst du rausbekommen welches Schwein hinter dieser Adresse steckt?“

„Nein, das geht weit über meine Kenntnisse und Fähigkeiten hinaus und vor allem, wenn dieser eine oder diese Organisation wirklich so gut ist, wie ich annehme, dann haben sie den Weg über hunderte von Adressen auf der ganzen Welt genommen, die man wahrscheinlich niemals rausbekommt. Wenn du es möchtest, kann ich aber mal einen meiner Freunde daran setzen. Echter Experte, aber nicht billig!“

Nun war Agon keinen Schritt weiter, im Gegenteil. Er hatte einen Unschuldigen ins Gras beißen lassen und einen weiteren schwer verletzt. Damit konnte er leben, aber noch immer nicht zu wissen, wer ihm das angetan hatte, brachte ihn an den Rand des Wahnsinns.

„Also Kylon, was ist dir dein Leben wert?“, beendete er die Konversation, die zwar Zeit gekostet hatte, welche aber durch die erhaltenen Informationen ausgeglichen wurde.

„Nimm alles, was ich hier an Bargeld habe, aber lass mich am Leben“, flehte Kylon, der sich langsam zu ihm umgedreht hatte, weil es ihm unheimlich erschien, einem solchen Feind zu lange den Rücken zu zeigen.

„Einverstanden. Wie viel ist es?“

„Du kennst meine Ablehnung gegenüber Banken. Ich dürfte so etwa hunderttausend im Tresor haben. Nimm es, aber dann verschwinde.“

Wenig später war Agon um einiges reicher als zuvor und auf dem Weg in sein Hotel. Tasche packen und auschecken musste schnell gehen, obwohl er sich nicht vorstellen konnte, dass Kylon zur Polizei laufen würde. Ob er wohl noch Spaß an den beiden Puppen hatte, grinste er in sich hinein, als er mit dem Taxi an einer Mietwagenstation vorfuhr. Mit dem Leihwagen fuhr er, um sicherzugehen, dass ihm Kylon nicht doch jemanden auf den Hals gehetzt hatte, die knapp einhundert Kilometer zum Ercan-International-Airport in der türkischen Teilrepublik etwas zügiger als erlaubt. Hier hatte er Glück, dass er einen der wenigen freien Plätze in einer bereits aufgerufenen Maschine erwischte, so dass er über Istanbul nach gut fünf Stunden Sofia in Bulgarien erreichte.

Weiter ging es mit einem Leihwagen, denn er wollte noch am frühen Abend in Vranje, einem kleinen Dörfchen nahe Zelenigrad, nicht zu verwechseln mit dem Vranje im verhassten Serbenland, an der Bundesstraße 63 ankommen, was er nach gut eineinhalb Stunden auch schaffte. Etwas umständlich erschien ihm die Wahl dieser Bank noch heute, aber damals gab es nicht so sehr viele Möglichkeiten, Gelder aus dem Krieg so zu deponieren, dass sie vor den gestrengen Augen der internationalen Staatengemeinschaft unauffindbar waren und nicht auffielen. Mit der kleinen Privatbank hatte es nie Ärger gegeben und obwohl es immer einen Aufwand bedeutete sie zu besuchen, schien es ihm eine gute Wahl gewesen zu sein.

Auch Fieslinge wie Agon sind irgendwann einmal müde und seine dringenden, dubiosen Bankgeschäfte konnte er ohnehin erst am anderen Morgen tätigen. So holte er in einem eher armselig ausgestatteten Hotel den lange vermissten Schlaf der letzten Tage nach. Wie in jeder Nacht überfielen ihn finstere Träume, und Entspannung brachten ihm die wenigen Stunden im Halbschlaf schon seit Jahren nicht mehr.

Das Frühstück hatte er angeekelt beiseitegeschoben, aber dennoch anstandslos bezahlt. Er wusste um die Armut der Menschen in dieser abseits gelegenen Region, die aber für seine Zwecke genau die richtige war und einen Mantel des Schweigens über seine Geldgeschäfte legte. Nicht umsonst hatte er die kleine Bank in dem entlegenen Teil Bulgariens ausgewählt.

Am Bankschalter wartete man schon auf ihn, denn er hatte per Telefon mitgeteilt, dass er eine große Bareinzahlung vornehmen wolle und er nicht sehr viel Zeit haben würde. So hofierte man ihn bereits, als er aus dem Auto stieg. Schnell waren die Formalitäten erledigt und die Stirn des Chefs der Filiale zog sich erst in Falten, als er alles auf ein neues Konto, welches nicht online zu finden war, umgebucht haben wollte. Aber auch das bekam man hin, indem man ihm von der Eröffnung eines neuen Kontos abriet und einen Trick vorschlug, den er dankbar annahm. So wurde ein Schließfach eröffnet, indem sein ganzes Geld bar hinterlegt wurde.

Die Kontoführungsgebühren und Steuern, so vereinbarte man, würden trotzdem regelmäßig beglichen.

Man schied als Freunde, denn seine Überweisungen waren bisher regelmäßig gekommen… warum nicht weiterhin. Außerdem wusste nur der Filialleiter, der gleichzeitig sein eigener Chef war, von dem Deal. Ob er seiner Leitbank davon berichten würde… Agon konnte es egal sein, Hauptsache sein Geld schien ihm sicher.

Auf dem Rückweg musste er den weiten Umweg nach Süden über Kustendil und Kumanovo in Kauf nehmen. Zu groß die Gefahr, dass ihn einer der Serben während der Durchfahrt des verhassten Landes erkannt hätte. So kam er wie gerädert in Prizren an. Über eine Unterkunft hatte er sich bis dato keine Gedanken gemacht. Brauchte er auch nicht… kannte er doch ein Haus, dessen Besitzer als Leiche im weißen Drin schwamm.

Was ihm wirklich schwer zu schaffen machte, war die Tatsache, dass er sich mit der herben Enttäuschung über die Entziehung seiner Millionen abfinden musste. Ob ihm der Verlust seiner Familie damals schwerer gefallen war, blieb sein Geheimnis. Und noch ein weiteres Problem sollte ihn in den nächsten Tagen beschäftigen.

Sonntag, 23. August

»Rache bedeutet das Eingeständnis einer Kränkung«.

Lucius Annaeus Seneca

Während er am Schreibtisch seines ehemaligen Anwalts saß und darüber nachdachte, wie er seine Rache an denen, die ihm das angetan hatten, ausüben konnte, klingelte das Telefon.

Er meldete sich mit „Anwaltskanzlei Adim Ibrahimi, was kann ich für sie tun.“ „Hier ist ein alter Freund, Namen spielen keine Rolle. Es geht um einen Klienten von dir, Agon Besa. Seine wahre Identität ist ans Licht gekommen und er ist nicht der, für den ihn alle gehalten haben. Mittlerweile dürften alle die wahre Geschichte vom Helden am Dulje kennen. Geb dir nur einen Tipp… lass die Hände von dieser Ausgeburt der Hölle, kappe alle Verbindungen, denn das alte Recht wird greifen, ihn ereilen und dann ist er dem Tode geweiht. Wenn es Gelder gibt, die er bei dir hinterlegt hat, dann spende sie, sobald du von seinem Tod erfährst… wenn nicht, könntest du der Nächste sein“, und mit dieser versteckten Drohung legte der anonyme Anrufer auf.

Sichtlich geschockt saß Agon noch eine Weile mit dem Hörer in der Hand und war fassungslos. Verdammt… hatte sich jetzt alles gegen ihn verschworen? Wer war derjenige, der diese längst vergangene Geschichte ausgegraben hatte und nun verbreitete? Wer pisste ihm da gehörig an den Karren?

Beschissene Situation, aber er war gewarnt, was sicherlich niemand beabsichtigt hatte. Nun auch das noch. Das alte Recht… Kanun, Blutrache… konnte nur bedeuten, dass jemand darauf begierig war, sein Leben auszulöschen und vielleicht hatte man sogar schon jemanden auf ihn angesetzt.

Dieser Scheißtyp mit seiner ganzen Sippschaft der Besas aus dem Raum Dragas. Gute Idee, ihn abzuservieren damals am Dulje Pass, allerdings hätte er nie geglaubt, dass diese Geschichte ihn noch einmal einholen würde. Dumme Angelegenheit und hier war er auf jeden Fall nicht mehr lange sicher… aber wohin? Er hatte doch nichts mehr, und auch das Grundstück in den Bergen bei Dragas war verloren… oder ließ sich da noch was machen? Klar, er hatte es bezahlt, aber unter dem Namen dieses beschissenen Besa. Sich dort am Grundstück blicken zu lassen kam einem Todesurteil gleich, aber vielleicht später einmal.

Er wühlte in den Unterlagen des Anwalts und nach einiger Zeit hielt er die Kaufurkunde in den Händen. Schnell war in ihm eine Idee gereift, die er nun gleich in die Tat umsetzte. Ok, ganz langsam und vor allem gut nachdenken. Er stellte eine Übertragung des Grundstücks für imaginäre 250.000 Euro an Skender Gasniqhi aus, nutzte seine beiden Unterschriften, siegelte das Ganze mit dem Stempel des Anwalts, den er im Safe fand, und trug alles in die letzte Urkundenrolle ein. Natürlich mit einem Datum, an dem man Adim noch unter den Lebenden wähnte. Den gleichen Vorgang wiederholte er, ließ aber den Namen des Käufers offen. Wer weiß, wie oft er seinen Namen noch ändern musste, bevor er sich zur verdienten Ruhe setzen konnte. Danach legte er die Urkunden zu den anderen Dokumenten in den in der Wand eingelassenen, gegen Feuer geschützten Tresor.

Alles, was nicht niet- und nagelfest und zum Verkauf geeignet war, schleppte er mit Einbruch der Dunkelheit in sein Auto. Oben in der Tasche mit den wenigen persönlichen Habseligkeiten packte er auf seine persönlichen Unterlagen die in Ölpapier eingewickelten Druckplatten. Darum schnürte er ein Päckchen aus Leder und Stoff, um es später an einer geeigneten Stelle zu vergraben. Zuletzt reinigte er grob alle Räume, in denen er sich aufgehalten hatte und vergoss in der ganzen Wohnung Benzin aus Kanistern, die er in der Garage gefunden hatte. Den Rest kippte er in die Küche, denn von hier würde sich der Brand ausbreiten können. Da das Haus zum großen Teil aus Holz bestand, würde es ein helles, sich rasant ausbreitendes, weithin sichtbares Feuer werden. Dazu kam die Lage am Hang, an dem stetig der Wind empor blies. Er kannte die schmalen Zufahrten zur Odishe-Paskali, die sich zu einer Sackgasse verengten, und wusste, dass es eine echte Herausforderung für die nicht gerade gut ausgestattete Feuerwehr würde, diesen Brand zu löschen. Warum man in den Brandschutz noch immer nicht investiert hatte?, denn immerhin zählte Prizren etwa 180.000 Einwohner… weiß es der Geier, aber es konnte ihm ja schnuppe sein.

Wieder kamen in ihm Erinnerungen hoch. Die Nacht, nachdem am Nachmittag die ersten deutschen Panzer in die Stadt Prizren einfuhren, war noch immer sehr präsent. Sie sickerten unbemerkt, in kleinen Gruppen ein. Ein kurzer Abstecher bei den Familien, dann hatten sie genug Ziele unter den Serben verifiziert, die Dreck am Stecken hatten und einfach nur nach Amtsmissbrauch, Vetternwirtschaft, Bestechlichkeit und vor allem Ungerechtigkeit gegenüber den unterdrückten Kosovoalbanern stanken.

Damals war er mit Ymjet und Yrjet, seinen beiden Schergen als Bodyguards in die Hügel gezogen. Bevorzugte Wohngegend… auch für Serben, mit tollem Blick über die Stadt. Als ob gebrochene Augen davon noch etwas hatten?

Sie hatten gefoltert, vergewaltigt und getötet. Ein wahrer Blutrausch hatte sie gepackt. Um Spuren zu verwischen, ließ er die Häuser, nachdem sie mit allen darin fertig waren, anstecken. So leicht war das.

Die deutschen Soldaten waren gerade mal Herr der Lage in den unteren Stadtbezirken und damit beschäftigt, die abziehenden Serben vor Übergriffen aus der feiernden Bevölkerung zu schützen. Bis hier oben in den Hügeln waren sie noch nicht vorgedrungen. Gut so, denn dass sie nicht zimperlich waren, hatten sie gleich am östlichen Stadtrand demonstriert. Einer der Gründe, warum sie die bereits geplante Flucht über Montenegro nach Deutschland sofort nach diesen Geschehnissen antraten.

Wahrscheinlich würde man wie damals, als er die Behausungen der Serben hier oben abgefackelt hatte, darum kämpfen, ein Übergreifen auf die Nachbargebäude und den sich daran anschließenden Wald zu verhindern. So würde das Haus wohl bis auf die Grundmauern abbrennen und den Anwalt würde man für tot erklären… weil nichts von ihm übrig bleiben würde.

In aller Seelenruhe zerriss er alte Zeitungen, die er im Hause fand, packte noch einige Küchenrollen dazu und stopfte damit den Backofen aus. Mit dem aufgesetzten Hut und seinem Bart sah er eher Adim denn Agon, Kadri oder Skender ähnlich, während er das Haus, ohne aufzufallen, verließ.

Als er seinen Fluchtweg noch einmal abgegangen und sicher war, dass alles im Auto verstaut lag, fuhr er den Wagen aus der Garage. Danach ging er noch einmal in die Küche so, als wenn er etwas vergessen hätte, und stellte den Backofen auf 250 Grad, ließ die Ofentür offen stehen und verließ das Haus auf Nimmerwiedersehen.

Bergab ging es und am Shadervanplatz überquerte er seinen Fluss, die Bistrica, an dem er als kleiner Junge so gern mit seinem Vater den flinken Bachforellen nachgestellt hatte. Sein Vater, der sehr streng zu ihm war, hatte ihm viel beigebracht, um mit der Natur im Einklang zu leben. Einiges davon konnte er in seiner Zeit bei der UÇK umsetzen, aber all das war Vergangenheit… nicht schon wieder, dachte er und schüttelte diese Gefühlsduselei für heute endgültig ab, denn ihn interessierte nur noch die Zukunft und die sah augenblicklich nicht gerade rosig für ihn aus.

Er nahm einen Umweg in Kauf und fuhr zunächst zum Bahnhof Kosovo Polje, um die wichtigsten seiner deponierten Dinge aus dem Schließfach zu holen. Den Rest, inklusive wichtiger Papiere, die wie eine Lebensversicherung für ihn waren, würde er holen, bevor er sich ins Ausland absetzen konnte. Weiter ging seine Fahrt nach Planeje, denn hier wohnte ein alter Freund von ihm, der zumindest genau so viel ...

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