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...er wird es erfüllen

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Kapitel 1 Geburt

Kapitel 2 Schulzeit

Kapitel 3 er wird erwachsen

Kapitel 4 Lehre

Kapitel 5 Verkaufsfahrer

Kapitel 6 Bund

Kapitel 7 Waltraud

Kapitel 8 Taxifahrer

Kapitel 9 Frankreich

Kapitel 10 Franklin

Kapitel 11 Gäste im Hause Franklins

Kapitel 12 Coco

Kapitel 13 nach Hause

Kapitel 14 Fremdenlegion

Kapitel 15 Vatels Tod

Kapitel 16 Schweiz

Kapitel 17 Österreich

Kapitel 18 2. Ehe

Kapitel 19 Jordanien

Kapitel 20 Seefahrt

Kapitel 21 Rumänien

Kapitel 22 Hamburg und auf Achse

Kapitel 23 Detektei in Hamburg

Kapitel 24 3. Ehe

Kapitel 25 Syrien

Kapitel 26 Leroy Dewey und England

Kapitel 27 undichte Stelle

Kapitel 28 Verhaftung

Kapitel 29 Gefängnis

Kapitel 30 Judith

Kapitel 31 4. Ehe

Kapitel 32 wieder auf Achse

Kapitel 1

Geburt

Da stand er nun und dachte über sein Leben nach. Welche Wünsche, welche Träume und Hoffnungen hatte es gegeben. Kann man wirklich noch einmal von vorne anfangen? Sein Blick ging über den blauen Horizont über den Ozean hinweg. Dort, wo sich Himmel und Meer zu berühren scheinen und in die Unendlichkeit verlieren.

Es hatte begonnen an einem klaren Sonnentag im Oktober 1946. Es war bitterkalt, der Himmel verfinsterte sich und ein Gewitter brach los. Mit dem ersten grellen Blitz wurde Hans Bach geboren. Sein markerschütternder Schrei verwirrte den Arzt und die Hebamme – aber er zeugte von einem enormen Lebenswillen. Er war kein willkommenes Kind und gezeugt in einer Vergewaltigung. Seine Mutter war nicht gewillt, diese Kind in die Arme zu schließen und willkommen zu heißen. Schon während der Schwangerschaft stieß sie manche Verwünschung aus. Aber Hans Bach klammerte sich an seinen kleinen Funken Lebenswillen und entwickelte diesen Funken zu einer Flamme, ja zu einem Feuerwerk. Er sollte dieses Feuerwerk an Lebenswillen brauchen, um zu überleben.

Hans Bach wuchs bei seinen Großeltern auf. Seine Großmutter liebte diesen ungebärdigen Jungen und ihre Geduld wurde oft auf eine harte Probe gestellt. Der Großvater war ein gutmütiger Mensch, der immer ein Lächeln in den Mundwinkeln hatte und alle Raubeinigkeit seines Enkels mit einem liebevollen: Das wächst sich schon zurecht, weg argumentierte. Die Großeltern hatten es nicht immer leicht in ihrem Leben gehabt, die Kriege, die Hungersnot und zeitweise Arbeitslosigkeit haben sich als Falten in die Gesichter gegerbt. Die Hände waren vom schweren Überlebenskampf rissig und rau. Aber die Beiden liebten sich und in dieser liebevollen Atmosphäre wuchs der kleine Hans Bach zu einem stattlichen Mann heran.

Hans erinnerte sich gerne seiner Jugendstreiche, auch wenn es manches Mal nicht nur Schelte, sondern auch einen kräftigen Klaps auf den Hosenboden gab. In der Landwirtschaft, den die beiden Großeltern sich zugelegt hatten, gab es den Schweinekoben und Hans leistete den drolligen wunderbaren fetten Schweine gerne Gesellschaft und hatte dann auch schon mal zwei Ringelschwänzchen miteinander verknotet. Der stolze Hahn musste seine Schwanzfedern opfern für den Kopfschmuck als Indianerhäuptling.

Der sechste Geburtstag war dem Hans noch in guter Erinnerung. Morgens um sechs Uhr wurde er wach und schlich sich in die gute Stube, in der Hoffnung, dort einen Gabentisch vorzufinden. Aber an diesem Morgen deutete nichts darauf hin, dass ein großes Ereignis bevorstand. Enttäuscht ging Hans zur Waschschüssel, tupfte die Augen und die Wangen mit drei Spritzern Wasser und putzte pflichtschuldig seine Zähne. Dann ging er seine Großmutter begrüßen. Die hatte ein Lächeln auf den Lippen und meinte, wenn der Vatel abends nach Hause kommt, gibt es eine Überraschung.

Die Zeit wollte an diesem Tage nicht vergehen. Und endlich kam der Vatel am Nachmittag mit dem Pony an der Leine nach Hause. Mit Stolz nahm Hans das Geschenk entgegen, gehörte das Pony doch ihm ganz alleine. Es war das schönste Pony, das er je in seinem Leben gesehen hatte. Es war schwarz mit einigen kleinen weißen Flecken und mit runden großen Kulleraugen. Er gab ihm spontan den Namen „Schwarzer Panther“ und kletterte auf den Rücken um als stolzer Reiter und Beherrscher der Welt seinen ersten Ritt zu wagen. Das Pony trabte davon aber das ging dem Hans zu langsam, er spornte das Pony zu immer schnellerem Lauf an, die Mähne flog im Wind, sie galoppierten über Stock und Stein, kein Hindernis war zu hoch. Hans schrie laut seine helle Freude hinaus. Er achtete auch nicht darauf, wohin das Pony lief. Er war berauscht von dem Gefühl, auf seinem eigenen Pony zu sitzen, die Geschwindigkeit selbst zu bestimmen. So übersah er auch, dass das Pony auf einen Zaun zulief und abrupt davor stehenblieb. Hans selbst flog über den Kopf des Ponys hinweg in hohem Bogen auf die Erde und blieb dort liegen. Ein Schrei entrang sich seiner Kehle. Das Pony stieß Hans an als wollte es sich entschuldigen. Nach kurzer Zeit kamen die Großeltern und fanden Hans mit tränenverschwommenen Augen und gebrochenem Bein im Grase liegend. Der Traum vom eigenen Pony war vorbei.

Als Hans acht Jahre alt war, fuhr die kleine Familie nach Berlin in die Großstadt. Es war das erste Mal, dass Hans mit dem Zug fahren sollte. Vatel hatte seinen guten schwarzen Anzug an und Großmutter hatte den Sonntagshut aufgesetzt, der sonst nur für den Kirchgang getragen wurde. Hans stand mit seinem Matrosenanzug auf dem Bahnsteig und sah die große schwarze Lokomotive fauchend auf sich zukommen. Seine Knie wurden weich, aber der Vatel nahm ihn an die Hand und gab ihm den Auftrag, auf den mitgenommenen großen Korb aufzupassen, weil das Männerarbeit ist. Und weil sich der Hans schon als ganzer Mann fühlte übernahm er die Aufgabe. Als sie auf den Holzbänken Platz genommen hatten, sah er, dass ihm gegenüber ein dunkelhäutiger junger Mann saß. Hans legte sein Kinn auf die Brust und schielte immer wieder hoch, um diesen Menschen genau anzusehen. Das war zu interessant. Und plötzlich rollte der dunkelhäutige Mann mit seinen Augen, das Weiße darin blitzte und Hans bekam mächtige Angst. Aber der nette Herr fing an zu lachen und fragte, ob er noch nie einen so dunklen Menschen gesehen hätte? Hans konnte nur verlegen den Kopf schütteln. Der Mann sagte, er heiße Jim und komme aus Amerika. Er erzählte von dem Land dort und Hans horchte mit offenen Mund seinen Erzählungen zu. Nach einer Stunde Bahnfahrt hatte Jim sein Ziel erreicht und stieg aus. Er gab Hans eine Visitenkarte und sagte: „Wenn du mal nach Amerika kommst, besuche mich doch einfach mal“. Hans nickte strahlend und guckte sich die Visitenkarte an, so etwas hatte er vorher noch nie gesehen. Steckte sie in seine Hosentasche und zu Hause legte er sie in sein „Schatzkästchen“. So nannte er die alte Blechdose, in die er all seine Erinnerungen ablegte. Dort lag ein Stück Leder vom Halsband seines Ponys und ein Stückchen Gips vom Beinbruch. Die Feder seines Indianerschmuckes und auch der Zauberstein. Noch konnte er mit dem Stein nicht zaubern, aber wenn er immer wieder übt, könnte es vielleicht eines Tages gehen.

In Berlin lernte Hans den Bruder seiner Mutter, Onkel Peter, seine Frau Gustl und die siebenjährige Marion kennen. Mit Marion verstand er sich recht gut und sie konnten wunderbar zusammen spielen. Beim Mittagessen saßen alle um den runden Tisch herum, die Erwachsenen erzählten lange und viel. Marion und Hans wurde es zunehmend langweiliger, so dass Hans schnell unter dem Esszimmertisch verschwand. Dort entdeckte er, dass Onkel Peter die Hand auf dem Schenkel seiner Frau hatte und die Hand unverschämt unter dem Rock das Bein streichelte. Onkel Peter hatte die Schuhe ausgezogen und Hans biss ihm kurz und kräftig in den großen Zeh. Danach durften die beiden Kinder vom Tisch aufstehen, um sich draußen die Zeit zu vertreiben.

Sie gingen geradewegs ins Nachbarhaus, das noch ausgebombt und mit Absperrungen versehen vor sich hin schlummerte. Was gab es für die zwei Schöneres, als die Absperrung zu durchbrechen und das Haus zu erkunden.

Sie durchstöberten neugierig und auch ängstlich jeden Winkel des Hauses, bestiegen waghalsig die losen Deckenbalken. Dann passierte es, Hans brach ein und fiel zu Boden. Ein lauter Schrei hallte durch das Haus, Marion wollte weglaufen, um den Erwachsenen Nachricht zu geben, aber Hans hielt sie zurück. Er rappelte sich wieder auf, nahm Marion das Versprechen ab, nichts zu erzählen und ging mit ihr zurück ins Haus von Gustl und Peter. Die Großeltern haben nie erfahren was passiert ist. Sie machten sich so ihre Gedanken, hatte Hans durch den Sturz Prellungen, Hautabschürfungen und eine Gehirnerschütterung davongetragen.

Kapitel 2

Schulzeit

In der Schule hatte Hans seine Probleme. Er war kein angepasstes Kind und die Mitschüler hatten Mühe, sich mit seiner ungewöhnlichen Art auseinanderzusetzen. Hans wollte so gerne dazugehören, er wollt auch gerne Anführer einer Clique sein. Er wollte etwas Besonderes sein. Merkte er doch, dass er mit seiner Art nicht unbedingt es allen leicht machte. Seine schulischen Leistungen blieben zurück, weil er sich mit anderen Dingen beschäftigen wollte als mit Lesen, Schreiben, Rechnen.

Jörg, Heinz und Udo bildeten ein Trio. Die Drei verstanden sich gut und Hans wünschte nichts sehnlicher, als zu diesen Dreien zu gehören. Eines Tages nahm er sich ein Herz und fragte, ob er sich ihnen anschließen dürfe. Die Drei stimmten zu, jedoch nur unter der Bedingung, dass Hans drei verschiedene Mutproben bestehen müsse. Und mutig wollte Hans gerne sein. Die erste Prüfung hieß: Einen Regenwurm schlucken. Die zweite Prüfung hieß: Du musst Deinen Eltern 50,- DM klauen und uns geben. Prüfung Nummer drei war: Sich mit einem Messer schneiden und das Blut trinken.

Der Regenwurm lag auf Udos Hand. Hans schluckte jetzt schon trocken. Ihm war gar nicht gut. Aber er wollte zeigen, dass er mutig war. Er nahm den Wurm aus der Hand von Udo, holte tief Luft, um sich Mut zuzusprechen und steckte den Wurm in den Mund. Bloß nicht kauen, nur schlucken. Ein Würgereiz saß in seiner Kehle, aber Jörg reichte ihm eine kleine Flasche mit einer braunen Flüssigkeit und sagte: „Trink und schluck, dann ist es vorbei.“ Allerdings war nichts vorbei, denn kaum war die braune Flüssigkeit in seinem Magen, wand er sich keuchend und erbrechend auf dem Boden. Aber Mutprobe eins galt als geschafft.

Die 50,- DM zu klauen, das lag dem Hans schwer im Magen. Seine Großeltern hatten nicht viel Geld. Sie hatten gerade genug zum Überleben. Hans ging es sehr schlecht. Der Vatel beobachtet ihn, versuchte ihn aufzumuntern, hinterfragte, warum er so blass sei. Aber Hans schüttelte nur den Kopf. Er konnte sich doch niemandem anvertrauen. Es war eine so verzweifelte Angelegenheit. Er wollte die Freundschaft zu diesen drei Jungen, aber er konnte nicht klauen.

Und so kam sein vierzehnter Geburtstag. Er hatte sich eine Mofa gewünscht. Kaum jemand seiner Klassenkameraden hatte ein solches Gefährt. Damit würde er richtig punkten können. Seine Großeltern hatten gespart und erfüllten ihm diesen heißen Wunsch. Er war stolz und in der Schule fragte Udo nochmals nach, wie es eigentlich mit der Mutprobe Nr. zwei stehen würde? Hans tat geheimnisvoll und bot an, sie am nächsten Tag beim alten Treffpunkt zu überraschen. Sie kamen alle Drei und Hans brachte seine Mofa mit. Die Drei bestaunten und bewunderten dieses wunderbare Gefährt und wollten es ausprobieren. Gerne gestattete er es ihnen, denn das sollte seine Aufnahme in die Clique ermöglichen.

Jörg fuhr als erster. Er gab zu viel Gas, schleuderte und stürzte. Es ging gut, er hat sich nicht verletzt.

Dann durfte Heinz fahren. Er brauste die Sandberge hoch und runter. Auch Udo durfte fahren. Die Geschwindigkeit wurde ausgereizt, so schnell die Mofa fahren konnte. Viele Stürze gab es, die Jungen hatten Hautabschürfungen und am Ende der Fahrzeit fieberrote Wangen und die Augen glühten vor Aufregung. „Mensch, Hans, das war toll. Das war super.“ Hans besah sich seine Mofa, die sehr beschädigt war. Von neu war nichts mehr zu erkennen. Was sollte er dem Vatel sagen, wenn er heimkam. Ach, seine Bedenken warf er fort und meinte nur: „Hört mal zu: die Mofa war nagelneu. Jetzt ist sie fast schrottwert. Ihr wolltet von mir fünfzig DM – ich habe Euch mehr gegeben. Ich werde von Euch nicht erwarten, Euch an der Reparatur der Mofa zu beteiligen, das mache ich alleine, aber die ist teurer. Damit dürfte ich die Mutprobe Nr. zwei bestanden haben. So war es auch. Und Mutprobe Nr. drei lief dann auch zwei Tage später zur Zufriedenheit seiner neuen Cliquegefährten ab.

Kapitel 3

er wird erwachsen

Das Wohngebäude der Landwirtschaft sollte vergrößert werden. Umfangreiche Bauarbeiten waren geplant. Der Hans musste für die Zeit des Umbaus zu Verwandten ziehen. Tante Margot war verheiratet und hatte zwei Töchter, ihre Mutter lebte ebenfalls dort im Haushalt. Margots Mann Norbert war auf Montage und deshalb viel außerhalb. Margot freute sich, einen Mann als Hilfe für einige Zeit zu haben. Eine kleine Dachkammer diente Hans als Schlafplatz. Eine Kommode bot genug Platz für die Garderobe. Auf der Kommode stand eine Schüssel mit Wasserkrug, damit der seine Morgentoilette nicht mit den Mädchen zusammen erledigen musste. Zu den Mahlzeiten wurde er verwöhnt und bekam, als Mann im Hause, manches Stückchen Fleisch extra. Nachmittags half Hans der Tante Margot bei den täglichen Pflichten. Zeit für die Freunde blieb noch genug. Er genoss die Zeit und seine rundliche fleischliche Kinderart verwuchs sich zu einer gewissen Männlichkeit. Seine Stimme brach, weil er im Stimmbuch war, der Bart wuchs als dunkler Flaum. Und Hans fühlte sich schon als großer Mann.

Eines nachts wachte er auf, weil er blitzte und donnerte. Zu Hause machte er bei Gewitter Licht an, aber hier in der Kammer gab es nur eine Kerze. Die wollte er nicht anzünden. Ein wenig Bange wurde ihm schon, aber dann bemerkte er, wie sich die Türe leise öffnete. Seine Tante Margot kam im Nachthemd, mit einem Tuch über die Schultern gelegt, herein und sagte: „Ich habe Angst bei Gewitter, darf ich zu Dir kommen, die Mädchen schlafen und meine Mutter lacht mich immer aus.“ Mit diesen Worten schlüpfte sie zu Hans unter die Bettdecke. Das Bett war für zwei Personen viel zu klein – aber Tante Margot hatte in dieser Nacht das Gewitter dazu genutzt, aus Hans einen erwachsenen Mann zu machen. Verwirrt lag er in seinem Bett, nachdem Margot wieder gegangen war. Es war zwar toll, dass er nun ein Mann war. Lieber hätte er diese Erfahrung aber mit einem gleichaltrigen Mädchen geteilt.

Am nächsten Morgen bekam Hans von Margots Mutter ein ganz besonders kräftiges Frühstück mit Rührei serviert. „Iss tüchtig, Junge, war eine anstrengende Nacht, bist ja ganz blass. Nun lang tüchtig zu.“

Woher Mütter immer nur wissen, was sonst keiner weiß.

Kapitel 4

Lehre

Muttel und Vatel überlegten, was ihr Bub nach Beendigung der Schulzeit lernen könnte. Sie fragten beim Nachbarn, Metzger Schmidt, nach, ob Hans dort eine Ausbildung absolvieren könnte. Schnell war man sich einig und unterschrieb den Lehrvertrag. Hans, der noch gar nicht wusste, was er einmal beruflich werden wollte, war alles recht. Eigentlich wollte er in die Ferne, vielleicht nach Amerika zu Jim, aber noch war er zu jung, um die Welt zu erobern. So begann er am 1. April mit Spannung im Herzen seine Lehre. Er wollte ein guter Lehrling sein und tat alles, was man ihm auftrug. Er lernte putzen, Töpfe, Krüge, Schüsseln und Wannen zu spülen in denen Fleisch, verwertbare Rest für die Wurstzubereitung, oder Gewürze gelegen hatten.Er lernte anhand der Maserung und Farbe erkennen, ob das Fleisch vom Rind, Schwein, Kalb, Schaf oder Lamm stammte. Er lernte die Namen der einzelnen Fleischstücke und er half auch Frau Schmidt beim Einkaufen die Taschen und Körbe zu tragen.

Nach einiger Zeit fing die Haut an zu jucken und rot zu werden. Er betrachtete seine Hände und seinen Oberkörper voller Sorge, cremte sich jeden Abend gründlich ein in der Hoffnung, der Juckreiz höre auf. Aber es wurde immer schlimmer. Hans mochte niemanden sagen, wie sehr ihn dieses jucken leiden ließ. Er wollte seinen Vatel nicht enttäuschen und arbeitete fleißig weiter. Die fünfundzwanzig DM Lehrgeld brauchte er dringend für Benzin, um mit der Mofa am Wochenende in die Disco zum Tanzen zu fahren. Hier gab es Mädels zur freien Auswahl. Nach dem Tanzen ging man zum Auskühlen vor die Türe. Hier standen viele Paare, küssten sich leidenschaftlich und erkundeten mit der Hand gegenseitig ihre Körper. Mehr ließen die sittsamen Mädchen nicht zu.

Eines Tages kamen zu den juckenden Hautstellen noch Bauchschmerzen dazu. Als Hans in den Bluteimer griff, der für die Herstellung von Blutwurst die Zutaten enthielt, wurde ihm speiübel. Er zog die Hand, an der jetzt etliche helle Speckstückchen klebten, aus dem Eimer und rannte zur Toilette, um sich zu übergeben. Der Metzger hatte alles beobachtet und schickte Hans zum Arzt.

Dr. Heldt untersuchte ihn und überwies ihn mit einer akuten Blinddarmentzündung ins Krankenhaus. Die nette Schwester Burgl brachte ihn zu Bett, fuhr ihn zum Operationssaal und saß, als Hans wach wurde, lächelnd an seinem Bett, betupfte die ausgetrockneten Lippen mit einem feuchten Tuch. „Du hast alles gut überstanden“, sagte sie „ich habe Deine Großeltern benachrichtigt, sie müssen bald hier sein – wenn Du etwas brauchst, sag es mir.“

Und Hans hatte die Vorstellung, wenn er einmal heiraten wollte, dann sollte seine Frau wie Schwester Burgl sein. Gütig, liebevoll, verständnisvoll und fast engelhaft.

Nach drei Wochen Krankenhausaufenthalt wurde Hans entlassen. Die Muttel pflegte ihn noch eine Woche zu Hause. Die Haut und Hände hatten aufgehört zu jucken und sahen gut aus. Freudestrahlend nahm Hans die Arbeit wieder auf. Aber nach kurzer Zeit, waren die Hände wieder rau, rissig, und rot und platzten auf.

Wieder ging Hans zu Dr. Heldt. Von nun an lag er jeden Abend mit salben verschmierten, bandagierten Händen im Bett. Aber alles half nichts, er hatte eine Allergie. Verzweifelt ging Hans zu seinen Großeltern, um mit Tränen in den Augen vom Ende seiner Lehrzeit zu berichten. Aber Vatel, der immer ein tröstendes Wort für seinen Enkel hatte sagte auch diesmal: „Lass nur Bub, machst halt was anderes. Zu tun gibt’s für einen Mann, der arbeiten will, immer. Du musst nur wollen und an der richtigen Stelle suchen. Niemand bringt Dir Arbeit ins Haus. Geh und such, Du machst das schon richtig.“

Kapitel 5

Verkaufsfahrer

Und so ging Hans nach Braunschweig, nahm sich ein Untermieterzimmer und suchte sich Arbeit. Mal war er Laufjunge, oder er war Hilfsarbeiter und musste Kisten stapeln. Für eine Möbelfirma verteilte er Prospekte, lief treppauf und treppab. Für eine Versicherung kassierte er Beiträge. Er sparte sich vom Lohn ab soviel es ging und dann konnte er eines Tages den Führerschein machen. Ungeahnte Möglichkeiten taten sich ihm auf. Für ein Versandhaus verteilte er Pakete. Er lernte viele Leute kennen. Da er auch gleich die Rechnungen kassieren musste, holte ihn eines Tages eine dralle Blondine in ihr Schlafzimmer. Ihr kurzes Negligé rutschte verdächtig hoch. Hans sah lange und gut geformte Beine. Seine Ohren wurden rot und heiß und er stammelte etwas von: „Ich stehe im Halteverbot.“ Und rannte förmlich zu seinem Auto zurück. Er schüttelte den Kopf, was einem alles passieren kann? Sein Herz klopfte stürmisch, er zündete sich eine Zigarette an, verbrannte sich die Finger, rauchte hastig. Anschließend missachtete er an einer Kreuzung die rote Ampel und kam gerade noch vor einem Fußgänger zum Halten. Jetzt rief er sich zur Ordnung. Der nächste Kunde: Heinrich Berg, Ahornweg 17.

An diesem Tag lief vieles nicht nach Plan. Auch die Abrechnung stimmte nicht – und immer Treppen laufen. Es ist eine anstrengende Arbeit. Ein guter Verdienst ist es auch nicht, also kündigte er und suchte die nächste Arbeit.

Auf der Landstraße laufend, um per Anhalter in die nächstbeste Stadt zu kommen, hält ein klappriger, alter kleiner Lieferwagen an. Als der Fahrer hört, dass Arbeit gesucht wird, bietet er Hans an, auf seinem Bauernhof zu arbeiten. Er hätte Milch- und Federvieh, auch auf dem Feld gibt es genug zu tun. Kost und Logis gäbe es auch noch dazu. So wurde Hans im August 1964 Knecht in Frankenwedel. Es war eine schöne, aber auch arbeitsintensive Zeit. Die gute Bäuerin schob ihm manche Wurstscheibe extra zu. Als eines Tages der Bauer in der Schankstube beim Skat war, setzte sich die Bäuerin in die Badewanne. Hans wurde zufällig Zeuge, wie sie sich einseifte, dabei ein Liedchen trällerte. Ihre prallen Brüste wogten dabei auf und ab. Hans konnte den Blick nicht von ihr lassen, die altbekannte Hitze zog sich über sein Gesicht und die Beinkleidung war viel zu eng. Er hätte sich gerne zum Badekübel begeben, aber da hörte er den Bauern kommen. Der sah seine Frau und biertrunken, wie der Bauer war, nahm er seine Frau aus dem Bade, trug sie ins Schlafzimmer. Hans ging auf Zehenspitzen hinterher und wurde das erste Mal Augen- und Ohrenzeuge einer heftigen Liebesszene.

Als er anschließend in seine Kammer schlich, fühlte er sich fiebrig. Seine Hose war völlig durchnässt. In dieser Nacht beschloss er, seine Schüchternheit abzulegen und keinen Frauenrock mehr in Ruhe zu lassen und alles auszuprobieren und zu lernen, was es in der Liebe gab. Die kleinen Spielchen mit den Dorfmädchen oder die Mannbarmachung der Tante erschienen ihm nicht vollständig und so machte er sich auf und verließ im September 1964 das Bauernehepaar. Die Bäuerin nahm ihn noch einmal liebevoll in den Arm, drückte seine Nase an ihren Busen und murmelte lächelnd: Es gibt Männer mit guten Ohren und Augen – bei dir ist alles gut. Dabei drückte sie ihr Knie fest in seine obere Beinmitte. Und Hans wurde schlagartig bewusst, dass sie wusste, dass er sie beim Bade und anschließendem Liebesspiel beobachtet haben musste. Ein wenig schämte er sich, aber er war in Gedanken schon weit weg.

Er lief die Landstraße entlang, fand einen liebenswerten älteren Herrn, der ihn in seinem alten Ford ein Stück mitnahm. Da er noch keine Gedanken darüber verschwendet hatte, wohin es diesmal gehen sollte, ließ er sich treiben. Menschen, denen er sich anschließen konnte fand er immer.

Kapitel 6

Bund

Irgendwann war er wieder in seiner Heimatstadt bei seinen Großeltern. Als Verkaufsfahrer verdiente er sich ein wenig Geld. Sein alter Freund und Schulkollege Jörg sprach ihn eines Tages an, ob er nicht einen Taxischein machen wolle, dann könne er doch bei ihm arbeiten. Jörg betrieb seit einem Jahr ein eigenes Taxiunternehmen und er sucht stets gute und vertrauenswürdige Fahrer. Er habe gerne Junggesellen, weil die auch die Wochenenddienste übernehmen.

Hier tat sich etwas Neues auf. Taxi fahren. Da lernte man eine Menge Menschen kennen. Vielleicht sei dies das Tor zur großen Welt. Das Meer der Reichen und Schönen, wo der Hans so gerne mitschwimmen wollte. Mit Hilfe von Jörg und seiner tatkräftigen Unterstützung gelang es Hans, den Taxenschein zu machen. Er hatte bis dahin gar nicht gewusst, dass es so schwierig ist. Er musste lernen, wo im Umkreis seines Heimatdorfes und den umliegenden Dörfern die Straßen lagen. Wie man auf schnellstem Wege von A nach B kommt. Auch in den nächstgelegenen Großstädten musste er die wichtigsten Straßen kennen. Hans lernte jeden Tag. Paukte mit Jörg und erhielt dann voller Stolz seinen Schein. Bevor er dann aber den Beruf wechseln und bei Jörg ins Taxiunternehmen einsteigen konnte, kam ein Brief der Bundeswehr. Einberufung.

Noch hatte er die Vorstellung, dass das Leben als Landser spannend sei. Und dann begann die Grundausbildung. Die empfand er fürchterlich. Er war das freie Leben gewohnt und musste nun in der Gemeinschaft leben. Sein Zimmer war keine Suite mit Einzelbett, sondern die Unterbringung war in Gemeinschaftsräumen mit acht Betten. Dazu hatte jeder einen kleinen Schrank und einen Stuhl. Der dazugehörige Tisch stand mitten im Raum und wurde von allen genutzt. Hans wäre am liebsten sofort ausgestiegen. Aber er wollte zeigen, dass er Durchhaltevermögen besaß und lernte. Oh, er lernte schnell, nachdem der Spieß ihm seine Unterhemden und -hosen auf die Erde feuerte und im Kommandoton befahl „Sauber, ordentlich, in fünf Minuten bin ich wieder da.“

Es ging einfach nicht so, wie es der Spieß sich dachte. Ausgehverbot. Die Knobelbecher waren nicht blank genug. Die Kameraden gingen abends aus und kamen frohgelaunt zurück. Hans putzte und polierte seine Schuhe. Und immer gab es etwas auszusetzen. Aber dann hatte er es doch gelernt und konnte mit seinen Kameraden den Ausgang genießen. Besonders gern ging er mit Torben. Er war sein Stubenkamerad und belegte das Bett unter ihm. Er und Torben unterhielten sich oft und schmiedeten Zukunftspläne. Die Welt war voller Abenteuer, die es zu bestehen galt. Hier hatten sich zwei gefunden, für die die Welt noch rosig war und sie alles meistern konnten, wenn sie nur wollten. Eines Morgens fand Hans Torben, der hoch fiebernd in seinem Bett lag und fantasierte. Dieses kannte Hans nur zu gut und rannte zum Spieß, um Meldung zu machen. Torben wurde sofort in die Sanitätsstube gebracht. Dr. Zenk konnte nichts Besonderes feststellen und veranlasste eine Einweisung ins Bundeswehrkrankenhaus. „Wo ist der Saniwagen – wir brauchen ihn schnellstens.“

„Der Wagen steht im Hof, aber der Fahrer, Gefreiter Müller, ist im Urlaub.“ -

„Wer vertritt ihn, Mann, Beeilung, der stirbt mir unter den Händen weg.“

Dr. Zenk war in großer Sorge. Hans bot sich an zu fahren, weil er einen Personenbeförderungsschein besaß. Jedoch den großen Saniwagen durfte er nicht fahren. Dr. Zenk eilte ans Telefon, schrie Befehle und Kommandos. Es dauerte jedoch lange, bevor sich ein Fahrer fand. Hans begleite seinen Freund Torben. Torben war inzwischen bewusstlos geworden. Dr. Zenk, der ebenfalls im Sanitätswagen mitfuhr, standen Schweißtropfen auf der Stirn. Er befürchtet das Schlimmste. Als sie im Krankenhaus ankamen, lag Torben im Koma. Die Ärzte versuchten die Ursache seiner Erkrankung zu finden, aber weder eine Ultraschalluntersuchung noch eine Röntgenaufnahme brachten Klarheit. Nach zwei Stunden setzte auch sein Herz aus. Der Defibrillator kam zum Einsatz, aber Torben kehrte nicht wieder zurück. Hans und Dr. Zenk standen hilflos im Flur und nahmen die Nachricht des behandelnden Arztes auf. Der meinte, „wenn sie eher gekommen wären, ich hätte vielleicht noch etwas tun können – aber so. Es tut mir leid. Benachrichtigen Sie die Angehörigen?“

„Kollege, was war es, ich wusste nicht weiter. Der Junge konnte mir keinerlei Anhaltspunkte mehr geben und sein Stubenkollege hier, wusste auch von keiner Erkrankung.“

„Wir vermuten eine Herzmuskelentzündung. Genaueres lässt sich erst nach einer Obduktion sagen. Vielleicht helfen uns die Angehörigen.“

Auf den Rückweg war Dr. Zenk sehr schweigsam. Dann sah er Hans an und meinte: „Hören Sie mal, vielleicht können Sie nach der Grundausbildung den Führerschein Klasse II machen. Ich gebe Ihnen eine Empfehlung mit. Sollten sich vielleicht als Sanitäter ausbilden lassen. Das wäre eine gute Gelegenheit. Da liegt bestimmt mehr Talent bei Ihnen als anderswo. - Na?“ Hans bedachte schnell die Sache und stimmte zu.

Dr. Zenk sorgte dann auch dafür, dass Hans nach seiner Grundausbildung zur Sanitätsausbildung zum Heeresfliegerbataillon nach Mindenheim kam.

Wieder einmal musste er feststellen, dass seine Vorstellungen und die Realität weit auseinander drifteten. Die ersten Aufgaben bestanden in Krankenstuben fegen, wischen, Wasch- und Toilettenbecken schrubben. Nachttöpfe ausleeren und säubern sowie Spuckschalen entsorgen. Es war eine unschöne und dumme Arbeit. Aber Hans hatte den festen Willen, es gut zu machen, meinte er doch, eines Tages im „richtigen“ Pflegerischen tätig sein zu können.

Eines Abends hatte er Ausgang. Er genoss den freien Abend und spazierte durch die Parkanlagen. Die Sonne warf ein paar wärmende Strahlen durch die Bäume. An einer Wegbiegung traf er den Leitenden Arzt Dr. Brämer. Hans salutierte sofort zu einem zackigen, akkuraten Gruß. Dr. Brämer erwiderte den Gruß und begann ein Gespräch: „Na, Bach, Ausgang?“

„Ja, ein wenig die Abendluft genießen und dann gemütlich einen Kaffee trinken.“

„Was, kein Bierchen mit den Kameraden?“

„Nein, Chef, ich trinke grundsätzlich keinen Alkohol.“

„Prima, gefällt mir“ entgegnete Dr. Brämer „darf ich Sie zum Kaffee einladen?“

Das überraschte den Hans, jedoch entgegnete er: „Ja, danke, gerne“.

Dr. Brämer erzählte etwas von den Bäumen und Büschen, an denen sie vorüberkamen. „Wussten Sie übrigens, dass die meist verbreitetste Birke in Deutschland die Warzenbirke ist? Sie eignet sich gut für die Möbelherstellung. Als Symbol des Frühlings dient sie zur Ausschmückung der Häuser und Straßen. Meine Mutter holte stets frische Zweige. Es war eine Zeremonie, wenn sie die ersten Zweige in die Vase stellte. Vorher putzte sie die Wohnung. Sie putzte uns alle aus dem Haus. Aber sobald die Zweige auf dem Tisch standen, freuten wir uns auf den Abend. Sie kochte stets zum Abend Trockenobst mit Hefekloß. Dazu bekam Vater sein Bier. Seit ich achtzehn bin, darf ich auch Bier trinken. Mutter und die Mädchen tranken selbst gekelterten Wein. Vater holte das Tagebuch seines Vaters und las daraus vor. So erfuhren wir im Laufe der Zeit die Lebensgeschichte unserer Eltern und Großeltern. Mit jeder Birke werden Jugenderinnerungen wach. Schade, dass es diese Familienzeremonien nicht mehr gibt“.

Hans erlebte einen ganz anderen Menschen als den Chef, den er sonst immer in Dr. Brämer sah. Auch er hatte ein besonderes Großelternhaus, aus dem er erzählen konnte. Als sie an der Kaserne ankamen, gab ihm Dr. Brämer die Hand und verabschiedete sich. Es passte nicht zum üblichen Gebaren eines Vorgesetzten, aber seitdem verstanden sie sich blendend.

Durch das Heben und Tragen als Sanitäter stellten sich bei Hans an beiden Bauchseiten Beschwerden ein. Dr. Brämer der Hans untersuchte, stellte einen doppelseitigen Leistenbruch fest. Er kam sofort ins Lazarett und wurde operiert. Er sehnte sich nach seiner gütigen Schwester Burgl, die ihm nach der Blinddarmoperation die Hand hielt und an einen Engel erinnerte. Seine Pflegekollegen ließen jedoch alles engelhafte vermissen. Schon bald musste er aufstehen – trotz aller Schmerzen. Es gab kein Erbarmen. Hans biss die Zähne zusammen, Tränen traten ihm in die Augen, die Narben taten so unendlich weh. Aber hier herrschte ein rauer Umgangston. Hans wollte keineswegs als Waschlappen dastehen und versuchte alles gutmütig über sich ergehen zu lassen. Vor seinem geistigen Auge lagen seine Kameraden frisch operiert im Bett und er würde kommandieren. Diese Vorstellung gab ihm Trost.

Die Fenster des Krankenzimmers waren den ganzen Tag geöffnet, die Türen wurden nur selten geschlossen und es ging stets ein leiser Zug über Hans Bett hinweg. Nach drei Tagen hatte er eine Blasentzündung, auch die Nieren waren angegriffen. Das Fieber stieg. Mittwochs war es bei 39° und Donnerstag war bereits 40,2° erreicht. Dr. Brämer spritzte, um die Entzündung einzudämmen, Penicillin. Die Dosis wurde erhöht. Hans ging es immer schlechter. Er fühlte sich dem Tode näher als dem Leben. Das Fieber stieg weiter. Er fing an zu fantasieren, sah Gestalten, die sich ihm näherten. Er fürchtete sich vor diesen gespenstisch anzusehenden schleierhaft wahrnehmenden Menschen. Er hatte das Gefühl, dass Arme Hände und Beine geschwollen seien, er konnte sich nicht mehr bewegen. Auch die Zunge fühlte sich an, als würde sie den gesamten Mund ausfüllen. Die Augen waren nicht mehr zu öffnen und rufen konnte er nicht mehr. Er befand sich im Zustand völliger Hilflosigkeit, ausgeliefert den Gespenstern und Gestalten, die ihn umgaben und keine Erleichterung brachten. Für einen Traum fühlte er sich viel zu schlecht. Er wollte sterben. Endlich sterben und Ruhe haben. Die große Ruhe kam sanft über ihn.

Als endlich ein Sanitäter an sein Bett trat, lag Hans schon im Koma. Er hatte einen Penicillin-Schock. Vierzehn Tage brauchte man, um ihn soweit zu stabilisieren, dass er Besuch empfangen konnte. Die Stubenkameraden besuchten ihn regelmäßig und heiterten ihn mit mehr oder weniger lustigen Anekdoten aus dem Soldatenleben auf.

Nachdem er zum Kasernenleben zurückkehrte, ließ ihn Dr. Brämer zu sich rufen. „Hören Sie, ich habe da einen Anruf eines Kollegen Dr. Zenk bekommen. Sie wollten den Führerschein Klasse II machen? Soll mir recht sein. Geben Sie den Antrag in den nächsten Tagen bei mir ab, ich hefte meine zusagende Empfehlung dazu, dann sollte es klappen.

Nach seiner Genesung versah er seinen Dienst gewissenhaft, aber nicht mehr so enthusiastisch, wie am Anfang. Ein Schreckensruf „Sani – schnell“ reißt ihn aus seinen Träumen, in denen er beim Sortieren der Mullbinden und Pflaster, gefangen war. Dr. Brämer kam eilendes, Hans rannte, weil er spürte, dass es eilig war. Es verschlug ihm die Sprache. Sein Zimmerkamerad, der Rolf hatte sich in den Kopf geschossen, angeblich beim Waffe reinigen. Rolf ist kopfüber vom Stuhl gefallen. Die Kugel hat den Kopf zersprengt, im gesamten Raum war Blut und Gehirnmasse verspritzt. Es war ein Bild des Grauens. Seine Mutter wurde benachrichtigt und kam sofort. Frau Bleuer war eine kleine zierliche Frau mit dunklem Haar, das sie unter einem Kopftuch verschwinden ließ. Ihren roten Augen sah man an, dass sie geweint hatte. Noch wusste sie nicht das ganze Ausmaß der Tragödie, dieses sollte Dr. Brämer ihr direkt sagen. Aber als Mutter muss sie wohl schon genug gewusst haben. Frau Bleuer war Witwe, ihr Mann im Krieg gefallen, ihre Tochter war vor zwei Jahren tödlich verunglückt und mit ihr der Schwiegersohn und die beiden kleinen Enkel. Und nun Rolf auch noch. Was kann man einer solchen Mutter nur tröstliches sagen. Es gab nichts. Hans saß auf einem Stein und übergab sich. Er wollte die Bilder vom Rolf und seiner Mutter loswerden. Er wollte sie rauskotzen, aber es half nichts, die Bilder blieben. Der wunderschöne Traum vom Dr. Sauerbruch mit seinen langbeinigen Krankenschwestern zerplatzte wie eine Seifenblase. Das kann er nicht. Wie sollte er Angehörigen Todesnachrichten bringen – und die gäbe es im wahren Leben doch genug.

Die Ausbildung für den Führerschein Klasse II begann und mit Feuereifer stürzte sich Hans auf die Bücher und den Lehrstoff.

Das Fahren eines größeren Autos hatte er sich leichter vorgestellt. Vor allem als er lernen musste auch noch eine Zugmaschine mit Anhänger rückwärts zu fahren brach ihm der Schweiß aus allen Poren. Aber Hans war stets im Leben ein gelehriger Schüler brachte die Prüfung mit Bravour hinter sich und fuhr fortan seine kranken Kameraden. Stolz war er, denn dieser Dienst sagte im zu.

Kapitel 7

Waltraud

Nach Beendigung seiner Bundeswehrzeit ging er erst in sein Heimatdorf, dieses wurde ihm aber zu eng und er landete nach kurzer Zeit in Berlin. Hier suchte er sich wieder Arbeit und fand auch eine kleine Unterkunft, wo er schlafen und kurzfristig leben konnte.

Eines abends schlenderte er durch die belebten Hauptstraßen und setzte sich in ein Straßencafé, um einen Kaffee zu trinken. Am Nebentisch saß ein junges Mädchen. Kaum 20 Jahre, einen superkurzen Haarschnitt einen knappen engen Pulli und dazu einen knallroten engen Minirock. Ein solches Mädchen muss man einfach ansprechen. Und sie schien keineswegs abgeneigt zu sein, in ein Gespräch einzutreten. Nach kurzer Zeit setzte sie sich an seinen Tisch. Selbstverständlich trank sie auch Kaffee und aus einer Tasse Kaffee wurden schnell vier. Waltraud, so hieß sie, war trotz der Aufmachung überaus schüchtern. Hans wollte sie gerne nach Hause begleiten, aber das lehnte sie, leicht errötend ab. Wir könnten uns morgen wieder hier treffen? Das Herz von Hans hüpfte freudig. Gerne willigte er ein. Morgen, morgen würde er sie wiedersehen. Seine Arbeit lief heute von ganz alleine, es beflügelte ihn, vielleicht hatte er bald eine richtige Freundin. Das wäre doch toll. Und so traf man sich jeden Abend. Bald wurden Zukunftspläne geschmiedet. Hans, der sie gerne in den Arm genommen hätte und seine Hände spielen lassen wollte, wurde aber abgewehrt. Nein, Waltraud war ein ganz anständiges Mädchen. Man musste schließlich sauber und rein in die Ehe gehen. Es fiel Hans sehr schwer, aber er wollte dieses schüchterne Mädchen auch nicht erschrecken. Sie kam nie zu ihm in seine Wohnung. Wie hätte er ihr auch erzählen sollen, dass er nur zur Untermiete bei Frau Kratzbeck wohnte. Eines Tages überbrachte Waltraud eine Einladung ihrer Mutter zum Nachmittagskaffee.

Als endlich der Sonntagnachmittag gekommen war, war Hans furchtbar aufgeregt. Er hatte schon einen Strauß Margeriten mit roten Mohnblumen besorgt. Waltrauds Mutter sollte sehen, dass er gute Manieren hat. Er fuhr mit dem Bus der Linie dreizehn in die Weddinghauser Straße und klingelte. Sein Herz klopfte und er hatte das Gefühl man müsste es hören. Waltraud kam strahlend an die Türe und bat ihn herein. Waltrauds Mutter, Frau Behrboom kam aus ihrer Küche, band sich die Schürze ab, wischte sich verlegen die Hände daran trocken und begrüßte mit einem liebenswürdigen Lächeln ihren Gast. Frau Behrboom trug ihre Haare zu einem schlichten Knoten im Nacken zusammengebunden und machte einen sehr trockenen Eindruck auf Hans.

Bei Kaffee und selbstgebackenem Butterkuchen kam ganz langsam ein Gespräch in Gang. Hans, der sonst immer etwas zu erzählen hatte, überlegte krampfhaft, was man einer so sittsamen Frau Behrboom erzählen konnte und fing an, aus seinem Beruf zu erzählen. Er hätte jetzt eine gute Stelle in Aussicht als Verkaufsfahrer beim Versandhaus Petermann. Auch die Bezahlung sei gut. Vielleicht könne er dann eine kleine Wohnung anmieten, er möchte doch bald die Waltraud heiraten. Ein leicht betretenes Schweigen begleiteten diese Worte. Er hatte doch noch gar nicht mit Waltraud über eine Ehe gesprochen. Ihre Wangen röteten sich zart, ihre Augen glänzten und ein zauberhaftes Lächeln lag auf ihrem Gesicht. Ihre Mutter, die dieses gesehen hatte, freute sich, dass ihre Tochter einen guten Mann gefunden hatte und bot an, sie könnten doch bei ihr wohnen. Platz ist genug. Seitdem der Hermann, ihr Mann, verstorben ist, nutzt sie die Wohnung gar nicht aus. Sie könnten zwei Zimmer haben, ein Wohnzimmer und Waltrauds Zimmer könne ihr Schlafzimmer werden. „Die Küche benutzen wir gemeinsam. Ich kann für Euch kochen, wenn Ihr nach Hause kommt und Geld spart Ihr auch noch.“

Hans konnte es kaum noch erwarten. Endlich sollte es so weit sein. Er hatte eine Frau. Er konnte jeden Abend mit ihr kuscheln und seine sexuellen Bedürfnisse ganz legal ausleben. Wie wunderbar.

Die Stelle als Verkaufsfahrer beim Versandhaus Petermann hatte er bekommen. Sein Gehalt war für ihn angemessen. Waltraud plante mit ihrer Mutter die Hochzeit. Ein Kleid wurde gekauft – Hans durfte es vorher nicht sehen. Familie Behrboom hatte nur wenige Verwandte und bei Hans gab es nur Muttel und Vatel, die zur Hochzeit eingeladen werden sollten. Seine leibliche Mutter, die auch in Berlin wohnte, vermied jeden Kontakt und wollte auch zur Hochzeit nicht kommen.

Es war eine kleine Feier mit insgesamt elf Personen, als Hans am dreizehnten September 1968 seine Waltraud heiratete. In der St. Nikolai Kirche war die kirchliche Trauung. Der Pastor sprach mit salbungsvoller Stimme und gab ihnen gute Ratschläge für die Ehe mit. Hans und Waltraud schwebten im siebten Himmel. Ihre beiden Räume im Haus von Ella – so durfte er seine Schwiegermutter nennen – waren eingeräumt. Waltraud wurde, je weiter sich der Tag dem Ende neigte, immer nervöser. Hatte sie doch Vertrauen zu ihrem Hans, so hatte sie doch Bange vor der Hochzeitsnacht. Ella sprach ihr Mut zu. Es ist alles halb so schlimm, mach einfach die Augen zu und lass es geschehen. Als Ehefrau musst du das. Ich bleibe im Flur und warte, ob alles gut geht.

Als endlich die Feier zu Ende war und Hans und Waltraud sich in ihr Schlafzimmer verabschiedeten, fing Waltraud an zu weinen. „Ich hab solche Angst, ich hab doch noch nie – und alle sagen es tut weh und man blutet. Hans ich möchte nur so schlafen.“ Das gefiel dem Hans gar nicht. Hatte er so lange gewartet, nun möchte er seine Rechte einfordern. „Mädchen, ich verstehe Dich – bleib ganz ruhig, ich tue Dir nicht weh. Lass mich einfach machen. Es wird Dir schon gefallen.“ Hans versuchte vorsichtig und langsam sie in die Liebe einzuführen. Aber nach der langen Zeit der Abstinenz war bei ihm das Verlangen übermächtig. Er vergaß, dass seine Waltraud vor Angst zitterte. Er hielt ihr zittern für erwartungsfreudige Hingabe. Als er dann in sie eindrang und das Jungfernhäutchen durchstoßen wurde, schrie Waltraud auf und weinte. Ella, die im Flur auf Lauschposten stand, stürzte ins eheliche Schlafgemach, schubste den verdatterten Hans beiseite, nahm ihre Tochter in den Arm, holte sie raus aus dem Bett und führte sie in ihr eigenes Schlafzimmer. Es war eine verkorkste Hochzeitsnacht. Leider hatte es sich nie richtig ergeben, Waltraud in die Geheimnisse der Liebe einzuführen. Ella war ein mächtiger Wirbelsturm immer schnell zur Stelle, um ihr armes Kind zu retten.

Hans wechselte seine Tätigkeit und wurde Verkaufsfahrer bei der Brauerei Grüning. Nach fünf Tagen reichte er allerdings seine Kündigung ein, das Schleppen der Bierkisten war ihm einfach zu anstrengend. Bald fand er eine Anstellung beim Autodienst. Das gefiel ihm zwar besser, aber es war nicht so, wie der unruhige Geist es erwartet hatte. Nach weiteren elf Tagen legte er auch hier die Arbeit nieder.

Irgendwie lief es alles nicht so, wie es sich Hans vorgestellt und gewünscht hatte. Er wollte erst einmal zu seinen Großeltern in seine Heimatstadt fahren. Waltraud, die sich nicht von ihrer Mutter trennen wollte, blieb zu Hause.

Der Vatel bemerkte schon, dass der Hans Sorgen hatte, fragte aber nicht nach, weil er meinte, er müsse von alleine seine Probleme ansprechen. Hans wurde immer stiller. Ein Wesenszug, der ihm gar nicht zu eigen war. Als er eines Tages spazieren ging, traf er Udo. Seinen Freund aus Kindertagen. Beide lagen sich in den Armen und klopften sich gegenseitig auf den Rücken. „Mensch, Junge, bin ich froh, Dich mal wiederzusehen. Wie geht es Dir? Wo lebst Du jetzt? Bist Du verheiratet? Hast Du Kinder? Erzähl mal.“

„Welche deiner Fragen soll ich zuerst beantworten? - Komm, lass uns bei Meiers einen Kaffee trinken gehen und wir reden miteinander.“

„Warum trinkst Du immer nur Kaffee? Kann doch ein Bierchen sein oder zwei?“

Hans Stirn kräuselte sich. Vor Jahren hat er miterlebt, wie sein Onkel Norbert Streit mit seiner Frau hatte. Norbert hatte zu viel Bier getrunken und befand sich in einem Rauschzustand, in dem man keinen Mann reizen sollte, weil es sonst unangenehm werden kann. Und es kam, wie es kommen musste, ein Wort gab das andere keiner wollte nachgeben. Onkel Norbert schäumte, sein Denkvermögen war größtenteils ausgeschaltet, er griff in seinem Zorn in den Küchenschrank, holte die Teller heraus und warf sie auf den Fußboden, wo sie zu tausend Scherben zersprangen. Durch das Gezeter und Geschreie seiner Frau noch mehr in Rage gebracht, nahm er noch die Tassen und Untertassen und zerschmetterte sie mit lautem Geschrei und Gebrüll ebenfalls. Als der Küchenschrank leer war, stapfte er wütend davon. Hans stand in einer Ecke gekauert, hatte vor Angst sich eingenässst und geschworen nie in seinem Leben Bier zu trinken oder auch von anderem Alkohol soviel, dass ihm ähnliches passiert. Aber reden wollte er darüber nicht.

„Trink Du Dein Bier, ich bleib bei Kaffee – und dann lass uns reden.“

Udo fing an zu erzählen, dass er eine nette Frau hätte. Rose heißt sie. Ist ganz bemüht es ihm alles recht zu machen. Klagt niemals, dass das Geld, das Udo verdient, kaum zum Leben reicht. Sie haben einen kleinen Sohn. Udo platzte bald vor Stolz. Aber deshalb könne Rose nicht auch arbeiten. Sie ist als Hausfrau zu Hause. Udo arbeitet beim Autowerk und macht Überführungsdienste. Dabei würde man ganz gut verdienen, nur leider für eine junge Ehe, wo noch so vieles gebraucht wird, reicht es kaum. Vielleicht kann ich in einigen Jahren noch wieder etwas anderes machen. Udo erzählte die ganze Zeit, er war froh jemanden gefunden zu haben, dem er mal alles sagen konnte. Hans hatte nur noch Überführungsdienste im Kopf und speicherte es ab. Udo war ganz angetan, dass Hans auch Überführungsdienste machen wollte. „Mensch, wir zwei und Kollegen! Du, ich red' gleich morgen mit dem Schäfer und kündige Dich an. Damit er weiß mit wem er es zu tun hat. Klasse, Hans, ich freu mich.“

Zu Hause besprach er mit Waltraud die Möglichkeit der Veränderung. Allerdings müssten sie nach Wolfsburg ziehen, damit er dort arbeiten könne. Waltraud bekam große Augen. Sie wollte sich nicht von Hans trennen. Die zwei Wochen, in denen er bei seinen Großeltern war, erschienen ihr endlos lang und sie war froh, dass er wieder bei ihr war. Sie liebte ihn doch so sehr. Mit Ella besprach Hans auch den Ortswechsel. Ella wollte auf keinen Fall mit. Vielleicht sei es erst mal besser, wenn Hans alleine gehe, sich eine Wohnung suche, und wenn dann das mit der Arbeit gut läuft, kann Waltraud nachkommen. Sie hatte zwar im Hinterkopf, dass Waltraud nie ihre Mama verlassen würde. Während der Abwesenheit von Hans versuchte sie ihrer Tochter einzureden, dass es nun Zeit wäre ein Kind von Hans zu bekommen. Wenn sie schwanger ist, kann sie nicht umziehen. Und wenn das Kind erst da ist, braucht sie oft ihre Mutter, die auf das Kind aufpasst. Die Alten von Hans könnten das sicherlich nicht mehr. Waltraud, die sich ganz auf ihre Mutter und ihre Ratschläge verließ, bedachte alles sorgsam.

Hans stellte sich in den nächsten Tagen beim Autowerk vor und fragte nach Arbeit. Er hatte in seiner Hose eine messerscharfe Bügelfalte, das Kinn war glatt rasiert und der duftete zart nach dem neuesten „Toilettenwasser für den Herrn von Welt“. Herr Schäfer hatte ihn schon erwartet. Hans legte seine Bewerbung vor, seine Führerscheine und gab bereitwillig Auskunft. Dann klingelte das Telefon. Herr Schäfer brummelte, zog die Stirn kraus und verabschiedete Hans mit den Worten „Gut. Herr Bach, melden Sie sich am 1.4. um 7.00 Uhr in der Versandhalle. Viel Spaß und auf gute Zusammenarbeit.“

Das klappte ja prima. Hans lief frohgelaunt durch die Hans-Hermann-Straße, die vor ihm liegende Bierdose bekam einen Kick und flog scheppernd an die nächste Hauswand. Er war viel zu gut gelaunt, um sich über die zornigen Blicke der Passanten Gedanken zu machen. Bei Kremers Café gönnte er sich ein Kännchen Kaffee und rauchte genüsslich zwei Zigaretten. Wie konnte doch die Welt und das Leben schön sein.

Morgens um 7.00 Uhr meldete sich Hans pünktlich zum Dienst. Er hatte bequeme Kleidung angezogen, die Reisetasche gepackt, weil er nicht wusste, ob er abends wieder in seinem Bett schlafen würde.

„Name“ brummte ein unausgeschlafener Mensch ihn an.

„Guten Morgen, Bach. Ich bin der Neue.“

„Interessiert mich nicht. Hauptsache Du arbeitest gut. Hmmm, Bach, Bach, Bach Wagen Nr. 27 nach Bremen. Hier sind die Papiere. Sobald die Autos abgeliefert sind, hier anrufen, ob evtl. noch ein Auftrag vorliegt. Kapiert?“ -

„OK. - Wagen Nr. 27 für mich?“

Ein kurzer verständnisloser Blick und Hans war entlassen. Die Papiere verstaute er sorgfältig in seine Aktentasche und suchte den Wagen Nr. 27. Es war ein Iveco neuerer Bauart. Er gefiel ihm gut. Er untersuchte ihn genauer, stellte aber fest, dass für die Abfahrt alles gut vorbereitet war. Auf dem Hänger befanden sich zwölf neue Autos, die nach Bremen gebracht werden sollten. Mit einem fröhlichen „Yipphee“ betätigte er die Zündung und rollte langsam davon.

Nach drei Stunden Fahrt, kurz vor dem Ziel, legte er eine kurze Verschnaufpause ein. Sechs LKW's standen auf dem Parkplatz. Im Rasthaus fand er die dazugehörigen Fahrer. Er setzte sich zu ihnen an der Tisch und erfuhr wer woher kam und wohin es ging. Und vor allem wer was geladen hatte.

Es stellte sich heraus, dass es bei den Kollegen einen regen Tauschhandel gab. Der Günter hatte Obst anzubieten, Dieter fuhr Konservendosen, Lothar hatte Papierwaren, Siegfried bot Kleidungsstücke an. Das war ein völlig neues Terrain für Hans. Seine Autos konnte er nicht zum Tausch anbieten. Die anderen Fahrer zweigten von ihrer Ladung etwas ab und machten einen guten Nebenverdienst. Entweder gab es Bares oder Naturalien.

Auf weiteren Fahren lernte er noch viele Kollegen kennen und stieg in ein Tauschgeschäft ein. Er ließ sich Telefonnummer geben und notierte, was sie anzubieten hatten und was sie suchten. Selbstverständlich fiel für Hans eine Vermittlungsprovision ab, so dass er ein Taschengeld extra hatte.

Nach vier Wochen Überführungsdiensten verließ er das Autohaus und fing bei der Bank als Bote an. Hoffte er auf Aufträge Geld in gepanzerten Wagen, eventuell mit Pistole im Halfter, schwarzer Hose, schwarzem Hemd und dunkler Sonnenbrille, fahren zu können. Aber auch dieser Traum zerplatzte an der Realität und nach weiteren vier Wochen verließ er auch die Bank und kehrte erst einmal wieder nach Berlin zu seiner Waltraud und Ella zurück.

Waltraud begrüßte ihn strahlend. Freute sie sich, ihren Hans wieder bei sich zu haben. Sie hatte sich in der Zwischenzeit die Worte ihrer Mutter zu Herzen genommen und war der Meinung, dass nur ein Kind ihren Hans an Berlin binden konnte. Abends hatte sie lange gebadet, sich mit Kölnisch Wasser eingerieben, um gut zu duften. Dann legte sie sich kunstvoll mit geschlossenen Augen und gespreizten Beinen ins Bett. „Hans, ich will ein Kind von dir. Mach schnell, ich bin bereit.“

Hans war wie vom Donner gerührt. Alle seine Hoffnungen, Wünsche und Träume von einer schönen, lieben Ehefrau mit viel Sex waren nicht erfüllt. Nun wollte sie auch noch ein Kind. Er streichelte sanft ihren Bauch und murmelte etwas von „heute bin ich furchtbar müde“, legte sich ins Bett und stellte sich schlafend.

Am nächsten Tag, bei strahlendem Sonnenschein und wunderbar mildem Klima, verließ Hans am 26. Mai 1969 ohne Angaben von Gründen die Wohnung und kehrte abermals in seine Heimatstadt zurück.

Kapitel 8

Taxifahrer

Als erstes ging Hans bei Jörg vorbei. Jörg hatte ein Taxiunternehmen und er hoffte, hier Arbeit zu finden. Nachdem sich Jörg überzeugt hatte, dass der Personenbeförderungsschein und Führerschein in Ordnung sind, stelle er Hans zum ersten Juni 1969 in sein Taxiunternehmen ein. Hans, der sich auf viele interessante Menschen freute, denn so ein Taxi beförderte täglich viele Menschen, auch Prominenz, wurde jedoch bitter enttäuscht. Die Prominenz kam nicht in seine Heimatstadt und wenn das in der Nähe ansässige Autowerk prominente und wichtige Persönlichkeiten empfing, reisten die mit eigenen Autos und Fahrern an.

Am 9. Januar 1970 wurde seine Ehe mit Waltraud geschieden.

Nun musste er auch noch die Scheidungskosten bezahlen und in seiner Kasse war stets Ebbe. Dann bekam er von einem Taxikollegen den Tipp, dass das Unternehmen Taxi-Schmidt besser bezahlt. Hans setzte sich mit Herrn Schmidt in Verbindung und bekam die Auskunft, dass er hier zwei DM die Stunde mehr verdienen würde. Sofort kündigte er seine Stellung bei Jörg, um bei Taxi-Schmidt zu arbeiten. Allerdings blieb er hier nicht lange. Ob Herr Schmidt wenig auskunftsfreudig war oder Hans in seiner Euphorie nicht richtig zugehört hatte ist nicht mehr herauszufinden. Jedenfalls bekam Hans nicht allgemein zwei DM pro Arbeitsstunde mehr bezahlt, sondern nur dann, wenn er auch eine Fahrt hatte, bekam er mehr Geld. Insgesamt verdiente er weniger als vorher. Und ganz schnell kündigte er bei Taxi-Schmidt seine Stellung, um dann bei Jörg mit lieben und netten Worten und viel Schmeicheleien und einer großen Flasche Cognac als Zugabe, wieder eine Anstellung zu bekommen.

Nach drei Monaten verließ er Jörg, seine Muttel und Heimatstadt, es wurde ihm wieder einmal alles zu eng und zu klein. Er brauchte Luft für neue Abenteuer.

Kapitel 9

Frankreich

Pinky lebt in Paris, ist ein schmalhüftiger, langbeiniger junger Maler mit wiegendem Gang. Sein französisch kling melodisch, als singt er alles, was er sagt. Er wohnt in einem kleinen Apartment. Essen, trinken, schlafen, alles in einem Raum aber durch Paravents und Decken abgekleidet, so dass eine gemütliche Atmosphäre geschaffen wird. Gerade hat er wieder eine Schaffenskrise und so schlendert er mit seiner heißgeliebten Baskenmütze auf dem Kopf, der Zigarette im Mundwinkel auf sein kleines Bistro zu. „Hallo Odette, Cherie, gutes Geschäft heute? Bitte das übliche.“ Odette ist die Inhaberin des Bistros „mon petite“. Sie lebt gerne in diesem Viertel von Paris. Hier leben gestrandete Existenzen, Kleinkriminelle und Künstler, die hoffen irgendwann den großen Durchbruch zu starten. Für alle ihre Kunden hat sie viel Verständnis und ihr großes Herz gibt manchen Kaffee kostenlos ab, so dass sie selber immer am Rande des Fastruins lebt. Aber ihre Gäste lieben und verehren sie. Sie kommen immer wieder in ihr kleines Bistro. Ob traurig, lustig oder krank, bei Odette ist jeder gut aufgehoben.

Sie bringt Pinky den Kaffee und sein Croissant: „Na, Liebchen, alles klar bei Dir? Siehst müde aus.“

„Ich habe eine Schaffenskrise, alles läuft schief, habe sogar keinerlei Einfälle mehr. Muss einfach mal raus.“ Pinky macht dabei ein trauriges Gesicht, hält den Kopf schräg und seine Augen betteln um Mitleid.

„Du schau mal, an Tisch drei sitzt ein Fremder. Der trinkt schon den dritten Kaffee, ich glaube, der ist aus der Bahn geworfen. Der sieht genauso traurig aus wie du. Vielleicht hilft er Dir in Deiner Schaffenskrise, ist doch dein Typ, oder?“

Pinkys Augen wandern zum Tisch drei. Tatsächlich ein Fremder. Scheint ein Deutscher zu sein. Sehr melancholisch. „Ich kümmre mich um ihn Cherie, danke.“

Pinky isst sein Croissant und beobachtet dabei den Fremden. Seine Augen taxieren den Mann, ihn faszinieren die großen Hände. Kräftige, zupackende Hände. Das Gesicht zeigt Lebenshungrigkeit aber auch Traurigkeit. Die Augen sprechen für sich. Jetzt fühlt sich der Fremde beobachtet und erwidert den Blick. Die beiden lächeln sich zu und Pinky fragt, ob er sich zu dem Fremden setzen darf. Der versteht ihn allerdings nicht. Es ist Hans, der zwar deutsch, aber kein französisch spricht. Pinky kann sich mit ihm verständigen mit ein paar Worten deutsch und sobald sie zusammensitzen kommt ein lebhaftes Gespräch in Gang. Mit Gesten und gemalten Szenen auf Papier verständigen sie sich.

Pinky stellt sich als Maler und Künstler vor. Schwärmt von seinen Bildern und dass er wohl bald den Durchbruch hat. Hans will dem nicht nachstehen und versucht aus seinem Leben zu erzählen und dass er hier in Paris arbeiten will. Leider hat er keine richtige Unterkunft. Die Pension, in der er zur Zeit wohnt ist auf die Dauer zu teuer und Arbeit hat er auch noch keine gefunden, da es mit der Sprache hapert.

Da macht ihm Pinky das Angebot zu ihm zu ziehen. „Es ist eng und klein bei mir, aber es geht schon. Du müsstest mir allerdings Modell sitzen. Ich möchte Dich zeichnen. Dafür bekommst Du auch zu essen und zu trinken und Dein französisch kann ich auch verbessern.“ Das ist ein Angebot, das Hans sich nicht zweimal sagen lässt. Er bezahlt dafür auch die Rechnung von Pinky und sie gehen zur „Rue grande malheur“, so wird die Straße allgemein von den Bewohnern genannt. Pinky zeigt voller Stolz sein kleines Reich und weist Hans eine Matratze in einer Ecke hinter einem Vorhang zu. Hans ist zwar erstaunt, in einer kleinen Wohnung mit so geringen Möglichkeiten zu wohnen, ist aber erst einmal dankbar, eine preiswerte Unterkunft gefunden zu haben. Er ist bemüht Pinky Bewunderung zu zeigen über die tolle Wohnung und der Abteilung der einzelnen Wohnbereiche durch Paravents und Vorhängen. Pinky holt eine Flasche Rotwein und zwei Becher aus seiner Küche und gemeinsam erzählen sie weiter aus ihrem Leben. Pinky möchte gerne mehr von Hans erfahren, weil er auch wissen will, wen er sich in sein kleines Reich geholt hat und auch, ob der Fremde vielleicht seine kleinen Vorlieben für die Liebe besitzt. Er sieht zwar nicht danach aus, aber wer weiß, vielleicht?

Pinky und Hans lernen fleißig französisch und nach einiger Zeit kann sich Hans schon ganz gut verständigen. Er ist ein gelehriger Schüler. Das Modellsitzen macht ihm sogar Spaß. Obwohl er sich nackt zeigen soll. Zuerst war es ihm ein wenig peinlich, aber was soll's, Pinky ist auch ein Mann und da kann man sich zeigen. Im Laufe der Zeit werden zwar die Arme lahm und das Kreuz tut vom langen unbeweglichem sitzen weh, aber Pinky muntert ihn immer wieder auf. Auch gibt es in den Pausen Kaffee oder Rotwein. Pinky's Kochkünste sind zwar nicht überragend, aber der Magen ist gefüllt. Hans ist satt und zeigt sich recht zufrieden.

Allerdings bemerkt er seit einiger Zeit, dass Pinky Annäherungsversuche macht. Pinky geht sehr vorsichtig vor, er will Hans nicht erschrecken, merkt aber doch, dass Hans nicht auf Männer steht, sondern sehr den Frauen zugetan ist. Pinky fragt dann eines Tages auch ganz gezielt nach, ob Hans sich vorstellen könne, mit ihm zu schlafen. Hans macht große Augen und verneint.

„Wenn Du mir nur angeboten hast, bei Dir zu wohnen, um mich zu Deinem Geliebten zu machen, ziehe ich sofort aus.“

„Entschuldige bitte, nein, das war nicht der Hauptgrund. Ich wollte Dich wirklich malen. Du bist ein erstklassiges Modell. Es wäre schön, wenn Du mich ein wenig lieben könntest, aber ich will Dich nicht drängen. Bitte, bleibe bei mir, bis das Bild fertig ist. Ja? Morgen bekomme ich Besuch. Jean und Nadine kommen zu mir. Ein ganz reizendes Paar. Du solltest sie kennenlernen. Vielleicht können sie weiterhelfen, Dir eine Anstellung zu besorgen.“

So blieb Hans und wartete auf den nächsten Tag. Nadine und Jean kamen pünktlich. Nadine war eine schlanke junge Frau mit blondem langem Haar und blauen Augen. Jean war ein Managertyp, etwas grobkarätig aber doch herzlich. Sein Anzug war aus feinster Seide und anstelle einer Krawatte trug er ein Tuch. Er strahlte dabei auch etwas dandyhaftes aus. Sein Händedruck war kräftig. Hans konnte diese Erscheinung nicht einsortieren. Er blieb abwartend. Er saß mit Jean auf der Couch. Pinky und Nadine flirteten miteinander, was Hans mit Verwunderung aufnahm, da doch Pinky homosexuell ist. Im Laufe des Nachmittags entstand eine lockere entspannte Atmosphäre, in der sich Hans immer wohler fühlte. Es waren recht liebenswerte Menschen. Die Unterhaltung lief in deutsch und französisch gemischt. Jeder sprach die Worte, wie er sie konnte aus. Es gab wohl das eine oder andere Missverständnis, aber jeder half jedem zu verstehen. Es wurde viel gelacht.

Jean rückte langsam immer näher an Hans heran und legte ihm die Hand auf den Oberschenkel. Hans' Muskeln versteiften sich, er wurde sehr unruhig und stand nach einiger Zeit auf, um zur Toilette zu gehen. Nadine, die das Unbehagen von Hans bemerkte, stand, als er zurückkehren wollte, vor ihm. „Hans, sei nicht so stur – gut, Jean ist homosexuell. Tu's ihm zuliebe. Es ist offensichtlich, Jean liebt Dich. Er ist einflussreich. Wenn Dir jemand helfen kann, dann er. Weise ihn nicht ab. Jean ist intelligent genug und macht Dich nicht zu seinem Freund. Er weiß, dass Du uns Mädchen zugetan bist. Mach ihn Dir zum Freund und lass Dich von ihm lieben. Es wird Dein Schaden nicht sein.“

Mit einem etwas gezwungenen Lächeln setzte sich Hans wieder auf seinen Platz. Von der Unterhaltung bekam er nicht mehr viel mit. Seine Gedanken beschäftigen sich mit dem, was Nadine ihm sagte. Es dauerte dann auch nicht mehr lange, und Jean und Nadine verabschiedeten sich. Jean gab Hans die Hand und fragte: „Darf ich Dich morgen abend zum Essen erwarten? Bitte!“ Hans nickte beklommen.

Als Pinky und Hans alleine waren fragte Hans, wer Jean sei und warum er so wichtig ist – und, bitte, wer oder was ist Nadine? Und Pinky erzählte. Nadine ist als Kind im Heim gewesen und dort groß geworden. Die Lehrstelle, die die Heimverwaltung ihr besorgte, hat sie nie beendet. Sie traf einen „Freund“, der ihr das große Geld versprach, so kam sie in das Milieu und wurde Prostituierte. Ihr Freund nahm ihr das gesamte Geld ab. Dafür bekam sie Essen und Trinken und eine Schlafstatt. Wenn sie nicht genug Geld verdiente, wurde sie regelrecht verprügelt. Sie war das Eigentum dieses Mannes und musste sich ihm vollkommen unterordnen. Als sie eines Tages wieder grün und blau geschlagen wurde, verließ sie die Wohnung und landete an der Seine. Tränen in den Augen und ohne Aussicht auf irgendwelche Besserungen für ihre Lebenssituation. Hier fand sie Jean. Jean hat für Frauen schon immer ein schwaches Herz gehabt. Er fühlte, dass er diesem armen Mädchen vielleicht helfen sollte. Nach und nach erzählte Nadine ihm ihr Schicksal. Sie war einfach am Ende ihrer nervlichen Kräfte und setzte alles auf eine Karte, auch wenn sie von ihrem Freund erneut zusammengeschlagen werden würde, sobald er von diesem Gespräch erfuhr.

Jean musste ein gewisses Potential, das in Nadine schlummerte, erkannt haben und bot an, ihr zu helfen. Er besorgte ihr eine Wohnung, stattete sie aus und sorgte dafür, dass Nadine Nachhilfe für eine gute Allgemeinbildung bekam. Wie sich herausstellte, war Nadine ein intelligentes Mädchen, sie begriff rasch und lernte eifrig. Auch bekam sie Unterricht in Stil und Benehmen. Nach und nach wurde aus Nadine eine wirkliche Dame. Den Freund von Nadine schaltete Jean irgendwie aus. Wie, habe ich nie erfahren. Aber Jean wäre nicht der Jean, den ich kenne, wenn es ihm nicht gelungen wäre. Wenn Jean bei bestimmten Treffen eine Frau an seiner Seite braucht, ist Nadine zu Stelle. Wenn Freunde von Jean in Paris sind und ein wenig Abwechslung brauchen, ist Nadine bereit, ihnen diese Abwechslung zu schenken. Sie wird nie gezwungen, sie macht alles freiwillig. Sie und Jean sind ein wunderbares Team und ergänzen sich. Es ist auf beiden Seiten eine win-win Situation. Jean liebt Nadine auf seine Weise und sie steht unter seinem Schutz. Nadine weiß es und kennt Jean sehr genau und versucht ihm zu helfen nach ihren Möglichkeiten. „Hat sie mit Dir gesprochen? Wenn ja, tu was sie sagt. Ich habe Dein nachdenkliches Gesicht gesehen. Will Jean mit Dir schlafen?“

Hans nickte nachdenklich.

„Hans, hör zu, bald ist die Zeit hier bei mir zu Ende. Nadine meint, Du hast die Möglichkeit, zu Jeans „bijou-boy“ aufzurücken. Jean wird Dich zu nichts zwingen, das ist nicht sein Stil. Aber er wird Dir helfen in allen Lebenslagen. Im Moment kannst Du jede Hilfe gebrauchen. Sei kein Hasenfuß und mach Dir Jean zum Freund.“

„Wer ist Jean, und was macht er beruflich?“

„Diese Antwort, Hans, muss ich Dir schuldig bleiben. Jean kennt jeden und alle. Wenn Du Jean zum Freund hast, ist für Dein weiteres Leben gesorgt. Hast Du ihn zum Feind, gnade Dir Gott. Ab und an darf ich das Bett mit ihm teilen, er behandelt mich freundlich und nett. Aber sein Freund bin ich nicht. Brauche ich Hilfe, kann ich mich jederzeit an ihn wenden. Ich weiß nicht, womit er sein Geld verdient, aber er hat es - und Einfluss auf allen Ebenen – sogar politisch. Ich weiß nicht woher. Frag mich nicht weiter. Jean ist Jean und wenn Du die Möglichkeit hast, sein „bijou-boy“ zu werden, dann mach das. Das ist die Chance Deines Lebens. Eine bessere wirst Du nie wieder bekommen.“

Am nächsten Abend begab sich Hans in die Rue de la Concorde, in der Jean wohnte. Das Wohnhaus war eingezäunt und am Tor eine Klingel. Auf sein klingeln hin, kamen zwei Dobermänner, die sehr furchterregend aussahen, aus dem Gebüsch hervor. Auch ein Diener kam näher ans Tor und fragte nach seinem Begehr. Hans stellte sich vor. Der Diener war von Jean eingeweiht und öffnete das Tor. Die beiden Hunde kamen furchterregend nahe. Hans blieb das Herz stehen. Aber eine Handbewegung des Dieners ließ die Hunde in wartender Stellung verharren. Der Diener stellte sich als Clemenz vor und geleitete Hans ins Haus, brachte ihn in ein Zimmer, das mit blauen Seidentapeten ausgeschlagen war und eine gediegene heimelige Atmosphäre ausstrahlte. Bevor Hans Platz genommen hatte, kam auch Jean ins Zimmer. Jean hatte sich leger gekleidet, strahlte trotzdem eine Vornehmheit aus. Jean begrüßte Hans mit einem freundlichen Lächeln und fragte, ob er etwas trinken möchte. „Ich habe alles, was du möchtest, gib Deinen Wunsch preis und ich erfülle ihn Dir.“ Und schon war die Beklommenheit bei Hans wieder da. Jean, der dies bemerkte wollte die Situation auflockern und Hans die Ängste nehmen.

„Hans, ich sage es Dir ehrlich, ich bin verliebt in Dich. Gleich als ich Dich sah, habe ich gewusst, Du bist der Mann, den ich immer wollte. - Aber, nein, hör mir zu. Ich werde Dich nie zwingen. Wenn, dann geschieht es von Dir freiwillig. Aber wenn ich Dich lieben darf und sei es nur heute Nacht, ich werde Dich zu meinem Freunde machen, ich werde Dir jeden Wunsch erfüllen. Ich werde zu dem Sklaven Deiner Bedürfnisse. Komm, lass und gemeinsam essen.“

Clemenz war inzwischen erschienen und bat zu Tisch. Sie gingen ins Esszimmer. Dort war der Tisch gedeckt mit Kerzen in silbernen Leuchtern, Blumenknospen und -blätter lagen auf dem Tischtuch verteilt. Es war sehr gemütlich. Sie speisten lange und ausgiebig. Von dem Wein, der zu den einzelnen Gerichten gereicht wurde, trank Hans nur Schluckweise, weil er auf keinen Fall angetrunken sein wollte. Sie unterhielten sich in angeregter Weise. Hans fragte, warum denn das Anwesen von Zaun und Hund bewacht werden? Jean lächelte sein unergründliches Lächeln und antwortete, dass es auch nicht nur zwei, sondern insgesamt sechs Hunde seien. Alle sind genau abgerichtet und reagieren auf Handzeichen. Allerdings nur von den Menschen, die befugt sind, ihnen Handzeichen zu geben. Die Auswahl ist sehr gering und es kann niemand das Gelände betreten, ohne dass die Hunde es merken. Sie würden jeden ungebetenen Gast zerfleischen. Auch ein Füttern mit vergiftetem Fleisch, wie man es in Fernsehfilmen sieht, ist nicht möglich, sie nehmen nur Fressen von Menschen, die es ihnen geben dürfen. Hans wurde sich sehr bewusst, dass Jean in vielen Bereichen seines Lebens überall die Kontrolle hatte. Ein Gefühl, das ihm Sicherheit gab. Als der Abend fast in die Nacht überging nahm Jean ganz vorsichtig Hans an die Hand und führte ihn in sein Schlafgemach. Inzwischen war Hans nicht mehr so ängstlich und dachte sich, dass er es einfach als einen Erfahrungswert in sein „geheimes Erinnerungsschatzkästchen“ ablegen würde. Auch diese Nacht würde vergehen und wer weiß, einen guten Freund kann man immer gebrauchten.

Am nächsten Morgen beim Frühstück fragte Jean den Hans, ob er nun sehr enttäuscht sei. Hans lächelte und bedankte sich für das Feingefühl, mit dem Jean ihn behandelt habe. Die Nacht war zu kurz zum Schlafen, deshalb möchte Hans sich bald verabschieden. „Das verstehe ich, aber die Frage, was machst Du, wenn Du bei Pinky nicht mehr wohnen kannst?“

Diese Frage hatte Hans sich schon mehrfach gestellt, aber bisher noch nichts Konkretes ins Auge gefasst.

„Kannst Du ein wenig kochen und den Haushalt machen? Ich habe einen Bekannten, der sucht jemanden, der ihm zur Hand geht und außerdem könnte er Dir irgendwann weiterhelfen. Wäre das für Dich in Ordnung, dann schicke ich Dir in den nächsten Tagen Clemenz vorbei. Der holt Dich ab und bringt Dich dann zu Franklin. Ich hoffe, Franklin ist mit Dir einverstanden.“

Kapitel 10

Franklin

Ein paar Tage später holte Clemenz Hans ab. Es ging in ein völlig anderes Viertel von Paris in die Dijon Avenue. Die Concierge begrüßte Clemenz mit einem respektvollen Kopfnicken und sagte: „Mr. Blanc ist oben.“

„Merci, Madame, wir werden erwartet.“

„Wie immer, schönen Tag noch.“

„O danke, Ihnen auch.“ Mit einem freundlichen Lächeln verabschiedeten sie sich und liefen die Treppen empor in die zweite Etage.

Franklin hatte sie bereits erwartet. Er war ein typischer Künstler mit langem Haar, einem Bleistift über dem Ohr und alten verwaschenen Jeans mit buntem Hemd. Er strahlte eine gewisse Fröhlichkeit aus, weshalb Hans sich sofort zu ihm hingezogen fühlte. Es war auf beiden Seiten ein sofortiges Verstehen. Franklin hatte Kaffee gekocht und sie setzten sich in seine Küche und sie begannen sofort sich zu unterhalten. Nach der zweiten Tasse Kaffee kam Hans zum Punkt seines eigentlichen Daseins und fragte, ob und wie die Zwei miteinander auskommen könnten. Franklin war Schriftsteller. Bevor er ein Buch anfing zu schreiben überlegte er, was darin vorkommen und welchen Tenor das Buch haben sollte. Da es immer Abenteuerromane waren, die auch in fremden Ländern spielten, fuhr er in die jeweiligen Länder, um sich mit Sitten und Gebräuchen vertraut zu machen. Er hatte deshalb auch großen Erfolg, weil er einen leichten aber doch interessanten Schreibstil hatte. Seine Zeit gehörte dem Schreiben. Den lästigen Hausarbeitspflichten konnte er nichts abgewinnen. Meist hatte er einen kleinen Freund, der ihm diese Arbeit abnahm. Aber der letzte hatte eine etwas zu leichte Hand, wenn irgendwo Geld oder was man zu Geld machen konnte, herumlag. Franklin, der dieses noch nie vorher erlebt hatte, war so enttäuscht, dass er fürs erste niemanden in seiner Wohnung haben wollte.

Nun jedoch hatte Jean ihn um einen Gefallen gebeten. Jean schlug man keinen Gefallen ab. Zumal Franklin ein kleiner Zeitvertreib für Jean war, gab er Hans gerne die Gelegenheit, bei ihm im Haushalt zu helfen.

Franklin war erfreut, einen so aufgeschlossenen Jungen vor sich zu haben. Man war sich schnell einig. Hans sollte den Haushalt in Ordnung halten, einkaufen gehen, kochen und eventuell bei Bewirtung von Freunden zur Hand gehen. Dafür bekommt Hans Kost und Unterkunft umsonst und noch ein kleines Taschengeld für private Bedürfnisse.

Hans war einverstanden und blieb sofort bei Franklin. Clemenz verabschiedete sich und wünschte Hans alles Gute. Franklin bekam ein Schulterklopfen: „Zum nächsten Termin bin ich wieder da.“

Franklin setzte sich an seine Schreibmaschine um zu arbeiten und überließ es Hans, sich in der Wohnung umzusehen und sich mit seinem neuen Arbeitsfeld vertraut zu machen.

Fürs Abendessen hatte Hans eingekauft, deckte den Tisch für zwei, stellte den Rotwein dazu und servierte Franklin ein gutes Essen.

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