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Nicht Oben und Nicht Unten

Wer die Wahrheit nicht weiß,
der ist bloß ein Dummkopf.

Aber wer sie weiß und sie eine Lüge nennt,
der ist ein Verbrecher.

Bertolt Brecht (1898-1956)

In den Diktaturen darf man nichts sagen,
muss alles nur denken.

In der Demokratie darf man alles sagen,
aber keiner ist verpflichtet,
sich dabei etwas zu denken.

Willi Ritschard (1918-1983)

DER FREMDE ANFANG

„Name?“

„Wolkenstein.“

„Vorname?“

„Lars.“

„Ihr Alter?“

„Na och Wolkenstein!“

Der ältere Mann schaute nur kurz über seine Brille zu seinem Gegenüber, räusperte sich laut und fragte erneut: „Wann geboren“, und betonte dass WANN lauter.

„Wer? Mein Alter?“

Der ältere Mann legte den Stift auf den Fragebogen, nahm die Brille ab, lehnte sich zurück, grinste. Die Haare, die seitlich der Mütze hervorschauten, waren angegraut. Er nahm sie ab und legte sie auf den Tisch. Die Mütze gab eine Glatze frei. Falten bildeten sich auf seiner Stirn. Mit strahlenden Augen, die zu seinem Grinsen passten, schaute er Wolkenstein an.

„Einen Komiker haben wir hier, was? Na, das werden sie dir schon austreiben! Wir hatten hier schon ganz andere Komiker.“

Wolkenstein musterte den Uniformierten. Graue Schläfen, hohe Stirn, dunkle Augenringe. Steinalt, dachte Wolkenstein.

Der Alte hatte sich inzwischen wieder in Schreibposition begeben und die Brille aufgesetzt, die Mütze lag noch auf dem Tisch: „Wie alt sind Sie denn nun?“

„Neunzehn Jahre, Herr Hauptmann“, antworte Wolkenstein so zackig er konnte, es sollte aber komisch klingen.

„Das lernst du hier alles noch, keine Bange: das heißt Genosse Fähnrich! Verstanden, Genosse Soldat?“

„Entschuldigung, aber ich bin nicht in der Partei, in gar keiner.“

„Wir sind hier alles Genossen, früher waren wir Kameraden und heute sind wir Genossen.“

Wolkenstein wollte etwas antworten, aber der Fähnrich ging stur die Fragen durch, ohne weitere Unterbrechungen zuzulassen.

„Na also, ging doch“, sagte der Ergraute, als er die Antwort zur letzten Frage notiert hatte, „und nun raus auf den Gang, rechts rum, nächstes Zimmer, 156. Der Nächste!“

Wolkenstein stand auf, nahm den ihm gereichten Zettel und verließ das Zimmer.

Auf dem Gang war es finster, seine Uhr zeigte halb eins, nachts. Licht schien nur durch die offenen Türen auf den langen Flur. Ein Soldat kam mit langsamen Schritten näher. Seine Schritte knallten laut auf den Fließen, er hatte Eisenabsätze unter den Sohlen. Jeder Schritt hallte von den kahlen Wänden wieder. Der Kopf dröhnte noch leicht von gestern, von der Abschiedsfeier, sein Mund war trocken.

„Wehrkreiskommando XV, Schillingstraße 49, 4.11., 09.00 Uhr“ stand auf seinem Einberufungsbefehl. Die Nacht zuvor hatte er ausgiebig Abschied mit seinen Freunden und seiner Verlobten gefeiert, Kola-Wodka ohne Ende. Alle waren gut drauf und machten ihm Mut. Gestern war er auch noch mutig, hatte große Sprüche geklopft, ohne recht zu wissen, was ihn hier eigentlich erwarten würde. Es war doch bisher auch immer alles gut gegangen, weshalb sollte diesmal etwas nicht glatt gehen?

Am letzten Arbeitstag hatte ihn der Meister mit den Worten verabschiedet: „Immer schön in der Mitte bleiben, nie vorneweg und nie hinterher, verstehst? So bin ich auch vom Russenfeldzug heimgekommen. Na, wirst es schon schaffen, bist doch ein kluges Kerlchen!“

Die anderen Kollegen wünschten einfach nur alles Gute.

„Wenn du erst EK bist, hast du das Gröbste hinter dir, dann sagst du, wo es langgeht.“ Peter war Mitte zwanzig und hatte sogar schon einmal Reservistendienst geleistet.

EK? Wie fremd das klang. Entlassungskandidat war die genaue Bezeichnung für einen Titel, den jeder im dritten Diensthalbjahr bekam.

Mutter hatte ihm die Tasche gepackt. Er wollte das selber machen, aber er konnte ihr die Freude nicht nehmen. Sie war aufgeregt und unterdrückte ihre Angst nicht. Mach dies, pass auf, zieh dich ja warm an, iss bloß genug. Vater hatte ihm seinen alten elektrischen Rasierapparat gegeben und Rasierwasser gekauft. „Hast ja schon einen Bart. Nun muss der Flaum aber runter. Und eine vernünftige Frisur werden sie dir auch verpassen!“

Von wegen Flaum! Andere in seinem Alter hatten nicht mal den. Seine Koteletten trug er lang als Backenbart wie John Lennon. Das Bild Lennons hing über seinem Bett. Neben den anderen Bildern der Beatles. Vater hatte anfangs wegen der Bilder Theater gemacht. „Langhaarige Schreihälse“ hatte er sie genannt. Die Bilder blieben hängen, auch der selbstgemalte Schriftzug HELP! Daneben ein Ausspruch Lennons: „Ihre Majestät, ich gebe aus Protest gegen die britische Verwicklung im Nigeria/Bifra Konflikt meinen MBE Orden zurück, ebenso protestiere ich gegen die englische Unterstützung der Amerikaner in Vietnam und dagegen, dass mein Song Cold Turkey die Hitliste runterrutscht.“

Wolkenstein bewundert John für seinen Mut, der Königin von England so etwas zu sagen. Der Königin! Mehr ging nicht.

Er verehrte John, weil er anders war. Nie im Leben hätte Wolkenstein sich getraut, einen älteren Menschen zu kritisieren. „Achte mir die Alten, sie haben ein schweres Leben hinter sich und es verdient, geachtet zu werden!“ Seine Großmutter hatte für jeden und alles einen weisen Spruch.

„Was stehen Sie da rum? Kommen Sie rein!“

Wolkenstein wurde aus seinen Gedanken gerissen.

Er stand vor der offenen Tür des Zimmers 156. Nachdem er eingetreten war, reichte er seinen Zettel.

„Die Tasche auf den Stuhl abstellen. Schuhe ausziehen und auf dieses Brett, mit dem Rücken zur Messlatte stellen.“

Der Ton des neuen Fähnrichs war ungleich härter, als der des Schreibers von nebenan. Militärischer eben. Er war auch bedeutend jünger, sehr kurze Frisur, die Uniform saß wie angegossen.

Wolkenstein stellte die Tasche neben den Stuhl, setzte sich auf selbigen und begann die Schnürsenkel zu öffnen.

Scheinbar dauerte es dem neuen Fähnrich zu lange: „Ihnen kann man ja die Schuhe beim Laufen besohlen. Etwas mehr Bewegung, wir sind hier nicht im Altersheim Mann, bewegen Sie sich.“

„Jawohl, Genosse Fähnrich!“ Wolkenstein wollte sein eben erst erworbenes Wissen gleich anwenden.

Dem neuen Fähnrich huschte ein Lächeln übers sonst sehr ernste Gesicht, er richtete sich etwas auf. Die Brust vorgestreckt antwortete er mit unerwartet weichem Ton: „Ich bin noch Oberfeldwebel, Genosse Soldat“, sein Lächeln verschwand jedoch sogleich wieder, „nun aber etwas zügiger, es warten noch mehr draußen.“

Wolkenstein stellte sich auf das Brett.

„Die Hacken hinten an die Leiste Mann! Wie soll ich denn sonst Ihre Schuhgröße bestimmen? Und den Kopf auch. Gerade stehen. Muss man Ihnen denn alles sagen, Mensch?“ Noch beim Sprechen knallte der Oberfeldwebel einen Stiefel gegen die Schienbeine und mit der flachen Hand schlug er gegen Wolkensteins Stirn, so dass der Kopf hinten an die Messlatte schlug. Bevor Wolkenstein alles begreifen konnte, stand der Oberfeldwebel gebeugt über dem Schreibtisch und notierte etwas auf dem Zettel. Dann drehte er sich um und reichte Wolkenstein das Blatt.

„Mensch, Sie stehen ja immer noch da! Schuhe anziehen und weiter zur 158! Der Nächste!“

Wolkenstein musste sich auf den Boden setzen, um die Schuhe anziehen zu können, der Nächste hatte bereits seinen Koffer auf den Stuhl gestellt.

In der 158 waren mehrere Feldwebel und Soldaten. Der erste reichte ihm mit der einen Hand eine große Plane: „Zusammenknöpfen, wie das Muster da an der Wand, sodass ein Sack entsteht und weiter zum Nächsten“, und wies mit der anderen auf die hinter ihm stehende Wand, wo eine Art Seesack zu erkennen war.

Wolkenstein war überfordert. Die Plane war quadratisch, etwa 2 mal 2 Meter. Knöpfe aus Aluminium, Schlitze, Öffnungen. Wo anfangen? Welche Seite gehörte nach oben, wo sollte die Öffnung hin? Ein Feldwebel bemerkte seine Hilflosigkeit, trat näher und sagte: „Da werd ich Ihnen mal ein bisschen helfen, Genosse Soldat! Hatten wir denn das nicht in der GST gelernt?“ Er nahm Wolkenstein die Plane aus der Hand und knöpfte mit flinken Fingern zwei Seiten zusammen. „Und ab hier weiter bis oben hin, verstanden?!“

„Jawohl, verstanden!“ Wolkenstein war froh, den Rest konnte er nun allein. Dankbar schaute er den hilfsbereiten Feldwebel ins Gesicht. Klare, ganz helle Augen, strahlend. Blonde Haare quollen seitlich der Mütze hervor. Er war jünger als die beiden vorher. Höchstens zwei Jahre älter als Wolkenstein.

„Danke“, murmelte Wolkenstein und knöpfte dabei weiter.

Die Soldaten, die ihn weiter abfertigten, schauten kurz auf seinen Zettel, drehten sich um, gingen zu den hinter ihnen stehenden Regalen, nahmen etwas heraus, kamen zurück und warfen es in seinen neuen „Seesack“.

„Weiter!“ Der nächste warf auch einen kurzen Blick auf das Blatt und legte einen Stapel weißer Wäsche in den Sack. Kurz darauf mehrere Hosen und Jacken, Stiefel, Stahlhelm. Es ging alles mächtig schnell.

„Ich weiß ja gar nicht, ob mir das alles passt“ rief Wolkenstein hilflos, bemüht, den Sack nicht fallen zu lassen.

„Wir sind hier bei der Armee und nicht im Kaufhaus, Genosse Soldat!“ Sagte eine sehr laute Stimme direkt hinter Wolkenstein. Er drehte sich um. Hinter ihm stand ein großer, sehr dünner Offizier. Wolkenstein erkannte die silbrige Kordel an der Mütze und die goldfarbenen Sterne auf den Schulterstücken, Kennzeichen eines Offiziers. Die anderen Soldaten und Feldwebel hatten ihre Arbeiten unterbrochen und sich stramm hingestellt.

„Achtung! Vierter Zug beim Einkleiden. Genosse Hauptmann, keine besonderen Vorkommnisse!“ Der freundliche Feldwebel sah nun ernst aus, kein Lächeln umspielte seinen Mund. Er sprach laut und zackig. Die Augen strahlten nicht mehr, leer schauten sie auf den Hauptmann.

„Danke, weitermachen“, antwortete der Hauptmann. Wolkenstein schaute zum Feldwebel, da er annahm, dass dieser irgendetwas antworten würde. Als nichts geschah, blickte er sich um, der Hauptmann war weg. Unauffällig wie er plötzlich hinter Lars gestanden hatte, war er auch wieder verschwunden.

„Den sollten Sie sich merken“, der Feldwebel hatte sein Lächeln wieder gefunden „dass ist unser KC!“ Er stockte kurz, als er Wolkensteins fragenden Blick sah. „Unser Kompaniechef“, setze er hinzu. Wolkenstein nickte stumm.

Alles Weitere ließ Wolkenstein stumm über sich ergehen. Er war müde und wollte nur noch schlafen. Das neue Leben war fremd und unwirklich, es passte nicht auf seine Haut.

Nach dem Empfang aller möglichen Kleidungsstücke und Gerätschaften ging es auf die Zimmer. Ein Unteroffizier führte sie durch die Gänge bis zu ihrer Stube. Es war ein „Dreiender“, die Jacke der Uniform war oben zugeknöpft, alle noch länger Dienenden trugen Hemden mit Krawatte. Seine Mütze saß sehr tief, so dass man kaum die Augen sehen konnte

„Hier ist ihre Stube“, sagte der Unteroffizier und verschwand.

Na endlich, dachte Wolkenstein, endlich schlafen, es war halb zwei.

Gleich rechts neben der Tür standen vier Doppelstockbetten, weiß blau karierte Bettwäsche, am Fußende jeweils eine dunkelgraue Decke. An den Stirnseiten des Raumes befanden sich je vier Schränke, ein schmaler Schrank stand links neben der Tür. Gegenüber den Betten waren zwei Fenster, davor zwei Tische mit je vier Hockern.

Jeder suchte sich ein Bett und einen Schrank aus, geredet wurde kaum, jeder hatte mit sich zu tun.

Bevor er sich jedoch auf sein Bett setzen konnte, kam der Unteroffizier in die Stube: „Raustreten zum Haarschneiden, Geld nicht vergessen.“

„Nimmt denn das hier gar kein Ende, morgen ist doch auch noch ein Tag.“

Irgendjemand hatte sich Luft gemacht und gesagt, was vermutlich alle in der Stube dachten.

Der Unteroffizier drehte sich in die Richtung, wo er den Sprecher vermutete: „Wer von ihnen hat das gesagt?“

Das Gesicht des Unteroffiziers nahm einen schadenfrohen Ausdruck an, als hätte er nur auf diese Äußerung gewartet. Obwohl die Augen im Schatten der Schirmmütze versteckt waren, glaubte Wolkenstein ein Blitzen gesehen zu haben.

„Ich“, sagte ein etwas dick wirkender Jüngling. Sein Gesicht ernst, die Anstrengungen der letzten Stunden waren darin zu erkennen. Er sah aus, als hätte er erst die Jugendweihe erhalten, aber nicht wie einer, der bald mit einer Maschinenpistole schießen müsste.

„Ihr Name, Genosse Soldat?“

„Lehmann.“

„Das heißt Genosse Lehmann!“

„Nein, einfach nur Lehmann, ohne alles, einfach Lehmann.“

Wolkenstein musste innerlich grinsen. Dem geht’s genau wie mir, dachte er.

„Hier sind wir alles Genossen, so wird man hier angeredet, Genosse und Dienstgrad, oder Dienstgrad und Namen, verstanden? Und nun etwas Beeilung, um sechs ist die Nacht vorbei. Nach dem Wecken morgen früh ziehen sie rot gelb an, darüber den grauen Trainingsanzug und die schwarzen Turnschuhe.“

Das allgemeine Murren hörte er schon nicht mehr, er war verschwunden.

Beim Haarschneiden fiel Lehmann wieder auf.

„Ich war gestern erst beim Friseur, das sehen Sie doch! Oder glauben Sie, ich wäre immer so kahl rumgelaufen.“

„Alle zum Friseur, so lautet der Befehl, Genosse. Hinsetzen!“

Auf dem Weg zur Stube gab Lehmann noch einige Bemerkungen von sich, die aber keiner so richtig wahrnahm.

Kurz nach zwei war Wolkenstein endlich im Bett, konnte aber nicht gleich einschlafen. Der Kopf war kalt, die schulterlangen Haare fehlten. Auch die Wangen fühlten sich kühl an, alles war weg. Er hatte im Spiegel mit ansehen müsse, wie er sich im Handumdrehen total veränderte. Entstellt und nackt kam er sich vor. Er war nicht mehr er. Alles Mögliche ging ihm durch den Kopf. Die letzten Wochen waren toll, Facharbeiter geworden, erstes eigenes Geld verdient. Verlobt. Die besten Kumpels der Welt. Fast alle wurden eingezogen, jeder in eine andere Ecke des Landes.

Irgendwann schlief er ein, traumlos.

„Kompanie aufstehen, Raustreten zum Frühsport! Raustreten in fünf Minuten“, schallte es auf dem Flur.

Kaum jemand hatte sich bewegt, als schon die Tür aufgerissen wurde.

„Raus aus den Betten! Anziehen zum Frühsport! Man das stinkt ja hier wie in einem orientalischen Puff!“

Es war der Unteroffizier von gestern, er hatte den grauen Trainingsanzug an, ging zum Fenster und öffnete beide Flügel bis zum Anschlag. Alle machten Anstalten sich anzuziehen, nur Lehmann lag noch. Der Unteroffizier ging zu Lehmanns Bett und zog mit einem Ruck die Decke völlig weg.

Lehmann stöhnte: „Was ist denn nun schon wieder? Kann man hier nicht mal in Ruhe die Nacht verbringen? Es ist doch noch stockdunkel draußen.“ Man sah wie er fror und die Arme vor seinem Körper verschränkte.

„Hoch Genosse Soldat! Rot gelb und den Trainingsanzug. Sie haben noch vier Minuten.“

Lehmann brabbelte noch irgendetwas Unverständliches und zog sich um.

DER ÄLTESTE DER STUBE

Es war noch dunkel, kalt. Der Regen musste erst vor kurzem aufgehört haben, alles glänzte im Schein der Laternen. Pfützen, wohin man schaute.

Der Unteroffizier machte einige Übungen vor, alle machten mehr oder weniger mit. Zum Schluss rannten sie noch eine Runde um den Block. Der Unteroffizier zeigte mit der linken Hand zum Eingang: „Ich will Sie am ersten Tag nicht gleich überfordern. Waschen, umziehen Dienstuniform, Stubenreinigung, dann fertigmachen zum Frühstück.“

Lehmann rannte voraus: „Man muss ich pinkeln, mir platzt gleich die Blase.“

Alle folgten, genauso schnell.

Die Toilette war überfüllt, Wolkenstein stand hinter einem großen Schwarzhaarigen, der scheinbar noch den Kasten Bier vom Vortage entsorgen musste. Er wurde einfach nicht fertig.

„Gib Gas Alter, mir drückt es auch!“

Der Schwarzhaarige drehte sich um und schaute auf Wolkenstein herab: „Halts Maul, du Zwerg!“

Wolkenstein war getroffen, er wusste, dass er zu den Kleinsten gehörte. Der Schwarzhaarige ging nach draußen und rempelte ihn beim Vorbeigehen an. Wolkenstein schaute ihm nach, fast zwei Meter, aber sehr dünn.

Als alle vom Waschen zurück waren, meldete sich Lehmann zu Wort: „Hört mal alle her! Der Unteroffizier möchte, dass wir noch vor dem Frühstück einen Stubenältesten wählen.“

Ruhe im Zimmer. Die acht jungen Männer hatten bisher nur wenige Worte getauscht, sich vorgestellt. Bei der Suche nach einem noch freien Bett, gefragt: „Liegst du hier?“ Mehr nicht. Es herrschte sowieso eine gedrückte Stimmung. Jeder versuchte, mit der neuen Situation klarzukommen. Wolkenstein schaute sich um. Außer Lehmann und ihn waren noch sechs andere auf der Stube.

„Ist mir egal“, meldete sich der, der über Wolkenstein schlief, „Hauptsache nicht ich.“

„Mir auch“, schlossen sich kurz hintereinander einige andere an. Wolkenstein wollte ebenfalls keinen Posten: „Ich schlage Lehmann vor.“ Es war auch der einzige Name, den er sich bisher gemerkt hatte. Kaum ausgesprochen, stimmten die anderen sechs zu.

„Ich? Äh, na ja, äh, wenn ihr wollt. Ich heiße Bodo Lehmann. Und ihr?“

Es schien, als wäre nun das Eis gebrochen. Jeder stellte sich vor und erzählte woher er kam.

Unbemerkt trat der Unteroffizier in die Stube. Er hatte schon die Dienstuniform an. Keiner nahm weiter von ihm Notiz, alle waren damit beschäftigt, sich an die neue Kleidung zu gewöhnen.

„Wer wurde als Stubenältester gewählt?“ Er stellte die Frage an Lehmann.

„Ich. Ich wurde gewählt.“

„Hab ich mir gedacht, Soldat Lehmann. Sie sind nun verantwortlich für die Ordnung und Sauberkeit auf der Stube. Das heißt aber nicht, dass Sie das allein machen sollen. Im Gegenteil! Sie erstellen einen Plan, der alle einbezieht, einen Revierplan. Ich werde Ihnen dass nachher noch genauer darlegen.“ Er ging zum Fenster, fuhr mit dem Zeigefinger über das Fensterbrett und hielt ihn Lehmann hin.

„Sehen Sie den Dreck? Darauf haben Sie zu achten.“

„Der Dreck ist aber nicht von uns, wir sind erst einige Stunden hier.“

Wolkenstein biss sich auf die Zunge, er konnte wieder einmal nicht die Klappe halten.

Der Unteroffizier trat dicht vor Wolkenstein, keinen halben Meter.

„Ihr Name, Genosse Soldat?“

„Wolkenstein.“

„Das heißt: Soldat Wolkenstein, Genosse Unteroffizier!“

Wolkenstein nickte.

Der Unteroffizier kniff die Augen leicht zusammen und sah Wolkenstein tief in die Augen: „Das heißt: Jawohl Genosse Unteroffizier!“

Wolkenstein wiederholte nun den Satz. Ohne die Augen von Wolkenstein zu lassen sagte er: „Soldat Lehmann, Sie wissen hoffentlich, wer zuerst mit dem Stubendienst dran ist!“

„Jawohl, Genosse Unteroffizier!“

„Noch eins. Für alle. Wenn ein Vorgesetzter die Stube betritt, hat der ACHTUNG zu rufen, der den Vorgesetzten zuerst beim Eintreten erblickt. Alle Tätigkeiten werden dann eingestellt, hinstellen mit Blick zum Vorgesetzten und der Dienstälteste hat dann Meldung zu erstatten. In ihrem Fall der Stubenälteste. Und wenn der Vorgesetzte das Zimmer verlässt, kommt ebenfalls ein ACHTUNG, dann vom Dienstältesten.“

„Jawohl, Genosse Unteroffizier“, sagte Lehmann, „Meldung machen. Und ACHTUNG rufen.“

Er stand vor Wolkenstein und schaute ihm immer noch in die Augen: „Sehen Sie, Soldat Wolkenstein, Ihr Stubenältester lernt schnell“, dann drehte er sich abrupt um und verließ das Zimmer.

„Achtung!“, rief Lehmann.

Also werde ich immer drauf achten, dass ich mit dem Rücken zur Tür stehe oder sitze, dachte Wolkenstein.

„Stubenreinigen ist nun dran und Wolkenstein fängt gleich damit an“, meldete sich der frisch gebackene Stubenälteste zu Wort.

Wolkenstein rührte sich nicht und knöpfte weiter seine Jacke zu. Lehmann und die anderen sechs schauten auf Wolkenstein.

„Was ist? Habe ich mich verknöpft?“ Er schaute auf seine Uniformjacke hinunter und betrachtete die Aluminiumknöpfe.

„Wolkenstein, du bist dran! Ausfegen, siehst du den Sand nicht? Und vergiss das Fensterbrett nicht!“

„Seit etwas fünf Minuten gibt es keinen Wolkenstein mehr, nur noch den Soldaten Wolkenstein, Genosse Stubenältester.“

Wolkenstein betonte das Wort „Genosse“.

„Na prima, dann eben Soldat Wolkenstein: ausfegen und das Fensterbrett reinigen.“ Lehmanns Stimme näherte sich dem Befehlston, der keinen Widerspruch duldete. Der Ton passte eigentlich nicht zu seinem kindlichen Gesicht.

Eine gewisse Spannung baute sich auf. Wolkenstein ging zu seinem Schrank und suchte sein Besteck: „Mal sehen, wie viel Zeit nach dem Frühstück noch bleibt.“

Lehmann ging mit schnellen Schritten auf Wolkenstein zu und jeder ahnte, was nun folgen würde. Einer der sechs stoppte Lehmann und drängte ihn sacht zurück. Danach ging er zum Besenschrank, nahm einen Besen und einen Lappen heraus. Den Besen warf er wortlos Wolkenstein zu, der ihn erstaunt aber geschickt auffing. Dann ging er zum Fenster und begann dort zu wischen. Wolkenstein folgte ebenso wortlos und fegte den Boden. Die anderen kümmerten sich nun nicht mehr darum und hantierten in ihren Schränken.

Ausfegen, ja das kannte Lars nur zu gut. Im ersten Ausbildungsjahr war er zum Feierabend immer mit dem Fegen dran. Sein Lehrmeister war von der ganz alten Schule und legte sehr viel wert auf Disziplin, Sauberkeit und Ordnung. Dabei war das Auffegen der Späne, die beim Fräsen, Bohren oder Drehen entstanden sind, gar nicht so einfach. Überall und in allem verhakten sich die Späne und Spiralen. Er hatte seine Ausbildung zum Mechaniker mit Auszeichnung bestanden. Daran hatte der alte Lehrausbilder keinen geringen Anteil. Immer wieder zeigte er ihm, wie die Einstellungen an den verschiedenen Maschinen vorzunehmen waren. Geduldig wartete er darauf, bis Wolkenstein ebenso fehlerfrei arbeitete. Er hatte ihm sogar beigebracht, eine Kugel zu drehen. Das war besonders schwierig. Seine Kugel war zwar nie so rund wie die des Meisters und sie eierte ein wenig auf der Richtplatte, aber mit bloßem Auge war es nicht sofort zu sehen.

Ohne es zu merken, war er mit dem Fegen am Fenster angekommen. Der Andere war noch dabei, das Fensterbrett zu reinigen. Wolkenstein stellte sich daneben und schaute hinaus. Die Sonne war inzwischen aufgegangen. Die in rötlichem Licht getauchten Gebäude wirkten irgendwie gespenstisch, unwirklich. Wolkenstein hatte immer noch nicht begriffen, wo er eigentlich war. Dreistöckige Häuser mit je zwei Aufgängen reihten sich aneinander, Block an Block. Am gegenüberliegenden Haus stand auf einem großen Schild, das neben dem Eingang angebracht war, „Block 12“.

„Danke“, sagte Wolkenstein, ohne den Blick von dem Schild zu lassen, er stierte.

„Wir sitzen hier alle irgendwie in einem Boot, da macht es keinen Sinn, wenn wir uns untereinander aufreiben. Ich denke, es wird auch so noch schwer genug werden.“

„Ich heiße Lars, Lars Wolkenstein und Du“, fragte Wolkenstein und streckte dem Anderen die Hand entgegen.

Der warf den schmutzigen Lappen auf das Fensterbrett, wischte sich die Hand an der Uniformjacke ab, nahm die ihm gereichte Hand und sagte: „Andre Pelzer.“

Im selben Augenblick ertönte draußen auf den Flur eine Trillerpfeife und jemand rief laut: „Mann vor die Tür!“

Alle schauten sich an, aber keiner machte Anstalten, vor die Tür zu gehen.

„Damit ist bestimmt der Stubenälteste gemeint“, sagte jemand. Lars konnte nicht deuten, wer das gesagt hatte, Andre war es nicht.

Von draußen wieder die laute Stimme: „Stube 13, Mann vor die Tür!“

„Das sind wir, los Lehmann raus!“

Sichtbar unwillig und verärgert darüber, dass ihm jemand aus seiner Stube Befehle erteilte, warf er sein Essbesteck auf ein Bett und trat in den Flur.

„Kompanie macht sich fertig zum Frühstück. Raustreten in drei Minuten. Wegtreten!“ Die Stimme war etwas leiser, aber noch im Zimmer zu hören, weil die Tür offen stand.

Lehmann kam wieder rein und ging zu seinem Schrank ohne ein Wort zu verlieren.

„Was wollten die denn?“

Diesmal hatte Lars den Sprecher erkannt. Er saß auf dem Bett, das letzte in der Reihe, welches direkt an der Wand stand. Er hatte sein Käppi weit in den Nacken geschoben und grinste. Mit Messer und Gabel trommelte er auf seinen Knien und schien dabei leise eine Melodie zu summen. Der Kragen der Uniformjacke stand offen und die weißgraue Kragenbinde hing heraus.

„Blöde Frage. Hast doch alles gehört. Gibt gleich Frühstück.“

Lehmann antwortete mürrisch.

„Frühstück ist prima, hab schon mächtigen Hunger“, antwortete der Trommler, ohne auf die Anspielung von Lehmann einzugehen. Er benutzte das Besteck wie echte Schlagstöcke.

Lars holte einen Handfeger und eine Müllschippe, kehrte den Sand zusammen und schüttete ihn in den Eimer, der ebenfalls im Besenschrank stand. Andre warf den Lappen in hohem Bogen über Lars direkt in den Schrank.

Kaum hatte Lars die Tür vom Besenschrank geschlossen, ertönte wieder die Trillerpfeife und kurz darauf die laute Stimme: „Kompanie raustreten!“

Nun entstand Hektik, alles lief durcheinander. Jemand rief, dass das keine drei Minuten gewesen seien, aber keiner antwortete. Außer Lehmann und dem Trommler hatte noch keiner sein Essbesteck aus den Schrank genommen. Keiner stand in der Nähe seines Schrankes und so liefen alle kreuz und quer. Der Trommler und Lehmann gingen als Erste raus, gefolgt von den anderen, Lars war der Letzte.

Vor der Tür standen schon einige Unteroffiziere oder liefen langsam die Reihen ab, die sich vor den einzelnen Stuben gebildet hatten. Vor ihrer Reihe stand wieder der Unteroffizier, dessen Mütze sehr tief saß, knapp unter dem schwarzen Schirm waren die Augen zu erkennen.

„Mal herhören! Wir sind die dritte Gruppe des 4. Zuges der 7. Kompanie. Als solche rücken wir als Letzte aus. Und zwar im leichten Laufschritt, die Arme etwas angewinkelt.“ Er machte eine kurze Pause und setze hinzu: „Ich bin ihnen als Gruppenführer zugeteilt worden und damit ihr erster direkter Vorgesetzter und Ausbilder. Ich bin Unteroffizier Stein.“

Plötzlich kam der Trommler aus der Toilette, Käppi im Nacken, Bestecktasche unter dem Arm, dabei knöpfte er sich noch die Hose zu.

„Wo kommen Sie denn jetzt her?“ fragte Stein.

„Vorm Essen muss ick immer pinkeln“, sagte er im Berliner Dialekt und stellte sich neben Wolkenstein.

Stein musterte den Trommler aufmerksam.

„Setzen Sie das Käppi vernünftig auf und schließen Sie den obersten Knopf Ihrer Uniformjacke.

Der Trommler, eben noch sehr geschickt mit dem Besteck, knöpfte sehr umständlich den obersten Knopf zu und setzte das Käppi bewusst sehr tief in die Stirn, so wie der Unteroffizier etwa seine Mütze trug.

„Isset so recht, Jenosse Untaoffißier?“

„Wie heißen Sie, Genosse Soldat?“

Stein verschränkte die Arme hinter seinem Rücken und stellte sich direkt vor dem Trommler. Seine Augen hatten jeden Glanz verloren und wirkten kalt.

„Ick heiße Krüja und bin Berlina.“

Breites Grinsen zierte sein sonst sehr schmales Gesicht. Er war bedeutend größer als Lars, er überragte sogar Stein um einen halben Kopf, er war der Längste aus der Gruppe.

„Genosse Stubenältester! Wie lautet die Antwort richtig?“ fragte Stein sehr laut, ohne die Augen von Krüger zu lassen.

„Ich bin Soldat Krüger und komme aus Berlin, Genosse Unteroffizier!“

Stein öffnete gerade den Mund, um zu antworten da platzte Krüger dazwischen: „Watn, du heeßt och Krüja, ick denke du heeßt Lehmann, Mensch.“

Alle lachten und Lehmann wollte die Sache richtig stellen, als Stein mit einem sehr lautem „Ruhe!“, alle erstarren ließ.

Immer noch vor Krüger stehend sagte er sehr leise, so dass es nur Krüger hören konnte: „In wenigen Tagen werden Sie vereidigt sein, dann sehen wir uns wieder!“

Krüger hob unschuldig die Schultern und machte dazu eine passende Miene.

Ohne weitere Zwischenfälle ging es dann zum Frühstück.

Vor einem großen, flachen Gebäude hielt die Kompanie an. In Reihe ging es weiter, erster Zug, erste Gruppe bis zum 4. Zug 3. Gruppe. Wolkenstein war der Letzte, der den Essensaal betrat.

Es roch so eigenartig, dass eine Definition unmöglich war. Nach ausgekochtem Fleisch, angebrannten Kartoffeln oder sonst was, Lars war sich nicht sicher. Er wusste nur, dass er diesen Geruch bisher noch nicht kannte und vom ersten Atemzug an nicht mochte.

Vor der Essenausgabe stand ein Soldat und verteilte Teller und blaue Plastebecher mit Henkel.

Dabei sagte er etwa zu jedem Dritten: „Die dürft ihr bis zur Entlassung behalten, und dass dauert noch sehr, sehr lange.“

Dabei setzte er ein breites Grinsen auf. Seine Schulterstücke waren mittig geknickt, die Uniform hatte einige schmutzige Flecken. Lars klemmte sich seine Bestecktasche unter den Arm und nahm einen flachen und einen tiefen Teller, ein kleines Schüsselchen für Kompott und eine Tasse aus blauer Plaste entgegen.

„Teller!“ rief ein Soldat im weißen Kittel an der ersten Luke.

Da Wolkenstein nicht wusste welchen, reichte er den flachen Teller. Der Soldat nahm eine Kelle, und mit Schwung ergoss sich ein dicker Brei auf den flachen Teller.

„Teller!“ rief schon der Nächste.

Nun blieb nur noch der tiefe Teller übrig, den er reichen konnte. Der zweite Soldat legte zwei Scheiben Wurst, zwei Scheiben Brot und etwas Butter drauf, reichte den Teller zurück und sagte sofort: „Tasse!“

Wolkenstein balancierte den flachen Teller mit der Suppe, die drohte über den Rand zu fließen. Er stellte den tiefen Teller mit der Wurst und dem Brot schnell auf die aluminiumbeschichtete Tischplatte der Essensausgabe und nahm die Tasse, die am kleinen Finger der Hand hing, welche die Suppe hielt. Der Soldat füllte eine schwarze Flüssigkeit in den Plastebecher und reichte ihn Lars zurück. Schnell stellte er den flachen Teller mit der heißen Milchsuppe auf den tiefen, um eine Hand für die Tasse frei zu bekommen. Die Tasse dampfte sehr und beinahe hätte er sich die Finger verbrannt.

Der Soldat an der letzten Luke sah Lars zu und bemerkte seine Schwierigkeiten.

„Klappt wohl noch nicht so recht? Du hast aber noch sehr viel Zeit zum Üben, keine Bange, sehr viel Zeit.“ Dann beugte er sich über den Aluminiumtisch, schaute rechts und links, ob noch jemand anstand und ließ dann ein Rollo runter, das mit einem dumpfen Knall auf die Aluminiumplatte landete.

Wolkenstein nahm nun mit der einen Hand die beiden Teller und mit der anderen Hand den Becher und drehte sich um.

Der Raum war unendlich lang, Tischreihe an Tischreihe. Wie viele Soldaten mögen hier mit einem Mal essen können? Die anderen saßen schon und aßen. Neben Andre war noch ein Platz frei. Der nickte nur kurz, als er seinen fragenden Blick sah. Wolkenstein lief zu ihm hinüber. Alle saßen auf einem Hocker, nur an seinem Platz stand keiner. Er stellte seine Teller ab. Natürlich hatte die heiße Suppe die Butter zum Schmelzen gebracht, die sich nun zwischen Brot und Wurst hindurchschlängelte.

Wolkenstein schaute sich um, ob irgendwo noch ein Hocker stand, den er sich hätte holen können.

„Was ist los? Setzt dich und fang endlich an zu essen.“ Andre aß dabei weiter, ohne aufzublicken.

„Ich hab keinen Hocker“, antwortete der Angesprochene und schaute weiter in die Runde. Andre aß mit der rechten Hand weiter, während die linke unter dem Tisch einen Hocker hervorzog. Die Hocker steckten in Schienen direkt unter der Tischplatte.

Erleichtert setzte sich Lars, packte sein Besteck aus und kostete zuerst aus der blauen Tasse. Malzkaffee, der nach Plaste roch und auch danach schmeckte. Als er die Tasse wieder abgestellt hatte, rief jemand: „Aufstehen und rausrücken. Nach der Abwäsche draußen antreten.“

Lars tauchte gerade seinen Löffel in die Suppe, während die anderen aufstanden und die Hocker wieder unter die Tische einschoben.

„Essen beenden, aufstehen und rausrücken, Genosse Soldat.“

Wolkenstein im Zweifel ob er gemeint war, schaute sich um. Hinter ihm stand Stein.

„Meinen Sie mich?“ Wolkenstein schaute ganz entsetzt.

„Ja, Sie, Soldat Wolkenstein.“

„Entschuldigen Sie, aber dass kann nicht sein. Ich habe mich eben erst hingesetzt und noch nichts gegessen.“

„Dann wissen Sie beim nächsten Mal wenigstens, wie Sie ihre Zeit einzuteilen haben, um etwas essen zu können. Und nun, aufstehen und rausrücken.“

Stein beachtete ihn nicht weiter und ging zum Ausgang, am anderen Ende des Saales.

Lars schaute auf sein Frühstück, sah, wie die anderen schon in der Abwäsche, ein relativ kleiner Raum am anderen Ende des Saales, verschwanden. Schnell legte er die zwei Scheiben Wurst auf eine Scheibe trockenes Brot, klappte die andere darüber, stellte den flachen Teller auf den tiefen, schob den Hocker unter den Tisch in die Schienen, steckte sich die Stulle in den Mund, nahm die Tasse in die nun noch freie Hand und folgte den anderen.

In der Abwäsche lief heißes Wasser aus dutzenden Hähnen, Wasserdampf erfüllter den Raum. Beim Abwaschen versuchte Lars die Stulle zu essen. Um dabei seine Teller und die Tasse abwaschen zu können, musste er sie zwischendurch auf den Rand des Troges legen, in dem sich das dampfende Wasser ergoss. Er konnte sich eines gewissen Ekelreizes nicht entziehen. Der stickige Geruch in der langen Essenhalle, die überhitzte, feuchte und stinkende Luft in der Abwäsche, der mit Essensresten verschmutzte Trog, alles sehr unappetitlich. Sein Magen war von der Abschiedsfeier sowieso noch etwas angegriffen.

Mit dem letzten Bissen trat er ins Freie und atmete tief durch, so tief er nur konnte und ließ die kalte Luft lange in der Lunge.

VEREIDIGUNG

Es folgten Tage, wo einer dem anderen glich: Dienstvorschriften, Exerzierausbildung, Dienstvorschriften, Körperertüchtigung, Dienstvorschriften, Exerzierausbildung….

Es wurden die Grundlagen vermittelt.

Sie mussten Päckchen packen, mit ihren Zivilsachen und beim Spieß abgeben. Damit verschwand das letzte bisschen Private, mal abgesehen vom Waschzeug und den Bildern der Freundin. Lars stellte langsam den Karton beim Hauptfeldwebel auf den Tisch, als wären rohe Eier drin.

Beim Verlassen des Raumes drehte er sich im Türrahmen noch mal um, wehmütig schaute er auf den Karton, das hatte irgendetwas Endgültiges.

Beim Essen änderte sich nicht viel. Lars sparte Zeit, weil er wusste, welcher Teller wann dran war, die Sitzgelegeneheit musste er auch nicht mehr suchen. Die Suppe löffelte er schon beim Weiterrücken oder er schenkte sich die Suppe und übersprang eine Ausgabe und ging gleich zum Brot. Er hatte sich auch eine Cellophantüte besorgt, um belegte Brote mitnehmen zu können. So schmierte und belegte er nur schnell seine Schnitten und aß sie später in einer Pause. Am Wochenende war mehr Zeit zum Essen, kein Zeitzwang, um pünktlich zur nächsten Ausbildungsstunde zu erscheinen.

Dann kamen zwei Tage, an denen nur noch exerziert wurde. Der Fahneneid war der Mittelpunkt der „Dienstvorschriftenstunde“, die Vereidigung stand vor der Tür. Verwandte und Bekannte konnten eingeladen werden. Fahnen wurden auf dem großen Appellplatz hochgezogen, einige Fahrzeuge standen am Rand der Tribüne. Es war „Paradeuniform“ befohlen, was in Wirklichkeit nur die Ausgangsuniform war, aber mit Stahlhelm und Stiefel. Nach dem Frühstück, welches erstaunlicherweise in absoluter Ruhe verlief, war noch viel Zeit. Die Gruppenführer hielten sich bei ihren Gruppen auf und gaben Hinweise zur Kleiderordnung. Um neun war gemütliches Antreten, ohne Laufschritt ging es vor den Block. Im ganz normalen Gleichschritt durch das Objekt bis zum Appellplatz. Dort wurde ausgerichtet, bis alle Kompanien sich in einer geraden Linie befanden.

Sie standen mit Blickrichtung zur Tribüne. Seitlich waren Fahnen an langen Masten hochgezogen, links die Truppenfahne. Auf der anderen Seite stand ein Schützenpanzerwagen, frisch aufpoliert. Seine grüne Farbe glänzte in der Morgensonne. Am Rande des Appellplatzes, der sonst als Exerzierplatz diente, stand ein Fahrzeug vom medizinischen Dienst, es war auch grün, hatte aber an allen Seiten ein rotes Kreuz auf weißem Grund. Na so schlimm wird es wohl nicht werden, dachte Lars.

Geladene Gäste waren noch nicht zu sehen. Wolkenstein hatte seine Verlobte eingeladen, nicht seine Eltern. Wegen der Verlobung mit Marlies hatte es zu Hause mächtig Zoff gegeben. Nur kurz vor der Einberufung herrschte kurzzeitig Waffenstillstand, die Eltern wollten den Jungen nicht mit allzu schlechten Erinnerungen zur Armee schicken. Marlies war es auch, die ihn am Tag der Einberufung zum Wehrkreiskommando gebracht hatte, nicht die Eltern, wie er es bei einigen gesehen hat. Die meisten kamen allein, nur drei verabschiedeten sich von ihrer Freundin. Als der Lkw losfuhr, saßen etwa dreißig Mann nebeneinander auf den kalten Bänken. Wolkenstein war absichtlich als Letzter eingestiegen, um rausschauen zu können und hatte gehofft, Marlies noch einmal zu sehen. Außerdem war ihm schlecht und er befürchtete das Schlimmste. Als der LKW aus dem Tor fuhr und rechts abbog, stand sie da und winkte, daneben die beiden anderen Mädels. Sie hatte wirklich die ganze Zeit vor dem Tor mit den anderen gewartet.

Lars winkte und rief ohne Ziel nach hinten: „Mensch, eure Frauen sind noch da!“ Er wusste nicht, wessen Frauen das waren, sie saßen weiter hinten und sprangen sofort auf, um noch kurz zu winken, dann bog der LKW links ab und fuhr Richtung Bahnhof. Einer von beiden legte seine Hand auf das Knie von Lars und sagte „Danke“, danach wurde er nach rechts geschleudert, der LKW fuhr eine Linkskurve. Sich mühsam haltend versuchte er, an seinen alten Platz zu gelangen.

Lars hatte zuerst einen Kloß im Hals, so etwas kannte er eigentlich nicht. Dann schaute er in die Runde. Er wollte sehen, wer das gleiche Los zu tragen hatte. Die meisten schauten stur auf die Holzplanken der Ladefläche, ohne irgendeine Regung im Gesicht. Dann blickte er plötzlich jemanden direkt in die Augen. Der nickte kurz und sagte laut, um den Motorenlärm zu übertönen und damit es alle hören konnte: „Wir haben die besten Frauen der Welt, die schaffen das!“

„Na klar Alter, was denkst du denn“, hatte Wolkenstein ebenso laut geantwortet. Sehr laut, um sich selbst Mut zu machen und um Stärke zu zeigen. Danach schwiegen alle, jeder hing seinen Gedanken nach. Am Bahnhof angekommen sprangen alle von der Ladefläche. Namen wurden verlesen und Zugabteile zugewiesen. Neue Gruppierungen bildeten sich.

In seinem Waggon grölte schon eine kleine Truppe, die wahrscheinlich noch vom Vortag in Stimmung war. Laut krakelten acht Männer, zwei hatten sogar noch Bierflaschen in den Händen. Lars hob es fast den Magen an, als er die Flaschen sah. Er schloss die Augen, er war müde und wollte nichts als schlafen. Der Zug war noch nicht abgefahren, als zwei Uniformierte in den Waggon traten. Sie trugen Maschinenpistolen quer vor der Brust, weiße Gürtel und Riemen waren auffällig. Sie näherten sich der Gruppe laut Grölender. Alle wurden sofort still, nur die zwei mit den Flaschen johlten weiter. Beide wurden von den Uniformierten mitgenommen. Dann wurde es ruhig im Waggon. Lars schlief ein. Als er irgendwann aufwachte, fuhr der Zug bereits. Der Magen signalisierte Hunger. Ein gutes Zeichen der Besserung, dachte Lars und aß eine Stulle. Am Fenster huschten Bäume, Felder, Straßen, Fabriken und Gärten vorbei. Lars starrte ins Leere. Er sah seine Marlies immer kleiner werdend und winkend am Tor des Wehrkreiskommandos stehen. Plötzlich hatte er wieder den Kloß im Hals. Nun reiß dich mal ein bisschen zusammen, du Weichei, sagte er sich und nahm einen recht großen Bissen.

Es war schon später Nachmittag. Lars hatte sich die Zugverbindungen von seinem Heimatort zum Dienstort schon angesehen. Keine zwei Stunden, das ging doch. Bloß wo fuhren sie denn jetzt lang, seit fast sieben Stunden. Lars schloss die Augen und schlief wieder ein. Wer weiß, dachte er, wann ich wieder mal solche Ruhe haben werde. In der Nacht gegen 22 Uhr hielt der Zug. Jemand forderte dazu auf, dass nun alle aussteigen sollten. Wieder wurden Namen verlesen und Nummern von LKWs zugeordnet. Es war kalt, die Sterne funkelten. Ein Nachtvogel glitt lautlos über die Wartenden hinweg. Gegen Mitternacht stand er dann vor dem Fähnrich mit den grauen Haaren.

„Achtung! Richt euch!“

Wolkenstein wurde aus seinen Gedanken gerissen.

Alle warfen den Kopf nach rechts und versuchten eine gerade Linie zu bilden.

„Rührt euch!“

„Man, wie oft denn noch“, flüsterte jemand von der linken Seite.

„Wir stehen hier schon fast zwei Stunden. Weiß einer, wann es eigentlich losgehen soll“, raunte ein anderer.

„Mein Schädel drückt. Ich schmeiße gleich den Stahlhelm runter“, machte ein anderer sich Luft.

„Haltet durch Jungs, nachher gibt es Ausgang! Unser erster Ausgang!“ Andre dachte wie immer positiv.

„Wie spät ist es denn, ich hab meine Uhr vergessen“, wollte ein anderer wissen.

„Gleich elf“, antwortete Lars. Er hatte gerade zur Uhr geschaut. Auch sein Helm drückte. Die Füße schmerzten vom Stehen.

„Ick muß pissen, mein Hydrant fliecht gleich weg!“ Krüger wankte von einem Bein auf das andere.

„Mein Gott! Das hält doch kein Schwein aus! Wenn es um Zwölf losgeht, können wir wohl zufrieden sein.“ Lehmann war mittlerweile auch ungeduldig.

„Oder um eins. Um zwölf essen doch die Offiziere immer Mittag“, kam es wieder von der linken Seite.

„Da“, rief einer aus dem dritten Zug, „da hinten schleppen sie einen zum Sanni!“

Alle drehten sich um. Drei Soldaten mit weißem Koppel und Schulterriemen trugen einen in Richtung Sanitätswagen, der offensichtlich ohnmächtig war. Gemurmel wurde laut.

„Achtung! Augen gerade aus. Rührt euch!“ Der zackige Stabsfeldwebel, seines Zeichen stellvertretender Zugführer, stand vor dem vierten Zug.

„Das ist hier kein Kindergarten, Schwächlinge kippen eben um. Das kommt immer mal vor.“ Dabei richtete er seine Koppel, schaute rechts und links auf seine Schulterstücke und zog dann seine Handschuhe straff.

„Die längste Zeit haben Sie hinter sich, reißen Sie sich also zusammen. In meinem Zug gibt es keine Schlappschwänze, verstanden! Stellen Sie sich auf das linke Bein, entlasten Sie so das rechte, heben Sie es leicht an, ohne vom Boden abzuheben. Halten Sie das so lange Sie können, dann wechseln.“

Lehmann antworte leise mit „jawohl“, ansonsten nahm keiner weiter davon Kenntnis.

Innerhalb der nächsten halben Stunde wurden weitere drei Soldaten zum Sanni gebracht.

Dann ein Raunen über dem Appellplatz. Zivilisten in bunten Sachen sammelten sich in der Absperrung neben der Tribüne. Die eingeladenen Besucher kamen herein. Jeder Soldat reckte den Hals, um seine Verwandtschaft zu erspähen. Die bunte Menge wirkte komisch, störend, fremd. Nach so kurzer Zeit hatten sich die Jungs unmerklich von zivilen Dingen entfernt. Erst der Anblick der bunt gekleideten Menschen ließ sie das bewusst werden. Hier eine Frau im blauen Mantel, da ein Kind im roten Anorak. Aber schnell war das fremde Gefühl weg und jeder lebte auf, da hinten stand auch meine Familie. Endlich jemand, mit dem man offen reden konnte, jemand, der zuhören würde. Der bunte Anblick vermittelte ein gutes Gefühl. Außer für die, die keinen Besuch erwarteten und somit auch keinen Ausgang bekommen haben. Um acht müssen wir eh alle wieder in der Kaserne sein, aber immerhin, dachte Wolkenstein.

Lars suchte vergeblich die bunte Menge nach Marlies ab. Hatte sie den Zug verpasst? War sie etwa krank geworden, schließlich ist seit fünf Tagen auch kein Brief mehr von ihr gekommen. Zweifel türmten sich zu einem Berg. Was konnte sie denn anhaben? Es waren gute hundert Meter Sichtweite und dort drüben wimmelte es nur so von Leuten. Man hörte Kinder lachen und schreien, was für fremde Töne? Ab und zu hob jemand die Hand, um zu winken, aber Marlies war es nicht.

Nach und nach füllte sich die Absperrung, von Marlies keine Spur. Plötzlich war Musik zu hören, die Zugführer riefen Achtung, richteten nochmals ihre Züge und Kompanien aus. Auf der Tribüne fanden sich hohe Offiziere und Ehrengäste ein. Die Nationalhymne ertönte, der Fahneneid wurde vorgelesen, alle schworen, laut, im Chor. Als alles vorbei war, begann der Ausmarsch, vorbei an der Tribüne, vorbei an der Absperrung. Dort standen einige hundert Menschen. Wolkenstein lief links, die Tribüne und die Gäste standen rechts, er konnte nichts sehen. Gleich, dachte er, gleich werde ich es wissen, gleich, gleich gehe ich in den Ausgang. So hatte er sich nur als Kind am Heilig Abend gefreut, wenn er in der Küche mit der Oma wartete, bis der laut polternde Weihnachtsmann gegangen war und er endlich ins Wohnzimmer durfte, wo die Geschenke standen.

Im Exerzierschritt ging es vorbei an den Offizieren und Ehrengästen, vorbei an den bunten Gästen.

„Im Gleichschritt! Marsch!“

Der Zugführer hatte den Exerzierschritt beendet, im normalen Gleichschritt ging es bis zum Block.

Im Zimmer redeten alle durcheinander. Die Stahlhelme flogen auf die Betten. Jeder zerrte die Stiefel aus, wechselte die Hosen, zog die schwarzen Halbschuhe an und wartete.

Der schrille Ton der sonst nervenden und gehassten Trillerpfeife wurde von allen sehnsüchtig erwartet. Stube dreizehn hatte komplett Ausgang. Lehmann ging zur Tür und öffnete sie einen Spalt, er hatte wohl Angst, den Pfiff zu überhören. Krüger nickte ihm zu, vermutlich hatte er denselben Gedanken. Aber nichts rührte sich, obwohl sie schon mindestens fünf Minuten auf der Stube waren. Sonst muss doch immer alles so schnell gehen, dachte Lars, weshalb denn jetzt nicht.

„Kick ma nach, watt da los is, Bodo. Dit kann doch wohl nich wahr sin.“ Krüger stand vor seinem Schrank und suchte seinen Kamm. Lehmann hatte sich als Stubenältester mit der Zeit daran gewöhnt, „Befehle“ von Krüger auszuführen, zumal sein Bett sowieso direkt neben der Tür stand.

Lehmann drehte sich um und wollte gerade die Tür ganz öffnen, als plötzlich die Trillerpfeife ertönte. Nun riss er die Tür förmlich auf und war vermutlich der Erste, der draußen stand, noch bevor der Satz ertönte: „Mann vor die Tür!“

Strahlend kehrt er zurück und verkündete: „Ausgänger raustreten in Ausgangsuniform in fünf Minuten“, obwohl es sowieso jeder gehört hatte. Trotzdem wurden seine Worte von allen bejubelt, als würden sie die Nachricht zum ersten Mal vernehmen.

Wolkenstein blickte auf seine Schulterstücke, ein kleiner gelber Balken war am unteren Ende zu sehen. Gelb für Nachrichten. Seit knapp einer Stunde waren sie nun Unteroffiziersschüler. Gestern Nachmittag in der Putz- und Flickstunde, beim Ändern der Schulterstücke kamen sie unweigerlich auf das Thema, weshalb sie sich für drei Jahre verpflichtet hatten.

„Mir haben eijentlich alle abjeraten, sojar meen Alter.“ Krüger hielt kurz inne. „Aber bei de Musterung haben sie mir vasprochen, dass ick die fünf machen kann, wenn ick drei Jahre jehe. Denn kann ick den Bock selber fahren und muß nicht mehr wien Trottel danebensitzen.“ Krüger saß wie immer auf seinem Bett und trommelte dabei mit Bleistiften auf das Kissen. Lars blickte zu ihm hinüber, um zu sehen, ob er selber an das glaubt, was er da sagt. Er kannte nämlich einen aus seinem Betrieb, aus der Stanzerei, der innerhalb seiner drei Jahre nicht die zugesagte Fahrerlaubnis für LKW machen konnte. Für Krüger war das Thema abgeschlossen, es interessierte ihn scheinbar auch nicht, was die anderen zu sagen hatten, er trommelte weiter.

„Ich habe das Abi mit eins gemacht und will Agrarwissenschaften studieren, es ist alles schon geregelt“, sagte Lehmann und öffnete das Fenster. „In unserer Familie waren schon immer alle Bauern, schon seit Generationen.“ Stolz klang in seiner Stimme. „Mein Ururgroßvater hatte eine winzige Scholle und mein Vater Vorsitzender unserer LPG, da steh ich schon ein wenig in der Pflicht.“ Er atmete tief ein und schloss das Fenster wieder.

Einen Augenblick lang war Ruhe im Zimmer, nur das leise Trommeln von Krüger war zu hören.

„Und ihr?“ Bodo blickte sich um..

„In meinem Betrieb läuft alles irgendwie in fest eingefahrenen Bahnen. Immer derselbe Trott, keine Veränderung, bloß nichts Neues. Wenn man jemanden fragt, gibt es immer die gleiche Antwort: Das haben wir schon immer so gemacht und das bleibt so! Warum sollen wir was verändern, was sich bewährt hat?“ Wolkenstein machte eine Pause, vor seinen Augen tauchte das lange Fließband in der Fertigungshalle auf.

„Ich war dann beim Kaderfritzen und habe lange mit ihm gesprochen. Dabei stellte sich heraus, dass eigentlich eine neue Abteilung im Gespräch sei, eine Abteilung, die nach neuen Entwicklungsmöglichkeiten sucht, eine richtige Forschungsabteilung sozusagen. Noch nichts Spruchreifes eben, erst in Planung. Aber in fünf bis sechs Jahren würde es soweit sein und dann wären sicherlich Ingenieure gefragt. Das wäre genau mein Ding, sage ich ihm und er telefoniert, telefoniert und telefoniert. Komm nächste Woche wieder, sagt er dann. Ich natürlich hin. Die Forschungsabteilung sei wirklich in Planung. Drei Jahre Armeezeit wären ein erster Schritt zum Studienplatz, danach das Studium, alles zusammen würde es zeitlich gut mit der Planung hinkommen, meinte er und er werde mich an erster Stelle vormerken für ein Ingenieurstudium, Ingenieur für Versuchselektronik.“ Wolkenstein hielt inne. Er sah den dicken Kaderleiter hinter seinem Schreibtisch sitzen, Glatze, die Brille weit vorn auf der Nase, weil er sie nur zum Lesen brauchte. Er dachte an die langen Gespräche mit Marlies, an seine Zweifel, die aufkamen. Achtzehn Monate können lang sein, waren sechsunddreißig einfach nur doppelt so lang? Würde das einfache Vertrauen reichen oder wäre auch doppeltes Vertrauen nötig? Gab es überhaupt ein doppeltes Vertrauen? „Marlies und ich, wir, wir haben uns lange unterhalten und den Entschluss gemeinsam gefasst.“ Es klang nicht überzeugend aber ehrlich. Noch nie hatte er so darüber gesprochen. Vielleicht lag es daran, dass er hier unter Gleichgesinnten war.

Alle außer Krüger und Lars hatten Abitur und wollten studieren. Der eine sogar Medizin. Nur Andre hatte sich nicht zu Wort gemeldet. Er stand regungslos am Fenster und starrte nach draußen.

„Und du“, fragte jemand, „weshalb machst du drei Jahre?“

Andre drehte sich langsam um und schaute in die Runde, als beneide er alle im Raum.

„Ich habe noch keinen festen Studienplatz, ich mach das… einfach so.“ Andre blickte auf den Boden, die Worte kamen leise über seine Lippen.

„Wie, einfach so? Kein Studium? Was ist denn das für ein Schwachsinn! Ich lade mir doch nicht die doppelte Zeit auf, wenn ich dafür nichts bekomme?“ Lehmann setzte sich auf sein Bett, obwohl das ja am Tage verboten war.

„Nich mal die fünf?“ Krüger hatte sich bisher nicht weiter an den Gesprächen beteiligt, aber das konnte er auch nicht verstehen.

Lars sah den sonst so optimistischen Andre das erste Mal so hilflos und fahl im Gesicht.

„Lass mal, das wird schon“, sagte Lars, „im ersten langen Urlaub gehst du zu deinem Betrieb und erkundigst dich, was sich da machen lässt. Kann mir nicht vorstellen, dass sie keine Qualifizierung anbieten. Siehst ja, wie es bei mir lief.“

Andre nickte und sein Blick bedankte sich bei Lars, denn danach war für alle das Thema beendet.

ERSTER AUSGANG

„Ausgänger raustreten!“ Lars wurde aus seinen Gedanken gerissen. Er griff nach seinem schwarzen Lederkoppel, schloss sein Spind und folgte den anderen.

Unteroffizier Stein stand schon vor der Tür. Er hatte die ersehnten Ausgangsscheine in der Hand.

„Haben Sie alle den Wehrdienstausweis dabei? Ohne ihn ist der Ausgangsschein ungültig. Punkt acht spätestens beim KDP – Kontrolldurchlasspunkt. Denken Sie an die Busverbindungen, Sie fahren vom Marktplatz genau 15 Minuten, der absolut allerletzte Bus für Sie fährt 19.42 Uhr ab Marktplatz.“

Es folgten Belehrungen, die alle mit einem strahlenden Gesicht über sich ergehen ließen, ohne richtig dem zu folgen, was Stein da von sich gab.

Gleich, dachte Wolkenstein, gleich werde ich sie sehen, gleich bin ich draußen im Ausgang. Gleich.

Der bekannte Weg zum KDP erschien unendlich lang.

Vor dem Tor waren schon die Besucher zu sehen. Kontrolle, Ausgangsschein, Wehrdienstausweis und hinaus.

Lars blickte sich um. Rechts von ihm lief Lehmann seinen Eltern entgegen, die Mutter nahm ihn in den Arm. Da rannte eine junge Frau auf jemanden zu, der sie auffing, hochhob und beide drehten sich. Es war Krüger. Ohne sie herabzulassen, küsste er sie. Andere standen herum und waren noch unschlüssig, wohin sie gehen sollten, sie suchten ihre Verwandten in dem Gewimmel. Jemand hatte seine Familie entdeckt und fuchtelte mit den Armen, andere riefen einen Namen.

Lars blieb stehen und schaute sich in Ruhe um. Plötzlich, am linken Rand der Besucherschar sah er Marlies stehen, die ihn noch nicht bemerkt hatte. Langsam, ohne Hast ging er auf sie zu, sein Herz klopfte. Mit einem Mal trafen sich ihre Blicke. Sie rannte sofort die letzten Meter auf ihn zu. Beide umarmten und küssten sich. Endlich, dachte Lars und genoss den Augenblick, als sich ein Teil seines Körpers seiner Zweitbestimmung erinnerte.

Mit dem Bus fuhren sie in die Stadt. Zuerst liefen sie ziellos die Straßen entlang, blieben ab und zu vor Schaufenstern stehen. Dabei erzählten sie, vor allem Lars von allem Neuen und Marlies berichtete von zu Hause und gab alle Grußbestellungen weiter.

„Ich hab Hunger“, sagte Lars plötzlich und schaute sich nach einem Lokal um, „lass uns was essen gehen, es ist eh zu kalt hier draußen.“

Vor einer Gaststätte warteten sie eine gute Dreiviertelstunde, bis der Kellner sie endlich platzierte. Er brachte sie an einem Tisch, wo noch zwei Plätze frei waren. Der Raum war überfüllt, dicker Rauch hing in der Luft, Stimmengewirr. Es gab keinen Tisch, an dem nicht mindestens ein Unteroffiziersschüler mit seinen Eltern oder der Verlobten saß. So auch an ihrem Tisch. Dieser Unteroffiziersschüler hatte rote Streifen auf den Schulterstücken. Artillerie, dachte Lars. Er erzählte seinen staunenden Eltern irgendwelche Schauergeschichten. Dessen Mutter sagte immer wieder „Ach, mein armer Junge, ach mein armer Junge.“ Der Vater antwortete: „Nu lass man Mutti, Peter schafft das schon.“ Er legte seine Hand auf ihren Arm und schüttelte den Kopf.

Lars musste grinsen, denn so viel konnte bisher noch gar nicht passiert sein, auch nicht bei den Artilleristen. Stolz berichtet dieser weiter. Lars hörte nicht mehr zu.

Sie bestellten einen Hackbraten und eine Roulade. Trotz Verbot trank Lars ein Bier. Das zeigte schnell Wirkung und er beließ es bei dem einen. Die Roulade hatte er schon verschlungen, als bei Marlies noch dreiviertel vom Hackbraten auf dem Teller lagen. Marlies schaute ihn fragend an.

„Warum isst du denn so schnell, es nimmt dir keiner was weg oder schmeckt es dir so gut?“

Jetzt erst merkte Wolkenstein, dass er so hastig wie in der Kaserne gegessen hatte und hielt bei den letzten Bissen inne.

„Beim Essensempfang bin ich immer der Letzte und da muss ich mich beeilen, aber das ist eine andere Geschichte.“

Lars winkte ab, es war jetzt für ihn nebensächlich. Betont langsam aß er die übrig gebliebene Kartoffel mit Soße und Rotkohl. Es schmeckte gleich noch mal so gut.

„Wann fährt denn dein Zug?“

„Um 19.02 und der Nächste um 22.28“, antwortete Marlies und trank ihren Apfelsaft aus.

„Dann bring ich dich zum Bahnsteig, mein Bus fährt nach halb acht, um acht muss ich drin sein.“

„Aber ich kann auch den um halb elf nehmen“, entgegnete sie sofort.

„Bei der Kälte hier drei Stunden rumlaufen, kommt gar nicht in Frage. Für mich ist es nur eine halbe Stunde. Ich fühle mich wohler, wenn ich dich im Zug sitzen sehe und weiß, dass du abgefahren bist.“

„Dann haben wir ja nur noch eine Stunde.“ Ihre Stimme klang traurig, zu schnell war der Nachmittag vergangen.

„Es ist besser so, Weihnachten bin ich ja zu Hause.“

Er wollte noch irgendetwas Aufmunterndes sagen, konnte es aber nicht.

„Ich muss noch mal auf die Toilette“, sagte Lars und erhob sich.

„Du brauchst nichts mitzubringen, ich hab was dabei.“ Sie lächelte und schaute nach unten. Das machte sie immer, wenn sie verlegen wurde und Lars liebte diesen „Blick der Monalisa“, wie er ihn nannte.

Als er von der Toilette kam, die auf dem Hof lag, brachte er gleich ihre Mäntel mit, die neben dem Durchgang zum Hof hingen. Marlies hatte schon bezahlt, er nickte dankend.

Sie verließen die stickige Kneipe und traten ins Freie. Es war inzwischen stockfinster geworden, die Sterne funkelten, eine eiskalte Nacht kündigte sich an.

Marlies sah ihn fragend an und Lars schaute sich um. Auf der Straße waren keine Passanten zu sehen, die Bürger dieser Stadt waren um diese Zeit, erst recht bei dieser Kälte, zu Hause am warmen Ofen. Sie gingen Richtung Bahnhof. Durch die Fenster der Häuser konnte man in die Zimmer sehen. Es war Abendbrotzeit, viele saßen an ihren Tischen und aßen, in der Ecke flimmerte ein Fernseher.

Als sie an einer dunklen Hofauffahrt zwischen zwei Häuser vorbeikamen sagte Lars: „Hier!“

„Und wenn jemand kommt?“ Marlies schaute sich ängstlich um.

„Mutti hat gerade das Essen auf den Tisch gestellt, die essen eine ganze Weile zu Abend.“

Er nahm das Koppel ab, öffnete seinen Mantel, schloss sie darin ein und drückte sie an die Häuserwand. Sie verschwanden im Schatten des Hauses, niemand konnte sie sehen. Sie küssten und liebten sich, als hätten sie sich Jahre nicht gesehen. Lars hatte erst Bedenken, alle erzählten von dem Mittel im Tee. Aber das Gegenteil war der Fall, es dauerte lange, er spürte ihre Erregung und es war wunderschön.

Als er seinen Mantel wieder zuknöpfte, spürte er erst die Kälte. Ihm wurde auf ein mal so richtig klar, was ihm die ganze Zeit gefehlt hat. Jetzt erst wurde ihm bewusst, was die nächsten Monate und Jahre von ihnen abverlangen würden. Man vermisst etwas erst dann, wenn man es nicht mehr hat, sagte seine Oma immer. Damals verstand er ihre Sprüche nicht immer. Dieser fiel ihm nun ein.

Spontan dreht er sich zu Marlies um, drückte sie fest an sich und küsste sie, immer wieder.

„Ich liebe dich“, flüsterte er ganz leise zwischen zwei Küssen.

„Ob die noch essen“, fragte Marlies nach einer ganzen Weile und öffnete sein Koppel.

„Ich glaube, die Armee tut dir gut“, sagte Marlies, als sie kurz vor dem Bahnhof waren und schaute verlegen nach unten.

„Wie meinst du das“, fragte Lars erstaunt.

„Na eben so“, sagte Marlies und rannte lachend los.

Er holte sie erst ein, als sie vor dem Aushang mit den Fahrplänen stehen blieb.

„Hier! Siehst du, 19.02 Uhr“, sagte sie, noch völlig außer Atem.

Er umarmte sie und zog sie so stark an sich ran, wie er nur konnte.

„Noch gerade mal 10 Minuten. Lass uns auf den Bahnsteig gehen“, sagte Marlies, dabei suchte sie nach ihrer Fahrkarte.

„Macht dich der Peter noch an?“ Lars hatte die Frage schon den ganzen Tag auf der Zunge.

Marlies drehte sich um.

„Ich hab sie gefunden“, sagte sie und zeigte sie Lars.

„Ich hab dich was gefragt, bitte.“ Er ließ nicht locker.

„Du Dummerle“, antwortete sie, nahm sein Gesicht in beide Hände und küsste ihn.

„Ich habe dir schon tausend Mal gesagt, dass er nicht bei mir landen kann. Was soll ich mit dem. Der fragt doch erst seine Mutter, bevor er ins Kino darf. Der ist ein großes Kind, ein verspielter Junge. Ich habe einen richtigen Mann, den ich liebe, einen richtigen Soldaten. Ich liebe dich!“

Sie küsste ihn lange und ließ sein Gesicht dabei nicht aus ihren Händen.

Der Zug fuhr ein und hielt, Türen wurden geöffnet, Leute stiegen aus, andere ein. Er brachte sie bis ins Abteil und küsste sie ein letztes Mal zum Abschied. Dann ging er raus und stellte sich vor das Fenster ihres Abteils. Er war ohnmächtig vor Schmerz, den er nun empfand, lächelte ihr aber trotzdem zu. Er sah ihre Tränen, die sie bisher unterdrückt hatte. Sie legte ihre Hand an die Scheibe, er die seine dagegen.

„Zurücktreten von der Bahnsteigkante!“ Eine Trillerpfeife ertönte. Der Zug rollte langsam an. Lars löste die Hand von der Scheibe und trat zurück und winkte, bis er sie nicht mehr sehen konnte. Sein Kloß im Hals war riesengroß. Er hasste dieses Gefühl, er hasste sich, er hasste seine Entscheidung, so lange zu dienen. Am liebsten würde er dem Zug nachrennen. Noch konnte er die beiden roten Lichter des Zuges sehen. Sie wurden immer kleiner, bis sie verschwunden waren. Eine unendliche Leere machte sich in ihm breit. Eben hatten sie sich noch geküsst, umarmt gelacht und nun war er allein. Absolut allein. Bis Weihnachten waren es noch einige Wochen, unendlich lange Wochen, wo sie sich nicht sehen konnten. Langsam durchschritt er die Bahnhofshalle und lief Richtung Bushaltestelle, keine hundert Meter vom Bahnhof entfernt. Seine Wahrnehmung war wie in Watte gepackt, mechanisch stieg er in den Bus, bezahlte, nahm wortlos den Fahrschein entgegen, hörte nicht den Gruß und die Frage des Busfahrers, setzte sich auf den nächstbesten Platz und stierte in die Dunkelheit. Kein klarer Gedanke bildete sich, alles lief durcheinander, die letzten Wochen hier, heute mit Marlies und morgen? Was wird morgen sein?

Der Bus füllte sich langsam. Jemand grüßte ihn, legte seine Hand auf seine Schulter. Lars nahm davon keine Notiz. Die Sterne leuchten so klar und schön wie eben, wo er noch mit Marlies auf eine Sternschnuppe gewartet hatte. Jemand setzte sich auf den Platz neben Lars. Er bemerkte es nicht. Der Bus fuhr pünktlich los und war überfüllt. Wolkenstein sah die Lichter der Straßenbeleuchtung vorbeihuschen, Lichter der Hauseingänge, die Scheinwerfer der wenigen Autos, die noch unterwegs waren. Die fünfzehn Minuten kamen ihm wie eine Ewigkeit vor. Im Bus unterhielten sich einige recht laut, Lars hörte es nicht. Als der Bus vor der Kaserne hielt und alle ausstiegen, bemerkte er es gar nicht. Der neben ihm gesessen hatte schubste ihn an.

„Aussteigen, Lars“, sagte Andre. Er saß die ganze Zeit neben ihm, ohne ihn zu stören.

„Ach ja, danke Andre“, Wolkenstein kehrte langsam wieder in die Realität zurück.

„War denn deine Verlobte da“, wollte Pelzer wissen.

„Eh was, was hast du gefragt?“ Lars war abwesend.

„Ob deine Freundin gekommen ist“, stellte Andre die Frage anders.

„Oh ja, zweimal!“ Lars war wieder voll da.

Andre grinste, schüttelte den Kopf und legte kurz seinen Arm um Lars: „Na dann ist ja alles gut.“

Wortlos gingen sie bis zum KDP, zeigten ihre Ausweise und liefen bis zum Block 13, ihren Block.

In der Stube angekommen, zog er sich sofort um, nahm sein Briefpapier, legte das Bild von Marlies daneben und fing an, ihr einen Brief zu schreiben.

Inzwischen waren alle eingetroffen und erzählten sich gegenseitig, was sie erlebt hatten, was sie gegessen hatten und wer alles von der Familie gekommen war. Lehmann berichtete stolz, dass er zuerst ein Eisbein und dann ein riesiges Wiener Schnitzel verdrückt hätte.

„Achtung“, brüllte plötzlich Lehmann. Unteroffizier Stein betrat das Zimmer.

„Weitermachen. Ich wollte nur mal sehen ob alle den ersten Ausgang gut überstanden haben und pünktlich zurück sind.“

Da bemerkte er, dass Wolkenstein mit dem Rücken zur Tür saß und beim „Achtung“ nicht aufgestanden war.

„Unteroffiziersschüler Wolkenstein, es ist ein Achtung gekommen, Sie haben aufzustehen.“

„Sie können mich mal“, antwortete Lars und schrieb weiter.

Stein ging auf Lars zu und stellte sich direkt neben ihn.

„Achtung, stehen Sie auf!“ Stein hatte so laut geschrien, dass es in der gesamten Kompanie zu hören war. Wolkenstein war geschockt wie alle anderen in der Stube und stand auf.

„Sie haben einfach Befehle auszuführen, weiter nichts!“ Stein sprach noch laut, aber bedeutend leiser, als eben.

„Weitermachen.“ Alle setzten sich sofort, obwohl vorher nur Lars und neben ihm Krüger gesessen hatten. Diese Lautstärke hatte keiner dem Stein zugetraut.

Der gab Krüger mit einer kurzen Handbewegung zu verstehen, dass er den Platz neben Wolkenstein räumen solle. Danach setzte er sich neben Wolkenstein und nahm das Bild von Marlies.

„Ihre Verlobte? Tolle Frau! Hätte ich ihnen gar nicht zugetraut, Wolkenstein.“ Seine Stimme war fast leise und angenehm, als wäre eben nichts passiert. Er legte das Bild wieder zurück auf den Tisch. Wolkenstein war etwas überrascht. Beide sahen sich in die Augen.

„Ich weiß, wie sie sich jetzt fühlen, Wolkenstein, das hab ich alles hinter mir. Glauben Sie mir, ganz genauso. Sie, wir alle sind nur Soldaten und Soldaten sind dazu da, Befehle auszuführen und nichts weiter, widerstandslos. Je schneller Sie das begreifen, desto besser für Sie. Da kann Ihnen nun keiner mehr helfen, da müssen Sie durch. Ganz allein. Hier drinnen, Wolkenstein, machen Sie einfach, was man Ihnen sagt, so gut Sie es können, dann läuft alles wie ein Uhrwerk, Sie werden sehen. Und bei Ihrem nächsten Urlaub sagen Sie ihrer Verlobten, eine Million mal, dass Sie sie lieben, verstanden, eine Million mal.“ Er stand auf, beugte sich zu Wolkenstein hinunter und flüsterte: „Wenn ich jetzt rausgehe, dann rufen Sie Achtung wie ein Mann, noch vor Lehmann, verstanden.“

Er schaute sich um und sah dabei jeden einzelnen an.

„Wenn jemand Probleme hat, egal was für welche, dann kommt er sofort zu mir. Ich werden Ihnen helfen.“

Stein drehte sich um und ging zur Tür. Lars schaute auf den Mund von Lehmann. Als dieser die Lippen bewegte rief Wolkenstein: „Achtung!“ Es war laut und kräftig. Stein drehte sich um, grinste Lars zu und sagte: „Weitermachen.“

50 KILO EISEN

Der Tonfall veränderte sich nach der Vereidigung spürbar. Die Lautstärke Steins erreichte niemand, aber es schienen doch alle Vorgesetzten darum zu wetteifern. Überall wurde gebrüllt, alles musste noch schneller gehen, nichts war gut genug. Und noch einmal die Treppe hoch: „Das geht schneller!“ oder „Das habe ich schon besser gesehen, noch einmal!“, waren so die gängigen Kommandos. Alles ging nur im Laufschritt, keine Zeit für nichts. Wolkenstein genoss die Zeit abends nach dem Stuben- und Revierreinigen. Dann schrieb er Briefe an Marlies oder las ihren letzten wieder und wieder, Zeile für Zeile.

Die schrecklichsten Augenblicke waren für alle, wenn der Hauptfeldwebel die Post verteilte. Hier ließ er jeden spüren, wer auf seiner Abschussliste stand. Wen er nicht leiden konnte, bekam zuletzt seinen Brief oder erst am nächsten Tag. Er stand dann vor der Kompanie, den Stapel Briefe in der linken Hand, hinter seinem Rücken. Dann zählte er zuerst auf, was ihm gestern alles an der Revierreinigung nicht gefallen hat. Der kleine Appellplatz hinter dem Block schlecht geharkt, Kippen lagen noch herum. Er kannte alle Unteroffiziersschüler mit Namen, wusste wer wann welches Revier hatte, den Plan völlig auswendig. Ihm entging nichts. Er wusste sogar, wie lange jemand keinen Brief bekommen hatte.

„Na, Krüger, die Liebste hat schon fünf Tage nicht mehr geschrieben, was! Gibt es Probleme? Na, heute ist einer dabei.“

Dann schaute er auf den nächsten Brief und steckte ihn demonstrativ ganz nach unten. Den nächsten auch gleich, damit es auch ja alle sahen. Am schlimmsten war es, wenn er noch zwei oder drei zurückbehielt und wegtreten ließ. Jeder sah doch die Briefe in seiner Hand. Einmal fragte jemand von hinten: „Und die Briefe, die Sie nicht verteilt haben?“ Der Rufer glaubte unerkannt zu bleiben.

„Die sind für mich. Wegtreten, Unteroffiziersschüler Scholz zu mir.“

Der Hauptfeldwebel hatte den Rufer sogar an der Stimme erkannt. Scholz aus dem 1. Zug, harkte abends nach dem Abendbrot allein den kleinen Appellplatz hinter dem Block. Jeder kannte den Grund. Es gab nie wieder Fragen zu nicht ausgeteilten Briefen.

Dann kam ein Tag, an dem sich Wolkenstein noch lange erinnern würde. Der vierte Zug wurde zum Raustreten in Sportkleidung ausgerufen. Das hieß rot gelb und darüber den grauen Trainingsanzug. Im lockeren Laufschritt wie immer ging es zum Sportplatz. Unteroffizier Stein lief im Trainingsanzug nebenher. Auf dem Sportplatz warteten schon die beiden anderen Gruppenführer, allerdings in Dienstuniform. Stein führte einfache Übungen vor, zum Aufwärmen. Dann übergab er an die beiden anderen Gruppenführer.

„Heute ist Gewichtheben dran. Die Hantel wiegt fünfzig Kilo und muss für eine Eins genau sechzehn Mal hochgestemmt werden“, sagte der zweite Gruppenführer und zeigte auf die schwarze Hantel. Er ließ den Zug in zwei Reihen davor antreten.

„Unteroffizier Stein wird ihnen das vormachen.“

Dieser stellte sich hinter die Hantel mit Blickrichtung zum Zug, hob sie hoch und mit einem Ausfallschritt unterlief er sie, um sie wieder empor zu drücken. Das wiederholte er viermal und ließ sie fallen.

Der Größe nach wurde begonnen, wie immer. Lars war schon klar, dass er wieder der Letzte sein würde.

Den Anfang machte der Größte der ersten Gruppe. Es war jener lange Kerl, der Wolkenstein beim Pinkeln nach dem ersten Frühsport als Zwerg bezeichnet hatte.

Er trat nach vorn und stellte sich wie Stein vor das Gewicht. Dann bückte er sich, hob die Hantel bis etwa Bauchhöhe. Er wurde vor Anstrengung rot im Gesicht, man sah die Adern am Hals und an den Schläfen heraustreten. Plötzlich ließ er sie fallen.

„Das schaffe ich nicht. So etwas brauchte ich bisher nicht zu machen.“

„Das ist nicht so schlimm, wir helfen Ihnen. Zuerst bis zum Umsetzen auf den Brustkorb“, sagte Stein. Beide Unteroffiziere bückten sich nun gemeinsam mit dem Langen. Jeder von ihnen erfasste eine Kugel. So hoben sie zu dritt das Gewicht hoch, bis es dem Langen direkt auf dem Brustkorb lag. Da die Unteroffiziere fast zwei Köpfe kleiner waren als er, war es für sie auch schon eine Anstrengung, das Gewicht so hoch zu heben

„Und nun hoch drücken, einmal wenigsten, los“, die Unteroffiziere ließen los und sprachen ihm Mut zu. Der Lange drückte und drückte, die Adern quollen noch stärker als eben an, er lief puterrot an und warf sie erneut hin.

„Na ja, für das erste Mal, wir haben ja Zeit zum Üben.“

Der Unteroffizier der ersten Gruppe war offensichtlich enttäuscht, dass gerade seine Gruppe mit so einem schlechten Ergebnis beginnen musste.

So ging es aber mehr oder weniger weiter. Einige schafften es bis zum Umsetzen, andere nicht. Einige stießen das Gewicht vier oder fünfmal. Andre konnten siebenmal das Gewicht in die Höhe drücken, Krüger acht und Lehmann sogar neunmal.

Das rief bei einigen Bewunderung hervor, weil inzwischen jeder wusste, wie schwer es eigentlich war, die Hantel richtig gestreckt in die Höhe zu bringen.

Dann war Wolkenstein dran.

Er hatte früher mit seinem Freund im Keller trainiert, ganz privat, etwas Boxen und etwas Kraftsport. Beim Wettbewerb „Stärkster Lehrling“ in der Betriebsberufsschule war er der Fünfte von siebenhundert männlichen Lehrlingen. Er war immer der Kleinste, wollte aber nicht automatisch auch der Schwächste sein.

Er trat nach vorn und bückte sich. Die beiden Unteroffiziere bückten sich auch und griffen nach der Hantel. Wolkenstein ließ die Hantel wieder los und richtete sich auf.

„Na, was ist los, Angst bekommen“, fragte der ersten Gruppenführer, „zusammen schaffen wir das. Los.“

„Darf ich erst mal allein probieren“, sagte Lars.

Erst war Ruhe, dann setzte ein allgemeines Gelächter ein. Jeder hatte nun einen Versuch hinter sich und wusste, was da auf dem Rasen lag und wie schwer fünfzig Kilo sein konnten.

„Kein Problem, bitte. Wir wollen niemanden im Wege stehen“, meinte mit höhnischen Tonfall der zweite Gruppenführer.

„Der Zwerg hat wohl heute Nacht von Kraft geträumt“, sagte der Lange aus der ersten Gruppe, alle lachten, außer Andre. Der machte einen spitzen Mund und war gespannt, was nun folgen würde.

Lars ging in die Hocke, suchte den richtigen Griff, atmete einige Male tief ein und aus und schaute kurz zu Stein. Der nickte. Er traut es mir also zu, dachte Lars, na dann los. Während die anderen noch lachten, drückte er sich in den Stand und die Hantel vom Boden direkt in die Höhe über seinen Kopf. Sofort verstummte das Lachen, einigen stand der Mund regelrecht offen. Wolkenstein machten einen Ausfallschritt nach dem anderen, drückte jedes Mal das Gewicht wieder über den Kopf, mit gestreckten Armen. Immer wieder, beim sechzehnten ließ er das Gewicht oben und fragte: „Wie oft noch?“

Keiner sagte etwas, denn selbst den Unteroffizieren hatte es die Sprache verschlagen, außer Stein, der grinste über das ganze Gesicht. Wolkenstein ließ die Hantel fallen und ging auf den Langen aus der ersten Gruppe zu.

„Wenn du noch einmal Zwerg zu mir sagst, dann zerreiße ich dich in der Luft.“

Der konnte nicht antworten und schaute nur betroffen auf Lars hinunter. Jeder hätte das in diesem Augenblick auch für möglich gehalten. Lars trat wieder in seiner Reihe zurück.

„Da haben wir ja schon einen Anwärter auf den Normmeister“, sagte Stein und klatschte Beifall, die meisten folgten dem Beispiel und klatschten. Nur kurz, denn das Gesehene stimmte nicht mit dem Erwarteten überein, dass musste erst mal verarbeitet werden. Aber niemand sagte je wieder Zwerg zu ihm.

KÜCHENDIENST

Am folgenden Tag nach dem Frühsport, noch im grauen Trainingsanzug betrat Stein das Zimmer.

„Achtung!“

„Weitermachen. Heute ist unsere Gruppe den ganzen Tag für die Küche eingeteilt. Nach dem Frühstück bleiben wir gleich da. Die zweite Gruppe geht zur BA-Kammer. Das haben wir dann nächste Woche“, er grinste und verließ die Stube. „Weitermachen.“

„Küchendienst! Au fein, mal außer der Reihe was Feines essen.“ Lehmann rieb sich strahlend den Bauch. Er bekam regelmäßig Päckchen von seinen Eltern. Sie hatten geschlachtet und deckten ihren Sohn mit allerlei leckeren Würsten, Büchsen mit Sülze und Schinken ein. Es reichte für die ganze Stube.

„Wat soll et denn da schon Leckret jeben?“ Krüger saß am Tisch und stützte den Kopf. Er war geschafft von den dreitausend Metern am frühen Morgen.

„Immer diese olle Preskoppwurscht mit den Borschten, ick könnt kotzen. Wenn wir deine Fresspakete nich hätten, würde hier mein Jeschmacksinn verkalken.“

„Wissen denn deine Eltern, dass du uns hier durchfütterst“, wollte Andre wissen.

„Aber ja doch! Mama hat extra gefragt, wie viele wir auf der Stube sind, das ist doch selbstverständlich. Zumal ihr ja alle nicht vom Land seid. Mama macht das gern für euch und auch für mich, ihr seht ja wie ich aussehe.“

Alle lachten, denn ein paar Kilo mehr hatte er schon drauf.

„Schreib in deinen nächsten Brief einen Dank von uns allen mit rein, ja.“ Andre dachte immer an alles.

„Na klar, Mama wird sich freuen.“

Nach dem Frühstück brachte Unteroffizier Stein seine Gruppe zum Stabsfeldwebel Weber. Er war der erste Vorgesetzte in der Küche, von Beruf Koch.

„Was, bloß acht Mann? Ich dachte ein ganzer Zug kommt heute.“ Der Stabsfeldwebel brachte seine Enttäuschung zum Ausdruck: „Na, dann eben alle zum Kartoffelschälen. Mir folgen.“

„Ich hole sie heute Abend wieder ab“, sagte Stein und verschwand.

Kartoffelschälen, dachte Lars, um Gotteswillen bloß das nicht. Er bekam immer eine Gänsehaut, wenn er die sandigen Kartoffeln anfassen musste. Genauso wie das Kratzen mit Messern auf Tellern. Furchtbar.

Sie folgten dem Stabsfeldwebel einen langen Gang entlang, vorbei an unzähligen kleinen Nebenräumen ohne Fenster, wo alles Mögliche gelagert wurde. Dann durch die eigentliche Küche. Ein riesiger Raum, stinkend, Wasserdampf beladend, heiß, laut. Mitten im Raum waren zehn große Kessel angeordnet. Es sah aus wie bei Kapitän Nemo im U-Boot. Die gigantischen Kessel hatten Deckel. Zum Schließen der Kessel wurden die Deckel mit Flügelschrauben befestigt. Rohre, Instrumente und Hebel waren rings um den Topf angebracht. Bei einigen stieg laut zischend Dampf auf, bei anderen war der Deckel offen. Ein Soldat stand auf einem Holzbock direkt vor einem offenen Kessel. Mit einem übergroßen Löffel rührte er darin herum, langsam und gleichmäßig. Auch der Deckel des nächsten Behälters stand hoch. Qualm stieg auf, es roch schrecklich. Wolkenstein war neugierig und trat an den übergroßen Topf heran, um reinzuschauen. Er erschrak vor dem, was er da sah. In dem fast kochenden Wasser schwammen sechs Schweineköpfe. Leicht schaukelnd schienen sich die Köpfe im Kreis zu drehen. Mal tauche der eine mit dem Maul unter, bald kam der andere wieder hoch und ließ das Wasser aus dem Maul laufen. Bei einem fehlten die Augen, ein andere Schweinekopf schien Wolkenstein direkt anzusehen. Lars kämpfte mit einem Brechreiz und sah zu, dass er von dem Topf wegkam.

„Pfui Teufel, was ist das denn für eine Sauerei“ schrie er vor Entsetzen. Der Stabsfeldwebel hatte den Aufschrei gehört und war stehengeblieben, wandte sich um und schmunzelte.

„Morgen gibt es leckeren Eintopf. Was dachten Sie denn“, sagte er und ging weiter, ohne eine Antwort abzuwarten.

Alle schauten in den Topf, um zu sehen, was Wolkenstein so erschreckt hatte.

„Du bist ein Stadtmensch, Lars, keine Frage.“ Lehmann grinste und folgte kopfschüttelnd den anderen.

Am anderen Ende des großen Küchenraumes folgte wieder ein schmaler Gang, von dem auch mehrere Nebengelasse abzweigten.

„Da hinten“, Weber zeigte zum Ende des Ganges“, ist mein Büro, falls jemand ein Problem hat. Dort sind auch die Toiletten. Ach ja, Hände waschen und desinfizieren, ganz wichtig. Steht alles da. So nun hier rein.“

Sie betraten eines der unzähligen Nebengelasse. Es war ein gut fünfmal fünf Meter großer Raum, gefliest bis zur Decke. Die Fenster waren nur zum Kippen und befanden sich im oberen Fünftel der Wand, die dem Eingang gegenüber lag.

Rechts standen einige Stapel mit Aluminiumbehälter, welche zu viert aufgestellt einen Kreis ergaben. Sie waren mit symmetrisch angeordneten Löchern versehen. Auf der anderen Seite standen kleine Rollwagen.

„Hier! Die weißen Kittel anziehen. So. Jeder nimmt sich einen Einsatz“, Weber zeigte auf den Stapel, „und kommt mit.“

Er verließ den Raum, bog rechts ab und öffnete die Tür des danebenliegenden Raumes.

Als Lars eintrat, schlug ihm gleich der Gestank modriger Erde und fauliger Kartoffeln entgegen. Der Raum war doppelt so lang wie der erste und hatte eine Doppeltür unter dem Fensterband. Ganz rechts war ein gewaltiger Haufen mit Kartoffeln, von dem der Gestank ausging. An den Wänden standen ringsum Bänke. Gleich neben der Tür war ein Trog, darüber ein Wasserhahn.

„Da sind eure Kartoffeln. Jeder schält einen Kreis, das heißt vier Einsätze. Die sind für den Eintopf für morgen. Schälen, da abspülen und im Nebenraum auf die Rollwagen stellen, neuen Einsatz nehmen und weiter. Fragen?“

Der Stabsfeldwebel schaute in die Runde und sah nur lange Gesichter.

„Jibt et denn keene Messa?“ Krüger schaute sich um.

„Doch. Die liegen hier in der Abwäsche.“

Als der Stabsfeldwebel den Raum verließ, rief Lehmann Achtung. Der drehte sich fragend um und schüttelte den Kopf.

„Das machen wir hier in der Küche nicht.“

Beim ersten Kontakt mit einer sehr sandigen Kartoffel sträubten sich bei Lars sämtlich Haare, die er hatte. Als Lars seinen ersten Einsatz fertig hatte und ihn nach dem Abspülen in dem Nebenraum bringen wollte, waren die anderen schon beim zweiten.

„Ich bin dann gleich mal pinkeln.“ Es schien keinen weiter zu interessieren. Er ließ Wasser über den Einsatz laufen, wusch gleichzeitig seine Hände und brachte anschließend den Einsatz nach nebenan. Dort füllte er die letzte freie Stelle auf, sodass nun zwei Kreise vollständig waren. Er nahm sich keinen neuen Einsatz und lief den Gang hinunter, um die Toilette zu suchen.

Nur aus Neugierde öffnete er eine Tür und schaute in den Raum. Hier standen mindestens dreißig Plastiksäcke mit fertig geschälten Kartoffeln. Das darf doch wohl nicht wahr sein, dachte Lars. Er verließ den Raum und holte sich einen leeren Einsatz. Dann füllte er ihn mit den geschälten Kartoffeln, öffnete vorsichtig die Tür, vergewisserte sich, ob jemand auf dem Gang war und lief mit schnellen Schritten zurück. Dort angekommen sah er, dass jemand inzwischen den Wagen abgeholt hatte. Er stellte seinen Einsatz auf einen leeren Wagen und schlenderte zufrieden über diese Entdeckung den Gang entlang und suchte jetzt die Toilette. Nun hatte er Zeit.

Einige Nebengelasse weiter war ein Soldat damit beschäftigt, Kartoffeln mit einer Schaufel oben in eine runde Maschine zu füllen. Diese rotierte innen und machte dabei mächtig Krach. Seitlich lief schmutziges Wasser in einen Ausfluss. Der Soldat hielt inne, nahm einen Schlauch, drehte einen Hahn auf und ließ oben Wasser einlaufen. Augenblicke später kam unten merklich mehr dreckiges Wasser heraus. Der Kartoffelhaufen war ebenso groß wie der ihre. Gleich links stand ein Trog aus Aluminium, der auf Rädern gelagert war. Er war halb mit fertig geschälten Kartoffeln gefüllt. Lars grinste. Wir schälen uns die Finger wund und hier liegen sie fertig in der Tonne.

„Was ist los, Tagessack, nichts zu tun? Verpiss dich!“ Der Soldat hatte recht laut gesprochen, um den Radau der Schälmaschine zu übertönen. Lars dreht sich sofort um und verließ den Raum. Er hasste es, von jedem EK oder Soldaten als Tagessack bezeichnet zu werden. Es ging ihnen doch einen Scheißdreck an, wie lange er diente. Mit welchem Recht konnten sie ihn erniedrigen. Es ärgerte ihn, weil er auch nie wusste, wie er reagieren sollte. Wie würde er denken, wenn er nur Soldat wäre? Würde er Unteroffiziersschüler auch so begegnen? Wäre er auch stolz darauf, den einfacheren Weg gewählt zu haben und deshalb andere verspotten, die noch tausend Tage vor sich hatten? Wäre er stolz darauf, nur die halbe Zeit zu dienen? Was war dieser Stolz, diese Überlegenheit wert, wenn nur das Normale geleistet würde. Nur das zu leisten, was sowieso fällig ist. Stolz und überlegen müssten doch die sein, die mehr als nur das Normale leisteten. Würde er sich dann um seinen Betrieb auch keine Gedanken machen müssen, konnte sich nach achtzehn Monate wieder ans Fließband setzen, als wäre nichts passiert? Wäre es denn besser, wenn er kein Interesse an seiner Weiterentwicklung hätte? Sollte es ihm denn egal sein, ob der Betrieb ihm eine Qualifikation anbot oder nicht? Sollte er ewig am Fließband sitzen? Was wusste denn der Kartoffelsoldat von seinen Problemen, seinen Beweggründen? Nichts, reine weg gar nichts! Wut staute sich in seinem Bauch und er wusste nicht, wohin damit.

Wolkenstein war bei den anderen angekommen.

„Ruhe. Mal herhören. Ich habe eine Möglichkeit gefunden, das hier zu beenden, oder will jemand unbedingt weiter schälen?“

Von allen Seiten kam Zustimmung. Die zweiten Einleger waren gut zur Hälfte gefüllt.

„Ihr vier kommt mit und ihr schält weiter, aber schön langsam.“

Zuerst ging er mit ihnen leere Behälter holen. Dann liefen sie zum Lagerraum für geschälte Kartoffeln.

„Leise“, sagte er, als lautes Gemurmel einsetzte.

Schnell füllte jeder seinen Einsatz. Der Sack war sofort halb leer. Wolkenstein ging zur Tür und überprüfte den Gang, niemand war zu sehen.

„Nun schnell zurück!“

Es lief ohne Probleme, niemand kam. Sie stellten die vollen Einsätze ab. Lars nahm einen leeren, die anderen taten es ihm gleich.

„Seid ihr verrückt? Erst in einer guten Stunde können wir das Spielchen wiederholen.“

Er schüttete den leeren halb voll mit den neu geschälten Kartoffeln, füllte dann von seinen schlecht geschälten die anderen wieder auf.

„Das macht ihr dann so oft, bis zweiunddreißig Behälter voll sind, einschließlich der, an denen ihr noch schält. So zurück jetzt, ganz normal, denn wir haben eben ja unsere Arbeit abgeliefert.“

„Und du“, fragte Andre.

„Ich muss nun endlich pinkeln und mich ein bisschen umsehen.“

Die Stimmung war bei den Jungs gestiegen, Lars sah beim Vorbeigehen durch die offene Tür, wie alle zufrieden mit den Kartoffeln spielten.

Lars fand am Ende des Ganges endlich das WC. Auf dem Handwaschbecken stand eine Plastikflasche mit einer Desinfektionslösung, er benutzte sie vorsichtshalber.

Ein Stück weiter war ein bedeutend kleinerer Küchenraum. Gut ein Dutzend Elektroherde waren längs unter dem Fenster aufgereiht. Nur wenige Personen befanden sich in diesem Raum. Bedingt durch die weißen Jacken und schwarz weiß karierten Hosen konnte man keinen Dienstgrad ausmachen, also auch keinen richtig anreden oder zuordnen. Es roch auffällig gut in dieser Küche, nach gebratenem Fleisch. Lars sah einen Koch an einem Herd stehen, der eine Pfanne schwenkte. Lars trat näher. In der Pfanne lag ein Schnitzel, schön gelbbraun angebraten. Dahinter standen noch zwei Pfannen, eine mit Bratkartoffeln und in der anderen ein Spiegelei. Lars tropfte spürbar der gewisse Zahn, er musste unweigerlich schlucken.

„Für wen ist das denn?“ Ohne nachzudenken hatte er die Frage gestellt und merkte sofort, wie unklug das war.

Der Koch wandte sich Lars zu, betrachtete ihn von oben bis unten und wendete das Schnitzel mit einem großen Messer.

„Wenn du hier drinnen so etwas essen willst, dann musst du aufkohlen, aber anständig, du Tagessprutz.“

„Wie aufkohlen?“ Wolkenstein war der Ausdruck schon geläufig, aber er wollte den Koch etwas provozieren.

„Das ist für den Stellvertreter von dem ganzen Haufen hier, du Arsch. Was machst du eigentlich hier, hast du nichts zu tun, du Tagessack?“

„Vielleicht kohle ich auf und dann wirst du für mich kochen und danach jage ich dich über die Sturmbahn, bis dir das Wasser im Arsch zusammen läuft, du Sprutz.“ Lars wusste nicht weshalb er das überhaupt gesagt hatte und bereute es sofort. Noch bevor er recht begriff was geschah, hatte der Koch Lars an einen Betonpfeiler gedrückt und ihm das Messer direkt an den Hals gesetzt.

„Sag noch einmal Sprutz zu mir, du Tagesschwein, und ich schneit dir die Kehle durch.“

Wolkenstein konnte sich nicht wehren, er war wie versteinert und blickte in die hasserfüllten Augen des Kochs.

Der Koch löste den Griff, hob mit aller Gewalt das Bein und landete sein Knie in Wolkensteins Weichteile. Der beugte sich vor Schmerz nach vorn. Im selben Augenblick spürte Lars einen Schmerz am Hinterkopf und stürzte zu Boden und blieb liegen. Der Koch hatte mit dem Griff des Messers zugeschlagen. Danach kümmerte er sich nicht weiter um Wolkenstein und wendete das Schnitzel erneut. Keiner der andren Köche im Raum schien davon Kenntnis genommen zu haben, noch interessierte sich jemand für Lars. Er stand auf und betastete seinen Hinterkopf. Er bückte sich nach seinem Käppi und bemerkte beim Aufsetzten eine kleine Beule am Hinterkopf. Der Koch entfernte sich bereits mit dem fertig angerichteten Teller, um ihn zum Stellvertreter zu bringen.

Wolkenstein wollte die Küche in entgegen gesetzter Richtung verlassen, als sein Blick auf den Herd des Schlägerkochs fiel. Der Schmerz im Unterleib ließ langsam nach. Er atmete schwer und massierte seine Beule. Dabei trat er an den Herd heran. Den Schalter der kleinsten von den vorderen Herdplatten dreht er auf die größte Stufe, stellte einen größeren leeren Topf aus Aluminium darauf, so dass die kleinere Herdplatte darunter nicht zu sehen war und verließ schnell die kleine Küche.

Im Gang blieb er stehen, lehnte sich an eine Wand und drückte seine Beule fest gegen sie. Die kalten Fliesen taten gut. Die Tatsache, dass man ihn als „Längerdienenden“ beschimpfte und gerade Soldaten ihn wie den letzten Dreck behandelten, war für Lars an sich schon gewöhnungsbedürftig. Nun auch noch Schläge? Das konnte doch nur eine Ausnahme sein. Es kam auch absolut unerwartet, damit hatte er niemals gerechnet. Nun war er gewarnt und vorbereitet. Noch einmal würde ihm das nicht passieren.

Plötzlich hörte er von fern einen lauten Schrei. Der Schlägerkoch hatte sich wohl die Hand verbrannt. Aluminium ist ein guter Wärmeleiter, dachte er zufrieden und lief zurück zu den anderen.

Als er in den Raum eintrat, stand der Spieß mitten im Raum, die Hände hinter dem Rücken, das Koppel umschlungen.

„Wer von euch ist denn auf diese grandiose Idee gekommen, ich frage nicht noch einmal.“

Alle standen, den Blick auf den Boden gesenkt. Die Behälter waren halb mit geschälten Kartoffeln gefüllt. Lars begriff nicht gleich, was der Spieß wollte. Der stand mit dem Rücken zur Tür und hatte Wolkensteins Eintreten bemerkt.

„Ach ja, Unteroffiziersschüler Wolkenstein ist auch mal wieder mit von der Partie! Wo waren wir denn so lange?“

Lars schluckte. Sollte er von dem Koch berichten? Dann hätte er aber auch begründen müssen, was er in der Spezialküche gesucht habe. Und das war unmöglich.

„Ich musste mal, Genosse Hauptfeldwebel.“

Ohne Wolkenstein weiter zu beachten drehte er sich wieder um: „Zum Letzten Male: Wer kam auf die Idee, die geschälten Kartoffeln vom Nebenraum zu verwenden?“

„Ich, Genosse Hauptfeldwebel.“ Lars war plötzlich mulmig in der Magengegend.

Ganz langsam drehte sich der Spieß um und sah Wolkenstein tief in die Augen. Seine Augen schienen Lars zu durchlöchern. Er sagte nichts, die Zeit wurde unendlich. Im Raum herrschte absolute Ruhe, von fern war das monotone Geräusch der Kartoffelschälmaschine zu hören, sonst nichts. Der Spieß schien diesen Augenblick zu genießen und zog ihn in die Länge. Der ungeheizte Raum fühlte sich kühler an, als er in Wirklichkeit schon war.

Lars konnte diesem Blick nicht standhalten und sah zu den anderen hinüber. Im selben Augenblick sagte der Spieß: “Melden Sie sich heute Punkt 15 Uhr bei mir!“

Daraufhin verließ er den Raum und ging sehr dicht an Wolkenstein vorbei, ihre Uniformjacken berührten sich.

„Achtung“, rief Lehmann. Seine Stimme klang alles andere als selbstbewusst.

„Weitermachen.“

Alle setzten sich.

„Wie hat er denn das gemerkt? Habt ihr euch erwischen lassen beim Rumtragen“, fragte Lars.

„Nein, haben wir nicht. Er kam ganz normal rein, machte dumme Sprüche wie immer und ging dann nach nebenan, um unsere Arbeit zu begutachten. Kurz darauf kam er rein und zeigt uns zwei geschälte Kartoffeln, eine von nebenan aus den Plastesäcken und eine von unseren, eben schlecht geschälten. Habt ihr gedacht, sagte er, ich merke das nicht? Da müsst ihr schon früher aufstehen! Ich bin schon ein Dutzend Jahre Spieß, aber das hat sich noch keiner getraut, und so weiter und dann bist du auch schon gekommen.“ Lehmann war ganz blass.

„Der sieht einfach allet, aber ooch allet! Den kannste nischt vormachen, jarnischt! Wie mein Meesta, der riecht deine Fahne zehn Meilen jejen Wind.“ Krüger nahm sich eine dreckige Kartoffel und sein Messer.

Alle folgten ihm und schälten weiter, ohne dass jemand etwas sagte.

Eigentlich wollte Lars von der Spezialküche erzählen und von dem Schlägerkoch, aber seine Gedanken kreisten nur noch um den Termin beim Spieß. Was konnte er mit ihm vorhaben?

DER GEHILFE

Vier Minuten vor drei klopfte Wolkenstein an den Rahmen der fast immer offen stehenden Tür des Hauptfeldwebels.

„Ich habe Sie Punkt 15 Uhr zu mir bestellt! Wir sind hier bei der Armee und nicht im Kindergarten, wo Sie kommen und gehen können, wie es Ihnen passt, merken Sie sich das endlich!“ Die Stimme war laut und deutete Unerfreuliches für das Kommende an.

Lars trat unsicher einige Schritte zurück in den Flur. Dann schaute er zur Uhr, die an der Wand direkt über der Treppe hing, gegenüber dem Spießzimmer. Sie ähnelte einer Bahnhofsuhr, die mit lautem Knacken den Stundenzeiger verschob. Es knackte, noch drei Minuten. Am Ende des sonst leeren Ganges sah er Andre und Lehmann. Beide winkten kurz und verschwanden in der Stube.

Knack, noch zwei Minuten. Wie lang konnte denn eine Minute sein? Mit einem Auge schielte er ins Zimmer. Der Spieß saß an seinem Schreibtisch und las etwas. Ab und zu trank er aus seiner Tasse. Es roch nach Kaffee. Der Raum wirkte kalt. Es gab nichts Privates, nichts Buntes, keinen Blumentopf, nichts was unmilitärisch war. Knack, noch eine Minute. Doch die Tasse war eventuell privat, es war schließlich kein Plastikbecher. Und wo kam der Kaffee her? Es musste eine Kaffeemaschine geben, die noch nicht zu sehen war. Lars stellte sich direkt vor die offene Tür und lauschte auf das nächste Knacken der Uhr. Sekundengenau mit dem Knacken der Uhr klopfte er an und sagte: „Unteroffiziersschüler Wolkenstein auf Ihren Befehl zur Stelle!“

„Kommen Sie herein, schließen Sie die Tür und setzen Sie sich“, sagte der Spieß, ohne von seiner Lektüre aufzuschauen.

Wolkenstein nahm ihm gegenüber am zweiten Schreibtisch Platz und wartete. Nichts geschah. Der Hauptfeldwebel las weiter. Lars schaute sich um. Gleich neben der Tür stand ein kleiner Schrank, darauf die vermutete Kaffeemaschine. Mittig dieser Wand hing ein Bild des Generalsekretärs. Hinter dem Hauptfeldwebel ein normales Spind, wie sie alle in der Kompanie hatten. Darauf Teil eins und zwei, Schutzmaske, Stahlhelm. Daneben ein Aktenschrank mit überwiegend blauen Heften und Büchern, Dienstvorschriften. Der Schreibtisch war aufgeräumt, alles lag gerade oder irgendwie im rechten Winkel zueinander.

Plötzlich stand der Hauptfeldwebel auf, schob das Heft in den Aktenschrank, ging zur Kaffeemaschine, nahm eine neue Tasse, goss heiß dampfenden Kaffee ein und stellte sie vor Lars. Der war schon halb aufgestanden und konnte nur ein leises „Danke“ hervorbringen.

„Sitzenbleiben!“ Der Spieß goss in seine Tasse ebenfalls frischen Kaffee nach und setzte sich.

„Sie sollten als Erstes eins lernen, Wolkenstein, zu unterscheiden, wann Sie ihre Arschbacken zusammenkneifen müssen, bis ein Fünfmarkstück die Prägung verliert und wann Sie alle Fünfe gerade sein lassen können, verstanden?“

„Jawohl, Genosse Hauptfeldwebel!“ Lars stand gerade am Tisch und hatte sprunghaft Haltung angenommen. Beinahe hätte er dabei die Tasse umgeworfen.

Der Spieß schaute sich um: „Sehen Sie jemanden außer uns?“ Mit einer Handbewegung deutet er an, dass Lars sich wieder setzten solle.

Lars setzte sich und schüttelte verneinend den Kopf.

„Sie haben sich vorbildlich gemeldet und gut ist. Wenn Sie immer auf Volllast laufen, halten Sie nicht lange durch.“ Er nahm einen Schluck aus der Tasse, auch Lars nahm zögernd die Tasse auf. Der Kaffee war heiß und sehr stark.

„Jetzt ist Zeit zum Aufpumpen, Kraft sammeln.“

Wolkenstein nickte ungläubig. Sollte das der Hauptfeldwebel sein, der sonst so streng war? Er konnte diesen Widerspruch nicht lösen. Eben noch verweigerte er jemand die Post oder brüllte wie ein Löwe auf dem Flur und nun goss er ihm Kaffee ein und plauderte wie sein Meister vom Fließband. War das ein und dieselbe Person? Oder war das genau der Unterschied, den er zuerst lernen sollte?

„Was meinen Sie, weshalb habe ich Sie hierher bestellt?“

„Für das Kartoffelschälen, weil ich… ich meine… Sie werden mich bestrafen.“ Lars stotterte, das kannte er eigentlich nicht von sich.

Der Spieß lächelte: „Im Gegenteil. Sie haben gezeigt, dass Sie sich nicht mit einer Situation zufrieden geben und nach einer Lösung suchen. Das gefällt mir. Natürlich ist das anderen Gruppen gegenüber unfair, aber eine Lösung. Das hat mir gefallen. Sie werden als Erster der Kompanie heute Gehilfe des UvD sein – GUvD. Andere werden das als Bestrafung ansehen, ist es aber nicht. Je eher Sie hier militärisch eingebunden werden, desto besser für Sie. Sie werden den anderen etwas voraushaben. Lesen Sie nun die Dienstvorschriften, die da vor Ihnen auf dem Tisch liegen. Punkt 16 Uhr ist Vergatterung, hier im Zimmer.“

Er stand auf und verließ das Zimmer.

Unwirklich erschien Lars dieser Moment. Noch merkte er die Beule am Kopf und die Geschehnisse in der Küche schwirrten durch seinen Kopf, jetzt trank er Kaffee beim Spieß im Zimmer.

Ohne wirklich zu lesen blätterte er den Hefter durch. Anordnungen, wann wer was zu tun hatte, Abläufe, Telefonnummern, Zeiten, Verantwortliche, Meldungen.

Dann überschlugen sich die Ereignisse. Der neue UvD, ein Zehnender, mit dem Lars bisher noch nichts zu tun hatte, trat zusammen mit dem Spieß ein. Sie wurden vergattert, bekamen rote Armbinden und lösten draußen im Flur die alten Diensthabenden ab. Lars saß am Tisch des UvD und beobachtete den neuen Diensthabenden, seinen UvD. Der lief durch die Kompanie, ging zur Waffenkammer und begutachtete die Siegel, schaute kurz auf Sauberkeit im Gang und kam zurück zu Lars und sagte: “Ich bin Feldwebel Schröder und zu finden hinten im Dienstzimmer. Kaffeetrinken. Um sechs geht es zum Abendbrot – aber du kennst ja den Ablauf. Hier ist eine Trillerpfeife.“ Daraufhin verschwand er zum anderen Ende des Ganges.

Wolkenstein stand mit offenem Mund da und wusste nicht, was nun kommen würde. Er nahm die Trillerpfeife und hängte sie sich um den Hals.

Es war kurz nach vier, also noch fast zwei Stunden bis zum Abendbrot. Was machen bis dahin? Er blätterte wieder in dem Hefter. Da stand: Dienstübernahmemeldung telefonische an den OvD Nr. 301.

Ängstlich nahm er den Hörer und wählte die angegebene Nummer.

„Diensthabender Offizier, Hauptmann Meier.“

Die Stimme war sehr tief und wirkte ruhig, fast gelangweilt. „Ja, äh, hallo! Bin ich da verbunden mit dem O V D? Ich wollte eben nur mal Bescheid sagen, dass wir hier übernommen haben.“

„Sind Sie heute das erste Mal im Dienst als GUvD?“

„Ich? Äh, ja.“

„Dienstgrad, Name, Kompanie, Zug.“ „Unteroffiziersschüler Wolkenstein, 7. Kompanie , 4. Zug.“ Wolkenstein spürte ein unbehagliches Gefühl aufkommen. „Danke. Erkundigen Sie sich vorher, was sie melden müssen, bevor Sie den Hören abnehmen. Wir sehen uns heute bestimmt noch mal.“

Der OvD hatte aufgelegt. Man, dachte Lars, das ging doch schon mal wieder in die Hose.

Er schaute auf die Uhr hinter ihm. Sie ließ gerade ihren großen Zeiger mit lautem Knacken auf halb fünf schnellen.

Lars stand auf und ging in seine Stube, um sein Schreibzeug zu holen. Ein Brief für Marlies war wieder fällig.

Im Zimmer stellten gleich alle Fragen, wie es so ist und was er alles machen muss.

Lars nahm aus dem Spind sein Briefpapier und antwortete nur allgemein, dass er ja gerade erst mal eine halbe Stunde im Dienst sei und noch nichts weiter sagen könne, als im Flur ein lauter Schrei der Kompaniechefs zu hören war: „Diensthabender zu mir!“

Wie ein Blitz traf es Wolkenstein. Schnell schloss er seinen Schrank ab und rannte zur Tür. Der Kompaniechef stand direkt unter der Uhr und schaute nach rechts und links, um zu sehen, von wo nun jemand kommen würde. Der UvD kam vom anderen Ende des Ganges und war zuerst beim Kompaniechef. Direkt vor diesen angekommen nahm er Haltung an, legte die rechte Hand an den Mützenschirm und erstattete Meldung. Lars trat schnell dazu und stellte sich neben seinem UvD, das Briefpapier unter dem Arm.

„Genosse UvD, tragen Sie in das Dienstbuch ein, dass der Diensttisch und damit auch die Waffenkammer für unbestimmte Zeit unbeaufsichtigt waren. Zeit: 16.3

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