Logo weiterlesen.de
vergissdeinnicht

Titel

BASTEI ENTERTAINMENT

Tag 3

Ich traf Ethan in der Nacht, in der ich mich umbringen wollte. Ziemlich unpassend, wenn man so drüber nachdenkt.

Durch meinen Kopf schwirren immer wieder dieselben Fragen:

Was will er von mir?

Wie konnte ich das zulassen?

WERDE ICH STERBEN? (Die mag ich besonders gerne.)

So hatte ich das nicht geplant. Dabei mag ich es schon, wenn alles nach Plan läuft.

Aber der Reihe nach: Ich fange einfach mal an zu schreiben, und dann sehen wir, wo das hinführt. Dazu ist das ganze Papier ja wahrscheinlich auch da. Und die Stifte. Sieht so aus, als wären das genug Stifte für eine ziemlich lange Zeit. Das ist richtig, richtig schlecht. Vielleicht leg ich mich erst noch mal einen Moment hin.

* * *

Keine Ahnung, wie lang ich gepennt habe. Ich hab meine Uhr nicht mehr. Meine Kleider auch nicht. Wenn ich dran denke, dass er mich ausgezogen hat, als ich bewusstlos war – das ist mehr als peinlich. Und dieses Nachthemd ist auch nicht wirklich stylisch. Ich komme mir vor, als würde ich gleich operiert werden. Verdammt, ich hoffe echt, dass das nicht geplant ist. Schließlich hänge ich schon irgendwie an meinen inneren Organen. Ich werde offenbar gerade wahnsinnig – sonst würde ich jetzt keine Witze reißen. Aber ich war schon immer gut darin, im falschen Moment Witze zu reißen.

Ich muss irgendwie hier rauskommen. Vielleicht lässt er mit sich reden. Ich muss nur rausfinden, was er will. Aber ein Teil von mir will das gar nicht wissen.

Scheiße … Ich glaube, er kommt.

* * *

Gut, das war kurz und knapp. Er kam nur mit meinem Essen auf einem Tablett rein, sah mich mit dem Stift in der Hand am Tisch sitzen und nickte. Er schien sich drüber zu freuen. Ich saß da wie eine Idiotin und glotzte ihn an. Er versuchte gar nicht zu lesen, was ich geschrieben hatte – sah mich nur wieder auf diese Art an … Wenn er mich so ansieht, bin ich mir sicher, dass er ganz genau weiß, was ich denke. Und dann war er wieder weg. Die Tür hat er natürlich hinter sich verriegelt.

Das Essen war lecker. Das ist nur eine von vielen, vielen abgefahrenen Sachen, die hier passieren. Das Essen ist toll. Und von wie vielen Entführungen hat man schon gehört, bei denen das Opfer sein eigenes Badezimmer hatte? Und das wahrscheinlich gemütlichste Bett auf der ganzen Welt. Ich wünschte nur, dass nicht alles so weiß wäre. Davon bekomm ich Kopfweh. Manchmal muss ich die Augen zumachen, um mich daran zu erinnern, dass es tatsächlich noch andere Farben im Universum gibt. Wenigstens sind diese Stifte nicht weiß. Das wäre ziemlich nervig, sag ich mal. Schreiben hilft nämlich wirklich. Allein schon der reine Mechanismus: Buchstaben zu bilden, die dann Wörter ergeben, die dann wie durch Zauberei zusammen einen Satz ergeben. Das beruhigt irgendwie. Aber was soll ich schreiben? Und warum will er, dass ich schreibe? Krank krank krank. Obwohl, vielleicht ist das meine große Chance, Schriftstellerin zu werden, wie ich es mir immer gewünscht habe. Meine letzte Chance wahrscheinlich.

Wie auch immer, man soll ja über das schreiben, was man kennt, oder? Also fange ich mit Ethan an. Wer weiß, vielleicht macht ihn eines Tages jemand ausfindig (wahrscheinlich Jahre, nachdem mein Skelett mit dem Stift in der knöchernen Hand an diesem verschissenen Tisch gefunden wurde). Ich denke, er ist so eins achtzig groß. Das ist grob geschätzt im Vergleich zu Nat, der behauptet, er wäre eins achtzig, dabei ist er ganz sicher nicht größer als eins fünfundsiebzig. Wer einmal lügt …

Aber zurück zu Ethan. Er ist wunderschön. Ich meine richtig wunderschön. Er hat schwarzes Haar. Es ist irgendwo zwischen kurz und lang, und eine Strähne fällt ihm immer vor die Augen. Seine Augen … also, die sind grau. Metallisch grau? Schiefergrau? Himmel-vor-einem-gewaltigen-Sommergewitter-grau? Vielleicht einfach nur stinknormales Grau-grau. Sein Gesicht ist perfekt. Ehrlich, es sieht aus, als wäre er gerade erst aus einem Gemälde gefallen oder so was. Wangenknochen, Augenbrauen, Nase, Kinn. An ihm ist alles genau richtig. Und dann dieser Mund … Er hat die tollsten Lippen, die ich je gesehen hab. Ich hab sie gerne geküsst.

Also, was noch, was noch? Er ist blass, echt blass. So Ich-hab-noch-nie-das-Tageslicht-gesehen-weil-ich-in-echt-ein-Vampir-bin-blass. In einem kurzen Anfall von Wahnsinn dachte ich gestern (nach einer komplett schlaflosen Nacht), dass er vielleicht wirklich ein Vampir ist. Bis mir eingefallen ist, dass mein Leben nicht wirklich Twilight ist. Ethans Haut ist der Hammer. Ich würde jemanden umbringen, um so reine Haut zu haben. Ich weiß nicht genau, wie alt er ist. Erst dachte ich, dass er vielleicht so um die zwanzig ist, aber man kann es ganz schlecht sagen. Manchmal sieht er älter aus, und dann wieder wie ein verlorener kleiner Junge.

Er hat eine Narbe zwischen Nase und Oberlippe. Ich weiß noch, wie ich sie mit meinen Fingerspitzen berührt habe. Manche Narben sind schön.

Es ist jetzt keine große Überraschung, dass sein Körper auch wunderschön ist. Dünn, aber stark. Geschmeidig. Und er zieht sich wirklich cool an. Als ich ihn an diesem Abend kennengelernt hab, hatte er ein weißes Shirt, ausgewaschene alte Jeans und abgewetzte schwarze Chucks an. Er hat es eindeutig nicht so mit Farben – bis jetzt Grautöne, Weiß und Schwarz. Was okay ist, aber ich liebe liebe liebe Farben. Lila ist schön … und Grün. Ein helles, schreiendes Grün. Ich vermisse Grün.

Also, man sollte meinen, dass Ethan ziemlich heiß ist. Und es hört sich so an, als wäre ich echt heiß auf ihn. War ich auch, aber diese ganze Entführungsgeschichte scheint unserem Verhältnis zueinander ein bisschen so was wie einen Dämpfer verpasst zu haben. Und ich glaube, es ist noch zu früh, dass ich dieses Syndrom habe … wie heißt das gleich? Wenn eine Geisel anfängt, sich mit ihrem Entführer zu identifizieren, sich in ihn verliebt und dann bei seiner üblen Kidnapping-/Mord-/Sonst was-Tour mitmacht. Was ich meine ist, dass ein unbeteiligter Beobachter ihn sonst wie heiß finden würde – und ich müsste dem zustimmen.

Ich habe noch nicht rausgefunden, wo er herkommt. Ich glaube nicht, dass er aus der Gegend kommt. Er sieht jedenfalls nicht wie einer von den Jungs von hier aus (oder vielmehr, von dort – von zu Hause, ich meine … wo BIN ich?). Montagabend fragte ich ihn, wo er herkommt, und er sagte »aus der Gegend«, was mich vielleicht misstrauisch hätte machen müssen. Aber ich dachte wohl, er sei nur auf eine sehr anziehende Art geheimnisvoll. Ich Idiot.

Ethan. Würde sich perfekt als Freund eignen. Mal abgesehen von seiner Neigung, labile Mädchen zu entführen, die zu betrunken sind, um überhaupt zu kapieren, was passiert. Ich kann mir die Kontaktanzeige gut vorstellen:

Großer, dunkelhaariger, gut aussehender Mann sucht Mädchen mit grünen Augen. Interessen: Filme, lange Spaziergänge im Regen, italienisches Essen und ab und zu ein winzig kleines bisschen Kidnapping.

Zuschriften von zurechnungsfähigen Mädchen nicht erwünscht.

Was ich über Ethan weiß (abgesehen von dem ganzen Sieht-aus-wie-ein-griechischer-Gott-Zeug)

  1. Er fährt einen neu aussehenden silbernen Van. Mann mit Van = offensichtlich heikel
  2. Er scheint nicht der klassische Slasher-Movie-Psychopath zu sein.
  3. Er hat sich echt furchtbar angestrengt, damit ich mich hier richtig wohlfühle. Das Bett, das Bad, das leckere Essen … Macht mich extrem nervös, das.
  4. Er hat sich mich nicht ausgesucht. Ich habe ihn ausgesucht. Es war meine Entscheidung, mich neben ihn auf die Schaukel zu setzen. Vielleicht wusste er schon, was er tun würde, hatte sich aber noch kein Opfer ausgesucht. Es ist, als wäre er der Köder – ganz allein und so heiß wie ein Feuer. Er hat mich regelrecht eingewickelt.
  5. Er hört gerne zu. Reden ist nicht so seins.
  6. Er hat nicht versucht, mir wehzutun. Noch nicht.
  7. Ich habe eigentlich keinen siebten Punkt, aber sieben ist meine Glückszahl, und ich kann ein bisschen Glück gerade WIRKLICH gut gebrauchen.

* * *

Gute Nacht. Schlaf gut. Träum süß von merkwürdig attraktiven Psychopathen/Vampiren.

Tag 4

Tja, komisch, bis gestern war ich noch die fröhliche Gekidnappte. Ich denke, so müsste jemand genannt werden, der gekidnappt wurde. Kidnapper, Gekidnappte. Scheint mir logisch. Klingt gut.

Heute bin ich nicht mehr ganz so fröhlich.

Warum muss ausgerechnet mir das passieren?

Hör auf, nachzudenken. Schreib weiter. Stift aufs Papier und Hand bewegen.

* * *

Ich musste mir ein bisschen (okay: eine Menge) Mut antrinken, um die Sache durchzuziehen. Während ich mich fertigmachte, nahm ich immer mal wieder einen Schluck aus der Wodkaflasche, die ich unter meinem Bett versteckt hatte. Meine Klamotten suchte ich sorgfältig aus. Nur, weil man sterben wird, muss man nicht gleich schlampig aussehen. Ich zog meine neuen Jeans an, in denen meine Beine superlang und dünn aussehen. Ich nahm mir praktisch jedes meiner Oberteile vor, bevor ich mich für mein gutes, altes grünes T-Shirt entschied (mein Glücks-T-Shirt, ha!). Schuhe waren schwierig, aber ich entschied mich schließlich für was Bequemes, meine Adidas Sneaker. Nicht wirklich glamourös, aber ein bisschen Old-School-Look. Ich legte mehr Make-up auf, als eigentlich nötig war. Dabei sah ich in den Spiegel und dachte die ganze Zeit: Ich brauche jetzt keinen Eyeliner mehr. Das ist der letzte Lipgloss, den ich tragen werde. Das ist das letzte Mal, dass ich in diesen Spiegel sehe und weiß, dass ich nie gut genug sein werde. Lauter solche Sachen.

Das Messer noch in die Tasche, dann war ich fertig.

Ich hopste die Treppe runter, ganz so, als wäre ich das unbeschwerteste Mädchen auf der ganzen Welt. Ich rief: »Ich hau dann mal ab und treff Sal. Wart nicht auf mich!« Meine Mutter saß im Wohnzimmer und schaute fern. Vielleicht hätte ich noch mal eine Sekunde zu ihr reinschauen sollen, statt die Tür zuzuschlagen, als ich sie hörte: »Grace, warte kurz …« Aber das tat ich nicht. Ein Moment länger in ihrer Gegenwart wäre zu viel für mich gewesen.

Also hab ich mich nicht verabschiedet, und ich hab auch keinen Abschiedsbrief hinterlassen. Ich hab dafür gar keinen Grund gesehen. Abschiedsbriefe sind eh so was von lahm. Und wenn ich einen Brief hinterlassen hätte, würde jetzt jeder denken, ich wäre tot. Was ich definitiv (noch) nicht bin.

Ich nahm den Bus in die Stadt. Ich setzte mich nach ganz hinten – was ich normalerweise nicht mache. Meine allerletzte Busfahrt. Dachte ich jedenfalls. Wenn ich’s mir recht überlege, kann das immer noch so sein. Jedenfalls war die Busfahrt, wie Busfahrten nun mal so sind. Eine Frau mit gaaanz langen grauen Haaren saß vor mir. Die dünnen Locken hingen über der Lehne ihres Sitzes, und die strähnigen Spitzen schabten an meinen Jeans. Es war widerlich. Ab einem bestimmten Alter sehen lange Haare einfach nicht mehr gut aus. Zum Glück stieg die Ekel-Haar-Frau aus, bevor ich anfangen musste zu würgen.

Als sie weg war, fühlte ich mich ganz ruhig. Ich schloss die Augen und atmete tief ein. Ich würde es tun – ich würde es wirklich ehrlich wahrhaftig tun. Das war’s. Oh, es wird ihnen so leidtun … Ich lächelte über den Singsang in meinem Kopf.

Ich weiß nicht, was ich jetzt über diese ganze Ja-du-warst-nur-ein-paar-Zentimeter-davon-entfernt-dich-umzubringen-Sache denken soll. Aber ich kann mich nicht intensiv mit meinen Gefühlen auseinandersetzen. Jetzt noch nicht. Es ist, als hätte ich einen Verband am Körper, von dem ich irgendwie weiß, warum er da ist, aber wenn ich ihn abnehme und die eitrige Wunde darunter sehe, ganz gelb und schleimig, dann werde ich vielleicht verrückt.

Ich stieg aus dem Bus und hüpfte in den nächsten Off-Licence. Ich ließ mir Zeit dabei, mein Gesöff auszusuchen. Seltsamerweise entschied ich mich für Gin, obwohl ich das Zeug hasse. Es erinnert mich an Dad. Also ging ich zur Kasse, und der Typ hatte die schlimmste Akne, die ich je gesehen habe (abgesehen von Scott Ames in der 9. Klasse, aber wenigstens ging die weg, und jetzt sieht er ganz gut aus). Dann passierte das absolut Lächerlichste überhaupt: Ich sollte meinen Ausweis zeigen! Dazu muss man wissen, dass mir so was noch nie passiert ist. Ich kaufe mir Alkohol, seit ich vierzehn bin, verdammte Scheiße. Vielleicht war das ein Zeichen Gottes: »Grace, von mir aus bring dich um, wenn es sein muss, aber ich werde es dir nicht auch noch leicht machen.« Ich setzte mein bestes Das-ist-doch-wohl-ein-Witz-Gesicht auf und sagte zu Akne-Junge: »Das ist doch wohl ein Witz. Ich bin zweiundzwanzig! Seh ich aus wie ein Kind?« Er zeigte nur auf das Schild, auf dem stand: »Wer jünger aussieht als fünfundzwanzig blablablabla …« Ich verplemperte ein paar Minuten damit, ihm weiszumachen, dass mein Ausweis in meiner Jacke war, die ich zu Hause liegengelassen hatte, weil es so ungewöhnlich warm für die Jahreszeit war. Immer noch nichts. Nervig. Aber wahrscheinlich muss man irgendwie zusehen, wie man zu seinem Spaß kommt, wenn man die widerlichste, verpickeltste Fresse und keine Chance (jemals) auf Sex hat. Ich stolzierte aus dem Laden, warf dabei empört den Kopf zurück, ging in den Laden nebenan und kaufte genau dieselbe Flasche zwei Pfund billiger. Gott hat mir wohl doch kein Zeichen geschickt.

Ich klemmte mir die Flasche unter den Arm und ging die Straße runter. Ein Pärchen in meinem Alter kam mir entgegen. Sie hielten Händchen und lachten. Weg weg weg! Der Typ drückte das Mädchen gegen ein Schaufenster und küsste sie. Es fehlte mir, so geküsst zu werden. Ich ging weiter und rannte fast in eine Gruppe von Stadtjungs mit geputzten Schuhen und fragwürdigen Frisuren. Einer von ihnen drehte sich um und rief mir nach: »Kopf hoch, Kleine. Vielleicht passiert’s nie!« Ich grinste ihn an. Oh doch, ich denke schon

Ich erreichte das Tor zum Park. Mein Dad war immer mit mir hierhin gekommen, als ich noch klein war. Ich fütterte dann die Enten und rannte rum wie eine Verrückte. Dad jagte mich und tat so, als wäre er ein Zombie. Und dann stieß er mich auf der Schaukel an – so fest, dass ich mir sicher war, ich würde über die Querlatte schießen, aber ich schrie trotzdem, er solle mich noch höher stoßen. Davon wurde mir nie langweilig.

Nachdem mein Dad weg war, bekam der Park für mich eine andere Bedeutung. Ich war froh, dass er nicht mehr da war, um es zu sehen. Ich rauchte und trank verdammt starken Cider und machte mit den falschen Jungs rum. Und noch mehr.

Viele Erinnerungen stecken in dem Park. Gute und schlechte. (Meistens schlechte.) Er schien mir so gut wie jeder andere Ort für mein Treffen mit dem Tod. Ich hatte mich für das Häuschen auf dem Klettergerüst entschieden. Ich versuchte nicht daran zu denken, dass mich irgendein Kind dort finden könnte. Hoffentlich ist es der Parkwächter – der, der ein bisschen wie ein Pädo aussieht. Ächz. Hoffentlich tatscht er mich nicht an. Auch wenn ich dann schon viel zu tot bin, um es zu merken.

Ich ging am Ententeich vorbei. Schon vor Jahren wurde er trockengelegt. Er wirkte irgendwie traurig, weil er seiner Bestimmung nicht nachkommen konnte. Herrje – ich werde schon rührselig, obwohl ich noch gar nicht ernsthaft mit dem Trinken angefangen habe. Nachher fang ich noch an, über melancholische Bäume oder depressive Mülleimer zu faseln.

Ich ging zu dem Häuschen, kletterte hoch und setzte mich rein. Der Boden war gar nicht so schmutzig, was mich freute. Nicht, dass es wichtig gewesen wäre.

Ich nahm das Messer aus meiner Tasche.

Starrte auf die Klinge und erinnerte mich.

Jedes Detail jenes Abends stach mir ins Herz.

Und jeder Grund, aus dem ich nicht mehr leben wollte, drehte das Messer – fester.

Ich öffnete die Flasche und trank.

Trank mehr.

Schloss die Augen.

Atmete tief ein.

War bereit.

Schnitt.

* * *

Und dann hörte ich etwas. Ein knarzendes, quietschendes Geräusch. Zu laut. Scheiße. Da ist jemand.

Ich spähte aus dem Fenster des Häuschens und sah ihn. Auf der Schaukel. Vor und zurück, vor und zurück, so hoch er konnte, ganz wie ich früher.

Verdammt. Ich kann es wohl schlecht jetzt machen, oder? Ich muss zusehen, dass er verschwindet. Mich in Ruhe lässt. Also steckte ich das Messer wieder in die Tasche, griff mir die Flasche und kletterte aus dem Häuschen.

Wär ich doch bloß sitzengeblieben und hätte gewartet, dass er weggeht.

Er sah mir dabei zu, wie ich auf ihn zu wankte. Als ich nah genug war, um ihn mir genau anzusehen … na, das muss ich nicht noch mal ausbreiten. Bestimmt gibt es schlimmere Arten, seine letzten Minuten im Leben zu verbringen. Red ein bisschen mit ihm. Er wird schon irgendwann gehen. Er hielt die Schaukel an, als ich näher kam. Er beobachtete mich, und ich beobachtete ihn. Ich setzte mich auf die andere Schaukel und sagte Hallo. Irgendwas war mit der Art, wie er mich ansah. Ich wusste nicht genau, was es war. Jetzt denke ich, dass ich es weiß – ich glaube, er hat mich erkannt.

Und was noch schräger ist, ich glaube, ich habe ihn erkannt.

Aber das ist unmöglich.

Tag 6

Tag 6? Wie ist das passiert? Gestern bin ich im Bett geblieben. Entweder hab ich geheult oder geschrien (und manchmal auch beides gleichzeitig). Es war furchtbar. Als Ethan zum ersten Mal reinkam, blieb ich unter der Decke. Ich konnte es nicht ertragen, ihn anzusehen. Als er wiederkam, um das Essenstablett zu holen, hab ich gebettelt. Es ist so wahnsinnig peinlich – was ich gesagt habe, wie ich versucht habe, mit ihm zu verhandeln, was ich ihm angeboten habe. Aber die meiste Zeit habe ich ihn gefragt: Warum? Er lehnte mit dem Rücken an der Tür und sagte eine Ewigkeit nichts. Ich wollte mir seine blöden Ohren greifen und seinen blöden Kopf gegen die Tür knallen, bis sein blödes Gehirn rausplatzte. Aber ich tat nichts.

Oh, ich habe schon darüber nachgedacht, ihn zu überwältigen. Ich habe oft darüber nachgedacht. Und sogar ein paar dämliche Pläne ausgebrütet. Der Hinter-der-Tür-mit-einer-Vase-auflauern-Klassiker war mein absoluter Favorit. Das einzige Problem dabei: Ich habe keine Vase. Und irgendwie glaube ich nicht, dass ein Kissen besonders hilfreich sein würde. Aber ich könnte es wenigstens versuchen. Ihm in die Eier treten, einen Finger ins Auge bohren, ein paar Bruce-Lee-mäßige Moves hinlegen (nicht, dass ich irgendwelche Bruce-Lee-mäßigen Moves draufhätte, aber man könnte ja improvisieren). Ich habe keine Ahnung, warum ich bis jetzt nichts in der Art versucht habe. Vielleicht hat er mich mit einer Art Voodoo-Zauber gefügig gemacht. Ja, das muss es sein.

Also, wo war ich? Ah genau. Bei dem total entwürdigenden Betteln und Schniefen und Nach-dem-Warum-Fragen. Er hörte zu und sah mich mit diesen rauchigdüstersexy Augen an. Er wirkte bekümmert. Als täte ich ihm tatsächlich leid. Als würde es ihm wirklich was bedeuten. Ich kapier’s nicht. Wie kann er mich so ansehen und mir das TROTZDEM antun? Wenn er will, dass ich weniger jammere/bettle, dann sollte er mich VERDAMMT NOCH MAL GEHEN LASSEN, ODER?

Als ich schließlich als ein weinendes Häufchen Elend auf dem Boden lag, sagte er leise: »Grace, es muss sein. Du kannst nichts dagegen tun. Es tut mir leid.« Er drehte sich um und öffnete die Tür, und mit einem letzten, absolut nervenden »Es tut mir leid« verschwand er. Ich hämmerte mit den Fäusten an die Tür, bis meine Hände ganz rot und geschwollen waren, und schrie: »ES MUSS NICHT SEIN! WENN DU MICH GEHEN LÄSST, SAGE ICH NIEMANDEM WAS DAVON! VERSPROCHEN! ETHAN? ETHAN! KOMM ZURÜCK … BITTE, ETHAN, KOMM ZURÜCK!« Wieder und wieder und wieder. Irgendwann ließ ich mich an der Tür hinabgleiten und lehnte mich mit dem Rücken dagegen – noch verzweifelter als zuvor.

Gestern war also richtig scheiße. Heute ist es besser, aber nicht viel. Zum einen tun mir die Hände schweineweh. Sich die Hände zu Brei zu schlagen ist nicht unbedingt die beste Idee, wenn die einzige Beschäftigung, die man hat, SCHREIBEN ist. Dumme Kuh.

Bevor ich wieder zur Tragischen Geschichte von Grace Carlyles eigentlich letzter Nacht auf Erden komme, könnte ich ja mal mein Zimmer/Verlies/Sonst was beschreiben. Es ist wirklich ganz hübsch.

Mein Zimmer / Verlies / Sonst was – sieben Punkte

  1. Es ist fast doppelt so groß wie mein Zimmer zu Hause. Die Wände, die Decke und der Boden sind so weiß, wie sie nur sein können. Es riecht auch frisch gestrichen.
  2. Das Bad. Wieder weiß. Toilette, Waschbecken, Dusche. Zwei weiße Handtücher (die Ethan jeden Tag mitnimmt und gegen neue, alpenfrische austauscht). Unter dem Waschbecken sind sogar Putzmittel, aber da liegt er falsch, wenn er glaubt, dass ich die benutze. Das ist ja wohl die beste Gelegenheit für ein Mädchen, sich ohne Konsequenzen um die Hausarbeit zu drücken!
  3. Das Fenster. Ja, das Fenster – das mag ich am wenigsten. Es ist verbarrikadiert (mit weißen Brettern natürlich). Leider hat Ethan ganze Arbeit geleistet. Selbst, wenn ich mich höchst dekorativ an die Wand presse, kann ich nur durch eine winzige Ritze in der unteren linken Ecke etwas Licht sehen. Man verliert schnell das Gefühl dafür, wann Tag und wann Nacht ist, aber ich geb mir die größte Mühe.
  4. Das Bett. Wieder weiß (erkennt man da etwa ein Muster? Vielleicht hat Ethan irgendeinen Komplex oder so was? Reinheit. Unschuld. Jungfräulichkeit? Sorry, du hast die Falsche erwischt). Zwei weiße Kissen, eine weiße Decke, weißes Laken.
  5. Tisch und Stuhl (weiß und weißer). Mitten im Zimmer, mit Blick auf die Tür. Papier und Stifte lagen auf dem Tisch, als ich am ersten Tag aufwachte. Es sind siebenundvierzig Stifte. Kugelschreiber. Mir wären Bleistifte lieber gewesen, aber in der Not frisst der Teufel dann ja wohl Fliegen und so was. Und wenn der Teufel keine Not hätte, würde er sich auch einen etwas bequemeren Stuhl organisieren. Mein Hintern ist taub. Jedenfalls sind hier auch drei riesige Haufen (Berge!) Papier.
  6. Das Licht. Eine nackte Birne hängt an der Decke, gleich über dem Tisch. Um ehrlich zu sein, kann sie mit dem Rest der Einrichtung nicht mithalten.
  7. Die Tür. Na ja, durch sie kommt man rein oder geht raus, aber da kann ich nicht mitreden. Sie hat kein Schlüsselloch. Es hört sich aber an, als wären auf der anderen Seite zwei Riegel. Scheint eine sehr stabile Tür zu sein.

* * *

Zeit für ein Nickerchen.

* * *

Gerade aufgewacht. Ich dachte, ich wäre zu Hause in meinem Bett. Und dann Bruchlandung auf dem Planeten Erde mit einem mächtigen Bauchplatscher. Das schlimmste aller Gefühle.

Dass ich nicht weiß, was los ist, macht mich wirklich fertig. Ich will damit nicht sagen, dass es besser wäre, wenn Ethan mir etwas angetan hätte oder so was, aber dann hätte ich zumindest eine Vorstellung, womit ich es hier zu tun habe. Dann könnte ich mich wenigstens gegen einen perversen Vergewaltiger wehren. Ich kann mich nicht gegen Ethan wehren …

* * *

Ich saß also auf der Schaukel neben diesem Typen und sagte Hallo. Und er sah mich auf seine seltsame Art an. Ich sagte noch mal Hallo. Er flüsterte ein heiseres Hallo, dann räusperte er sich und sagte es noch mal lauter. Das erinnerte mich an die Vormittage nach einer durchsoffenen Nacht. Wenn ich rumhänge und Kinderfernsehen schaue in so einer Art vernebeltem, nachalkoholischem Stumpfsinn, und dann klingelt das Telefon, und ich merke, dass ich nicht vernünftig sprechen kann, weil ich seit zwölf Stunden oder so kein Wort gesagt habe.

Ich stellte mich vor und streckte ihm meine Hand hin. Er sah sie an, als wüsste er nicht genau, was er damit machen sollte, und gerade, als ich sie zurückziehen wollte, nahm er sie und schüttelte sie. Seine Hand war weich und stark, sein Händedruck fest. Ich hab es vorher vergessen zu erwähnen, aber Ethan hat auch perfekte Hände. So als könnte er wahnsinnig toll Klavierspielen. Gott, alles an ihm ist wunderschön. Es kotzt einen echt an.

Er sagte, er heiße Ethan, und ich staunte. Mum hatte mir mal erzählt, dass sie mich Ethan genannt hätte, wenn ich ein Junge geworden wäre. Ich hatte noch nie einen Ethan kennengelernt.

Ich fragte ihn, ob er einen Schluck von meinem Gin wollte. Er schüttelte langsam den Kopf und sah mich ganz seltsam an. Legte den Kopf schief und warf mir einen fragenden Blick zu, als wollte er sagen: »Sicher, dass du das trinken solltest?« Da er es aber nicht laut sagte, fand ich, dass ich absolut jedes Recht hatte, es zu ignorieren. Ich trank ein paar Schlucke. Es fing an, ganz gut zu schmecken.

Bis jetzt konnte man die Unterhaltung nicht wirklich flüssig nennen, aber das sollte mich nicht aufhalten. Ich fragte ihn, woher er kam, worauf er sagte: »Aus der Gegend.« (Dieses jedem-der-genau-zuhört-und-dem-es-nicht-egal-ist-ob-er-lebt-oder-stirbt-verdächtige »aus der Gegend«.) Jedenfalls fing ich an, über alles und nichts zu plappern: den Park, den nervenden Typen im Off-Licence, das Wetter (ja, das Wetter, glaubt man’s denn!). Dann ging ich zu anderen Dingen über. Richtigen Dingen. Und irgendwann vergaß ich, dass ich ihn eigentlich loswerden wollte. Ich trank mehr, und es stellte sich dieses ach so bekannte Gefühl ein, dass die Wörter, die ich sagen wollte, ein ganz kleines bisschen zu groß für meine Zunge waren und ich mich SEHR DEUT-LICH AUS-DRÜ-CKEN MUSS-TE.

Ethan schien meine Laberattacke nicht zu stören. Hin und wieder lächelte er mich an oder fragte nach.

Ehrlich gesagt stellte er eine Menge Fragen. Aber immer, wenn ich ihn etwas fragte, wich er sauber aus. Entweder, indem er auf Meister der vagen Antwort machte, oder indem er mir dieselbe Frage gleich zurückgab. Das ist geschummelt.

Ich war ihm gegenüber gar nicht misstrauisch. Ich fühlte mich sogar seltsam sicher. Ich war nicht wirklich fröhlich. Schließlich hatte ich immer noch vor, mich umzubringen. Wie fröhlich kann man in so einer Situation sein? Es ist nur so, dass ich das Gefühl hatte, mit Ethan zu reden sei die richtige Art, die Zeit zu verbringen, die mir noch blieb. Und ich dachte auch, wir hätten etwas gemeinsam. Uff. Geschrieben sieht das noch dämlicher aus, als es sich in meinem Kopf angehört hat.

Also, kommen wir zum Hauptereignis, an das ich mich erstaunlich gut erinnere. Die Zeit verging, der Gin wurde immer weniger, und in meinem Kopf verschwamm alles – und zwar nicht nur ein bisschen. Mir wurde klar, dass ich Ethan küssen wollte. Der Gedanke, dass Nat der letzte Junge war, den ich je geküsst hatte, gefiel mir nicht besonders. Ich wusste, dass es früher oder später dazu kommen würde. Es war nur eine Frage des Timings …

Wir saßen schon eine Weile da, ohne zu reden (es war eine nette, freundliche Stille, dachte ich mir), als ich schließlich mit meiner Schaukel näher an seine rückte. Ethan drehte sich so, dass unsere Gesichter ganz nah waren. Er sah mich durch die Haarsträhne an, die vor seine Augen fiel. Ich berührte sanft die Narbe über seinen Lippen und fragte ihn, wo er sie herhatte. Er zuckte die Schultern. Und dann küsste ich ihn. Er schien vollkommen überrascht – nicht, dass ich meine Absichten irgendwie verborgen hätte. Seine Lippen waren warm und weich und wohlig. Aber er küsste mich nicht wirklich zurück.

Ich fragte ihn, was los sei, und er zuckte die Schultern. Wieder. »Ich glaube nicht, dass das so eine gute Idee ist. Tut mir leid.« Autsch.

Ich tat, was alle Mädchen mit Selbstachtung im Angesicht einer solchen Zurückweisung tun würden: Ich fing an zu weinen. Jämmerlich. Aber woher sollte ich denn auch wissen, dass ich gerade versuchte, einen Typen abzuschleppen, der vorhatte, mich zu entführen?

Ethan legte den Arm um mich und machte tröstende »Schsch, nicht weinen«-Geräusche. Ich war höllisch verwirrt und betrunken und erinnerte mich vermutlich gerade wieder an Da-war-doch-noch-was-das-ich-heut-Nacht-dringend-erledigen-muss-also-mach-ich-mal-besser-wenn’s-recht-ist.

Und dann kotzte ich ihm auf sein Hemd.

* * *

Also, über diese Nacht gibt es nicht wirklich sehr viel mehr zu sagen. Nach der Kotzerei war alles nur noch sehr viel verschwommener. Ich erinnere mich aber, dass Ethan nicht so reagierte, wie ich es getan hätte, wenn mich irgendjemand vollgekotzt hätte. Ich entschuldigte mich wie blöde (und weinte immer noch, glaube ich), und er zog einfach sein Hemd aus und stopfte es in den Abfalleimer hinter den Schaukeln. Er sagte so was wie »Wir müssen los« und hielt mir seine Hand hin. Ich murmelte wohl, dass ich im Park bleiben wollte, aber es ging mir so hundeelend, dass ich mich von der Schaukel holen und wegbringen ließ. Ich erinnere mich, seinen Van gesehen zu haben. Ich erinnere mich daran, dass er sich über mich beugte, um mich anzuschnallen. Und dann … nicht mehr viel. Ich glaube mich zu erinnern, dass wir zu mir nach Hause unterwegs waren. Verdammter Gin – ganz schlechte Idee war das. Alles, was ich dann noch weiß, ist, dass ich eingeschlafen sein muss. Und hier bin ich aufgewacht.

Tag 7

Nichts Neues. Nichts.

Tag 8

Heute ist düster.

Tag 9

Einszweidreivierfünfsechssiebenachtneun.

Tag 10

Ready to write’n’roll. Die letzten paar Tage waren ziemlich scheiße. Es gibt nicht viel zu erzählen. Ich bin viel auf- und abgegangen. Es macht mich verrückt, dass ich keine richtige Bewegung habe. Ich brauche Platz. Oder wenigstens ein Laufband. Ethan hat das Bettzeug gewaschen und meinen Operationskittel gegen neue Kleidung eingetauscht – jetzt habe ich die Wahl zwischen zwei Paar leuchtend weißen Pyjamas. Könnte ein Fortschritt sein.

Er hat in den letzten vier Tagen kaum mit mir gesprochen. So gut wie jedes Mal, wenn er zu mir reinkam, lag ich im Bett. Oft schaut er hoffnungsvoll zum Tisch rüber und scheint enttäuscht (ernüchtert?), dass ich nicht dort sitze und fröhlich vor mich hin schreibe. Wenn er jetzt reinkommt und mich sieht, ist er bestimmt glücklich. Ich will nicht, dass das passiert. Manchmal schaue ich ihn böse an, nur um ihn dazu zu bringen, etwas zu sagen. Und manchmal sieht es so aus, als wollte er etwas sagen, aber dann überlegt er es sich anders. Was will er?!

Je länger das hier läuft, ohne dass irgendwas passiert, desto verwirrter bin ich. Ich habe gar keine richtige Angst mehr. Vielleicht kann man nur eine bestimmte Zeit lang ein gewisses Maß an Angst aufrechterhalten, bevor es zu anstrengend wird.

Ich bin seit zehn Tagen hier. Ich frage mich, wie es Mum geht. Wahrscheinlich ist sie am Durchdrehen. Gibt sich vielleicht ein bisschen Frustshoppen, um sich von ihrem Trauma abzulenken. Oder sitzt neben einer Polizistin auf dem Sofa, wie jemand aus einem Fernsehfilm. Führt sich auf wie eine gute Mutter – eine, die sich sorgt. Ich frage mich, ob die Polizei noch nach mir sucht. Vielleicht haben sie schon aufgegeben. Vielleicht kann man auch nur eine bestimmte Zeit lang ein gewisses Maß an Hoffnung aufrechterhalten.

Ich denke dauernd an Sal. Fühlt sie sich schlecht? Fühlt sie irgendwas? Krümmen und winden sich ihre Eingeweide vor Scham und Schuld?

Sal. Ich weiß nicht mal, wo ich anfangen soll. Vielleicht am Anfang, das erscheint mir so gut wie alles andere. Sie zog mit ihren Eltern und ihrem nervigen kleinen Bruder von Edinburgh hierher. Bevor Sal kam, war ich irgendwie mit diesen Mädchen an der Schule befreundet – die, die sich für was Besseres halten. Aber ich war immer mehr so am Rand, mit keiner richtig eng. Ich dachte nie, dass mir was entgeht, wenn ich keine wirkliche echte beste Freundin habe.

Als ich sie zum ersten Mal sah, wusste ich, dass wir Freundinnen werden würden. Ich wusste es einfach. Sie saß in der Ecke des Gemeinschaftsraums und kritzelte wie wild in einem Notizbuch herum. Nichts von dieser gehemmten Ich-bin-die-Neue-Ausstrahlung. Sie hatte tolles Haar und schöne Klamotten. Ich bin nicht oberflächlich, aber diese Sachen helfen, wenn man sich entscheiden muss, ob man sich bei jemandem Mühe geben will oder nicht. Okay, ich bin wohl oberflächlich. Aber alle anderen auch.

Ich ließ mich auf den Platz neben ihr fallen und fragte sie, was sie da schrieb. Sie schrieb eine Geschichte. Wir hatten etwas gemeinsam – wir beide schrieben gerne. Und so fingen wir an zu reden. Ich hatte vorher noch nie mit jemandem über das Schreiben geredet. Englischlehrer zählen nicht. Von da an hingen Sal und ich immer mehr miteinander rum. In den Mittagspausen, in den anderen Pausen, in den Freistunden. Jeden Tag schienen wir ein bisschen mehr Zeit miteinander zu verbringen, bis ich kaum noch mit anderen sprach. Ich hing nicht mehr mit den üblichen Leuten rum, und die merkten es nicht mal wirklich.

Als wir uns ungefähr einen Monat kannten, war ich bereit für den nächsten Schritt. Dieser Schritt von »jemanden nur in der Schule sehen« zu »jemanden in deiner Freizeit treffen« ist eine große Sache. Aber ich war so weit. An einem Freitag, an dem meine Mutter in London jemanden besuchte, lud ich Sal zu mir nach Hause ein.

Wir bestellten Pizza und hingen auf dem Sofa ab. Ich erfuhr noch etwas mehr über sie: Peperoni war ihre Lieblingspizza. Wir beide fanden, dass soziale Netzwerke für Verlierer sind. Sie wollte später Rechtsanwältin oder Schriftstellerin oder Meeresbiologin oder der Star in einem West-End-Musical werden. Sie war total verknallt in Chris, einen Jungen aus ihrer alten Schule, aber sie hatte nie etwas in seine Richtung unternommen, und er hatte keine Ahnung davon, und jetzt war es zu spät, weil er über dreihundert Kilometer weit weg wohnte. Seufz.

Unterm Strich war ich mehr als nur ein bisschen aufgeregt (heimlich, versteht sich), dass ich eine neue beste Freundin hatte. Nicht, dass ich eine alte gehabt hätte, die sie ersetzen konnte. Sal tat mir gut. Sie war immer so fröhlich, und das nicht auf eine nervige Art. Genau das richtige Maß an Gutdrauf. Sie war so verdammt optimistisch allem gegenüber. Immer überzeugt, dass morgen alles besser sein würde als heute. So sicher, dass wir beide bekommen würden, was wir wollten. Ich hätte wissen müssen, dass das nicht möglich war.

Sal und ich wurden so ziemlich unzertrennlich. Ich wohnte an den Wochenenden praktisch bei ihr zu Hause. Mum schien das nicht zu stören. Ich glaube, es passte uns beiden gut: Sie konnte so tun, als hätte sie weder Kinder noch Sorgen, und ich konnte so tun, als hätte ich eine Mutter, die mich tatsächlich mochte. Und auch einen Vater, der Vollständigkeit halber.

Einen Abend vor Weihnachten übernachtete ich bei Sal (chinesisches Essen, Wein, Skins – Hautnah auf DVD). Wir machten uns bettfertig, putzten die Zähne vorm Badezimmerspiegel. Ich griff an Sal vorbei nach einem Handtuch. Sie schnappte sich mein Handgelenk und fragte: »Was ist das?«

Mein Magen machte diese fürchterliche Schwenkbewegung, wie eine Waschmaschine, wenn ein Zyklus anfängt. Umständlich spuckte ich einen Mundvoll zahnpastigen Schaum aus und dachte angestrengt nach. Ich weiß nicht, warum ich überrascht war. Schließlich waren die Narben nicht unsichtbar oder so was. Ich versuchte, es runterzuspielen – ach, das ist nichts, nur ein paar Kratzer, da war ich noch ein Kind … von der Katze meiner Oma?

Es fiel mir schwer, sie anzusehen. Noch schwerer, mich anzusehen. Sie nahm mein Kinn in die Hand und drehte meinen Kopf so, dass ich ihr in die Augen sehen musste. »Grace, du weißt, dass du mir alles sagen kannst. Du bist meine beste Freundin.« Ich hatte noch nie eine beste Freundin gehabt. Keine andere Wahl, als die Wahrheit zu sagen. Ich folgte Sal in ihr Zimmer, setzte mich auf das Bett und erzählte.

Ich war gerade fünfzehn geworden, als ich mich zum ersten Mal ritzte. Ich saß in meinem Zimmer und schrieb an einem Aufsatz. Wie üblich dröhnte Musik. Es war ein ziemlich normaler Abend. Nicht depressiver als an anderen Tagen. Die Sache ist die: Ich war nie glücklich, nicht wirklich. Schleppte mich so von Tag zu Tag, blieb dabei immer in einem seltsamen Zustand des Nichtsfühlens. Was nicht bedeutet, dass ich nicht auch manchmal glücklich war. Natürlich war ich das. Aber es waren nur flüchtige Momente, die längst vorbeigezogen waren, bevor ich sie richtig zu schätzen wusste.

Ich sah mich nach etwas um, das mich von meinem Aufsatz ablenkte. Ich zeichnete meine Hand nach und malte die Fingernägel mit einem roten Kugelschreiber aus. Ich öffnete die Schreibtischschublade und wühlte ein wenig darin herum. Ich fand Dads Schweizer Messer. Ich klappte alles aus und fand eine Pinzette, von der ich gar nicht gewusst hatte, dass sie da war. Als Letztes öffnete ich das große Messer. Scharf und glänzend und seltsam anziehend auf eine Art, die ich nicht ganz verstand.

Ich drückte die Klinge leicht gegen meinen Daumen – nicht so fest, dass es blutete. Huh. Unbefriedigend.

Ich zog die Klinge über meinen Unterarm – fest. Für den Bruchteil einer Sekunde sah es aus, als hätte sich nicht wirklich was getan. Da war nur eine Eindellung in der Haut. Aber dann quoll das Blut richtig schnell heraus. Es war so rot. Und da war so viel davon. Besser. Viel besser.

Es war faszinierend. Ich hielt meinen Arm hoch und sah zu, wie das Blut tropf tropf topf in meine Armbeuge lief. Ein oder zwei Tropfen zerplatzten auf dem Schreibtisch. Ich fühlte mich seltsam und schwummrig – vor allem aber gut.

Etwas Schmerz. Aber ein guter Schmerz, ein klarer Schmerz.

An diesem Abend ritzte ich mich nur einmal. Keiner bemerkte es. Ich renne ja auch nicht rum und halte jedem meine Arme zur Inspektion unter die Nase.

Nach diesem Abend ritzte ich öfter. Ich häufte eine ziemlich gute Sammlung an Narben an.

Ich wurde besser darin, die richtigen Stellen zum Ritzen zu finden, die zornigen roten Schnitte vor der Welt zu verstecken. Ich hätte wirklich nicht gedacht, dass ich Narben behalte. Hätte ich wirklich nicht gedacht.

Für mich sind die Narben offensichtlich. Sie treten hervor, als würden sie schreien: »Schaut sie euch an! Seht, was diese Verrückte sich antut!«

Obwohl es mehr ein Flüstern ist für jeden, der zuhört.

Sal hörte zu.

Sie saß mir gegenüber mit gekreuzten Beinen wie eine Siebenjährige bei der Schulversammlung. Ich wusste, dass sie mich mit einer Mischung aus Sorge, Mitleid und vielleicht noch etwas anderem (Horror?) ansah. Aber ich schaute sie nicht an, um das zu überprüfen. Konzentrierte mich nur richtig richtig fest auf die Bettdecke. Roter Streifen, weißer Streifen, roter Streifen, weißer Streifen. Rot. Weiß. Rot.

Als ich mit meinen unzulänglichen Erklärungen fertig war und Sals Fragen beantwortet hatte (genauso unzulänglich), nahm sie meinen Arm in ihre Hände und sah ihn sich an. Sah ihn sich wirklich an. Mein Unterarm war dem grellen Oberlicht ausgesetzt. Die Narben schienen noch mehr herauszustechen als je zuvor. Sie berührte sie mit ihren Fingerspitzen und murmelte: »Was hast du dir nur angetan?«

Ich fand keine Worte. Nicht mal einen klugscheißerischen Witz. Es kamen nur Tränen.

Ich weinte mehr, als ich jemals vor einem echten, lebenden Menschen geweint hatte. Sal umarmte mich und streichelte mir übers Haar und sagte, alles würde gut werden. Ich weinte, bis mein Gesicht unglaublich rotfleckig und verquollen war und ich einschlief.

Als ich aufwachte, war es dunkel. Sal lag hellwach neben mir. Ich entschuldigte mich dafür, so eine Szene gemacht zu haben und versuchte, das Ganze runterzuspielen. Ich schämte mich fürchterlich. Normalerweise verliere ich nie so die Kontrolle.

Sal stützte sich mit dem Ellenbogen auf und sah mich richtig ernst an. »Ich denke, du brauchst Hilfe, Grace«, flüsterte sie. Ich fand die Idee echten Horror. Wir diskutierten eine Weile herum, bis sie merkte, dass sie bei mir nicht weiterkam.

Sie brachte mich dazu, ihr zu versprechen, dass ich a) es nicht mehr tun würde und b) sie anrufen würde, sobald ich das Gefühl hatte, es wieder tun zu wollen. Sie sagte, sie wäre jederzeit für mich da, Tag und Nacht.

Ich glaubte wirklich, dass a) und b) absolut möglich waren.

Irgendwie war ich froh, dass ich es ihr gesagt hatte. Es tat gut, dieses Geheimnis zu teilen. Aber ich fühlte mich dumm und jämmerlich und schämte mich gleichzeitig.

Sal und ich waren uns an diesem Abend so nah wie nie gekommen. Mein dreckiges kleines Geheimnis schweißte uns zusammen. Das war vor gut neun Monaten.

* * *

Ethan ist gerade gegangen.

Er kam, als ich heulend am Tisch saß. Er brachte mein Tablett rüber und sammelte das Papier ein und legte es auf den Boden. Er legte mir ganz sachte seine Hand auf die Schulter, und dort blieb sie, während ich weinte. Als keine Tränen mehr kamen, nahm ich die Gabel und fing an zu essen. Ich schaffte nur ein paar Bissen. Ich musste mit Cola nachspülen, um nicht daran zu ersticken. Ethan saß auf meinem Bett und betrachtete mich.

»Wie geht es dir?«, fragte er.

»Warum machst du das mit mir?«

»Du musst essen. Dann geht’s dir besser.«

»Warum machst du das mit mir?«

»Grace …« Er sah mich beschwörend an.

»Ich will dich hier nicht. Geh bitte.«

Er ging.

Tag 11

Gestern Nacht träumte ich von Sal. Keine wirkliche Überraschung.

Sie war hier bei mir, und wir saßen uns am Tisch gegenüber. Ethan lehnte an der Wand und beobachtete uns. Sal und ich sprachen über etwas Wichtiges, und Ethan wiederholte jedes einzelne Wort, das ich sagte. Es ging mir auf die Nerven, und ich sagte ihm, er solle gehen. Und schon war Ethan weg. An seiner Stelle erschien Nat. Ein selbstzufriedener Nat, der zu viel grinste. Sal war genervt und schickte ihn weg. Ich lächelte Sal an und griff nach ihrer Hand, aber sie verwandelte sich in Ethan und sagte: »Ich denke, wir sind ein Stück weitergekommen, Grace.« Dann wachte ich auf und wünschte mir, Traummenschen wären wenigstens so höflich, dieselben Traummenschen zu bleiben und nicht so verwirrend zu sein.

Ich denke, ich mache einfach da weiter, wo ich gestern aufgehört habe, um den gesamten Lebenszyklus dieser Freundschaft darzustellen. Nachdem ich Sal vom Ritzen erzählt hatte, lief alles eine Zeit lang ganz gut. Aber ich bemerkte, dass sie mich anders ansah als früher. Es war, als würde sie ständig versuchen, meine Stimmung einzuschätzen. Wenn ich zum Beispiel mal wieder grundlos eine meiner Launen hatte (was nicht gerade selten vorkam), legte sie den Kopf schief und sah mich nachdenklich an. Ich konnte praktisch hören, wie sie sich fragte, ob ich mich ritzen würde. Sal dachte bestimmt, sie wäre total unauffällig, aber ich erwischte sie oft genug, wie sie nach neuen Schnitten Ausschau hielt (und nie welche entdeckte). Es machte mir gar nicht so viel aus. Sie verhielt sich genau so, wie sich eine beste Freundin verhalten sollte. Es war schön.

Ab und zu versuchte sie, mich zum Reden zu bringen – warum ich es tat. Ich hörte mir ihre Theorien an und wechselte dann das Thema. Warum muss denn alles einen Grund haben? Manche Dinge sind einfach so.

Unsere Freundschaft schien wohl etwas in Schieflage geraten zu sein: Ich ganz selbstmitleidig und Sal die meiste Zeit damit beschäftigt, nach mir zu sehen. Sie kümmerte sich wirklich oft genug um mich, wenn ich mal wieder das Klo von einem miesen Club vollkotzte. Und sie blickte auf eine nette Reihe an Rettungsaktionen, wenn ich dabei war, etwas zu tun, das ich wahrscheinlich bereuen würde, mit jemandem, den ich garantiert bereuen würde.

Ich fühlte mich nicht wirklich toll in der Rolle der jämmerlichen hilfsbedürftigen Freundin, aber Sal schien sich um mich kümmern zu wollen. Und vielleicht brauchte ich es, dass sich jemand um mich kümmerte.

Alles veränderte sich vor ein paar Monaten.

Ich war in Glasgow, um über Ostern meine Großmutter zu besuchen. Ich hatte eine echt gute Zeit: ein bisschen Shopping, eine Menge Lesen, nette lange Gespräche bei einer guten Tasse Tee. (Es war immer eine gute Tasse Tee, nie eine normale.) Ich kam mit richtig guter Laune und ein paar Geschenken aus Sals Heimat zurück: einem knuffigen Loch-Ness-Monster und einer schottischen Dudelsackpuppe mit total gruselig starren Augen.

Die Sal, die ich vorfand, war nicht die Immer-optimistische-kleine-Sonnenschein-Sal, von der ich weggefahren war. Oh, es war nicht gleich offensichtlich. Sie lachte über meine Geschenke und hörte sich ganz interessiert meine spannenden Urlaubsgeschichten an. Aber irgendwas war anders – ich wusste es. Es war kaum wahrnehmbar, so wie wenn man die Bildeinstellungen am Fernseher verändert hat. Sie war irgendwie dumpfer, blasser. Sie schien nicht traurig oder deprimiert oder besorgt oder irgendwas zu sein, was man benennen konnte. Sie war nur nicht mehr Sal.

Ich fragte sie fast sofort, was los sei, als wir uns wiedersahen, aber sie versicherte mir, alles sei okay. Ich wusste, dass sie nicht die Wahrheit sagte, also bohrte ich weiter, bis ich merkte, dass sie genervt war. Ich dachte mir, sie würde es mir schon erzählen, wenn sie so weit wäre. Ich wusste nicht, wie lange ich darauf warten musste.

In den nächsten Wochen lief alles mehr oder weniger normal. Sal gab sich richtig große Mühe, die normale, gut gelaunte Sal zu geben, aber ich kaufte es ihr nicht ab. Niemand sonst schien zu bemerken, dass etwas nicht stimmte. Ihre Eltern waren viel zu beschäftigt damit, sich um Cam zu kümmern, der in der Schule gemobbt wurde. Und jeder in unserer Schule hatte zu viel mit sich selbst zu tun, wie üblich.

Gut ein Monat verging, und ich beobachtete Sal genau, um Hinweise zu finden. Es schien immer schlimmer zu werden. Ich bemerkte, dass sie lustlos ihr Mittagessen auf dem Teller herumschob – was gar nicht ihre Art war. Und sie schien Gewicht zu verlieren. Aber sie tat immer noch so, als wäre alles in Ordnung.

Mein tägliches »Hi, wie geht’s?« hatte nun eine tiefere Bedeutung: »Hi, wie geht es dir wirklich?« Aber Sal biss nicht an. Sie wurde immer distanzierter. Es war, als würde sie sich aus unserer Freundschaft zurückziehen. Es war entsetzlich.

Am Donnerstagnachmittag vor unseren Prüfungen streiften Sal und ich durch den Park. Wir wollten zu mir, um noch für Englisch zu lernen. Nicht, dass wir etwas hätten tun müssen, aber es sollte wenigstens so aussehen, als gäben wir uns Mühe.

Es war ein wundervoller Morgen gewesen, so ein Vogelgezwitscher-Drauflossingenwollen-Fünfzigerjahre-Film-Morgen. Aber kaum hatten wir die Schule verlassen, türmten sich schwere schwarze Wolken am Himmel auf, aus denen schließlich blödsinnig heftige Regensturzbäche herausbrachen, als wir gerade durch das Tor zum Park gingen.

Wir standen nur da, sahen uns an und kicherten. Nach ungefähr einer Minute sahen wir aus, als hätten wir in unserer Kleidung geduscht. Ich packte Sals Arm und rannte zu einer riesigen alten Eiche bei den Schaukeln. Wir saßen mit dem Rücken gegen den Baumstamm, lachten und bibberten und sahen Müttern zu, die hektisch versuchten, wasserdichte Hauben auf Kinderwagen zu befestigen. Bald waren wir die Einzigen im Park. Der Regen trommelte immer weiter.

Wir blieben eine Weile sitzen und ließen uns von der Vorstellung, die der Regen nur für uns gab, hypnotisieren. Sal drehte sich zu mir und sah mich an, als versuchte sie, meine Gedanken zu lesen – oder vielleicht versuchte sie, etwas in ihrem Kopf abzuwägen.

O-oh, jetzt kommt’s. Mir wurde schlecht. Ich bekam Angst.

»Ich muss dir was sagen.«

Wollen Sie wissen, wie es weiter geht?

Hier können Sie "vergissdeinnicht" sofort kaufen und weiterlesen:

Amazon

Apple iBookstore

ebook.de

Thalia

Weltbild

Viel Spaß!



Kaufen






Teilen