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Fünf vor Zwölf

Inhalt

  1. Cover
  2. Über den Autor
  3. Titel
  4. Impressum
  5. Widmung
  6. Zitat
  7. Prolog
  8. Neun Monate später
  9. 1
  10. 2
  11. 3
  12. 4
  13. 5
  14. 6
  15. 7
  16. 8
  17. 9
  18. 10
  19. 11
  20. 12
  21. 13
  22. 14
  23. 15
  24. 16
  25. 17
  26. 18
  27. 19
  28. 20
  29. 21
  30. 22
  31. 23
  32. 24
  33. 25
  34. 26
  35. 27
  36. 28
  37. 29
  38. 30
  39. 31
  40. 32
  41. 33
  42. 34
  43. 35
  44. 36
  45. 37
  46. 38
  47. 39
  48. 40
  49. 41
  50. 42
  51. 43
  52. 44
  53. 45
  54. 46
  55. 47
  56. 48
  57. 49
  58. 50
  59. 51
  60. 52
  61. 53
  62. 54
  63. 55
  64. 56
  65. 57
  66. 58
  67. 59
  68. 60
  69. 61
  70. 62
  71. 63
  72. 64
  73. 65
  74. 66
  75. 67
  76. 68
  77. 69
  78. 70
  79. 71
  80. 72
  81. 73
  82. 74
  83. 75
  84. 76
  85. 77
  86. 78
  87. 79
  88. 80
  89. 81
  90. 82
  91. 83
  92. 84
  93. 85
  94. 86
  95. 87
  96. 88
  97. Danksagung

David Baldacci, geboren 1960, war Strafverteidiger und Wirtschaftsanwalt, ehe er 1996 mit Der Präsident seinen ersten Roman veröffentlichte, der sofort zum Bestseller wurde; ebenso wie alle folgenden Romane, die weltweit regelmäßig unter den Top 10 zu finden sind. David Baldacci lebt mit seiner Familie in der Nähe von Washington, D. C.

»Es gibt nur eines, was schlimmer ist, als den Wald
vor Bäumen nicht zu sehen:
die Bäume wegen des Waldes nicht zu sehen.«

Anonymus

Prolog

Aufhören! Bitte, hört auf …«

Der Mann war über den kalten Metalltisch gebeugt. Sein Körper wand sich krampfhaft, die Augen waren fest zusammengepresst, seine Stimme überschlug sich, und er atmete abgehackt, als wäre jeder Atemzug sein letzter. Durch Kopfhörer wurden seine Gehörgänge von einer Druckwelle aus Wörtern angefüllt, die anschließend sein Hirn überschwemmte. In einer schweren Gurtkonstruktion, die man ihm um den Oberkörper geschnallt hatte, waren mehrere Sensoren befestigt. Außerdem trug er eine Kappe mit Elektroden, die seine Hirnströme maßen. Der Raum war hell erleuchtet.

Bei jedem Audio-Stich, jeder Video-Attacke krampfte der Körper des Mannes sich zusammen, als wäre er vom Schlag eines Schwergewichtlers getroffen worden.

Dann brach der Mann in Tränen aus.

In einem angrenzenden, abgedunkelten Raum beobachtete eine kleine Gruppe das Geschehen fasziniert durch einen Einwegspiegel.

In dem Raum mit dem gepeinigten Mann hing ein großer Monitor, zweieinhalb Meter breit und knapp zwei Meter hoch. Die digitalisierten Bilder zeigten streng geheime Daten und Aufnahmen, die nur sehr wenige Personen in der Regierungsspitze kannten und die geheime Aktivitäten rund um den Globus enthüllten. Es gab gestochen scharfe Bilder von verdächtigen Truppenbewegungen in Korea entlang des achtunddreißigsten Breitengrades und Satellitenbilder von Bauvorhaben im Iran, die unterirdische Raketensilos zeigten, zusammen mit aufwallenden thermischen Silhouetten eines Atomreaktors in vollem Betrieb.

Überwachungsfotos aus großer Höhe enthüllten die Nachwirkungen einer von Terroristen verursachten Explosion auf einem pakistanischen Markt, wo zerfetztes Gemüse und Körperteile den Boden bedeckten.

Es gab ein Echtzeitvideo von einem Konvoi schwerer Militärfahrzeuge in Russland, die sich auf einer Mission befanden, durch die ein dritter Weltkrieg ausgelöst werden konnte.

Aus Indien gingen Daten über eine Terroristenzelle ein, die in dem Bemühen, regionale Unruhen auszulösen, zeitgleiche Angriffe auf sensible Ziele plante.

In New York City waren verfängliche Fotos von einem bedeutenden Politiker entstanden, die ihn zusammen mit einer Frau zeigten, die nicht seine Ehefrau war.

Aus Paris ging eine Flut von Zahlen und Namen ein, die Geheimdienstinformationen über die Finanzen krimineller Unternehmungen enthüllten. Die Daten bewegten sich so schnell, dass sie wie eine Million Sudoku-Spalten erschienen, die mit Hyperspeed übermittelt wurden.

Aus China schließlich kamen geheime Informationen über einen möglichen Staatsstreich gegen die Führung des Landes.

Von Tausenden Geheimdienstverbindungszentren, über die gesamten Vereinigten Staaten verteilt, strömten Informationen über verdächtige Aktivitäten, die entweder von Amerikanern durchgeführt wurden oder von Ausländern, die im Inland operierten. Von den Five-Eyes-Verbündeten – den Vereinigten Staaten, Großbritannien, Kanada, Australien und Neuseeland – kam eine Zusammenstellung streng geheimer Meldungen von immenser Wichtigkeit.

Unablässig strömten aus aller Welt die Daten ein, übermittelt in High-Definition-Qualität. Wäre es ein Spiel für Xbox- oder PS3-Konsolen gewesen, wäre es das aufregendste und schwierigste Spiel aller Zeiten gewesen. Doch was auf dem Bildschirm gezeigt wurde, war kein Spiel. Es ging um Menschen, die wirklich lebten, wirklich starben – in jeder Sekunde, an jedem Tag. In den höchsten Rängen der Spionagewelt war diese Übung als die »Mauer« bekannt.

Der über den Metalltisch gebeugte, schluchzende Mann war klein und schlank. Seine Haut war hellbraun, sein Haar kurz und schwarz, seine Augen groß und rot von Tränen. Er war einunddreißig Jahre alt, sah aber aus, als wäre er in den vergangenen vier Stunden um zehn Jahre gealtert.

»Bitte, hören Sie auf«, jammerte er. »Ich stehe das nicht durch … Ich kann das nicht …«

Bei dieser Bemerkung rührte sich der größte Mann hinter dem Spiegel. Peter Bunting war siebenundvierzig Jahre alt. Und dies hier war sein Betätigungsfeld. Er lebte es, atmete es. Zumindest ein Teil seines Gehirns dachte nie an etwas anderes. Sein Haar war im Verlauf der letzten sechs Monate ergraut – aus Gründen, die unmittelbar mit der »Mauer« zusammenhingen.

Buntings Jackett, sein Hemd und die Hose waren maßgeschneidert. Obwohl er den Körperbau eines Athleten besaß, hatte er niemals Leistungssport betrieben. Doch er war ehrgeizig und hochintelligent. Mit neunzehn Jahren hatte er das College abgeschlossen, besaß ein Stanford-Diplom und war Rhodes-Stipendiat gewesen. Sein Markenzeichen war eine perfekte Mischung aus strategischem Weitblick und Cleverness. Obendrein war er vermögend und hatte gute Beziehungen, obgleich die Öffentlichkeit ihn nicht kannte. Er hatte allen Grund, zufrieden mit sich zu sein, wäre nicht dieser Mann hinter der Scheibe gewesen.

Bunting schaute auf den Tablet-Computer, den er in der Hand hielt. Er hatte dem Mann zahlreiche Fragen gestellt; die Antworten mussten irgendwo in dem Datenfluss verborgen sein. Doch er hatte keine einzige Antwort erhalten.

Ein älterer Mann in einem zerknitterten Anzughemd breitete in einer Geste der Hilflosigkeit die Arme aus. »Das Problem ist, dass er als ein E-Fünfer eingestuft ist, Mr. Bunting.«

»Offensichtlich bringt dieser Fünfer es nicht«, blaffte Bunting zurück.

Sie drehten sich um und schauten ein weiteres Mal durch den Spiegel, als der Mann im angrenzenden Raum sich die Kopfhörer herunterriss und schrie: »Ich will raus, verdammt noch mal! Sofort! Niemand hat mir gesagt, dass es so ist!«

Bunting legte seinen Tablet auf einen Tisch und lehnte sich gegen die Wand. Der Mann im Nachbarraum hieß Sohan Sharma. Er war ihre letzte und größte Hoffnung gewesen, die Stelle des Analysten auszufüllen – eine einzigartige, herausragende Position.

»Sir?«, fragte der jüngste Mann in der Gruppe. Er war knapp dreißig, doch sein langes, widerspenstiges Haar und seine Gesichtszüge ließen ihn viel jünger erscheinen. Sein Adamsapfel hüpfte nervös auf und ab.

Bunting rieb sich über die Schläfen. »Ich höre, Avery.« Er hielt inne, um geräuschvoll ein paar Tums-Pastillen zu zerkauen, um sein Magenbrennen zu unterbinden. »Erzählen Sie aber nur das Wesentliche. Ich bin ziemlich gestresst, wie Sie sehen können.«

»Sharma ist ein echter Fünfer, Sir. Erst als er an die ›Mauer‹ kam, ist er zusammengebrochen.« Er blickte auf die Reihe von Computermonitoren, die Sharmas Vital- und Gehirnfunktionen überwachten. »Seine Theta-Wellen haben die Grenze überschritten, die klassische Folge extremer Informationsüberflutung. Es begann ungefähr eine Minute, nachdem wir die Datenflussleistung der ›Mauer‹ auf das Maximum hochgefahren hatten.«

»Ja, so viel habe ich selbst schon herausgefunden.« Bunting zeigte mit der Hand auf Sharma, der nun weinend auf dem Boden lag. »Aber ein echter Fünfer – und das ist das Ergebnis? Wie ist das möglich?«

»Das Hauptproblem ist«, antwortete Avery, »dass es exponentiell mehr Daten gibt, mit denen der Analyst überschüttet wird. Zehntausend Stunden Videofilme. Einhunderttausend Meldungen. Vier Millionen Verzeichnisse für Zwischenfälle. Der tägliche Eingang von Satellitenbildern macht ein Vielfaches an Terabytes aus, und zwar nachdem sie gefiltert worden sind. Die erfasste Signalaufklärung beträgt Tausende von Stunden. Jeden Tag strömen in jeder Sekunde Meldungen aus einer Million unterschiedlicher Quellen herein. Verglichen mit den zur Verfügung stehenden Daten vor nur zwanzig Jahren ist es so, als würde man einen Fingerhut Wasser nehmen und ihn in eine Million Pazifische Ozeane verwandeln. Beim letzten Analysten hatten wir aus der Not heraus den Datenfluss in einem beträchtlichen Ausmaß heruntergefahren.«

»Und was wollen Sie mir damit sagen, Avery?«, fragte Bunting.

»Möglicherweise sind wir an die Grenzen des menschlichen Geistes gestoßen.«

Bunting schaute reihum auf die anderen. Keiner von ihnen konnte ihm in die Augen schauen. In der feuchten Luft, die vom Schweiß auf ihren Gesichtern hervorgerufen wurde, schienen elektrische Entladungen zu knistern.

»Es gibt nichts Machtvolleres als ein menschliches Hirn, dessen Leistungsfähigkeit ausgeschöpft wird«, erklärte Bunting mit ruhiger, bedächtiger Stimme. »Ich würde keine zehn Sekunden gegen die ›Mauer‹ bestehen, weil ich vielleicht zehn Prozent meiner grauen Zellen benutze. Doch ein E-Fünfer lässt sogar Einsteins Hirn wie das eines Fötus aussehen. Nicht einmal ein Cray-Supercomputer kommt dem nahe. Ein solches Gehirn ist ein Quantenrechner aus Fleisch und Blut. Es kann linear, räumlich und geometrisch arbeiten – in jeder Dimension, in der wir es benötigen. Es ist das perfekte analytische Instrument.«

»Ich verstehe, Sir, aber …«

»Das wurde durch sämtliche Untersuchungen bewiesen, die wir jemals gemacht haben.« Buntings Stimme wurde schneidender. »Das ist das Evangelium, auf dem alles beruht, was wir hier tun. Und was noch wichtiger ist: Es ist das, was wir gemäß unserem Zweieinhalb-Milliarden-Dollar-Vertrag zur Verfügung stellen müssen und wovon jeder Mistkerl in der Welt der Geheimdienste abhängt. Das habe ich auch dem Präsidenten der Vereinigten Staaten deutlich gemacht und jedem, der sich in der von ihm ausgehenden Befehlskette politischer Macht befindet. Und jetzt sagen Sie mir, das ist alles nicht wahr?«

Avery blieb standhaft. »Das Universum mag zwar ständig expandieren, aber allem anderen sind Grenzen gesetzt.« Er wies auf den Raum hinter dem Spiegel, wo Sharma immer noch weinte. »Und genau das ist es vielleicht, worauf wir im Augenblick schauen. Die ultimative Grenze, die sich nicht überschreiten lässt.«

»Wenn es stimmt, was Sie sagen«, entgegnete Bunting, »sind wir im Arsch. Die ganze zivilisierte Welt. Wir sind erledigt. Geschichte. Fertig. Die bösen Jungs werden siegen. Dann können wir alle nach Hause gehen und auf Armageddon warten. Glückwunsch, Taliban und El Kaida, ihr Scheißkerle. Spiel, Satz und Sieg. Ihr gewinnt.«

»Ich verstehe Ihren Unmut, Sir, aber wir dürfen das Offensichtliche nicht ignorieren.«

»Dann besorgen Sie mir einen Sechser!«

Der junge Mann schaute Bunting verwundert an. »So etwas wie einen Sechser gibt es nicht.«

»Unsinn! Das dachten wir auch über einen Fünfer.«

»Trotzdem …«

»Finden Sie einen verdammten Sechser! Keine Diskussionen! Tun Sie es einfach, Avery.«

»Jawohl, Sir.«

»Was passiert mit Sharma?«, wollte der ältere Mann wissen.

Bunting drehte sich um und schaute auf den schluchzenden Analysten. »Führen Sie das Ausstiegsverfahren durch. Lassen Sie ihn die üblichen Dokumente unterschreiben. Und machen Sie ihm klar, dass man ihn wegen Hochverrats anklagen und er den Rest seines Lebens in einem Bundesgefängnis verbringen wird, wenn er zu irgendjemandem auch nur ein Sterbenswort über das hier sagt.«

Während Bunting den Raum verließ, wurde Sohan Sharma zu einem wartenden Transporter geführt, in dem drei Männer warteten. Kaum war Sharma eingestiegen, schlang einer von ihnen, ein muskulöser Kerl, einen Arm um Sharmas Hals, den anderen um seinen Kopf. Dann riss er beide Arme ruckartig in verschiedene Richtungen. Mit hörbarem Knacken brach Sharmas Genick.

Der Transporter fuhr mit der Leiche davon.

Neun Monate später

 

1

Das kleine Düsenflugzeug setzte hart auf der Landebahn in Portland, Maine, auf, erhob sich sogleich wieder in die Luft und setzte erneut auf, diesmal noch härter. Selbst der Pilot fragte sich wahrscheinlich, ob er den Fünfundzwanzig-Tonnen-Jet auf dem Asphalt halten könnte. Wegen eines Sturms hatte er sich an eine extrem steile Flugbahn und eine höhere Geschwindigkeit herangewagt. Doch eiskalte Scherwinde hatten an den Tragflächen des Jets gezerrt. Immerhin hatte der Copilot die Passagiere vorgewarnt, dass die Landung holprig und mehr als nur unbequem sein würde.

Er hatte recht behalten. Die stürmische und steile Flugbahn hatte dazu geführt, dass die meisten der vier Dutzend Passagiere sich krampfhaft an die Armlehnen klammerten. Manche bewegten die Lippen in lautlosem Gebet, andere griffen nach den Kotztüten. Als die Radbremsung und die Schubumkehr einsetzten und die Geschwindigkeit der Maschine sich merklich verlangsamte, atmeten die Passagiere auf.

Ein Mann jedoch hatte tief und fest geschlafen und erwachte erst, als das Flugzeug von der Landebahn auf das Rollfeld zum kleinen Terminal wechselte. Die große, dunkelhaarige Frau, die neben ihm saß, blickte müßig aus dem Fenster. Sie schien völlig unbeeindruckt vom turbulenten Anflug und der holprigen Landung.

Nachdem sie am Gate angekommen waren und der Pilot das Triebwerk abgeschaltet hatte, erhoben sich Sean King und Michelle Maxwell und holten ihre Taschen aus dem Gepäckfach über ihnen. Als sie sich zusammen mit den anderen Passagieren durch den engen Mittelgang bewegten, sagte hinter ihnen eine Frau, der sichtlich übel war: »Das war aber eine holprige Landung!«

Sean blickte sie an, gähnte und rieb sich den Nacken. »Finden Sie?«

Die Frau schaute ihn verwundert an und richtete den Blick dann auf Michelle. »Macht er Witze?«

»Wenn Sie im Bauch einer C-17 bei niedriger Flughöhe mitten in einem Gewittersturm auf Notsitzen gehockt haben und dabei alle zehn Sekunden dreihundert Meter nach unten gesackt sind – und wenn dabei direkt neben ihnen vier gepanzerte Fahrzeuge angekettet sind und Sie sich Gedanken darüber gemacht haben, ob eines davon sich gleich lösen, durch die Seite des Flugzeugrumpfes krachen und Sie mit sich in die Tiefe reißen wird –, war diese Landung hier ziemlich harmlos.«

»Warum in aller Welt haben Sie das getan?«, erkundigte sich die Frau mit weit aufgerissenen Augen.

»Das frage ich mich selbst jeden Tag«, erwiderte Sean.

Er und Michelle hatten Reisetaschen dabei, die als Handgepäck durchgingen. Dennoch mussten sie bei der Gepäckausgabe warten, um einen fünfzig Zentimeter langen, verschlossenen Hartschalenkoffer abzuholen. Er gehörte Michelle. Sie nahm den Koffer auf und schob ihn in ihre Reisetasche.

Sean betrachtete sie mit amüsiertem Gesichtsausdruck. »Du bist die Königin des kleinsten kontrollierten Koffers aller Zeiten.«

»Bis es so weit ist, dass man verantwortungsvolle Menschen mit geladenen Schusswaffen in Flugzeuge lässt, muss dieser Trick reichen. Besorg den Mietwagen. Ich bin in einer Minute zurück.«

Sean wurde bleich. »Du machst Scherze.«

»Keine Bange«, erklärte Michelle, klappte ihre Brieftasche auf und zeigte ihm eine Karte. »Ich habe eine Lizenz.«

»Wie hast du das hingekriegt? Wir arbeiten erst seit ein paar Tagen an diesem Fall. So schnell konntest du keine Lizenz bekommen. Man muss einen Berg Papierkram erledigen und sechzig Tage auf die Antwort warten.«

»Stimmt. Aber mein Dad ist ein guter Freund vom Gouverneur. Ich habe ihn angerufen, und er hat den Gouverneur angerufen.«

»Wie nett.«

Michelle ging zur Damentoilette, öffnete den verschlossenen Koffer und lud rasch ihre Pistole. Dann steckte sie die Waffe ins Holster und ging zum Parkhaus, das sich neben dem Terminal befand; hier hatten die Mietwagenfirmen ihre Büros. Dort fand sie Sean, der gerade die Formulare für den Wagen ausfüllte, den sie für den nächsten Abschnitt ihrer Reise brauchten. Michelle zeigte ebenfalls ihren Führerschein, da sie die meiste Zeit am Steuer sitzen würde.

»Kaffee?«, sagte sie. »Da gibt es ein nettes Plätzchen im Terminal.«

»Du hattest doch diesen riesigen Becher, den du mit in den Flieger genommen hast.«

»Das ist lange her. Und von hier aus ist es eine lange Fahrt bis zu unserem Ziel. Ich brauche den Schuss Koffein.«

»Ich habe geschlafen. Ich kann fahren.«

Sie riss ihm die Schlüssel aus der Hand. »Glaub das ja nicht.«

»Hey, ich hab The Beast gefahren, schon vergessen?«, entgegnete er. The Beast war eine interne Bezeichnung für die gepanzerte Limousine des US-Präsidenten.

Michelle richtete den Blick auf das Anhängeschildchen am Mietwagenschlüssel. »Dann wäre der Ford-Hybrid, den du gemietet hast, keine Herausforderung für dich. Wahrscheinlich werde ich den ganzen Tag brauchen, um ihn auf hundert Sachen zu bringen. Ich werde dir das Leid und die Demütigung ersparen.«

Sie bestellte sich einen extragroßen schwarzen Kaffee, Sean einen Donut mit Streusel. Er aß noch, als er auf dem Beifahrersitz Platz nahm. Anschließend wischte er sich die Hände ab und schob den Sitz nach hinten, soweit es in dem Kompaktklasse-Wagen möglich war. Dennoch blieb seine einsachtundachtzig große Gestalt in einer ungemütlich gekrümmten Haltung. Letztlich endeten seine Bemühungen damit, dass er die Füße aufs Armaturenbrett legte.

Als Michelle es bemerkte, sagte sie: »Der Airbag knallt raus. Er wird deine Füße direkt durch das Glas schmettern und sie dir amputieren, wenn sie gegen das Metalldach prallen.«

Sean blickte sie an, und sein sonst so entspanntes Gesicht verdüsterte sich. »Dann tu nichts, was den Airbag zur Explosion bringt.«

»Auf andere Fahrer habe ich keinen Einfluss.«

»Du hast darauf bestanden, der Mann am Steuer zu sein … Entschuldigung, die Person am Steuer. Also tu dein Bestes, um mich sicher und bequem zu kutschieren.«

»In Ordnung, Herr und Gebieter«, spöttelte sie.

Nachdem sie anderthalb Kilometer schweigend gefahren waren, sagte Michelle: »Wir reden wie ein altes Ehepaar.«

Er schaute sie wieder an. »Wir sind nicht alt, und wir sind auch nicht verheiratet. Es sei denn, du hast mir tatsächlich etwas untergejubelt.«

Sie zögerte. Schließlich sprach sie es aus: »Wir haben miteinander geschlafen.«

Sean wollte etwas erwidern, schien sich dann aber eines Besseren zu besinnen.

»Es verändert die Dinge«, fügte Michelle hinzu.

»Wieso?«

»Es ist nicht mehr bloß eine berufliche Angelegenheit. Es ist persönlich. Eine Grenzlinie wurde überschritten.«

Sean setzte sich auf und zog die Füße aus der gefährlichen Reichweite des Airbags. »Und jetzt bedauerst du es? Du hast den ersten Schritt getan, wenn ich mich recht entsinne. Du hast dich nackt vor mir ausgezogen.«

»Ich habe ja nicht gesagt, dass ich irgendwas bedaure, denn so ist es nicht.«

»Ja. Es ist passiert, weil wir beide wollten, dass es passiert.«

»Und wie stehen wir jetzt da?«

Sean lehnte sich im Sitz zurück und blickte aus dem Fenster. »Ich bin mir nicht sicher.«

»Großartig. Genau das, was ich hören wollte.«

Er schaute zu ihr und bemerkte ihre angespannte Miene.

»Nur weil ich nicht sicher bin, wohin das alles führt, wird das, was zwischen uns geschehen ist, doch nicht herabgesetzt. Die Sache ist kompliziert.«

»Ja«, sagte Michelle. »So ist es immer. Für den Kerl.«

»Wenn es für die Frauen einfach ist, dann sag mir, was wir deiner Ansicht nach tun sollten.«

Als sie nicht antwortete, fuhr er fort: »Sollen wir davonrennen, einen Priester suchen und es offiziell machen?«

Sie warf ihm einen kurzen Blick zu. »Meinst du das im Ernst?«

»War bloß so ein Gedanke. Da scheinst du ja keine zu haben.«

»Möchtest du heiraten?«

»Möchtest du?«

»Das würde die Dinge wirklich ändern.«

»Ja.«

»Vielleicht sollten wir es langsam angehen lassen.«

»Vielleicht.«

Sie klopfte aufs Lenkrad. »Tut mir leid, dass ich wegen der Sache so plötzlich auf dich losgegangen bin.«

»Kein Problem. Außerdem haben wir gerade Gabriels Leben mithilfe einer großartigen Familie in Ordnung gebracht. Auch das war eine große Veränderung. Es langsam anzugehen ist im Augenblick das Richtige. Gehen wir zu schnell vor, machen wir möglicherweise einen Fehler.«

Gabriel war ein elfjähriger Junge aus Alabama, den Sean und Michelle zeitweilig in ihre Obhut genommen hatten, nachdem seine Mutter getötet worden war. Derzeit lebte er bei der Familie eines FBI-Agenten, den sie beide kannten. Es war bereits ein offizielles Adoptionsverfahren eingeleitet worden, damit der Agent und seine Frau Gabriel an Kindes statt annehmen konnten.

»Okay«, pflichtete Michelle ihm bei.

»Und jetzt müssen wir einen Job erledigen. Darauf sollten wir uns konzentrieren.«

»Das ist also deine Prioritätenliste? Das Berufliche steht über dem Privaten?«

»Nicht unbedingt. Aber wie du gesagt hast: Es ist eine lange Fahrt. Und ich möchte darüber nachdenken, warum wir zum einzigen bundesstaatlichen Hochsicherheitsgefängnis für Unzurechnungsfähige unterwegs sind, um einen Kerl zu treffen, dessen Leben auf dem Spiel steht.«

»Wir fahren dorthin, weil sein Anwalt und du sich seit Langem kennen.«

»Ja. Hast du dich in den Fall Edgar Roy eingearbeitet?«

Michelle nickte. »Beschäftigter im öffentlichen Dienst, der alleine im ländlichen Virginia lebte. Sein Leben war ziemlich durchschnittlich, bis die Polizei die Überreste von sechs Menschen entdeckte, die in seiner Scheune vergraben waren. Die Beweise gegen ihn scheinen erdrückend zu sein.«

Sean nickte ebenfalls. »Roy wurde in seiner Scheune gefunden. Er hielt eine Schaufel in der Hand, hatte Dreck an der Hose und stand vor den Überresten von sechs Leichen, die in einem Loch begraben waren, an das er augenscheinlich letzte Hand legte.«

»Ein wenig schwierig, darauf vor Gericht herumzutanzen«, meinte Michelle.

»Was für ein Pech, dass Roy kein Politiker ist.«

»Wieso?«

Sean lächelte. »Wäre er Politiker, könnte er diese Geschichte umdrehen und behaupten, er sei in Wirklichkeit dabei gewesen, die Opfer aus dem Loch auszugraben, um sie zu retten.«

»Jedenfalls wurde er verhaftet und fiel bei einer Vernehmung durch, bei der man seine Zurechnungsfähigkeit überprüft hat«, sagte Michelle. »Dann wurde er nach Cutter’s Rock geschickt. Aber wieso nach Maine? Hat Virginia keine geeigneten Einrichtungen?«

»Aus irgendeinem Grund wurde es eine Bundesangelegenheit. Dadurch kam das FBI ins Spiel. Und wenn Unzurechnungsfähigkeit festgestellt wird, landet man in der Regel in einem Hochsicherheitsgefängnis des FBI. Einige davon haben psychologische Abteilungen, doch in Edgar Roys Fall wurde entschieden, dass das nicht ausreichte. Das St. Elizabeth’s in Washington wäre das Richtige gewesen, aber es wurde verlegt, um Platz für ein neues Hauptquartier des Heimatschutzministeriums zu machen, und den neuen Standort hielt man nicht für sicher genug. Daher war Cutter’s Rock die einzige Möglichkeit.«

»Warum dieser eigenartige Name? ›Fels des Kutters‹?«

»Dort ist es nun mal felsig. Kutter bezeichnet einen Schiffstyp, und Maine ist ein Seefahrerstaat.«

»Ich vergaß, dass du mal Seebär warst.« Michelle schaltete Radio und Heizung ein und schauderte. »Mann, ist das kalt. Dabei ist noch nicht mal Winter.«

»Wir sind hier in Maine. Hier kann es zu jeder Jahreszeit kalt sein. Überprüf mal, auf welchem Breitengrad wir sind.«

»So was lernt man, wenn man lange Zeit in abgeschlossenen Räumen verbringt.«

»Jetzt klingen wir tatsächlich wie ein altes Ehepaar.«

Sean drehte die Lüftung ganz auf, zog den Reißverschluss seines Anoraks hoch und schloss die Augen.

2

Wie üblich fuhr Michelle mit Bleifuß. Der Ford jagte die Interstate 95 entlang, an den Orten Yarmouth und Brunswick vorbei und auf Augusta zu, der Hauptstadt des Bundesstaates. Sobald sie Augusta hinter sich gelassen hatten, ging es durch ausgedehnte Wälder, denen der Vollmond einen silbrigen Glanz verlieh. Sie passierten ein Hinweisschild, das vor Elchen warnte, die den Highway überquerten.

»Elche?«, rief sie und blickte auf Sean.

»Der Elch ist das landestypische Tier in Maine«, sagte er, ohne die Augen zu öffnen. »Wäre besser, einen Zusammenstoß zu vermeiden. Die wiegen mehr als dieser Ford. Und sie können ganz schön mies drauf sein. Bringen dich im Nu um.«

»Woher weißt du das? Bist du jemals mit einem Elch aneinandergeraten?«

»Nein, aber ich bin ein großer Fan von Animal Planet

Sie fuhren noch eine Stunde weiter. Michelle behielt die Umgebung ständig im Auge – eine Angewohnheit, die ihr beim Secret Service eingedrillt worden war und die sie nach dem Ausscheiden nicht hatte abschütteln können. Doch als Privatdetektivin wollte sie diese Gewohnheit auch gar nicht ablegen. Beobachtungen führten dazu, dass man vorgewarnt war. Und vorgewarnt zu sein war ratsam, besonders, wenn jemand einen zu töten versuchte, was gewisse Leute ziemlich oft mit Michelle Maxwell und Sean King vorhatten.

»Irgendwas fehlt hier«, stellte Michelle nach einer Weile fest.

Sean öffnete die Augen. »Und was?«

»Wir sind auf der Interstate 95. Sie verläuft von Florida nach Maine. Sehr lange Asphaltstrecke. Eine große Reiseroute. Transportweg für Urlaubsgäste an der Ostküste.«

»Und weiter?«

»Na, wir sind das einzige Auto seit mindestens einer halben Stunde, und zwar in beiden Richtungen. Was ist passiert? Hat es einen Atomkrieg gegeben, und niemand hat es uns gesagt?« Sie drückte mit der Fingerspitze auf die Sendersuchlauftaste des Radios. »Ich brauche Nachrichten. Ich brauche Zivilisation. Ich muss wissen, dass wir nicht als Einzige überlebt haben.«

»Entspann dich. Es ist sehr abgeschieden hier. Jede Menge Platz, aber nicht jede Menge Menschen. Ein Großteil der Bevölkerung lebt in der Nähe der Küste – in Portland, von wo wir hergekommen sind. Der Rest des Bundesstaates hat viel Land und wenige Menschen zu bieten. Maine ist so groß wie alle anderen Neuenglandstaaten zusammen. Sobald wir an Bangor vorbei sind und nach Norden fahren, wird es sogar noch einsamer. Die Interstate endet nahe der Stadt Houlton. Dann nimmst du die Route 1 für den Rest der Strecke hinauf zur nördlichen Spitze der kanadisch-amerikanischen Grenze.«

»Was gibt’s da?«

»Orte wie Presque Isle, Fort Kent und Madawaska.«

»Und Elche?«

»Nehme ich an.«

»Hätten wir nicht nach Bangor fliegen können? Die haben doch einen Flughafen.«

»Aber keine Direktflüge. Die meisten Flüge haben zwei oder drei Zwischenlandungen. Wir hätten auch von Baltimore aus starten können, wären dann aber auf einen Anschlussflug in LaGuardia angewiesen, und das ist immer riskant. Und wir müssten immer noch mit einem Wagen nach Baltimore, und die 95 kann ein Albtraum sein. Es ist schneller und sicherer, so zu reisen.«

»Du bist wirklich eine Quelle nützlichen Wissens. Bist du schon oft in Maine gewesen?«

»Einer der früheren Präsidenten, die ich beschützt habe, hat hier einen Sommersitz.«

»Meinst du das Anwesen von George Bush bei Walker’s Point?«

»Du hast es erfasst.«

»Aber das ist an der südlichen Küste von Maine. Kennebunkport. Wir sind darübergeflogen, kurz vor der Landung in Portland.«

»Wunderschöne Gegend. Wir folgten Bush in unserem Rennboot, konnten aber nie an ihm dranbleiben. Der Kerl kennt keine Furcht. Sein zehn Meter langes Schnellboot, die Fidelity III., hat mehr als achthundert PS, verteilt auf drei Honda-Außenbordmotoren. Der Mann liebte es, mit Vollgas auf den Atlantik hinauszubrettern. Ich fuhr im Bewachungsboot und versuchte, mit ihm mitzuhalten. Das war das einzige Mal, dass ich im Dienst gekotzt habe.«

»Aber die Gegend dort ist nicht so abgeschieden wie diese hier«, meinte Michelle.

»Stimmt, da gibt’s viel mehr Menschen.« Sean schaute auf die Uhr. »Aber ist es schon spät. Die meisten Leute hier in der Gegend stehen wahrscheinlich bei Tagesanbruch auf, um zur Arbeit zu gehen. Das bedeutet, dass sie aller Wahrscheinlichkeit nach jetzt schon im Bett liegen.« Er gähnte. »Ich wünschte, das Gleiche würde auch bei mir zutreffen.«

Michelle überprüfte das Navigationssystem. »Bei Bangor verlassen wir die Autobahn und fahren nach Osten zur Küste.«

Sean nickte. »Zwischen den Städten Machias und Eastport. Direkt am Wasser. Gibt ’ne Menge Nebenwege. Gar nicht einfach, dorthin zu kommen. Aber das ist gut so, weil es dann auch nicht einfach ist, von da wegzukommen, wenn ein gemeingefährlicher Irrer es geschafft hat, aus der Anstalt auszubrechen.«

»Ist schon mal jemand aus Cutter’s Rock geflohen?«

»Nicht dass ich wüsste. Falls es wirklich jemandem gelungen sein sollte, hatte er zwei Fluchtmöglichkeiten: die Wildnis oder das kalte Gewässer des Golfs von Maine. Keines von beiden ist besonders angenehm. Außerdem können die Leute in Maine ziemlich rabiat sein. Nicht mal ein gemeingefährlicher Irrer würde sich wünschen, sie zu verärgern.«

»Heute Nacht schließen wir uns also Bergin an?«

»Genau. Im Martha’s Inn, wo wir übernachten.« Sean schaute auf die Uhr. »In ungefähr zweieinhalb Stunden. Edgar Roy sehen wir dann morgen Vormittag um zehn.«

»Wie hast du Bergin noch mal kennengelernt?«

»Er war mein Juraprofessor an der University of Virginia. Patenter Kerl. Hat vor seiner Hochschulkarriere als Rechtsanwalt gearbeitet. Ein paar Jahre nach meinem Abschluss hat er sein Praxisschild wieder rausgehängt. Offenbar hat er als Verteidiger gearbeitet. Besitzt eine Kanzlei in Charlottesville.«

»Wie ist es dazu gekommen, dass er einen Verrückten wie Edgar Roy vertritt?«

»Er ist auf hoffnungslose Fälle spezialisiert, nehme ich an. Aber ich weiß nicht, was für eine Verbindung er zu Edgar Roy hat. Ich schätze, er wird uns auch darüber ins Bild setzen.«

»Du bist niemals näher darauf eingegangen, weshalb Bergin uns engagiert hat.«

»Weil ich es nicht genau weiß. Er hat angerufen und gesagt, er mache Fortschritte im Fall Roy. Es sei aber notwendig, dass im Rahmen seiner Vorbereitungen, den Fall vor Gericht zu vertreten, Nachforschungen angestellt würden – von Leuten, denen er vertrauen könne.«

»Welche Fortschritte meint er? Als ich mir die Unterlagen angeschaut habe, hatte ich eher den Eindruck, dass die nur darauf warten, dass Roy wieder zu Verstand kommt, damit sie ihn verurteilen und hinrichten können.«

»Ich behaupte ja nicht, dass ich verstehe, was für eine Theorie Bergin hat. Am Telefon wollte er nicht darüber reden.«

Michelle zuckte die Achseln. »Ich nehme an, dass wir es bald herausfinden.«

Sie bogen von der Interstate ab. Michelle fuhr in östlicher Richtung auf Straßen, deren Belag immer schlechter und die zunehmend kurvenreicher wurden. Als sie sich der Atlantikküste näherten, drang der salzige Geruch des Meeres ins Auto.

»Fisch – mein Lieblingsduft«, bemerkte Michelle spöttisch.

»Gewöhn dich daran. Er gehört in dieser Gegend zum Alltag.«

Sie befuhren einen besonders einsamen Abschnitt der Landstraße – Michelle schätzte, dass sie eine halbe Stunde von ihrem Ziel entfernt waren –, als in der silberhellen Nacht ein anderes Paar Scheinwerferlichter erschien. Nur dass sie sich nicht auf der Straße befanden, sondern auf dem Seitenstreifen. Michelle verringerte das Tempo, während Sean das Seitenfenster herunterfahren ließ, um besser sehen zu können.

»Warnblinklichter«, stellte er fest. »Da hat jemand eine Panne.«

»Sollen wir ranfahren?«

»Ja. Könnte sein, dass es hier oben nicht mal ein Mobilfunknetz gibt.« Er reckte den Kopf zum Fenster hinaus, um das Fahrzeug besser erkennen zu können. »Sieht wie ein Buick aus. Ich bezweifle, dass jemand einen Buick benutzen würde, um arglose Autofahrer in eine Falle zu locken.«

Michelle berührte ihre Waffe im Holster. »Und ich bezweifle, dass wir als arglose Autofahrer durchgehen.«

Sie bremste ab, lenkte den Ford auf den Seitenstreifen und hielt hinter dem anderen Wagen. Die Warnleuchten blinkten immer wieder auf. In der schier unermesslichen Weite des Küstengebietes von Maine sah es einsam und verloren aus.

»Jemand ist auf dem Fahrersitz«, bemerkte Michelle, als sie den Gangwahlhebel des Fords in die Park-Position schob. »Die einzige Person, die ich sehen kann.«

»Vielleicht fürchtet er sich wegen uns. Ich steig aus und beruhige ihn.«

»Okay. Ich deck dir den Rücken, für alle Fälle.«

Sean schwang seine langen Beine nach draußen und näherte sich dem Wagen langsam von der Beifahrerseite. Der Kies, mit dem der Standstreifen spärlich belegt war, knirschte unter seinen Schuhen, und sein Atem bildete kleine Wölkchen in der kühlen Luft. Irgendwo zwischen den Bäumen hörte er den Schrei eines Tieres.

»Brauchen Sie Hilfe?«, rief er.

Keine Antwort.

Die Warnleuchten blinkten weiter.

Sean schaute auf sein Handy, das er in der linken Hand hielt. Auf dem Display waren kleine Balken zu sehen: Mobilfunkempfang gab es hier jedenfalls.

»Haben Sie eine Panne? Sollen wir einen Abschleppwagen rufen?«

Nichts.

Sean erreichte das Auto und klopfte an das Seitenfenster. »Hallo? Alles in Ordnung?«

Durch die Scheibe sah er die Silhouette des Fahrers. Es war ein Mann. »Alles in Ordnung, Sir?«

Der Mann rührte sich nicht.

Seans nächster Gedanke war, dass ein medizinischer Notfall vorlag. Vielleicht ein Herzinfarkt.

Nebel, der vom Meer kam, trübte das Mondlicht. Es war so dunkel im Wageninnern, dass Sean kaum Einzelheiten erkennen konnte. Er hörte, dass sich eine Wagentür öffnete, drehte sich um und sah, wie Michelle ausstieg, die Hand auf dem Griff ihrer Waffe. Sie warf ihm einen fragenden Blick zu.

»Ich glaube, der Mann braucht einen Arzt«, sagte Sean, ging um den Wagen herum zur Fahrerseite und klopfte ans Fenster. In der Dunkelheit waren die Umrisse des Mannes das Einzige, was er sehen konnte. Das pulsierende Licht der Warnblinker beleuchtete das Wageninnere und tauchte die Umgebung in geisterhaftes rotes Licht, bevor es wieder dunkel wurde, als würde das Auto sich in der einen Sekunde aufheizen und in der nächsten erkalten.

Wieder pochte Sean gegen die Scheibe.

»Sir? Alles in Ordnung?«

Keine Reaktion.

Sean legte die Hand auf den Türgriff. Sie war nicht abgeschlossen. Als er sie öffnete, kippte der Mann zur Seite; nur noch der Sicherheitsgurt hielt ihn im Wagen. Sean packte ihn an der Schulter und richtete ihn auf, während Michelle herbeigeeilt kam.

»Herzinfarkt?«, fragte sie.

Sean schaute ins Gesicht des Fremden. »Nein.«

»Woher weißt du das?«

Sean benutzte das Licht seines Handys, um die Schusswunde zwischen den Augen des Mannes zu beleuchten. Im Innern des Wagens waren überall Blut und gräuliche Spritzer von Hirnmasse zu sehen.

»Eine Kontaktwunde«, stellte Michelle nüchtern fest. »Man kann sehen, dass die Waffenmündung und die Visiermarkierung in seine Haut eingebrannt sind. Ich glaube nicht, dass ein Elch das getan hat.«

Sean sagte nichts.

»Schau in seiner Brieftasche nach irgendwelchen Ausweisen, Sean.«

»Das brauche ich nicht.«

»Warum nicht?«

»Weil ich ihn kenne«, entgegnete Sean.

»Und wer ist das?«

»Ted Bergin. Mein alter Professor – und Edgar Roys Anwalt.«

3

Zuerst tauchte die Ortspolizei auf, ein Deputy des Washington County in einem verbeulten, verstaubten Wagen mit Achtzylinder-V-Motor. Das Auto war ein amerikanisches Fabrikat und mit einer ganzen Reihe von Kommunikationsantennen ausgestattet, die aus dem Kofferraum ragten. Mit einer Hand an der Dienstwaffe stieg er aus dem Streifenwagen; sein starrer Blick war auf Sean und Michelle geheftet. Vorsichtig kam er näher.

Sie erzählten ihm, was geschehen war. Der Deputy schaute sich den Leichnam an, murmelte »Verdammt« und rief sofort Verstärkung.

Fünfzehn Minuten später hielten zwei Streifenwagen der Maine State Police hinter ihnen. Die Polizisten – jung, groß und schlank – stiegen aus den aquamarinfarbenen Autos. Ihre blauen Uniformen schienen in dem schwachen, diesigen Licht wie farbiges Eis zu leuchten. Der Tatort wurde sichergestellt und eine Absperrung errichtet. Sean und Michelle wurden von den Troopers befragt. Einer von ihnen hackte die Antworten in einen Laptop-Computer, den er aus seinem Streifenwagen geholt hatte.

Als Sean ihnen erzählte, wer sie waren, was sie vorhatten, wer Ted Bergin war und dass er Edgar Roy vertrat, ging einer der Troopers zur Seite und sprach in sein Hand-Mikro. Vermutlich rief er Kollegen herbei.

Während sie auf die Verstärkung warteten, fragte Sean: »Ihr wisst über Edgar Roy Bescheid?«

»Jeder hier in der Gegend weiß über Edgar Roy Bescheid«, antwortete einer der Polizisten.

»Wieso kennt ihn jeder?«, erkundigte sich Michelle.

»Das FBI wird so schnell wie möglich hier sein«, sagte der Trooper, der zur Seite getreten war.

»FBI?«, rief Sean aus.

Der Trooper nickte. »Edgar Roy ist Häftling in bundesstaatlichem Gewahrsam. Wir haben eindeutige Anweisungen aus Washington. Wenn irgendwas passiert, was mit Roy zu tun hat, wird das FBI hinzugezogen. Genau das habe ich gerade getan. Genauer gesagt, ich habe es dem Lieutenant erzählt, und der hat das FBI eingeschaltet.«

»Wo ist die nächste FBI-Außenstelle?«, wollte Michelle wissen.

»In Boston.«

»Boston? Aber wir sind in Maine.«

»Das FBI unterhält keine offizielle Außenstelle in Maine. Es läuft alles über Boston, Massachusetts.«

»Es ist ein langer Weg bis nach Boston«, sagte Sean. »Müssen wir bleiben, bis die anderen herkommen? Wir sind ziemlich groggy.«

»Unser Lieutenant ist auf dem Weg. Reden Sie mit ihm.«

Zwanzig Minuten später traf der Lieutenant ein. Er zeigte kein Mitgefühl. »Warten Sie ab« war alles, was er Michelle und Sean zu sagen hatte, ehe er sich von ihnen wegdrehte, um sich mit seinen Männern zu besprechen und sich den Tatort genauer anzusehen.

Ein paar Minuten später erschien die Spurensicherung. Sean und Michelle saßen auf der Motorhaube ihres Fords und beobachteten die Vorgänge. Bergin wurde von einem amtlichen Leichenbeschauer offiziell für tot erklärt. Einigen Gesprächsfetzen war zu entnehmen, dass die Kugel immer noch im Kopf des Toten steckte.

»Keine Austrittswunde, runde Kontaktstelle, wahrscheinlich kleinkalibrige Waffe«, bemerkte Michelle.

»Aber tödlich«, fügte Sean hinzu.

»Wie fast jede Kontaktwunde am Kopf. Der Schädel zerbricht, Gehirngewebe wird von der Welle kinetischer Energie pulverisiert, massive Blutungen. Das alles in Sekundenbruchteilen.«

»Danke, ich kenne den Vorgang«, erwiderte Sean trocken.

Während sie dort saßen, schauten die Polizisten aus Maine von Zeit zu Zeit zu ihnen herüber.

»Sind wir Tatverdächtige, oder was?«, fragte Michelle.

»Jeder ist so lange Tatverdächtiger, bis er es nicht mehr ist.«

Einige Zeit später kam der Lieutenant zu ihnen. »Der Colonel ist auf dem Weg hierher«, erklärte er.

»Und wer ist das?«, erkundigte Michelle sich höflich.

»Der Chef der Maine State Police, Ma’am.«

»Okay«, sagte sie. »Aber wir haben unsere Aussagen gemacht.«

»Sie beide kannten den Verstorbenen?«

»Ich kannte ihn«, antwortete Sean.

»Und Sie sind ihm hierher gefolgt?«

»Wir sind ihm nicht gefolgt. Das habe ich Ihren Leuten bereits erklärt. Wir wollten uns hier in der Nähe mit ihm treffen.«

»Ich wäre Ihnen dankbar, wenn Sie mir das genauer erklären könnten, Sir.«

Wir sind tatsächlich Tatverdächtige, ging es Sean durch den Kopf.

Er ging die einzelnen Abschnitte ihrer Reise durch.

»Sie behaupten also, Sie wussten nicht, dass der Mann hier an der Straße stand? Sie waren rein zufällig die Ersten am Tatort?«

»Das ist richtig«, erwiderte Sean.

Der Mann neigte seinen breitkrempigen Hut nach hinten. »Ich mag kein zufälliges Zusammentreffen von Ereignissen.«

»Ich auch nicht«, sagte Sean. »Aber manchmal passiert es. Und es gibt nicht viele Häuser und Leute hier in der Gegend. Der Mann war zu demselben Ort unterwegs wie wir und benutzte dafür dieselbe Straße. Und es ist schon spät. Wenn jemand zufällig auf ihn stoßen musste, dann wir.«

»Deshalb ist es gar kein so zufälliges Zusammentreffen«, fügte Michelle hinzu.

Der Mann schien ihr nicht zuzuhören. Er schaute auf die Ausbeulung ihrer Jacke. Seine Hand bewegte sich zur Waffe, und er gab einen leisen Pfeifton von sich, was fünf seiner Männer augenblicklich dazu veranlasste, sich neben ihn zu stellen.

»Tragen Sie eine Waffe, Ma’am?«, fragte er.

Die anderen Polizisten zeigten eine angespannte Körperhaltung. Sean erkannte an den ängstlichen Blicken der beiden Troopers, die zuerst am Tatort gewesen waren, dass man ihnen später die Hölle heiß machen würde, weil sie eine solch offenkundige Tatsache übersehen hatten.

»Ja«, antwortete Michelle.

»Warum wissen meine Männer nichts davon?«

Er warf den beiden Troopers, die so bleich wie der Mond geworden waren, einen düsteren Blick zu.

»Sie haben mich nicht gefragt«, erwiderte Michelle.

Der Lieutenant zog seine Pistole. Einen Augenblick später waren sechs Schusswaffen auf Sean und Michelle gerichtet.

»Warten Sie«, sagte Sean. »Sie hat eine Genehmigung. Und mit der Pistole wurde nicht geschossen.«

»Sie beide legen jetzt die Hände auf den Kopf, die Finger ineinander verschränkt. Na los!«

Sie gehorchten.

Michelle wurde die Pistole abgenommen, die einer der Beamten umgehend überprüfte. Dann wurden sie nach weiteren Waffen abgesucht.

»Die Munition ist noch vollständig, Sir«, meldete der Polizist, der sich Michelles Waffe angeschaut hatte, dem Lieutenant. »In letzter Zeit ist nicht damit geschossen worden.«

»Wie man’s nimmt … wir wissen schließlich nicht, wie lange der Mann bereits tot ist. Und es ist nur eine einzige Kugel. Man braucht sie nur zu ersetzen, um wieder ein volles Magazin zu bekommen.«

»Ich habe ihn nicht erschossen«, erklärte Michelle mit fester Stimme.

»Wenn wir tatsächlich die Täter wären, glauben Sie, wir hätten dann hier herumgehangen und die Polizei gerufen?«, fügte Sean spöttisch hinzu.

»Darüber habe nicht ich zu entscheiden«, entgegnete der Lieutenant und reichte einem seiner Männer Michelles Waffe. »Beutel und Kennzeichnung.«

»Ich habe eine Genehmigung für die Waffe«, sagte Michelle.

»Lassen Sie mich das Dokument sehen.«

Sie reichte es ihm. Er überflog es, bevor er es zurückgab. »Genehmigung oder nicht – das spielt keine Rolle, wenn Sie die Waffe benutzt haben, um den Mann dort zu erschießen.«

»Die Eintrittswunde stammt von einer kleinkalibrigen Waffe, und es gibt keine Austrittswunde«, stellte Michelle fest. »Bei einem Schuss aus mittlerer Entfernung wäre Schießpulver zurückgeblieben und hätte sich in die Haut eingebrannt. In diesem Fall aber wurde das Pulver in den Wundkanal hineingeblasen. Das Ende der Mündung hat sich in die Haut des Mannes gebrannt. Sieht aus wie Kaliber .22 oder .32. Letzteres hat einen Acht-Millimeter-Durchmesser. Meine Waffe hätte ein Loch gerissen, das um fast die Hälfte größer gewesen wäre. Wenn ich dem Mann tatsächlich die Pistolenmündung direkt ins Gesicht gehalten und ihn erschossen hätte, hätte die Patrone sein Gehirn und die Kopfstütze durchschlagen. Wahrscheinlich hätte es sogar die Heckscheibe zertrümmert und wäre noch anderthalb Kilometer weit geflogen.«

»Ich weiß, was Ihre Waffe vermag, Ma’am«, erklärte der Lieutenant. »Es ist eine HK45 – das Modell, das wir auch bei der State Police benutzen.«

»Genau genommen ist es eine verbesserte Version der Waffe, mit der ihr gerade auf uns zeigt.«

»Verbessert?«

»Ja. Ihre Waffe ist ein älteres, einfacheres Modell. Meine HK ist ergonomischer und hat aufgrund der Neugestaltung ein Magazin für zehn Patronen anstatt für zwölf. Ein Griff mit Fingerrillen und zusätzlichem Griffrücken ermöglicht es, dass die Pistole tiefer in der Hand ruht, was zu einer optimierten Bedienbarkeit und einer besseren Handhabung des Rückstoßes führt. Dann gibt es noch einen erweiterten, für Rechtsund Linkshänder geeigneten Schlitten sowie eine universelle Picatinny-Schiene anstelle der firmeneigenen USP-Schiene für Ausrüstteile von H&K. Außerdem hat meine Waffe einen O-Ring um den polygonalen Lauf. Mit ihr kann man so ziemlich alles abschießen, was zwei Beine hat – und das mit einem kompakten, kaum achthundert Gramm schweren Modell. Außerdem wurde sie direkt hinter der Grenze in New Hampshire hergestellt.«

»Sie wissen eine Menge über Schusswaffen, Ma’am.«

»Sie ist Waffenliebhaberin«, warf Sean ein, der in den Augen seiner Partnerin eine wachsende Verärgerung über den herablassenden Tonfall des Mannes erkannte.

»Sollten Mädchen etwa nichts über Schusswaffen wissen, Lieutenant?«, sagte Michelle.

Der Lieutenant grinste, nahm seinen Hut ab und fuhr mit einer Hand durch sein blondes Haar. »In diesem Teil von Maine weiß so ziemlich jeder, wie man eine Schusswaffe benutzt. Sogar meine kleine Schwester hat immer besser geschossen als ich.«

»Na, da haben wir’s ja«, sagte Michelle, deren Ärger angesichts des freimütigen Eingeständnisses verflog. »Und Sie können meine Hände abtupfen und nach Schmauchspuren untersuchen. Sie werden nichts finden.«

»Sie könnten Handschuhe getragen haben«, entgegnete der Polizist.

»Ich könnte viele Dinge getan haben. Wollen Sie nun den Schmauchspurtest machen oder nicht?«

Der Lieutenant gab einem Techniker der Spurensicherung ein Zeichen, der den Test sowohl bei Michelle als auch bei Sean vornahm. Die Analyse führte der Mann an Ort und Stelle durch.

»Sauber«, verkündete er.

»Na, wie steht’s jetzt damit?«, sagte Michelle.

»Sie beide sind also Privatdetektive?«, fragte der Lieutenant.

Sean nickte. »Bergin hat uns engagiert, um beim Fall Edgar Roy zu helfen.«

»Was wollten Sie da helfen? Der Mann ist so schuldig, wie er nur sein kann.«

»Genau wie Sie gesagt haben: Darüber haben nicht wir zu entscheiden«, entgegnete Sean.

»Sind Sie in Maine zugelassen?«

»Wir haben die Papiere eingereicht und die Gebühr bezahlt«, antwortete Sean. »Jetzt warten wir auf den Bescheid.«

»Das heißt dann wohl nein. Sie sind nicht zugelassen, oder?«

»Wir haben bislang noch keine Ermittlungen durchgeführt. Haben uns nur bemüht, etwas über den Job herauszubekommen. Außerdem haben wir die Papiere eingereicht, so schnell wir konnten. Es ist nur eine Formalität. Wir werden die Zulassung erhalten.«

»Privatdetektive haben einen beruflichen Hintergrund. Was ist Ihrer? Militär? Rechtsvollzug?«

»Secret Service«, antwortete Sean.

Der Lieutenant und seine Männer schauten zuerst Sean, dann Michelle mit plötzlichem, erkennbarem Respekt an.

»Alle beide?«, fragte der Lieutenant.

Sean nickte.

»Gehörten Sie der Leibwache des Präsidenten an?«

»Mr. King war einer von ihnen«, erwiderte Michelle. »Ich musste niemals zum Weißen Haus, bevor ich den Secret Service verließ.«

»Warum sind Sie aus dem Dienst ausgeschieden?«

Sean und Michelle tauschten einen kurzen Blick.

»Wir hatten genug«, erklärte Sean. »Wollten etwas anderes machen.«

»Dagegen ist nichts einzuwenden.«

Fünfundvierzig Minuten später hielt ein weiteres Auto. Der Lieutenant schaute hinüber. »Das ist Colonel Mayhew. Na, der hat ja ein Höllentempo vorgelegt. Ich glaube, er war heute Abend in der Nähe von Skowhegan.«

Er eilte davon, um seinen Vorgesetzten zu begrüßen. Der Colonel war groß und breitschultrig. Wenngleich in den Fünfzigern, hatte er seine schlanke Figur bewahrt. Seine Augen blickten ruhig und wachsam; sein Auftreten war forsch und sachlich zugleich. In Seans Augen sah er aus wie eine Figur aus einem von Hollywood inspirierten Plakat für die Anwerbung von Polizisten.

Colonel Mayhew wurde über die Situation informiert und warf einen Blick auf den Leichnam; dann kam er zu Michelle und Sean herüber. Nachdem sie sich einander vorgestellt hatten, fragte Mayhew: »Wann hatten Sie das letzte Mal Kontakt mit Mr. Bergin?«

»Ein Telefonat vor ein paar Stunden, gegen halb sechs am frühen Abend«, antwortete Sean. »Kurz bevor wir ins Flugzeug gestiegen sind.«

»Was hat er gesagt?«

»Dass er uns dort treffen wollte, wo wir wohnen werden.«

»Und wo ist das?«

»Martha’s Inn.«

Der Colonel nickte. »Da ist es gemütlich, und das Essen schmeckt.«

»Schön zu hören«, merkte Michelle an.

»Sonst noch was von Bergin? E-Mails? Texte?«

»Nichts. Ich habe nachgeschaut, bevor wir ins Flugzeug gestiegen sind, und dann noch einmal gleich nach der Landung. Gegen neun Uhr habe ich noch versucht, ihn anzurufen, aber es hat sich niemand gemeldet. Ich habe eine Nachricht auf der Mailbox hinterlassen. Sagen Sie, Colonel, haben Sie schon eine Vorstellung, wie lange er tot ist?«

Der Colonel ignorierte die Frage. »Haben Sie andere Autos gesehen?«

»Nein, nur Bergins Wagen«, antwortete Sean. »Das hier ist eine ziemlich einsame Strecke. Und wir haben keinerlei Hinweise auf ein anderes Fahrzeug gesehen, das möglicherweise bei seinem Wagen angehalten hat. Obwohl … es würde wahrscheinlich auch keine Spuren geben, falls ein anderer Wagen hier war, es sei denn, er hat Öl verloren oder so etwas.«

»Sie haben also keine Ahnung, wohin Bergin diese Nacht unterwegs gewesen sein könnte?«

»Ich nehme an, er wollte uns im Martha’s Inn treffen.«

»Wissen Sie, wo Bergin gewohnt hat? Ebenfalls im Martha’s Inn?«

»Nein, da gibt es keine freien Zimmer mehr.« Sean durchsuchte seine Taschen, holte sein Notizbuch hervor und blätterte ein paar Seiten um. »Er hat im Gray’s Lodge gewohnt.«

»Das kenne ich auch. Liegt näher bei Eastport. Nicht so gut wie Martha’s Inn.«

»Ich nehme an, Sie sind hier viel herumgekommen«, sagte Michelle.

»Das nehme ich auch an«, erwiderte der Colonel gelassen. Er schaute zum Wagen. »Die Sache ist nur die … Sollte Bergin aus der Gegend von Eastport gekommen sein, wäre sein Auto in die entgegengesetzte Richtung gefahren. Sie sind aus Südwesten gekommen. Eastport ist nordöstlich von hier. Und er wäre niemals so weit gefahren. Die Abzweigung nach Martha’s Inn ist ungefähr acht Kilometer weiter auf dieser Straße.«

Sean blickte zu dem Fahrzeug hinüber und schaute dann den Colonel an. »Ich weiß nicht, was ich dazu sagen soll. So haben wir Bergin jedenfalls vorgefunden. Sein Auto zeigte mit der Front in dieselbe Richtung wie unseres.«

»Kompliziert«, meinte der Colonel.

Sean hob den Blick, als ein schwarzer Cadillac Escalade mit quietschenden Bremsen zum Stehen kam und vier Männer in FBI-Windjacken aus dem Wagen sprangen. Die bundesstaatliche Kavallerie aus Boston war angekommen.

Und damit wird alles noch viel komplizierter, dachte Sean.

4

Der Name des Lead Agents war Brandon Murdock. Er war ungefähr so groß wie Michelle und spindeldürr, aber sein Händedruck erwies sich als überraschend kräftig. Sein Haar war dicht und entsprechend den Vorgaben des FBI kurz geschnitten. Seine Stimme war tief, sein Verhalten effizient. Zuerst wurde er vom Lieutenant über die Lage informiert. Anschließend sprach er ein paar Minuten unter vier Augen mit Colonel Mayhew, dem höchstrangigen Polizeibeamten aus Maine, der vor Ort war. Anschließend überprüfte er den Leichnam und das Auto. Dann kam er zu Sean und Michelle.

»Sean King und Michelle Maxwell«, sagte er.

Irgendetwas in seinem Tonfall verleitete Michelle zu der Frage: »Sie haben schon von uns gehört?«

»Was man sich in Washington erzählt, dringt bis in den Norden.«

»Tatsächlich?«, entfuhr es Sean.

»Special Agent Chuck Waters und ich sind zusammen zur Akademie gegangen und haben immer noch Kontakt.«

»Waters ist ein fähiger Mann.«

»Das ist wahr.« Murdock blickte zum Wagen hinüber. Das Geplauder war vorüber. »Also, was können Sie mir sagen?«

»Ein toter Anwalt. Schusswunde am Kopf. Er war hier, um Edgar Roy zu vertreten. Möglicherweise gefiel jemandem das nicht.«

Murdock nickte. »Oder es könnte Zufall gewesen sein.«

»Fehlen Geld oder irgendwelche Wertsachen?«, fragte Michelle.

»Nicht, soweit wir es bis jetzt sagen können«, antwortete der Lieutenant. »Uhr und Handy sind noch da. Ebenso die Brieftasche, die offenbar niemand angerührt hat.«

»Dann ist er vermutlich kein zufälliges Opfer.«

»Und er könnte den Angreifer gekannt haben«, fügte Sean hinzu.

»Warum glauben Sie das?«, fragte Murdock.

»Das Fenster an der Fahrerseite.«

»Was ist damit?«

Sean zeigte auf das Auto. »Erlauben Sie?«

Sie gingen hinüber zum Buick.

Während alle zuschauten, wies Sean erst auf das Fenster, dann auf den Leichnam. »Eintrittswunde am Kopf, eine Menge Blutspritzer. Keine Austrittswunde, also ist das gesamte Blut aus der Stirn ausgetreten. Es dürfte wie aus einer Springquelle gespritzt sein. Das Lenkrad, Bergin selbst, das Armaturenbrett, der Sitz, die Windschutzscheibe – alles voller Blutspritzer. Sogar ich bekam welche ab, als ich die Wagentür geöffnet habe und der Tote zur Seite kippte.« Er zeigte auf das saubere Fenster. »Aber hier ist nichts.«

»Weil das Fenster heruntergelassen war, als der Schuss fiel«, folgerte Michelle.

Murdock nickte. »Und dann hat der Mörder das Fenster wieder hochgefahren, denn Bergin war offenkundig nicht mehr in der Lage dazu. Aber warum?«

»Ich weiß es nicht. Es war dunkel, deshalb hat der Täter vielleicht nicht bemerkt, dass die Scheibe sauber war. Andernfalls hätte er Blut darauf schmieren können, um uns zu verwirren. Die forensische Untersuchung von Blutspritzern hat allerdings einen solchen Grad an Perfektion erreicht, dass die Polizei so etwas sofort durchschauen würde. Und vielleicht hat der Todesschütze auch die Warnblinkanlage eingeschaltet, um uns glauben zu machen, Bergin hätte eine Panne gehabt oder das Auto von sich aus angehalten. Aber wenn man bedenkt, dass jemand zu dieser nächtlichen Zeit von der Straße abfährt und das Seitenfenster seines Wagens herunterlässt …? Nun, das ist sehr aufschlussreich.«

»Sie haben recht. Das bedeutet, dass der Autofahrer die Person kennt«, stimmte Murdock zu. »Gut beobachtet.«

Sean betrachtete die Troopers. »Nun, es könnte auch eine andere Erklärung geben. Die Person, die ihn angehalten hat, trug möglicherweise Uniform.«

Die State Troopers starrten ihn verärgert an. »Es war keiner meiner Männer«, sagte Mayhew gereizt, »das kann ich Ihnen versichern.«

»Ich bin der Einzige, der heute Nacht in diesem Sektor Schicht hat«, meldete sich der Beamte aus dem Bezirk zu Wort. »Und ich bin mir todsicher, dass ich den Mann nicht erschossen habe.«

»Ich beschuldige niemanden«, beteuerte Sean.

»Aber Sie haben recht«, sagte Murdock. »Es könnte jemand in Uniform gewesen sein.«

»Ein Betrüger in Uniform«, stellte Michelle richtig.

»Schwierig, so was hier oben durchzuziehen«, meinte Mayhew. »Die Uniform zu bekommen und einen Streifenwagen der Polizei. Und man hätte gesehen werden können. Ein großes Risiko.«

»Es ist eine Möglichkeit, die wir überprüfen müssen«, sagte Murdock.

»Wie lange ist er schon tot?«, fragte Sean.

Murdock warf einem der Kriminaltechniker einen Blick zu. »Nach unserer derzeitigen Einschätzung etwa vier Stunden«, antwortete der Mann. »Wir werden nach der forensischen Untersuchung eine verbindlichere Zeitangabe haben.«

Sean blickte auf die Uhr. »Das bedeutet, wir haben den Mörder um etwa dreißig Minuten verpasst. Wir haben in der Zeit davor kein Auto an uns vorbeifahren sehen. Also … wer immer das getan hat, muss in die andere Richtung weggefahren oder von der Straße abgebogen sein.«

»Es sei denn, der oder die Verbrecher waren zu Fuß unterwegs«, sagte Murdock und schaute in die düstere Landschaft. »Doch wenn es ein Betrüger in Uniform gewesen ist, dürfte er in einem Auto gesessen haben. Ich bezweifle, dass Bergin angehalten hätte, nur weil jemand in Uniform die Straße entlangspaziert.«

Mayhew räusperte sich. »Meine Männer haben die nähere Umgebung durchsucht und nichts gefunden. Am Vormittag werden wir in der Lage sein, eine gründlichere Suchaktion durchzuführen.«

»Wo ist die nächste Straße?«, erkundigte sich Sean.

»Knapp einen Kilometer von hier, in dieser Richtung«, erwiderte der Lieutenant und zeigte nach Osten.

»Der Todesschütze könnte zu seinem Auto gegangen sein, das dort geparkt war«, sagte Murdock.

»Zu riskant«, widersprach Michelle. »Ein geparktes Auto auf einer Straße wie dieser hier zurückzulassen würde sofort Verdacht erregen. Es hätte immer die Gefahr bestanden, dass ein Polizist anhält und den Wagen überprüft.«

»Dann ein Komplize«, sagte Murdock. »Der Mann wartet im Wagen. Der Mörder marschiert durch den Wald, um zu vermeiden, dass jemand auf der Straße sie sieht. Er gelangt zum Auto, und weg sind sie.«

Sean blickte zu dem Polizisten vom Washington County hinüber, der als erster Cop am Tatort gewesen war. »Haben Sie ein anderes Auto gesehen, das wie dieses hier geparkt hat?«

Der Polizist schüttelte den Kopf. »Ich bin allerdings aus derselben Richtung wie Sie gekommen.«

»Auf den Straßen in der Nähe lassen wir Polizisten Streife fahren«, sagte Mayhew. »Sie achten auf alles Auffällige und halten nach Personen Ausschau, die einen verdächtigen Eindruck machen. Inzwischen sind allerdings Stunden vergangen. Der Täter könnte schon weit weg sein. Oder er hat sich irgendwo versteckt.«

»Ich frage mich, wohin Bergin unterwegs war«, sagte Murdock nachdenklich.

»Nun, er sollte uns im Martha’s Inn treffen«, erklärte Sean. »Aber jetzt wissen wir, dass er in der falschen Richtung unterwegs war. Um zum Martha’s Inn zu gelangen, wäre er von der Straße abgebogen, noch bevor er diese Stelle hier erreicht hat. Falls er überhaupt von Eastport gekommen ist.«

Murdock nickte nachdenklich. »Stimmt. Also wissen wir immer noch nicht, wohin er wollte. Aber wenn er nicht unterwegs war, um Sie zu treffen – wohin wollte er dann? Und mit wem?«

»Vielleicht ist die Antwort ganz einfach«, meinte Michelle. »Aus irgendeinem Grund war er irgendwo südlich oder westlich von hier und hat sich dann auf den Weg zum Martha’s Inn gemacht, um uns zu treffen. In dem Fall wäre er auf derselben Straße und in dieselbe Richtung wie wir gefahren.«

Sie alle dachten darüber nach. Murdock schaute den Colonel an. »Irgendwelche Vermutungen, wohin er gefahren sein könnte, falls sich diese Theorie als richtig erweist?«

Mayhew rieb sich die Nase. »Da gibt es nicht viel den Weg hier runter – es sei denn, er hat jemanden zu Hause besucht.«

»Wie wär’s mit Cutter’s Rock?«, schlug Sean vor.

»Wenn er von Gray’s Lodge abgefahren sein sollte, um nach Cutter’s zu gelangen, wäre er überhaupt nicht auf dieser Straße gewesen«, erwiderte der Lieutenant.

Mayhew nickte und fügte hinzu: »Und Cutter’s Rock ist jetzt geschlossen. Keine Besucher nach Einbruch der Dunkelheit.«

Murdock drehte sich zu Sean um. »Hat er jemanden hier in der Gegend gekannt, den er Ihnen gegenüber mal im Gespräch erwähnte?«

»Der Einzige, von dem er bei unseren Gesprächen geredet hat, war Edgar Roy.«

»Richtig, sein Mandant«, sagte Murdock.

»Wir sind uns darüber im Klaren, dass Roy auf einer bundesstaatlichen Kennzeichnungsliste steht«, erklärte Sean. »Sobald etwas passiert, was auch nur entfernt mit ihm in Verbindung steht, werdet ihr Jungs eingeschaltet.«

Murdocks Gesichtsausdruck zeigte deutlich, wie sehr es ihm missfiel, dass Sean davon wusste. »Wo haben Sie das gehört?«, wollte er wissen.

Hinter sich konnte Sean beinahe die Wärme spüren, die das Gesicht des Polizisten ausstrahlte, der diese Tatsache ihm gegenüber beiläufig erwähnt hatte.

»Ich glaube, Bergin hat es mir erzählt, als wir vorgestern miteinander geredet haben. Ihr Jungs vom FBI wisst alles über seine anwaltliche Vertretung von Edgar Roy, richtig?«

Murdock wandte sich von ihm ab. »Okay, lasst uns mit der Abarbeitung des Areals zu einem Ende kommen. Ich will Bilder, Videos, sämtliche Fasern, Haare, Blutspritzer, Abdrücke, DNA-Spuren, Fußabdrücke und alles andere, was es da draußen noch gibt. Auf geht’s!«

Michelle wandte sich Sean zu. »Ich glaube, er hat uns nicht mehr lieb.«

»Können wir gehen?«, fragte Sean.

Murdock drehte sich wieder um. »Nachdem wir von Ihnen Fingerabdrücke, DNA-Abstriche und die Abdrücke Ihrer Schuhe bekommen haben.«

»Natürlich nur dazu, um etwas auszuschließen«, erklärte Sean.

»Ich lasse mich von den Beweisen führen – wohin auch immer sie mich leiten«, entgegnete Murdock.

»Sie haben schon meine Pistole überprüft«, betonte Michelle. »Und wir haben beide einen Schmauchspurtest bestanden.«

»Ist mir egal«, erwiderte Murdock.

»Wir sind von Bergin beauftragt worden«, sagte Sean. »Wir hatten keinen Grund, den Mann umzubringen.«

»Im Augenblick haben wir nur Ihr Wort, dass Sie beide für ihn gearbeitet haben. Wir werden auch das überprüfen müssen.«

»Okay. Und was geschieht, wenn Sie heute Nacht Ihre Proben von uns genommen haben?«

»Sie fahren dorthin, wo Sie wohnen. Aber Sie dürfen die Gegend nicht ohne meine Erlaubnis verlassen.«

»Dürfen Sie uns eine solche Anweisung erteilen?«, wollte Michelle wissen. »Wir sind schließlich nicht wegen irgendetwas beschuldigt worden.«

»Sie sind wichtige Zeugen.«

»Wir haben nichts gesehen, was Sie nicht auch gesehen haben«, entgegnete Sean.

»Lassen Sie uns keine Endlosdebatte führen«, warnte Murdock. »Ich weiß, dass Chuck Sie für tolle Leute hält, aber ich war immer schon der Meinung, dass er sich in dieser Sache zu schnell ein Urteil gebildet hat. Das letzte Wort ist noch nicht gesprochen, was mich betrifft.«

»So viel zur Höflichkeit im Berufsalltag«, murrte Michelle.

»Hier geht es um eine Mordermittlung. Es ist kein Freundschaftswettbewerb. Und die einzige Höflichkeit, die ich jemandem schulde, ist die gegenüber dem Toten dort drüben.«

Murdock ging davon.

»Ich glaube wirklich, er hat uns nicht mehr lieb«, sagte Michelle.

»Kann ich ihm nicht verübeln. Wir waren am Tatort. Er kennt uns nicht. Außerdem steht er unter gewaltigem Druck. Und er hat recht. Es ist sein Job, den Mörder zu finden, und nicht, Freundschaften zu schließen.«

Als sie zu ihrem Wagen zurückgingen, nachdem zwei Kriminaltechniker sich um sie gekümmert hatten, kam der Lieutenant zu ihnen. »Mein Mann hat mir erzählt«, sagte er, »dass er die Quelle Ihres Wissens über die Rolle des FBI ist. Er weiß es zu schätzen, dass Sie ihn gedeckt haben. Das hätte wirklich zu einem Knick in seiner Laufbahn führen können.«

»Kein Problem«, erwiderte Michelle. »Wie heißen Sie?«

»Eric Dobkin.«

»Nun, Eric«, sagte Sean, »es sieht so aus, als ob das FBI wieder mal typischerweise den dicken Max raushängen lässt. Also müssen wir anderen uns gegenseitig aushelfen.«

»Und wie?«, fragte Dobkin.

»Wenn wir irgendwas herausfinden, geben wir es an Sie weiter.«

»Halten Sie das für vernünftig? Ich meine – die da sind das FBI.«

»Ich halte es so lange für vernünftig«, erwiderte Sean, »bis sich herausstellt, dass es nicht so ist.«

»Aber es ist keine Einbahnstraße«, betonte Michelle. »Wir helfen Ihnen, Sie helfen uns.«

»Aber jetzt ist es eine bundesstaatliche Ermittlung, Ma’am.«

»Die Maine State Police gibt einfach Fersengeld? Ist das Ihr Motto?«

Dobkin versteifte sich. »Nein, Ma’am. Unser Motto ist …«

»›Semper Aequus‹, ich weiß. ›Immer gerecht‹«, fiel sie ihm ins Wort. »Ich habe es nachgelesen.«

»Rechtschaffenheit, Fairness und Mitgefühl sind unsere Grundwerte. Ich weiß ja nicht, wie das in Washington funktioniert, aber wir hier oben halten daran fest.«

»Erst recht ein Grund für uns, um zusammenzuarbeiten.«

»Aber was gibt es, an dem man mitarbeiten könnte? Sie wurden von einem Mann beauftragt, der nun tot ist.«

»Und jetzt müssen wir herausfinden, wer ihn umgebracht hat.«

»Warum?«

»Er war ein Freund von mir.« Sean beugte sich näher zu dem Beamten. »Ich weiß ja nicht, wie Sie die Dinge in Maine handhaben, aber wo ich herkomme, lassen wir unsere Freunde auch dann nicht im Stich, wenn jemand sie ermordet hat.«

Dobkin trat einen Schritt zurück. »Okay, Sir.«

Michelle lächelte. »Dann bin ich mir sicher, dass man sich wiedersieht. In der Zwischenzeit …« Sie reichte ihm eine ihrer Visitenkarten. »Darauf sind genug Telefonnummern, um uns zu finden.«

Michelle ließ den Motor an und trat aufs Gaspedal. Der Ford schoss davon.

5

Sie schliefen in getrennten Zimmern.

Die Besitzerin, Mrs. Burke, war eine dreiundsiebzig Jahre alte Dame, die altmodischen Vorstellungen anhing, denen zufolge ein Ehering erforderlich war, um zusammen in einem Zimmer schlafen zu können.

Michelle schlief tief und fest, Sean nicht. Nach nur zwei unruhigen Stunden, in denen er sich im Bett herumgewälzt hatte, stand er auf und starrte zum Fenster hinaus. In nördlicher Richtung, noch näher an der Küste, lag Eastport. Die Sonnenstrahlen des neuen Tages würden in Kürze diese Ortschaft kitzeln, die jeden Tag als erste Stadt in den Vereinigten Staaten vom Morgenlicht beschienen wurde.

Sean duschte und zog sich an. Eine Stunde später traf er sich mit einer verschlafenen Michelle zum Frühstück. Martha’s Inn war gemütlich und idyllisch und lag so nah am Wasser, dass man nur fünf Minuten spazieren musste, um zur Küste zu gelangen. Die Mahlzeiten wurden in einem kleinen, mit Kiefernholz getäfelten Raum abseits der Küche serviert. Sean und Michelle saßen auf Stühlen mit leiterähnlichen Rückenlehnen und Sitzflächen aus geflochtenem Stroh. Jeder von ihnen hatte zwei Tassen Kaffee, Eier, Schinkenspeck und heißes Gebäck, das von der Köchin bereits dick mit Butter bestrichen worden war.

»Ich werde zehn Kilometer joggen müssen, um dieses Zeug zu verbrennen«, sagte Michelle, als sie sich eine dritte Tasse Kaffee eingoss.

Sean schaute auf ihren leeren Teller. »Niemand hat gesagt, du müsstest alles essen.«

»Das musste auch niemand. Es war zu lecker.« Sie bemerkte die Lokalzeitung in Seans Händen. »Nichts über Bergin? Ist zu spät passiert, stimmt’s?«

Sean legte das Blatt zur Seite. »Genau.« Er zog sein Sakko straffer. »Ziemlich kühl heute Morgen. Ich hätte wärmere Sachen mitbringen sollen.«

»Hast du nicht den Breitengrad überprüft, Seemann? Wir sind hier in Maine. Hier kann es zu jeder Zeit kalt sein.«

»Keine Nachrichten von unserem Freund Dobkin?«

»Keine auf meinem Handy. Wahrscheinlich ist es noch zu früh. Wie sieht unser Plan aus? Nicht hier rumhängen?«

»Wir haben einen Termin heute Morgen. Ein Treffen mit Edgar Roy.«

»Werden sie uns ohne Bergin hereinlassen?«

»Das werden wir herausfinden.«

»Wirklich? Ich meine, wie gut hast du Bergin gekannt?«

Sean faltete seine Serviette zusammen, legte sie auf den Tisch und schaute sich um. Es war nur ein weiterer Gast da, ein Mann in den Vierzigern, der Tweedkleidung trug. Er trank eine heiße Tasse Tee, wobei er den kleinen Finger abgespreizt hielt.

»Als ich aus dem Secret Service ausgeschieden bin, war ich am Boden zerstört. Bergin war der Erste, der geglaubt hat, dass noch etwas in mir steckt.«

»Kanntest du ihn vorher? Und wusste er, was passiert war?«

»Weder noch. Ich bin ihm zufällig in einem Coffeeshop in Charlottesville begegnet. Wir kamen ins Gespräch. Er hat mich ermutigt, mich bei der juristischen Fakultät zu bewerben. Vor allem ihm habe ich zu verdanken, dass ich mein Leben wieder in den Griff bekommen habe.« Er hielt inne. »Ich schulde ihm was, Michelle.«

»Dann nehme ich an, dass auch ich ihm was schulde.«

*

Am Anfang ihrer Fahrt nach Cutter’s Rock gelangten sie auf einem Umweg zum Atlantik. Es war Flut. Während sie an der Küste entlangfuhren, konnten sie beobachten, wie die Dünung gegen die schwarzen Felsnasen schlug. Ein Abschnitt der kurvenreichen Straße führte um eine Anhöhe herum. Danach sahen sie das Warnhinweisschild: ein knapp zwei Meter breites Stück Metallblech, an langen Pfosten befestigt, die in der steinigen Erde verankert waren. Der Text auf der Warntafel besagte, dass man sich einer bundesstaatlichen Hochsicherheitseinrichtung nähere und nun die letzte und einzige Möglichkeit habe umzukehren, es sei denn, man habe auf dem Gelände irgendeine Aufgabe zu erledigen.

Michelle gab noch mehr Gas.

Sean blickte zu ihr hinüber. »Macht’s dir Spaß?«

»Ich versuche nur, ein bisschen Bauchkribbeln abzubauen.«

»Bauchkribbeln? Was für ein Bauchkribbeln kannst du …«

Er hielt inne, als er sich bewusst machte, dass Michelle sich vor nicht allzu langer Zeit in eine psychologische Einrichtung begeben hatte, um eine Lösung für persönliche Probleme zu finden.

»Okay«, sagte er und richtete den Blick wieder nach vorn.

Eine asphaltierte Dammstraße führte sie über das letzte Stück bis zum Hochsicherheitsgefängnis. Das Eingangstor war aus Stahl und wurde motorisiert geöffnet und geschlossen; es sah stark genug aus, um dem Angriff eines Rudels Abrams-Panzer standzuhalten. In dem kleinen Wachhaus hielten sich vier bewaffnete Männer auf, die aussahen, als hätten sie nie im Leben gelächelt. An ihren Koppeln hingen Pistolen, Handschellen, ausziehbare Schlagstöcke, Elektroschockwaffen, Pfefferspray und Blendgranaten.

Und eine Pfeife.

Michelle schaute auf Sean, als zwei Wachleute ihnen entgegenkamen. »Soll ich den Großen da mal fragen, ob er jemals in seine Pfeife gepustet hat, um einen tobenden Verrückten an der Flucht zu hindern?«

»Mach bloß keine Scherze mit diesen Gorillas, sonst suche ich mir eine Waffe und leg dich um.«

»Aber wenn ich tatsächlich fragen würde, wären sie auf mich wütend, nicht auf dich«, entgegnete sie mit einem Lächeln.

»Aber sie schlagen immer den Typen zusammen. Das Mädchen bekommt nie den Strafzettel. Und danke.«

»Wofür?«

»Jetzt habe ich Bauchkribbeln.«

Das Gelände war umschlossen von einer dreieinhalb Meter hohen Mauer aus Naturstein, gekrönt von einer knapp zwei Meter hohen, korrosionsbeständigen Stahlrolle. Es wäre unmöglich, sich daran festzuhalten, geschweige denn, über die Mauer zu klettern.

»So was habe ich schon bei mehreren Hochsicherheitsgefängnissen gesehen«, bemerkte Sean. »Die neueste Technologie, um die bösen Jungs drinnenzuhalten.«

»Und wenn man Saugnäpfe benutzt?«, fragte Michelle, während beide auf den metallenen Maueraufsatz starrten.

»Das Ding dreht sich wie ein Hamsterrad. Saugnäpfe würden dir da nicht helfen, du würdest trotzdem auf den Hintern fallen. Außerdem ist die Anlage wahrscheinlich mit Bewegungssensoren bestückt.«

Ihr Wagen wurde von einem Abfrage- und Anzeigesystem inspiziert, bei dem Körperschallsensoren zum Einsatz kamen. Diese Messfühler wurden an ihrem Auto platziert; sie waren so empfindlich, dass sie Stoßwellen registrieren konnten, die von einem pochenden Herzen erzeugt wurden. In weniger als drei Sekunden gelangte ein Signalverarbeitungssystem zu dem Ergebnis, dass im Ford keine lebende Person versteckt war. Dann wurde der Wagen von einem Spurensuchgerät auf Sprengstoffe und Drogen gecheckt. Anschließend wurden Sean und Michelle auf die altmodische Art und Weise durchsucht und von den Wachmännern befragt. Anschließend überprüfte man ihre Namen anhand einer Liste. Dann ließ man die beiden durch. Auf einem festgelegten, schmalen Weg, der von hohen Zäunen eingefasst war, konnten sie ihre Fahrt fortsetzen.

Michelle ließ den Blick über die Umfassungsmauer schweifen. »Alle dreißig Meter stehen Wachtürme«, bemerkte sie. »Und jeder ist mit zwei Wächtern bemannt.« Sie blinzelte in die Sonne. »Der eine scheint ein AK-Sturmgewehr mit einem verlängerten Ladestreifen zu tragen, der andere ein weittragendes Scharfschützengewehr mit Infrarot-Visiereinrichtung. Ich wette, die haben eine Videoüberwachungsanlage mit digitaler Aufzeichnung und Terabytes an Datenspeicher. Außerdem Multizone-Erkennungssysteme zur Erfassung von Eindringlingen und Flüchtigen, Mikrowellen- und Infrarot-Technologie, biometrische Lesegeräte, ein auf Lichtleiter-Datenübertragung basierendes Hochsicherheits-IT-Netzwerk, mehrstufige Dauerstromkreise und eine spitzenmäßige Notstromversorgung für den Fall, dass mal die Lichter ausgehen.«

Sean runzelte die Stirn. »Könntest du aufhören, so zu reden, als würdest du den Laden hier inspizieren? Bei all dem technischen Schnickschnack, den sie hier offensichtlich haben, müssen wir davon ausgehen, dass irgendwelche Leute uns beobachten und zuhören.«

Michelle richtete den Blick nach vorn. Im nächsten Moment sah sie, dass es drei innere Einzäunungsringe um das zweistöckige Stahlbetongebäude gab, in dem die gefährlichsten geisteskranken Straftäter Amerikas untergebracht waren. Jede Umfriedung bestand aus einem fünfeinhalb Meter hohen Maschendrahtzaun, gekrönt von Stacheldraht. Der obere, etwa zwei Meter hohe Bereich eines jeden Zaunes war um fünfundvierzig Grad nach innen abgewinkelt, was es Ausbrechern nahezu unmöglich machte, ihn zu überwinden. Die mittlere Umzäunung besaß eine tödliche elektrische Ladung, wie ein großes Schild daneben deutlich zu verstehen gab. Die freie Fläche zwischen den Zäunen war ein Minenfeld aus Stacheldraht und scharfen Eisenspitzen, die aus dem Boden ragten. Das von Sonnenstrahlen erzeugte Funkeln ließ Michelle erkennen, dass es obendrein Stolperdrähte gab. In der Nacht – nur dann konnte überhaupt jemand das Wagnis eines Fluchtversuchs eingehen – würden die Drähte unsichtbar sein. Man würde verbluten, bevor man den mittleren Zaun erreicht hatte. Falls es jemandem wider alle Wahrscheinlichkeit doch gelang, würde er als Lohn für seine Mühen geröstet. Doch bis dahin würden die Posten auf den Wachtürmen einem Ausbrecher ohnehin den Rest gegeben haben.

»Der elektrische Zaun hat fünftausend Volt und eine niedrige Amperezahl – mehr als genug, um tödlich zu sein«, erklärte Michelle mit leiser Stimme. »Wetten, es gibt unter der Umzäunung einen Balken, hart wie Beton, sodass sich niemand unten durchgraben kann?« Sie hielt inne. »Aber etwas ist eigenartig.«

»Was?«

»Man setzt einen Elektrozaun ein, um Personalkosten zu sparen. Und bei der Sicherheit im Bereich von Gefängniseinzäunungen stellen Wachturmposten im Wesentlichen die Personalkosten dar. Aber hier ist trotzdem jeder Turm mit zwei Schützen bemannt.«

»Wahrscheinlich, weil sie wirklich kein Risiko eingehen wollen.«

»Nein, das ist zu viel des Guten.« Michelle bemerkte eine Reihe schief stehender Solarkollektoren, die so ausgerichtet waren, dass sie ein Höchstmaß an Sonnenlicht aufnahmen. »Nun ja, wenigstens sind sie umweltbewusst und setzen auf Sonnenenergie.«

Sie passierten drei weitere Tore, drei weitere Kontrollpunkte und ließen drei weitere elektronische Abtastungen und Leibesvisitationen über sich ergehen. Am Eingang des Gebäudes schwangen mittels eines druckluftbetriebenen Hydrauliksystems gewaltige Portale zurück, die an die Explosionsschutztüren eines atombombensicheren Bunkers erinnerten.

»Okay, ich denke, dieser Ort ist ausbruchssicher«, sagte Michelle, deren Stimme verriet, dass sie beeindruckt war.

»Hoffentlich.«

»Glaubst du, sie wissen, dass Bergin ermordet wurde?«, fragte sie.

»Ich würde nicht dagegen wetten.«

»Also lassen sie uns vielleicht gar nicht rein.«

»Dafür haben sie uns schon zu weit kommen lassen«, entgegnete Sean.

»Ja. Und jetzt frage ich mich, warum.«

»Das frage ich mich schon, seitdem man uns durch das erste Tor gelotst hat«, gestand Sean in nervösem Tonfall.

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