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herzberühr

Danke von Herzen für alles, Paps.

„Froh zu sein bedarf es wenig, und wer froh ist, ist ein König!“

Kanon, August Mühling

Sabine Jung

herzberührt

Öffne dein Herz, staune und feiere das Leben … dann kannst du auch den Tod umarmen

Inhaltsverzeichnis

Vorwort

Kapitel 1

Wie alles begann

Kapitel 2

Wir sind alle miteinander verbunden

Kapitel 3

„Abschied“

Kapitel 4

Ein Kontakt vertieft sich

Kapitel 5

Annehmen, was IST

Kapitel 6

Vertrauen und Zweifel

Kapitel 7

Wie siehst du jetzt aus, Paps?

Kapitel 8

Loslassen und Annehmen

Kapitel 9

Trauer im Wandel

Kapitel 10

Das Leben im Hier und Jetzt reflektieren

Kapitel 11

Es geht immer weiter

Kapitel 12

Die Existenz feiern – die lichte mit der irdischen Welt verbinden

Kapitel 13

Lern- und Entfaltungsprozesse gehören dazu

Kapitel 14

Energiebalance – Was erfüllt dich?

Kapitel 15

Stille-Raum als Wegweiser

Kapitel 16

Ja zu dir selbst

Kapitel 17

Herzberührt leben

Kapitel 18

Entfalte dein Potential als Mensch

Kapitel 19

Deine Seelenfamilie

Kapitel 20

Gemeinschaft im Wandel – öffne dein Herz

Kapitel 21

Universelle Helfer

Kapitel 22

Den Tod umarmen

Kapitel 23

Unser Leben danach …

Epilog

Dank

Literaturhinweise

Autorin

Hinweis:

Dieses Buch dient nicht als Ersatz für therapeutische Maßnahmen.

Begegne mir in deinem Herzen!

… raunt die Stille.

… flüstert die Seele.

… verkündet die Weisheit.

… tönt die Kraft.

… jubelt die Freiheit.

… summt die Leichtigkeit.

Und die Liebe? Die Liebe schweigt und weiß,

sobald ich mich selbst erkenne, werde ich ihr

überall begegnen, in allem was ist.

Sabine Jung

Vorwort

Wo habe ich meinen Platz in dieser Welt?

Diese Frage beschäftigte mich lange. Und dann starb mein Vater, wie aus heiterem Himmel. Und mit ihm verschwand auch die Dringlichkeit meiner Frage … dachte ich. Doch das Leben selbst hat mich eines Besseren belehrt.

Du hast vielleicht zu diesem Buch gegriffen, weil du einen Verlust erlitten hast, eine geliebte Seele verloren zu haben glaubst, dich selbst verloren hast, oder in irgendeiner Weise in Berührung mit dem Tod gekommen bist oder kommen wirst. Ich möchte dich, liebe Leserin, lieber Leser, nicht belehren, sondern dir meine Geschichte erzählen und biete dir damit eine Perspektive an, die über die derzeit verbreitete Weltanschauung hinausreicht. Meine Perspektive. Mit meiner Erzählung baue ich eine Brücke zwischen der diesseitigen und der jenseitigen Welt. Als eine Wandlerin zwischen den Welten gebe ich in diesem Buch meinem verstorbenen Vater eine Stimme. Sie rät uns unserem Herzen zu folgen – ganz bewusst, hier und jetzt! Seit seinem Tod bin ich in eine Art Zwiegespräch mit meinem verstorbenen Vater getreten. Die Botschaften, die ich von ihm erhielt, waren so tröstlich, so lebensbejahend und Mut machend, dass ich sie in diesem Buch aufgezeichnet habe. So, wie ich sie für mich verstanden habe. Denn sein erster Auftrag an mich lautete: Schreib es auf!

Vertrauen zu lernen ist ein zentrales Thema in meinem Leben. Vertrauen aufzubauen in die Fähigkeiten, die ich mit in diese Welt gebracht habe. Von klein auf bin ich hellfühlend, medial begabt. Ich nehme weit mehr wahr, als das, was wir mit unseren fünf Sinnen erfahren können. Im Verlauf meiner Erzählung wird sich – Nuance für Nuance meine Art und Weise das Leben zu betrachten, es tiefer wahrzunehmen, offenbaren. Du sollst wissen, dass ich dir mein Wissen bedingungslos anbiete und deine Lebenssichtweisen ebenfalls respektiere. Da wir uns so von Herz zu Herz begegnen werden, sind nicht nur die Botschaften meines Vaters im persönlichen „du“ geschrieben, auch ich wähle die vertrauliche Anrede an dich.

Selbst wenn die übermittelten Botschaften meines lieben Vaters dem ersten Gedanken nach an uns als Familie gerichtet waren, so verstand ich sehr bald, dass sich mein Vater an eine viel größere Zuhörerschaft wandte. Für mich enthalten die Texte eine essentielle Botschaft: „Hör auf dein Herz!“ – und ich spüre, dass es ihn glücklich macht, wenn ich seine Botschaften teile! Ich bin meinem Vater von Herzen dankbar und weiß eines ganz sicher: dass es ihn freut, auf diese Weise zu einem Botschafter des Lichtes zu werden. Für mich und meine Familie ist er dazu geworden.

Mit Hilfe der Einsichten, die ich durch den „Abschied“ von meinem geliebten Vater gewann, möchte ich heute alle Menschen daran erinnern, dass es sich lohnt ja! zu sagen, zum Leben und zu sich selbst. Das Buch führt über den Tod hinaus, mitten ins Leben hinein. Ich möchte einen Impuls setzen und die bewusste Erinnerung wecken, dass wir über unsere physische Form hinaus grenzenlos leuchtendes Bewusstsein sind. Denn in Wahrheit sind wir wunderschöne Wesen, – kreative Schöpfer! Ich möchte dich dazu einladen und ermutigen, dein Leben – auch und gerade in Momenten der Trauer, des Schmerzes und des Abschieds – liebevoll zu umarmen.

Die Lichtinformation, die sich mir in inneren Bildern, spontanem Wissen und Gefühlen zeigte, habe ich in Worte übersetzt, die wir in unserem Alltags- und Tagesbewusstsein verstehen können. Vielleicht fließen dir ergänzende Informationen zu, während du die Texte liest, als Erweiterung der Botschaft. Wenn dies geschieht, lasse es geschehen – ohne Wertung. Die Kapitel sind sozusagen lebendige Information und in der Lage, sich anzupassen, an dein Bewusstsein und dein Vermögen zu verstehen. Lasse dich beim Lesen gerne von deiner Neugier zu bestimmten Themen leiten: Folge dem ersten Impuls für ein Kapitel, oder lies das Buch einfach von vorne bis hinten durch. Die Texte sind gehaltvoll. Lasse dir bitte Zeit! So gibst du den enthaltenen Informationen Raum, sich in deinem Herzen zu entfalten. Dann können sie dich nachhaltig berühren.

Wir alle erleben und erfahren unsere Welt, und auch die sogenannte „Geistige Welt“, auf dem Frequenzbereich, auf den wir uns einschwingen, den wir empfangen können, je nach Offenheit unseres Bewusstseins und Herzens. Ich biete dir in diesem Buch meinen Frequenzbereich an. Da ich überwiegend aus der reinen Intuition wahrnehme und agiere, werden dir im Folgenden keine wissenschaftlichen Ansätze oder Thesen begegnen. Alles, was du als befremdlich und für dich unpassend empfindest, darfst du einfach so stehen lassen. Das bedeutet nicht automatisch, dass meine Darstellung unwahr ist. Sie entspricht einem Ausschnitt meiner derzeitigen Perspektive und befindet sich in fließender Entwicklung. Du kannst das Gelesene als Chance nutzen, um deine derzeitige Perspektive zu erweitern – sofern du magst.

Ich lade dich ein, Beobachter zu sein, von einem Abschied und einer Ankunft – in eine uns noch weitgehend unbekannte Daseinsform. Eine himmlische Dimension, die von grenzenloser Liebe und Vertrauen getragen wird! Folge und begegne mir, während ich mich in der bisher schwersten Situation meines Lebens vertrauensvoll dem Fluss und Wandel öffne und einen geliebten Menschen über den Tod hinaus auf seiner Reise ins Licht begleite und unterstütze. Erlebe, wie ich durch meine zunehmende Bereitschaft, mich dem Leben hinzugeben – zum Wohl aller –, berührende und tröstende Botschaften erhalte, ins Vertrauen und in die Lebensfreude zurückfinde. Bedingungslos.

Es ist an der Zeit den Umgang mit dem Sterben und Tod weiter zu durchlichten. Lasse dich von der Leichtigkeit und Wärme, die diese Erzählung anbietet, führen, um auch dein Herz möglicherweise für die großartige Wahrheit hinter dem Schmerz zu öffnen. Der Prozess des Abschiednehmens lud mich ein, alles so bewusst wie möglich wahr- und anzunehmen. Auch meinen Schmerz. Ich unterdrückte ihn nicht mehr, wenn er sich zeigte. Je mehr ich mich hinzugeben begann, in das Vertrauen, dass alles einen übergeordneten höheren Sinn hat, desto milder fiel auch der von mir empfundene Schmerz aus und mit der Zeit ging er ganz. Ja, ein solches Wunder der Heilung können wir alle erfahren.

Heilung passiert auf so vielen Ebenen … unsere Herzen können essentielle Heilimpulse empfangen, durch den Prozess des Abschiednehmens, der Akzeptanz. Unsere Gefühle können eine neue Balance erfahren, dadurch, dass wir aufgefordert sind, uns einer überraschenden Situation zu stellen und zu entdecken, wie es sich anfühlt, welchen Unterschied es macht, wenn wir uns von unserem weisen Herzen leiten lassen und offen – ohne Widerstand – durch die Situation hindurchgehen. Mit allen Höhen und Tiefen. Lassen wir uns ein, ist es möglich, dass wir uns durch dieses Annehmen stärker, befreiter und innerlich in Frieden mit uns und anderen fühlen. Sogar Meinungen und Vorstellungen, die wir im Laufe unseres Lebens angenommen haben, und die uns manchmal wie ein eingelaufener Pullover einengen, können sich sanft lösen und Platz machen für Vertrauen … All das kann geschehen, wenn wir die Kontrolle unseres Verstandes aufgeben und mit dem Leben mitgehen. Wenn wir uns auf den Lebensfluss einlassen, können wir mit der Zeit fühlen: Alles ist in Ordnung!

Bewege dich mit, schwinge mit – bejahend. Bist du ganz mit dem Herzen dabei und überwindest so deine Widerstände, kann sich ein fließender Lebenstanz entwickeln – selbst und gerade in Momenten des Loslassens, des Abschieds. Aus anfänglichen Stolperschritten, werden mit der Zeit harmonischere Bewegungsabläufe, die uns beleben und uns über uns selbst hinaus erheben. Wir dürfen uns dabei Zeit lassen. Nur Mut, wage es! – Auch ich bin mitten drin und erlebe es, immer wieder aufs Neue.

Ich wünsche dir von ganzem Herzen den Mut, dich dem Leben zu öffnen – nicht nur, aber auch in Situationen des Abschieds. Es mag für uns heute noch ungewohnt sein, uns dem Lebensfluss anzuvertrauen und den Abschied als einen Neubeginn mit offenem Herzen zu begrüßen. Doch es schafft neue Möglichkeiten, trotz des erlebten Verlustes liebevoll mit sich selbst umzugehen und damit auch den anderen in seinem Prozess frei zu lassen. Abschied darf sich leichter gestalten. Wir dürfen einen neuen Umgang mit dem Thema Tod wählen.

Von Herz zu Herz

Sabine

Kapitel 1

Wie alles begann

Können Wunder geschehen? – Oh, ja! … Ich fühle und habe es erlebt. Vielleicht geschehen sie nicht immer so, wie wir uns das vorstellen oder wünschen würden und doch sind sie da. Wir dürfen sie bewusst zulassen. Ein offensichtliches Wunder – und für jeden absolut als solches nachvollziehbar – wäre es gewesen, wenn mein Vater nach seinem Herzinfarkt vollständig genesen und quietschvergnügt sein Leben fortgesetzt hätte. Noch eindrucksvoller wäre es gewesen, wenn die Heilsitzungen, die mein Bruder Martin und ich für unseren Vater gaben, nachweislich dazu beigetragen hätten, ihn wieder ganz gesund zu machen. Oh, wie haben wir uns genau das gewünscht! Aber während der kurzen Zeit, die uns noch mit unserem Vater blieb, habe ich für mich nachdrücklich verstanden, dass es nicht immer darum geht, was wir wollen. Und auch Wunder können sich direkt vor unseren Augen präsentieren, ohne dass wir sie gleich bemerken. Für meinen Paps war die Zeit gekommen, ins Licht zu gehen und seine Erfahrungsreise auf der Erde zu beenden. So ist der Anfang dieses Buches vielleicht der traurigste Teil. Vielleicht aber auch nicht.

Durch den Tod unseres geliebten Vaters und Ehemanns brach urplötzlich unsere geordnete Welt als Familie zusammen. Und ich wurde massiv ins Hier und Jetzt geschleudert. Dieses Herausgerissen werden, aus allen festen Gewohnheiten, entpuppte sich im Laufe der Zeit als ein Geschenk. Was wir in solchen Momenten brauchen, ist: Vertrauen und nachsichtige Geduld mit uns selbst. Manchmal begreifen wir erst viel später, was für ein Geschenk wir durch eine Krise erhalten haben. Und es liegt ganz in unserer Hand, ob wir uns darauf einlassen können und was wir damit anfangen. Jede Krise, jede Herausforderung bietet uns die Möglichkeit mit dem Herzen hinzusehen, hinzuhören und hinzuspüren und dadurch den ursächlichen Schmerz zu wandeln in ein: Ja! zum Leben und zu uns selbst.

Den möglichen Schmerz möchte ich dabei nicht herunterspielen und wegschieben, durch den man in einem solchen Fall hindurchzugehen hat. Aber ich blicke weiter. Ich blicke tiefer und voller Verständnis und Liebe auf das, was mir das Leben durch das, was wir als Familie erlebten, gebracht hat – unerwartete Nähe, unendlich viel Liebe und eine wichtige Lektion: Wir sind niemals allein! Auch wenn es so erscheinen mag.

Es ist schwer einen geliebten Menschen zu verlieren. Es kann uns kaputt machen. Verbittert. Verschlossen. Depressiv. Der Verlust kann uns geschockt und erstarrt zurücklassen. Leer. Einsam. Traurig. Ohne Lebensmut. Und ohne Lebenssinn. Verwirrt. Doch wir haben immer eine Wahl! Wie wäre es, wenn sich ein Raum in uns öffnen würde, der uns zeigte, dass es der Seele gut geht? Dass die Seele erleichtert ist, alle irdischen Begrenzungen hinter sich gelassen zu haben? Einen ebensolchen Raum durfte ich betreten und erleben, wie sich die Seele in grenzenloser Freude dem neuen Leben und Sein zuwendet und glücklich ist. Ich durfte erfahren, dass die Seele weiter lernt, sich weiterentwickelt und umgeben ist von einer liebevollen Gemeinschaft.

Ist es dir möglich, das so anzunehmen? Es gibt unvorhersehbare Situationen im Leben, die uns im ersten Moment Angst einjagen können, weil sie uns aus allem bisher Gewesenen herausreißen. Auch ich habe vor dem Tod meines Vaters nicht im Geringsten gespürt, dass sich eine Wendung in unserem Leben anbahnt, die mich dazu auffordern würde, ins Vertrauen zu gehen …

Alles lief wie gewohnt. Ich freute mich auf einen für die kommende Woche angekündigten Besuch meiner Eltern. Seit mein Sohn und ich im Herbst 2014 nach Bielefeld umgezogen waren, sahen wir vier uns öfter und mir tat die räumliche Nähe zu meinen Eltern gut. Jetzt trennten uns nur noch 210 Kilometer statt der doppelten Distanz. Zuvor lebten wir in der Pfalz. Gemeinsam wollten wir Vincents Geburtstag feiern, einen Kuchen backen und ihm einen schönen Tag bereiten. Der Alltag mit meinem behinderten Sohn, um den ich mich seit seinem dritten Lebensjahr weitgehend alleine kümmere, ist herausfordernd. Meine Eltern unterstützten uns seit der Diagnose von Vincents Krankheit im Alter von sechs Monaten liebevoll und ausdauernd, wann immer es ihnen über die Entfernung hinweg möglich war. Auch finanziell. Das entlastete mich sehr. Vor allem emotional. Bis zu Vincents fünftem Lebensjahr war ich beruflich tätig, doch mit seiner zunehmenden gesundheitlichen Instabilität kam ich mit der Doppelbelastung, 24-Stunden-Pflege und Beruf, kaum noch klar. Ich fühlte mich zunehmend überfordert und ausgebrannt. Zusätzlich belastete mich das unangenehme Gefühl, meinen Eltern finanziell auf der Tasche zu liegen. Trotz des Wissens, dass sie uns von Herzen gerne aushalfen, wollte ich ihnen so gerne zeigen, dass ich selbst für uns sorgen konnte. Und gleichzeitig hatte ich unglaublich Angst davor zu versagen. Dieses Dilemma machte ich bei meiner ersten schamanischen Sitzung, – die ich in diesen Tagen geplant hatte – zum Thema. Ich wollte endlich Frieden schließen, mit meiner Situation als alleinerziehende Mutter und der finanziellen Abhängigkeit.

Das gleichtönig klackende Geräusch der schamanischen Rassel lullte mich in einen wohltuenden Zustand des Friedens ein, während die junge, sympathische Therapeutin mich energetisch scannte. Ich spürte, dass ich loslassen durfte. Ich musste mich jetzt nicht länger anstrengen und durfte aus meinem Gedankenkarussell aussteigen. Erstmals seit vielen Monaten der Anspannung spürte ich Stille in mir. Im Verlauf der Behandlung lösten sich zwischen mir und meinem lieben Vater energetische Verstrickungen.

Dazu sollte ich vielleicht erklärend anfügen, wie ich zum heutigen Zeitpunkt das Zusammenwirken als Seelen verstehe: Wir alle sind als Seele mit vielen anderen Seelen multidimensional verbunden. Zwischen uns existieren unzählige Verknüpfungen, auch alte Vereinbarungen, die sich im Laufe der Zeit einengend auswirken können. Als Seele reifen wir mit unseren Erfahrungen und entwickeln uns weiter. Seelenvereinbarungen sind uns im Alltag nicht automatisch bewusst. Die meisten Begegnungen ergeben sich nicht rein zufällig, sondern wir ziehen sie aufgrund unserer vergangenen Verabredungen in unser Leben. Nicht immer sind die Begegnungen nährend und wohltuend. Manche können sogar ziemlich anstrengend und kraftraubend sein. Wir müssen dies alles nicht automatisch über uns ergehen lassen. Wir können die Verantwortung für harmonische Beziehungen übernehmen. Ein wunderbares Instrument für eine solche Harmonisierung ist die energetische Trennung zwischen zwei Seelen. Dabei werden alle ungünstigen und überholten Verabredungen bewusst gelöst. Alle liebevollen, stärkenden Verknüpfungen dürfen bestehen bleiben. Die Seelen werden dadurch freier in ihrem Selbstausdruck, in ihrem Erleben. Positive Aspekte werden dadurch gleichzeitig akzentuiert. Anhaftungen und Abhängigkeiten dürfen sich sanft lösen.

Für mich war es nach der Sitzung als wäre mir eine Last von den Schultern genommen worden und ich konnte wieder befreit durchatmen. Anstelle der beklemmenden Gefühle traten Akzeptanz, Dankbarkeit und Zuversicht. Ich hatte zwar noch keine konkrete Lösung für unsere finanzielle Situation vor Augen, doch ich entschloss mich für dieses Thema ins Vertrauen zu gehen. Ich wollte über meine Zweifel und über das schlechte Gewissen meinen Eltern gegenüber hinauswachsen. Dies war mein Wunsch als Resümee für diesen Tag. Mein entspanntes Gefühl hielt weiter an. …

Nur wenige Tage später sollte mein neuer Zustand der Verbundenheit, mein Gefühl von Gelassenheit, dass für mich gesorgt ist, auf eine harte Probe gestellt werden. Mein Vater erlitt einen schweren Herzinfarkt.

Wie mochte es ihm ergangen sein? Just in dem Moment, in dem ich meine Gedanken zu diesem Tag hier aufzuschreiben versuchte, bot mir mein lieber Vater seine Sichtweise dazu an. Danke Paps! Seine persönlichen Worte gebe ich gerne weiter: „Meine liebe Tochter, ich bin froh, dass du dich auf dieses kleine spontane Experiment einlässt. Ich möchte euch berichten, wie es sich zugetragen hat, an diesem sonnigen Frühherbsttag im September. Da ich am Vortag im Garten schon gute Arbeit geleistet hatte, wollte ich den sonnigen Tag nicht ungenutzt lassen und meine Arbeit fortsetzen. Da wir eine Fahrt zu dir und Vincent geplant hatten, wusste ich, dass ich jede Chance auf gutes Wetter sofort ausnutzen musste. Also machte ich mich nach einem Frühstück und Aussicht auf einen leckeren Eintopf zu Mittag gut gelaunt in den Garten auf. Ich schlenderte erst einmal ausgiebig durch den Garten, wie ich es so oft getan und genossen habe. Ich begrüßte die Singvögel, die Blumen und Sträucher, die Bäume und erklärte ihnen, dass ich mich heute weiterer Aufräum- und Verschönerungsarbeit widmen wollte. So habe ich meine Arbeiten im Garten immer begonnen. Ich weiß um die Existenz der Naturwesen und Helfer und obwohl ich sie nicht mit meinen physischen Augen sehen konnte, so wusste ich doch immer, dass sie mich hörten und auch unterstützten. Am Vortag hatte ich eine große Tanne beschnitten und ich wollte meine Arbeit betrachten und ggf. noch Ausbesserungen vornehmen, weil ich wusste, dass meine liebe Jutta gar nicht gut mit meinen „Verunstaltungen“ der Bäume und Büsche zurechtkam. Ich spürte immer noch den Muskelkater vom Vortag und nahm mir vor, es heute nicht zu übertreiben. Ich krachselte erneut auf die Leiter und war gerade im Begriff ein paar kleinere Äste zu entfernen, als ein Sausen durch meinen Körper ging. Nanu, dachte ich noch, habe ich etwa das Frühstück nicht vertragen? Ich achtete nicht weiter auf das Sausen, und setzte meine Arbeit fort. Aber das Sausen wurde stärker, dazu verschwamm noch meine Sicht leicht. Ich spürte einen Druck auf meiner Schulter, so als wollte mich jemand auffordern, von der Arbeit abzulassen. Das Sausen und Schwirren in meinem Körper war so unangenehm, dass ich es nicht ignorieren konnte. Ich stieg also unter Aufbietung all meiner Konzentration und Kraft von der Leiter herunter und musste mich stützen. Mir war hundeelend. Etwas trieb mich mechanisch ins Haus. Ich konnte auch nicht rufen, ich war einzig und allein damit beschäftigt mich auf mein Ziel zu konzentrieren: in die Wohnung zu gelangen. Da ich mich mein Leben lang ausgiebig mit der Lichtwelt und dem göttlichen Quell-Bewusstsein beschäftigt hatte, wusste ich, dass wir uns in der Not immer auf die göttliche Führung in uns verlassen können. Während ich mich in die Wohnung schleppte habe ich mich inbrünstig an die Engel gewendet: „Helft mir! Bitte helft mir!“ – Mir war so elend, ich fühlte mich hilflos und konnte diesen Schwächezustand gar nicht einordnen. Mein Körper kollabierte auf allen Ebenen. Ich bat die Engel, bat Vater-Mutter-Schöpfer-Gott ununterbrochen um Beistand. Ich schaffte es irgendwie, mich auf mein Bett zu legen, am Ende meiner Kraft. Ich hatte erbrechen und mich entkleiden müssen. Es war entsetzlich. Ich versuchte es mit der tiefen Bauchatmung, um mich zu beruhigen. Aber in meinem Körper tobte ein Orkan. Schließlich fand mich meine Frau, die noch ein paar Einkäufe erledigt hatte. Meine elende Verfassung versetzte sie in Aufregung und wir beide unterschätzten meinen Zustand kolossal. Ich spürte, dass etwas gar nicht in Ordnung war, aber meine ausgeprägte Zurückhaltung Ärzten gegenüber hielt mich davon ab sofort den Notarzt zu rufen. Auf die Idee bin ich gar nicht gekommen. Letztendlich wurde der Notarzt doch gerufen und das versetzte mich in Aufregung. Ich schaffte es nicht mehr meine ruhige Atmung beizubehalten und hinzu kamen auch Schmerzen im Brustraum. Ich kämpfte mit mir und meiner Situation.

Und dann erlebte ich etwas unbeschreiblich Wunderbares!

Inmitten meines Kämpfens vernahm ich eine leise Melodie in meinem Inneren. Ganz zart, ganz unscheinbar und doch so unsagbar tröstlich. Diese Melodie packte mich mit einer Wucht, möchte ich mal sagen, und trug mich fort. Das war wohl etwa der Zeitpunkt, als die Rettungskräfte versuchten meine Körperfunktionen zu stabilisieren.

Ich löste mich von meinem körperlichen Erleben und es war als schwebte ich im Raum. Es ist schwer in Worte zu fassen. Plötzlich waren alle Emotionen, die mich noch kurz zuvor beherrscht hatten und drohten mir die Luft zu nehmen, weg. Es war still. Alles in mir war still und so friedlich. Ich habe eine ähnliche Art von Stille bereits in meinen unzähligen Meditationen erlebt. Aber nicht diese Stille. Es war eine erhabene Stille. Es war, als sei ich umgeben von einer mächtigen, tröstlichen Präsenz. Ich muss zugehen, ich war verblüfft und es fühlte sich gut an. Leicht und frei. Ich bemerkte ein Licht neben mir und nahm dann deutlich Umrisse eines sehr liebevollen Wesens wahr. Mein Schutzengel! Ich kannte ihn und die Freude ihn bei mir zu wissen, zu spüren und zu sehen war unbeschreiblich groß. Ich war so sehr erleichtert. Mein Schutzengel deutete auf die Szene unter uns und erklärte mir, dass der Notarzt und sein Team gerade dabei waren mich wiederzubeleben. Es war wirklich eine surreale Situation, den eigenen Körper zu sehen ohne die geringste Emotion zu empfinden. Ich empfand nichts. Kein Bedauern, keinen Schmerz. Ich fühlte mich einfach frei. Dann führte mich mein Schutzengel zu meiner lieben Frau, die völlig verstört und aufgelöst alleine in einem Raum saß und nicht wusste wie ihr geschah. Das löste allerdings sehr viel bei mir aus! Wieso war sie alleine? Wieso war keiner bei ihr und kümmerte sich um sie? Wieso sprach niemand ein tröstendes Wort zu ihr? Was war hier eigentlich los? Und ich spürte wie eine Kraft an mir zu ziehen begann. Es war als würden mich Energieschnüre zu meinem Körper ziehen. Wie ein Tau, das eingeholt wird. Das versetzte mich in Unruhe. Ich wollte meiner Frau sagen, dass es mir gut ging und sie sich keine Sorgen machen müsse und im krassen Gegensatz dazu sah ich ihr verstörtes, verletzliches Wesen und wollte bei ihr sein, sie trösten und ihr helfen. Aber ich wehrte mich auch dagegen in meinen Körper zurückzugehen. Ein neuer Kampf! Wieder kämpfte ich mit der Situation, mit der Realität. Ich wollte für meine liebe Frau das Beste, wollte aber auch meine Freiheit nicht wieder verlieren. Da kam mir mein Schutzengel zu Hilfe!

Die Szene löste sich vor mir auf und ich sah Farben und ich hörte Klänge. Ich spürte Vertrauen und Ruhe in mir. Ich fühlte mich umgeben von unbeschreiblicher Liebe. Ich nahm zuerst schemenhaft, dann immer deutlicher einzelne Personen wahr, die in einem gewissen Abstand um mich herumstanden und mich so gütig und liebevoll ansahen. Ich kannte diese Seelen! Ich hatte ein unbeschreibliches Sehnsuchtsgefühl in mir. Eine Seele löste sich und kam näher. Sie kam näher und umfing mich mit so viel mütterlicher Liebe, dass es mich sprachlos machte vor Glück. Mein liebes Mütterchen!!! Sie war hier bei mir. Sie lächelte. Und dann lächelten alle anderen und ich spürte so viel Freude und Verbundenheit. Ich war willkommen und wusste, sie sind für mich da. Ich bin nicht alleine und habe ihre volle Unterstützung. Sie entfernten sich und lösten sich im Licht auf. Ich spürte ihre Präsenz und ihren Beistand. Dann hörte ich wieder diese zarte, überaus reine, schöne Melodie. Sie packte mich und belebte mich. Mein Schutzegel erklärte, dass dies meine Seelenmelodie sei. Es war wunderschön. Jeder hat solch eine Melodie und wer sie hört, erfährt einen mächtigen Kraftzuwachs und erlebt seine wahre Identität. Ich durfte mich noch einen Moment ganz dieser Melodie hingeben und sie spüren. Etwas derartig Schönes hatte ich noch nicht erlebt.

Mein Schutzengel bedeutete mir, dass ich noch gebraucht würde und dass ich ein Versprechen einzulösen hätte, dass ich meiner irdischen Familie, euch, einmal gegeben hatte – vor unserer gemeinsam geplanten Inkarnation. Er sagte, ich würde euch die Angst vor dem Tod nehmen! Ich wollte eure Herzen öffnen, für die Wahrheit dahinter. Für die Großartigkeit der Schöpfung und unserer Existenz. Das ist mein Geschenk an euch, meine Lieben und ich bin überaus glücklich, dass ich dieses wichtige Versprechen nun einlösen durfte!

Also ging ich zurück in meinen Körper …“

Während ich also gemeinsam mit Vincent einen vergnügten Samstagvormittag auf einem Hoffest erlebte, schwungvolle Musik, Limo und leckeren Kuchen bei schönem Herbstwetter genoss, durchlebten meine Eltern gute 210 Kilometer entfernt ein Drama. Ich ahnte davon natürlich nichts als ich am Nachmittag beschwingt in unsere Wohnung zurückkehrte und fröhlich nach dem Telefon griff, da ich unseren Anrufbeantworter blinken sah. Ich rief die Nachrichten ab und mein Herz begann wie wild zu klopfen. Meine Mutter, sehr aufgelöst, bat mich um Rückruf. Mein Vater sei mit dem Notarzt in die nächstgelegene Klinik gebracht worden. Intensivstation. Herzinfarkt und Reanimation. Mit zitternden Fingern wählte ich die Nummer meiner Eltern und hatte meine zutiefst schockierte Mutter am Telefon. Noch während wir sprachen packte ich mit fliegenden Fingern ein paar Sachen für uns ein. Ich kannte solche abrupten Notfallsituationen mit meinem Sohn Vincent und wie automatisch sammelte ich alles Wichtige zusammen. Ich informierte rasch die Nachbarin und belud das Auto. Wir hatten rund drei Stunden Fahrt vor uns. Gott sei Dank war Vincent wie immer geduldig und gelassen. Vincent und ich kommunizieren, neben dem normalen verbalen Austausch, telepathisch miteinander. Das bedeutet, wir wissen auf einer Ebene sofort, was im jeweils anderen vorgeht. Ich empfand es als unglaublich tröstlich, Vincents ruhige Gegenwart zu spüren. Ein paar Freundinnen, die ich ebenfalls noch rasch zur Situation benachrichtigt hatte, erklärten sich sofort bereit, Heilenergien für meinen Vater zu schicken. Ich war ihnen zutiefst dankbar für diese Form der Unterstützung.

Energetisch zu wirken ist – theoretisch – für jeden zugänglich und unser ursprünglicher Seinszustand. Es fühlt sich natürlich für mich an. Ich denke kaum darüber nach und kann aus meiner Intuition heraus überall, wo ich mich gerade aufhalte, für mich und mein Umfeld wirken. Das Einzige, was ich stets beachte und respektiere, ist der freie Wille eines jeden Lebewesens – das bedeutet, ich wirke nicht ungefragt für eine Seele, ein Wesen, ein Gebiet. Ich kann jedoch immer um Schutz und göttliche Führung bitten. Das bedeutet für mich beten und die Energie der bedingungslosen Liebe strömen zu lassen und zur freien Nutzung anzubieten. Und so sandte ich meinem Paps bedingungslose Liebe. In Gedanken teilte ich ihm mit, dass Vincent und ich unterwegs seien und meine Geschwister am nächsten Tag eintreffen würden. Dann wären wir alle zusammen. Dieses Wissen tröstete mich.

Während der Fahrt konnte ich einigermaßen Ruhe bewahren. Ich fühlte mich gut behütet. Neben der Angst, die in mir immer wieder kurz aufflackerte, fühlte ich auch eine tiefe Geborgenheit und wusste ganz tief in mir drin, dass auch mein Vater beschützt wurde. Wie ich von meiner Mutter gehört hatte, war er ins künstliche Koma gelegt worden. Ich nutzte die ungestörten Momente im Auto und betete laut vor mich hin, rief seine Engel und Lichtfreunde, dass sie ihn begleiten, trösten und schützen mögen. Ich fühlte in mir, dass sich alles zu seinem höchsten Wohl entwickeln würde. Auch wenn ich noch nicht wusste, wie dieses „höchste Wohl“ konkret aussehen würde. Ich vertraute. Und dieses innere Wissen ließ mich ruhiger werden. In diesem Moment beschloss ich: Ich lasse mich ein, lasse mich vom Leben leiten. Und trotzdem: Nicht zu wissen, was kommt, kann Angst machen. Und auch meine Gedanken galoppierten zwischen den Möglichkeiten hin und her. Ich ermahnte mich, mich nicht in Angstszenarien zu verstricken. „Atmen und im Hier und Jetzt bleiben!“, sagte ich laut zu mir. Wie zur Bestätigung klatschte und juchzte Vincent von der Rückbank aus. Fröhlich lautierte er fast während der gesamten Fahrt und es wirkte auf mich als wolle er mir Mut zusprechen. Um mein Herz offenzuhalten und positiv gestimmt zu bleiben, drückte ich auch meine Dankbarkeit in einer Art Gebet an meinen lieben Vater aus:

„Paps, danke, dass du mir – gemeinsam mit Jutta – die Möglichkeit geschenkt hast, zu leben, um meine Erfahrungen hier auf der Erde sammeln zu können. Danke für deine Liebe. Für deinen Rückhalt. Danke, dass du mich, mein Wesen gesehen, anerkannt und gefördert hast. Danke, für deine Großzügigkeit. Danke, für alle lichtvollen Impulse, die ich durch dich habe empfangen dürfen. Danke, dass du mich gelehrt hast zufrieden zu sein, mit dem, was ich habe. Danke, dass du meinen Blick auf das Licht gelenkt hast, das jedem von uns innewohnt und uns alle verbindet. Danke, für dein Lachen. Danke, dass ihr in den Harz gezogen seid und wir Kinder umgeben von herrlicher Natur aufwachsen durften. Danke, für dein Verständnis, als ich die Uni geschmissen und mein Studium abgebrochen habe, ohne konkrete Pläne zu haben. Danke Paps, danke von Herzen, dass du mir geglaubt hast, als ich dir die ersten Botschaften von Vincent vorgelesen habe, deine Freude darüber hat mir gutgetan. Danke, dass du uns vorgelebt hast freundlich zu den Tieren zu sein – respektvoll und liebevoll. Und auch danke dafür, dass wir nicht alle Wünsche erfüllt bekommen haben – so habe ich gelernt zu unterscheiden, was wesentlich und wirklich wichtig ist. Und ich habe auch gelernt für mich selbst zu sorgen. Du hast vielleicht nicht immer alles „richtig“ gemacht, ich habe mich auch ungerecht behandelt gefühlt, verletzt, doch bin ich an diesen Herausforderungen im Laufe meines Lebens gewachsen und habe gelernt für mich einzustehen und mich selbst wahrhaftig zu lieben. Danke, für alle gemeinsamen schönen Zeiten. …“

Die Energien, die wir aussenden, zum Beispiel unsere Gedanken, reisen durch Zeit und Raum, kennen keine Hindernisse und ich wusste mit innerlicher Klarheit, dass die Seele meines Vaters meine Stimmung und meine Emotionen auffangen würde. Wir sollten die Macht der Gedanken und im Besonderen, die heilende Kraft der Dankbarkeit nicht unterschätzen. Dankbarkeit öffnet unsere Herzen! Und ich wollte mein Herz unbedingt offenhalten, trotz oder wegen meiner eigenen Beklommenheit und der Angst meiner Mutter, die mich gleich erwarten würde. Ich wollte stark sein und klar agieren können, ohne mich von Gedanken oder Gefühlen fortreißen zu lassen. „Das schaffe ich!“ – Vielleicht benutzte ich die positiven Sätze auch instinktiv wie ein Mantra? …

Drei Stunden Autofahrt können sich ziehen wie Kaugummi, wenn man unbedingt ankommen will, doch ich hatte das Gefühl diese Zeit mit meinen Gebeten sinnvoll auszufüllen. Und ich fühlte mich erleichtert, dass ich mir alles von der Seele reden konnte. Vincent blieb gelassen und geduldig, obwohl ich ganz in Gedanken versunken war und ihn kaum ansprach. Mit einem Mal fiel mir wieder ein, dass ich vor wenigen Tagen die Beziehungsebene zu Paps, unsere Vater-Tochter-Beziehung – physisch gesehen – und unsere Seelenbeziehung, gereinigt hatte. Ich erkannte in diesem Moment, dass ich ihm und mir damit wahrscheinlich ein Geschenk bereitet hatte. Denn es bedeutete, dass mein Vater mir gegenüber von all seinen Verpflichtungen entbunden war, die wir einmal getroffen hatten. Er war frei, als Seele sozusagen. Ich hatte ihm die Erlaubnis gegeben frei zu sein. Er hatte die wirklich freie Wahl. Ein paar Tränen kullerten mir aus den Augenwinkeln. – „Paps, ich möchte so gerne, dass du bleibst und dass es dir gut geht! Doch du hast die freie Wahl.“ – Mich durchrieselte Ruhe und Frieden.

Durch mein Leben hindurch war mir mein lieber Vater immer eine Stütze gewesen – für mich und Vincent. Wie ein ruhiger Fels in tosender See. Ich habe mich oft an seinem Trost festgehalten. Habe bei ihm Bestätigung und Ermutigung gefunden. Zu ihm konnte ich gehen, wenn ich wegen Vincent unruhig und aufgewühlt war. Und oft fungierte er als behutsamer Wegweiser, bis ich wieder meine eigene Spur gefunden hatte. Mein Vater war wichtig für mich. Und für Vincent. Auch Vincent hatte zu seinem „Opa Harz“ – so nannten wir ihn liebevoll – eine besondere Verbindung. Die beiden hatten einen Draht zueinander, sehr zärtlich. Ohne zu zweifeln hatte Paps mir zugehört, als ich die ersten Botschaften von Vincent mit ihm teilte. Ich konnte mir sicher sein, dass mein Vater verstehen würde, der mit Tränen der Rührung in den Augen auf das lauschte, was ich ihm von seinem Enkelsohn übermittelte. Er war so wichtig für mich. Mein Vater als Anker, immer da, mit seiner Ruhe. Gepaart mit seinem feinen Sinn für göttliche Heiterkeit und seinem großen Vertrauen in eine göttliche Kraft. Ich wollte das nicht aufgeben müssen. Wollte meinen lieben Vater nicht verlieren, seinen Rückhalt, sein Verständnis für mich.

In der jetzigen Situation wollte ich ihm unbedingt beistehen, ihm etwas von dem zurückgeben, was mich durch ihn all die Jahre begleitet und gestärkt hatte. Im Nachhinein erkenne ich, dass ich wachsen und die feinen Qualitäten, die ich durch ihn vorgelebt bekommen hatte, in mir weiter integrieren und auf meine Weise nun bewusst in meinem Handeln auszudrücken lernen durfte. Wir waren dabei, uns aus der von uns gewählten „Vater-Tochter-Verbindung“ zu lösen. Wir waren auf dem Weg einfach nur noch zwei Seelen zu sein, die einander auf eine reife, liebevolle Weise begleiteten. Dank der einfühlsamen schamanischen Heilbehandlung durfte es für uns nun so sein. – „Paps, ich bin da!“

Kapitel 2

Wir sind alle miteinander verbunden

Damit für dich, liebe Leserin, lieber Leser, auch unser Bemühen als Familie mit der dramatischen Situation zurechtzukommen nachvollziehbar wird, möchte ich die Tage nach dem schweren Herzinfarkt meines Vaters im Tagebuchstil zusammenfassen. Alle Familienmitglieder standen an unterschiedlichen Punkten ihrer Entwicklung und gingen mit individuellen Lern-Themen in Tuchfühlung … In den darauffolgenden Kapiteln werde ich meinen Weg aus der Angst ins Vertrauen weiter entfalten.

SONNTAG, 13.09.15: Wir sind alle zusammen: Meine Mutter (Jutta), mein Bruder Martin, meine Schwester Bettina (Tina), Vincent, ich und mein Vater. Der Zustand meines Vaters ist kritisch. Er hatte lange wiederbelebt werden müssen und liegt nun im künstlichen Koma. Ob er Schäden zurückbehalten wird, kann uns nicht gesagt werden. Zunächst muss er sich stabilisieren, aus dem Koma erwachen und erst dann können weitere Untersuchungen zur Abklärung seines Gesundheitszustandes erfolgen. Uns wird empfohlen Ruhe zu bewahren. Wir sind sprachlos. Für mich ist die Situation – obwohl ich mir vorgenommen habe, bewusst im Vertrauen zu bleiben – schwer auszuhalten. Es quält mich, ihn derart hilflos im mit Geräten vollgestopften Krankenhauszimmer auf der Intensivstation zu sehen. Gerade Paps, der doch zu Lebzeiten, nur wenn es gar nicht anders mehr ging, zum Arzt marschierte. Ein Freigeist durch und durch. Und nun liegt er da, sieht so verletzlich aus und hat diesen dicken fetten Schlauch im Rachen, der ihn beatmet. Über Schläuche wird er mit wichtigen Medikamenten und später dann auch mit kalorischer Nahrung versorgt. Mein Vater teilt sich mit einem weiteren Patienten das Zimmer und wir dürfen nur kurz zu ihm. Ich fühle mich wie ein Eindringling, gehetzt, wenig willkommen. Dabei will ich doch einfach nur bei ihm sein, ganz still. Wir gehen immer zu zweit zu ihm ans Bett, um nicht zu viel Trubel auszulösen. Der andere Patient ist auf dem Weg der Besserung, sitzt im Bett und nebenbei läuft mit lautem Ton der Fernseher, der an der sonst kahlen Wand gegenüber der Betten angebracht ist. Es gibt keine Privatsphäre. Völlig unpassend für ein Intensivpflegezimmer wie ich finde. Ich bin empört. Wieso wird auf seinen Zustand nicht mehr Rücksicht genommen? So viele unterschiedliche Stimmungen strömen auf mich ein, dass es mir schwerfällt, ganz in mir zu ruhen. Ich bewege mich in etwa so, wie ein Pferd mit Scheuklappen – ich blende die vielen Reize, die mich umgeben, aus und fokussiere mich auf meinen Vater. Ihm nah zu sein, ist gerade das Wichtigste für mich. Trotz allem, sobald ich an seinem Bett stehe, bin ich überwältigt von Zuneigung und Liebe. Jetzt zählt ausschließlich, dass ich hier an seiner Seite bin. Ich streichele Paps weiche Haare und flüstere ihm tröstende Worte ins Ohr. Stumm bitte ich die Engel bei ihm zu sein und ihn zu unterstützen, so wie er es nun braucht. Mein Bruder Martin und ich stehen eine Weile still an dem Bett unseres Vaters, halten auf beiden Seiten seine Hand und wir sind uns sicher, dass er uns wahrnimmt und auch hören kann. Wir bemerken freudig, dass sich Lachfältchen an seinen Augenwinkeln gebildet haben. Er sieht friedlich aus und wir spüren es beide: Unser lieber Vater ist ruhig und geborgen. Das lässt uns im Moment innerlich aufatmen und hoffnungsfroh sein. Nach kurzer Absprache erlaubt die Stationsärztin meiner Schwester Bettina über Nacht an dem Bett unseres Vaters zu sitzen. Am frühen Abend packen wir ein paar persönliche Dinge ein, die ihn stärken sollen. Einen Engel aus Holz, ein HeilBild, das ich ihm ein, zwei Jahre zuvor gemalt hatte, sein Kräuterkissen, dass wir ihm nahe ans Gesicht legen können und hoffen, dass es in ihm etwas Vertrautes weckt und Ruhe schenkt. Es tröstet mich zu wissen, dass er die Nacht nicht alleine sein wird, auch wenn ich mir vorstelle, dass er sich gerade regeneriert und „weit weg“ ist. Den Einsatz unserer Schwester finde ich dennoch toll, denn sie hat sich vorgenommen, die nächsten paar Nächte an der Seite unseres Vaters zu sein, auf ihn zu achten und ihm Mut zuzusprechen. Er soll spüren, dass wir ihm nah sind und ihn unterstützen möchten. Freunde von uns schicken weiter Heilenergien für Paps.

MONTAG, 14.09.15: Plötzlich bin ich hellwach. Mein lieber Vater kontaktiert mich telepathisch, mitten in der Nacht, so gegen 1.30 Uhr in der Frühe. Er bittet um Hilfe. Er will leben, bei uns sein. Er weiß aber nicht, ob er es alleine schaffen kann. Ich spüre seinen Willen. Paps bittet mich, mir und meiner Wahrnehmung zu vertrauen. Ich solle mir zutrauen, ihn unterstützen zu können. DAS musste ich von ihm hören. Mein Vater kennt mich und weiß, dass ich zurückhaltend bin im Einsatz meiner Gabe.

Ich weiß und habe unzählige Male erfahren, dass Heilung nicht immer so zum Ausdruck kommt, wie wir uns das denken oder wünschen. Heilung kann uns auf vielen Ebenen erreichen und tiefschichtige Ausdrucksformen annehmen, manchmal offenbart sie sich auch nicht gleich vollständig und fließt uns in Etappen zu. Manchmal behält eine Seele auch den Ausdruck einer Krankheit, weil damit wichtige Lernerfahrungen verbunden sind. Und es kommt ebenso vor, dass ein Mensch, trotz unterstützender Heilenergien, stirbt, wenn die Zeit gekommen ist.

Ich bin in meinem Ausdruck als Medium und Heilerin sehr demütig geworden. Da ich nicht automatisch davon ausgehen kann, dass all meine Mitmenschen so weitsichtig, in Bezug auf heilenergetisches Arbeiten, denken, scheue ich die Erwartungen an mich und meine Fähigkeiten. Auch ich habe meine Grenzen. Ich habe gelernt, meinen inneren Impulsen und dem Ausdruck der Heilenergien zu vertrauen, genau so, wie sie sich zeigen und durch mich hindurchströmen. – Heilimpulse offenbaren sich stets zu unserem allumfassenden höchsten Wohl. – Doch meine Mitmenschen würden eine ausbleibende Genesung möglicherweise als Misserfolg meinerseits werten. Damit musste ich mich bereits auseinandersetzen.

Mein lieber Vater erwartet nichts. Er braucht meine Hilfe. Weil er mich darum bittet, schicke ich ihm sofort Heilenergien und harmonisiere ihn mit der Situation. Eine akute und außergewöhnliche Stresssituation mobilisiert rasches Seelenwachstum, und ich helfe ihm durch die Harmonisierung, das annehmen zu können, was sich zeigt und Klarheit zu gewinnen. Ich bekomme immer automatisch alle passenden Impulse dafür, welche Hilfen meinerseits angebracht und erlaubt sind. Ich muss noch einmal bewusst den Gedanken, die Angst, von mir abschütteln, dass die Genesung meines Vaters nun „in meiner Hand läge“. Ich kann lediglich einen Beitrag leisten und mich als Kanal zur Verfügung stellen. Absichtslos. So respektiere und berücksichtige ich seinen freien Willen, als Seele.

In meiner Arbeit als Medium hat es oberste Priorität immer die Erlaubnis einer Person einzuholen, bevor ich unterstützende Energien kanalisiere. Von mir aus würde ich in keinem Fall ungefragt Heilarbeit leisten, selbst bei meinem Vater nicht. Jetzt habe ich seine Erlaubnis und kann ihn unterstützen, zu seinem höchsten und besten Wohl. Zu „seinem höchsten und besten Wohl“ bedeutet für mich als Medium, dass ich nicht meine Wünsche zum Ausgang der Krise meines Vaters voranstelle, sondern ihm als Seele überlasse, was für ihn stimmig ist. Das beinhaltet die Möglichkeit von totaler Heilung, eingeschränkter Genesung mit weiteren Lernlektionen für ihn und uns als Familie und auch, dass er stirbt und ins Licht geht. Damit entfallen all meine Bewertungen von „richtig“ oder „falsch“, denn ich bin nicht allwissend und ich kenne auch nicht die Lektionen seiner Seele. Sprich: Ich habe nicht den Überblick und kann auch nicht für meinen Vater und uns als Familie entscheiden, was gut für ihn – uns – ist. Das ist mir auf einer Ebene sofort klar und ich bin damit einverstanden.

Dazu möchte ich folgendes erklären: Noch ist der Wunsch meines Vaters eindeutig. Er will leben. Ich weiß aus Erfahrung, dass sich dies ändern kann. Mein Vater hat gerade eine schwere Zeit, sammelt Erfahrungen, bewältigt gerade wichtige Lektionen. Auch er weiß um seinen freien Willen und es wäre denkbar, dass er keine weiteren Lektionen über Krankheit, Drama, Abhängigkeit zu erfahren braucht, oder wünscht. Es gäbe noch die Möglichkeit, dass sich mein lieber Vater erholt und sein Leben fortsetzt – eine Option, von der wir als Familie im gegenwärtigen Augenblick hoffen, dass sie Realität wird. Wir müssen Geduld haben. Abwarten.

Nach dem Frühstück setzen Martin und ich uns zusammen in Paps Zimmer, um ihm Heilenergien zu schicken. Dort fühlen wir uns ihm nah, denn unser Vater hat täglich mindestens einmal meditiert. Wir zünden Kerzen an und begeben uns in geistige Stille. Wir bitten alle Erzengel und aufgestiegenen Meister, mit denen sich unser Vater und mit denen wir uns verbunden fühlen, um Hilfe. Mögen sie ihn und uns mit ihren lichtvollen Energien auf höchste Weise begleiten und unterstützen. Wir beide sind gerührt von der Intensität und Kraft, die wir spüren, und beenden nach eineinhalb Stunden ganz erfüllt und dankbar diese Heilbehandlung.

Als wir unseren lieben Vater und Ehemann später in der Klinik besuchen, macht er einen friedlichen Eindruck. Seine ruhige Ausstrahlung geht auf uns alle über. Ich spüre, dass wenigstens ein kleiner Teil unserer immensen Anspannung für den Moment weichen darf. Mein Eindruck ist, dass er weit weg ist, an einem geschützten Ort, sich regeneriert und Kraft sammelt. Tina bleibt eine weitere Nacht an der Seite unseres Vaters und liest ihm kleine Passagen aus einem Engelbuch vor. Auch seine Lieblingsmusik lässt sie leise im Hintergrund abspielen. Das schafft eine angenehme, tröstliche Atmosphäre im sonst nüchternen Krankenhauszimmer.

DIENSTAG, 15.09.15: Auch heute setzen mein Bruder und ich uns wieder für unseren Vater hin, gehen in die Stille und bitten die Engel und aufgestiegenen Meister um Unterstützung. Wir lassen uns leiten und tauschen uns über unsere Eindrücke, Impulse und inneren Bilder aus, während wir die Lichtenergien gemeinsam zu unserem lieben Vater fließen lassen. Wir nehmen beide wahr, wie froh und dankbar er für diese Hilfe ist. Und auch heute erreicht mich Paps dringliche Mitteilung: Ich will leben! Ich habe das Gefühl, ihn durch unseren gemeinsamen Einsatz sinnvoll unterstützen zu können. Für mich ist es schwer auszuhalten, einfach nur abzuwarten. Es ist ungewohnt.

DONNERSTAG, 17.09.15: Der Blutdruck meines Vaters hat sich stabilisiert und er atmet, seit 9.00 Uhr heute früh, selbständig. Der Beatmungsschlauch unterstützt ihn weiterhin. Wir sind im ersten Augenblick sehr erleichtert. Doch es gibt keine Entwarnung für seinen kritischen Zustand, der sich laut Auskunft der Ärzte ganz schnell weiter verschlechtern kann. Sie verdeutlichen uns, dass die Reanimation nach dem schwerem Herzinfarkt kompliziert war, da mein Vater schon eine Zeit lang ohne ärztliche Maßnahmen gelegen hatte, bevor der Notarzt eintraf. Die Ärzte sehen dies sehr kritisch, da sie davon ausgehen, dass sein Gehirn, durch den vorübergehenden Sauerstoffmangel, einen Schaden erlitten hat. Anhand erster Untersuchungen konnte festgestellt werden, dass er schon zuvor einen leichteren Herzinfarkt gehabt haben muss. Eine seiner Hauptarterien war komplett verkalkt, eine weitere Arterie zu 3/4 verschlossen. Sie wurden operativ geöffnet und unser Vater bekam einen Stand gesetzt. Seine Gliedmaßen sind extrem geschwollen und er befindet sich weiterhin im künstlichen Koma.

Ich spüre: Wir alle versuchen positiv zu bleiben, für unseren Vater und Ehemann. Ich kann die Spannung fühlen. Was noch unsichtbar im Raum schwebt, ist der unausgesprochene Kodex: Wir dürfen nicht die Hoffnung verlieren, trotz der widrigen Bedingungen! Paps lebt und das ist alles, was im Moment zählt. Wir reden uns bemüht gut zu und doch hängen Zweifel wie eine bedrohlich schwarze Gewitterwolke über uns. Die erschütternden Fakten belasten uns. Wir können das Ausmaß noch nicht erkennen. Deutlich erleben wir die Zurückhaltung der Ärzte und ihre unausgesprochenen Worte hängen träge und lähmend in der Luft. Ungewissheit, unbeantwortete Fragen und Ängste quälen uns. Wenn wir einen Arzt zu sprechen wünschen, müssen wir oft lange Wartezeit auf uns nehmen, werden „vergessen“. Wenn eines von den vielen Geräten und Apparaturen Alarm gibt, dauert es immer eine Weile, bis jemand in das Zimmer meines Vaters geschlendert kommt. Da wir nicht wissen, was die einzelnen Signaltöne bedeuten und die Dringlichkeit nicht einschätzen können, sind wir jedes Mal auf das Höchste besorgt und in Unruhe. Wir dürfen ihn zwar täglich besuchen, spüren jedoch auch Unwillen und bekommen vom Pflegepersonal hin und wieder eine unwirsche Bemerkung zu hören, fühlen uns wie Eindringlinge. Wir versuchen uns so diskret und dezent wie möglich zu verhalten, nehmen Rücksicht auf andere Patienten im selben Zimmer, die ständig wechseln –, ohne zu erleben, dass auf seinen kritischen Zustand Rücksicht genommen wird. Ohne Hemmungen wird lebhaft erzählt, diskutiert und der Fernseher läuft in einer unangenehmen Lautstärke.

Erneut steigt Empörung in mir auf! Das strengt mich an. Die Atmosphäre auf der kleinen Intensivstation erfahre ich als zunehmend bedrückend, beklemmend und kraftraubend. Was mir an diesem Ort fehlt ist: Empathie, Wärme, Offenheit und Herz. Das sind meinem Gefühl nach Attribute, die unbedingt auf eine Station gehören, wenn Genesung und Heilung das Ziel sind. Auch der kleine Wartebereich für Angehörige bietet keine Rückzugsmöglichkeiten, die Wände sind kahl und bieten keinerlei positive Anker. Mir ist all das zu nüchtern. Sobald ich die Station betrete, fühlt es sich für mich wie ein Luftanhalten an, bis unsere Besuchszeit abgelaufen ist und wir uns auf den Nachhauseweg machen. Daher haben wir zum Ausgleich – soweit es uns erlaubt war – für den Bereich meines Vaters ein paar persönliche Dinge mitgebracht. Ich schätze, damit haben wir uns selbst ein paar aufhellende Anker gesetzt, um so gut es geht, liebevoll ausgerichtet bleiben zu können. – Ich kann für mich sagen: Es hat funktioniert!

Der einzig wirkliche Lichtblick ist eine freundliche Stationsärztin, und wann immer sie im Dienst ist, nimmt sie sich Zeit und bespricht alle wichtigen Veränderungen mit uns. Sie ist sehr einfühlsam. Sie befürwortet unser Kommen und betont, wie wichtig dies für unseren Vater und Ehemann sei und wie sehr sie unseren Einsatz bewundere.

Die Tatsache, dass wir alle hier immer wieder zusammentreffen können, gibt uns Halt. Doch so ganz einfach ist unser Zusammensein dann auch nicht. Wir drei Kinder sind erwachsen und leben mit unseren Familien viele Kilometer entfernt von unserem Elternhaus. Alle unter einem Dach, das ist lange her! Und meine beiden Geschwister haben die Doppelbelastung, dass sie ihren Alltag, der sich viele hundert Kilometer entfernt abspielt, genau organisieren müssen. Ich habe es da leichter, ich habe Vincent bei mir. Obwohl dies auch nicht ganz einfach ist, denn ich kann nicht so frei agieren, wie alle anderen. Vincent befindet sich immer in meinem Fokus und steht sehr oft an erster Stelle – doch dieses Ungleichgewicht wird mir erst zu einem späteren Zeitpunkt richtig bewusst.

Wir müssen schon sehr achtsam miteinander sein, um, jeder für sich, bestmöglich Ruhe bewahren zu können. Und noch etwas sehr Wichtiges dürfen wir in dieser Situation lernen: eigene Bedürfnisse wahrzunehmen, sie zu artikulieren und uns entsprechend unsere Freiräume zu nehmen. … Das ist eine gewaltige Herausforderung!

Eine kaum lösbare Verwicklung findet in mir statt. Ich habe zwar das Bedürfnis mich konstruktiv einzumischen, gleichzeitig will ich aber niemandem auf die Füße treten. Also konzentriere ich mich darauf Vincent zu beschäftigen und versuche weiter Paps energetisch zu begleiten, wenn möglich zu stabilisieren. Das ist für mich eine vertraute Betätigung und tut mir gut. Allerdings jongliere ich auf diese Weise ganz schön wild mit meinen Kräften. Die Klinikbesuche und die vielen auf mich einströmenden Informationen und Reize setzen mir heftig zu. Alle Familienmitglieder scheinen in dieser Situation etwas anderes zu brauchen. Meine Lektion: Ich darf mir meine Freiräume erlauben und es ist äußerst wichtig, dass ich die Signale meines Körpers beachte und meine Kraft einteile. Zeiten für die eigene Regeneration sind WICHTIG. Ich bin wichtig. So lenke ich meinen Fokus immer wieder auf meine innere Anbindung zurück, um mich zu sortieren und Prioritäten zu erspüren. Was hat Vorrang?

In der Natur finde ich am leichtesten in die Ruhe und baue, wann immer es möglich ist, kurze Spaziergänge für mich alleine ein. Ich brauche die Stille, und die Natur hat einen wohltuenden und zentrierenden Einfluss auf mich. Wir alle fahren täglich zu meinem Vater in die Klinik, häufig zweimal – am Vormittag und am Nachmittag –, und teilen uns für unsere Besuche auf, damit es für ihn nicht zu anstrengend wird. Immer wird unsere Mutter von einem von uns begleitet – wir wollen ihr dadurch Sicherheit vermitteln – ohne sie in ihrem Ausdruck einzuschränken. Ein Balanceakt. Wir müssen uns aufeinander verlassen können, Bedürfnisse einschätzen, lernen, eigene zu äußern und auch zu respektieren. Und besonders ich spüre, ich darf lernen, gut für mich selbst zu sorgen, um in meiner Kraft angeschlossen zu bleiben. Das bedeutet für mich, ich brauche auch mal Freiräume, Zeit nur für mich, die ich mit niemandem teilen muss. Auch nicht mit Vincent, dem ich zutrauen darf, dass er die Situation erfasst und gut versorgt ist, ohne dass ich für alles verantwortlich bin. Alles ein Lernen in geballter Form! … Wir haben das Gefühl besonders behutsam mit unserer lieben Mutter umgehen zu müssen, da sie sich sehr zusammenreißt, ihre Gedanken und Gefühle gut kontrolliert. Für sie muss es unerträglich schmerzlich sein, sich mit dem, „was sein könnte“ auseinanderzusetzen. Aber auch ich ertappe mich dabei, dass ich die Option, dass mein Vater sterben könnte, möglichst auszublenden versuche – ich will, wir wollen, dass er lebt!

Martin, Bettina und ich haben die Idee für unseren lieben Vater unterstützende Heilsteine zu kaufen und machen uns voller Tatendrang auf den Weg zum Steineladen im Ort meiner Eltern, wo es eine große Auswahl schöner Kristalle und Heilsteine gibt. Wir lassen uns Zeit beim Erspüren der richtigen Steine und wählen einen gigantisch schönen Rubin mit einer enorm starken Ausstrahlung, einen Bergkristall und auch einen Karneol aus. Wir sind begeistert, finden uns richtig kreativ, und hoffen, dass er die Wirkung der Steine spürt und dass sie ihm guttun. In seinem Arbeitszimmer hat er einen großen schönen Rosenquarz liegen und er trägt häufiger einen Karneol in der Hosentasche bei sich. Unser Vater ist sich der positiven Wirkung von Kristallen auf seinen Körper, Geist und Seele sicher und wir wollen ihm damit unbedingt zeigen wie wichtig er uns ist!

Diese Steine werden von mir energetisch gereinigt und dann nehmen wir sie Paps mit in die Klinik und legen sie ihm unter die Hände. Wir beobachten unseren Vater genau und erzählen ihm, was wir für ihn mitgebracht haben. Unser Vater wirkt friedlich. Das tröstet uns.

Ich stelle meinem lieben Vater mental die Frage: Was brauchst du?

Seine Antwort: „Euer Vertrauen in mich! Ich weiß, es ist eine schwere Herausforderung für euch. Bitte seht über die Geräte und Situation hinweg und vertraut, dass ich es schaffen kann. Das ist wichtig. Und Liebe.“

Ich bin dankbar für die schönen Ansagen, die ich an den Rest der Familie weiterleite. Doch nicht jeden Eindruck, den ich gewinne, gebe ich jetzt an die anderen weiter. Die Bilder und Informationen, die ich von ihm empfange, ändern sich zu sehr, fast so rasch, wie sein instabiler körperlicher Zustand. Was meine Fähigkeit Informationen zu kanalisieren anbelangt, bin ich sehr kritisch mit mir. Ich weiß, dass die Reinheit einer Botschaft dadurch beeinflusst werden kann, wie gut ich mich fokussieren und in einem klaren Bewusstseinszustand verweilen kann. Ich bin mir in der momentanen Situation nicht ganz sicher, ob meine Wahrnehmung tatsächlich ganz rein ist und ich ausschließlich Paps Worte aufnehme, oder ob sich meine eigene Angst, dass mein Vater sterben könnte, in meine Wahrnehmung mischt. Es ist, zum jetzigen Zeitpunkt, einfach nicht vorhersehbar, wie sich seine Seele entscheiden wird. Und aus diesem Grund werde ich mit meinen Mitteilungen an den Rest der Familie zurückhaltender. Ich will offenbleiben für alle Möglichkeiten und die Familie durch variierende Nachrichten von unserem Vater und Ehemann nicht beunruhigen. Die körperlichen Schäden sind gravierend und über weitere mögliche Schäden werden seitens der Ärzte nur Andeutungen gemacht. Wir freuen uns über wirklich jeden positiven Wert, werden allerdings jedes Mal ermahnt, dass dies nicht automatisch bedeute, dass es nun aufwärts geht. Ich spüre so viel, wenn ich in der Klinik bin und auch wenn ich zu meinem lieben Paps hinspüre. Was ich wahrnehme, ist aber nicht nur positiv. Abends bin ich oft stark erschöpft. Mein Vater bittet uns Vertrauen zu haben, in ihn. Er bittet uns nicht, unser Vertrauen in die medizinische Versorgung zu stärken. Das fällt mir auch zunehmend schwer und ich lasse es so stehen. Wir hinterfragen weiter, was wir wissen wollen, und den Rest überlassen wir notgedrungen den Ärzten vor Ort. Was ich aber tun kann, ist zu verstehen, dass Paps, von seiner momentan entrückten Warte aus, einen klareren Überblick auf die Geschehnisse hat, und dass er alles initiiert, was ihm jetzt von Bedeutung ist. Mein lieber Vater hat das Ruder in der Hand, ist der Kapitän. Wir sind seine Mannschaft, unterstützen ihn, nach seinen Vorstellungen. Und da gilt es ins Vertrauen zu gehen. Nicht wir sind die „Macher“. Mein Vater ist der Hauptakteur und gibt die Richtung vor. Zunächst mit starkem Lebenswillen. Er hatte eine Entscheidung getroffen: Leben! Die Nummer ist echt groß – da hat er sich etwas vorgenommen! Und doch spüre ich, wie sich bei ihm leise Zweifel einmischen. Vielleicht sind es auch meine eigenen Zweifel? Es ist tatsächlich nicht ganz einfach für mich klar zu differenzieren. Ich bin zu nah dran, emotional involviert, und kann nicht wirklich neutral sein.

Ich möchte dir, liebe Leserin, lieber Leser, anhand eines Bildes beschreiben, wie ich die Präsenz meines Vaters erlebte. Stelle dir vor ich werfe einen Stein in einen See. Je größer der Stein, desto größer sind die Kreise der Wellen, die der Stein in Bewegung bringt und auslöst. Als ich von meinem Paps den Wunsch mitgeteilt bekam, dass er leben wolle, war das vergleichbar mit großen, kräftigen Kreisen im Wasser. Die Resonanz war stark und mächtig. Gerade fühlt es sich so an, als hätte diese Resonanz nachgelassen, die Kreise zeichnen sich zarter, verhaltener im Wasser ab. So nehme ich es im Augenblick wahr. Möglicherweise spürt auch mein lieber Paps unsere Erschöpfung? Ich empfinde es als Herausforderung, in meiner Gelassenheit zu bleiben, während sich mein Vater in der Klinik in einem Prozess befindet, der weder klar in die eine, noch in die andere Richtung tendiert. Da weich zu bleiben und mitzuschwingen, nicht in eigene Sorgen zu stolpern, das erfordert Achtsamkeit … Ich spüre nach wie vor tief in mir, dass ich die Verantwortung für den Ausgang dieser Geschichte nicht trage und alles zu seinem Besten geschieht.

Und doch fühle ich die Anspannung in mir, eine Art Aufregung – wie bei einem Film, dessen Ausgang ich noch nicht kenne und auch nicht wirklich erahnen kann. Ich bete oft und still zu meinem lieben Vater, dass er sich zu seinem besten und höchsten Wohl entscheiden möge, egal wie das aussähe. Ich möchte ihm, von meiner Perspektive aus, von Herzen die Wahl überlassen. Es fällt mir schwer, gelassen und gleichmütig zu bleiben. Zudem wird mir zunehmend bewusst: Ich bin nur ein kleiner Verknüpfungspunkt mit ihm, er ist mit uns allen und weiteren Seelen verbunden. Und nicht ich muss eine Wahl treffen – er ist es. Und das ist gut so. Ich kann mir einfach nicht vorstellen ihn pflegebedürftig zu erleben – diese Option haben die Ärzte bereits leise angedeutet. Meinem Empfinden nach wäre diese Möglichkeit hart, denn mein Vater liebt seine Freiheit über alles. Und doch weiß ich: Das Leben ist so viel größer und reicher an Ausdrucksmöglichkeiten und Möglichkeiten zu wachsen. Ich darf auch diese Bewertung loslassen. Das ist die Kunst in einer augenscheinlich schwierigen Situation, aber nicht unmöglich! Auch wenn es uns noch nicht allgegenwärtig bewusst ist, wir sind Schöpfer unserer Realität, so wie wir sie erfahren. Und in jedem Ausdruck ist die Möglichkeit der Entfaltung beinhaltet. Es geht auch darum, dass wir uns wieder bewusst mit unserer kreativen Schöpferenergie verbinden und erkennen, dass wir Erfahrungen wählen dürfen. Lernen muss nicht leidvoll sein. Wir dürfen uns wieder öffnen für die Perspektive, dass uns alle Erfahrungen zu mehr Selbstannahme und Selbstliebe führen möchten. Das geht auch über Krankheit und Schmerz … Ich wünsche mir allerdings, dass sich die Menschen wieder erinnern, dass es uns erlaubt ist, mit Freude und Leichtigkeit zu lernen, in völliger Hingabe.

Mein Vater wird sicher eine gute Entscheidung treffen, auch im Hinblick auf mögliche Lernfelder zwischen ihm und anderen. Welche Verabredungen er im Einzelnen für sein Leben getroffen hat, entzieht sich meiner Kenntnis und es sind seine Lektionen. Eine wichtige und lehrreiche Lektion an dieser Stelle für mich: Bei mir bleiben! Bewertungen loslassen. Erlauben und Zulassen. Es ist sein Entwicklungsraum, nicht meiner. Es geht wieder einmal um Vertrauen. Ich darf für mich schauen: Bin ich mit mir verbunden, im Fluss meines Lebens? Gebe ich mich ganz hin? – Dafür darf ich mich weiter sensibilisieren und es für mich annehmen.

SAMSTAG, 19.09.15: Martin muss in die Pfalz zurück und wir sind alle erleichtert, als er nach der langen Fahrt heile zu Hause ankommt. Da wir alle so übermüdet und angespannt sind, machen wir uns viel schneller Sorgen. „Unsere“ mitfühlende junge Ärztin sagt heute an meine Mutter gewandt, dass wir als Familie jetzt, in dieser Situation, ganz wichtig für meinen Vater seien. Es sei sehr schön, dass wir für unseren Vater und Mann da seien und ihn so liebevoll unterstützten. Für uns alle ist es aufbauend und wohltuend diese anerkennenden Worte zu hören. Paps hat hohes Fieber entwickelt und bekommt Antibiotikum. Wir fühlen uns so machtlos. Ein bis zwei Mal täglich sind wir bei ihm in der Klinik, wollen ihm so gerne nah sein. Häufig, aber mit Bedacht, legen wir Paps die Heilsteine unter die Hände und sprechen tröstende Worte. Mein Vater seufzt zwischen den Atemstößen. Die Ärzte lassen uns wissen: Unser Vater habe die Krise noch nicht überwunden. Unserer Mutter wird mitgeteilt, dass ihr Mann verändert sein könne, wenn er aus dem künstlichen Koma erwacht und sie sich nicht erschrecken solle. Dieser Zustand könne sich nach einigen Tagen bessern. Möglicherweise könne sich Paps nicht orientieren, gegebenenfalls auch aufwachen, ohne uns zu erkennen. Das müssen wir verdauen. Ich fühle mich unruhig, ich spüre all die Ängste, die schwer auf meiner Mutter lasten, auf uns allen. Aber wir sprechen unsere Befürchtungen nicht konkret aus – all das schwingt in der Luft und macht mich ganz kribbelig.

Ich laufe zunächst wie fremdgesteuert durch den Tag, versuche wieder in Kontakt zu gelangen mit mir selbst. Ich versuche die düsteren Worte der Ärzte abzuschütteln – schließlich sind es nur angedeutete Möglichkeiten und sie müssen uns darüber informieren … Es fühlt sich so verkehrt an, dass mein Vater nicht zu Hause ist. Alles erscheint irgendwie dumpfer, ist weniger leuchtend, ohne ihn. Er fehlt mir so sehr. Seine heitere Art, seine aufmunternden Worte – denn er liegt ja nun dort, im Krankenhausbett. Seine Rolle als Tröster, die er gerne und oft eingenommen hat, wird mir in diesem Moment überdeutlich bewusst. Okay, mein Vater ist jetzt nicht da, um mir Mut zuzusprechen … dann bin ich wohl an der Reihe, gut zu mir selbst zu sein? Habe ich mich vielleicht immer zu sehr darauf verlassen, dass er da ist, um zuzuhören, Verständnis zu haben und zu trösten? Zu allererst darf ich sicher etwas nachsichtiger mit mir sein … Ich muss lächeln, denn ich meine fast ich kann Paps Worte in mir hören: „Tief atmen, Sabine!“ – Ja, atmen ist gut. Und ich kann das, ich kann mir liebevoll und achtsam begegnen. Was brauche ich jetzt? Was genau bringt mich in meine innere Ruhe? … Ein heißer Kakao, ein schöner Spaziergang! Es ist ein Versuch wert …

Der Spaziergang ist leicht umsetzbar und die vertraute Umgebung meiner Kindheit bringt mir ein Stück Geborgenheit zurück. Wir bestellen uns Bio-Kakao mit echtem Lavendel, denn der soll gut zum Entspannen sein.

SONNTAG, 20.09.15: Bettina muss heute zurück zu ihrer Familie. Durch die vielen Krampfanfälle, die Vincent tags zuvor hatte, kann auch ich nicht ins Krankenhaus. Meine Mutter fährt ohne uns in die Klinik und wird von einer lieben Freundin begleitet. Mein Vater hat immer noch hohes Fieber. Eine Krankenschwester berichtet ihr, dass er seine Augen einen Spalt geöffnet hatte – als meine Mutter später davon erzählt, bin ich gerührt und freue mich über diese Neuigkeit. Sie berichtet mir von ihrem Besuch bei Paps: Sie hatte ihm die CD mit Händels Wassermusik leise angestellt, während sie bei ihm am Bett saß, ihm von den Ereignissen zu Hause erzählte und ihm Mut zusprach. Außerdem hat sie ihm den großen Rubin und den Bergkristall sanft unter die Handflächen geschoben. Während meine liebe Mutter bei ihm saß, habe er geseufzt. Sie stellt sich vor, dass er ihre Gegenwart gespürt hat und sie auch hören konnte. Und auch ich halte es für möglich.

MONTAG, 21.09.15: Mein lieber Vater befindet sich weiterhin im künstlichen Koma. Ich nehme mir ausgiebig Zeit und sende ihm heilende Energien. Mir wird vermittelt, dass die Engel ihm zur Seite stehen. Ich spüre, dass Paps tiefe Einblicke bekommt und Heilung erfährt. Für diese Einsicht bin ich zutiefst dankbar. Ich darf meine Anspannung ablegen, für meinen Vater wird gut gesorgt, das wurde mir gezeigt – jetzt, in diesem Moment, darf ich auch gut für mich sorgen! Ich freue mich darauf, ihn heute wieder zu besuchen. Mein lieber Vater öffnet kurz seine Augen. Für uns ein kleiner Lichtblick. Onkel Gerhard, der Bruder meines Vaters, ist auch in die Klinik gekommen und unterstützt ihn mit Reiki. Ich bin dankbar, dass er so wundervoll begleitet und gestärkt wird, die Brüder stehen sich sehr nah. Durch die Gegenwart meines lieben Onkels fühle ich mich eigenartig getröstet. – Mein Vater wird aufgefangen, er, der sich stets liebevoll und mitfühlend für andere einsetzte und stark machte, darf sich nun einfach mal umsorgen lassen. Und ich muss nicht alles im Blick behalten.

Für mich eine wertvolle Erfahrung: Wir sind eine Familie, sorgen füreinander, können uns die Zuwendung für unseren Vater, Ehemann und Bruder aufteilen und ich kann Verantwortung abgeben. Ich darf mich auch um meine Bedürfnisse kümmern.

Und auch Martin ist seit heute wieder bei uns und bleibt einige Tage. Das beruhigt mich, denn so kann ich mich hin und wieder zurückziehen und muss nicht immer präsent sein. Wir können unsere Kräfte besser einteilen, wenn wir zusammen sind. Wir tragen die Situation gemeinsam. Wir Geschwister hatten uns gleich zu Beginn der Akutsituation genauestens abgesprochen und konnten es so organisieren, dass immer jemand von uns bei unseren Eltern sein würde. Das gab uns ein ruhigeres Gefühl. Sie mussten nicht alleine mit der ungewissen Situation zurechtkommen.

Wir müssen unsere Entwicklung nicht über schmerzvolle Erfahrungen definieren, doch es wäre denkbar, dass eine wichtige Lektion darin bestünde zu lernen, alleine, selbständig durch eine Krise hindurchzugehen und sie – auf eigene Weise – zu meistern! Das wäre dann eine ultimative Stärkungserfahrung, sofern sich der Mensch, aus der inneren Verbundenheit heraus, in die Balance hineinbewegt!

Uns gegenüber versucht meine Mutter ihre Emotionen unter Kontrolle zu halten, doch ihr hoher Blutdruck spricht eine deutlich andere Sprache und das schafft zunächst eine zusätzlich angespannte Atmosphäre. Vielleicht darf auch sie lernen, sich selbst wichtig zu nehmen und gut für sich zu sorgen, ohne dass wir Kinder sie daran erinnern? Für mich ist eine weitere Erkenntnis notwendig: Meine Mutter ist erwachsen, hat eigene Vorstellungen und ich darf sie ihre Erfahrungen machen lassen. Die Umsetzung dieser Erkenntnis gelingt mir zu diesem Zeitpunkt noch nicht allzu gut.

DIENSTAG, 22.09.15: Vincent und ich fahren an diesem Tag zurück nach Bielefeld, da ich ein paar Dinge zu organisieren habe. Bevor wir aufbrechen, mache ich einen kleinen Spaziergang zum nahe gelegenen Waldschwimmbad. Dort setze ich mich auf eine Bank und bemerke erst in diesem Augenblick: vor mir spannt sich – vor grauem Himmel – ein riesiger leuchtender Regenbogen …, ohne dass es vorher geregnet hat und ohne dass die Sonne scheint. Ich bin überwältigt. Ein richtiges kleines Wunder. Ich sitze da, schaue, staune und freue mich, denn ich liebe Regenbogen. Wie schön, dass ich mich zu diesem Spaziergang, diesen Minuten für mich alleine, aufgemacht habe. Die Situation zehrt an meinen Kräften, obwohl ich versuche entspannt zu bleiben. Trotz solch bezaubernder Momente, wie gerade jetzt, spüre ich fast durchgängig ein dumpfes Gefühl in der Bauchgegend. All die Stimmungen um mich herum spüre ich überdeutlich. Ich brauche jetzt dringend meinen eigenen Raum, brauche Ruhe und möchte mich zurückziehen können, um mich wieder auszubalancieren.

Es gibt noch keine Entwarnung aus der Klinik. Mein Vater hat immer noch Fieber, sein Kreislauf ist allerdings stabil und er atmet weitgehend selbständig. Paps öffnet immer wieder kurz die Augen. Mir fällt es schwer abzureisen, loszulassen und ein paar Tage nicht in seiner Nähe sein zu können. Ich bin dankbar, dass mein Bruder da ist und unsere Eltern unterstützt, bevor ich zusammen mit Vincent am Wochenende wiederkomme.

Die Rückfahrt nach Bielefeld setzt mir zu, ich bin müde. Ich habe nur noch eine halbe Stunde bis zu unserer Ankunft zu Hause vor mir, als mir der Zwitscherton meines Handys eine eingehende Nachricht ankündigt. Als ich an einer roten Ampel zum Stehen komme, schaue ich auf mein Handy. Martin schreibt, dass er ein Gespräch mit einem der Ärzte hatte. Man hatte ihm – ohne das Beisein unserer Mutter – mitgeteilt, dass bei einer Untersuchung ein Tumor entdeckt worden war, der sich in der Nähe des Kleinhirns befände. Zum jetzigen Zeitpunkt könnten die Ärzte allerdings noch nicht sagen, welche Konsequenzen sich daraus ergeben würden. Zuerst müsse unser Vater wieder vollständig zu Bewusstsein kommen. Dann würden weitere Untersuchungen zur Abklärung erfolgen.

Martin will von mir wissen, ob er unserer Mutter davon erzählen soll? – Der Arzt hat vielleicht nicht ohne Grund das Gespräch mit ihm gesucht? Was passiert, wenn er diese Information an sie weitergibt – hält sie das aus? Das lässt mich erst einmal schlucken … Mist! Was nun? Die Ampel schaltet auf grün und ich fahre weiter. Oh Mann, das muss warten. Ich will zuerst heile zu Hause ankommen, bevor ich mir darüber näher Gedanken machen kann.

Mein Bruder und ich telefonieren am Abend miteinander und wir beide halten es für richtig, unserer Mutter erst einmal nichts zu sagen. Wenn unser Vater erwacht und eine weitere Diagnostik anstünde, müssten die Ärzte sie informieren und hätten dann auch nähere Informationen. Und Tina? Wenn wir Tina informierten, dann würde sie vermutlich weiter recherchieren, und dann bekäme es sicher auch unsere liebe Mutter mit … Also beschließen wir, es zunächst zu verschweigen. Nicht leicht, dieses Wissen mit uns zu tragen, wie wir beide finden.

In unserer gewohnten Umgebung zu sein, ist für mich und Vincent in dieser Situation wohltuend. Mein Sohn gibt zufriedene Laute von sich, als er seine bekannte Spielecke wiederentdeckt, in die ich ihn lege. Mit lauten Seufzern atme auch ich erleichtert aus. Zuhause! Ich bin erleichtert, die Fahrt habe ich gemeistert, und nun warten ein paar Tage Abstand auf mich: in Bielefeld, in unserer kleinen Wohnung, mit meinen vertrauten Sachen, die mir gut tun. Auch der Pflegedienst, der mich in der Pflege mit Vincent entlastet, wird uns die nächsten Nächte zur Seite stehen. Eine dringende Notwendigkeit für mich, um wenigstens ein paar Stunden ganz für mich sein zu können. Die letzten Tage war ich Tag und Nacht für Vincent da – 24 Stunden, hatte ich immer ein Auge auf ihn. Wirklich abschalten war nicht möglich.

Was für eine Wohltat, nun hier in meinem Zuhause zu sein. Wenigstens für die Nacht bin ich allein, habe Raum nur für mich. Ich könnte weinen, so zufrieden bin ich in diesem Moment.

MITTWOCH, 23.09.15: Ich sehe meinen Vater vor meinem inneren Auge in goldenes Licht gehüllt. Meine Intuition und mein Herz sagen mir, dass dies Schutz und Geborgenheit bedeutet. Ich fühle Dankbarkeit.

Martin und meine liebe Mutter fahren zu Paps in die Klinik. Sie berichten später am Telefon: Er runzelt nun immer öfter die Stirn und erschrickt deutlich, als unsere Mutter einen Hocker an sein Bett rückt, der laut über den Boden schleift. Das empfinden wir als positiv. Er befindet sich immer noch im künstlichen Koma, seit 11 Tagen. Die Ärzte sehen es als kritisch an, dass unser Vater so lange Zeit benötigt, um wieder ins Bewusstsein zu gelangen. Denn die Medikamente, die ihn im Zustand des künstlichen Komas gehalten hatten, sind bereits ausgeschlichen worden. Er sollte schon wieder wach sein. Auch wenn es sich bei den Zeitangaben, die die Ärzte im Kopf haben, um Statistiken handelt, beunruhigt uns dieser Kommentar. Martin macht spät abends noch eine ausgiebige Heilübung für unseren Vater.

DONNERSTAG, 24.09.15: Info aus der Klinik.: Er hat seinen Kopf leicht bewegt, befindet sich jedoch immer noch im Koma. Martin reist ab und fährt in die Pfalz zurück. Bettina löst unseren Bruder ab. Zusammen mit unserer Mutter besucht sie Paps in der Klinik. Keine Neuigkeiten.

FREITAG, 25.09.15: Bei einer Stille-Übung morgens, empfange ich von meinem lieben Vater folgendes Bild: Er steht vor einer Art Lichtvorhang, der rosa, goldgelb schimmert und sich sachte teilt. Mein Vater blickt kurz zurück, in meine Richtung und sagt: „Das ist wie eine Geburt für mich!“– und dann setzt er einen Schritt nach vorn und geht durch den Vorhang hindurch; er betritt einen dunkleren Bereich, den ich als Materie wahrnehme. Er geht zurück in seinen Körper.

Später am Tag bekomme ich von Tina eine Nachricht: Unser Vater hat kurz die Augen aufgemacht und unsere Mutter angeguckt. Diese Neuigkeit passt genau zu meiner Vision von heute früh. Ich bin unglaublich erleichtert. Und dankbar, dass meine Wahrnehmung so präzise war. Dies stärkt mein Vertrauen in mich.

Mein Onkel besucht seinen Bruder erneut in der Klinik. Auch ihn hat mein Vater bewusst wahrgenommen, als er für einen Moment wach war. Onkel Gerhard ist sichtlich bewegt. Auf die Frage einer Stationsschwester, ob er Schmerzen habe, hat Paps leicht den Kopf geschüttelt. Sein Fieber ist gesunken. Onkel Gerhard und meine Mutter stehen still am Bett meines Vaters und mein Onkel nimmt direkt über dem Bett eine enorm kraftvolle und stärkende Energiepräsenz wahr. Er teilt seine Wahrnehmung mit seiner Schwägerin und beide sind beglückt und zutiefst beeindruckt.

Nach diesen Ereignissen sind wir zuversichtlich, dass sich mit unserem Vater, Ehemann und Bruder alles zum Guten wendet. Wir atmen auf.

SAMSTAG, 26.09.15: Vincent übermittelt mir morgens telepathisch: „Opa ist wach!“ – Abends kommt die Bestätigung: Mein lieber Vater ist wach, ansprechbar und hat den Beatmungsschlauch entfernt bekommen. Hurra!

Im Tagesverlauf: Paps Blutdruck ist sehr niedrig. Er muss Sekret abgesaugt bekommen. Meine Mutter und Tina besuchen ihn in der Klinik. Sie bleiben heute länger, lassen sanfte Musik abspielen, erzählen ihm von aktuellen Ereignissen und machen ihm Mut. Sie lassen Paps über eine Sprachdatei auch Vincents glucksendes Lachen und Quietschen anhören und Tina beobachtet, dass er daraufhin lächelt.

SONNTAG, 27.09.15: Wir (Vincent und ich) haben eine gute, reibungslose Fahrt in den Harz, bei schönem Wetter, und kommen heile an. Ich freue mich so sehr meinen lieben Vater endlich wiederzusehen. Er sieht sehr erschöpft aus und ich spüre, wie angestrengt er ist. Als ich belustigt bemerke, dass er ja genau solche Kaloriendrinks bekommt wie Vincent und dieser Drink aussieht wie Schokolade, lächelt Paps mich sogar an. Wie schön! Wie schön es ist, ihn zu sehen.

Mein Vater bekommt über Tag hohes Fieber, entwickelt eine Lungenentzündung, seine Arme und Beine sind stark angeschwollen und es fällt ihm schwer zu atmen.

Er hatte versucht zu sprechen und Tina ist unglücklich, dass sie ihn nicht verstehen konnte. Musik möchte er auch nicht hören. Sie hat das Gefühl ihm gar nicht helfen zu können. Meine Schwester muss heute wieder nach Hause, zu ihrer Familie. Es ist ein trauriger Abschied, da sie so geknickt ist und mir nicht wirklich Worte des Trostes einfallen. Die Aufs und Abs folgen in so kurzen Abständen und wir können nichts beeinflussen. Es fällt mir unglaublich schwer ganz bei mir zu sein und in meiner Ruhe verankert zu bleiben. Ich reagiere sensibel auf kleinste Stimmungsschwankungen der anderen. Erneut registriere ich wie wichtig es in dieser Situation ist, mir selbst liebevolle Aufmerksamkeit zu schenken. Und so versuche ich meine Achtsamkeit wieder positiv auszurichten, lasse meinen Blick, so oft wie möglich, in die angenehme Landschaft schweifen. Das macht es leichter die persönlichen Spannungen jedes Einzelnen auszutarieren.

MONTAG, 28.09.15: Mein Vater wird heute nicht wach, selbst durch laute Ansprache der Schwester nicht. Ich begleite meine Mutter in die Klinik. Sie ist erschüttert, da eine Krankenschwester ihren Mann, meinen Vater, als „Pflegefall“ bezeichnet. Sie ist ganz durcheinander und zittrig: „Wieso sagt die Schwester das? Was bedeutet es konkret?“ Meine Mutter will den zuständigen Arzt sprechen. Es fällt mir schwer sie zu beruhigen. Ich habe den Eindruck, dass meine liebe Mutter diese Option noch gar nicht in Betracht gezogen hat und es erwischt sie nun unvorbereitet und wie eine eiskalte Dusche. Mir fehlen die Worte. Was wäre in dieser Situation angemessen zu sagen? Ich spüre, es gibt gerade keinen Trost. Wir müssen abwarten und es auf uns zukommen lassen. Wir können für unsere Mutter da sein, doch verarbeiten und uns mit möglichen Szenarien auseinandersetzen, das tun wir alle auf ganz individuelle Weise. Das können wir ihr nicht abnehmen. Paps schläft viel und wird auch nicht munter, als wir ihn besuchen. Ich mache eine Übung für ihn und höre seine Bitte an uns:

„Visualisiert mich mit meinen Lieblingsbeschäftigungen.
Das stärkt mich, gibt mir Kraft.

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