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netwars 2 - Totzeit 1: Gefahr

Über das Buch

Netwars 2 – Totzeit 1: Gefahr
Teil 1 von 6

Anlagefonds. Sparkonten. Die Börse. Mit einem Cyberangriff kann man all das zum Einsturz bringen.

In »Totzeit« kehrt der wachsame Hacker Scott Mitchell zurück, dessen Sieg über die Hackergruppe Black Flag für die Cyberverbrecher nur ein kleiner Rückschlag war. Der Salesman hat einen neuen Rekruten und plant in diesem in der Anonymität des Dark Webs angesiedelten Hightech-Thriller seinen nächsten Angriff.

Die National Cyber Crime Unit (NCCU) in London hat sich mit dem FBI zusammengetan, um sich gegen eine neue Malware zur Wehr zu setzen, die den ganzen Finanzmarkt in die Knie zwingen kann.

Derweil wurden mehrere Elite-Trader unter seltsamen Umständen – von Herzinfarkten bis hin zu schrägen Sexspielen – tot aufgefunden. Gibt es vielleicht eine Verbindung zwischen diesen Todesfällen?

Über den Autor

M. Sean Coleman begann als Scriptwriter für Douglas Adams’ Hitchhikers Guide to the Galaxy Online. Für seine Beiträge für MSN, O2, Sony Pictures, Fox, die BBC und Channel 4 wurde er mehrmals mit Preisen ausgezeichnet. Er lebt in London.

1.

Es war seiner Meinung nach sehr viel einfacher, einen arroganten Mann zu töten.

Das lag nicht unbedingt daran, dass Shylock etwas gegen ein gesundes Selbstbewusstsein hatte. Es war nur so, dass man bedeutend leichter an einen arroganten Menschen herankam, ohne bemerkt zu werden, da diese Typen mehr Aufsehen machten und schlicht und einfach auffälliger waren.

Diese Leute waren so sehr daran gewöhnt, von jedem beachtet zu werden und stets im Mittelpunkt zu stehen, dass sie Shylock erst bemerkten, wenn es zu spät war. Selbst wenn ihnen auffiel, dass er sie beobachtete, kam ihnen nie in den Sinn, er könne die Absicht haben, sie umzubringen. Irgendwie versüßte ihm ihre Arroganz die Tat sogar. Shylock genoss den Ausdruck auf ihren Gesichtern, wenn sie mit einem Mal begriffen, dass sie ihre ehrgeizigen Pläne niemals verwirklichen würden, weil sie sterben mussten, und dass sie letzten Endes nur als Opfer und nicht als die Erfolgsmenschen, für die sie sich immer gehalten hatten, in Erinnerung bleiben würden.

Shylock saß schweigend am Ende der überfüllten Bar und beobachtete sein nächstes Opfer, während sein Hass anwuchs. Nat Marley war ein beliebter junger Typ und wie immer von einer lärmenden Gruppe seiner Kollegen umgeben. Sie kamen regelmäßig jeden Donnerstag her, nahmen teure Drinks und sorgten dafür, dass jeder andere in der Bar auch ja mitbekam, wie furchtbar wichtig sie waren.

Diese großkotzigen Angeber. Shylock hasste diese Bankertypen. Alles an ihnen strahlte Überheblichkeit, Aufgeblasenheit und eine offenkundige Missachtung für alles aus, was keine fetten Gewinne und persönlichen Ruhm versprach. Aber wer war er, dass er über sie richtete? Früher war er einer von ihnen gewesen, und was war er jetzt? Ein angeheuerter Killer wie er hatte keine moralische Überlegenheit. Wenn Shylock ehrlich war, störte ihn das alles auch nicht besonders, da es hier um etwas weitaus Persönlicheres ging. Außerdem war er Nat Marley ziemlich lange gefolgt und wusste, dass der Typ keinesfalls der Schlimmste aus dieser Gruppe war. Gut, er war arrogant und ehrgeizig, aber das war Shylock auch. Das Problem war, dass Nat Marley zu einer ernsthaften Gefahr geworden war, daher hatte man Shylock auf ihn angesetzt. Wäre Marley genauso bestechlich und betrügerisch gewesen wie Shylocks bisherige Opfer, hätte er vermutlich weiterleben dürfen.

Shylock wusste, dass er vorzeitig und ohne das Wissen seines Partners zuschlug. Aber ihm war auch klar, dass für seinen aktuellen Partner jeder eine begrenzte Zeit lang nützlich war, und wenn diese Zeit verstrichen war, wurde es zu gefährlich, sich noch länger mit ihm abzugeben. Der Trick war, weiterhin gebraucht zu werden. Das hatte Nat Marley nicht geschafft, deshalb war seine Zeit jetzt abgelaufen.

Shylock hatte auf die harte Tour lernen müssen, dass er diesen Teil seines Jobs nicht persönlicher nehmen durfte, als es notwendig war. Natürlich konnte man nicht bestreiten, dass das Töten eines anderen Menschen etwas sehr Persönliches war, aber er sah es trotzdem anders. Zumindest in diesem Fall. Er hatte diesen Kampf nicht angefangen, aber er würde ihn auf jeden Fall beenden. Anfangs hatte er nicht vorgehabt, so weit zu gehen, aber er bedauerte es auch nicht, zu was für einem Menschen er geworden war. Ein Mord ließ sich nun mal nicht schönreden. Da war es besser, alle Gefühle, die er diesbezüglich hatte, einfach abzuschotten und sich auf das zu konzentrieren, was vor einem lag. Rache war für ihn jetzt nur ein Job, wie das Backen von Brot oder das Verpacken von Fleisch – man tat es einfach, man tat es immer wieder, und man musste konzentriert sein, um den Job richtig zu machen und die Regeln zu befolgen. Aber es war nur ein Job.

Shylock blickte auf die Uhr. Genau 20.30 Uhr.

Wenn er seine Hausaufgaben richtig gemacht hatte – wovon er ausging –, würde Nat Marley sich gleich entschuldigen, seine Kollegen in der Bar verlassen und zu einem wichtigen Treffen gehen, von dem er niemandem erzählen durfte: einer Verabredung mit einem Vertreter von einem der größten Konkurrenten seines Unternehmens, der ihm anscheinend eine Stelle anbieten wollte, die ein großer Sprung auf der Karriereleiter wäre.

Der gute Marley muss sich im Moment richtig toll fühlen, dachte Shylock, als er beobachtete, wie der junge Mann den Kopf in den Nacken warf und laut über den Kommentar eines seiner Kollegen lachte. Er hätte großspurig behaupten können, dass dieses nächtliche Treffen schicksalhaft wäre, dabei würde Marley sterben, und nicht etwa, weil es sein Schicksal war, sondern weil er Shylocks Pläne ernsthaft gefährdete.

Augenblicke später sah Shylock, wie der junge Mann auf die Uhr schaute, rasch seinen Drink hinunterkippte und aufstand. Er musste sich die üblichen spöttischen Bemerkungen seiner Kollegen anhören, da es in dieser Gruppe als Zeichen von Schwäche angesehen wurde, früh zu gehen. Aber Marley ließen ihre Kommentare ungerührt. Das kollegiale Geplänkel prallte von ihm ab.

»Warum sollte ich diesen wundervollen Abend mit euch Losern verbringen?«, lautete sein letzter Spruch, bevor er sich seine lächerlich teure Jacke über die Schulter warf, einen letzten Kurzen vom Tablett auf dem Tisch trank und sich auf den Weg machte, wobei er seinen Kollegen über die Schulter hinweg den Mittelfinger zeigte, während die Blicke der meisten anderen Anwesenden in der Bar auf ihm hafteten.

Er machte es fast schon zu einfach.

Shylock schaute seinem Opfer hinterher und lächelte innerlich. Obwohl er sich ins Gedächtnis rufen musste, dass es nur ein Job war, genoss er diesen Teil der Arbeit mehr als alle anderen. Diese letzten Augenblicke der Jagd waren die faszinierendsten. Das eigentliche Töten hatte er beim letzten Mal nicht mehr wirklich genossen, und ein Großteil der Vorbereitungen hatte ihn gelangweilt, doch diese letzten Sekunden der Jagd waren nahezu berauschend. Aber die Erkenntnis, dass er etwas wusste, das das Leben seiner Opfer im wahrsten Sinne des Wortes verändern würde, war unglaublich aufregend.

Er schob einen Zwanzigpfundschein unter sein leeres Glas und stand auf. Schon jetzt konnte er die Signale in seinem Kopf hören: Die Jagd war fast zu Ende, die Hunde kamen näher. Ein unheilvolles Lächeln umspielte seine Lippen, als er Marley aus der Bar hinaus in die kühle Nachtluft folgte.

Die Stadt war kalt und dunkel, und es fiel dichter Nieselregen. Shylocks Atem bildete weiße Wölkchen vor seinem Gesicht, und er zog den Reißverschluss seiner Lederjacke hoch. Wie erwartet rief Nat Marley sich direkt vor der Bar ein Taxi. Shylock zog sein Handy aus der Tasche, während er seine Zielperson dabei beobachtete, wie sie dem Fahrer die Adresse nannte, und nutzte eine seiner selbstgeschriebenen Apps, um das GPS-Signal des davonfahrenden Wagens in Echtzeit zu verfolgen. Auch wenn er wusste, wohin Nat Marley fuhr, konnte er den Weg des Mannes auf diese Weise nachverfolgen.

Er setzte den Helm auf, stieg auf sein Motorrad und ließ den Motor an. Als er an einer Ampel neben dem Taxi hielt, warf er einen letzten Blick auf Marley, dann fuhr er weiter.

Es gab noch eine Menge zu tun.

*

Nat Marley gab dem Taxifahrer kein Trinkgeld und bedankte sich auch nicht bei ihm, das war einfach nicht sein Stil. Der Mann hatte nur seinen Job gemacht, dafür musste man ihm nicht danken. Nat gab nur Trinkgeld, wenn man etwas Außergewöhnliches für ihn getan hatte oder wenn er ein hübsches junges Ding beeindrucken wollte, das er angebaggert hatte. Andere Leute bezeichneten ihn oft als Geizhals, da er immer auf sein Wechselgeld wartete, obwohl er mit seinem Kontostand einen kleinen Staat hätte unterstützen können, aber ihm ging es ums Prinzip: Gib nie etwas kostenlos.

Er schlug die Tür des Taxis zu und stand vor dem hohen Glasgebäude, das er bestens kannte, da er in den letzten fünf Jahren jeden Tag daran vorbeigegangen war. Eisenberg, Katz & Frey war ein Unternehmen, bei dem er schon seit seinem Abschluss an der Uni arbeiten wollte, und jetzt sah es ganz so aus, als würde er endlich die Gelegenheit bekommen. Er hatte schon davon gehört, dass die Topfirmen ihren Konkurrenten die besten Mitarbeiter abwarben, und meist bekam man noch einen guten Anreiz dazu, die Seiten zu wechseln. Doch den brauchte er eigentlich gar nicht, da es ihm schon reichte, überhaupt einen Fuß in die Tür zu bekommen. Hier würde er sein wahres Vermögen machen, davon war er überzeugt, und er würde den Stress des letzten Jahres endlich hinter sich lassen können.

Vor fast einem Jahr hatte er sich dummerweise auf gewisse außerplanmäßige Aktivitäten eingelassen, die auf den ersten Blick nach einem guten Deal ausgesehen hatten. Eine Gruppe Individuen, die ähnlich dachten wie er selbst, war an ihn herangetreten. Diese Leute versuchten, ihre Ressourcen zu bündeln, um ein Programm zu erstellen, das sie alle reicher machen würde, als sie es sich vorstellen konnten. Sie nannten sich die »Water Boys« und hielten sich für die Besten der Besten. Man hatte Marley gut bezahlt, aber nach und nach war ihm klar geworden, dass die Water Boys auf eine größere Sache hinarbeiteten, als ihm ursprünglich bewusst gewesen war, und ein solches Risiko wollte er nicht eingehen. Er wusste, dass die Sicherheitsbestimmungen in ihrem Arbeitsfeld relativ lasch gehandhabt wurden, war aber nicht bereit, zu einem Aktivisten zu werden, um dies zu beweisen. Als Marley begriff, dass die Leute, denen er sich angeschlossen hatte, tatsächlich vorhatten, die Aktienmärkte zum Einsturz zu bringen, hatte er versucht, aus der Sache auszusteigen. Danach war er bedroht worden. Er hatte den Leuten ein letztes Codefragment gegeben, aber absichtlich eine Hintertür eingebaut, die er nutzen konnte, falls sie es je verwendeten. Danach war Marley davon ausgegangen, dass seine Beteiligung an der Sache abgeschlossen war, und hatte sich darangemacht, das Gegenmittel zu programmieren. Wenn die Water Boys den Markt angriffen, würde es Nat Marley sein, der sie aufhielt. Er würde zu einer Legende werden.

Das heutige Treffen sollte den Beginn dieser Reise darstellen.

Marley war zwar jung, galt in seiner Firma aber jetzt schon als einer der begabtesten Mitarbeiter, und das wusste er nur zu gut. Er hatte seinen Abschluss als Bester seines Jahrgangs gemacht, der ohnehin schon aus einer Elite von Mathegenies bestand. Nach einem kurzen Ausflug an die Wall Street war er von Flintlock and Staines angeworben und zurück nach London geholt worden. Seitdem arbeitete er bei diesem Handelsunternehmen, das zu den wenigen gehörte, die die Londoner Börse beherrschten.

Normalerweise haben die Menschen, wenn sie an die Börse denken, das Bild von Testosteron-getriebenen Männern in teuren Designeranzügen und Hemden aus der Savile Row vor Augen, die Anweisungen in mehrere Telefone blafften, während sie die fluktuierenden Marktpreise beobachteten, die auf dem durchlaufenden Ticker unterhalb großer Monitor erschienen und wieder verschwanden. Aber dieses Bild ist ebenso veraltet wie die Filme, die es erschaffen haben. Aber da die Alternative zu komplex ist, als dass wir sie begreifen könnten, klammern wir uns weiterhin an dieser überholten Vorstellung fest, weil sie Sinn ergibt, denn auf diese Weise erweckt es den Eindruck, als würden Menschen hinter den Erfolgen und Fehlschlägen an den Aktienmärkten stehen, sodass alles irgendwie normal wirkt. In Wahrheit sind die Wertpapierhändler längst nicht mehr da, zumindest nicht auf diese Weise; der Großteil der Abschlüsse wird im Innern schwarzer Kästen getätigt, die in gut bewachten Gebäuden stehen, wobei so gut wie kein Mensch mehr begreift, was dort eigentlich vor sich geht.

Nach dem Börsencrash am 19. Oktober 1987, der als Schwarzer Montag bekannt wurde, veränderte sich die globale Finanzindustrie dramatisch. Der Prozess begann langsam, beschleunigte sich jedoch in den folgenden Jahren, als die Broker – die lauten, selbstsicheren Typen in ihren teuren Anzügen – nach und nach durch Computer ersetzt wurden. Heutzutage leben wir in einer Welt, in der die Maschinen den Aktienhandel übernommen haben. Es sind dieselben Rechner, die unsere Nachrichtenartikel und sogar unsere Twitter-Feeds lesen und binnen Milli- oder sogar Nanosekunden darauf reagieren, schneller als ein Mensch blinzeln kann. Ein gefälschter Tweet von einem gehackten Associate-Press-Twitter-Account, der behauptete, Präsident Obama wäre bei einer Explosion im Weißen Haus verletzt worden, ließ den Aktienmarkt fast augenblicklich ins Bodenlose stürzen und verringerte den Marktwert um beinahe zweihundert Milliarden Dollar. Sobald der Tweet als gefälscht bestätigt worden war, ging es mit den Märkten fast ebenso schnell wieder aufwärts, wie sie eingebrochen waren. Die Computer hatten den milliardenschweren Fehler begangen, Twitter zu glauben, und so schnell reagiert, wie sie es gemäß ihrer Programmierung tun sollten. Diese sogenannten »Flash Crashes« gehören heutzutage zum Aktienmarkt.

In seinem ersten Monat im neuen Job hatte Nat das volle, schockierende Ausmaß eines »Flash Crashs« zu spüren bekommen. Es war ein ungemein aufregendes Erlebnis für ihn gewesen. Der 6. Mai 2010 hatte ganz normal für ihn begonnen, mit der einzigen Ausnahme, dass in Großbritannien an diesem Tag gewählt wurde, worauf die europäischen und US-Märkte immer ziemlich nervös reagierten. Nat hatte sich darauf gefreut, verfolgen zu können, wie sich die Geschehnisse auf den Markt auswirkten, war allerdings nicht auf das vorbereitet, was ihn an diesem Tag tatsächlich erwartete. Die Welt wartete nicht nur gespannt auf das Ergebnis der Wahlen in Großbritannien, sie wurde außerdem dadurch in Aufruhr versetzt, dass die Griechen auf die Straßen gingen, um gegen die Sparmaßnahmen ihrer Regierung zu protestieren.

Als Nat zur Arbeit kam, war die Stimmung des Marktes bereits gedämpft, und jedes Mal, wenn Athen in einer Nachrichtenmeldung erwähnt wurde, sank der Dow Jones um ein paar Punkte, als würden sie wie Funken bei einem Lagerfeuer davonstieben. Es nicht zu fassen. Ohne jede Vorwarnung hatte in einem ansonsten verlässlichen Markt ein Flimmern eingesetzt, war dann zu einem Stottern und schließlich zu einem Ruck geworden, der sich auf die anderen Aktienmärkte ausbreitete und augenblicklich dafür sorgte, dass sämtliche Kurse in den Keller fielen.

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