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nur die

 

Inhalt

 

 

Zwei kleine Mädchen       9

Schnell politisch       11

Hausarbeit       12

Menschliche Nähe       13

Gästezimmer       14

Ein Fahrradbote       15

Einer für alle       16

Ghettoschreck       17

Der Knüppel       18

Tränenüberströmt       20

Eingemacht       21

In meinem Alter       23

Matratzen       25

Deutschstämmig       26

Die Sache mit Melba       28

Mr. Wright       29

Originalverpackt       31

PS       32

Schönen Tag       33

Rehlein       34

Zwischendurch       35

Stimmlage Bariton       36

Waschküche       38

Guter Dinge       40

Meine Tränen       41

Puppe       43

Einem einmal       45

Notpass       47

Schöne Kleider       49

nur die       51

Zu viel des Guten       53

Privatpatienten       54

Vorstadtschönheit       56

Stahloptik       58

Mann und Frau       60

Wir hatten schon       61

Mein rauschendes Ohr       62

Ich bin ein Tier       64

Doch nicht       65

Nicht die Wange       66

Spam       68

Selbst gemacht       69

Ça va       70

Mitarbeitertarif       71

Ohne Sekte       72

Herzdamen       73

Nimm du ihn       75

Schweigepflicht       77

Herrentoilette       78

Peinlichstes Lieblingsstück       80

Männerwohnheim       82

Auf Socken       83

Der schönste Mann von Köln       85

Auch tot       87

Mogelpackung       89

Ein Dichter       90

Gefühle von gestern       91

Kleine Füße       93

Heiße Luft       94

Besser nachher       96

Die Krähe       98

Fixe Idee       99

Mehr Fleisch       100

Frühstadium       102

Kleine Träume       103

Trümmerkinder       104

Im Recht       105

Platon und Kant       106

Bedient       108

Sengend       110

Gutes Geld       112

Im Winkel       113

Gegenbeweis       114

Mein Geschöpf       115

Willentlich, wissentlich       116

Köln Concert       118

Wie der Fisch       120

Leergekauft       122

Überzogen       123

Blitzeis       125

Ton in Ton       127

Vielleicht ich       128

Zwischengeschoss       130

Unfall total       132

Veränderung       133

Jedes Ziel ist ein Zuhause       135

Schleudersätze       136

An der Wursttheke       137

Lola-Mensch       139

Flying Doctor       141

Kein Glück       142

Wir Groupies       143

Rigips       144

Fußballerbeine       146

Mein Freund, der Schriftsteller       147

Pilze       149

So eine       150

Ziggy und Melba       151

Zwei kleine Mädchen

I.

 

Köln ist eine Brückenstadt. In der Grundschule lernten wir die Namen der einzelnen Brücken flussabwärts sortiert auswendig. Diese Namen und weiteres Wissenswertes standen in einem kleinen Büchlein mit dem Titel: »Geh mit durch Köln«. Auf dem Umschlag war ein rundlicher, lachender Herr mit schwarzem Anzug und Melone abgebildet, zwei kleine Mädchen in roten Pullundern sprangen fröhlich um ihn herum. Als die Lehrerin einen Ausflug in die Innenstadt mit Brückenbegehung ankündigte, bekam ich Angst. Ich meldete mich und sagte, dass ich nicht schwindelfrei sei und mich nicht traute, zu Fuß über die Brücke zu gehen. Das Gejohle über die feige Klassenkameradin war groß, vor allem die Jungs konnten sich nicht einkriegen. Am Tag des Ausflugs versammelten wir uns mit den Schülern der Parallelklasse auf dem Schulhof. Unser Direktor Herr Malchow, den wir sonst eher selten sahen, war auch da. Er begrüßte uns herzlich und sagte, er werde uns auf dem Ausflug begleiten. Dann fragte er nach der jungen Dame, die nicht schwindelfrei sei. Wieder meldete ich mich. Diesmal allerdings johlte niemand, denn Herr Malchow sagte, er werde mich an die Hand nehmen und so könne mir nichts passieren. Er tat es, er hielt meine Hand den ganzen weiten Weg vom Kölner Dom über die Hohenzollernbrücke bis zur anderen Rheinseite. Und mir ist wirklich nichts passiert.

 

II.

 

Meine Mutter arbeitete in einer Kanzlei im Deichmannhaus gleich gegenüber vom Kölner Dom. Verbunden mit der Auflage, schnurstracks zu ihr zu kommen, durfte ich zum ersten Mal in meinem Kinderleben allein mit der Straßenbahn in die Stadt fahren. Im Büro stellte sie mir ihren dicken Chef vor, dessen Worte sie auf einem Diktierblock zu kleinen Kringeln und Häkchen geformt hatte. Nach dem Kurzbesuch ging ich heimlich in der nahe gelegenen Altstadt spazieren. In einer leeren Gasse hielt mich ein Mann an und stellte mich vor eine seltsame Aufgabe: Ich solle mit meinen Fingern sein Handgelenk umschließen und dann auf und ab rubbeln. Verständnislos, aber gewissenhaft verrichtete ich meine Aufgabe, während er sich seinerseits berührte. Hin und wieder unterbrach ich die seltsame Tätigkeit, weil ich dachte, es müsse reichen. Dann forderte er mich jedes Mal auf, fortzufahren. Irgendwann war es gut, er ging, ich ging.

Jahrzehnte später offenbarte mir an einem sehr kalten Wintertag ein Exhibitionist im Volkspark Friedrichshain sein Geschlecht. Diese Entblößung hatte etwas Rührendes, weil sie mich an Zeiten erinnerte, in denen ich mich vor seinesgleichen auch schon nicht gefürchtet hatte.

Schnell politisch

Anfang der siebziger Jahre renovierten meine Eltern unser Reihenhaus. Die dunkelblaue Tapete mit den hellblauen Röschen wich grelloranger Raufaser, im Esszimmer wurden Holzleisten an der Decke angebracht. Einen Großteil der Arbeit verrichtete der Hausmeister aus dem St. Michael Hospital, wo mein Vater Direktor war. Wegen dieser Schwarzarbeit eines Untergebenen entließ man ihn später unehrenhaft aus den Diensten des katholischen Hauses, zudem hatte es Gerüchte über Vorfälle mit Schwesternschülerinnen gegeben. Meine Mutter leitete den Umbau, und mein Vater war stolz, vor allem auf die tannengrünen Kacheln im Badezimmer. Sie waren mit einem Rhombenmuster verziert, die Wanne, Ton in Ton abgestuft, in dunklerem Grün gehalten. Ich bekam gerade das erste bisschen Busen, und mein Bauch war viel zu dick, fand ich. Beides betrachtete ich ausgiebig in dem länglichen, mädchenhohen Spiegelschrank an der Stirnseite des Badezimmers und während meiner ausgedehnten Bäder in der neuen Badewanne.

Einmal hatten wir einen Mann zu Besuch. Das kam nicht oft vor, weil mein Vater schnell politisch wurde, was nie gut ausging. Ich badete in der dunkelgrünen Wanne, als er auf seiner Hausführung den Kopf zur Tür hereinsteckte und sagte: Ach so, besetzt. Bevor er die Tür schloss, hielt er inne und sagte laut vernehmlich zu seinem Bekannten: Ist ja nur ein Kind. Beide kamen dann herein und besahen sich das Bad. Ich kreuzte die Arme vor meinen neuen Brüsten, der Schaum war längst mürbe und der Besucher auch ein bisschen betreten.

Mein Vater fand nach seinem Rausschmiss keine Stelle mehr in Köln und ging nach Lüneburg. Hauptsache, weit weg.

Hausarbeit

Als meine Tochter noch ganz klein war, suchte ich eine Putzfrau. Jemand empfahl eine polnische Bekannte. Sie war eigentlich etwas Besseres, aber ihr geschiedener Mann hielt sie kurz. Dabei hatte sie ihn über eine Kontaktanzeige in der »Zeit« kennengelernt, wo gut situierte Akademiker eine zukünftige Heirat nicht ausschließen. Sie putzte nicht gut, ständig ging irgendetwas kaputt. Das hätte ich genauso gut so schlecht gemacht. Manchmal schenkte ich ihr Kleidungsstücke. Sie interessierte sich allerdings für andere Dinge. Ich hätte doch zwei Bügelbretter, sie brauche gerade recht dringend eines. Zu ihrer Überraschung gab ich ihr ohne weiteres das moderne, stabile Exemplar mit dem farbenfrohen Überzug. Das Brett mit zerschlissenem Silberstoff und wackligem Unterbau behielt ich für mich. Ich habe es immer behalten. Es lag unter meinem Bett, obwohl man ja eigentlich nichts unter sein Bett legen solle, damit die Energie frei strömen könne, heißt es doch. Es lag dort, unter dem Bett, weil ich es nie benutzte, mein Lebtag nie benutzt hatte; ich konnte gar nicht bügeln. Mein Vater hatte dieses Bügelbrett meiner Mutter geschenkt, anlässlich meiner Geburt. Damals war das wohl so. Ein Unglück kam selten allein. Wer Kinder hatte, brauchte für die Freiheit nicht zu sorgen. Die endete am Bügelbrett, zum Beispiel. Wenige Monate nach meiner Geburt hatte meine Mutter einen Zusammenbruch. Sie musste dann sechs Monate zur Kur, ohne ihre beiden Töchter, ohne Hausarbeit und, am wichtigsten wohl, ohne ihren Mann.

Menschliche Nähe

Ich hatte meinen Vater für den zweiten Weihnachtstag zu mir nach Hause geladen. Meine Eltern waren bereits seit langem geschieden. Er hatte sich von mir Rouladen zum Festmahl gewünscht. Die bereitete ich zu, als er mit dem obligatorischen Buchgeschenk eintraf. Meine fünfzehnjährige Tochter empfing ihn im Wohnzimmer. Sie plauderte artig und hörte ihm enkelinnengeduldig zu, bis er zu mir in die Küche herüberrief, ich solle bloß kein Knoblauch benutzen, er möge das ganz und gar nicht. Denn, so fügte er hinzu, an meine Tochter gewandt, aber bis zur Küche vernehmbar, Knoblauch erinnere ihn immer so an die Juden. Er führte das vor ihr aus, bevor er in die Küche wechselte und sich neben mich an den Herd stellte. Von einem seiner speziellen Buchhändler erzählte er mir, bei dem sei er auf der Suche nach meinem Geschenk auch in eigener Sache fündig geworden, mit einer Sammlung persönlicher Briefe von Adolf Hitler. Ich wendete die fertig geschmorten Rouladen. Ich muss sagen – mein Vater setzte an diese Stelle eine emotionale Pause –, menschlich war mir der Führer noch nie so nah. Vielleicht sagte ich was, vielleicht auch nicht. Ich hielt die Begegnungen sehr kurz und sehr selten. Die Rouladen haben ihm gut geschmeckt: Ich wusste gar nicht, dass du so gut kochen kannst, Sonnenschein. Nachdem er fort war, ging ich mit meiner Tochter, die das auch alles lange schon kannte, zum Gottesdienst in den Kölner Dom. Auf dem Weg begann sie zu weinen, bitterlich, wie das sein könne, wie er so sein könne. Für einen Moment spürte ich allen Zorn der Welt, alle Hilflosigkeit dazu. Du musst es so sehen, scherzte ich in ihre Tränen, menschlich war ihm der Führer noch nie so nah. Wir grinsten es uns dann irgendwie zurecht.

Gästezimmer

In unserem Reihenhaus wohnte Frau Bauer zur Untermiete. Sie arbeitete bei Tchibo, hielt Wellensittiche und wohnte oben. Später musste sie ausziehen, denn oben wurde ausgebaut. Mein neues Jugendzimmer war grün furniert, das elterliche Schlafzimmer hingegen reinweiß möbliert. Länger schon hatte sich meine Mutter von dort in das schmale Bett im Gästezimmer zurückgezogen, als ein nächtlicher Streit hörbar wurde. Laute Worte über Sex oder keinen Sex und auch Schläge fielen in meinen Halbschlaf. Rasch schlief ich wieder ganz ein, zu fremd die Probleme, zu weit weg die Vorkommnisse in dem kleinen Zimmer nebenan. Anderntags schrieb ich eine Klassenarbeit, nach einem allseits betretenen Frühstück am Morgen. Tage später stellte sich heraus, meine Note war sehr schlecht. Ich wusste den Grund, oder wenigstens wusste ich, welchen Grund ich für mein schulisches Versagen angeben könnte. Es sei doch der Morgen nach dem schlimmen Streit gewesen, sagte ich meiner Mutter. Bevor ich zehn Jahre alt war, hatte ich gelernt, mich der Tragödien anderer zu bedienen. Siehst du, konnte meine Mutter meinem Vater abends sagen. Aber was hätte er sehen sollen, außer der Raffinesse seiner im Grunde sehr kleinen Tochter, sich im Schatten seiner Schuld gut zu verbergen wusste.

Ein Fahrradbote

Mit fünfzehn wollte ich fort aus der Vorstadt und bewarb mich für ein Auslandsstipendium. Die Noten waren nicht toll, der Wille hingegen unbändig. Viele flogen bereits in der Vorauswahl raus, auch ein Typ mit langen Haaren und riesiger Nase. Ich kam durch und landete für ein Jahr in Virginia. Danach wollte ich meine Zeit nicht mehr im Reihenhaus, sondern im Kino verbringen. Bei einer Vorführung von dem »Großen Diktator« traf ich den Typ wieder. Er sah genauso aus wie damals in der ersten Bewerbungsrunde. Ich nicht. Er dichtete und malte, sprayte Graffiti und spielte Schlagzeug. Er konnte auch jonglieren, Einrad fahren und Feuer spucken. Schön war er nicht, aber vielseitig und kauzig. Wir legten uns auf das Bett seines Jugendzimmers und rubbelten einander im Schritt, die Reißverschlüsse der Hosen fest geschlossen, bis es erste Flecken gab. Nach einem halben Jahr schliefen wir miteinander. Ich verließ ihn, meinen ersten Mann, der sich die blutigen Laken in der Schublade unter seinem Bett aufbewahrt hatte, kurz darauf Knall auf Fall. Es war jemand dazwischengekommen. Ich war siebzehn und übte noch. Der Kauz wollte mich nie mehr wiedersehen. Dabei blieb es, bis es sehr viele Jahre später an der Tür meines Büros klingelte und ich am Empfang eine Stimme hörte, die mir bekannt vorkam. Ich ging vor und sah einen Fahrradboten mit langem Haar. Oh, sagte ich, hallo. Was ich denn dort machte, wollte er wissen. Er trug ein Radleroutfit aus neongelbem Stretch, ein Funkgerät plärrte an seinem Gürtel. Ich sagte, ich arbeite in diesem Büro. Ich sagte nicht, dass es meines ist, dass ich eine Firma hatte und ein wahnsinnig wildes Leben dazu, seit damals, seit seiner Zeit. Ich sagte auch nicht, wir sollten uns vielleicht mal wiedersehen. Ich sagte: Na dann, alles Gute, und kehrte zurück an meinen Schreibtisch.

Einer für alle

In Williamsburg, Virginia, verbrachte ich ein Jahr als Austauschschülerin. Ich nahm acht Kilo zu, lernte, nichts zu lernen, und blieb Jungfrau. Nach einigen Monaten besuchte mich ein ungarischer Maler. Wir waren uns in Köln begegnet. Meine Schwester hatte einen komischen Freund mit einem roten Bart, der sich die Jeans stets in seine gelben Gummistiefel stopfte. Er hieß Hugo. Der Maler wohnte bei Hugos Familie zur Untermiete, war alt, weit über vierzig, und stand auf mich. Mit fünfzehn begriff ich so etwas allerdings überhaupt nicht. Genauso wenig begriff ich, was er mir an dem heißen Sommertag in der Küche meiner Williamsburger Gastfamilie sagen wollte. Sehr genau hingegen erinnerte ich mich daran, wie sein Vollbart gekratzt hatte, bei dem Versuch, mich in seinem Kölner Atelier zu küssen, wie er über meine Brüste gefahren war und anerkennend festgestellt hatte, dass ich keinen BH trug. Das stimmte aber gar nicht. Ich trug einen, der hieß »Einer für alle« und war sehr elastisch, wie der Name ja bereits sagte. Und sehr leicht. So leicht, dass er für seine dicken Finger unter der Wolle des Pullovers nicht zu spüren war. Den Pullover hatte mir meine Schwester gestrickt, er leuchtete in hellem Blau und war mein ganzer Stolz. In Williamsburg sprach der Maler von seiner Liebe zu mir, deretwegen er den langen Weg zurückgelegt hätte. Auf dieses Geständnis gab es von mir keine Antwort, ohnehin hatte ich ihm wenig zu sagen, dem alten Mann. Als ich ihn an seinem vor dem Haus meiner Gastfamilie geparkten Auto verabschiedete, betreten, erleichtert, drehte er sich noch einmal um. Der uralte Mann blickte mir streng ins Gesicht: Du wirst niemals einen Mann lieben. Niemals. Du kannst nicht lieben, verkündete er. Ich ließ ihn reden. Ob er mich verflucht oder erkannt hatte, war allein seine Sache, damals in Virginia.

Ghettoschreck

Kurz bevor ich das elterliche Reihenhaus für eine besetzte Wohnung verließ, sah ich einen Personalausweis auf dem Bürgersteig liegen. Er gehörte einem gewissen Markus Getschoreck, der sich allerdings lieber Ghettoschreck nannte und auf meine Schule ging. Ich brachte ihm den Pass, er wohnte ja nur eine Straße weiter. Er reagierte euphorisch auf den Fund und die Finderin. Wir wurden sofort ein Paar, dabei war ich eigentlich noch mit meinem ersten Freund zusammen. Markus hielt zwei Würgeschlangen in seinem Jugendzimmer. Er hatte sie im Kölner Zoo während eines WM- Endspiels geklaut, damit, wie er sagte, die Alte sich nicht traut hereinzukommen. Er erzählte mir von Joseph Beuys, hörte Dire Straits und drückte Heroin. Ich sah ihm zu, wenn er sich den Arm abband und die Spritzen setzte oder fläschchenweise Hustensaft als Ersatzdroge kippte. Später zog er in ein Abrisshaus und besorgte sich einen Schäferhundwelpen, den er Junkie nannte. Als es mit uns nicht mehr so gut lief, zog er eines Abends eine Pistole und schoss auf mich. Die Kugel verfehlte mich knapp. Er erschoss dann statt meiner den Welpen und verfolgte mich ins Reihenhaus, wo er meine Mutter mit einem Messer bedrohte: Ich schlitz dich auf, du alte Sau. Das tat er dann doch nicht, sondern bewarf das elterliche Auto mit Ziegelsteinen. Meine Mutter rief die Polizei. Das nun fand ich unangemessen und lief zurück zu ihm ins Abrisshaus. Markus versuchte später noch ein paarmal, mich umzubringen, warum genau, weiß ich nicht mehr; vielleicht brauchte er auch keinen Grund, solange er eine Waffe hatte. Nach einer Weile ließ er mich in Ruhe und widmete sich ganz seiner Selbstzerstörung. Mein erster Freund war ein guter Junge. Er liebte mich. Das tat Ghettoschreck auf seine Weise sicher auch. Ich ging durch beide hindurch, wie durch die weiteren guten und bösen Jungs auch, denen sie als Vorlage dienen sollten.

Der Knüppel

Ich fuhr so gut wie immer schwarz. Manchmal kaufte ich mir eine Fahrkarte und fragte mich, warum ich das eigentlich nicht immer tat. In der Münchner S-Bahn sah ich auf der Fahrt vom Flughafen in die Stadt wiederholt eine Werbetafel, auf der ein Mann mit einem rot ausgemalten Eselskopf abgebildet war. Darunter stand: »Schwarzfahren, ich Esel! Das schöne Geld und wie peinlich vor all den Leuten.« Ich fand Geld nie schön, und peinlich waren mir ohnehin wenige Dinge.

Einmal hatte ich aus Versehen eine Fahrkarte gekauft, als ich nach einem Besuch bei meiner Mutter zurück in die Innenstadt fuhr. Und tatsächlich wurde ich kontrolliert, reibungslos. Natürlich bemerkte ich die Eile, mit der ein Mann zur Tür ging, die Eile, mit der er den Halteknopf drückte, und natürlich besann ich mich der zehn Regeln für Schwarzfahrer, die wir in unserer Schülerzeitung »Der Knüppel« veröffentlicht hatten. Eine der zehn Regeln lautete: Wer im Besitz einer gültigen Fahrkarte ist, sollte diese unbedingt zur weiteren Nutzung an Dritte weitergeben. Und so ging ich zur Tür, betrachtete die Rückansicht des schwarzfahrenden Mannes, die rote, eng taillierte Kunstlederjacke, die knappen Jeans über spitz zulaufenden Stiefeln. Ich raunte in sein Ohr: Achtung, Fahrkarte, bevor ich sie ihm mit zwei Fingern langsam in die rechte, sich über seinen Po spannende Hosentasche schob. Sie war noch nicht ganz hineingeglitten, da war er bereits herumgewirbelt und hatte mir einen Schlag ins Gesicht verpasst. Oh, sagte ich betreten, ich wollte doch nur ... In diesem Moment hatten uns die Kontrolleure erreicht, das hieß, ihn hatten sie erreicht, ich war ja bereits geprüft. Fahrkarte, wiederholte ich leise, bevor ich ausstieg. Als ich mich vom Bahnsteig aus noch einmal umdrehte, sah ich, wie er ihnen meine Fahrkarte reichte und mir nachsah. Das hatte ganz schön wehgetan, aber so war das. Einem Türken mit großer Zickzacknarbe auf der Wange greift man nicht ungestraft an die Hose, auch nicht in bester Absicht.

Mein Heimweg führte mich noch eine Weile den Schienenverlauf der Straßenbahn entlang. Ich ging langsam, mit gesenktem Kopf. Als ich aufblickte, sah ich aus der Ferne der nächsten Haltestelle die rote Lederjacke auf mich zukommen. Der Fremde rannte mir entgegen, bis er atemlos vor mir stand. Wir schauten uns an. Er sah gefährlich aus, aber er war gekommen, um mir zu danken. Er hatte mich gesucht und gefunden, und nun gab er mir seine Nummer. Falls ich mal Hilfe brauchte. Welche Hilfe, war klar: jede. – Sanftheit, die auf Gewalt folgt, sollte mir nicht so gut gefallen, wie sie es tat. Leider habe ich den Zettel rasch verloren. Wie dumm von mir.

Tränenüberströmt

In der Grundschule hatte ich einen seltsamen Mitschüler. Dirk hatte einen Sprachfehler, bewegte sich unbeholfen und war unverhältnismäßig groß. Er habe eine Nachricht von einer Freundin für mich, rief er mir zu und winkte mit einem Zettel, als ich auf dem Nachhauseweg eine kleine Parkanlage durchquerte. Statt ihn mir zu geben, stieß er mich ins anliegende Gebüsch. Dort ritzte er mir mit kleinen Hölzern Striemen in die Haut und trieb mich anschließend durch den Regen auf den ebenfalls sehr kleinen Friedhof an der Endhaltestelle der Straßenbahn. Dort musste ich Wasser aus den Blumenvasen vor den Grabsteinen trinken. Ich hätte sicher weglaufen können, aber ich wagte es nicht. Am Ende ließ er mich nach Hause gehen, weil er mit mir fertig war. Meiner Mutter schüttete ich gleich das Herz aus, goss, völlig aufgelöst, Rotz und Wasser über sie und die Ereignisse des Nachmittages. Sie hörte zu und fragte und nickte, bis sie nach längerer Bedenkzeit zum Telefonhörer griff und die Klassenlehrerin anrief: Meine Tochter kam soeben tränenüberströmt nach Hause, begann sie ihren sorgfältig gestalteten Bericht und fasste das Geschehen in sauberer Chronologie zusammen. Sie hatte eine Form für mein Entsetzen gefunden. Erlebnisberichte zu verfassen, lernten auch wir ein paar Jahre später bei unserer Klassenlehrerin im Deutschunterricht. Bisweilen erzählte sie uns auch persönliche Dinge. Von ihrem Mann zum Beispiel, der so schwer an seiner Aktentasche getragen habe, dass seine Schultern aus der Form geraten und schief ...

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