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stürmisches Seelenmeer

Ich weiß nicht wie es dir gerade geht, aber ich kann dir sagen: Es passiert alles aus einem Grund! Du bist ein ganz besonderes Wesen, total einzigartig und voller Wunder. Das Leben kann so viel bieten und besteht nicht nur aus Zahlen oder Erfolg. Du kannst alles schaffen, wenn du es nur willst. Lass den Kopf nicht hängen und kämpfe, sei stärker als die Leute, die nicht an dich glauben. Ich bin auch erst 15 und trotzdem hältst du gerade mein zweites Buch in deinen Händen, weil ich nicht aufgegeben habe! Auch wenn es bis hierhin nicht leicht war, stehe ich hier.

Ab hier gilt eine Triggerwarnung für Essstörungen, selbstverletzendes & suizidales Verhalten, Psychiatrie, Gaslighting, Krampfanfälle und Misshandlung!

Du wirst alles erreichen, was du willst!

(Notiz an dich & mich)

Inhalt

Vorwort

Wie alles begann//Buch 1

Ich und diese Stimme im Kopf

Ein Sommer ohne Essstörung

Mein Rettungsanker

Das wahre Leben

Therapie als mein Endgegner

Es endete auf der Intensivstation

Aufenthalt wie in einer Zelle

Die Krampfanfälle raubten mir nicht nur Zeit

Der Lichtblick im schwarzen Tunnel

Weihnachten & andere Erfolge

Vorwort

 

Ich bin Tali, zum jetzigen Zeitpunkt 15 Jahre jung, und für Außenstehende ein ganz gesundes Mädchen. Ich war schon immer abenteuerlustig und wissbegierig. Schon früh haben meine Eltern sich getrennt, aber trotzdem wurde mir ein superschönes Leben ermöglicht. Ich konnte schon viele Länder bereisen, hatte immer Essen und Kleidung und wurde in jeder Lebenslage von meiner Familie unterstützt.

Ich habe schon früh Sachverhalte hinterfragt und mich mit “Erwachsenenkram” beschäftigt, aber die Lebenslust steckte in mir und ich bin allen Situationen mit offenen Armen begegnet. Doch auf einmal wurde aus dem kleinen, fröhlichen Mädchen eine Jugendliche, die den Sinn des Lebens nicht mehr erkannte. Vielleicht kennst du das, wenn nichts läuft, wenn du denkst alle spielen gegen dich. So ähnlich war es bei mir auch, dachte Ich zumindest. Schon mit 12 bekam ich meine erste psychische Krankheit diagnostiziert und es standen viele Klinikaufenthalte vor mir. Von Tagesklinik,

über Psychiatrie und Psychosomatische Klinik bis hin zu Krankenhaus war alles dabei. Ich habe alles mitgenommen, auch viele Symptome. Früh hatte ich lebensmüde Gedanken, aber auch noch so viel mehr, was meine kleine Seele belastet hat. Aber das alles hatte einen Grund, keine psychische Krankheit taucht grundlos auf, bitte lasst euch das niemals einreden. Und ihr seid auch nicht verrückt, auf keinen Fall. Meistens kann man selbst nicht beeinflussen, ob man psychisch krank wird. Die meisten Auslöser von solchen „Störungen“ (Ich mag das Wort nicht, denn man ist nicht gestört, man hat nur andere Gedanken als Leute ohne psychische Probleme) passieren in der Kindheit oder Jugendzeit. Niemals sind Betroffene selbst schuld, unser Körper ist nur ziemlich komplex und auch eigentlich schlau, denn er will uns beschützen. Und deswegen haben psychische Krankheiten am Anfang auch einen Zweck, sie sind ein Hilferuf. Und diesen sollte man ernst nehmen und nicht ignorieren!

Zurück zu mir. Ich habe lange nicht gewusst, warum genau ich, warum ich sowas erleben muss. Es hat unglaublich lange gebraucht, bis ich während der Therapie auf meine verschiedenen Auslöser der Probleme gekommen bin, doch ab da wurde es besser. Am liebsten hätte ich an manchen Tagen die Zeit vorgespult, weil ich so am Ende war. Aber letztendlich hat mich jeder schlechte Tag weitergebracht. Ich konnte so viel über das Leben und über mich lernen in der Therapie. Schon vor der harten Zeit war ich immer ein bisschen weiter als andere in meinem Alter und vielleicht hängt das auch alles damit zusammen. Ehrlich gesagt bin ich mittlerweile aber froh, diesen Weg gegangen zu sein. Ja, es hätte mich fast mein Leben gekostet, aber dafür konnte ich so viel lernen. Ich habe gelernt das Leben zu schätzen, ich wurde dankbar für so vermeintlich kleine Dinge und bin psychisch gewachsen. Und genau darum soll es in dem Buch gehen! Ich möchte dir einfach ein bisschen von meinen Erlebnissen und meinem Leben der letzten Jahre erzählen. Ich kann also nur von meinen Erfahrungen erzählen, nicht bei jedem äußert sich die Krankheit gleich, denn wir sind alle so komplett verschieden! Das Leben besteht nicht nur aus Regenbogen und Sonnenschein, aber das ist normal. Wir sind keine Maschinen. Es darf mal doof laufen und man darf den Kopf auch mal hängen lassen. Man darf nur nie aufgeben, denn dafür ist das Leben zu schön und kostbar. Manchmal sind es die kleinsten Dinge, die ganz viel Großes in uns bewirken können. Der letzte Funke Hoffnung hat mich neu beleben können und ganz viel in mir gemacht. Es war wie ein Happy End, an das ich schon lange nicht mehr geglaubt habe. Ich hoffe du kannst aus meinen Zeilen etwas für dich und deine Sichtweise auf das Leben mitnehmen. Viel Spaß beim Lesen<3

 

“Wer die wahren Helden sind, erkennt man erst, wenn man den Sinn des Lebens versteht.”

-Tali

Kapitel 1

 

Vielleicht hast du mein erstes Buch schon gelesen, vielleicht kennst du mich sogar persönlich, aber vielleicht interessierst du dich auch für psychische Krankheiten. Nun schreibe ich schon mein 2. Buch, obwohl mein 1. Buch doch so ein gutes Ende hatte. Dachte ich.

Alles fing im Herbst 2018 an, ich fiel in eine schwere Depression, meine Gedanken wurden immer stärker und der Lebenswille immer kleiner. Ich wurde in eine KJP aufgenommen (Kinder- und Jugendpsychiatrie), verbrachte dort insgesamt drei Monate. Ich machte gute Fortschritte, aber zu Hause fiel ich schnell wieder in alte Muster zurück. Zu meiner ambulanten Therapeutin hatte ich auch kein gutes Verhältnis und meine Familie und Freunde wollte ich auch nicht belasten. Ich verletzte mich immer öfter selbst, versuchte mir mein Leben zu nehmen und aß hin und wieder nichts, um mich selbst zu bestrafen. Warum? Das wusste ich auch nicht so richtig. Ich fühlte mich einfach so überflüssig und sah nur meine Fehler, selbst eine 2 in der Schule ließ mich an mir zweifeln. Meine Ansprüche an mich selbst waren immens und dieser Druck wuchs von Tag zu Tag. So ging es zu Hause natürlich nicht lange gut und meine Therapeutin konnte die Verantwortung nicht übernehmen, also musste ich erneut in eine KJP, diesmal aber in eine Tagesklinik. Das bedeutet, dass man früh mit dem Taxi hin und Nachmittag wieder nach Hause gefahren wird. Ich selbst fand dieses Konzept viel besser, als komplett stationär zu sein, denn ich brauchte mein gewohntes Umfeld und vor allem mein Hobby gab mir immer viel Kraft. Leider war ich zeitweise zu instabil, weshalb ich über Silvester auf der geschlossenen Station war. Die Depressionen wurden allmählich besser, doch die Therapie war dennoch zu kurz, um bedeutende Abschnitte meines Lebens zu thematisieren. Im Februar 2020 fing ich dann an abzunehmen und schon da machten sich die Pflegekräfte sorgen. Ich war im starken Übergewicht, es war also nicht komplett unbegründet, aber die Art WIE ich es machte, war alles andere als gesund. Auch wenn ich die Jahre zuvor immer schon Diäten ausprobierte, durchziehen konnte ich es nie. Doch diesmal war es anders, ich war so diszipliniert wie nie zuvor, aber dazu später mehr. In der Tagesklinik wurde ich dann Ende März nach vier Monaten entlassen.

Kurz vor meiner Entlassung fing Corona an auch in Deutschland zu wüten und die Schulen wurden geschlossen. Für mich gut, denn so konnte ich mich mehr auf das Abnehmen konzentrieren, aber im Nachhinein wurde mir diese Situation zum Verhängnis. “Ich habe angefangen mich gesund zu ernähren und mache mehr Sport, was mir bei meiner Recovery sehr hilft, vor allem mein Körperbild hat sich extrem verbessert. (…) Alles ist möglich, wenn man endlich gesund werden möchte und auch bereit ist, Rückschläge einzustecken.” So lauteten meine letzten Sätze aus meinem ersten Buch. Es klang so positiv, aber das wendete sich schneller als ich gedacht hätte. Nun schreibe ich meine Geschichte weiter, in der Hoffnung das es das letzte Buch über zu viele schlechte Tage ist. Die letzten Seiten über ernstzunehmende Krankheiten im Jugendalter. Die letzten Zeilen eines stürmischen Seelenmeers.

Kapitel 2

 

Der erste Lockdown begann, die Ausmaße waren zu dem Zeitpunkt noch keinem bewusst. Auch wenn ich grundsätzlich gern in die Schule ging, war ich doch schon froh, dass es erst mal “Corona-Ferien” hieß. Viele Aufgaben hatten wir nicht von der Schule, aber bald waren sowieso Osterferien.

Es wurde Frühling und das Wetter wurde schöner. Die ersten Sonnenstrahlen lockten mich nach draußen, um Inliner fahren zu gehen. Und wenn das Wetter nicht so schön war, dann habe ich eben in meinem Zimmer Workouts gemacht. Als Hobby habe ich schon immer etwas Sportliches gemacht, deshalb fiel es mir auch nicht schwer. Meine häufigsten YouTube-Suchen waren zu der Zeit auch auf jeden Fall “Workout für Einsteiger”. Ich machte dann lieber eine leichte Sporteinheiten, von denen dann aber mehr, statt mittendrin abbrechen zu müssen. Aufgeben war einfach nie meine Art, schon als Kind im Kindergarten war ich ehrgeizig. Gerade meine Beine trainierte ich zu der Zeit sehr häufig, denn die waren in meinen Augen am dringlichsten. Ich glaube zu der Zeit hat meine gestörtes Körperbild schon angefangen. Schon über ⅛ meines Körpergewichts waren weg, aber einen Unterschied sah ich nicht. Das meine Kleidung lockerer wurde begründete ich damit, dass ich eher Kleidung anhatte, die ich Wochen zuvor nie trug, weshalb ich auch nicht wissen konnte, wie sie mir noch vor 2 Monaten gepasst hatten. In Wirklichkeit war das natürlich nicht so. Ich wusste ganz genau welches Kleidungsstück mir wie passt. Aber der Kopf findet Ausreden, ob man es möchte oder nicht.

Kurz vor Ostern fing ich eine noch radikalere Diät an, die besagte, dass ich nur Gemüse und Eier essen dürfe. Man hätte sich eine Woche mit einer gesunden Menge über Wasser halten können, doch ich aß nicht mehr als ein paar Gurken und Tomaten am Tag. Es wurde als total gesund beschrieben, aber das war es ganz und gar nicht. So schnell wie die Zahlen auf der Waage fielen, mindestens genauso schnell wurde ich täglich unglücklicher. Auf der einen Seiten war der Schritt auf die Waage ein Glücksmoment, auf der anderen Seite ging es mir danach nur noch schlechter.

Meine Mama nahm mir das erste Mal die Waage weg und ich weinte um mein Leben, es fühlte sich alles auf einmal so aussichtslos an. Die Essstörung hatte mich zu der Zeit schon fest in den Händen und so kam es dazu, dass ich mir eine eigene Waage kaufte. Ich konnte nicht anders, es war niemals genug, ich war niemals genug. Durch viele Kommentare aus meinem Umfeld und auch in gewisser Weise Bewunderung für mein Durchhaltevermögen, wurde meine Essstörung immer weiter gefüttert. Jedes Kompliment war wie Benzin für die Magersucht, sie hatte immer mehr Power und der Tank füllte sich immer weiter. Sogar meine ehemalige Therapeutin lobte mich für meine Abnahme. Ich weiß noch ganz genau wie die erste Stunde nach der Tagesklinik bei ihr ablief. Ich kam rein und ihr erster Satz war: “Im Gegensatz zu vor einem halben Jahr siehst du viel besser aus, damals warst du ja schon ziemlich übergewichtig.” Ja, ich war da vielleicht körperlich in keinem gesunden Gewichtsbereich, aber ich hatte ein viel gesünderes Mindset im Bezug auf Essen und Bewegung.

Was heißt denn überhaupt gesund? Jeder Körper hat andere Bedürfnisse und auch die Psyche ist ein Teil von Gesundheit. An Ostern verbot ich mir dann schon echt viel, ließ die Süßigkeiten als Snack ausfallen. Ausreden fand ich dafür genug, das war zu der Zeit meine geringste Sorge.

Schon nach wenigen Wochen war ich also in der Spirale gefangen. Sie hatte mich fest im Griff, die Essstörung. Und ich war so in meinem Wahn, dass ich es nicht mal bemerkt habe. Ich hatte seit Jahren endlich wieder Kontrolle. TALI, das warst nicht du, niemals, du hattest über deinen Körper gar keine Kontrolle. Es war nur dieses Gefühl. Das Gefühl von Erfolg, welches dich blind machte. Aber wer denkt denn auch schon bei einer übergewichtigen oder normalgewichtigen Person an Anorexia Nervosa (=Magersucht)? Jeder hat bei dem Begriff “Magersucht” eine spindeldürre Frau jüngeren Alters vor den Augen. Und das ist der große Fehler. Denn irgendwann kommen auch vermeintlich Gesunde, die (noch) nicht im Untergewicht sind, in einen kritischen körperlichen Zustand. Diese Krankheit ist PSYCHISCH und beginnt im Kopf, jedoch wandelt es sich bereits nach kurzer Zeit auf den Körper um. Das Untergewicht ist ein Symptom, wie von Grippe ein Symptom der Husten ist, aber nicht jede*r Erkrankte muss dieses Symptom erfüllen. Ich glaube ich war zu dieser Zeit, also als die kranke Stimme schon mehr Raum hatte als mein rationales Denken, im oberen Normalgewicht. Und trotzdem war ich unterernährt. Das zeigte sich an den vielen körperlichen Symptomen. Das ist oft ein Tabuthema, aber es gehört zu dieser Krankheit dazu. Ein Anzeichen war zum Beispiel der Haarausfall. Ich kam schon mit vielen Haaren auf die Welt, hatte schon immer eine Haarmähne und diesbezüglich auch immer Komplimente bekommen. Auf einmal fielen sie aber aus. Und damit meine ich nicht nur einzelne Haare, nein, ich hatte am Morgen mindestens drei Mal die Haarbürste von Haaren befreien müssen. Manchmal habe ich mich deshalb wochenlang nicht gekämmt, damit nicht noch mehr ausfällt. Mit jeder ausgelassenen Mahlzeit wurde es schlimmer, so schlimm das ich kahle Stellen auf dem Kopf hatte. Das war so schwer für mich, aber trotzdem konnte ich es nicht lassen. Ich hasste mich immer mehr und wusste nicht mehr wer ich war ohne diese dicken Haare.

Ich war sonst immer das Mädchen mit den dicken, gelockten Haaren. Auch das ist ein Argument gegen die Vorurteile gegenüber dieser Essstörung. Oft wird es auf “zu viel GNTM” oder Social Media geschoben. Abgesehen davon, dass eine solche Erkrankung viel tiefere Wurzeln hat, trifft eher das Gegenteil zu, denn im Fernsehen oder im Internet geht es um Schönheit. Mit 3 Haarsträhnen auf dem Kopf und blasser Haut ist man aber nicht mehr schön, das kann mir niemand sagen. Ich hatte phasenweise früh am Morgen lose Haare auf dem Kopfkissen liegen und es hörte einfach nicht auf. Aber wie denn auch, wenn mein Körper schon wochenlang in der Mangelernährung steckte und ich nichts tat, um das mein Körper genug Nährstoffe bekommt. Trotz, dass ich mich den ganzen Tag mit Essen, Sport, Stoffwechsel, Kalorien, Ernährung usw. beschäftigte, durfte ich in der Schule oder auch bei alltäglichen Dingen nicht nachlassen. Ich dachte es wäre einzig und allein mein eigener Ehrgeiz, aber diese mächtige Stimme der Anorexie war es in Wirklichkeit, die mich antrieb. Ich wurde noch perfektionistischer als ich es sowieso schon immer gewesen bin. Wenn ich etwas nicht so schaffte wie ich es wollte, lag die Strafe beim Essen bzw. dann eher

nicht-Essen. Wenn ich einen Fehler machte, lag die Strafe beim Essen. Und wenn ich nicht genug abnahm oder Ähnliches natürlich sowieso. Ich, oder naja vielleicht doch eher die Stimme der Essstörung in meinem Kopf, die immer so tat als wäre sie meine beste Freundin und würde nur das Beste aus mir rausholen, wollte also, dass ich trotz weniger Energie so gut bin wie normalerweise, sogar besser als sonst. Wenn man sich darüber realistische Gedanken macht, ist das ja eigentlich gar nicht zu schaffen. Ein Handy was nur noch 5% hat, das kann auch nicht noch schneller in diesem Zustand funktionieren, als wenn es 50% hat. Aber so habe ich nicht gedacht. Ich wollte diese Stimme im Kopf befriedigen und obwohl ich die Anforderungen immer erfüllt habe, gab mir meine “beste Freundin” Ana immer größere Aufgaben. Denn: Es war nie genug, ich war nie genug.

Gerade als ich noch im Normalgewicht gewesen bin, war alles noch viel schlimmer, denn ich fühlte mich nie krank genug. Diese Zahl auf der Waage war egal wie tief trotzdem viel zu hoch. Selbst wenn dort eine Null gestanden hätte, wäre es nicht genug, denn besser wäre ja eine -1. Das ist jetzt übertrieben und nicht realistisch, aber einfach damit man sich vorstellen kann, was Erkrankte für einen inneren Druck haben. Und die Vorstellung, dass Magersüchtige dünn sind, verstärkt diesen Druck und lässt die Essstörung noch lauter schreien. Irgendwann bin ich dann auch ins Untergewicht gekommen, aber soweit muss es nicht kommen. Umso länger man in diesem krankhaften Verhalten steckt, umso länger braucht man daraus. Eine Freundin sagte mir mal: “Der Heilungsweg dauert mindestens doppelt so lange wie die Zeit, in der man in der Essstörung gelebt hat.”

Umso dünner ich wurde, umso mehr Sorgen machte sich natürlich auch mein Umfeld. Irgendwann hatten wir dann wieder in Gruppen Präsenzunterricht und das war immer eine gute Situation, um die ein oder andere Mahlzeit auslassen zu können. Langsam kannte meine Familie schon jede Ausrede. Aber ich diskutierte trotzdem. Manchmal ging es nur um eine Scheibe Brot, aber anstatt die zu essen, habe ich angefangen zu rebellieren. Ich habe täglich normale Situationen mit der Familie zu Konflikten gemacht. Kilo für Kilo habe ich mehr getrickst und Essen immer mehr verbannt. Mein Brötchen für die Schule habe ich ins Gebüsch geworfen, davor noch ein paar Krümel in die Brotdose gemacht. Ich hätte es so gern gegessen, aber ich hatte den Willen nicht. Irgendwann hat deswegen keiner mehr viel zu meinem Essverhalten gesagt, denn es war zwecklos. Die Argumente der Essstörung wurden immer fataler und kein gesunder Mensch kam dagegen an. Nicht mal ich bin dagegen angekommen. Ich habe mich wie ein Sklave der Anorexie hingegeben. Mein Verhalten wurde immer schlimmer und trotzdem war es mal wieder nie genug. Ich bin stundenlang mein Zimmer auf und ab gelaufen, um mein Schrittziel zu erreichen. Ich habe stundenlang beim Einkaufen gebraucht, weil ich das Produkt mit den wenigsten Kalorien finden musste, auch wenn das mitunter nur einen Unterschied von 1 Kalorie hatte. Wenn ich mein Kalorienziel nur um 5 Kalorien überschritten habe, bedeutete das ein Extra-Workout. Mein Handy musste dauerhaft geladen sein, denn ich musste ja jeden einzelnen Schritt von mir aufzeichnen. Im Auto habe ich es immer ausgeschalten, damit keine Bewegung des Handys als Schritt gezählt wird, den ich doch eigentlich gar nicht gemacht habe. Eine App, die meine Kalorien vom Essen zählt brauchte ich nicht mehr, denn mein Kopf war mittlerweile wie ein Duden für Kalorienangaben. Es gab kein Lebensmittel was ich aß, wo ich nicht genauestens die Kalorienanzahl wusste. Selbst die 0,9 kcal von der Cola Zero mussten mit eingerechnet werden, ansonsten würde ich über Nacht bestimmt Kilogramm zunehmen. Ja, so dachte ich. Und mein Vermeidungsverhalten entwickelte sich weiter und weiter. Meine Familie durfte niemals weniger als ich essen, deshalb habe ich auch oft für sie gebacken oder gekocht. Freunde habe ich nicht mehr getroffen, es hätte ja zu einem Restaurantbesuch führen können. Trotz, dass ich keine kalorienhaltigen Lebensmittel zu mir nahm, bunkerte ich kiloweise Süßigkeiten und Snacks in meinem Zimmer “für später”. Wenn ich dann endlich wenig genug wog, dass ich es mir hätte erlauben können. Aber wenn ich mein Zielgewicht erreicht hatte, wurde ein noch tieferes festgelegt. Und das führt nicht selten zu schlimmen Folgen. Mitte Juli schleifte mich meine Mama zu einer Ärztin, die sich mit Magersucht ein bisschen auskannte. Auch wenn ich eigentlich dankbar hätte sein sollen, war ich sauer. Ich war doch noch gar nicht krank genug. Aber die Ärztin hatte kein Mitleid und kannte die Maschen, in der Hinsicht konnte ich ihr nichts vormachen. Sie erstellte zusammen mit mir einen Essensplan, aber ich wusste, dass ich den niemals befolgen werde. Aber ich machte mit, damit es den Anschein hatte, dass ich doch gesund werden wollte. Nach vielen Tränen, Wut auf die Ärztin und Angst vor den nächsten Tagen verließ ich die Praxis mit meiner zuversichtlichen Mama. Direkt im Anschluss gingen wir einkaufen und das erste Mal seit Monaten legte ich nicht nur die 3 Lebensmittel in den Wagen, die ich sonst nur aß. Trotzdem drehte ich jedes einzelne Produkt um, damit ich das mit den wenigsten Kalorien in den Wagen legen konnte. Ich fühlte mich so schlecht und hatte Angst was die anderen so über mich im Laden denken, wenn ich die total ungesunden Joghurts oder Brötchen in meine Hand nahm. Ich hatte Angst alleine durch das Anfassen solcher Produkte wie ein Hefekloß aufzugehen. Ich war schon immer gut bis sehr gut in der Schule und glaubte dann wirklich an so einen großen Mist, den die Essstörung mir einreden wollte.

Zu Hause angekommen, probierte ich eine neue Hose in der Größe XS und fühlte mich fett. IN EINER XS! Nachdem mein Körperbild also total schlecht war, machte meine Mama auch noch Nudeln zum Mittagessen. Und die Krönung für mich war der Käse oben drauf, den sie portionierte. Mein Kopf explodierte nur beim Angucken des Essens und meine Gedanken kreisten. “Wie viele Kalorien hat das? Wie viel nehme ich davon zu? Was muss ich dann an Sport machen, um es wieder abzutrainieren?” Es machte mich verrückt, denn schon allein diese eine Mahlzeit hatte mehr Kalorien als meine Tagesmenge von den Wochen davor. Ich habe schon wieder angefangen zu diskutieren, schrie meine Mama an und rannte heulend aus der Küche. Nach einer Weile stellte sie mir das Essen ins Zimmer. In der Zwischenzeit habe ich natürlich schon überlegt wie ich das Essen verschwinden lasse, ohne dass es in mir landete. Aus dem Fenster kippen konnte ich es nicht, denn unter meinem Fenster war der Autostellplatz von dem Haus, in dem ich wohnte. Ich schob letztendlich die Nudeln so zusammen, dass es so aussah als hätte ich die halbe Portion gegessen. Meine Mama war beruhigt, dass ich wenigstens ein bisschen gegessen habe und ich war beruhigt, weil ich irgendwie drum rumgekommen bin. Der Tag neigte sich dem Ende zu und das Abendessen bereitete mir Kopfzerbrechen. Ich hatte nun schon ein ½ Jahr nichts mehr nach 16 Uhr gegessen, wie sollte ich das nur schaffen? Was wird die Stimme in meinem Kopf mit mir anrichten, wenn ich jetzt nicht stark bleibe und ja zu Essen sage? Die Tränen kullerten und die Essstörung schrie, aber diesmal kam ich nicht drum herum, das wusste ich.

Kapitel 3

 

Die folgenden Tage waren schwer, sehr schwer sogar, aber irgendwann beschloss ich, mein Leben in die Hand zu nehmen. Ich machte es aber nicht für mich, sondern für mein Umfeld, denn ich wollte nicht noch mehr zerstören. Ich aß, auch wenn keiner da war, um es zu kontrollieren. Ich aß ungesundes und vor allem aß ich wieder vollwertige Mahlzeiten. Ich dachte nun wird es wieder besser, freute mich auf meine vollen Haare und vor allem auf eine bessere Verdauung. Aber nichts da, das Gegenteil trat ein. Meine Haare fielen noch mehr aus (was, wie ich nachher erfahren habe auch normal ist und vorkommen kann). Und vor allem meine Verdauung machte mir mein Leben zu schaffen.

Gerade hatten die Sommerferien begonnen, aber außer mit Wärmflasche im Bett zu liegen und mich von Position zu Position zu bewegen, damit die Bauchschmerzen halbwegs erträglich waren, hatte ich nichts vom schönen Wetter.

Tagtäglich wurde es immer schlimmer, irgendwann sah ich aus wie ein unterernährtes Kind aus Afrika: Dünner Körper und ein Bauch als wäre ich im 8. Monat schwanger. Das Ganze wurde letztendlich so schlimm, dass wir eines Abends in die Notaufnahme fahren mussten. Dort gaben sie mir einen Einlauf, aber das brachte nicht wirklich was. Ich fuhr also genauso aufgebläht und von Schmerzen geplagt nach Hause wie ich auch hingefahren war. Ich war in der Zeit so unglücklich, aber mein Umfeld sah nur das ich wieder aß und war damit zufrieden. In meinem Kopf sah es aber nicht besser aus, die Gedanken brachten mich jeden Abend weinend in den Schlaf. Und auch wenn ich mehr gegessen hatte, gab mir die Essstörung viele Regeln. “Niemals eine Kalorie zu viel, geh lieber auf Nummer sicher und berechne ein paar mehr Kalorien als angegeben ein”, “Du musst als letzte fertig sein, ansonsten bist du einfach nur verfressen”, “Spare dir über den Tag lieber Kalorien auf, vielleicht musst du noch etwas Unvorhersehbares essen”, “Trinke mindestens einen halben Liter, bevor du etwas isst, ansonsten wirst du viel zu viel essen”, “Alles was du essen möchtest muss am Anfang auf dem Teller sein, damit du auch genau weißt wieviel du isst”. Und damit könnte ich noch mindestens 2 weitere Seiten füllen, denn die Liste der Verbote und Rituale war unendlich lang. Wenn ich eine Regel mal nicht einhalten konnte, flippte mein Kopf aus und beim nächsten Essen wurde mein Verhalten direkt bestraft. Aber von außen konnte man nicht sehen, wie es mir wirklich ging. Ich zeigte noch nie gerne Gefühle und baute außerhalb meiner vier Wände eine gewaltige Mauer auf, die niemand überwinden konnte. Ich wollte die Kontrolle haben, die Kontrolle darüber, was andere von mir wissen bzw. welche meiner Gefühle meine Mitmenschen erleben. Bloß weil ich also wieder besser gegessen habe, war meine Essstörung nicht direkt weg. Ohne Therapie geht vermutlich keine psychische Krankheit von alleine weg, denn jede Erkrankung hat einen Auslöser. Die Magersucht gab mir ein Gefühl der Kontrolle, welche ich in früheren Lebensbereichen nicht hatte. Außerdem waren alle Emotionen wie verschwunden, ich war stumm, die Gefühle hatten neben all den Gedanken an Essen keinen Platz mehr. Doch als ich wieder aß war zwar noch die innerliche Gefühlsleere da, aber mein Magen fühlte sich ...

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