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… und plötzlich lächelt das Leben!

Patricia Kay

… und plötzlich lächelt das Leben!

1. KAPITEL

Chloe Patterson musste unentwegt lächeln, während sie Make-up auflegte. Fast hätte sie sich in den Arm gezwickt – nur um sicherzugehen, dass sie nicht träumte, was in den vergangenen sechs Monaten passiert war. Erst hatte sie sich mit Todd Hopewell verlobt, einem der begehrtesten Junggesellen von Riverton in New York. Und dann gab es diese unglaubliche Neuigkeit, die erst vor wenigen Tagen bestätigt worden war.

Aber weder das eine noch das andere war ein Traum. Auch der Zweikaräter an ihrem linken Ringfinger war sehr real. Sie hielt die Hand in die Strahlen der späten Nachmittagssonne und betrachtete fasziniert das funkelnde Feuer der Farben.

Aufgeregt und glücklich war sie. Das Leben war schön, wunderschön! Es gab so viel, worauf sie sich freuen konnte. Vor ihr lagen nur noch helle und fröhliche Tage – dunkle Zeiten gehörten endgültig der Vergangenheit an.

Beim Gedanken, ihren Verlobten wiederzusehen, durchfuhr sie ein Wonneschauer. Einen Monat war sie von Todd getrennt gewesen – viel zu lang, überlegte sie, zumal die Hochzeit in weniger als sechs Wochen stattfinden sollte. Er hatte sich bestimmt auch nach ihr gesehnt. Dass er seit einiger Zeit ein wenig distanzierter wirkte und sich während seines Aufenthalts in Kalifornien kaum bei ihr gemeldet hatte, musste nichts bedeuten.

Er vernachlässigte sie ja nicht absichtlich. Er hatte einfach zu viel zu tun! Sie wusste, wie wichtig der Auftrag in San Francisco war – für sie beide und ihre gemeinsame Zukunft. Hatte er ihr nicht erklärt, dass er seiner Familie beweisen musste, ein Geschäft solchen Ausmaßes in Eigenregie stemmen zu können? Zum ersten Mal hatte man ihm ein Großprojekt anvertraut, das für das Familienunternehmen sehr wichtig war. Je intensiver er arbeitete, desto früher konnte er von Kalifornien nach Hause zurückkehren.

Chloe sprühte sich mit ihrem Lieblingsparfüm ein und durchsuchte den Schmuckkasten nach den goldenen Ohrringen, die sie so gern trug.

Es war nun so weit – in ein paar Minuten würde Todd vor ihr stehen.

Vor uns.

Vorsichtig berührte sie ihren Bauch, der noch ganz flach war und nichts von ihrem süßen Geheimnis ahnen ließ. Gut, sie war erst im ersten Monat – vermutlich war sie in der Nacht vor Todds Abreise an die Westküste schwanger geworden –, und es war noch viel zu früh, um etwas sehen zu können. Noch nicht einmal beim Arzt war sie gewesen, aber sie hatte zwei Schwangerschaftstests gemacht. Und beide waren positiv ausgefallen.

Hinzu kam, dass ihre Brüste sehr empfindlich geworden waren, und ein- oder zweimal war ihr auch übel gewesen. Ganz bestimmt war sie in anderen Umständen. Während der vergangenen Tage – genauer gesagt, seitdem sie sich ganz sicher war, ein Baby zu bekommen – hatte sie sich sogar ein bisschen davor gefürchtet, zu glücklich zu sein. Sie wollte ein Kind, seitdem sie alt genug war, darüber nachzudenken. Und nun konnte sie es noch immer kaum glauben, dass sich all ihre Träume bald erfüllen würden – sie würde einen Mann und ein Kind haben, eine Familie und ein eigenes Zuhause.

Ob Todd sich wohl auch so sehr über das Baby freute wie sie selbst? Hoffentlich hielt er es nicht für zu früh. Immerhin war sie schon fast dreißig, und er war zweiunddreißig – so jung waren sie also gar nicht mehr. Ganz bestimmt würde er glücklich sein.

Chloe biss sich auf die Lippe, als sie sich ausmalte, wie seine Mutter auf ihre Schwangerschaft reagieren würde. Der Gedanke an die kühle und hochnäsige Larissa Lenore Hopewell und die herablassende Art, mit der sie Chloe immer behandelte, dämpfte das Hochgefühl ein wenig – als würde Chloe den hohen Ansprüchen der Hopewells nicht genügen.

Warum kann Todds Mutter mich nur einschüchtern? fragte sich Chloe. Wie schafft sie es bloß, dass ich mich wie ein dummes kleines Ding fühle? Eine abschätzige Bemerkung von ihr genügt, und ich komme mir nicht mehr wie eine selbstbewusste Frau vor. Dabei stehe ich seit meinem achtzehnten Lebensjahr auf eigenen Füßen und bin erfolgreich in meinem Beruf!

„Ach, vergiss es einfach“, murmelte sie vor sich hin. Dennoch erinnerte sie sich an keinen einzigen Fall, in dem Todd ihr widersprochen hätte, als sie über ihr Gefühl sprach, seine Mutter könne sie nicht leiden. Allerdings war Todd überhaupt noch nie anderer Meinung als seine Mutter gewesen.

Chloe verdrängte den ketzerischen Gedanken. Natürlich hatte er Respekt vor seiner Mutter und deren Ansichten. Sie waren wichtig für ihn und seine Zukunft – ihre gemeinsame Zukunft –, die so eng mit den Perspektiven seiner Familie zusammenhing. Wenn sie erst einmal verheiratet waren, würde sich sowieso einiges ändern. Sie musste einfach nur ein wenig Geduld mit Todd haben.

Trotzdem war es wichtig, was Larissa Hopewell dachte. Jede Frau will doch ihrer Schwiegermutter gefallen. Schließlich würde Todds Mutter die Großmutter ihrer gemeinsamen Kinder sein – und die einzige Großmutter, die sie jemals haben würden, denn Chloes Mutter war schon lange tot. Und noch wichtiger war, dass dieses Baby das erste Enkelkind der Hopewells war, da Todds Brüder noch keine Kinder hatten. Darüber würde Larissa gewiss glücklich sein. Ganz bestimmt.

Chloe seufzte. Sie musste sich einfach noch mehr anstrengen, um Todds Mutter für sich zu gewinnen. Während sie noch darüber nachdachte, klingelte es an der Tür.

Chloes Herz machte einen Sprung. Todd!

Sie stürzte aus dem Schlafzimmer und lief die Treppe hinunter. Im Flur wäre sie fast über die Kisten gestolpert, in die sie ihre Sachen für den Umzug in Todds Haus packen wollte. „Todd!“, rief sie, während sie die Tür aufriss.

Doch es war nicht Todd.

Auf der Schwelle stand ein FedEx-Bote. „Ms Patterson?“

„Ja?“

„Eine Lieferung für Sie. Unterschreiben Sie bitte hier.“

Verwundert betrachtete sie den Eilbrief, während sie die Annahme bestätigte.

„Danke.“ Der Bote lächelte kurz, überreichte ihr den Umschlag und eilte zu seinem Lieferwagen zurück.

Stirnrunzelnd schloss Chloe die Tür. Der Absender war Todd unter seiner Adresse in San Francisco. Was hatte denn das zu bedeuten? Hatte sie sich im Datum geirrt? War etwas passiert? Kam er heute gar nicht zurück?

Zunehmend nervös öffnete sie den Umschlag, in dem nur ein Blatt steckte. Während sie es auseinanderfaltete, begann ihr Herz wie wild zu hämmern.

Ich weiß, dass dies ein Schock für Dich sein wird. Gestern haben Meredith und ich geheiratet. Wenn Du dies hier liest, sind wir bereits auf Hochzeitsreise auf den Fidschi-Inseln. Wochenlang haben wir vergeblich gegen unsere Gefühle angekämpft. Ich hoffe, dass Du mir irgendwann verzeihen wirst. Behalte den Ring. Oder verkaufe ihn, wenn Du willst. Es tut mir leid.

Todd

Ungläubig starrte Chloe auf das Papier in ihrer Hand, als würden die Worte Sinn ergeben, wenn sie nur lange genug darauf sah.

Verheiratet. Mit Meredith!

Sie schüttelte den Kopf. Unmöglich! Meredith Belson war Todds Assistentin. Sie … sie war so nett zu Chloe gewesen. Sie hatte Chloe sogar einen Hochzeitsplaner empfohlen, der ihr bei den Vorbereitungen für die Vermählung mit Todd helfen sollte. Meredith war zu einer richtigen Freundin geworden und schien der letzte Mensch zu sein, dem Chloe einen solchen Verrat zugetraut hätte – abgesehen von ihrer Cousine und besten Freundin Molly.

Zitternd ging Chloe zur Treppe und sank auf eine Stufe. Der Kater Samson schmiegte sich an sie und miaute. Er spürte ihre Verzweiflung.

Chloe starrte auf die grausame Nachricht. Gestern haben Meredith und ich geheiratet.

Wie konnte ihre Freundin Meredith ihr das nur antun?

Aber es war nicht ihre Schuld, oder? Todds Assistentin hatte ihr schließlich nicht die Ehe versprochen – Todd war der Verräter.

Chloe war immer noch zu schockiert, um weinen zu können. Todd – all die fantastischen Träume von der Zukunft, die er in ihrem Leben erweckt hatte, waren im Handumdrehen verpufft.

Verheiratet.

Mit einer anderen.

Behalte den Ring. Oder verkaufe ihn, wenn Du willst.

Noch während ihr diese schrecklichen Worte in Gedanken nachhallten, kamen endlich die Tränen. Aber es waren keine Tränen der Trauer, sondern Tränen der Wut. Chloe zerrte sich den Ring vom Finger und schleuderte ihn gegen die Wand. Erschrocken sprang Samson auf und lief mit gesträubtem Fell davon.

Der Platinring mit dem Zweikaräter fiel zu Boden – ein glitzerndes, trauriges Symbol dafür, was niemals sein würde.

Was soll ich bloß tun?

Erst in diesem Moment wurden ihr die Konsequenzen von Todds Untreue schmerzhaft bewusst.

Unser Baby.

Oh Gott! Wie konnte sie nur das Baby vergessen? Das Baby, von dem Todd gar nichts wusste.

Sie schluckte hart und fasste sich an den Bauch. Eine wahnwitzige Hoffnung ergriff von ihr Besitz. Bestimmt würde er einsehen, dass er einen schrecklichen Fehler gemacht hatte, wenn er davon erfuhr, und er würde zu ihr zurückkommen. Zu ihnen beiden. Sie musste es ihm sagen, und zwar auf der Stelle. Er war auf Hochzeitsreise, aber sein BlackBerry nahm er doch überall mit hin.

Ich werde ihm eine Nachricht senden.

Doch noch während sie ihr Handy suchte, wurde ihr klar, dass es eine verrückte Idee war, Todd eine SMS zu schicken. Sollte er nur wegen seines schlechten Gewissens zu ihr zurückkommen? Natürlich nicht! Sie wollte, dass er sie liebte. Er sollte mit ihr zusammen sein wollen. Auf keinen Fall wollte sie ihn erpressen oder Schuldgefühle in ihm wecken.

Erneut sank sie auf die Treppenstufe. Dieses Mal kamen die Tränen aus tiefstem Herzen.

Dann würde sie ihr Baby eben alleine bekommen.

Todd sollte überhaupt nichts davon erfahren. Niemals. Wenn er sie im Stich ließ, dann wollte sie auch nichts mehr mit ihm zu tun haben.

Ganz egal, wie hoch der Preis war, den sie dafür zahlen musste.

Simon Foster Hopewell III. spürte, dass ihm ein heftiger Migräneanfall direkt bevorstand. Er studierte gerade das überarbeitete Budget für das kommende Etatjahr, das am 1. Juni beginnen sollte.

Unglaublich, was ihm die Produktionsabteilung da vorlegte. Und dabei handelte es sich bereits um die dritte Version des Finanzplans. Verärgert griff er zu einem roten Filzstift und strich zahlreiche Positionen energisch durch. Offenbar hatten die Abteilungsleiter immer noch nicht kapiert, dass sie im vorgegebenen Rahmen bleiben mussten – ob ihnen das nun passte oder nicht.

Frustriert warf Simon den Stift auf den Schreibtisch und lehnte sich in seinem Drehsessel zurück. Sein Blick schweifte zum Porträt seines Urgroßvaters Simon Hopewell, nach dem er benannt worden war. Der strenge Mann aus einer Quäkerfamilie wäre entsetzt, wenn er wüsste, wie heutzutage Geschäfte betrieben wurden. Während seines ganzen Lebens hatte sich der alte Hopewell niemals auch nur einen Penny geliehen.

Müde schloss Simon die Augen. Er hatte keine Lust mehr, der Boss zu sein – weder im Geschäft noch zu Hause. Seit sein Vater vor zwei Jahren an einem Herzinfarkt gestorben war, lastete die Verantwortung sowohl für das Unternehmen wie für die Familie auf seinen Schultern.

Von Noah konnte er keine Hilfe erwarten, denn der wollte mit dem Geschäft nichts zu tun haben. Tagsüber arbeitete er in einem Heim für Obdachlose, und nachts tingelte er mit seiner Rockband durch die Kneipen. Im Grunde war Noah ein guter Kerl, und insgeheim bewunderte Simon ihn für seine Überzeugungen und sein Desinteresse am Geld. Aber er musste sich eben damit abfinden, dass er niemals auf Noah bauen könnte, wenn es darum ging, das Familienvermögen zusammenzuhalten und zu vermehren.

Was Todd anging, war das letzte Wort noch nicht gesprochen. Sollte der seine Sache mit dem Kunden aus San Francisco gut machen, konnte Simon ihn mit größeren Aufgaben innerhalb des Familienimperiums betrauen. Doch im Grunde glaubte er nicht daran. Eigentlich hatte Simon von Anfang an Todds Fähigkeiten bezweifelt.

Todd war verwöhnt. Außerdem war er impulsiv und unberechenbar. Seine Begeisterung ließ schnell nach. Als Lieblingssohn seiner Mutter Larissa hatte er alles bekommen, was er sich nur wünschte. Er arbeitete nicht gern, schaffte es aber immer wieder mit seinem Charme und seiner Redegewandtheit, alle Leute vom Gegenteil zu überzeugen.

Eines aber hatte Todd tatsächlich richtig gemacht: Bei der Frau, die er heiraten wollte, hätte er keine bessere Wahl treffen können. Todds Entscheidung hatte überrascht – vor allem, nachdem Simon erfahren hatte, was Larissa von der Verlobten hielt. Doch kaum hatte er selbst Chloe Patterson kennengelernt, war er zu dem Schluss gekommen, dass seine Mutter sich irrte. Simon mochte Chloe. Sie war vernünftig und natürlich – genau die Art von Frau, die seinen Bruder Todd davon abhalten konnte, den Boden unter den Füßen zu verlieren.

Und nachdem er sogar einen Privatdetektiv auf sie angesetzt hatte, war er in seinen Ansichten nur bestärkt worden – Simon hatte es nicht gern gemacht, aber hätte er darauf verzichtet, hätte seine Mutter die Erkundigungen eingezogen. Und Simon war der Meinung, dass es das kleinere Übel sei, wenn er sich darum kümmerte.

Ja, Chloe war im falschen Viertel von Riverton geboren worden. Ihre Mutter hatte ihre Tochter und ihren Mann verlassen, als Chloe gerade acht Jahre alt war, und war mit einem jüngeren Liebhaber durchgebrannt. Daraufhin war ihr Vater Alkoholiker geworden und hatte ein paar Jahre später Selbstmord begangen. Außerdem hatte Chloe im Gegensatz zu den Hopewell-Brüdern keine Eliteschule besucht und würde auch kein Vermögen mit in die Ehe bringen.

Aber was für Simon viel schwerer wog: Sie hatte mit achtzehn einen Job angenommen, sich in Abendkursen weitergebildet und ihr eigenes Internetunternehmen gegründet – noch während sie eine Vollzeitstelle in einer kleinen Technikfirma im nahe gelegenen Mohawk ausfüllte. Der Ermittler berichtete, dass sie mit ihrem Unternehmen im vergangenen Jahr einen Umsatz von fünfundsechzigtausend Dollar erzielt hatte und dass die Prognose fürs laufende Jahr noch günstiger aussah. Chloe verfügte über eine Krankenversicherung, fuhr einen Wagen, der abbezahlt war, und besaß ein Sparkonto mit ordentlichen Einlagen. Die Summe war zwar nicht überwältigend, aber immerhin hätte sie damit eine Eigentumswohnung oder ein kleines Haus bezahlen können.

Sie war eine starke junge Frau und würde Todd guttun – daran zweifelte Simon keine Sekunde.

Außerdem war sie eine Schönheit: grüne Augen, üppiges braunes Haar, wohlgeformte Beine – genau so, wie Simon sie mochte. Und ihr Lächeln war aufrichtig. Kurz gesagt: ein Typ zum Pferdestehlen.

Schade, dass ich sie nicht zuerst getroffen habe.

Der Gedanke war Simon schon öfter gekommen. Es war nämlich gar nicht so leicht, ein Mädchen zu finden, das eine ebenso großartige Ehefrau wie Mutter abgeben würde. Aber seit dem Ende seiner Beziehung mit Alexis hatte er sich auch gar nicht mehr darum bemüht.

Das Summen der Wechselsprechanlage riss ihn aus seinen Gedanken.

„Ihr Bruder ist am Apparat“, verkündete seine Sekretärin Maggie.

„Noah?“

„Nein, Todd.“

Simon schaute auf die Wedgwood-Uhr auf seinem antiken Mahagonischreibtisch. Offenbar war Todd wieder zu Hause!? „Herzlich willkommen“, begrüßte er ihn, nachdem Maggie ihn verbunden hatte. „Wie war dein Flug?“

„Hör mal, Simon, ich … ich bin nicht zu Hause. Ich … ich rufe von Fidschi an.“

„Fidschi? Was zum … Was machst du denn da?“

Simon war wie vom Donner gerührt, als Todd ihm erzählte, was geschehen war. Das Herz schlug ihm bis zum Hals, und die Kopfschmerzen, die sich schon die ganze Zeit angekündigt hatten, setzten plötzlich unerwartet heftig ein. Hätte Todd vor ihm gestanden, wäre es ihm schwergefallen, ihn nicht zu erwürgen.

„Du Mistkerl!“, sagte er schließlich, als Todd schwieg. „Wie konntest du nur so unverantwortlich und feige handeln?“

Die hilflosen Rechtfertigungsversuche seines Bruders machten Simon immer zorniger – „Ich kann nichts dafür“ oder „Ich habe Meredith immer geliebt“ oder „Chloe war ein großer Fehler, sogar Mom hat das doch gesagt“.

„Weiß Chloe es schon?“, stieß er hervor.

„Ja, ich … ich habe ihr einen Brief geschickt.“

„Du hast ihr einen Brief geschickt“, wiederholte Simon tonlos.

„Ja, ich … ich habe mir gedacht, das wäre das Beste.“

„Du bist ein noch größerer Idiot, als ich gedacht habe.“

„Das ist nicht fair, Simon! Meine Güte, du tust ja gerade so, als hätte ich jemanden umgebracht. Dabei habe ich nur eine Verlobung gelöst.“

„Nein, du hast nicht nur eine Verlobung gelöst. Du hast einen anständigen Menschen verraten und gedemütigt – jemanden, der es nicht verdient hat, so behandelt zu werden. Und wie gewöhnlich erwartest du nun, dass jemand anders die Scherben zusammenklaubt.“

„Welche Scherben? Ich erwarte überhaupt nichts von dir. Hör endlich auf, mich wie ein kleines Kind zu behandeln!“

„Dann benimm dich auch nicht so. Wann kommst du nach Hause? Wann bekomme ich deinen Bericht von San Francisco?“

„Morgen liegt er auf deinem Schreibtisch.“ Todd klang verärgert. „Ich faxe ihn dir zu. Meredith und ich kommen erst nächste Woche zurück. Vielleicht bleiben wir auch noch länger. Wir haben uns unsere Hochzeitsreise verdient.“

Die Selbstgerechtigkeit seines Bruders erfüllte Simon mit Abscheu. Er hatte keine Lust mehr, mit ihm zu reden. Ohne ein weiteres Wort beendete er das Telefongespräch.

„Hat Todd dich auch angerufen?“, fragte Simon seine Mutter.

„Ja“, antwortete Larissa Hopewell. Ihre zufriedene Miene sprach Bände.

„Und du bist nicht wütend?“

„Nun ja, am liebsten wäre es mir natürlich gewesen, er hätte sich überhaupt nicht mit Chloe verlobt. Du weißt, dass ich seine Beziehung zu dieser Frau von Anfang an nicht gebilligt habe.“

Diese Frau! Du nennst sie nicht einmal beim Namen. „Aber er sollte Chloe in sechs Wochen heiraten.“ Simon wählte seine Worte mit Bedacht. „Die Kirche, der Country-Club – alles ist doch schon reserviert. Findest du nicht, dass er sich ihr gegenüber nicht nur unverantwortlich benommen hat, sondern auch ziemlich unreif und gedankenlos? Schließlich geht es auch um den guten Namen unserer Familie.“ Der dir doch sonst so furchtbar wichtig ist!

„Ehrlich gesagt, Simon, manchmal verstehe ich dich nicht“, entgegnete seine Mutter. Ihre blauen Augen blitzten vor Entrüstung. „Wo bleibt deine Loyalität? Du solltest froh sein, dass er ihr den Laufpass gegeben hat. Sie hätte niemals zu unserer Familie gepasst, und das weißt du genau. Sie ist es gar nicht wert, unseren Namen zu tragen.“

„Das sehe ich nicht so“, antwortete Simon kühl. „Ich mochte sie. Ich dachte, sie sei gut für Todd.“ Und für unsere Familie wäre sie wie eine frische Brise gewesen.

„Wie kannst du nur so etwas sagen? Sie ist gewöhnlich. Einfach nicht unsere Klasse. Ich bezweifle, dass die Ehe länger als ein Jahr gehalten hätte.“

Simon biss sich auf die Lippen, um nicht laut auszusprechen, was er dachte. Es nützte ohnehin nichts. Seine Mutter Larissa würde sich nicht ändern. „Und du glaubst nicht, dass wir ihr etwas schuldig sind? Wenigstens sollten wir ihr die Kosten erstatten, die ihr bei den Hochzeitsvorbereitungen entstanden sind.“

Seine Mutter zuckte mit den Schultern. Niemand konnte das so elegant und arrogant wie sie. „Meinetwegen. Mach ihr ein Angebot.“

„Du stimmst mir also zu?“

„Ist das wichtig? Du machst doch sowieso, was du willst – genau wie deine Brüder. Und sogar Todd. Aber wenigstens hat er sich rechtzeitig besonnen und eingesehen, dass ich mit meiner Meinung über diese Frau von Anfang an richtig gelegen habe.“

Damit wandte sie sich wieder ihrer Korrespondenz zu, die sie bei Simons Ankunft unterbrochen hatte.

Eine Weile betrachtete er ihren Rücken im blauen Seidenkleid, ehe er sagte: „Auf Wiedersehen, Mutter!“ Er wartete noch ein paar Sekunden, aber sie wandte sich nicht um.

Auf dem Weg zu seinem Wagen beschloss er, Chloe umgehend anzurufen und ihr seine Hilfe anzubieten.

Hoffentlich würde sie ihn empfangen.

An ihrer Stelle hätte er nämlich jedem Mitglied der Familie Hopewell die Tür vor der Nase zugeschlagen.

2. KAPITEL

Gegen drei Uhr morgens gab Chloe den Versuch einzuschlafen endgültig auf – sehr zur Überraschung von Samson, der zu ihren Füßen döste und es gar nicht schätzte, wenn er aus seinem Rhythmus gerissen wurde. Doch nachdem sich der Kater aufgerappelt hatte, folgte er ihr nach unten in die Küche, wo sie den Kessel aufsetzte. Bei einer heißen Schokolade wollte sie darüber nachdenken, wie es nun weitergehen sollte.

Samson war der Ansicht, dass es Zeit fürs Futter war, da sie schon einmal aufgestanden war – er strich so lange um ihre Beine herum, bis sie seinen Fressnapf füllte. Sie musste lachen, als sie ihn dabei beobachtete, wie er sein Futter glücklich verschlang. Was würde sie nur ohne seine Gesellschaft anfangen?

Mit dem Kakaobecher und einer Packung Keksen in der Hand machte sie es sich in ihrem Lieblingssessel im Wohnzimmer bequem. Der Mond schien so hell durch das große Fenster zur Straße, dass sie keine Lampe einzuschalten brauchte. Normalerweise zog sie die Vorhänge zu, wenn sie zu Bett ging, aber Todds Brief hatte sie vollkommen aus der Fassung gebracht.

Was soll ich bloß machen?

Wäre sie nicht schwanger, hätte sie keine Probleme. Natürlich wäre sie noch sauer auf Todd, und vermutlich hätte es auch noch ein paar peinliche Momente gegeben, wenn sie sich zufällig irgendwo begegneten – in einer Kleinstadt wie Riverton war das nahezu unvermeidlich. Aber damit wäre sie schon klargekommen.

Doch sie war schwanger.

Wie so oft in den vergangenen Tagen berührte sie ihren Bauch.

„Ich will dich“, flüsterte sie, „egal, was passiert. Ich will dich haben.“

Was würden wohl ihre Tante Jane und ihre Cousine Molly sagen, wenn sie von der geplatzten Hochzeit und der Schwangerschaft erfuhren? Fast hätte sie bei ihnen bereits am Tag zuvor angerufen. Aber sie wollte sich erst darüber klar werden, was sie zu tun gedachte, ehe sie es ihnen erzählte. Ihre einzigen Verwandten sollten sich keine Sorgen um sie machen. Denn es war einzig und allein ihr Problem.

Als der Morgen zu dämmern begann, war sie zu der Erkenntnis gelangt, dass sie nicht in Riverton bleiben konnte – wenn sie es vermeiden wollte, dass die Hopewell-Familie von ihrem Baby erfuhr. Bliebe sie hier, würden die Hopewells früher oder später davon Wind bekommen. Die Stadt war einfach zu klein. Möglicherweise würden sie versuchen, sie in Verruf zu bringen oder – schlimmer noch – ihr das Baby wegzunehmen.

Das durfte sie auf keinen Fall riskieren – auch wenn sie der Gedanke, ihre Tante und ihre Cousine verlassen zu müssen, traurig stimmte. Zu einem Umzug gab es keine Alternative. Glücklicherweise konnte sie überall arbeiten. Als Chefin ihres eigenen Webdesignbüros brauchte sie nur ihren Computer und ein Telefon, um die Aufträge ihrer Kunden zu erledigen.

Seufzend stand sie auf und ging in ihr Büro. Sie setzte sich an den Schreibtisch, holte ihr Auftragsbuch hervor, schaltete den Computer ein und überprüfte ihr Bankkonto übers Internet.

Nachdem sie eine Weile gerechnet hatte, stellte sie fest, dass sie genug Geld für einen Umzug zusammenbekommen würde. Allerdings müsste sie Todds herzlosen Rat in die Tat umsetzen und den Verlobungsring verkaufen. Sie würde nicht einmal ihre Ersparnisse antasten müssen, und für das Baby blieb auch noch etwas übrig. Erneut stieß sie einen tiefen Seufzer aus.

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