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... und dann war da noch Weihnachten

Inhaltsverzeichnis

Eine andere Weihnachtsgeschichte

Weihnachtsschnee

….und dann war da noch Weihnachten

Oh Tannenbaum

Festtagsbesuch

Der Heilige BimBam

Steinhuder Winterfreuden

Maria und Josef in Schlesien

Schneestille

Helenes Nordwinter

Alle Jahre wieder

Erster Schnee

Punsch, punschiger …

Sylvester-Krebse

Der 6. Januar

Eine andere Weihnachtsgeschichte

Beruflich habe ich sehr oft mit älteren, auch ganz alten Leuten zu tun. Sie erzählen mir bei meinen Besuchen oft aus ihrem Leben. Meist natürlich von früher, aus ihrer Jugend, ihrer Blütezeit.

Zwischenzeitlich bin ich selbst in einem Alter, in dem mir das Zuhören nicht mehr schwerfällt – auch wenn ich manche Geschichte zwei- oder dreimal erzählt bekomme. Es erinnert mich an meine Kinderz eit, als ich mit meiner Großmutter vor unserem Kanonenofen saß, sie mir Geschichten und Märchen erzählte und ich ihr gebannt zuhörte.

Manche dieser Erinnerungsstücke sind schon Grundlagen gewesen für Geschichten, die ich schrieb, die sich wie Brücken über die Generationen spannten und vergangenen Zeitgeist bewahren. Diese Geschichte heute ist eine neue. Eine, die gerade vor einigen Monaten passiert ist und die trotzdem in die Weihnachtszeit passt, denn sie handelt von der Liebe. Einer Liebe, die still und schlicht über lange Jahre bestehen blieb und fast schon vergessen war in Krankheit, Sorge und Alltag. Und gerade deshalb ist diese Geschichte voller Wärme, Trost und Menschlichkeit, eine Weihnachtsgeschichte also.

Ich betreue dieses Ehepaar, die ich hier Heiner und Charlotte Meier nennen werde, schon sechs Jahre lang. Die ersten Jahre konnten sie noch zu mir in mein Institut kommen. Dann wurde der Weg zu beschwerlich. Nun mache ich seit einiger Zeit bei der Familie Meier Hausbesuche. Herr Meier, selbst durch Krankheit und Alter bereits gezeichnet, sorgt, besorgt, umsorgt seine kleine Frau, die er entweder liebevoll nachsichtig „Muttchen“ oder „Lottekind“ nennt. „Lottekind“ hat seit vielen Jahren Alzheimer. Erst waren die Anzeichen kaum zu spüren. Zwischenzeitlich muss sich Heiner um alles kümmern. „Lottekind“ vergisst so ziemlich alles. Sie geht lieber singend und lachend durch die Wohnung. Sich richtig anzuziehen ist für sie nicht mehr wichtig. Mal hat sie den Unterrock über das Kleid gezogen, mal nur einen Strumpf an. Öfter muss ich sie davon abhalten, sich vor mir ganz auszuziehen – ich benötige ja nur ihre Füße und Hände. Ich bewundere Heiner für seine Geduld. Schließlich trägt er auch schon viele Lebensjahre auf seinem gebeugten Rücken.

Jetzt hat die Weihnachtswoche angefangen. Heute bin ich das letzte Mal vor dem Fest bei Familie Meier.

Herr Meier strahlt mich an und sagt:

„Frau Bock, heute muss ich ihnen mal was erzählen. Etwas, was letzte Woche passiert ist.“

„Nur zu, Herr Meier. Ich höre Geschichten doch zu gerne.“ Ich nehme meine Arbeit an seinen Füßen auf und höre zu.

„Letzten Donnerstag hatten wir einen Arzttermin in Hannover in der Hildesheimer Straße. Sie wissen ja, wir haben kein Auto. Es ist also eine ganz schön umständliche Reise. Erst mit dem Taxi hier zum Bahnhof, dann in den Zug. In Hannover auch noch die richtige Straßenbahn kriegen und dabei immer auf Lottekind aufpassen. Das ist schon fast eine Weltreise. Es waren ja auch so viele Leute unterwegs. Überall wurde gedrängelt und geschoben. Dann auch noch so lange beim Arzt herumsitzen. Es mussten ja so viele Untersuchungen gemacht werden. Aber dann hatten wir es endlich geschafft! Und das Glück blieb uns auf der Rückfahrt hold. Die Anschlüsse gingen alle wie geschmiert. Wir brauchten nicht auf die Straßenbahn warten. Es war doch so schlechtes Wetter. So kalt und nieselig.

Als wir dann ihm Bahnhof ankamen, wurde schon die Ankunft unseres Zuges ausgerufen. Wir konnten also auch gleich in den Zug einsteigen. Gerade habe ich Lottekind auf den Sitz gesetzt, fiel es mir siedendheiß ein, dass ich vergessen hatte, die Fahrscheine am Automaten zu entwerten. Die Zugtüren standen noch offen. So bin ich ausgestiegen und zum Automaten gerannt. Gerade steckte ich den zweiten Fahrschein hinein, gehen die Türen des Zuges zu und schwupps! fährt der Zug weg. Einfach so, ohne mich!

Ich war dem Herzinfarkt nahe! Lottekind ganz allein im Zuge, der bis Bremen fährt. Sie weiß doch gar nicht, wo sie aussteigen soll! Sie ist doch ganz hilflos ohne mich. Da stehe ich wie der letzte Trottel auf dem Bahnsteig und gucke dem Zug hinterher.“

Auch heute beim Erzählen muss Herr Meier noch ordentlich nach Luft schnappen. Ich sehe ihm seine Aufregung richtig an. Er greift zu seinem Asthmaspray und inhaliert. Damit er sich etwas verschnaufen kann, lenke ich ihn ab.

„Aber es ist ja alles gut gegangen. Ihre Frau hat mich heute heil und lachend in der Tür begrüßt. Da brauchen sie sich jetzt nicht mehr aufregen. Sicherlich sind sie gleich zur Bahnaufsicht gegangen.“

Herr Meier holt tief Luft und atmet erleichtert aus. Seine Gesichtszüge entspannen sich wieder, und er lächelt mich an.

„Ja, da hat unser Schutzengel gute Arbeit geleistet - und natürlich auch die Technik. Früher wäre das wohl nicht so glatt gelaufen. Ich habe gleich jemanden von der Bahnaufsicht zu greifen gekriegt. Der hat mit dem Zugschaffner telefoniert. Ich musste dann beschreiben, wie Lottekind aussieht, was sie für Kleidung trägt. Das wundert mich heute noch, dass ich das in der Aufregung alles hingekriegt habe – und noch nicht einmal einen Asthmaanfall hatte.

Man versprach mir, dass man Lottekind suchen würde und dann in Wunstorf aussteigen lässt.

Dann musste ich mich auch schon wieder beeilen, denn der nächste Zug in meine Richtung wurde angesagt.

Da saß ich dann im Zug, schweißnass, mit klopfendem Herzen und zitternden Fingern. Die verschränkte ich dann ineinander. Erst nur, damit sie ruhiger wurden, dann aber zum Gebet.

Ich habe lange schon nicht mehr gebetet, und ich dachte schon, ich könnte das nicht mehr. Aber die Worte waren noch alle vorhanden. Die üblichen Worte und die neuen, die aus meiner Angst kamen, tief aus meinem Herzen.

Auf jeder Zwischenstation stieg ich aus dem Zug und schaute den Bahnsteig auf und ab – mein Lottekind war nirgends zu sehen. Wenn der Zug fuhr, betete ich. Ach, Frau Bock, sie können sich gar nicht vorstellen, wie lang zwanzig Minuten sein können. Es waren wohl die längsten zwanzig Minuten in meinem Leben bis dann der Zug in Wunstorf einlief. Ich stand schon vorn an der Tür, damit ich als Erster aussteigen konnte.

Zuerst konnte ich gar nichts erkennen, denn es stiegen so viele Leute mit mir aus. Ich blieb einfach stehen. Zu mehr hatte ich auch keine Kraft mehr. Meine Knie fühlten sich wie Butter an, ich schloss einfach die Augen. Da zupft etwas an meinem Mantelärmel, und ich höre Lottchens Stimme ,Heiner, hier bin ich’ und sie kicherte dazu, so, wie sie das immer macht.

Da stand sie neben mir. Den Hut schief auf dem Kopf, den Schal halb in die Manteltasche gestopft, den Mantel falsch geknöpft – und doch: Es hat in meinem ganzen Leben kein schöneres Bild für mich gegeben. Ich habe sie dann ganz fest in meine Arme genommen und wollte sie am liebsten gar nicht mehr loslassen.

Und wissen sie, was dann passierte? Mir wurde im Oberkörper plötzlich ganz warm und weit und weich. Ich fühlte alle Liebe zu meiner Frau, diese Liebe, die ich mein Leben lang in mir herumgetragen hatte, wieder in meinem Herzen aufflammen.

Da dachte ich doch, dass ich keine Liebe mehr für sie hätte und all die Mühe mit ihr zu viel wird. Das ich das nur aus Pflichtgefühl täte, weil kein anderer da ist.

Nein, jetzt weiß ich das besser. Ich tue alles aus Liebe für Lottekind, nur aus Liebe, wie am ersten Tag – und das war für mich wie ein ganz großes Geschenk.“

Zwischenzeitlich habe ich mit meiner Arbeit aufgehört und eine Hand auf Herrn Meiers Hand gelegt. Es laufen zwei Tränen ungehindert und unbeachtet ganz ruhig über seine faltigen Wangen. Wir sitzen so eine kleine Weile und schweigen.

Lottekind tanzt singend und kichernd durchs Zimmer, einen halb angezogenen Strumpf hinter sich herziehend.

Ich steige an diesem Tag glücklich, getröstet und vor allen Dingen wie reich beschenkt in mein Auto. Die ersten Schneeflocken fallen vom Himmel. Noch pappig, aber immerhin Schnee. Es ist nasskalt – und doch ist mir warm, ganz warm um mein Herz. In drei Tagen ist Heiligabend, und ich wünsche mir so sehr, dass dieses Gefühl der Liebe für alle Menschen zu erfahren ist.

Weihnachtsschnee

Über Nacht kam der Schnee –

der erste Schnee in diesem Jahr

Im Traumschlaf höre ich leichte

Flocken fallen in die leise Welt

schweben feuchte Federgebilde auf

mein Gesicht, meine Lippen

Schmelzend kühlen sie meine Wünsche.

Doch das ist Traum,

ist nicht gelebte Wirklichkeit

Meine Augenlider öffnen sich,

sehen geblendet gleißende Schemen.

Ist es der bunte, glitzernde Baum

oder ist es der Weihnachtsschnee?

…und dann war da noch Weihnachten.

Andreas steht im schlidderigen Schneematsch vor seinem Auto, das irgendwie halb im Graben neben dem Feldweg hängt, angelehnt an einen Baum, so als würde es sich ganz lässig ausruhen wollen, das Heck im Grabenmodder, die Front in den Himmel weisend.

„Einen Platten, pah! So’n Mist, so ein gottverdammter Mist!“ Andreas tritt teils wütend, teils auch mehr ohnmächtig, gegen sein linkes Vorderrad, das ohne Bodenkontakt in der Lauft hängt. „Und dann auch noch die Frontscheibe völlig zerstört. Das muss man erst mal hinkriegen. Habe ich ja wohl mal was gründlich gemacht“, mokiert er sich über sich selbst.

Heute ist es außerdem richtig schnieselig, so eine Wettermischung aus Schnee, nieseln, neblig kalt und mies, also einfach schnieselig. Durch seine dünnen Sportschuhe kriecht Nässe und Kälte hindurch, die Füße, dann die Unterschenkel herauf.

Er nestelt in seiner Jackeninnentasche nach den Zigaretten, findet dort nichts, klopft automatisch suchend seine Außentaschen ab, bis ihm einfällt, dass er vor einer halben Stunde schon die letzte Zigarette geraucht hatte. Er schaut genervt auf seine durchnässten Schuhe und schimpft in sich hinein.

„Auch das noch! Nichts zum Rauchen, keinen Schluck mehr, und nun auch noch das. Kalte Füße sind das wirklich Letzte, was ich jetzt noch brauche.“

Ist es die Wut oder die Kälte, die ihn zittern lässt?

Er schlägt seinen Jackenkragen hoch und angelt in einer der Innentaschen nach dem Handy. Seine Hände sind klamm, seine Finger vor Kälte steif. Er bekommt das Handy zu fassen, zieht es aus der Tasche und plumps, fällt es ihm aus den ungelenken Fingern auf die Straße, rutscht im Glibbermatsch weiter, verschwindet im Graben in undurchsichtiges Dunkel, entgegengesetzt zum Scheinwerferlicht seines Wagens. Fassungslos schaut er dem Handy hinterher.

„Das kann doch nun wirklich nicht wahr sein! Bin ich wirklich so ein Volltrottel? Was nun? Ach ja, die Taschenlampe, wo habe ich bloß dies blöde Ding. Braucht man ja nie; und wenn man’s braucht, ist es meist zu dunkel, um dieses Mistding zu finden.“

Er öffnet die Fahrertür, klettert in den Wagen, der bedrohlich hin und her schwankt und sucht im Handschuhfach, in dem alles Mögliche rumklappert.

Er kramt eine geraume Zeit unter fluchen und schimpfen herum, findet endlich die Taschenlampe, knipst sie an und … es passiert nichts.

„Wie sollte es auch anders sein, Batterie leer.“ Er schüttelt die Lampe, dreht sie auf und zu, doch sie bleibt dunkel.

So steigt er wieder aus dem Wagen aus und tappt durch den Matsch, der immer rutschiger wird, zum Graben, fummelt suchend an der Stelle herum, wo er meint, dass das Handy hin gerutscht wäre, findet aber nichts. Nur seine Hände sind jetzt noch kälter geworden.

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