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ÜberSINNLICHE Nächte

Inhalt

  1. Cover
  2. Titel
  3. Impressum
  4. Camilles Erwachen
  5. 1
  6. 2
  7. 3
  8. 4
  9. 5
  10. 6
  11. 7
  12. 8
  13. Der Mitternachtsmann
  14. 1
  15. 2
  16. 3
  17. 4
  18. 5
  19. 6
  20. 7
  21. Nächtliches Vergnügen
  22. 1
  23. 2
  24. 3
  25. 4
  26. 5

Kate Douglas, Sharon Page
und Kathleen Dante

ÜBER-
SINNLICHE
NÄCHTE

Drei paranormale erotische
Erzählungen

Aus dem amerikanischen Englisch von
Jule Winter

1

Strukturen. Im Moment, zu diesem Zeitpunkt, ging es allein um die Strukturen, um die Düfte und Farben und die herrlichen Empfindungen. Es konnte einfach nicht besser werden als im Augenblick.

Lucien Stone fuhr mit den Fingern durch die wirre Haarmasse seiner geliebten Gefährtin und folgte dem langsamen Auf und Ab von Tias Kopf. Ihr wunderbarer Mund brachte ihn langsam aber sicher seinem Höhepunkt näher.

Er erinnerte sich daran, wie es früher gewesen war. Als ihr Haar kraus und verfilzt war und die Locken zusammenklebten, dass es ein wahrer Albtraum war, sie auszukämmen. Aber jetzt, nachdem Tias Verwandlung zur Chanku vollendet war, war auch ihr Haar weicher geworden. Es war geschmeidig und umfloss seine Finger. Es war ein einladendes Durcheinander seidiger Ringellocken. Er spürte ihre Kopfhaut unterhalb der dichten Masse. Seine Finger umschlossen langsam ihren Schädel, und er berührte behutsam ihr Ohr.

Mit der Fingerspitze fuhr Luc die Linie ihrer Ohrmuschel nach und kitzelte die empfindliche Furche direkt darunter. Tias Lippen ließen behutsam von seinem Schwanz, und sie entließ ihn mit einem leisen Ploppen aus ihrem Mund. Sie hob den Kopf und blickte lächelnd zu ihm auf. Ihre vollen Lippen glänzten feucht. Das Licht der Morgensonne strömte durch das Fenster hinter ihrem Rücken und warf ein goldenes Glühen über ihre hohen Wangenknochen. Ihr wirres, blondes Haar verwandelte sich in einen glänzenden Heiligenschein.

Lucs Finger griffen in ihre Locken. Er zog an ihr und lenkte ihre Aufmerksamkeit zurück auf ihre Aufgabe.

Sie senkte erneut den Kopf. Ihre Locken streichelten seinen Bauch und kitzelten auf seinem Unterleib. Ihre Zungenspitze liebkoste die Unterseite seiner schmerzend harten Erektion. Sie tauchte in die empfindliche, winzige Spalte an seiner Schwanzspitze ein. Tia öffnete ihre Gedanken für ihn und teilte mit ihm die Geschmacksrichtungen, die sie schmeckte. Die Dinge, die sie fühlte.

Luc war in den Empfindungen gefangen, die er durch die Gedankenverbindung mit Tia empfing. Er schmeckte den Tropfen Samenflüssigkeit, als sie ihn mit der Zungenspitze ableckte. Er spürte die dicke Vene, die an seinem Schwanz entlanglief, während ihre Zunge langsam von der Wurzel bis zur Spitze fuhr.

Luc stöhnte. Seine Lungen weiteten sich, und seine Finger verfingen sich ins Tias Haar. Er musste sich bewusst zwingen, seinen Griff zu lockern. Das Letzte, was er jetzt wollte, war, sie bei dem, was sie gerade tat, zu unterbrechen ... sie machte es so gut ...

Ihre Haut fühlte sich wie Satin an. Die dunkelgoldene Hautfarbe war ein gemeinsames Geschenk ihrer afroamerikanischen Mutter und ihres skandinavischen Vaters und bildete einen perfekten Kontrast zu seiner helleren Haut. Luc konzentrierte sich ganz auf die dunkle Weichheit von Tias Haut und verglich sie im Stillen mit seiner eigenen, rauen Haut. In diesem Moment fanden ihre Lippen seine Hoden.

Erneut teilte sie dieses Erlebnis mit ihm. Sie saugte einen harten Hoden in ihren Mund und umspielte ihn mit der Zunge, ehe sie ihn zwischen den Lippen hin und her bewegte. Er spürte die harte, runde Kugel, und wie sie über ihre Zunge glitt, spürte die kleine Furche der Hodensackhaut zwischen ihren Lippen. Er erlebte all das aus Tias Sicht. Zugleich erfuhr er ihre zärtlichen Liebkosungen aus erster Hand. Die Empfindungen wurden dadurch verdoppelt.

Ihre Fingernägel kratzten leicht über sein Perineum und kitzelten an der Unterseite seines Hodensacks. Luc seufzte. Seine freie Hand krallte sich in das Bettlaken. Sie versuchte eindeutig, ihn umzubringen!

Tia summte leise gegen seine Hoden. Die Vibrationen durchströmten seinen Unterleib und stiegen bis zu seinem Rückgrat auf. Ihre Lippen schlossen sich so fest um den einen Hoden, dass es fast wehtat. Sie hielt ihn fest, sie leckte und drehte den Hoden unter ihrer Zunge, ehe sie endlich von ihm abließ. Ihre schlanken Finger umschlossen die Länge seines Schwanzes. Luc stöhnte erneut, als sie begann, die breite Spitze mit ihren Lippen zu bearbeiten. Sie fuhr mit der Zunge über die harte Spitze, ehe sie ihn tief in sich aufnahm.

Er keuchte, als wäre er soeben eine Meile weit gelaufen. Er kämpfte um seine Selbstbeherrschung. Luc spürte, wie sich Tias Hüften in einem wellenartigen Rhythmus hoben und senkten. Er wusste, dass auch sie sich ihrem Orgasmus näherte. Er hob seinen Kopf ein wenig und beobachtete, wie Tinker, ihr Rudelgefährte, Tias nasse Muschi leckte.

Martin »Tinker« McClintock war dunkel wie Ebenholz und hatte die Statur eines Linebackers. Er hatte Tia seine Liebe schon vor Langem gestanden. Luc würde diesem großen Mann nicht nur sein Leben anvertrauen, nein, er vertraute ihm sogar seine Gefährtin an.

Mehr Strukturen. Das merkwürdige Wort ging Luc ständig durch den Kopf. Er sah zu, wie Tinkers große Hände Tias Hinterbacken spreizten, beobachtete, wie er sich über sie beugte und zärtlich an Tias Klit saugte. Dann richtete sich Lucs Aufmerksamkeit wieder auf Tia. Sie kniete auf Ellbogen und Knie gestützt zwischen seinen Beinen. Ihren Hintern reckte sie in die Luft, damit Tinker sie mit seiner geschickten Zunge verwöhnen konnte.

Verdammt, sie gaben wirklich ein herrliches Bild ab.

Lucs Atem stockte. Tias Fingernägel kratzten über seinen Arsch. Ihre Wangen wirkten hohl, während sie langsam und wohlüberlegt an seinem Schwanz saugte. Er stellte die Füße flach auf die Matratze und hob seine Hüften, um ihrem Mund entgegenzukommen. Er passte sich Tias Rhythmus an.

Er verband sich mit seinem Gefährten. Nur ganz kurz, damit auch Tias süßer Nektar genauso auf Lucs Zunge kribbelte wie auf Tinkers.

Tinker hob den Kopf und grinste Luc an. Seine dunklen Lippen glänzten feucht von Tias Säften, und seine breite, muskulöse Brust hob und senkte sich mit jedem tiefen Atemzug. Er zwinkerte Luc zu.

Und dann begann er, zu verschwinden. Er verschwamm und verblasste.

Innerhalb von nur einem Herzschlag saß ein riesiger Wolf am Fußende des Betts. Seine Zunge hing aus seinem Maul, und die bernsteinfarbenen Augen glitzerten.

Dann tauchte er mit seiner langen Schnauze und der noch längeren Zunge zwischen Tias geöffneten Schenkeln ab.

Tinkers feuchte Wolfszunge schlich sich in Tias geschwollenes Geschlecht. Er leckte sie, drang mit der Zunge tief in sie ein. Sie schrie auf und zog sich um ihn zusammen. Ihr Orgasmus traf sie so heftig, dass sie fast in Lucs Penis gebissen hätte. Er rutschte aus ihrem Mund, während ihre Muschi sich eng um Tinkers räuberische Zunge schloss. Die raue Zungenspitze drang tief in ihre Passage vor, die sich krampfhaft um ihn zusammenzog. Erneut schrie Tia auf. Sie keuchte und zitterte, drückte sich gegen Tinkers Schnauze. Tia hob den Oberkörper und drehte den Kopf. Sie blickte das Mitglied ihres Wolfsrudels böse an.

Himmel, Tinker! Warn mich wenigstens das nächste Mal, bevor du sowas machst!

Tinkers Lachen hallte in ihrem Verstand wider. Seine lange, raue Zunge fand Punkte in Tias Möse, die ihre Lust steigerten, bis sie Sternchen sah. Sie keuchte und versuchte, wieder zu Luc zu kriechen. Aber Tinkers geschickte, wendige Zunge schien nicht vorzuhaben, sie loszulassen.

Ist schon in Ordnung. Mir gefällt, was ihr mir hier zeigt. Übrigens habe ich mich mit Tinker verbunden. Du schmeckst herrlich.

Sie warf Luc ein schwaches Lächeln zu. Er lehnte sich gegen die Kopfstütze des Betts. Tia drehte sich um. Sie ruhte jetzt mit dem Kopf auf seinem Unterleib und spreizte ihre Beine. Tinker rutschte auf seinem pelzigen Bauch näher und brachte Tia mit seinen scharfen Zähnen und einer Zunge, für die er einen Waffenschein bräuchte, zum Höhepunkt und darüber hinaus.

Sie hob ihm ihre Hüften entgegen, als er tief in sie eindrang. Ihre Fäuste klammerten sich an das Bettlaken, als er mit der rauen Seite seiner Zunge langsam von ihrem Arsch zur Klit fuhr. Einmal, zweimal ...

Weil sie wusste, dass Luc jede Geschmacksempfindung und jedes Zucken ihrer Möse mit Tinker teilte, erhöhte das Tias Lust noch mehr.

Ihre Hüften zuckten hoch, ihre Beine traten aus. Sie zitterte am ganzen Körper. Es war zu viel, es war zu intensiv. Aber Luc hielt sie unnachgiebig fest. Seine Ellbogen drückten ihre Schultern nieder, und seine Hände massierten Tias Brüste. Er knetete sie grob, kniff sie in die Nippel und rollte die Spitzen zwischen Daumen und Zeigefinger. Ihr Körper spannte sich an. Seine Schenkel drückten gegen ihre Hüften. Er hielt sie nieder, damit Tinker sie mit seiner wunderbaren Chankuzunge verwöhnen konnte.

Sie kniff die Augen fest zu. Ihre Lungen brannten, als wäre sie zu weit gerannt. Tia erklomm erneut den Höhepunkt, und dann stürzte sie wieder in diesen Abgrund. Sie heulte lang auf, um ihrer Leidenschaft Luft zu machen.

Die raue Struktur von Tinkers Wolfspelz machte wieder der weichen, erhitzten Haut eines Mannes Platz. Sie spürte, wie er an ihrem Körper nach oben rutschte, spürte die dicke Spitze von seinem Schwanz, die sich gegen ihr zuckendes Geschlecht presste. Seine warmen, feuchten Lippen saugten an ihrem empfindlichen Nippel.

Luc ließ ihre Brüste los. Seine Finger fuhren über ihre Hüften. Als Nächstes spürte sie, wie etwas Warmes und Nasses - wahrscheinlich ihre eigenen Säfte? - über ihren Arsch verrieben wurde. Sie seufzte lustvoll, als Lucs Schwanz zwischen ihre Arschbacken glitt und sanft gegen ihren pochenden Eingang drückte. Er übte jedes Mal etwas mehr Druck aus, bis er endlich den engen Muskel durchdrang und sie in den Arsch fickte. Er drang zur selben Zeit in sie ein, zu der Tinker ihre Möse vollständig erfüllte.

Sie war vollgestopft mit zwei Schwänzen, fühlte sich von beiden Männern geliebt und wurde von zwei herrlichen Männerkörpern umschlossen. Tia legte den Kopf in den Nacken und schmiegte ihren Kopf gegen Lucs Schlüsselbein. Er bewegte sich langsam in ihr auf und ab und passte seinen Rhythmus Tinkers kraftvollen Stößen an.

Was konnte eine Frau mehr wollen?

Sie öffnete ihre Gedanken und fand Tinker und Luc. Jeder der beiden Männer war in seine eigene wie auch in die Lust des anderen vertieft. Sie teilten ihre Empfindungen. Tia schloss sich diesem gedanklichen Festmahl an. Sie schenkte beiden Männern den Genuss, zu spüren, wie es für sie war, dass zwei harte Schwänze in ihren engen, feuchten Passagen ein und aus gingen. Sie nahm im Gegenzug die Empfindungen der Männer als ihre eigenen an. Sie spürte, wie Lucs Schwanz sich an Tinkers rieb. Und dann erlebte sie alles aus Tinkers Perspektive.

Ihre beiden Öffnungen waren heiß und eng und achso nass. Die Männer liebten es. Fast so sehr, wie Tia selbst es liebte. Es trieb ihr die Luft aus den Lungen, als sie mit Lucs und Tinkers wachsender Erregung immer höher flog. Sie blieb im Verstand der beiden Männer. Sie war eine sinnliche Voyeurin und teilte mit den beiden die Welle der Erregung, die über ihr zusammenschlug.

Tia wusste es als Erste, als Luc und Tinker sich gleichzeitig dem Höhepunkt näherten. Jeder von ihnen stieg höher und höher. Der Druck baute sich zu unerträglicher Spannung auf, das Blut rauschte in ihren Adern, und die Luft pfiff aus den Lungen. Lucs Arme umschlossen Tia. Er hielt sie fest umklammert und stieß in sie. Sie spürte, wie sein krauses Schamhaar ihre Hinterbacken kratzte. Zugleich vergrub Tinker sich tief in ihr. Seine harten Eier drückten sich gegen Lucs Hoden.

Sie wusste, wie es sich anfühlte. Wie sehr Luc das Gefühl mochte, wenn Tinkers Hodensack gegen seinen klatschte. Wie sehr er es liebte, wenn sein Schwanz sich an dem seines Gefährten rieb und die beiden nichts trennte, außer einer dünnen Haut in Tias Körper.

Tia öffnete ihren Verstand, ihr Herz und ihren Körper ... Sie gab sich ganz den Empfindungen hin, den Strukturen von rauer und weicher Haut, von Nässe und Feuchtigkeit ... Hitze ... Es war immer die Hitze eines Manns und Tiers, eines Liebhabers, die sie erregte. Die sie besonders liebte. Die Liebe zu ihrem Gefährten, die Liebe zu ihrem Freund ... Die Liebe zu der besonderen Rasse, die die Chanku waren.

Tinker ging als Erster. Er zog sich in sein eigenes Apartment am anderen Ende des Flurs zurück. Er schüttelte den Kopf und murmelte etwas, das wie »die Zwei versuchen allen Ernstes, mich umzubringen« klang, ehe er leise die Tür hinter sich ins Schloss zog.

Luc ging unter die Dusche. Tia gesellte sich zu ihm und wusch sich. Sie schlüpfte aus der Dusche, noch ehe Luc auf abwegige Ideen kam, wie sie den Rest des Morgens verbringen könnten.

Als er wenige Minuten später aus der Dusche kam, saß Tia in dem alten Schaukelstuhl am Fenster. Ihren nackten Körper hatte sie in einen bunten Quilt gehüllt. Ihre Gedanken waren eine Million Meilen entfernt ... Tatsächlich dachte sie an jemanden, der bloß wenige Blocks von ihrem Zuhause entfernt lebte.

Luc beugte sich über sie und küsste sie. Er richtete sich auf. Sie schnupperte an seinem Unterleib und küsste die feuchten Schamhaarlocken, die seinen schlaffen Schwanz umschmiegten. »Ich liebe dich.«

Warum fühlte sich ihre Kehle eng an, wenn sie ihm das sagte? Warum spürte sie Tränen in den Augen, sobald sie es aussprach?

Luc beugte sich erneut über sie und küsste sie auf den Mund. »Ich liebe dich auch. Aber warum habe ich im Moment den Eindruck, dass du nicht besonders glücklich bist? Du solltest jetzt zufrieden und befriedigt sein, solltest vor Lust strahlen ... Naja, wenigstens solltest du befriedigt sein.«

Tia wünschte, sie könnte jetzt nur daran denken, wie gut sie sich bei Luc fühlte. Aber es gab andere Sorgen, die diesen ruhigen Moment nutzten, um in ihre Gedanken einzudringen. Sie schüttelte den Kopf. Sie war nicht sicher, wie sie ihre Sorgen in Worte fassen konnte. »Ich mache mir Sorgen um Dad.«

Luc richtete sich abrupt auf. Er runzelte die Stirn. Dann schüttelte er grinsend den Kopf. »Was lässt dich nach unglaublich geilem Gutenmorgensex mit zwei absolut perfekten Männern an deinen Vater denken?«

Tia lachte. »Absolut perfekt, ja? Also, wenn du das so siehst ...«

Luc setzte sich auf eine alte Truhe, die unter dem Fenster stand. Er nahm ihre kleineren, kalten Hände in seine und wärmte sie. »Warum sorgst du dich um Ulrich? Der Mann ist so gesund wie ein Pferd, er macht einen verdammt guten Job als Geschäftsführer von Pack Dynamics und ist aktiv an der Suche nach weiteren Chanku beteiligt. Was könnte er sich mehr wünschen?«

Tia zuckte mit den Schultern. »Was wir haben. Eine Gefährtin. Eine Frau, die ihm das Bett wärmt. Eine Seelenverwandte.«

»Süße, ich hasse es ja, dich eines Besseren belehren zu müssen, aber dein Vater hat seit dem Tod deiner Mutter nicht das Leben eines Mönchs geführt. Er ist nachts selten allein.«

»Das ist nicht dasselbe. Anders als wir hat er niemanden, den er wirklich liebt ... Es gibt niemanden, der ihn wahrhaftig liebt. Erinnerst du dich nicht mehr, wie es früher war? Du konntest fünfmal täglich Sex haben, jeden Tag. Trotzdem hast du dich irgendwie leer gefühlt.«

»Fünfmal täglich, ja?« Luc beugte sich vor. Er schnupperte an der empfindlichen Stelle, wo Hals und Schulter aufeinandertrafen. »Wenn wir diesen Rhythmus aufrechterhalten wollen, schuldest du mir aber noch zwei Male.«

Tia kicherte. Sie senkte das Kinn. »Hör auf damit. Ich versuche, ein ernstes Thema mit dir zu besprechen. Ich verspüre eben diese Leere bei meinem Dad. Es ist, als könnte er den Tod meiner Mom nicht hinter sich lassen.«

Luc lehnte sich zurück und legte die Handflächen auf seine Oberschenkel. »Ich weiß genau, was du meinst.« Er seufzte. »Aber was können wir tun? Es ist ja nicht so, als könnten wir einfach nach draußen gehen und für ihn ein Chankuweibchen ausgraben.« Er streckte die Hand aus und versetzte ihr mit der Fingerspitze einen Nasenstüber. »Bei mir hat es zwanzig Jahre gedauert, bis ich dich gefunden habe.«

Sie knabberte an seiner Fingerspitze, ehe ihre Hand seine umschloss. »Ich bin so froh, dass du mich gefunden hast, Luc. So unglaublich froh.«

Die vergangenen Wochen waren für sie noch immer wie ein Traum. Sie war nach San Francisco zurückgekehrt, um einen neuen Job anzunehmen, und hatte gehofft, endlich die wahre Geschichte um den Tod ihrer Mutter zu erfahren. Sie hatte erfahren, dass Camille Mason nicht das Opfer eines namenlosen Straßenräubers geworden war. Nein. Sie war von einem jungen Polizisten erschossen worden. Einem Anfänger, der nur einen Wolf gesehen hatte, der durch den Golden Gate Park rannte.

Ein junger Polizist namens Luc Stone. Tia wusste nicht, dass Luc seither seine Tat jeden Tag bereut hatte und sich bis heute nicht hatte vergeben können, eine junge Frau erschossen zu haben, die zu derselben wunderbaren Spezies gehörte wie er. Sie war eine Chanku. Gestaltwandler, die von einer uralten Blutlinie abstammten. Ihre Vorfahren waren einst auf der rauen, vom Wind gepeitschten Steppe des tibetanischen Hochlands geboren worden.

Aber Luc hatte damals noch nichts von den Chanku gewusst. Er wusste nichts davon, bis er nach Camilles Beerdigung Ulrich Mason gegenüberstand und die Wahrheit über die Frau erfuhr, die er getötet hatte. Ohne Vorwarnung hatte Ulrich Luc gezeigt, was es hieß, wenn man sich von der menschlichen Gestalt in die eines Wolfs verwandelte. Er hatte den jungen Polizisten fast zu Tode erschreckt.

Dann hatte Ulrich Mason ihm von der uralten Rasse der Gestaltwandler erzählt. Er hatte Luc erklärt, Camille sei eine Chanku gewesen. Wie auch Ulrich ... und wie Luc.

Erst als sie in ihre Geburtsstadt heimkehrte, erfuhr Tia schließlich die Wahrheit über ihr eigenes Erbe. Endlich bekam ihr Körper die erforderliche Mischung Nährstoffe, die es ihm erlaubte, sich so zu verwandeln, wie die Natur es für sie vorsah.

Erst damals hatte Tia ihr Chankuerbe angenommen.

Sie blickte in Lucs wunderschöne, bernsteinfarbene Augen. Sie las darin die Vorwürfe, die er sich selbst machte. Das würde nie verschwinden. Obwohl es ein unglücklicher Zufall gewesen war, an dem Luc keine Schuld trug, wusste Tia, dass er sich immer schuldig fühlen würde, weil er Camille Mason getötet hatte.

Er raubte einem jungen Mädchen seine Mutter. Einem wunderbaren Mann nahm er die Gefährtin und beendete das Leben dieser lebhaften, jungen Frau viel zu früh. Tia beugte sich vor und küsste ihn. Luc schlang seine Arme um ihre Schultern und hielt sich an ihr fest, als wäre Tia seine Rettungsleine.

»Wir überlegen uns was«, sagte Tia. »Ich bin nicht sicher, was genau, aber wir müssen doch irgendwas unternehmen.«

Luc nickte. »Du hast recht. Aber für den Moment musst du erst mal eine Klasse Hosenscheißer unterrichten, und ich muss auch zur Arbeit. Wir haben beide einen ziemlich erfüllten Tag da draußen in der Welt, bevor unser Leben wieder spannend wird.« Spielerisch küsste er sie auf die Nase. »Vergiss nicht, meine süße Chanku. Wir wollen heute Nacht mit den Jungs über den Mount Tam laufen. Heute ist Vollmond.«

Der Mond warf ein gespenstisches Licht über die westlichen Ausläufer des Mount Tamalpais und schickte seinen silbrigen Schimmer über das Meer, das sich nicht weit vom Fuß des Bergs bis in die Unendlichkeit erstreckte. Die Lichter von San Francisco glühten im Süden unter einem klaren, wolkenlosen Himmel. Fünf Wölfe versammelten sich auf einer kleinen Lichtung an der südwestlichen Flanke des Bergs. Ihre Augen glommen im Mondenschein wie Sterne.

Vier der Wölfe rangen miteinander. Unter dem dunklen Fell der Männchen spielten die schlanken Muskeln. Scharfe Zähne blitzten im Dunkeln auf, sie bissen einander und wehrten die Angriffe der anderen ab. Ihr Kampf war jetzt vielleicht noch Spiel, aber die Kraft, die in jeder ihrer geschmeidigen Bewegungen lag, wies nur zu deutlich darauf hin, was passieren mochte, wenn aus Spiel Ernst wurde.

Die einsame Wölfin stand in einiger Entfernung. Sie war kleiner und zartgliedriger. Ihre Züge waren feiner als die ihrer männlichen Gefährten, obwohl auch sie selbstbewusst wirkte. Sie schien es zu genießen, die Wölfe beherrschen zu dürfen. Tia setzte sich auf ihre Hinterläufe und beobachtete Luc, Tinker, AJ und Mik, die das nächtliche Ritual durchliefen, wer von ihnen das Alphamännchen war.

Natürlich übernahm irgendwann immer Luc die Führung. Tinker blieb treu an seiner Seite. Mik und AJ, die seit vielen Jahren Liebhaber waren, unterwarfen sich gewöhnlich Luc, ohne allzu großen Widerstand zu leisten.

Luc gehörte selbstverständlich für immer zu Tia. Die Liebe und die Rangordnung im Rudel waren eine wunderbare Kombination.

Tia jaulte einmal, drehte sich um und rannte den Weg hinauf. Die Rauferei hörte sofort auf, und die Männchen schlossen sich ihr wie selbstverständlich an. Dies war der Moment, den sie am meisten liebte. Jetzt spürte sie die Freiheit. Sie liefen als Chanku durch die Wälder, jagten hin und wieder ein Stück Wild oder ein Kaninchen. Die klare, saubere Nachtluft umspielte ihr Fell. Sie verlor sich völlig im Gemeinschaftsgefühl ihres Rudels.

In diesen Nächten schwanden meist ihre menschlichen Sorgen und rückten in den Hintergrund. Sie waren kaum mehr als das ferne Brausen der Autos auf dem nahen Freeway. Die Zunge hing ihr aus dem Maul, und sie wedelte aufgeregt mit dem Schwanz. Nur mühsam hielt Tia ein freudiges Heulen zurück, das vielleicht die Einheimischen darauf aufmerksam machte, dass sich Wölfe im Wald herumtrieben. Sie beschleunigte ihr Tempo und rannte in die Dunkelheit.

Tia liebte die Nacht aus vollem Herzen. Sie liebte die Freiheit der Chanku und die Freiheit, an der Spitze des Rudels zu laufen.

Zumindest unter normalen Umständen.

Heute Nacht lief Tia den anderen jedoch weit voraus. Ihr Herz hämmerte, ihre Chankuaugen suchten nach Gefahr. Ihr menschlicher Verstand weigerte sich, loszulassen. Dem Ruf der Wildnis trotzend machte sich die Frau Sorgen um ihren Vater.

2

Sie liefen mehr als eine Stunde lang. Fünf Wölfe im Mondlicht. Aber dann hob Tia plötzlich den Kopf. Mit offenen Augen und weit geöffneter Schnauze blieb sie stehen. Luc! Ich muss zu Dad! Sofort!

Was ist passiert? Luc kam schlitternd neben Tia zum Halten. Seine scharfen Klauen wirbelten trockene Erdbrocken hoch. Sie wirkte verzweifelt. Ihre Ohren waren angelegt. Sogar ihre Nackenhaare hatten sich aufgestellt, als würde etwas oder jemand sie bedrohen.

Ich weiß es nicht. Ich weiß nur, dass irgendwas Schreckliches vor sich geht. Ich muss sofort zu ihm.

Luc nickte den anderen zu. Geht schon, Jungs. Ich werde Tia heimbringen.

Braucht ihr unsere Hilfe?

Tinker, stets um sie besorgt, wartete Lucs Antwort ab. Luc schüttelte den Kopf. Nein. Genießt die Nacht. Ich bin sicher, es kommt alles wieder in Ordnung.

Tinker nickte. Er wirbelte herum und jagte Mik und AJ nach. Luc und Tia rannten zurück zu ihrem Auto. Innerhalb weniger Minuten hatten sie ihre Gestalt gewandelt, sich wieder angekleidet und waren auf der Golden-Gate-Brücke unterwegs zurück nach San Francisco.

Tia knetete ihre Hände. Sie war offenbar sehr besorgt, denn als Luc versuchte, sie zu trösten, merkte er, dass sie ihren Verstand vor ihm verschloss, um ihre Gedanken zu verbergen. Sie starrte geradeaus, als könnte sie so den Verkehr zwingen, sich aufzulösen, damit sie schneller vorankamen.

Als sie Ulrichs Haus im Marina District erreichten, sprang Tia aus dem Wagen und rannte den Weg zum Haus hoch, ehe Luc auch nur den Motor ausschalten konnte. Er folgte Tia die Stufen hinauf. Er spürte ihre Angst und die überwältigende Sorge um ihren Vater.

Er fühlte nichts, das von Ulrich kam. Überhaupt nichts. Und plötzlich war auch er in Sorge um seinen engsten Freund.

Als Luc das Haus betrat, ergab das alles einen schrecklichen Sinn. Tia kniete zu Ulrichs Füßen. Sie hielt einen geladenen Revolver in der Hand. Sorgfältig entfernte sie alle Patronen aus der Trommel.

»Warum, Dad? Warum verschwendest du auch nur einen Gedanken daran ...«

Ulrich schüttelte den Kopf. Seine Stimme klang schleppend. Offenbar hatte er sich betrunken. »Ich habe doch schon längst beschlossen, es nicht zu tun, Liebling. Es tut mir leid, dass du mich so finden musstest.«

»Ach, Daddy ...« Tia legte den leeren Revolver auf den Tisch. Sie beugte sich vor und schloss ihren Vater in die Arme. Luc hielt sich zurück. Er wollte in einem so persönlichen Moment nicht im Weg stehen. Schuldgefühle nagten an ihm. Wenn Camille noch lebte, wäre Ulrich nicht allein. Er würde nicht trinken und mit einer geladenen Waffe herumspielen.

Ulrich hob den Kopf. Seine Augen wirkten auf einmal überraschend klar. Er starrte Luc an. Das ist nicht wahr, Luc. Es geht hier nicht um dich. Er fuhr mit der Hand über das zerzauste Haar seiner Tochter und drückte sie an sich. Liebling, würdet ihr mir einen Gefallen tun? Luc und du?

Tia hob den Kopf. Durch einen Tränenschleier blickte sie ihn an. Die Verzweiflung, die ihr ins Gesicht geschrieben stand, zerriss Luc fast das Herz. »Wir würden alles für dich tun, Daddy. Alles, was du willst.«

Ulrich seufzte. »Ich habe heute Abend ein ausgiebiges Gespräch mit Anton Cheval geführt. Er hat mir zuvor einen Brief geschrieben, der mich heute Nachmittag erreichte. Bitte glaubt mir, dass ich nicht von allen guten Geistern verlassen bin. Ich möchte, dass du und Luc mich nach Montana begleitet. Anton glaubt, er könne mit dem Geist deiner Mutter Kontakt aufnehmen. Er sagt, Keisha hätte Camilles Gegenwart in ihren Träumen gespürt. Sie ist in der Nähe. Sie braucht jemanden, der mit ihr kommuniziert. Die Sache ist nun die, dass Anton etwas ausprobieren möchte, das deine Mutter zurückbringt, wenn auch nur für eine kurze Zeit.«

Tia saß auf den Fersen. Sie wirkte fassungslos und machte auf Luc einen verunsicherten Eindruck. Er blickte von Tia zu ihrem Vater. Was Ulrich da vorschlug, klang einfach unglaublich. Aber Anton Cheval, das Alphamännchen der Chanku, hatte schon bei mehr als einer Gelegenheit bewiesen, dass er das Unmögliche möglich machen konnte. Es lag Luc jedenfalls fern zu behaupten, der Mann könne nicht alles verwirklichen, was er wollte.

Anton war nicht nur ein Alpha-Chanku, sondern auch ein mächtiger Zauberer, der über Fähigkeiten verfügte, die die aller Zauberer, denen Luc begegnet war, übertrafen. Tatsächlich war es allgemein bekannt, dass Anton bereits ein mächtiger Zauberer gewesen war, als er bei der Suche nach uralten, geheimnisvollen Ritualen sein Chankuerbe entdeckte.

Wenn es jemanden gab, der eine Tote zurückbringen konnte, war es Anton. Tia war offenbar zum selben Schluss gekommen. Sie nickte. »Was immer du willst, Dad. Wann?«

Ulrich zog einen Umschlag aus der unteren Schublade des Tischs, der neben seinem Stuhl stand. Er öffnete langsam den Umschlag und zeigte ihn Tia. »Es muss noch diese Woche passieren. Wenn wir es überhaupt versuchen wollen, geht es nur in der Nacht von Halloween. Samhain.«

Tia runzelte die Stirn. »Sam-was? Was ist das?«

»Es ist im Grunde nur ein anderer Name für Halloween. Laut Anton ist in dieser Nacht der Vorhang zwischen den Lebenden und den Toten weit genug geöffnet. Die Zeitspanne reicht jedoch nur von Mitternacht bis Sonnenaufgang. Anton glaubt, er kann in dieser kurzen Spanne mit deiner Mutter Kontakt aufnehmen. Aber es geht nur, wenn wir alle dort sind und sie gemeinsam rufen.«

Ulrich blickte Luc direkt an, während er sprach, obwohl seine Worte ausdrücklich an Tia gerichtet waren. Luc spürte, wie ein Schauer über seinen Rücken rann. In der Stimme des alten Mannes lag etwas unglaublich Intensives.

»Wir drei sind die Menschen, die deiner Mutter das Meiste bedeutet haben. Ich war ihr Ehemann.« Er strich Tias Haar aus ihrem Gesicht und küsste sie auf die Stirn. »Du bist ihr einziges Kind.«

Dann wandte er sich erneut an Luc. »Und du, Lucien, bist der Mann, der ihrem Leben ein Ende setzte. Nein. Sieh mich nicht so an. Camille hat es sich selbst zuzuschreiben. Ihre Taten und nicht deine haben zu ihrem Tod geführt. Es war nicht dein Fehler. Dennoch verbinden wir alle mit Camilles Tod einen schweren Verlust. Manchmal glaube ich, dass du sogar mehr verloren hast als Tia und ich, Luc. Du hast deine Unschuld verloren, deine Selbstsicherheit. Ich hoffe aber, durch die Offenbarung deines Chankuerbes bist du in gewissem Sinne für den Verlust entschädigt worden.«

Luc sank auf die Couch. »Ich weiß nicht, was ich sagen soll.« Er fuhr mit den Händen über seine Augen, als könne er mit dieser Bewegung die Erinnerung an die atemberaubend schöne Wölfin vertreiben, die ihn über das frisch gemähte Gras hinweg angestarrt hatte. Als könne er die hellrote Blume aus Blut vergessen, als seine Kugel in die Schulter des Tiers eindrang. Oder den gekrümmten Leichnam einer schönen Frau, die vor ihm auf dem Boden lag.

Luc hob den Kopf und blickte in Tias Augen. Er erwartete, Verachtung darin zu sehen. Und fand doch nur Liebe. An ihren Vater gewandt fragte sie, ohne den Blick von Luc zu lassen: »Wann fahren wir, Dad?«

Ulrich räusperte sich. »Wir fahren morgen. Anton schickt uns seinen Privatjet. Er braucht ein paar Tage, um sich darauf vorzubereiten, und es ist ihm lieber, wenn wir dann in der Nähe sind. Er sagt, er hat sowas noch nie versucht.« Ulrichs Stimme brach. Er hustete und seufzte dann schwer. »Ich danke euch beiden. Ob wir nun Erfolg haben werden oder nicht, uns wird wenigstens das Wissen bleiben, es versucht zu haben.«

Tinker gesellte sich in dieser Nacht nicht zu ihnen. Tia hörte, wie sich die Tür zu seinem Apartment am anderen Ende des Flurs öffnete und wieder schloss. Sie hörte auch Miks und AJs Lachen. Offenbar hatten die drei Männer sich dazu entschlossen, die Nacht gemeinsam zu verbringen. Tia lag mit Luc allein in dem großen Bett. Sie war froh, dass in dieser Nacht nur ihr Seelengefährte bei ihr war.

Sie hatte den Schmerz ihres Vaters, wenn auch nur einen Moment lang, allzu deutlich gespürt. Dann hatte er den Schmerz vor ihr abgeschirmt, um das Schlimmste vor seinem einzigen Kind zu verbergen. Tia war schockiert gewesen: von seiner Wut und von dem Zorn, den er nach all den Jahren noch immer in seinem Herzen mit sich herumtrug. Er vermisste seine Frau schrecklich, und er liebte sie noch immer. Aber er hatte Camille bis heute nicht vergeben, weil sie diese dumme Entscheidung getroffen hatte, bei Tageslicht als Chanku herumzulaufen. Bei Tageslicht war das Risiko, entdeckt zu werden, zu groß.

Ulrich hatte es Tia bisher nie gestattet, so tief zu seinen wahren Gefühlen vorzudringen. Er sprach von Tias Mutter immer voller Liebe und Verehrung. Zum ersten Mal hatte sie die Wut gespürt, die direkt unter der sonst so ruhigen Oberfläche ihres Vaters köchelte.

Er hatte diese Wut in den letzten zwanzig Jahren mit sich herumgetragen. Hatte sie in sich köcheln und gären lassen, während er zugleich nur liebevoll und warm von Camille sprach. Tia lag wach und dachte über ihre eigenen Gefühle nach. Ja, sie vermisste ihre Mutter. Sie vermisste die Umarmungen, an die sie sich nicht mehr erinnern konnte, vermisste die Gutenachtgeschichten, die ihre Kindheit prägten. Vermisste das herzliche Lächeln und die bedingungslose Liebe, die nur eine Mutter geben konnte.

Aber erinnerte sie sich überhaupt noch an diese Liebe? So vieles in Tias Kindheit blieb in der Erinnerung leer. Dort, wo die guten Gefühle liegen sollten, klaffte eine große Lücke.

Ihre Erinnerungen, diese kleinen Vignetten, an die sie so gerne wehmütig dachte, waren bloß Fantasien, die Tia im Laufe der Jahre erschaffen hatte. Ereignisse und Bilder von Dingen, von denen sie wusste, dass sie sie mit ihrer Mutter gemacht haben musste. Aber es fehlte diesen Bildern an Überzeugung, am Wahrheitsgehalt. Mit den Kindheitsfantasien vermischte sich vor allem ein starkes Gefühl von Wut und Ablehnung. Das waren Gefühle, die Tia bisher nicht hatte erkunden wollen.

Heute Nacht aber hatte ihr Vater sie so sehr erschüttert, dass Tia gezwungen war, sich der Wahrheit zu stellen. Camille hatte für die Freiheit, als Wölfin laufen zu können, alles aufs Spiel gesetzt. Es hatte ihr nicht mehr gereicht, nur nachts zu laufen. Sie hatte ihre Tochter dazu verdammt, ohne Mutter aufzuwachsen, hatte ihren Mann dazu verdammt, ein Leben ohne seine Seelengefährtin zu führen. Sie hatte auch einen jungen Mann dazu verdammt, sich ein Leben lang schuldig zu fühlen, weil sie einen sinnlosen Tod gestorben war.

Diese Gefühle überschwemmten Tia wie eine kalte Dusche. Sie schlang die Arme um ihren Körper und zitterte.

Plötzlich war sie sich der fehlenden Nähe zwischen Luc und sich bewusst. Tia streckte die Hand nach ihm aus. Er kam gerne zu ihr, schmiegte sich bereitwillig an sie. Tia wusste, dass auch er sich wegen ihrer Reise nach Montana sorgte. Er fürchtete, dass Anton tatsächlich Erfolg haben könnte.

Jetzt vermischte sich Scham mit ihrer unterdrückten Wut. Lucs Erinnerungen mussten schrecklich sein. Wie hatte ihr nur entgehen können, was ihm durch den Kopf ging?

Luc fürchtete sich davor, dem Geist der Frau zu begegnen, die er einst umgebracht hatte.

Tia wandte sich ihm zu. Sie öffnete die Arme und bot ihm an, bei ihr Trost und Vergebung zu finden. Zugleich ließ sie in ihrem Verstand sämtliche Barrieren fallen.

»Ich liebe dich«, flüsterte sie. »Was auch passiert, ich werde dich immer lieben.«

Ein friedliches Gefühl überkam Luc. Das gute Gefühl, dass, was auch geschah, ihm Tias Liebe immer blieb. Luc schnupperte an der weichen Haut unter ihrem Kinn. Er küsste sie am Hals und fand ihre linke Brust. Unter der goldenen Haut pochte ihr Herz gleichmäßig.

Einen kurzen Moment lang zögerte er, weil er sich wieder daran erinnerte, wie Camille im feuchten Gras vor ihm gelegen hatte. Rote Blutspritzer waren über ihre Brust verteilt gewesen, und die blicklosen Augen waren nur noch eine tragische Parodie der Augen ihrer Tochter, die stets so lebendig wirkten.

So lebendig wie auch Camilles vor jenem lange zurückliegenden Tag gewesen sein mussten.

Tia schlang die Arme um Lucs Nacken und zog ihn an sich. Ihre Lippen waren warm, ihre Zunge lebhaft und voller Leidenschaft. Sie leckte über seine Lippen und drang in dem Moment mit der Zunge in seinen Mund ein, als er sich für sie öffnete.

Luc lächelte. Er spürte ihre Erregung. Wie sich ihr Körper nach seinem verzehrte. Es gab keinen Grund, warum er das Vorspiel unnötig in die Länge ziehen sollte. Kein Grund, sie zu reizen oder zu quälen. Dieses Mal ließ er einfach seine Hand nach unten gleiten. Er fand ihre nasse und für ihn bereite Spalte. Seine Faust umfasste seinen Schwanz. Mit einem einzigen Stoß war Luc in ihr. Er spürte, wie sich ihre Muskeln fest um ihn schlossen, als wolle sie ihn begrüßen. Er wusste, sie war für ihn bereit.

Mit dem zweiten Stoß drang er tiefer in sie ein und stieß gegen ihre Zervix. Luc zog sich langsam zurück. Er schwelgte in der Umklammerung ihres Geschlechts. Erneut stieß er tief in sie und zog sich zurück.

Er spürte, wie Tias Finger über seine Oberschenkel und seine Pobacken huschten. Ein Finger schlüpfte in seine Gesäßfalte, und sie fuhr mit diesem Finger langsam von seinem Arsch bis zu seinen Hoden.

Er spürte die Finger neben seinem Penis. Sie fuhr durch die Nässe, die seine langsamen Stöße bei ihr verursachten. Ihr feuchter Finger fuhr über seine Hoden und sein Perineum, bis sie wieder seine Gesäßfalte erreichte.

Luc stöhnte. Sein ganzer Körper schien sich nur auf Tias Liebkosungen zu konzentrieren. Endlich fand sie den engen Ring seines Schließmuskels. Sie massierte den empfindlichen Muskel, ehe sie mit ihrem kühlen, nassen Finger so tief eindrang wie nur möglich.

Er war seit Jahren schon nicht mehr gezwungen gewesen, sich beim Sex in Gedanken das kleine Einmaleins aufzusagen, aber Tias Finger, der mit jedem Stoß tiefer in ihn eindrang und schon bald in den Rhythmus von Lucs eigenen Stößen fand, war mehr, als er ertrug. Sie trieb ihn in unbekannte Höhen.

Plötzlich drückte sie den Finger gegen einen kleinen Punkt, an dem jede Nervenfaser seines Körpers ihren Ausgang zu nehmen schien.

Es war, als durchdringe ein elektrischer Schlag seinen Körper. Lucs Höhepunkt zuckte wie ein leuchtender Komet durch seinen Unterleib. Er drückte den Rücken durch, und seine Ejakulation schoss in Tia. Er schrie auf, als sie mit einem zweiten Finger in ihn eindrang. Sie füllte seinen Arsch aus und drückte weiter auf diesen magischen Knopf in seinem Innern.

Lucs Höhepunkt hielt an. Tia folgte ihm. Sie schrie und zuckte. Ihre Finger glitten aus seinem Körper.

Sie klammerten sich aneinander. Beide zitterten nach diesem herrlichen Orgasmus. Sie wussten nicht, was der morgige Tag ihnen brachte. Aber sie waren sich der Kraft ihrer Liebe absolut sicher. Sie wussten, dass sie zusammengehörten.

Auf dem San Francisco International Airport stiegen sie in Antons Privatmaschine. Oliver, der Leibdiener des Magiers, hieß sie an Bord willkommen. Luc, Tia und Ulrich nahmen in den bequemen Sesseln Platz und bereiteten sich auf den Flug nach Montana vor.

Luc fand für Tia eine Decke, damit sie sich ein bisschen ausruhen konnte. Er hatte sie letzte Nacht die meiste Zeit wach gehalten. Er hatte sie geliebt, um sie von der bevorstehenden Reise abzulenken. Jetzt war sie zufrieden und müde und rollte sich in dem breiten Sessel unter der Decke zusammen.

Ulrich saß allein. Sein Gesicht war regungslos, und zu seinen Gedanken konnte Luc auch nicht vordringen.

Sobald er sich um die anderen beiden gekümmert hatte, suchte Luc Oliver im vorderen Bereich des Flugzeugs auf. Er hegte eine gewisse Sympathie für den kleinen Mann, dessen Alter niemand so genau bestimmen konnte. Auch woher er stammte, wusste niemand. Er erfüllte aber eine so große Bandbreite von Aufgaben für den mächtigen Zauberer, dass es egal war, woher er kam.

Eines Tages werde ich Olivers Geschichte erfahren, dachte Luc.

Sie vertrieben sich den Flug nach Montana mit ein paar Partien Cribbage. Tia schlief, und ihr Vater starrte stumm aus dem Fenster. Am Ende der Reise war der Spielstand zwischen Luc und Oliver unentschieden.

3

Luc und die anderen waren zuletzt vor ein paar Monaten bei dem Montanarudel zu Besuch gewesen, als man Ulrich entführt hatte. Obwohl es noch nicht so lange her war, war die Wandlung, die die Landschaft in der kurzen Zeit durchlaufen hatte, berauschend. Grelle Tupfen in Orange, Gold und Rot vermischten sich mit dem dunklen, immergrünen Wald. Die hellen Wiesen waren braun geworden, und in der Luft lag schon der erste Hauch Frost.

Auch mit Ulrich war seither eine Veränderung vor sich gegangen, wenngleich diese Veränderung während des Flugs und nicht über Monate vonstattengegangen war. Er betrat das ausgedehnte Haus mit den geschmeidigen Bewegungen eines selbstbewussten Alphatiers. So kannte Luc ihn. Tia jedoch wirkte ruhiger und in sich versunken. Ihre geistigen Schutzschilde waren hoch, sie ließ ihn nicht an sich heran.

Ihre Miene heiterte sich erst auf, als ihre Cousine Keisha auf der vorderen Veranda auftauchte. Sie hatte sich bei Anton Cheval unterhakt.

Luc zögerte und blieb beinahe stehen. Er spürte etwas Geheimnisvolles, das Chevals Gefährtin umgab. Er betrachtete nachdenklich die hochgewachsene, schlanke Afroamerikanerin. Er starrte sie so lange an, dass Tia sich zu ihm umdrehte und ihn fragend anblickte.

Keisha trug offenbar mehr mit sich herum als nur ein Geheimnis. Obwohl ihre schlanke Taille noch fast unverändert wirkte, war da noch etwas anderes: das Strahlen ihrer Augen und die Art und Weise, wie sie beschützend die Hand über ihren Unterleib legte. Als Luc eine Braue hob und Anton Cheval fragend anblickte, konnte sich der Zauberer ein breites Grinsen nicht verkneifen.

»Keisha?« Plötzlich bemerkte Tia die stumme Verständigung zwischen den Dreien. »Du bist schwanger? Oh mein Gott!« Tia lief die breiten Stufen hinauf. Sie umarmte ihre Cousine. Tia weinte, und Anton strahlte stolz.

Luc folgte Tia langsam auf die Veranda. Er beobachtete die beiden Frauen, die sich umarmten. Ohne es bewusst zu wollen, stellte er sich gerade vor, wie in Tia sein Kind heranwuchs. Wie ihr flacher Bauch allmählich anschwoll und ihre Brüste größer wurden.

Verlangen durchströmte Luc. Es war ein Drang, als wollte er diese Vision sofort in die Tat umsetzen. Seine Sehnsucht traf ihn mit einem so starken Schlag, dass es ihn erschütterte. Er verharrte auf der Treppe, hielt den Atem an und schüttelte das Gefühl ab. Dann erst wandte er sich an Anton. Er strahlte ihn an und gab ihm die Hand.

»Glückwunsch!«

»Danke. Wir sind sehr aufgeregt, aber ...« Anton warf Keisha einen heimlichen Seitenblick zu. Doch seine Gefährtin war völlig von Tia vereinnahmt. Also führte Anton Luc und Ulrich beiseite. »Ich bin froh, dass ihr gekommen seid. Beide. Ich vermute, Ulrich hat dir schon ein bisschen davon erzählt, was hier los ist, Luc. Aber es gibt noch viel mehr, das ich bisher niemandem erzählt habe. Die Heimsuchungen, und nur so kann ich sie nennen, begannen kurz nachdem Keisha das Kind empfangen hatte. Zuerst träumte sie nur von ihrer Tante Camille. Die Träume wurden zunehmend intensiver. Die Intensität von Camilles Gegenwart ist sehr beunruhigend. Ich mache mir Sorgen um meine Seelengefährtin, Ulrich. Ich habe Grund zu der Befürchtung, dass deine verstorbene Frau sich auf sie fixiert hat.«

Ulrich schüttelte den Kopf. Er war offensichtlich verwirrt. Luc beobachtete Keisha. Unwillkürlich verglich er sie mit Tia.

Abgesehen von Keishas dunklerer Hautfarbe war die Ähnlichkeit gewaltig. »Sah Camille Keisha ähnlich?«

Ulrich nickte. »Sogar sehr. Die Ähnlichkeit ist verblüffend.«

»Dann könnte es doch sein, dass sich Camilles Geist auf Keishas ungeborenes Kind fixiert, weil es sie an ihre eigene Tochter erinnert? Vielleicht sieht sie Keisha und denkt an ihre eigene Schwangerschaft mit Tianna.«

Anton wandte sich um. Nachdenklich betrachtete er seine Frau, ehe er sich wieder an Luc wandte. »Daran habe ich bisher noch nicht gedacht, aber das wäre für mich verständlich. Bislang ist es jedenfalls ziemlich beunruhigend. Ihre Gegenwart ist inzwischen so stark, dass sogar ich sie sehen kann. Ich weiß, sie ist unglücklich. Es gibt etwas, das sie in der irdischen Welt festhält, aber sie kann uns offensichtlich nicht selbst sagen, was es ist oder warum es sie hier festhält. Wir müssen herausfinden, was sie zurückhält. Was sie daran hindert, den Weg zu gehen, den alle Toten nach dem Sterben gehen.«

Ulrich wandte sich von Luc und Anton ab. Er starrte hinaus auf die Wiese, die sich vor dem Haus erstreckte. Seine Stimme klang gefasst und abwehrend. »Meine Ehefrau war eine erstaunliche Frau. Lebhaft. Großartig und stur, und es war schwer, sie irgendwie zu kontrollieren. Aber sie war sehr liebevoll. Ich kann mir nicht vorstellen, dass sie deiner Frau oder dem Kind Schaden zufügen würde.«

Anton trat neben Ulrich und legte die Hand auf seine Schulter. »Ich glaube auch nicht, dass sie jemandem schaden möchte. Aber sie steckt anscheinend in ernsthaften Schwierigkeiten. Ich möchte ihr gerne helfen, nicht ihr irgendwas antun. Außerdem will ich mit meiner Frau einen friedlichen Nachtschlaf genießen, ohne dass Camille sich in unserem Schlafzimmer herumtreibt.« Anton grinste und zuckte die Achseln. »Deine Frau muss endlich ihren Frieden finden, damit sie uns in Ruhe lässt. Ich habe mich eingehend mit den Ritualen beschäftigt und habe nach einer Lösung gesucht, die für alle Beteiligten gut ist. Und dazu zähle ich auch den Geist deiner Frau.«

Anton warf Luc einen Blick zu, ehe er leise an Ulrich gewandt weitersprach. »Jedenfalls: Worum ich dich bitte, könnte für dich auch schmerzhaft sein. Ich will etwas ausprobieren, das ich noch nie versucht habe. Ich würde dich gerne durch den Schleier schicken, der die Welten der Lebenden und der Toten trennt. Du sollst von der körperlichen in die ätherische Welt eintreten. Ich möchte dich fragen, ob du bereit bist, eine Nacht mit Camille zu verbringen und dich auf die spirituelle Ebene zu begeben. Sieh zu, ob du herausfindest, was sie zwischen den Welten hält. Was wir ihr geben können, damit sie endlich Frieden findet.«

Zwischen den Männern entstand ein langes Schweigen. Als Ulrich sich schließlich umdrehte, standen ihm Tränen in den Augen. »Wenn du mir noch eine letzte Nacht mit der Frau geben könntest, die ich in all den Jahren immer geliebt habe, wäre das ein Geschenk von unschätzbarem Wert. Wenn es irgendwie möglich ist, ihr endlich ihren Frieden zu schenken ...« Seine Schultern sackten nach vorn. Ulrich atmete tief durch. »Wenn es etwas gibt, das uns alle endlich Frieden geben kann, müssen wir tun, was zu tun ist.«

Anton nickte bedächtig, als müsse er Ulrichs Worte und seine Antwort darauf sorgfältig abwägen. »Das Schwerste wird sein, mein Freund, dass du nicht durch den Schleier treten und auf der anderen Seite bei deiner Frau bleiben darfst. Der schwierigste Teil wird der sein, wenn du zurückkehren möchtest. Du musst vor Sonnenaufgang zu uns zurückkommen. Sonst bleibst du auf ewig auf der anderen Seite.«

Ulrich sank noch mehr in sich zusammen. »Ich verstehe. Es wird sein, als würde ich sie ein zweites Mal verlieren. Nur dass es diesmal für immer sein wird.«

Anton schüttelte den Kopf. »Nein, so lange wird es nicht dauern. Unser Leben auf Erden ist verglichen damit sehr kurz. Die Ewigkeit dauert ewig an.« Anton musste über seinen eigenen Witz lachen. »Du musst mir aber versprechen, dass du aus freien Stücken zurückkommst. Sonst kann ich es nicht riskieren, dich auf die andere Seite zu schicken. Aber so wie ich dich kenne, weiß ich, dass du ein Mann bist, der zu seinem Wort steht.«

Ulrich zögerte nur kurz. Dann nickte er und umfasste Antons Hand mit seiner. Erst jetzt merkte Luc, dass er unwillkürlich die Luft angehalten hatte. Er ließ die Luft entweichen und seufzte leise. Dieses ganze Gerede über Tod und Schleier und Welten. Nichts davon ergab für ihn einen Sinn. Er beobachtete Tia und Keisha, die noch immer angeregt plauderten. Tias Hand ruhte auf Keishas fast noch flachem Bauch. Ihre Gesichter strahlten. Sie lachten.

Das ergab für ihn einen Sinn.

Ein Schauer rann über seinen Rücken.

Luc hatte das Gefühl, eine Hand würde über seine Wange streicheln. Dann schwebte dieses geisterhafte Wesen zum Haus. Er drehte sich um und suchte Antons Blick. Er sah, wie Anton diesem Nichts hinterherblickte, das die Haustür ansteuerte. Anton wandte sich zu Luc um. Seine bernsteinfarbenen Augen richteten sich geradezu hypnotisierend auf Luc.

Ja, das war sie. Du hast es nicht geglaubt. Anton wirbelte herum und schlug Ulrich freundschaftlich auf den Rücken. »Komm mit ins Haus«, sagte er, als wäre der Geist von Ulrichs Frau nicht gerade über die Veranda spaziert. »Alexandria und Stefan haben für uns ein spätes Mittagessen vorbereitet. Wir können das, was auf uns zukommt, am besten bei einer guten Mahlzeit besprechen.«

Ulrich saß am Ende der langen Tafel. Hier spürte er die Einsamkeit, die ihn von den anderen am Tisch trennte, deutlicher als zuvor. Jeder hatte einen Liebhaber oder eine Geliebte. Jeder hatte einen Gefährten, wie er einst Camille gehabt hatte.

Verflucht sollte sie sein! Warum hatte sie so viele Risiken eingehen müssen? Ulrich fragte sich, ob er irgendwann die Wut überwinden würde oder das Gefühl von Hilflosigkeit, das ihn jedes Mal überkam, wenn er an den Verlust der einzigen Frau dachte, die er je geliebt hatte.

Hatte nicht ihre abenteuerlustige Persönlichkeit einen Teil ihres Zaubers ausgemacht? Hatte er sich nicht zu dieser übermütigen Eigenschaft hingezogen gefühlt? Zu ihrer Kraft, ihrer Überlegenheit als Frau?

Ja. Ulrich seufzte.

Ob es ihm irgendwann möglich sein würde, an Camille zu denken, ohne sie für die Jahre, die er ihretwegen in Einsamkeit hatte verbringen müssen, verantwortlich zu machen?

Camille hatte so viel verpasst. Ulrich fing ein Lächeln von Tia auf und erwiderte es strahlend. Wer hätte gedacht, dass er etwas dazu beigetragen hatte, diese hübsche, junge Frau zu kreieren? Sie war strahlend schön und ebenso stur wie ihre Mutter. Aber ihre Sturheit wurde durch Ulrichs eigenen gesunden Menschenverstand abgemildert.

Verflucht soll sie sein! Camille hätte da sein sollen, sie hätte ihm helfen sollen, die gemeinsame Tochter großzuziehen.

Aber wenn sie da gewesen wäre - ob Tia sich dann auch zu so einer wunderbaren Frau entwickelt hätte? Ob aus ihr sogar etwas Besseres geworden wäre? Ulrich konnte sich nicht vorstellen, was an Tia noch verbessert werden könnte.

Und dann war da noch Luc. Er war für ihn wie der Sohn, den er nie gehabt hatte. Der Sohn, den Camille ihm vielleicht geschenkt hätte, wenn sie noch lebte. Luc hatte Camilles Leben ein abruptes Ende gesetzt, und er hatte sein Bestes gegeben, um für das zu büßen, was er als seine ungeheuerlichste Sünde ansah. Er hatte mehr als nur dafür gebüßt. Er war inzwischen unentbehrlich, und, was viel wichtiger war, er wurde geliebt.

Antons Lachen lenkte Ulrichs Aufmerksamkeit von seinen Gedanken ab. Das Alphamännchen des Montanarudels lachte nicht oft, aber es war für jeden ersichtlich, dass das Kind, das Keisha unter dem Herzen trug, den düsteren Zauberer weicher machte. Gewöhnlich war es Stefan, der in einer Runde wie dieser lachte und Scherze machte oder seine Rudelgefährten neckte.

Die Liebe, die den Raum erfüllte, war geradezu greifbar. Ein lebendiges Wesen, das wuchs und Ulrich dennoch ausschloss, weil er einsam war. Anton und Keisha, Alexandria und Stefan, seine eigene Tochter Tia und der Mann an ihrer Seite. Jeder hatte jemanden.

Ulrich seufzte und schloss die Augen, um das aufkommende Selbstmitleid zurückzudrängen. Er wurde wohl langsam alt, wenn er so rührselig wurde.

Nicht alt, mein Liebster. Du bist bloß einsam.

Camille?

Sie musste es sein. Ulrichs Kopf drehte sich ruckartig nach ihr um. Aber natürlich stand niemand hinter ihm.

Bald. Wir sind schon bald wieder zusammen.

Er musste unter Halluzinationen leiden. Dinge hören, die nicht da waren. Die Gespräche um ihn umgaben ihn wie Wellen, wie Ebbe und Flut. Das Licht der späten Nachmittagssonne strömte durch die Fenster in das Speisezimmer ... Aber nein. Es konnte unmöglich die Stimme seiner verstorbenen Frau sein, die er hörte.

Ulrich blickte auf. Er merkte, dass Anton ihn beobachtete. Das leichte Nicken und das leise Lächeln, mit dem der Magier ihn bedachte, ließ Ulrich erschauern.

Anton schob seinen Stuhl am Kopfende der Tafel zurück und stand auf. Er schlug leise mit der Gabel gegen sein Weinglas. Das Kristallglas klingelte wie ein Glöckchen. Das Geplauder und Gelächter verstummte augenblicklich.

»Zuerst will ich unsere Gäste offiziell willkommen heißen.« Anton nickte erst Tia und Luc zu. Dann ruhte sein Blick auf Ulrich. »Ich will euch außerdem genau erklären, was ich vorhabe. Es gibt einige Vorbereitungen, die wir alle im Vorfeld treffen müssen, bevor wir uns morgen Nacht für das entscheidende Ereignis zusammenfinden.«

Keisha blickte lächelnd zu ihrem Gefährten auf. Erneut fühlte Ulrich sich an Camille erinnert. War diese Ähnlichkeit zwischen den beiden Frauen der Grund, dass Camille wieder aufgetaucht war? Oder hing es mit dem Kind zusammen, das in Keishas Leib heranwuchs?

»Halloween beziehungsweise Samhain ist traditionell die Zeit des Jahres, zu der wir unsere Toten ehren. Es ist die Nacht im Jahr, in der der Schleier zwischen den Lebenden und den Toten besonders durchscheinend ist. In dieser Zeit können die Toten einfacher von ihrer ätherischen Welt in unsere irdische wechseln. Keisha und ich haben Camilles Präsenz auf dieser körperlichen Ebene gespürt. Sie ist hier, in der Welt der Lebenden. Und sie sollte hier nicht sein. Aber sie wird jede Nacht stärker. Wenn alles klappt, will ich morgen Nacht zwei Dinge tun. Zunächst will ich herausfinden, was genau Camille hier hält. Und ich hoffe, ich kann außerdem Ulrich die Chance geben, mit seiner Frau alles abzuschließen, das noch offen ist. Ich glaube, dieser fehlende Abschluss ist es, der sie noch immer in der Welt der Lebenden festhält.«

Ulrich starrte Anton an. Lange sprach niemand, während er über die Worte des Magiers nachdachte. Anton hatte ihn soeben beschuldigt, noch immer an Camilles Geist zu hängen und sie zurückzuhalten. Der wahre Grund ihres Besuchs ging ihm plötzlich auf. Alles ergab einen Sinn. »Ich habe bisher noch nicht so darüber nachgedacht, aber im Grunde bittest du mich darum, Camille ein zweites Mal zum Tode zu verurteilen.«

Anton schüttelte den Kopf. »Nein, mein Freund. Sie ist bereits tot. Ich bitte dich nur, ihr endlich ihren Frieden zu schenken.«

Wenn man es so nimmt ... »Was soll ich tun?« Ulrich griff nach seinem Weinglas. Er merkte, dass seine Hand zitterte, und legte sie neben seinem Teller flach auf den Tisch.

»Wir alle müssen uns vorbereiten. Ich brauche die geballte Energie von euch allen, die mit mir in diesem Raum sind. Wir müssen den Schleier heben und ihn lange genug offen halten. Meine Frau scheint der Punkt zu sein, auf den sich Camille konzentriert. Ulrich hat angeregt, es könne auch sein, dass sie sich auf Keisha nicht nur wegen der Verwandtschaft zwischen Tante und Nichte konzentriert, sondern auch, weil sie einander so ähnlich sehen. Luc meinte, es könne noch die Tatsache hinzukommen, dass Keisha unser Kind unter dem Herzen trägt und Camille damit an ihre eigene Rolle als Mutter erinnert.«

Tias Kopf ruckte hoch. Sie blickte Keisha direkt an. Ihre Haut nahm einen dunklen Bronzeton an. »Darüber habe ich noch gar nicht nachgedacht. Ich war so eifersüchtig und habe mich gefragt, warum meine Mutter zu dir kommt und nicht zu ihrer eigenen Tochter. Das klingt sehr verständlich. Keisha, es tut mir leid.«

»Was tut dir leid?« Keisha griff über den Tisch und umfasste Tias ausgestreckte Hand. »Du hast alles Recht dieser Welt, darüber verärgert zu sein. Ich erinnere mich kaum an deine Mutter ... Glaub mir, ich war genauso sauer, als es das erste Mal passierte. Ich habe mir gewünscht, es könnte doch wenigstens meine eigene Mutter sein, die da plötzlich in meinem Kopf auftauchte, und nicht deine!«

»Das ist eine der Fragen, die wir im Vorfeld klären müssen. Alle Vermutungen und jede Böswilligkeit muss vorher aus dem Weg geräumt werden.« Anton lächelte seine Frau an. »Morgen Nacht, wenn wir Camille rufen, haben wir uns soweit wie möglich gereinigt. Ich möchte euch bitten, wenigstens eine Stunde lang jeder für sich zu meditieren. Am besten ist es, wenn ihr dafür allein seid, bevor wir uns morgen Abend bei Sonnenuntergang treffen. Klärt eure Gedanken, befreit euch von jeder Ablenkung, aller Wut, jeder Spur von Eifersucht ... Und auch wenn ich weiß, dass ich damit viel von euch verlange, aber ab sofort bis zum Ende der ganzen Angelegenheit dürft ihr keinen Sex haben.«

Stefans dramatisches Stöhnen brachte sogar Ulrich zum Lachen.

Anton grinste. »Denkt an die Energie, die ihr in diese große Aufgabe investieren werdet. Denkt nur an das ganze Testosteron, das nach außen drängt. Wir brauchen dich, Stefan.«

Lachend warf Stefan eine Serviette nach Anton, der sie einfach mit einer Hand auffing, ehe er fortfuhr. »Wir alle müssen uns heute und morgen gut ausruhen. Wir essen gut zu Mittag und werden anschließend bis Sonnenuntergang fasten. Ich möchte, dass wir uns dann auf der Wiese hinter dem Haus treffen. Sobald wir den Kreis gebildet und Kontakt aufgenommen haben, müssen wir die Verbindung aufrechterhalten, bis Ulrich vor Sonnenaufgang zu uns zurückkehrt. Wenn wir die Verbindung unterbrechen, könnten wir Ulrich verlieren.«

Er sagte das so sachlich, dass Tias Kopf in einem weiten Bogen herumfuhr und sie erst Anton und dann Ulrich anblickte. Ihr Vater sah sie direkt an. Er zuckte mit den Schultern und lächelte. Keine Sorge. Es kommt alles in Ordnung. Es wird mir gut gehen.

Bist du sicher?

Ulrich nickte. Er schützte die Verbindung zwischen ihnen beiden vor den anderen.

Seine Tochter blinzelte hastig. Ihre Augen glänzten tränenfeucht. Sie hob die Hand und wischte die Tränen beiseite. Diese schnelle und wütende Bewegung erinnerte ihn so sehr an Camille, dass Ulrichs Herz schmerzte. Er sah aber auch, wie Tia die Schultern straffte. Sie starrte zu ihm herüber.

Also, wenn's nach mir geht, bist du besser verflucht vorsichtig da drüben. Wenn dir nämlich was passiert, folge ich dir. Und dann wird's dir noch leid tun.

Ulrich brach in lautes Lachen aus. Alle wandten sich überrascht zu ihm um. Tia hatte gerade wörtlich die Drohung wiederholt, die er immer ihr gegenüber eingesetzt hatte, als sie noch ein Kind war. Er hob die Hände in gespielter Unschuld.

»Meine Tochter hat mich nur gerade wieder daran erinnert, wer das Alphatier in unserem Rudel ist. Sie ist ihrer Mutter ähnlicher als sie denkt. Ihr könnt alle beruhigt sein. Sollte Anton mit seinem Vorhaben Erfolg haben und mich auf die andere Seite bringen können, werde ich rechtzeitig wieder zurück sein.«

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