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Naiv aber ehrlich

TEIL 1 – MEIN LEBEN IM OSTEN

VORWORT

GRÜNDE FÜR DIESE ZEILEN.

SIGRIDS ERINNERUNGEN:

ERINNERUNGEN

WAS SIND ERINNERUNG WERT?

BETRACHTUNG DER ERINNERUNG

MEIN HEIMATORT

DIE URSPRÜNGE

AHNENTAFEL

MEINE GROßELTERN

BERGBAU DER ILSE AG IN UNSERER UMGEBUNG

TANZ IN DER KAISERKRONE

UNSERE FAMILIE ZU MEINER ZEIT

ERINNERUNGEN AN MEINEN BRUDER HELMUT

DAS KRIEGSENDE

VATIS TOD

NUN ZURÜCK, WAS IST DAMALS PASSIERT.

ERINNERUNGSFETZEN

ES LÄSST MICH NICHT LOS WAS 1945 GESCHAH

NEUBEGINN OHNE VATER

WIR HATTEN EINE MUTTI UND EINEN VATI

VATIS WERKE FÜR SEINE FAMILIE

DER TANK

SPIELVERGNÜGEN ZU HAUSE

FENSTER, FENSTERSCHRANK & STALLBODEN

ASCHGUTE HIEß DER ASCHECONTAINER

UNSER HOF MIT STALL

DAS GARTENHAUS

DREHBANK

HELMUT UND MEIN DIAMANT-FAHRRAD

UNSERE NACHBARN ÜBER UNS

ERINNERUNGEN AN HAUSBEWOHNER

VERBOTENES VERGOLDET ALLES

UNSER ZUHAUSE – UMBRUCH UND VERFALL

RENOVIERUNG DANK TANTE BERTEL

GROßE WÄSCHE – WASCHKÜCHE

WÄSCHEROLLE

ERSTE WASCHMASCHINE

UNSER BADEHAUS

BADEHAUSERINNERUNGEN – ERKUNDUNGEN IM BADEHAUS

WO IST MEIN MOTORRAD?

KNUTSCHEN HINTER DER FLÜGELTÜR

MEIN STATEMENT, WER BIN ICH

DER „ERSTE ARBEITER- UND BAUERNSTAAT

DIE HANDLAGER DES REGIMES

DDR-SCHIZOPHRENIE

AUCH ICH ALS MITMACHER

SCHULBESUCH – MUTTIS KNEIPKUREN

ERSTER URLAUB MIT MUTTI IM HARZ

MUTTI KNEIPPEN IN THÜRINGEN UND IM HARZ

MITTELSCHULE – HORST WIRD ERWACHSEN?

POLYTECHNISCHER UNTERRICHT

INDOKTRINATION

OSTSEE MIT UNSEREM KLASSENLEHRER

ERSTER CAMPINGURLAUB AN DER OSTSEE

BERLINERFAHRUNGEN

CAMPINGURLAUB IN BANSIN

LEHRZEIT, ELEKTRIKER-FACHARBEITER

DANN WAR AUCH ICH ELEKTRIKER

FACHARBEITER DIE DREHSTROMABTEILUNG

DER ALTE FACHMANN

WERKWOHNUNGEN – LEBENSERFAHRUNG

DIE STASI WILL WAS WISSEN

KULTURHAUS

VEREINFACHTE KURZBESCHREIBUNG TAGEBAU

BERGBAU UND DIE FÖRDERBRÜCKE

BRÜCKEN HAVARIE

VOLKSHOCHSCHULE

MEIN MOTORRAD

TANZ IN BAHNSDORF – FAHRERLAUBNIS

MOTORRADERLEBNISSE

MOTORRADREPARATUR

SANITÄTSSTELLE UND SKAT

MOTORRADFAHRT ZUM SPREEWALD

MEINE ARMEEZEIT IN DER NVA

MEINE HEIRAT IN POTSDAM

EIN ÄRMLICHES ZUHAUSE

EIGENTLICH EIN STARKES STÜCK

MEINE STUDIENZEIT

UNSERE TOCHTER

UROPA AUS SCHWARZHEIDE

FERIENARBEIT IM BERGBAU

UNGLÜCK-BAGGERTRANSPORT

MEINE INGENIEUR-ABSCHLUSSARBEIT

DER BAGGER KOMMT

LEBENSABSCHNITT IN MECKLENBURG

BEGINN IM NORDEN

UMZUG

SCHWERER BEGINN

UNSER SOHN

PRIVATBETRIEBE UND PGH

VOLKSEIGENER BETRIEB (VEB)

ARBEIT IM VEB ELEKTROBETRIEB IN MECKLENBURG

DIE LEITUNG

NACHFEIERABENDARBEIT

WOHNUNGSTAUSCH

MEIN GARTEN

DANK AN UNSERE FRIEDEL UND MARTIN

MEINE GARAGE

EIGENBAU PKW-HÄNGER

UNSER BUNGALOW

VERÄNDERUNG IM VEB

NACHFEIERABENDARBEIT NACH GESETZBLATT

MEIN ERSTER VIERTAKT-PKW

MEIN NEUER LADA

KÜNDIGUNG IM SOZIALISMUS

ARBEIT IM VEB GEBÄUDETECHNIK IN MECKLENBURG

ALTER BOOTSSCHUPPEN

BOOTSFÜHRERSCHEIN

NEUBAU BOOTSHAUS

UNSERE BERÜHRUNG MIT COMPUTERN

REISE IN DEN WESTEN

AUSREISEANTRAG

DIE ZEIT BIS ZUM VERLASSEN DER SOGENANNTEN DDR

MAUERFALL UND AUSREISE

NACHWORT ZUM LEBEN IM OSTEN

KOMISCHE ERFAHRUNGEN MIT DEM SOZIALISMUS

MAN HATTE SICH EINGERICHTET, SAGTE MAN

MEINE MEINUNG, EIN NACHRUF!

TEIL 2 – MEIN LEBEN IM WESTEN

UNTERSTÜTZUNG UNSERER AUSREISE

HOFFNUNG

SCHWERER BEGINN

ERSTE SCHRITTE

BEGINN IM ANGESTELLTENVERHÄLTNIS

EHESCHEIDUNG

MEIN SPRUNG INS KALTE WASSER

BLICK AUF DIE HEUTIGE PROJEKTIERUNG

VERALLGEMEINERUNG EINIGER ERFAHRUNGEN

MEIN BEGINN

BEGINN ALS INGENIEURBÜRO

ERFAHRUNGEN

KURZBESUCHE

MEINE BEZIEHUNGEN

FISCHWASSER IM ORT

UNSERE HÄUSER

MEIN INGENIEURBÜRO

URLAUB

EINE MEDIENMEINUNG

MEIN FAZIT

Teil 1 – Mein Leben im Osten

Vorwort

Schon wieder sind Jahre vergangen. Viel ist geschehen. Noch immer will ich meine Lebensgeschichte erzählen.

Bisher habe ich in meinem Berufsleben viel geschrieben, aber was ich nun beabsichtige, ist doch schwerer als ein „Technischer Erläuterungsbericht“ in Projekten.

Meine inzwischen verbrachte Lebenszeit im Westen nähert sich verdächtig schnell der gelebten Jahre im Osten Deutschlands an.

Es ist mir ein Anliegen, eine Art Autobiografie in Form von vielen Geschichten zu verfassen. Mein Leben läuft in einer besonderen zeitlichen Epoche ab und dann auch noch in den zwei Teilen Deutschlands vor und nach der Wiedervereinigung.

Mit den Berichten möchte ich Ihnen zunächst meine in der DDR verbrachte Zeit näherbringen. Trotz schwieriger Verhältnisse waren die sechsundvierzig Jahre nun einmal die prägendsten meines Lebens. Eigentlich sollte man bis dahin alles Wichtige für sich und seine Familie erreicht haben.

Aber meine Familie wollte in Freiheit leben. Daher starteten wir 1989 komplett neu. Wir ließen alles hinter uns und fingen mit dreizehn Holzkisten neu an.

Endlich konnte ich alle Entscheidungen selbst treffen. Gottseidank hatte ich keine Ahnung, wie schwer es werden würde. Der schwere Beginn verhinderte lange, dass ich die dahinrasenden Jahreszeiten überhaupt bemerkte.

Meine Schilderungen werden vielleicht zu umfangreich sein. Aber wenn man seine Gedanken in die Vergangenheit schweifen lässt, dann taucht alles wieder auf. Es ist schwer auszuwählen.

Den Anfang hatte ich schon vor vielen Jahren gemacht. Dann war endlich mein letzter Projektierungsauftrag beendet. In meinem Büro steht noch das Schild

„Meine letzten Projekte.“

Nun wollte ich meine Erfahrungen in Ost und West fertigstellen. Aber dann war doch noch nicht Schluss.

Nachdem ich nun schon sehr lange meine Ost/West-Altersrente beziehe, bin ich immer noch kein richtiger Rentner.

Mein letztes Elektro-Projekt für eine Jugendherberge wurde zuerst annulliert, dann neu beauftragt, dann verschoben, dann unter Hochdruck gebaut.

Nun ist es beinahe ein Jahr übergeben und festlich eingeweiht, aber trotzdem noch nicht fertig.

So erging es mir mit meinem letzten Auftraggeber leider mehrfach. Vor zwei Jahren habe ich das hier aufgeschrieben:

„Ich will hoffen, dass ich wieder eine Firma mit Deutsch sprechenden, klugen Elektrikern bekomme. Na, vor allem will ich hoffen, dass ich das Ende noch erlebe.“

Einen engagierten, jungen Obermonteur hatte ich bekommen. Der Projektleiter war in meinen Augen aber kein Vorbild für den Mittelstand in Deutschland, oder doch? Er sagte zu meiner Kritik, dass er hauptsächlich dafür sorgen muss, dass die Firma Gewinn macht. Wer Fachbauleitung und Bauüberwachung eines Bauprojektes kennt, kann sich vorstellen, wie meine Alarmglocken geschellt haben, denn noch gibt es keine Schlussrechnung.

Und nun schaltet sich noch zusätzlich „CORONA“, Covid-19, in das Geschehen ein. Was daraus wird, weiß 2020 noch niemand.

Gründe für diese Zeilen.

Meine Überzeugung ist, dass das, was ich erleben durfte und noch erlebe, etwas ganz Besonderes ist.

Ein kleiner geschichtlicher Abschnitt, den bisher nur meine Generation erlebt hat. Die friedliche Vereinigung der beiden Teile Deutschlands und viele Jahrzehnte lang ein Leben ohne Krieg. Für mich ist es zusätzlich ein halbes Leben in einer besonderen Diktatur und fast ein halbes Leben in Freiheit.

Über die Zeit in der sogenannten DDR (Deutsche Demokratische Republik) hätte ich ganz sicher niemals etwas aufschreiben können, wenn es diesen Staat noch heute gäbe. Heute ist für mich diese verlogene DDR-Zeit nur noch komisch. Aber darauf komme ich später noch zurück.

Einige lustige, aber auch bedrückende Geschichten aus dieser Zeit will ich festhalten. Das ist der eigentliche Sinn meiner Zeilen.

Es muss etwas aus dem Kohlepott berichtet werden, aus dieser erbärmlichen, ärmlichen Niederlausitz, aus meiner Heimat und meinem Heimatort, der heute unter Wasser liegt.

Aber natürlich will ich auch über meine Eltern und Geschwister und über meine Familie schreiben.

Vielleicht werden meine Zeilen auch meinen Kindern und Enkelkindern etwas Neues erzählen.

Später werde ich ausführen, warum und wie ich meiner Familie den Weg in die Freiheit erkämpft habe. Eigentlich ein Witz, denn als wir am 17. November 1989 endlich aus der DDR ausreisen konnten, da konnte es eigentlich jeder andere auch. Aber bei uns gab es eine Vorgeschichte, von der ich später noch erzählen werde.

Und ein weiterer Grund war mein sehr guter Kontakt zu einem öffentlichen Auftraggeber – oder besser gesagt zum Fachbereichsleiter und einigen Mitarbeitern.

Wenn nichts Fachliches zu besprechen war, dann habe ich von der DDR erzählt. Das war alles neu für sie und unglaublich. „Schreiben Sie doch das auf“, hörte ich oft. Und auch wegen diesem Rat tat ich es.

Dann hat meine Schwester Sigrid lange vor dem Ende der DDR davon erzählt, dass eine einfache Bäuerin – ich glaube aus Bayern – ihre Lebensgeschichte aufgeschrieben hat, die dann zum Bestseller wurde. War es „Herbstmilch“ von 1985 oder schon ein früherer Roman?

Unsere Mutti hatte ihre Kindheit und einige Jugendjahre in einer Zeit erlebt, die man sich heute nicht mehr vorstellen kann. Immer wieder hörte sie den Wunsch ihrer Kinder, besonders von ihrer Tochter: „Schreib doch bitte deine Lebensgeschichte auf.“

Beim jährlichen Familientreffen am letzten Wochenende im September, tafelte unsere Mutti jedes Jahr all das auf, was zuvor lange vom Munde abgespart wurde. Kuchen, Torten, sogar im Konsum bestellten Rollschinken und immer zwei Enten mussten es sein. Wir feierten den Geburtstag der Else mit integrierter Elsebirnenernte.

„Hast du schon etwas geschrieben?“, fragten die Kinder jedes Jahr. Dann fuhren die großen Kinder mit Enkelkindern wieder nach Berlin und nach Schwedt zurück, natürlich mit Birnen im Kofferraum.

Das ging einige Jahre so und wirklich, Mutti hat 1985 in Schönschrift ein wenig zu Papier gebracht.

Dazu benutzte sie noch leere, alte DDR-Schulhefte ihrer Kinder. Meine Mutter wurde am 23.09.1907 in Lieske, wie damals üblich, zu Hause geboren. Wir kannten alles aus ihrer Kindheit und Jugend. Die Schinderei in der Landwirtschaft zu Hause, aber auch als ausgeliehene Hilfskraft bei entfernten Verwandten und Bekannten.

Wie der Vater als Musikus dem Alkohol verfiel und die Mutter und alle Geschwister darunter litten. Immer half der Großvater. Aber wir kannten auch die schönen und lustigen Geschichten, die sie uns erzählte.

Auch als sie als junges Mädchen „in Stellung“ in Berlin war. So hieß es als Mutti und ihre Schwester Friedel bei „Herrschaften“ etwas Geld verdienten.

Keiner kann sich heute diese ärmliche und ungerechte Zeit wirklich vorstellen. Heute würde man von einer unsozialen Zeit sprechen. Das Ergebnis waren schließlich die bekannten Parteiengründungen und Arbeiterbewegungen. Dann auch noch die zwei Weltkriege mit dem unendlichen Leid und Verbrechen.

So schrieb eben meine Mutter ihre sechzehn Seiten im Heft 1, „ Kinderjahre“, sowie wenige Zeilen als Fortsetzung im Heft 2, „Jungmädchenjahre“, die auf Seite 5 abrupt abbrachen.

Mir kommen immer die Tränen, wenn ich das lese.

Schade, dass meine Mutti offensichtlich keine Zeit mehr hatte, dies bis zum Erwachsenenleben fortzusetzen. Es gab dafür bestimmt viele Gründe.

Nach 27 Jahren zog ihr Jüngster mit seiner Familie fort. Mutti war dann ganz allein. Der Bergbau fraß sich in Richtung unseres Heimatortes.

Mit den Geburtstagsfeiern mit Birnenernte bei meiner Mutter ging es zu Ende. Jetzt musste sie sich mit dem Verlassen ihrer Heimat und dem ungeliebten Umzug in eine Neubauwohnung abfinden. Ja und dann kam schon bald das, was wirklich niemand mehr erhoffen konnte: das Ende der DDR 1989. Aber darüber will ich später ausführlich berichten.

Da kann man verstehen, dass meine Mutti wirklich keine Zeit mehr hatte, über ihr Leben weiter zu schreiben. Jetzt hieß es, endlich die vielen neuen Rechte im demokratischen Deutschland selbst in Anspruch zu nehmen, ohne jede Hilfe. Dass war schon eine tolle Leistung meiner Mutter, wie sie die notwendigen bürokratischen Formalitäten bewältigte. Wie gesagt: ohne Hilfe.

Wie stolz sie jetzt war. Endlich bekam sie für unseren in den letzten Kriegswirren verstorbenen Vater eine kleine Rente, die man ihr in der sogenannten DDR verweigerte.

Von der Industriegewerkschaft Bergbau und Energie wurde meine Mutter nun für fünfzig Jahre Mitgliedschaft geehrt. Die Anstecknadel habe ich an ihr Bild angeheftet. Den Hutschenreuther Wandteller „Rauchquarz Amazonit“ habe ich vor der Haushaltsauflösung gerettet.

Den Stolz meiner Mutter nach der Wende kann man ohne ausführliche Schilderungen nicht richtig verstehen.

Das Elend nach dem Krieg ohne den „Verdiener“ war groß. Plötzlich stand sie, als alleinstehende Frau ohne Beruf, mit drei Kindern da. Als es endlich Arbeit gab, da hieß es sich durchzusetzen. Es waren hauptsächlich Frauen die als Hilfskräfte in der Ankerwickelei für wenig Geld arbeiteten. Die Zwietracht zwischen den Frauen wurde, mittels Auszeichnungen und Prämien für linientreue Arbeitskräfte, noch verstärkt. So waren eben die ungerechten Bedingungen und Verhältnisse im „Volkseigenen Betrieb“ (VEB). Meine Mutter wurde niemals „Bestarbeiterrin“ oder gar als „Aktivistin ausgezeichnet, obwohl sie das bestimmt damals hoffte.

Sie schuftete um ihre Kinder zu ernähren und „um etwas aus ihnen zu machen“, sagte man bei uns.

Meine biografischen Erinnerungen schreibe ich gewiss auch wegen meiner großen Schwester nieder.

Sie war immer eine Kämpferin für die Gerechtigkeit. Diese Erinnerung blieb mir aus der Zeit, als sie schon zur Oberschule ging. Mein Onkel war mit seiner Liebe durchgebrannt. Er war mit ihr „nach den Westen abgehauen“, sagte man bei uns. Er hatte seine Kinder nebst Frau sitzenlassen. Meine Schwester hatte sich wie eine Löwin im Briefwechsel mit dem Onkel eingesetzt, um dieses, in ihren Augen, unglaubliche Unrecht wieder aufzulösen.

Meine Schwester hatte immer so wunderschöne Briefe geschrieben. Sie kann es einfach. Ihre Zeilen sind immer erfrischend und oft spaßig. Sie sprach früher vom „illustriert Erzählen“. Sie sagte es, wenn einer etwas so erzählt, dass man es sich richtig vorstellen kann. Genauso schreibt sie auch.

Briefe schrieb man in diesen Zeiten. Was blieb einem auch anderes übrig ohne Telefon?

Nachdem ich lange immer wieder rumgequengelt habe, sie möge mir doch öfter mal schreiben, hat sie mich richtig überrascht.

Erinnerungen aus ihrer Kindheit war mein Geschenk zum 70. Geburtstag, es kam per E-Mail. Sie sagte mir, dass sie die unendlich vielen Seiten auf ihrem Apple Smartphone geschrieben hat.

Eigentlich kann ich mir das gar nicht vorstellen. Da muss sie ja dann genauso gut darauf schreiben können wie Angela Merkel. Die sah ich oft im Bundestag. Immer wenn ein politischer Gegner Kritik übt, dann vertieft sie sich mit ihrem Vier-Finger-Suchsystem auf ihrem Smartphone und schreibt SMS oder tut nur so.

Nun war ja zum Glück mein Enkel auch zu Besuch. Da er ein Apple Smartphone hat, konnte er am Telefon erklären, wie das Geschriebene zu senden ist. Die Erklärungen waren sicher kompliziert und das Telefonat war für alle lustig anzuhören. Egal, es hatte geklappt.

So habe ich jetzt Familiengeschichten aus einer Zeit, die auch zu mir gehören, die mir so viel bedeuten.

Bisher habe ich nicht um Erlaubnis gebeten, ob ich diese hier verwenden darf. Aber ich bin ganz sicher, dass meine große Schwester sich wundern würde, wenn ich solch eine Frage stelle.

Als Kind und Jugendlicher habe ich oft den überwiegend lustigen und spannenden Erzählungen meines Bruders gelauscht. So habe ich, aus der Zeit vor dem Krieg, viel von seinen Streichen in seiner Kindheit erfahren, die er bei den Geburtstagsfeiern meiner Mutti zum Besten gab. Sicher saß ich immer am Tisch mit offenem Mund, wenn mein zehn Jahre älterer Bruder erzählte. Da war er schon Ingenieur, und kam aus Berlin zu Besuch.

Aber besonders sind es die Erinnerungen meiner Schwester, die mir so viel bedeuten. Es sind ihre schönen Erinnerungen an unsere Eltern und an unseren Bruder bis zum Ende des Krieges. Dann berichtet sie als Neunjährige von der schweren Zeit ohne Vater, mit schwerkranker Mutter und quasi als Elternvertreter und Erzieher eines zweijährigen Bruders. Außerdem von einer Zeit, die ich auch schon ein wenig bewusst erlebt habe. Zumindest kommt es mir so vor, weil ich vieles so oft gehört habe.

Es sind tatsächlich einundfünfzig Geschichten, die ich hier anfüge.

Meine Zeilen können nur darauf aufbauen und den Verfall der Folgejahre darstellen.

Sigrids Erinnerungen:

Inhalt:

1 Drei Zeitabschnitte

2 Ilse –Großeltern – Wohnungsbezug

3 Vati kommt von der Arbeit nach Hause

4 Ziegenpeter – Gedankenfetzen an Vati

5 Unser Badehaus

6 URLAUB – Kraft durch Freude –Bad Sulza

7 Begriffsstutzigkeit

8 Heiße Sommer – Vati-Schlaf in Bude – Gedankenfetzen

9 Meine Puppenstube

10 Mein erstes Fahrrad

11 Verteidigung großer Bruder – Gedankenfetzen an Vati

12 Das letzte leibhaftige Bild meines Vaters

13 Mein geliebter großer Bruder

14 Mein cleveres Bruderherz

15 Kasperköpfe Zuhause

16 Ostern

17 Helmuts Erfindungen

18 Mein kleiner Bruder Horst

19 Lauf nach Bückgen – Onkel Otto

20 Unser Onkel Otto

21 Meine Panzerfahrt

22 U N S E R G A R T E N

23 Veräppelung im Garten

24 Großmutter

25 Unser Großvater und Vatis Tot

26 Großvaters Hilfe und sein Ende

27 Nachkriegstage – Bückgen – Russen – kleine Schandtaten

28 Hamstern – Hungern – erste Butter

29 Die erste B U T T E R

30 Harzer Käse

31 Badehausuhr-Spiel und Unfall-Kulessa

32 Barfußkinder

33 Ich war ein richtiger Angeber

34 Weißbrot von Onkel Paul

35 Beistand vor Nachbarn für Mutti

36 Eine tolle Familie

37 Meine Rache

38 Kellerschlüssel versteckt

39 Waschweiber

40 Letzter Beistand für Mutti

41 U N S E R E K Ü C H E

42 Chaiselongue

43 Mutti meckert

44 Grab gießen – Koppatz

45 Onkel Richard Vaterersatz – Mutti verlässt Lebensmut

46 S O S per Post

47 Missachtetes Badeverbot – Schwimmlehrer – Überraschung von Helmut

48 Gewitter

49 Herr Keil

50 Grundschule – und nun?

51 Penne

1 Drei Zeitabschnitte

Das Haus, in dem unsere Familie wohnte, stand parallel zur Bahnstrecke ---S e n f t e n b e r g--- L ü b b e n a u ---und höchstens vierzig Meter davon entfernt.

Die Züge – auch lange, meist mit Briketts beladene Güterzüge – sind quasi durch unsere Kinderstube gefahren. -- Das Schlafzimmer lag zur Bahnstrecke gerichtet. Es gab da kein Entrinnen. -- Wir wurden mit Gerassel durch unsere Träume gewiegt.

Meine Kindheit bestand für mich, rein gefühlsmäßig, aus drei total unterschiedlichen Zeitabschnitten.

Die erste Epoche umfasst die ersten neun Jahre meines Lebens. Sicher waren das die glücklichsten Jahre für mich und unsere Familie. Schade, dass man aus diesen frühen Lebensjahren so wenig speichern kann.

Unser Vater lebte noch. -- Davon existieren manche Gedankenblitze, von denen ich nicht exakt sagen kann, ob es sich wirklich so zutrug, oder ob es sich um einen Mix aus Erzählungen der Erwachsenen und meinen erhaltenen Erinnerungen handelt.

Die zweite Etappe umfasst die unmittelbaren Erlebnisse der letzten Tage des Krieges und die ersten Monate danach.

Und letztlich war es die Zeit, da waren wir schon älter und erlebten mit einigem Verstand das Dilemma in unserer Familie ohne den Vater und mit der schwerkranken Mutter. Sie lag mehrmals über viele Monate im Krankenhaus und wir wurden mit unserem kleinen Bruder zu Selbstversorgern umfunktioniert. Ja, wir hatten uns selbst umfunktioniert! Denn wir waren immer nur allein zu Hause…

Mutti erzählte oft, dass unser großer Bruder Helmut einmal zu ihr ins Krankenhaus gekommen sei und zu ihr gesagt habe, sie solle bloß wieder nach Hause kommen. Sie könne da ja auch im Bett liegen, sie müsse weiter nichts tun als uns immer sagen, was wir machen sollen.

2 Ilse –Großeltern –Wohnungsbezug

Die Namen der Fabriken, die großräumig verteilt die Niederlausitz zierten, waren alle w e i b l i c h angelegt. Mutti wusste dazu zu berichten, dass der Fabrikbesitzer des gesamten Kohlereviers sieben Töchter hatte und den Fabriken die Namen seiner Töchter gegeben hatte.

Großvater und unser Vater arbeiteten in der Grube Ilse. Es gab weiterhin Grube Erika, Grube Eva, Grube Marga und Grube Renate

Weitere Fabrik- und Grubennamen sind mir entfallen. Jedenfalls bildete alles zusammen das Niederlausitzer Braunkohlenrevier. Es war der Brötchengeber aller Menschen, die dort lebten.

Unsere Arbeitersiedlung, in der wir unsere Kindheit verlebten, war zu Beginn des 20. Jahrhunderts gebaut worden. Tante Bertel, die Schwester unseres Vaters, wusste zu berichten, dass ihre Eltern als erste Mieter in die Wohnung, in der wir danach wohnten, eingezogen sind, als unser Vater zwei Jahre alt war. Sie erlebte diesen Einzug mit ihrem Bruder auf dem Schoß auf einem Stuhl sitzend, so ihre Erinnerung. Vater war Jahrgang 1905. Unsere Großeltern hatten davor in der Gegend um Frankfurt an der Oder gewohnt und waren wegen der Arbeitsstelle des Großvaters und wegen der Wohnung in diese Gegend gekommen. Großvater soll der erste Elektriker-Anlernling in Anna-Mathilde gewesen sein. Damals gab es noch gar keine geregelten Lehrzeiten für alle Berufe. Die Großeltern wohnten noch eine geraume Zeit mit meinen Eltern zusammen in derselben Wohnung. Tante Bertel war schon verheiratet und baute mit ihrem Mann, unserem Onkel Otto, ein Haus mit angebundener Malerwerkstatt. Denn Onkel Otto war Malermeister in Bückgen. Dort zogen nach Fertigstellung die Großeltern mit ein. Ab dann gehörte die Wohnung – Anna-Mathilde 13 – unseren Eltern. Ich fand es immer blöd, dass unsere Anschrift keinen Straßennamen hatte. Irgendwann, lange nach Kriegsende, erfüllte sich mein Wunsch.

Unser Haus bekam die Anschrift „Friedensstraße“. Aber das fand ich dann auch blöd!

3 Vati kommt von der Arbeit nach Hause

Jeden Nachmittag gegen 17 Uhr kam unser Vati von seiner Arbeit nach Hause. Er öffnete unsere Stalltür, um sein Fahrrad mit hinein zu stellen. Wenn ich das hörte, rannte ich ans Küchenfenster, schaute nach, ob ich richtig gehört habe, und rief dann laut für die übrigen Familienmitglieder vernehmbar: „Vatiii kommt!“ Dieses Knarren der Stalltür hatte sich mir eingebrannt. Man hätte mich noch viele Jahre später an jeden entfernten Punkt der Erde stellen und dieses Knarren unserer Stalltür vorspielen können, ich hätte es erkannt. Von Muttis Erzählen weiß ich, dass unser Vater gern ins Kino ging. Er schnappte sich sein Fahrrad und fuhr abends ab und zu dorthin. Mutti konnte nicht mit, sie musste uns derweil zu Hause hüten. Vatis Lieblingslied soll gewesen sein:

Alle Tage ist kein Sonntag,

alle Tage gibt's keinen Wein!

Aber du sollst alle Tage – recht lieb zu mir sein!

Wenn ich einst tot bin – sollst du denken an mich,

auch des abends eh' du einschläfst,

aber Weinen sollst du nicht!

4 Ziegenpeter –Gedankenfetzen an Vati

Meine erste Erinnerung an meinen Vater ist: Ich stehe in einem Gitterbett in unserer Küche und heule um mich rum. Ich hatte Ziegenpeter und meine Ohren, Hals und Wangen sind verpackt mit irgendeinem warmen, klebrigen, fettigen Zeug. Aber das Widerlichste für mich daran ist, dass Mutti mir über diese Verpackung Zelluloid – eine knittrige durchsichtige Folie – gestülpt hat, damit der fettige, aber heilen sollende Pamps nicht durchfetten und das ganze Bett versauen kann. Ich reiße an dem Zeug und schreie, aber keiner befreit mich. Da kommt Vati von der Arbeit, es muss also nachmittags gegen 17 Uhr sein, und hebt mich auf seine Arme.

Ende des Gedankenfetzens.

5 Unser Badehaus

Die einzige Sanitärzelle unserer Wohnung befand sich ganz dicht neben der Eingangstür links an der Wand und bestand aus einem fest verankerten, eisernen, emaillierten Ausguss, der nach unten wie ein Rohr in der Wand verschwand. Und mittig darüber befand sich der Wasserhahn aus Messing, den unsere Mutter an jedem Sonnabend mit „Sidol“ blankwienerte. Das gleiche geschah mit der Messingstange am Küchenherd.

Da wir ja im Niederlausitzer Kohlenpott zu Hause waren, kamen wir Kinder immer kohlrabenschwarz von draußen vom Spielen rein. Und wenn Mutter zu Hause war – und das heißt gleichzeitig in der Küche, denn dort spielte sich nun eben unser gesamtes Leben ab – erschallte sofort ihr Ruf: „Hände waschen!“ Helmut wollte sie austricksen und sprang oft wie ein geölter Blitz mit einer Hand an den Wasserhahn, wenn er noch gar nicht mit beiden Beinen in der Küche stand, und er hielt mit der anderen Hand noch die Türklinke fest, aber Mutter schrie trotzdem: „Hände waschen!“

Ja, dieser Wasserhahn war unser Lebensquell. Solange unser Vater lebte, wurde an jedem Sonnabend in der Küche gebadet. Und das verlief wie folgt:

Vati holte aus unserem Keller eine für mein damaliges Empfinden riesige Zinkbadewanne und platzierte diese zwischen dem in der Mitte der Küche stehenden rechteckigen großen Tisch und der in einigem Abstand davon befindlichen Liege, die bei uns nur Chaiselongue genannt wurde.

Mutti hatte inzwischen auf dem Ofen einen Einwecktopf mit Wasser fast zum Kochen gebracht. Zuerst wurde aber aus beschriebenem Wasserhahn kaltes Wasser in einer der zwei Abwaschschüsseln, die immer unter dem Tisch hingen, gegossen. Diese zwei Schüsseln konnten bei Bedarf mit der gesamten „Gondel“ herausgedreht und in dieser Aufhängung zum Beispiel als Abwaschtisch benutzt werden.

Das kalte Wasser goss sie in die Zinkbadewanne und danach wurde die jeweils bis zur erreichten Badetemperatur benötigte Menge kochendes Wasser dazu geschöpft.

Und dann kamen wir in die Wanne – Helmut und ich. Sicherlich haben wir da auch erst geplanscht und gespielt, bevor es unter Muttis Anweisung ans Abschrubben ging. Nach uns wurde dieses mit so viel Mühe bereitete Badewasser dann auch noch von unseren Eltern in derselben Wanne benutzt, aber das geschah natürlich nie in unserer Gegenwart.

Und zuletzt wurde, wie sollte es anders gewesen sein, das dreckige Wasser wieder ausgeschöpft, die Wanne von der Mutter gereinigt und vom Vater zurück in den Keller bugsiert.

Nach dem Krieg war es dann wohl erst erlaubt, dass auch die Einwohner unseres Ortsteiles Anna-Mathilde zu jeder Zeit das Badehaus benutzen durften. Es war kostenlos, wir lebten ja im Sozialismus! Dieses Badehaus war so ein riesiges Gebäude, das eigentlich den Zugang zur genau dahinterstehenden Kohlefabrik bildete.

Alle Arbeiter der Fabrik verschwanden vor Beginn ihrer „Schicht“ durch das hohe Tor des Badehauses. Dort gingen sie zuerst in einen riesigen Badesaal, in dem sie ihre Arbeitssachen von einem Kettenzug von der Decke runterließen und diese gegen die Straßenbekleidung, mit der sie eben angetrottet waren, austauschten. Danach verschwanden sie durch das hintere Tor der Eingangshalle hinein in die Fabrik. Nach jeder Schicht erfolgte dieselbe Prozedur in umgekehrter Reihenfolge, aber dann wurde zwischendurch der Kohlendreck vom Leib gescheuert, der während der Arbeitszeit aufgegabelt worden war. Jeder Fabrikarbeiter erschien blitzeblank zu Hause. Das Badehaus hatte einen großen, hohen Saal – einen Durchgangssaal – der von vier hohen Säulen getragen wurde. Und diese Säulen hatten es mir angetan. Sie waren nämlich künstlerisch gestaltet.

Es waren Menschen draufgemalt. auf jeder Säule in abgewandelter Form. Eine Frau und ein Arbeiter halten zwischen sich ein Kind auf dem Arm. Zwei Arbeiter mit Werkzeugen. Arbeiter mit der Hakenkreuzfahne. Und es standen auf allen vier Säulen in je zwei Zeilen die Worte:

„Vergesst nie, dass ihr alle, auf Gedeih und Verderb verbunden seid!“

Typisch Nazizeit! Aber das wusste ich damals noch nicht. Ich bezog es auf die Familien.

Im Badehaus gab es natürlich noch mehrere Räume mit diversen Duschkabinen und auch Wannenbädern und alles war kostenlos für jedermann benutzbar.

In den späten Nachmittagsstunden eines jeden Wochentages nutzten wir Kinder stundenlang mehr zu unserem Vergnügen als zum Baden einen solchen Baderaum. Der war so groß, dass wir darin jede Menge Platz für unsere diversen Turnübungen hatten. Und so tobten wir voller Freude als Nackedeis bei Handstandüberschlag, Brücke, auf den Händen laufend und so fort. Bis wir uns dann irgendwann des eigentlichen Zwecks unseres Dortseins besannen und endlich in den etwa sechs Einzelkabinen mit den Duschen verschwanden und uns den Kohlendreck des Tages vom Leib wuschen.

Mittig unter den Duschen waren in den groben schmirgelpapierähnlichen Fußböden die Abläufe für das Wasser wie ein bodenloses Loch eingelassen. Auf diesen groben Betonböden scheuerte ich immer meine schwarzen Füße sauber, das benutzte ich als Ersatz für einen zu diesem Zweck erforderlichen Bimsstein. Zuhause angekommen nach solchen vergnüglichen Badespäßen erwartete mich dann oft ein Donnerwetter von meiner misstrauischen Mutter: „Wo bist du wieder rumgezogen?“ Und dann wurde mir auch lauthals unterstellt, dass ich mich mit „Jungs“ „rumgetrieben“ hätte.

Es half da keine Beteuerung meinerseits, dass das nicht so sei. Mutter blieb bei ihrer durch keinen Schwur ausräumbaren Behauptung und ich war bis ins Mark getroffen!

Eine Erinnerung, die sich bei mir eingebrannt hat! Vielleicht hat Mutti dadurch erreicht, dass ich mich in meinem ganzen Leben nie mit „Jungs“ rumgetrieben habe. Aber diese Unterstellung hat mich maßlos verletzt, und ich hatte sehr lange daran zu „knabbern“, so sagt man es bei uns zu Hause. Aber es gibt wohl für jeden Menschen so eingebrannte Erinnerungen aus der Kindheit!

Bei mir zählt dazu manches Schöne, einfach, weil es lustig war. Aber auch manches, was mich wiederholt durch die frühen Kindertage begleitete.

6 URLAUB – Kraft durch Freude – Bad Sulza

Unsere einzige Urlaubsreise zu viert – den Horst gab es da noch nicht – ging mit „Kraft durch Freude“ nach Bad Sulza in Thüringen.

Meine Erinnerungen daran? Wir saßen im Zug und der fuhr in einen Bahnhof mit vielen Bahnsteigen und einer riesigen, durchsehbaren Überdachung ein. Es verging eine längere Zeit des Aufenthalts.

Vati stieg aus und lief draußen am Zug entlang. Da ruckte unser Zug an und fuhr weiter. Darauf begann ich zu schreien, weil ich glaubte, unser Vati würde nicht mehr mitkommen.

Später realisierte ich, dass der Zug im Leipziger Sack-Bahnhof nur bis zum Ende des Bahnsteiges weiterfuhr.

In diesem Urlaub müssen wir auch einen Busausflug unternommen haben. Der Bus fuhr unterwegs mit einer Längsseite ein Stück auf dem Bürgersteig und geriet in leichte Schräglage. Da schrie ich auch aus Angst, wir würden umkippen.

Wir gingen in diesem Urlaub alle durch einen Park spazieren. Es standen Pfützen auf dem Weg und ich patschte so kräftig ins Wasser, dass wir alle vier Regenpampe an den Hosen hatten.

Da merkten meine Eltern, dass ich immer mit den ganzen Füßen auftrat und nicht, wie es zu geschehen hat, zuerst mit den Versen und dann die Füße nach vorn abrollen lasse. Das brachten sie mir bei der Gelegenheit bei.

Ein Teich lag in diesem Park. Es schwammen bunte Enten darauf und wir waren mit Brotbrocken ausgerüstet und durften sie füttern. Kürzlich weilte ich zu einer Kur in Bad Sulza und fand den Park mit den Regenpfützen und auch den Teich darin wieder. Die Enten waren inzwischen gestorben oder geschlachtet nach etwa siebzig Jahren, die derweil vergangen waren. So alt wird eben keine Ente.

Doch, lahme Enten werden es! Aber das sind eben keine richtigen Enten!

Wir wohnten in einem Hotel mit einem langen Flur, in dem an beiden Seiten die Türen zu den Zimmern abgingen. Da ging ich grundsätzlich in eine falsche Tür hinein, wenn ich zu uns wollte. Seit da merkte ich bis heute, dass ich ein schlechtes Orientierungsvermögen habe. Und das ist so.

Und dann habe ich nochmal geschrien wie am Spieß infolge dieses Urlaubs. Es gab von irgendwoher ein Bild von unserer Familie, darauf fehlten unseren Eltern die Köpfe.

Na, da war ja bei mir alles aus! Ich hob ein Mordsgeschrei an und beruhigte mich erst, als Mutti und Vati mit ihren Köpfen vor mir standen.

7 Begriffsstutzigkeit

Mein Vater kam einmal mit einer Büchse von der Arbeit nach Hause. In der befand sich irgendeine Leckerei vom Schlachtfest seines Arbeitskollegen.

Am nächsten Tag fragte Mutti: „ hast du dich auch in meinem Namen bedankt?“ Seine Antwort war: „ich habe dem Kollegen deine Meinung gesagt, er hätte ruhig ein bissel mehr mitschicken können“.

Das fand ich gemein! Sie wollten mir erklären, dass der Vati Spaß gemacht habe. Das verstand ich einfach nicht.

Genauso begriffsstutzig war ich einmal, als die Eltern sich unterhielten und dabei der Spruch fiel: „Wer anderen eine Grube gräbt, fällt selbst hinein!" Das konnten sie mir auch nicht klar machen. Ich wollte immer wieder wissen, wer denn nun in die Grube gefallen sei?

8 Heiße Sommer – Vati-Schlaf in Bude – Gedankenfetzen

Es muss damals auch heiße Sommer gegeben haben, denn unser Vati konnte einmal vor Hitze nicht schlafen. Da ist er in den Garten gegangen und hat auf der Bank vor der Bude übernachtet. Und unsere Nachbarin Frau Torz hat ihre Töchter Edeltraud und Annelies in den Handwagen gesetzt und ist mit ihnen immer rund über die vier Höfe gefahren. Aber wir mussten in unsere Betten kriechen …

9 Meine Puppenstube

Ich muss als Kind von so einem Wunsch besessen gewesen sein…. Und so brachte mir der Weihnachtsmann zu einem Weihnachtsfest natürlich dieses gewünschte Exemplar. Es war eine wunderschöne Puppenstube, die aus zwei Zimmern bestand. An der linken Seite, neben der Küche, führte eine Treppe hinauf zu einem quadratischen Pavillon.

Aus dem konnte ich die kleinen Püppchen aus einem zweiten Ausgang auf den Balkon führen, der über die Küche und das danebenliegende Schlafzimmer führte. Der Balkon war für die Puppen mit einem unfallsicheren Zäunchen umgeben und mit rosaroten Möbeln bestückt. Sogar eine längliche Blumenbank mit winzigen bunten Blumen in Töpfen stand dort oben. Komisch, an die kleinen Puppen erinnere ich mich nicht. Aber das gesamte Puppenhaus hat sich mir bis heute eingeprägt. Natürlich hatte auch das unser Vater gebaut. -- Und er hatte alle Möbel in Form und Farbe der Einrichtung unserer Wohnung nachempfunden. In der Küche stand ein von ihm gebauter „Kohleherd“. An dem konnte man die Tür zu der Feuerstelle öffnen und darin flackerte immer ein Feuerchen – erstellt von einer kleinen Glühbirne, der Vati zu dem Zweck einen Wackelkontakt verpasst hatte. An der Rückfront der Räume war mittig je ein Fenster eingebaut, die an den zwei Fensterflügeln je drei winzige Fensterscheiben besaßen, durch die man richtig rausgucken konnte. Und über den Fenstern befanden sich abnehmbare Gardinenstangen mit seidigen Gardinen. A B E R: Die Fenster ließen sich nicht öffnen. Sie waren einfach nur zwei „z u e“ Scheiben. Das hat mich sehr bewegt. Ob ich meine Mangelempfindung jemals kundgetan habe, das weiß ich nicht!

Aber ich habe einmal davon geträumt, dass ich diese Fenster öffnen konnte. Als ich am Morgen erwachte, rannte ich sofort zur Puppenstube und musste enttäuscht registrieren: Es war nur ein Traum! Dieses Puppenhaus blieb mir lange treu, bis weit über meine Kindheit hinaus. Unsere Töchter spielten später noch in der Schwedter Rungestraße damit in ihrem gemeinsamen Kinderzimmer. Sie müssen allerdings der Meinung gewesen sein, dass eine Toilette darin fehlte. Wie sollte die auch in meiner Kindheit dort reingepasst haben? Da hätte ja mein Vater noch ein Häuschen mit Herzchen anbauen müssen. Jedenfalls war Ulrike zu jeder Mittagszeit ein schlechter Schläfer. An einem solchen Tag regolte sie besonders lange in ihrem Zimmer rum. Ich ging schließlich nachschauen, was sie wohl anstellte, statt zu schlafen, und bekam einen Heidenschreck: Sie war aus ihrem Gitterbett auf Ankes Wandbett geklettert, hatte ihre Hosen runtergelassen und versuchte, in das Puppenstuben-Puppenklo zu pinkeln. Das hatte inzwischen in der Puppenstube seinen Platz in einem Küchenecken gefunden. Als Ulli mich sah, sagte sie nur entrüstet: „Putti, dehta da nich hein!“ Die Pfütze ihrer Anstrengung hatte sie nicht interessiert.

Irgendwann kam dann diese wunderbare Bastelei meines Vaters mit meiner Zustimmung unter die Räder. Die noch vorhandenen Möbel hatte ich mir aufbewahrt. Und als unsere Enkelin Susanne das Alter einer Puppenmutti erreicht hatte, gab ich ihr diese letzten Habseligkeiten mit in ihre neue Heimat. Aber unser Susilein interessierte sich nicht für diese Kleinode. Bis auf den Kohleherd, der auch arg angeschlagen ist, war nach kurzer Zeit nichts mehr vorhanden. Da bat ich mein Töchterchen, ob ich mir dieses Stück wieder mitnehmen dürfte, und nun besitze ich das wohlverwahrt immer noch. Und meine kleine Enkelin äußert inzwischen oft Interesse an irgendwelchen von mir in meinem Haushalt vorhandenen Utensilien. Irgendwann, wenn ich mich dann endgültig trennen kann, gebe ich ihr diesen kleinen Puppenstuben-Kohleherd zurück als Handarbeit von ihrem Urgroßvater, die er für seine Tochter etwa im Jahre 1939 sicher mit viel Liebe, Freude und Geschick angefertigt hat.

So schließen sich im Leben viele Kreise.

10 Mein erstes Fahrrad

Es war hellgrün-grau. Mein Vater hatte es gebaut, wie fast alles, was bei uns in der Familie benötigt wurde.

Radfahren lernte ich ziemlich schnell, aber ich konnte lange nicht allein anhalten und absteigen. Wenn mich nach Radfahren gelüstete, dann kam Helmut oder ein Elternteil mit auf den Hof, ließ mich aufsteigen und losfahren und ich radelte dann so lange um die Höfe, bis ich genug davon hatte. Dann fuhr ich langsam auf unserem Hof unter dem Küchenfenster vorbei und rief laut, dass jemand kommen sollte, um mich bei der nächsten Runde wieder anzuhalten. Aber an einem Tag hörte mich einfach niemand von meiner Sippe. Da bin ich hinter unseren Garten auf den Wäscheplatz gefahren. Da lag ein großer Heuhaufen. In den bin ich reingesprungen und war erlöst.

Meine erste Radtour nach Bückgen machte mit mir der Vati. Wir fuhren hinter dem Bahnübergang auf dem schmalen Weg direkt neben der Bahnstrecke, zu der es einige Meter eine Böschung hinunter ging. Da wollte ich dem Vati ein besonderes Kunststück zeigen. Ich ließ die Lenkstange los und rief: „Guck mal Vati, ich kann schon freihändig fahren!“ Die Reaktion vom Vati war laut. Ich fuhr wohl lange nicht mehr freihändig. Einmal waren wir mit den Rädern in Bückgen. Da wollte ich meine Radfahrkunst den Großeltern vorführen, stieg am Eingangstor des Grundstücks auf und raste geradeaus – und mit voller Wucht in das Tor zu Onkel Ottos Werkstatt hinein. Aber Vati bog den Schaden wieder grade.

Übrigens, es war das einzige Fahrrad, das mir gehörte. Als ich dem entwachsen war, fuhr ich mit Muttis Rad, wenn sie es nicht gerade brauchte.

Erst viel später, hier in Schwedt, kam ich wieder zu einem eigenen Fahrrad. Und das war wieder hellgrün-grau!

11 Verteidigung großer Bruder – Gedankenfetzen an Vati

Ich verteidigte meinen großen Bruder. Zwischen unserer Küche und dem danebenliegenden Schlafzimmer hatte unser Vater für uns Kinder in die obere Begrenzung des Türrahmens ganz dicke Eisenhaken eingeschraubt und dort platzierte er eine Schaukel zu unserem Vergnügen.

Und da erinnere ich mich, dass Helmut vom Vati Ohrfeigen angedroht bekam, weil er zu viel Schwung genommen hatte und die Gefahr einer Karambolage mit dem circa fünf Meter entfernten Küchenfenster – so breit war unsere Küche – bestand.

Da rannte ich durch die Küche und schrie den Vati an, dass er meinen Bruder nicht hauen darf, er hat doch nur mit mir gespielt. Da ließ der Vati sein Vorhaben fallen.

12 Das letzte leibhaftige Bild meines Vaters

Das letzte leibhaftige Bild meines Vaters hatte ich für viele Jahre gespeichert.

Es muss der letzte Tag im Krieg gewesen sein.

Mutti und wir drei Kinder saßen im Luftschutzkeller zusammen mit mehreren Bewohnern unserer fünf Häuser. Dieser Keller befand sich als Schacht unter den Bahngleisen. Der war lang und schmal. Er verlief schräg unter den Gleisen entlang, war nach halber Länge nochmals durch eine Eisentür in zwei Teile geteilt und an beiden Enden durch schwere Eisentüren verschließbar.

Wir betraten diesen „Bunker“ von der unseren Häusern zugewandten Seite. Das andere Ende führte zu einer Schutthalde und war immer verschlossen.

An den Längsseiten dieses Bunkers standen Holzbänke, auf denen wir Platz zum Sitzen fanden.

Da hockten wir alle. Ich saß neben dem Kinderwagen unseres kleinen Bruders und hielt immer einen Finger in seinem Mund, damit er den nicht schließen konnte. Denn ich hatte gehört, dass ihm dadurch beim Fallen einer Bombe durch den hohen Druck nicht die Adern in seinem Kopf platzen würden. Erklärbar war das für mich nicht, aber es sollte gut so sein.

Da wurde die Eingangstür geöffnet und unser Vati kam herein. Er musste an seiner Arbeitsstelle in der Grube bleiben, hatte dort für das Funktionieren der Tauchpumpen im Tiefbau zu sorgen. Und in dieser Grube befanden sich auch Frauen und Kinder von Arbeitskollegen unseres Vaters.

Unsere Mutter sollte eigentlich mit uns auch mit dort hinkommen. Aber sie hatte sich entschieden zu Hause zu bleiben.

Also war Vati ohne uns zu seiner Arbeitsstelle gefahren mit seinem Fahrrad. Und er kam nochmals zurück, um nach unserem Befinden zu schauen. Er stand beim Weggehen an der Bunkertür und drehte sich noch auf einen letzten Blick zu uns um.

Diese seine Gestalt dort in der Tür, und seinen letzten Blick zu uns – das hat mich immer wieder verfolgt! Und ich habe mir unzählige Male später – viel, viel später noch – den Vorwurf gemacht, dass ich ihn da nicht festgehalten habe. Das war einer meiner großen Wunschträume zu diesem Gesamtthema. Ich hatte einige Jahre danach so oft die blühende Fantasie, dass ich das geschafft hätte.

Pustekuchen!

Als wir drei Geschwister etwa sechzig Jahre später mit unseren Ehepartnern – nur mir war es dabei nicht vergönnt, wie sonst alles in meiner Ehe, mit meinem Mann zu teilen - er war nicht dabei – ein Treffen in Senftenberg feierten - da unterhielt ich mich mit Helmut über diese damalige Situation. Dabei erfuhr ich von ihm, dass er auch ein Leben lang ähnliche Selbstvorwürfe mit sich rumgetragen hat. Unser Vater war einmal mit ihm zu seiner Arbeitsstelle gefahren und hatte ihm sehr eindrücklich gesagt, wo er ihn dort erreichen könnte, wenn es denn mal nötig sei. Und deshalb hat Helmut sich ausgemalt und immer wieder eingeredet, dass er den Vater hätte retten können, wenn er nur hingefahren wäre.

Hätte – wäre – könnte.

13 Mein geliebter großer Bruder

Er wird nie mehr erfahren können, wie sehr ich an ihm hing. Es ist zu spät. Ich war immer sehr stolz auf ihn.

Wir konnten in unseren Kinderjahren wunderbar miteinander spielen. Wir dachten uns irgendetwas aus und amüsierten uns stundenlang damit. Und meist hatten wir dabei viel zu lachen. Und weil wir diese lustigen „Erfindungen“ an unterschiedlichen Wochentagen fabrizierten, gaben wir ihnen Namen.

Zum Beispiel: Sonntag „übern“ Wäschekorb.

Da saß Mutti in der Küche an der Nähmaschine und wir verkleideten uns mit den aus einem neben ihr stehenden Wäschekorb geangelten alten Kleidungsstücken und rannten damit immer um unseren Küchentisch herum. Solange, bis wir übereinander fielen und uns darüber natürlich kaputtlachen konnten.

Oder: Montag mit der Kaffeekanne.

Da saßen wir am Kaffeetisch und ich wollte mir Kaffee eingießen und goss nicht in meine Tasse, sondern in den Zuckernapf. Da fanden wir natürlich auch kein Ende beim Lachen!

Oder: Mittwoch mit der Fensterscheibe.

Da spielten draußen auf dem Hof alle Kinder und da unterstellten sie mir – natürlich war auch Bruder Helmut dabei – dass ich zu feige wäre, mit dem nackten Po eine von unseren kleinen Fensterscheiben in der Küche rauszudrücken. Ich ließ das natürlich nicht auf mir sitzen! Ich rannte vom Hof in die Küche, kletterte auf das breite Fensterbrett, zog den Schlüpfer runter und erfüllte meine mir auferlegte Aufgabe. Ich weiß es noch genau: Es war vom rechten Fensterflügel die linke Scheibe in der Mitte.

Unsere Mutter war in der Waschküche und hörte den Jubel da draußen. Sie kam unter das Fenster, sah, dass die Scheibe heilgeblieben war, hob sie auf und brachte sie in die Küche zurück. Wer die wieder eingesetzt hat und welchen Kommentar unsere Mutter dazu gab, weiß ich nicht mehr.

Oder: Sonnabend Muders Sackhaare.

Wir saßen mit unserer Mutter am Küchentisch. Es muss zum Frühstück gewesen sein, denn ich schnitt ein Brötchen auf. Als ich darin ein langes Haar fand, platzte ich los: „Nun guckt euch das an, hier hat doch der Muder seine Sackhaare mit eingebacken!" Muder war der Name unseres Bäckers.

Ich war echt empört, denn ich hatte an die Haare an den Mehlsäcken gedacht. Aber mein großer Bruder fand kein Halten mehr und prustete lauthals über den Tisch. Und die Mutter, die blieb stumm. Da erst wurde ich stutzig.

Und das Ereignis bekam seinen Namen!

Aber irgendwie hab ich gespeichert, dass unsere Mutter solche Pannen nie ernst nahm. Vielleicht erinnerte sie sich an ihre traurige Kindheit und war froh, wenn wir so fröhlich lachen konnten.

Weitere solche „LACH-WOCHENTAGE“ fallen mir nicht ein. Vielleicht gab es auch keine weiteren. Jedenfalls hatten wir, Helmut und ich, uns ausgedacht, dass wir in Zukunft nur noch die oben genannten NAMEN sagen würden und dann könnten wir schon loslachen. Aber wie es so geht, haben wir nicht lange an unsere Späße gedacht.

Ich wollte natürlich immer alles schon genauso gut können wie mein großer Bruder. Zu den Geburtstagen unserer Großeltern in Bückgen malten wir als Geschenk immer ein Bild. In einem Jahr malte Helmut ein wunderschönes Pferd.

Ich hatte nichts Besseres zu tun als ihm wieder einmal nachzuahmen und kupferte sein Bild ab. Wie das geschah – ob ich mir sein Bild unbeobachtet geschnappt und direkt abgezeichnet hatte, oder ob ich ihm nur beim Zeichnen über die Schulter geschaut hatte – weiß ich nicht.

Mir ist jedenfalls sehr deutlich in Erinnerung geblieben, dass mein Bruder ziemlich sauer auf mich war. So schlecht war meine Fälschung offensichtlich nicht.

Tatsache ist aber auch, dass ich mich bei dieser Arbeit so angestrengt haben muss, dass mir das Malen eines Pferdes bis in mein Erwachsenenalter ganz gut gelang.

Und als dann meine kleine Tochter in der Zeichenstunde ein Pferd malen wollte und ihr das wohl nicht so richtig gelang, da nahm ich ihr bei ihrer Hausarbeit die Arbeit ab. Und sie ging stolz damit in die nächste Zeichenstunde.

Pech war bloß, dass ihr Lehrer, Herr Eichler, ihr nicht dieses Pferd als ihr Produkt abnehmen wollte.

Später besuchte uns Herr Eichler einmal zu Hause. Der Grund dazu ist mir entfallen. Dabei zeigte ich ihm den Entwurf eines EXLIBRIS, das ich für meinen Mann entworfen hatte und zum Drucken geben wollte. Davon wollte der Begutachter unbedingt den Dirigentenstock im Äskulapstab entfernt haben. Der war in seinen Augen einfach zu viel darauf. Ich blieb aber bei meiner Meinung, dass dieses Utensil einfach zu meinem Mann gehörte und deshalb auch auf sein Exlibri und ließ es drauf.

14 Mein cleveres Bruderherz

Die Russen eroberten zumindest zu ihrer Information jede Wohnung. Da in unserem Haus in der ersten Wohnung eine Familie Marzyniak mit wahrscheinlich russischsprechender Mutter wohnte, fing diese Familie jeden Russenbesuch ab und alle zehn Familien blieben von unliebsamen Zwischenfällen verschont.

Unser Vater hatte natürlich nicht nur für seine Tochter Fahrrad, Puppenstube und Puppenwagen gebaut, auch mein großer Bruder war reichlich mit Vaters Basteleien versorgt worden.

So existierte in seinem Spielzeugschatz ein richtiger Panzer. Aus dem guckte oben aus einer Luke ein Soldat raus, der durch ein winziges Fernglas schaute. Die Uniform des Soldaten war eben die der Nazis. Und vorn trug dieses Biest von Panzer eine Hakenkreuzfahne.

Helmut lag auf dem Fußboden der Küche und spielte mit dem Panzer. Da ging die Küchentür auf und ein Russe stand wie aus dem Boden geschossen vor uns. Er sah den Helmut und den Panzer an, guckte noch einmal ganz genau hin, fing an zu grinsen, sprudelte noch ein paar für uns unverständliche Worte in die Küche und machte sich wieder davon.

Helmut hatte inzwischen die Hakenkreuzfahne gegen eine ziemlich große weiße Fahne mit einem dicken roten Sowjetstern ausgetauscht und der Soldat trug plötzlich eine kohlrabenschwarze Uniform. Danach sahen wir nie wieder einen Russen in unserer Wohnung.

15 Kasperköpfe Zuhause

In unserer Küche stand ja dieser Kohleofen. Der hatte an einer Seite einen Schieber, mit dem man durch Ziehen und Schieben den Weg des Kohlerauches zum Schornstein regulieren konnte.

Eines Tages fiel uns zu unserem Zeitvertreib ein, dass wir aus alten Zeitungen Kasperpuppenköpfe basteln wollten.

Wie zu allen Vorhaben platzierten wir uns wieder einmal an unseren Küchentisch. Zuerst haben wir Zeitungen zerfetzt in lauter kleinste Stückchen, die haben wir dann mit Wasser aufgeweicht und unter Zusatz von Mehl zu einer formbaren Pampe verknetet. Diese Pampe sah uns aber zu fad aus, also erfanden wir – weil wir keinerlei Farbe besaßen – eine Möglichkeit des Einfärbens mit eigenen Erzeugnissen unserer Küche. Und dazu musste der Ruß des Schornsteins herhalten.

Wir bedienten uns zu der Gewinnung desselben des Schiebers am Ofen. Der wurde kräftig gezogen und geschoben und bei jedem Zug staubte eine Rußwolke in die Küche, die uns überhaupt nicht interessierte. Wir waren ja nur auf die wenigen Krümel Ruß erpicht, die wir in einem Gefäß sammelten und danach dem eigentlichen angepeilten Verwendungszweck zuführten. Es entstanden ein paar herrliche Kasperköpfe. Natürlich gelangen die schönsten meinem großen Bruder.

Unsere Mutter allerdings war nicht begeistert, als sie die von uns verursachte Sauerei beseitigen musste. Aber ich erinnere mich an kein Donnerwetter von ihr. Vielleicht waren unsere entstandenen Kunstwerke so beeindruckend!

16 Ostern

Ostern ging es zum Ostereiersuchen in den Garten. Der Osterhase versteckte eben dort die bunten Eier. Zu Ostern 1946 – ich glaubte da offenbar noch an den Osterhasen – lag für jeden von uns Kindern nur ein einziges Ei im Garten versteckt. Ich suchte verzweifelt, ich fand nur drei Eier. Helmut suchte gar nicht mit, und der kleine Horst verstand das noch nicht. Maßlos enttäuscht erschien ich in der Küche. Das konnte mein großer Bruder wahrscheinlich nicht mitansehen. In einem von mir unbeobachteten Moment rannte er offenbar mit den drei bunten Eiern wieder in den Garten und kam nach geraumer Zeit zurück. Ganz nebenher gab er mir den Rat, noch einmal im Garten zu suchen, es könnte ja sein, dass … Nach diesem zweiten Dreier-Fund kam ich sicher strahlend zurück, legte die Beute in den Korb zu den vorherigen Eiern, die aber plötzlich verschwunden waren. Da klärte mich mein Bruder auf: Es gab eben nicht nur keinen Osterhasen, sondern auch nicht mehr als diese drei Eier in unserem Hause. Aber da lebten wir schon in der traurigen Zeit unserer Kindheit.

In unserer Heimat herrschte der Brauch, Ostern zu „Wallauern“. Die Väter der Familien zogen am Ostersonnabend mit einem Handwagen in die benachbarte Schonung, einem Birkenwäldchen mit hellem Sandboden, buddelten dort nach Sand und bauten zu Hause auf den Höfen jeweils eine Wallauer. Das wiederum war eine etwa anderthalb Meter lange schräge Sandbahn, die am oberen Ende circa dreißig Zentimeterbreit war, nach unten sich auf etwa siebzig Zentimeter verbreiterte und rundum mit einer Wulst aus demselben Sand begrenzt war. Und am Ostersonntag wurden diese Wallauern von allen Kindern unserer Höfe bevölkert eben zum Wallauern – also zum Eierkullern.

Wir Kinder kannten in der Osterzeit kein besseres Vergnügen. Es wurde nur gewallauert, von früh bis spät, bei jedem Wetter. Und wenn das bunte, hartgekochte Ei eines beteiligten Spielers getroffen war, dann musste der entweder eine Stecknadel, einen Knopf oder einen Pfennig hergeben. Je nachdem, was vorher vereinbart worden war. Es ist wohl ein Brauch der Sorben, der in der Niederlausitz Fuß gefasst hatte.

Alle unsere für uns sehr frohen Spiele – oder Zeitvertreibe – spielten sich eigenartigerweise in der Kriegszeit ab. Da war die Mutti zu Hause und der Vati verdiente das Geld für seine Familie. Er arbeitete täglich zwölf Stunden an sechs Tagen in der Woche. Der freie Samstag wurde erst viel später erfunden!

17 Helmuts Erfindungen

Einige Jahre später beschäftigte mein Bruder sich dann mit geistreicheren Ideen. Weil er mir immer hilfreich zur Seite stehen wollte. Nach dem Krieg gab es öfter mal Stromsperre. An einem solchen Tag – ich hatte sicher meine Zeit draußen turnend vertrödelt – saß ich abends an meinen Schularbeiten. Plötzlich, ohne Vorankündigung war alles stockfinster in unserer Küche. Ich wollte gerade eine Kerze suchen und mir selber helfen, aber mein großer Bruderhinderte mich daran. Brav, wie ich war, harrte ich der Dinge, die Helmut vorhatte. Er rannte zur Tür hinaus in den Stall und kam mit dem alten Fahrrad unseres Vaters zurück. Daraufhin kramte er in dem Kasten unseres Küchenschrankes, in dem das ganze Sammelsurium von Kleinigkeiten durcheinander lagen, die nun eben irgendwann immer mal benötigt werden in so einem Haushalt. Er beförderte ein Stück Wäscheleine daraus hervor. Langsam wurde es spannend für mich, denn eine Erklärung für sein Tun gab mein großer Bruder mir nicht ab. Er schnappte sich wieder das Fahrrad, hob das Vorderrad hoch und platzierte es unter die Eisenhaken, die bombenfest oben im Türrahmen der Tür zum Schlafzimmer eingeschraubt waren und uns früher als Halterung für unsere Schaukel gedient hatten. Er band das Rad daran hoch, so dass es den Fußboden nicht mehr berührte. Danach suchte er sich im Fensterschrankkasten, in dem sich immer noch die Utensilien für Vatis Bastelarbeiten befanden, einen für sein Vorhaben geeigneten Draht. Er verlängerte damit die Verbindung zwischen Dynamo und der Lampe des Fahrrades, die er dann über dem Küchentisch, an dem ich arbeiten wollte, befestigte. Und dann schwang er sich auf das zur Hälfte hängende Fahrrad und fing an zu strampeln. Es gab wirklich Licht für mich, aber ich musste so fürchterlich lachen, dass ich erstmal nicht zum Sinn des Geschehens kam.

Und noch so eine Erfindung ließ er sich einfallen, als ich mal von der Oma meiner Spielfreundin eine Lage Wolle ergattert hatte und diese zu einem Knäuel aufwickeln wollte. Da erfand er eine Wollwickelmaschine. Bis die fertig war und funktionierte, war allerdings viel mehr Zeit verstrichen, als ich zum üblichen Aufwickeln der einzigen Lage Wolle, die ich zu dieser armseligen Zeit jemals in die Hände bekam, benötigt hätte.

Aber diese Erfindung war so kompliziert, dass ich sie jetzt nicht mehr beschreiben könnte. Leider! Vielleicht wäre sie patentreif gewesen.

Und wieder viele Jahre später – wir waren längst zu Hause ausgezogen, waren verheiratet und zu einem Geburtstag unserer Mutter wie in jedem Jahr alle zusammen bei ihr zu Besuch – da kramte doch mein großer Bruder wiedermal in dem besagten Kasten im Küchenschrank und fragte mich plötzlich: „Sigrid, wo sind meine Hosenklammern?“

Und das war sein Ernst!

18 Mein kleiner Bruder Horst

Eigentlich waren wir – jedenfalls nach Auffassung in der jetzigen Zeit – eine komplette Familie: Vater, Mutter und zwei Kinder. Aber ich erinnere mich noch daran, dass ich mir immer noch ein Baby wünschte. Offenbar war das auch der Wunsch unserer Eltern. Denn es sollte so geschehen.

Dazu mussten damals allerdings andere Vorbereitungen getroffen werden, die sich junge Leute heute gar nicht mehr vorstellen könnten.

Oder weiß jemand, was „Steppchen“ sind? Die gehörten zum Windelsortiment, und man musste sie selbst anfertigen. Dazu kaufte man ein entsprechend großes Stück Moltonstoff – das wiederum war ein flauschiger, kochfester Baumwollstoff – zerschnitt ihn in circa dreißig mal vierzig Zentimeter große Rechtecke und die wurden dann umhäkelt mit buntem, auch kochfestem Häkelgarn.

Dazu war ich gefragt! Ich half fleißig bei dieser Handarbeit, ohne natürlich zu wissen, wozu diese Teile Verwendung finden sollten. Ich war knapp sieben Jahre alt. Ob ich nach dem Verwendungszweck fragte, weiß ich nicht. Aber ich weiß mit hundertprozentiger Sicherheit, dass unsere Mutter mir das nicht verraten hätte. Denn die kleinen Kinder brachte ja damals noch der Klapperstorch und es war eine gewisse Peinlichkeit verbunden mit der Beantwortung jeglicher Fragen, die dieses Thema berührten.

Warum ich zu dieser Behauptung komme? Als ich schon älter war, etwa in der vierten Klasse, da las ich mal in unserer Familienbibel und stieß auf den Satz: „Und Hanna ward schwanger und gebar einen Sohn!“

Mutter stand neben mir. Auf meine sofortige Frage „Mutti, was ist schwanger?“ bekam ich die Antwort: „Das verstehst du jetzt noch nicht, das erkläre ich dir später“ Ein Später gab es nicht! Ich hab mir sicher anderswo meine Antwort gesucht.

Aber noch viel, viel später – ich ging schon zur Oberschule – da erklärte mir meine Mutter, dass sich bei mir alle vier Wochen das Blut reinigt und ich deshalb diese Blutungen kriege. Da habe ich sie dann endlich aufgeklärt. Sie hatte das alles nie gewusst.

Unsere arme Mutter. Sie hatte drei Kinder geboren und wusste nichts vom Geschehen in ihrem Körper. Dabei war sie eine pfiffige Frau.

Es war einfach zu ihrer Zeit normal so.

Aber ich war ja bei den Steppchen. Die hatten wir nun also schön bunt umhäkelt. Der Klapperstorch konnte kommen. Als er dann meinen kleinen Bruder – aus dem Korb den er im Schnabel trug – im freien Fall und ganz geschickt am 1. Februar 1943 in die gute Stube in Anna-Mathilde 13 gekippt hatte – da konnten die Steppchen ihren Verwendungszweck täglich erfüllen. Jetzt war dann meine Hilfe wieder gefragt, beim Aufhängen der zuerst vollgekackten, dann mit Wasser von der Kacke freigespülten, dann auf unserem mit Braunkohle befeuerten Ofen in der Küche im großen Einwecktopf mit Waschpulver gekochten, dann auf dem Waschbrett in einer Holzwanne per Hand gewaschenen, mit Wasser klargespülten und kräftig ausgewrungenen S t e p p c h e n.

Und ich sortierte diese Dinger geordnet nach Farben der Häkelkanten und bugsierte sie so auf die Leine draußen in unserem Hof.

Und das brachte mir von den Weibern unseres Hauses ein tolles Lob ein! „Die Sigrid ist aber ein ordentliches Mädchen, die sortiert sogar die Windeln auf der Leine nach Farben.“

Komisch, sowas bleibt sogar im Kindergedächtnis hängen.

So bin ich also: Ich wollte meine Erinnerung an den Tag nach Horsts Geburt aufschreiben und landete erstmal bei seiner Kacke …

Unsere Eltern hatten sich für die bevorstehende Geburtsszenerie in unserer guten Stube, die bei uns den Namen „H i n t e n“ trug, eine Geschichte für Helmut und mich ausgedacht. Damit wir in der Nacht – nur durch eine dünne Wand und eine Holztür von „Hinten“ getrennt – keinen Verdacht schöpfen sollten.

Es wurde ein Bett nach „Hinten“ gestellt und die Eltern erklärten uns, unsere Nachbarn, also R o i l s, würden heute Besuch bekommen und der müsste bei uns dort „Hinten“ schlafen.

Ob mein großer Bruder ihnen das glaubte, entzieht sich meiner Kenntnis.

Ich jedenfalls war damit zufriedengestellt.

Ja, und am nächsten Morgen, es war noch finster draußen, da ertönte bei uns „Hinten“ Babygeschrei.

Und Mutti lag im Bett.

Und aus der Küche duftete es verlockend. Da stand Tante Bertel am Herd und röstete Mischbrotstullen auf der Herdplatte. Und die bekamen wir zum Frühstück, mit Butter und Zucker bestrichen, ehe wir zur Schule gingen. Und Muckefuck mit Milch dazu.

Sowas Köstliches hatte ich niemals vorher gegessen.

Vielleicht esse ich das deshalb heute noch so gern.

In der Schule bin ich sofort am Anfang der ersten Stunde zu unserer Klassenlehrerin, Fräulein Körnchen, vorgelaufen und habe ihr diese Neuigkeit mitgeteilt und sie gab es der Klasse bekannt.

Und ich war stolz!

Im Frühjahr 1945 wurden wir an einem sonnigen Morgen wach und stellten fest, dass unser Bruder Horst in seinem Gitterbettchen zwischen vielen Glassplittern lag. Zuerst ahnten wir nicht, woher diese Splitter dorthin geraten sein konnten. Horst war unverletzt – war das ein Glück!

Nachdem wir das Bett von den Splittern befreit hatten, suchten wir nach der Ursache dieser Ungeheuerlichkeit und fanden ein Loch in einer Fensterscheibe des Schlafzimmers. Aber wie kam das Loch in die Scheibe?

Es war in der Nacht ein Blindgänger von einem Bomber stammend in eine eiserne Eisenbahnschwelle – die Eisenbahnlinie lief keine fünfzig Meter von den Fenstern entfernt – geknallt und hatte dabei wahrscheinlich einen Stein durch unser Fenster geschossen und die Splitter landeten rund um unser schlafendes Brüderchen in seinem Bett.

Wie sagt ein geflügeltes Wort?

„Besoffene und kleine Kinder beschützt der Liebe Gott!“

Ab diesem Tag spätestens müsste ich ein Gläubiger Mensch geworden sein!

Eines Tages ging dann dieses kleine Brüderchen in den Kindergarten. Es nahte eine Weihnachtszeit und mit ihr die Weihnachtsfeier im Kindergarten. Dazu wurde der Horst ganz schick angezogen. Tante Bertel hatte für ihn ein süßes Hemdchen genäht. Es war hellblau mit ganz feinen braunen Karo-Streifen obendrauf und es hatte kleine braune Knöpfchen. Der seidige Stoff stammte aus der Zeit der Schwangerschaft unserer Mutter mit Horst. Sie hatte ihn auf Zuteilung bekommen und noch nicht verwendet.

Und Horst sollte ein Gedicht aufsagen.

Das ging so:

Es war vor Weihnacht so gegen sieben

Die Mutter war grade beim Kaufmann drüben.

Da rumpelt und pumpelts die Treppe herauf,

klopft an die Tür und macht sie auf!

Knecht Ruprecht war es, er kam herein.

Denkt euch, Kinder, ich war ganz allein!

Er sagte: „Kannst du Weihnachtslieder?“

Da rutschte ich schnell vom Stuhl hernieder

und sang das Lied von der Heiligen Nacht,

da hat er aber Augen gemacht!

Er schenkte mir Nüsse und Pfefferkuchen

Und sagte: „Ich komm dich nochmal besuchen!

Auf Wiedersehn! Grüß Vater und Mutter schön!“

Ich sagte fröhlich: „Auf Wiederseh'n“

Dieses „Vater und Mutter“ in der vorletzten Zeile habe ich damals eigenmächtig in „deine Mutti“ umgeändert.

Ich erinnere mich nicht, dass vonseiten des Kindergartenpersonals jemand etwas dagegen gesagt hat. Sie wussten ja, dass unser Vater uns gerade verlassen hatte.

Einmal wanderte ich mit Horst nach Bückgen, der war noch zu klein, diese Strecke von etwa drei Kilometern zu laufen. Deshalb beförderte ich ihn in meinem Puppenwagen. Unterwegs führte der Weg immer dicht an der Bahnlinie entlang, aber die Linie lag mindestens sechs bis acht Meter tiefer und es führte eine mit Büschen und Gras bewachsene, steile Böschung abwärts dorthin. Horst entdeckte plötzlich auf halber Tiefe der Böschung eine Blume und da begann er sofort sein Betteln: „Bümchen ham, bitte, bitte, Bümchen ham!"

Zuerst erklärte ich ihm, dass ich da nicht rankomme – erfolglos!

Darauf sagte ich ihm, dass ich ihm die Blume nur holen kann, wenn er in seinem Wagen sitzen bleibt. Das verstand er und versprach es auch. Aber denkste!