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Dramatis Personae

Die Hirten

Imran Pethrukov, Feldagent des FSB

Nicolas O’Donnel, Interpol-Ermittler

Michelle Deprés, Datenanalystin von Europol

Vadim Pokrov, Datenanalyst des FSB

Die Schafe

Prinz Tariq ibn al Saud, arabischer Prinz

Carol Summers, seine Verlobte

Dr. Scott Corvin, Psychiater

Zlatan Malizescu, rumänischer Jugendlicher

Sofia Basini, italienische Hausfrau

Alessia Basini, ihre Tochter

Alexandra Pethrukov, russische Journalistin

Die Wölfe

Sosuke Watanabe, Yakuza

Anton Malizescu, rumänischer Drogenboss

Don Mario Basini, italienischer Mafia-Don

Samuele Basini, sein Sohn

Lorenzo Conti, Mafiaschläger

Die Anderen

Natsuki, Mangaka und Teilzeitkellnerin

Lindsay, gegenwärtig in psychiatrischer Behandlung

Joshua, erfolgloser Selbstmörder

The Tyger

(William Blake)

Tyger! Tyger! burning bright

In the forests of the night,

What immortal hand or eye

Could frame thy fearful symmetry?

In what distant deeps or skies

Burnt the fire of thine eyes?

On what wings dare he aspire?

What the hand dare sieze the fire?

And what shoulder, & what art,

Could twist the sinews of thy heart?

And when thy heart began to beat,

What dread hand? & what dread feet?

What the hammer? what the chain?

In what furnace was thy brain?

What the anvil? what dread grasp

Dare its deadly terrors clasp?

When the stars threw down their spears,

And water’d heaven with their tears,

Did he smile his work to see?

Did he who made the Lamb make thee?

Tyger! Tyger! burning bright

In the forests of the night,

What immortal hand or eye,

Dare frame thy fearful symmetry?

Odintsovo, Russland. 14. Januar, 11:23 a.m.

Raureif, Atem, der weiße Wolken formte, die sich über seinem Kopf mit dem Qualm seiner Zigarette vermischten, bevor der pfeifende Wind beides hinfort trug. Die Bank, auf der Imran saß, war rostig und unbequem und der Bahnsteig bot keinerlei Schutz vor dem unerbittlichen Wind. Zu allem Überfluss hatten die exzessiven Schneefälle der letzten Wochen deutliche Spuren hinterlassen.

Imran steckte bis über die Knöchel im Schnee, und von den drei Spuren des kleinen Bahnhofes war nur eine einzige betriebsbereit. Selbst ein Russe brauchte eine gute Entschuldigung, um an diesem Morgen hier zu sein. Und das machte den Ort so perfekt für die Art von Geschäft, die Imran heute zu tätigen gedachte.

Nicht, dass die Kälte Imran etwas ausgemacht hätte. Er hatte sein ganzes Leben in Russland verbracht, hatte dem Land den größten Teil seines Lebens gewidmet. Hatte dem KGB ebenso treu gedient, wie er seit geraumer Zeit dem FSB diente. In über vierzig Jahren des Staatsdienstes hatte er vieles gesehen, viele Dinge getan, die den meisten Menschen Schauer über den Rücken gejagt hätten. Und trotz alledem, in Gesellschaft des Mannes, der zu Imrans Rechten auf der Bank saß, fühlte der russische Geheimdienstmann sich zutiefst unwohl. Der andere war weniger als halb so alt wie Imran. Er trug eine abgewetzte, grüne Windjacke und verbarg sein Haar unter einem Hut, der älter zu sein schien als sein Träger. Sein Gesicht war makellos jugendlich, wo Imrans eigenes Antlitz von tiefen Falten zerfurcht war, und blass, wo Imran vom Wetter gegerbt war. Hätte sich unter der widrigen Witterung ein Passant auf den verwaisten Bahnsteig getraut, er hätte sich zweifellos gewundert, was zwei so ungleiche Männer miteinander zu besprechen hatten.

Es war das dritte Mal, dass die Behörde die Dienste des anderen in Anspruch nahm. Das erste Mal, dass Imran den Mann persönlich traf. Keine Aufgabe, um die er sich gerissen hätte, doch Befehl war nun einmal Befehl. Bei seinem ersten Treffen mit dem Geheimdienst hatte der andere sich als Milo Dracovîc vorgestellt. Natürlich hatte niemand im FSB länger als eine Sekunde daran geglaubt, dass dies der echte Name des Mannes war, und man hatte alles Menschenmögliche getan, um die Identität zu überprüfen. Ein Junge namens Milo Dracovîc war vor vierundzwanzig Jahren geboren worden, in einem kleinen Dorf, ein paar Dutzend Kilometer außerhalb von Odessa. Ein Junge, der seine Eltern bei einem Brand verloren hatte. Ein Junge, dessen Spur sich in einem längst verlassenen Waisenhaus verlor. Ein Geist.

Der Mann zu Imrans Rechten war vermutlich aus Fleisch und Blut, das war aber auch schon alles, was ihn von einem Spuk unterschied.

Seine Stimme war freundlich und glockenhell, und ein flüchtiger Beobachter hätte das Lächeln beinahe für echt halten können, als Dracovîc zu sprechen begann.

Ein wundervoller Morgen, nicht wahr?“

Der Mann sprach ein makelloses Russisch, ohne jede Spur von Akzent. Ohne irgendeinen Anhaltspunkt auf seine Herkunft. Er hatte den Kopf halb herum gedreht und blickte den älteren Mann an. Lächelte. Das hieß, sein Gesicht lächelte. Die Augen dagegen waren Abgründe. Diese beiden nussfarbenen Löcher im Gesicht des Mannes machten Imran Angst. Man konnte keine vierzig Jahre für einen Geheimdienst arbeiten, ohne eine Unzahl von verstörenden Individuen kennenzulernen. Imran war selbst dem einen oder anderen begegnet, der ohne weiteres als Psychopath durchgegangen wäre, hatte sogar mit ihnen gearbeitet.

„Aber ich nehme nicht an, dass Ihr mich gerufen habt, damit ich das russische Urlaubswetter genießen kann?“

Unmöglich zu sagen, ob der andere scherzte, ihn gar verspottete. Die meisten wirklich gefährlichen Männer, deren Bekanntschaft Imran gemacht hatte, waren einfach zu durchschauen. Verrückt oder gemeingefährlich, doch im Grunde einfach genug gestrickt. Selbst der brutalste Schlächter verlor an Schrecken, wenn man ihn berechnen konnte.

Milo Dracovîc erweckte allerdings nicht eben den Eindruck eines Schlächters. Nahm man es genau, hatte der Junge, der geduldig auf eine Antwort wartete, nicht einmal Anlass für Imrans Unbehagen gegeben. Er verhielt sich zivilisiert und höflich, geradezu freundlich.

Und aller Erfahrung zum Trotz hätte Imran nicht einmal sagen können, ob die Freundlichkeit Schauspiel war. Doch in jedem Fall war es kein Spiel, auf das Imran sich einlassen mochte. Stattdessen zog der alte Russe schweigend einen Umschlag hervor, reichte ihn zur Seite. Dracovîc verzog keine Miene, riss das Kuvert mit den behandschuhten Fingern auf und schüttelte den Inhalt in seinen Schoß. Nacheinander glitten ein Paar Blätter Computerausdruck, zwei Speicherkarten und einige Digitalaufnahmen heraus.

Die Blätter verschwanden mehr zerknüllt als gefaltet in einer der Taschen der grünen Jacke, die Speicher folgten auf dem selben Weg. Der Mann behielt lediglich ein einzelnes Foto in der Hand, betrachtete es scheinbar gedankenverloren. Eine Aufnahme, offensichtlich aus weiter Ferne, die einen jungen, nah-östlichen Mann im Anzug zeigte, der gerade in einen Wagen einstieg.

„Warum?“

Eine scheinbar harmlose Frage, vollkommen beiläufig gestellt. Und doch reichte sie vollkommen, um Imran aus dem Konzept zu bringen. Einige Sekunden lang vergaß der Russe jede Disziplin und starrte seinen Geschäftspartner einfach nur perplex an. Unmöglich zu sagen, ob Dracovîc amüsiert war, oder ob er überhaupt Notiz nahm. Imran hoffte jedenfalls, sich schnell genug zusammen gerissen zu haben.

„Warum sollte Sie das interessieren? Wir bezahlen dafür, das sollte alles sein, was Sie wissen müssen.“

Milo Dracovîc grinste, Imran glaubte gar, ein Kichern zu hören.

Na, komm schon. Ihr Jungs habt doch hundert Leute, denen Ihr bedeutend weniger zahlen müsst als mir, wenn es nicht wirklich wichtig wäre.“

Da hatte der Mann natürlich recht. Was die Sache für Imran nicht weniger unbehaglich machte. Die meisten, die ihr Geld mit Morden verdienten, versuchten aus nachvollziehbaren Gründen solche Fragen zu meiden, so gut es ging. Und sei es nur, um ihrer eigenen Sicherheit willen. Entsprechend ausweichend fiel auch Imrans Antwort aus.

„Die Zielperson… gefährdet die Interessen der russischen Indus… die Interessen Russlands. Mehr, als wir tolerieren können.“

In Dracovîc’ Stimme schwang geradezu Enttäuschung mit.

„Geld? Könnt Ihr euch nicht wenigstens einmal etwas Interessantes einfallen lassen?“

Der Mann verspottete ihn, machte sich über ihn lustig. Es konnte gar nicht anders sein. Und Imran, dem ganz und gar nicht nach Scherzen zu Mute war, konnte spüren, wie der Mann ihm damit unter die Haut ging. Dass seine eigene Professionalität zu versagen drohte. Er wollte dieses Geschäft hinter sich bringen, wollte weg von hier, weg von diesem Mann.

„Werdet Ihr es nun tun oder nicht?“

„Werde ich was tun?“

Da war Spott in in der Stimme des Mannes, egal mit wie viel Freundlichkeit er sie maskieren mochte. Imran war sich sicher. Am liebsten hätte er den anderen angeschrien. Nur mühsam konnte er seine Stimme unter Kontrolle halten.

„Ihr wisst ganz genau, warum Ihr hier seid.“

Da war es wieder. Das Kichern, die Belustigung in der Stimme, der Schimmer eines Grinsens auf dem ausdruckslosen Gesicht, auf den von Kälte geröteten Wangen.

„Das wissen wir beide. Ist es da so schwer, es auszusprechen? Wer sollte uns denn hier belauschen?“

Imran war nicht mehr weit davon entfernt, völlig die Nerven zu verlieren. Er hatte vieles gesehen, hatte sich selbst immer für einigermaßen abgebrüht gehalten. Und doch gelang es diesem Mann, diesem Jungen, so mühelos, ihn aus der Fassung zu bringen. Niemand sollte so fröhlich, so unbeschwert über derlei Geschäfte reden.

„Also gut. Werdet Ihr diesen Mann töten?“

Die Antwort, die er bekam, war nicht eben beruhigend.

„Nein, werde ich nicht. Ich bin kein Schlachter. Nur ein bescheidener Händler. Was für ein Glück für uns beide, dass ich das Schicksal feilbiete. “

Mit diesen Worten stand der Mann, der sich Milo Dracovîc nannte, auf. Er grinste jetzt vollends, von einem Ohr zum anderen. Mit der linken verstaute er das Foto, zwei Finger der rechten Hand tippten zum Gruß an die Hutkrempe. Ohne weiteren Abschied wandte der Mann sich von Imran ab, schlenderte ohne Eile den Bahnsteig hinab. Im Gehen begann er eine helle Melodie zu pfeifen.

Erst jetzt spürte Imran den kalten Schweiß in seinem Nacken. Er nahm ein, zwei tiefe Züge der eisigen Luft, schnippte die Zigarette von sich, die während des kurzen Gesprächs erloschen war. Erst dann stand er selbst auf. Und einem plötzlichen Impuls folgend, schlug er die selbe Richtung ein, in die Dracovîc gegangen war. Er konnte nicht sagen, wieso, doch er folgte dem Mann. Immerhin war er ein erfahrener Ermittler, leicht doppelt so alt wie der Junge, dem er folgte. Er würde kaum entdeckt werden oder seinen Auftrag kompromittieren. Und irgendwie fühlte es sich an, als müsste er Dracovîc folgen. Er wollte den Mann beobachten, wollte irgend einen Sprung in der Maske finden. Irgend ein Zeichen, dass er das Geschäft mit einem Menschen geschlossen hatte, nicht mit einem Geist.

Tatsächlich war es nicht einmal besonders schwer, den Mann zu verfolgen. Der Hut war auffällig genug, und Dracovîc schien keinerlei Eile zu spüren. Noch immer pfeifend, wirkte der Mann mehr wie ein Tourist, denn alles andere. Nicht, dass es in Odintsovo all zu viel zu sehen gab. Zu nah an Moskau, als dass sich hier viel Gewerbe hielt.

Obwohl all die Restaurants nur ein paar Kilometer mit der Bahn entfernt waren, hielt Dracovîc zielstrebig auf einen der kleinen Bliny-Läden zu. Ein schäbiger kleiner Laden, mit weiten Glasfenstern zur Straße hin. Ein Laden, der es mit der Sauberkeit nicht eben genau nahm. Ein Laden, der zu dieser Zeit vollkommen verlassen war, sah man von der jungen Frau hinter dem Tresen ab.

Imran hielt einigen Sicherheitsabstand, beobachtete, wie Dracovîc den Imbiss betrat. Doch wie es aussah, konnte dieser Mann nicht einmal essen wie ein gewöhnlicher Mensch. Selbst von seinem Beobachtungsposten auf der anderen Straßenseite konnte Imran deutlich erkennen, dass Dracovîc sich das Sodaglas mit Eiswürfeln befüllen ließ. Und das bei wenigstens zehn oder zwölf Grad unter Null. Schien nicht einmal Probleme damit zu haben, das Glas trotzdem in zwei Zügen herunter zu stürzen.

Ja, er war sogar mutig genug, in einem solchen Etablissement die Toiletten zu benutzen, den Hut nach wie vor im Nacken, ohne dass Imran auch nur einen Schimmer von Dracovîc’ Haar gesehen hatte.

Zehn Minuten vergingen. Die Pfannkuchen wurden neben dem leeren Glas serviert. Zwanzig Minuten, und die Eiswürfel im Glas waren vollständig geschmolzen. Zwei andere Gäste waren bereits in den Imbiss und wieder heraus gekommen. Einer davon sogar auf die Toilette. Dreißig Minuten, und Imran verlor die Geduld. Mit zügigen Schritten kreuzte er die Straße, betrat das Restaurant, die Rechte in der Tasche der Lederjacke, die Faust um den Griff seiner Makarov geschlossen, den Zeigefinger seitlich auf dem Abzug. Man konnte nicht vorsichtig genug sein.

Natürlich, echte Vorsicht hätte bedeutet, diese Überwachung abzubrechen. Er glaubte gar zu wissen, was ihn erwartete. Die schäbige, milchig gelbe Tür neben dem Tresen trug ihn in einen winzigen Vorraum. Eine Kellertreppe, gesichert mit einem fest verrammelten Gitter, schmale Türen zu den Toiletten, nach Geschlecht getrennt. Ein vorsichtiges Rucken bewies ihm, dass das Gitter fest verschlossen war.

Doch die beiden fensterlosen Toilettenräume waren menschenleer.

Ein Geist…

Tokyo, Japan. Drei Jahre zuvor. 18. Oktober, 11:07 p.m.

Auch das noch. Natsuki strich sich die langen schwarzen Strähnen aus dem Gesicht und blinzelte in das schale, gelbe Neonlicht der Straßenbeleuchtung. Oder zumindest in das wenige, das durch die über und über beklebten Fenster in die kleine Karaokebar drang. Die Müdigkeit zerrte an ihrem Körper. Sie wünschte sich im Augenblick nichts mehr als ihr Bett. Und dabei dauerte ihre Schicht bisher gerade einmal drei Stunden, sechs weitere lagen noch vor ihr. Sechs Stunden der vier immer gleichen Lieder, deren Melodien von alleine spielten. Sechs Stunden, in denen sie nicht einmal genug Trinkgeld zusammen kratzen würde für das Zugticket nach Haus. Zwei weitere Stunden mit dem Schnellzug, bis sie endlich schlafen konnte. Kein besonders dankbarer Job. Nicht einmal besonders gut bezahlt, bedachte man, dass sie Nacht für Nacht die einzige Angestellte in dem kleinen Lokal war.

Aber irgendwie musste sie die Miete ja aufbringen. Natsuki wäre nicht einmal so weit gegangen zu sagen, dass sie es hasste, hier zu kellnern. Die Nächte, jedenfalls die meisten Nächte, waren ruhig. Die meisten der kleinen Läden in diesem Viertel waren längst geschlossen, die Bar, in der sie arbeitete, die einzige weit und breit, die noch geöffnet war. In den Abendstunden hatte sie manchmal noch zu tun, doch Nachts und am frühen Morgen war es fast immer leer. Immerhin fand sie so noch Zeit zum Zeichnen. Und selbst wenn ihre Gedanken zu weit weg oder zu beschäftigt waren – Menschen, die tief in der Nacht noch in eine Bar wie diese kamen, waren anders als normale Restaurantgäste oder Trinker. Sie suchten Gesellschaft, suchten jemanden zum Reden. Und Natsuki war eine gute Zuhörerin.

An guten Nächten machte ihr diese Anstellung sogar ein wenig Spaß. Aber heute würde keine gute Nacht sein, das konnte sie jetzt schon spüren. Zuerst einmal waren deutlich mehr Gäste hier, als es um diese Zeit üblich war. Rechts der Tür, in der Ecke, saß ein junges Pärchen. Nachtschwärmer, wahrscheinlich noch jünger als Natsuki selbst, und allem Anschein nach miteinander beschäftigt. Die waren harmlos.

Der Gaijin, der Fremde, am anderen Ende der Tischreihe war da schon interessanter. Auch er wirkte jugendlich, obwohl es Natsuki viel schwerer fiel, das Alter bei Europäern einzuschätzen. Jedenfalls glaubte sie, dass er Europäer war, das Englisch, in dem er seine Bestellung aufgegeben hatte, war ihr britisch vorgekommen.

Er saß in der hintersten Ecke, zwischen der Fensterfront und der kleinen Bühne neben dem Tresen. Eine Wange gegen das Glas gelehnt, das schwarze Haar zurückgebunden und der Anzug zerknittert. Sein Blick wanderte rastlos, blickte mal gedankenverloren in die Nacht hinaus, wanderte mal durch das Buch auf seinen Knien. Ein schwerer blauer Band mit westlicher Schrift bedruckt.

Ungewöhnlich, in diesem Viertel, zu dieser Jahreszeit einem Touristen zu begegnen. Interessant, aber vermutlich ebenfalls harmlos.

Es waren die übrigen drei Gäste, die Natsuki Angst machten. Drei Männer, alle älter als sie selbst, einer in der Mitte der Zwanziger, die anderen beiden ein wenig darüber. Die drei hatten schon hier gesessen, als Natsuki ihre Schicht angetreten hatte, und seitdem waren sie kontinuierlich lauter und betrunkener geworden. Soeben stellte sie vorsichtig drei weitere Bierflaschen auf dem Tisch ab und zog sich so schnell und unauffällig wie möglich mit dem Leergut zurück.

Sie kannte die Männer. Oder besser gesagt, sie wusste, was die Zeichen auf den Stirnbändern, auf den Lederjacken der drei Männer bedeuteten. Yakuza. Betrunkene Yakuza. Ärger. Es wäre vermutlich klüger gewesen, hätte sie versucht, die Kerle vor ein paar Stunden vor die Tür zu setzen. Als man noch mit ihnen reden konnte. Aber ihr hatte da bereits der Mut gefehlt, die Mafiosi direkt anzusprechen.

Ihr graute jetzt schon davor, wenn es ans Bezahlen ging.

Immerhin, fürs erste war die Trinkgemeinschaft mit sich selbst beschäftigt. Natsuki verstaute die leeren Bierflaschen in dem Kasten unter dem Tresen. Dann zog sie sich auf den Hocker hinter der Bar. Keine leichte Aufgabe – sie maß selbst kaum einen Meter und sechzig und hatte ihre liebe Mühe, aufrecht stehend über den Tresen zu schauen. Einmal in einer halbwegs bequemen Haltung angelangt, was auf dem alten Plastikstuhl nicht gerade einfach war, zog sie ihren Skizzenblock aus der Handtasche und den abgekauten Bleistift aus ihrem Haar.

Sie schlug den Block auf, die Zeichnung, welche sie an diesem Nachmittag im Zug begonnen hatte. Eine Frau in der Rüstung eines Samurai. Kniend, in einer Lache ihres Blutes. Der Rest eines zerbrochenen Schwertes in ihrer Faust. Ihr Gesicht und das Schlachtfeld, auf dem sie sich befand, waren im Augenblick nur rudimentäre Hilfslinien.

Ein dunkles, ein melancholisches Bild. Seit zwei Jahren gelangen ihr keine anderen mehr. Damals, gerade im letzten Schuljahr, hatte sie sich ein Studium ausgemalt, vielleicht sogar eine Karriere als Mangaka. Damals hatte sie auch noch nicht von Ramen aus der Tüte gelebt, allein in einer Einzimmer-Wohnung. Seit damals war viel passiert.

Sie spürte den vertrauten Stich, den Schmerz, den die Erinnerung jedes Mal mitbrachte. Ein Knacken, eine weitere Scharte, die ihre Zähne in das Ende des Bleistiftes gruben. Sie konnte sich das Seufzen nicht völlig verkneifen, doch sie zwang sich, ihre Konzentration auf das Bild zu lenken. In gewisser Weise tat die Kunst ihr gut. Trug sie fort von hier. Gönnte ihren Gedanken ein wenig der dringend benötigten Ruhe. Die Geräusche der Bar – das Gelächter der Betrunkenen, das Gesäusel der Musikboxen, das Rauschen der Autos auf der Straße, all das wurde leiser.

Für eine ganze Weile entkam Natsuki auf den Schwingen von Arbeit und Träumerei der Realität. Jedenfalls so lange, bis ihr jemand ein paar hundert Yen ins Blickfeld warf. Als sie aufsah, verließ das junge Pärchen gerade eilig die Bar. Sie wirkten irgendwie nervös…

Im nächsten Augenblick spürte Natsuki eine Hand, die sie hart in den hoch gesteckten Haaren packte und gewaltsam vom Stuhl riss. Derart ihres Gleichgewichts beraubt, stolperte sie, ging hart in die Knie.

Nur der Griff in ihrem Haar bewahrte sie mit einem heftigen Ruck davor, vollends zu stürzen. Trunkenes Gelächter erfüllte den Raum. Und noch während sie am Tresen vorbei und die zwei Meter zum Tisch gezerrt wurde, wallte die Angst in Natsuki auf.

Einer der beiden älteren Yakuza warf sie in diesem Moment bäuchlings auf die Tischplatte. Der Aufprall jagte Schmerz durch ihre Brust, ihre Rippen, während ihr Kopf eine der Bierflaschen umwarf. Die anderen beiden Männer standen daneben, warfen vor Lachen die Köpfe in den Nacken. Klatschten in die Hände.

Der Griff in ihrem Haar lockerte sich, stattdessen lag die selbe Hand nun auf ihrem Rücken, presste sie auf den Tisch. Eine weitere Hand klatschte durch die zerschlissenen Jeans schmerzhaft hart auf Natsukis Hintern. Finger glitten grob zwischen ihre Beine.

Ein weiterer Blitz aus Panik zuckte durch ihren Geist. Es brauchte nicht viel Fantasie, sich auszumalen, was als Nächstes passieren würde.

Nein. Nein, nein. Nicht. Natsuki bäumte sich auf. Sie stieß sich mit beiden Armen von der Tischplatte ab, schrie ihre ganze Angst, ihre blanke Panik hinaus, dass es in dem gefliesten Schankraum hallte.

Es half nichts. Für einen Augenblick gelang es ihr, den Yakuza zu überraschen, sich ein wenig Freiheit zu erkämpfen, dann schmetterte die Hand sie zurück auf die Tischplatte, hart genug, dass es ihr die Luft aus den Lungen trieb, dass ihr Sterne vor den Augen tanzten.

Sie hörte ein scharfes Schnappen in der Nähe ihres Ohrs. Der Schrei, von dem Aufprall heiser geworden, erstarb auf ihren Lippen.

Die flache Seite des Springmessers drückte gegen ihre Kehle. Jemand griff ihren Kopf, presste ihre Wange auf den Tisch. Heißer Atem in ihrem Nacken, drückend und schwer vom Alkohol. Und die Stimme des jüngsten Yakuza, ein bösartiges Flüstern, ganz nah bei ihrem Ohr.

„Sei besser nett zu uns, Kleines, oder dir passiert was. Hier hört dich sowieso niemand schreien.“

Zum ersten Mal seit zwei Jahren stiegen Natsuki Tränen in die Augen.

„Doch. Jemand hört sie.“

Englisch. Ruhig und nasal. Der Europäer war von seinem Tisch aufgestanden, legte in aller Seelenruhe sein Buch neben die beiden leeren Getränkedosen. Für einen perplexen Moment nahm der Druck in Natsukis Rücken ab, entfernte sich das Messer von ihrer Kehle. Doch sie war sich nicht eben sicher, ob sie dem Mann dankbar sein sollte.

„Du hast keine Ahnung, mit wem Du dich hier anlegst oder, Gaijin?“

Das Englisch des Yakuza war breit und heiser, fast vollkommen unverständlich. Und doch hatte er recht. Der Europäer, so edel sein Anliegen sein mochte, hatte keine Ahnung, mit wem er sich einließ. Schon machte sich einer der beiden Älteren auf, stellte sich dem Gaijin in die Flanke. Und wenn der Junge jetzt irgendeinen Fehler machte, eine Schlägerei anfing, dann würde er sterben. Und Natsuki hatte keinen Zweifel, dass ihr eigenes Leben dann ebenso verwirkt war. Sie wünschte sich inständig, der Tourist würde einfach nur verschwinden, dass es einfach nur alles vorbei wäre.

Aber der Gaijin, aufgerichtet fast einen Kopf größer als die Yakuza, verstand die Zeichen einfach nicht. Und das, obwohl zumindest die beiden, welche Natsuki sehen konnte, inzwischen Messer in den Händen hielten.

Tatsächlich begann der Europäer sogar schwach zu lächeln. Er zog, ohne auch nur eine Miene zu verziehen, die Kopfhörer eines MP3-Spielers aus seinem Hemdkragen, drückte sie sich in die Ohren. Er wechselte fließend ins Japanische, doch seine Stimme war kalt geworden wie Eis.

„Ich könnte dasselbe zu euch sagen.“

Was als nächstes passierte, geschah zu schnell, als dass Natsuki wirklich begriff, was vor sich ging. Der eine Yakuza begann sich auf den Gaijin zuzubewegen. Dieser schlug mit einer fast beiläufigen Bewegung sein Jackett zur Seite, zog etwas von der Hüfte.

Die Pistole wirkte klein, fast unscheinbar am Ende seines ausgestreckten Armes, direkt vor dem Gesicht des angreifenden Yakuzas. Ohne eine Spur des Zögerns, ohne seinen Gegner auch nur anzusehen, feuerte der Europäer dem Mafiosi ins Gesicht.

Ein Blitz, hell genug, um jeden Schatten aus der Bar zu vertreiben, hell genug, dass es Natsuki in die Augen schnitt. Der Knall selbst war monströs, von den Fliesen hundertfach zurück geworfen. Laut genug, dass es ihr in den Ohren pfiff, dass sich jeder Muskel in ihrem eben noch schlaffen Leib verkrampfte.

Der Schädel des Yakuza war kaum mehr als eine zerschmetterte, blutige Ruine, als sein Körper schwer hintüber sackte und dumpf auf der Bühne landete.

Der Schütze selbst hatte dabei nicht einmal mit den Wimpern gezuckt. Und seine Miene verzog sich eben so wenig, als er den Arm mit der Waffe herum schwenkte. Es gelang Natsuki noch, instinktiv die Augen zusammen zu kneifen, doch der Knall raubte ihr endgültig das Gehör. Heiße Flüssigkeit spritzte ihr ins Gesicht, eine Erschütterung traf den Tisch. Natsuki biss sich verzweifelt auf die Lippe. Noch immer rannen ihr die Tränen vom Gesicht, doch sie wagte es nicht, die Augen zu öffnen, und sie hörte nichts mehr außer dem gellenden Pfeifton in ihren Ohren und dem frenetischen Stakkato ihres eigenen Herzens.

Das war zu viel. Im eigenen Leib gefangen zu sein, mit nichts als der blanken Todesangst, das ertrug Natsuki nicht. Obwohl ihr Gehör langsam zurückkehrte, riss sie die Augen auf. Oder sie versuchte es wenigstens, blinzelte durch die Schlieren, wo Tränen und Blut sich auf ihrem Gesicht vermischt hatten.

Nicht ihr eigenes. Nicht ihr eigenes Blut. Sie war sich sicher. Sie war unverletzt. Jedenfalls glaubte sie das. Sie hätte es doch spüren müssen, wenn sie getroffen war, oder? Sie hing noch immer auf dem Tisch, den Körper verkrampft, verzweifelt darauf bedacht, regungslos zu bleiben. Nur keine Aufmerksamkeit erregen, und vielleicht würde das alles vorbeigehen wie ein böser Traum. Ein böser Traum…

Der Gaijin stand noch immer, wo sie ihn zuletzt erblickt hatte. Hoch aufgerichtet, den Blick und die Pistole fest auf einen Punkt außerhalb von Natsukis Blickfeld gerichtet. Eine Stimme drang von dort, gedämpft, beinahe fortgerissen von dem Pfeifen in ihren Ohren. Der jüngste der Yakuza. Doch seine Worte hatten ihre Bosheit, ihren Biss verloren. Nur noch Grauen, nur noch Angst blieben zurück.

„… bitte. Ihr wisst nicht, wer mein Vater ist. Tut mir nichts, und er wird… “

Das Lächeln, das die Mundwinkel des Europäers umspielt hatte, weitete sich aus, wurde zu einem Grinsen. Der Art von überlegenem, schadenfrohem Grinsen, wie man es bei einem Shogi-Spieler sah, der seinem Gegner einen Drachen nahm. Allein, seine ruhige, akzentfreie Sprache verriet nichts von derlei Gefühlen.

„Ich weiß, wer Du bist, Sosuke, und ich weiß, wer dein Vater ist. Ich baue fest darauf, dass er dich rächen wird.“

Der angesprochene Mafiosi stieß bei diesen Worten einen Laut der Angst aus, irgendwo zwischen Atmen und einem panischen Quieken. Und nun troff der Spott doch in die Stimme des Bewaffneten.

„Hey. Hier hört dich sowieso niemand schreien.“

Die Waffe donnerte los. Einmal und noch einmal. Natsuki hörte gar nichts mehr. Selbst der Schrei auf ihren Lippen schien dumpf und fern, erdrückt von brennendem Schmerz in ihren Ohren. Eine Erschütterung, ein Brennen in ihren Knien, als sie von dem Tisch herunter rutschte. Fast von selbst fand sich ihr Körper in einer fetalen Position wieder. Verkrampft, noch immer leicht zitternd, die Knie angezogen, die Hände auf die gemarterten Ohren gepresst. Der Schrei erstarb langsam, wich einem heiseren Wimmern.

Natsuki wartete auf den nächsten Schuss. Auf die Kugel, die ihr Leben nach gerade einmal einundzwanzig Jahren auslöschen sollte.

Und wartete.

Kein weiterer Knall. Kein Blei, das in ihren Körper eindrang, keine Explosion, die sie zerfetzte. Sie lebte noch.

Unmöglich zu sagen, wie lange sie so verharrte. Taub, mit zusammengekniffenen Lidern, fühlte es sich an, als würden Stunden vergehen. Als sie die Augen öffnete, mochten es ebensogut nur Sekunden gewesen sein.

Der Europäer las in diesem Moment mit spitzen Fingern die Patronenhülsen von den Fliesen auf. Natsuki verharrte regungslos. Sie beobachtete, wie der Mann, der letzte Lebende in der Bar, seine Waffe durchlud und dann das beinahe verbrauchte Magazin gegen ein volles austauschte. Der alte Munitionsstreifen wanderte zusammen mit den Hülsen und der ausgeworfenen Patrone in den Rucksack, in dem er auch sein Buch, den MP3-Spieler und die beiden leeren Getränkedosen verstaute.

Erst nachdem die Pistole wieder sicher im Halfter steckte, wandte der Mann sich Natsuki zu. Zwei Schritte und er stand über ihr. Seine Hand glitt zur Brusttasche des Jacketts. Noch während er in die Knie ging, förderte er mit großer Geste ein blütenweißes Taschentuch zu Tage und reichte es vage zu Natsuki herunter.

„Wie geht es deinen Ohren? Verstehst Du schon wieder, was ich sage?“

Natsuki nickte. Schwach, mechanisch. Die Stimme drang von weit her, hallte in ihren Ohren. Doch sie war nicht unfreundlich, nicht bedrohlich. Ganz im Gegenteil. Und bedachte man, dass der Gaijin gerade drei Menschen erschossen hatte, wäre es Natsuki beinah lieber gewesen, der Mann hätte sie angeschrien.

„Es wäre besser, wenn Du dich jetzt abwischst. Das wird nur schwerer, wenn es trocknet. “

Natsuki war sich nicht sicher, ob sie Dankbarkeit empfand, als sie den Stoff entgegennahm, als sie sich vorsichtig aufsetzte und begann, sich das verschmierte Blut aus dem Gesicht zu tupfen.

Ihr Blick lag unterdessen fest auf dem Mann. Halb aus Angst, halb, um nicht auf das Blut und die Leichen schauen zu müssen.

Er war um den Tresen herum, suchte etwas. Sie konnte erkennen, wie er ihr Skizzenbuch aufschlug, hindurch blätterte. Da war es wieder, das Lächeln um seine Mundwinkel. Er verstaute das Buch in ihrer Handtasche, trat mit dem Gepäck in der einen und ihrer Jacke in der anderen hinter der Theke hervor, um ihr beides anzureichen.

„Komm, zieh dich an. Ich glaube kaum, dass uns jemand gehört hat, aber wir sollten trotzdem von hier verschwinden.“

Der Mann erwartete ganz offensichtlich, dass sie mit ihm kam. Natsuki hätte vermutlich in Panik verfallen sollen. Doch Angst kennt Grenzen. Und ihre Panik war schlicht und einfach erschöpft. Sie fühlte sich müde, benommen. Zu taub, um noch von der Angst überwältigt zu werden. Ihre Stimme kam ihr beinah nüchtern vor.

„Ist das eine Entführung?“

Der Mann kicherte. Es wirkte sogar ehrlich, zumindest auf Natsukis mitgenommene Ohren.

„Entführung? Aber nicht doch. Du kannst gern hier bleiben. Irgendwann wird dann die Polizei auftauchen. Sie werden die Leiche identifizieren, und sie werden wieder gehen, als sei nichts passiert. Zehn Minuten später werden andere Männer kommen. Und die werden dich dann entführen. Du kannst natürlich auch versuchen, allein wegzulaufen. Ich wünsche dir viel Glück dabei.“

So freundlich, so sachlich, wie der Mann das aufzählte, klang es nicht einmal wie eine Drohung. Er stellte ganz einfach Tatsachen fest. Natsuki zweifelte nicht daran, dass er recht behalten würde. Sie nahm die Jacke entgegen, streifte sie über. Er hielt ihr noch immer geduldig die abgenutzte Handtasche hin. Natsuki blickte zu ihm auf, versuchte seinen Blick mit dem ihren zu fassen. Nicht leicht bei diesen Augen.

„Und wenn ich mitkomme?“

Er erwiderte den Blick. Ruhig. Ehrlich. Einer seiner Mundwinkel bewegte sich nach oben.

„Dann hast Du eine Chance.“

Er ließ die Tasche in ihren Schoß fallen, stand auf, um seinen Rucksack zu holen, dann begab er sich zur Tür. Seine Stimme hatte noch immer nichts von ihrer Unruhe verloren, als sei dies alles eine völlig normale Situation.

„Komm jetzt. Und pass auf, dass Du nicht in irgendetwas hinein trittst.“

Natsuki hängte sich die Tasche um, zog sich an der Tischkante auf die Füße. Ihre Knie zitterten ein wenig, doch zu ihrer eigenen Überraschung trugen sie. Sie zog ihr T-Shirt glatt, schloss den Reißverschluss der dünnen Lederjacke. Zwei lange, vorsichtig Schritte, den Blick auf die Neonröhren an der Decke gerichtet, und sie hatte es irgendwie geschafft, die Tür zu erreichen, ohne ihre Sneaker mit Blut zu besudeln. Der Mann hatte die Glastür gerade einen Spalt geöffnet, spähte hinaus. Natsuki war selbst überrascht, wie fest und sicher ihre Stimme schon wieder klang.

„Eins noch. Wer bist Du?“

Er schob die Tür vollends auf, und ein Zug der kalten Nachtluft wehte herein. Er verharrte im Rahmen, legte den Kopf zur Seite, bis ein Auge sie sehen konnte. Als er sprach, klang es mehr, als würde er deklamieren, denn eine Unterhaltung führen.

„Mein Name ist Ozymandias, König aller Könige. Ihr Mächtigen, betrachtet meine Werke und verzweifelt.“

Mit diesen Worten wendete er den Blick nach vorn, schritt in die Nacht hinaus. Und Natsuki folgte ihm auf dem Fuß.

*

Die Uhr an der U-Bahnstation zeigte ein Uhr siebzehn. Nach Natsukis Schätzung hatten sie höchstens fünf Minuten für die Strecke gebraucht, die sie sonst gut und gern doppelt so viel Zeit kostete. Der Mann ging schnell, zielstrebig. Zu sicher für einen Ortsfremden und vor allem viel zu sorglos, für jemand, der Minuten zuvor in eine Schießerei verwickelt war.

Natsuki selbst hatte ihre liebe Mühe, überhaupt Schritt zu halten. Als sie endlich die Bahn erreicht hatten, als sie endlich sitzen konnte, dauerte es Minuten, bis Natsuki wieder bei Atem war. Und weitere, in denen sie damit begann, Mut zu sammeln. Bevor es ihr gelang, ergriff der Mann, der ihr nun gegenüber saß, erneut das Wort.

„Hast Du ein Mobiltelefon?“

Sie zuckte zusammen, reichte ihm mit fahrigen Händen das Telefon aus ihrer Jacke. Ein Teil von ihr wollte protestieren, als er das Gerät in einen der vielen kleinen Mülleimer gleiten ließ. Doch sie hütete ihre Zunge. Halb aus Angst, und halb verstand sie sogar, was er tat. Und im Grunde, so sehr ihr Hirn sich dagegen sträubte… ihre Angst begann zu schwinden. Ja, natürlich war der Mann ein wenig seltsam und zweifelsohne gefährlich.

Aber er hatte sie auch davor bewahrt, vergewaltigt zu werden. Vielleicht vor Schlimmerem. Und er hatte sie zu keiner Zeit bedroht. Sie folgte ihm ja aus freien Stücken. Selbst jetzt betrachtete er sie freundlich, lächelte sogar.

Genug Ermutigung für Natsuki, das Wort zu erheben.

„Du hast von einer Chance gesprochen. Was genau hast du gemeint?“

Er grinste, als freue er sich über die Frage, oder als würde sie ihn belustigen.

„Eine Chance, am Leben zu bleiben. Eine Chance, nie wieder kellnern zu müssen. Eine Chance, nie wieder Angst zu haben.“

Keine wirklich zufriedenstellende Antwort. Und sie warf in Natsuki bedeutend mehr Fragen auf, als Antworten zu geben. Doch sie kam nicht dazu, weitere Fragen zu stellen. Noch während sie überlegte, welche Frage ihrem seltsamen Begleiter am ehesten eine brauchbare Antwort entlocken konnte, glitt der Zug in eine neue Station ein. Der Mann erhob sich.

Hibiya. Die Haltestelle, im Viertel Chiyoda, in Tokyos Innenstadt gelegen, nahe des gleichnamigen Parks, war sehr viel sauberer als die Haltestelle, an der sie die Bahn betreten hatten. Von der Gegend, in die Natsuki dem Mann hinauf folgte, ganz zu schweigen. Früher war sie ein paar Mal hier gewesen, wo es Parks gab, Statuen, historische Gebäude. Wo es unendlich hohe Wolkenkratzer gab. Verflucht, war das lange her.

Und doch, sie erkannte das Gebäude, auf das der Mann zusteuerte, noch während sie den Springbrunnen auf dem gewaltigen Vorplatz passierten.

Ein turmhoher, rötlich grauer Bau. Ein Hotel von der Art, die von Schulklassen besichtigt wurde. Natsuki wurde immer neugieriger auf diese Chance.

Paris, Frankreich. 19. Januar, 02:23 p.m.

„Yikes!“

Ein Ausruf, so durch und durch amerikanisch, dass es Prinz Tariq Ibn al Saud ein Lächeln auf das Gesicht trieb. Die Frau, die da gerufen hatte, hieß Carol. Und der Prinz hatte sie soeben am Handgelenk zurückgezogen, dass sie Mühe hatte, sich auf ihren Stöckelschuhen zu halten. Aber natürlich stand er bereit, ihren Sturz abzufangen.

Bereits an den Dreißig vorbei, fühlte Tariq sich doch wie ein kleiner Junge, als er an die Stellwand gepresst nach oben lugte. Die frei stehende Wendeltreppe hinauf, die das Innere der weltberühmten Glaspyramide des Louvre mit dem Cour Carrée verband.

Dort oben, wo gerade zwei Männer in dunklen Anzügen im Begriff waren, eine Frau gen Ausgang zu schieben. Die Frau ihrerseits bemühte sich darum, an den Männern vorbei einen guten Blick nach unten zu erhaschen, und wenn möglich einen Schnappschuss mit der Kamera zu machen, die sie zweifellos irgendwo an ihrem Körper versteckt hatte.

Tariq kannte die Frau, wenigstens vom Sehen. Hatte gelernt, sie zu hassen. Mit einer Penetranz, zu der nur Reporter fähig waren, war die Frau ihm gefolgt. Von seiner Heimat im Emirat bis hierher ins ferne Europa. Bevor er mit dem begonnen hatte, was er inzwischen als seine Mission betrachtete, war ihm klar gewesen, dass die Presse sich auf ihn stürzen würde. Aber er hatte sich dann doch nicht ausgemalt, dass man ihm ganz so hartnäckig nachstellen würde. Als verstünden sie nicht, was er versuchte, als wollten sie es nicht verstehen. Aber viel schlimmer war es an Tagen wie diesem. Tage, die er fern des Rampenlichts verbringen wollte, fern von Politik und Öl und dem Gewitter der Kameras.

In seiner Heimat hätte er die Reporterin einfach ins Gefängnis werfen lassen können. Ein wirklich verlockender Gedanke, das musste er zugeben. Aber diesem Weg hatte Tariq abgeschworen. Ganz gleich wie ermüdend das manchmal sein mochte.

Erst als er sich vergewissert hatte, dass sie unbeobachtet waren, stellte er Carol wieder auf die Beine, die bis dahin geduldig in seinem Arm gehangen hatte.

Vorsichtig strich er der Amerikanerin einige der blonden Strähnen aus dem Gesicht, beugte sich nach unten und drückte ihr einen liebevollen Kuss auf.

Carol ließ es geschehen, doch die Besorgnis stand ebenso auf ihr Gesicht geschrieben, wie sie in ihrer Stimme mitschwang.

„Ist alles in Ordnung?“

Tariq zog die Stirn kraus, blickte ihr in die Augen, bemühte sich zu lächeln.

„Wann ist es das je? Aber keine Sorge. Ich will nicht, dass wir uns auch noch heute damit belasten. Ich hatte dir einen freien Tag versprochen, oder nicht?“

Sie nickte. Dankbarkeit und Vorwurf vermischten sich in ihrem Blick. Tariq hatte seine liebe Mühe, den Blick nicht schuldbewusst auf seine Schuhe zu richten. Zu oft hatte er ihr eine solche Auszeit schon versprochen, und zu oft war irgendetwas dazwischen geraten, wo ihm niemand hätte wichtiger sein sollen.

Sie waren gerade vier Monate verlobt, und sie hatten die meisten Nächte nicht teilen können, von den Abenden ganz zu schweigen. Heute wollte Tariq nun wirklich nicht daran denken, wieviel er ihr zumutete. Nicht mehr lang. Einen Monat noch, nicht einmal mehr ganz, und sie hätten das Gröbste überstanden. Dann sollten andere sich um seine Ideen sorgen. Eine kindische Vorstellung natürlich, er hatte noch einen langen Weg vor sich. Aber wenn die Messe erst überstanden war, würde er sich, nein, ihnen beiden, einen langen Urlaub gönnen.

Er legte seinen Arm um die Schultern der sehr viel kleineren Amerikanerin, und sie machten sich auf den Weg, dem Museumsführer hinterher. Es war gar nicht nötig, noch mehr Worte zu machen. Carol war eine der wenigen Frauen, mit denen Tariq komfortabel schweigen konnte. Sie verstanden sich dennoch.

In den eigens für den Besuch geräumten Hallen des Louvre war es dadurch beinah gespenstisch still. Nur ihrer beider Schritte, fast im Gleichklang. Obwohl er sein ganzes Leben lang Zeit gehabt hatte, sich an derlei Pomp zu gewöhnen, war es Tariq doch noch immer ein bisschen peinlich, den Luxus in Anspruch zu nehmen. Wäre Carol nicht bei ihm gewesen, er hätte vermutlich ganz darauf verzichtet.

Der Kunstverständige schritt keine zehn Meter vor dem Pärchen, doch der Klang seiner Schuhe, seiner Ausführungen, verlor sich unter den hohen Decken. Nicht, dass Tariq den Worten gelauscht hätte. Nicht, dass er die Kunstschätze um ihn her auch nur beachtet hätte. Seine Augen ruhten fest auf dem blonden Schopf, der sich an seine Schulter schmiegte.

Bei allem, was er ihr abverlangte, bei allem, was es für sie bedeuten musste, sich mit einem arabischen Prinzen einzulassen… sie hielt zu ihm.

Zum ersten Mal, nach Monaten, Jahren des Ringens mit alten Männern und neuen Gesetzen, fühlte sich Tariq ganz und gar glücklich.

*

Die Führung durch die Wunder des Museums dauerte für Tariqs Geschmack nicht annähernd lang genug. Und schon auf dem Weg zum Wagen winkte sein Referent ihm aufgeregt zu, wedelte mit einem Mobiltelefon. Tariq hatte sein eigenes in weiser Voraussicht gar nicht erst eingeschaltet. Und er hatte auch jetzt nicht vor, sich den Rest des Tages auf diese Art verderben zu lassen.

Er schenkte dem Mann keinerlei Beachtung. Stattdessen hielt er Carol galant die hintere Tür des schwarzen Bentley auf, ließ die kleine Amerikanerin einsteigen und folgte ihr dann auf die bequeme Lederbank.

Noch während Tariq die Knöpfe seines Anzugs löste, setzte der Wagen sich in Bewegung. Er hob beinah automatisch die Hand, und die beiden Männer auf den Vordersitzen erwiderten seinen Gruß.

Natürlich fiel die Kolonne der drei schwarzen, teuren Wagen im Verkehrsgedränge der Pariser Innenstadt weit weniger auf als auf dem Wüstensand seiner Heimat. Und doch war es Tariq ein wenig unangenehm. Nicht so unangenehm wie die Waffen, die Fahrer und Beifahrer bei sich trugen, genau wie die Insassen der Geleitwagen.

Unangenehm, aber sein Stab hatte Tariq von der Notwendigkeit derart schweren Schutzes überzeugen können. Er hatte für Wirbel gesorgt, für viel Wirbel. Amerikaner, Russen, seine eigenen Landsleute… er war jedem ein Dorn im Auge, der sein Geld mit dem schwarzen Gold verdiente. Und darunter waren vermutlich genug, die um ihres Profits willen nicht vor Mord zurück geschreckt hätten.

So sehr er Waffen verabscheute, es war vermutlich klüger, ein paar davon um sich zu haben, als alles, wofür er gerungen hatte, sein Leben und vor allem Carols, allein in Allahs Hände zu legen.

Es würde ja nicht lange nötig sein, so hoffte er wenigstens. Und überdies war Tariq fest entschlossen, das Beste aus der Situation zu machen, egal was seine Wächter davon hielten.

Das „Chevalière et Corbeau“ war eins der unzähligen Restaurants im Herzen von Paris. Auf der Isle de Saint Louis gelegen, mit Blick über das Wasser und auf die Kathedrale, war dieses hier so teuer, wie seine Lage vermuten ließ.

Nach Tariqs Erfahrung war eine Mahlzeit am eigenen Herd zubereitet schmackhafter als alles, was einem andere servieren konnten, und die Portionen waren bedeutend größer. Doch Carol liebte es, auswärts zu essen, und er machte ihr die Freude gern, nach allem, auf das sie sich für ihn eingelassen hatte.

Das Innere des „Chevalière“ war klein und altmodisch. Die Wände mit dem gleichen edlen Holz getäfelt, aus dem die wenigen schweren Tische bestanden. Es war bei weitem nicht ihr erster Besuch, und der Kellner an der Tür erkannte sie sofort, bedeutete ihnen, dass der übliche Tisch für sie bereit stand.

Also zwängte Tariq sich, mit Carol an der Hand und einem Tross von Leibwächtern im Schlepptau, an den belegten Tischen und der altertümlichen Theke vorbei und die schmale Wendeltreppe hinauf. Hier oben gab es nur zwei Tische, und man konnte über ein niedriges Geländer in den Schankraum sehen. Und hier waren die Holzvertäfelungen alten Regalen gewichen, bis zum Rand gefüllt mit vermutlich noch älteren Büchern.

Tariq zog Carol den Stuhl zurecht und scheuchte einen der Leibwächter fort, als dieser ihm den selben Dienst erweisen wollte. Er warf das Jackett über die Lehne des weichen, lederbezogenen Stuhls und ließ sich darauf fallen.

Sein Blick schweifte kurz über den Schankraum, um dann unwillkürlich wieder auf Carols Gesicht zu landen. Ihre Blicke fanden sich, ihre Finger berührten sich unter der Tischplatte.

Und für einen Augenblick, über das Leuchten in ihrem Blick, vergaß er all die Sorgen, war ihm alles Öl der Welt gleichgültig.

Ein flüchtiger Augenblick, zerrissen von der Hand, die sich mit nervenaufreibender Penetranz auf Tariqs Schulter legte. Worte, nervös in sein Ohr geflüstert.

„Mein Prinz. Der Norweger. Er sagt, es sei dringend.“

Er seufzte, von tiefstem Herzen. Nicht ein Mal, nicht ein einziges Mal.

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