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… dann klappt’s auch mit der Liebe

Alle Rechte, einschließlich das des vollständigen oder

auszugsweisen Nachdrucks in jeglicher Form, sind vorbehalten.

Der Preis dieses Bandes versteht sich einschließlich der

gesetzlichen Mehrwertsteuer.

Umwelthinweis:

Dieses Buch wurde auf chlor- und säurefreiem Papier gedruckt.

Victoria Dahl

… dann klappt’s auch

mit der Liebe

Roman

Aus dem Amerikanischen von

Sarah Heidelberger

Dieses Buch ist Bill gewidmet. Ich bin wild entschlossen,

dich diesmal dazu zu bringen, laut zu lachen. Aber ich

liebe dich auch, wenn du es nicht tust.

1. KAPITEL

Baby, das ist wirklich ein fantastischer Arsch.“

Lori Love ignorierte die Schmeicheleien und verpasste dem Befestigungsbolzen im Getriebe des alten Ford eine letzte Drehung, wofür sie sich mit ihrem ganzen Gewicht gegen den Schraubenschlüssel stemmen musste.

„Oh, yeah, zeig uns, was du draufhast, Schätzchen.“

Als der Bolzen fest genug saß, wackelte Lori mit dem fraglichen Körperteil und warf der Blondine hinter sich ein verführerisches Lächeln zu.

Ihre beste Freundin Molly grinste anzüglich und hob anerkennend die Augenbrauen. „Willst du dir bei Gelegenheit vielleicht mal meine Briefmarkensammlung anschauen, du heißes Gerät?“

Lori richtete sich wieder auf und schob den Schraubenschlüssel in ihren Werkzeuggürtel. „Ich wusste ja gar nicht, dass dich mein Anblick so auf Touren bringt.“ Dann warf sie Ben Lawson ein Lächeln zu, der hinter Molly stand und ziemlich konzentriert an die Decke starrte. „Schätze, du solltest dir einen Arbeitsoverall zulegen, Ben. Molly scheint ziemlich drauf abzufahren.“

Er verdrehte die Augen. „Könnten wir vielleicht endlich aufhören, uns über Loris Hintern zu unterhalten?“

„Hm, ich weiß ja nicht“, flötete Molly. „Er ist nämlich so niedlich und knackig. Musst du da nicht auch gleich dran denken, wie man …“

„Du“, unterbrach Ben sie, „bist die seltsamste Freundin, die ich jemals hatte.“

Lori nickte zustimmend. „Ja, sie ist schon ganz schön merkwürdig. Andererseits hast du aber auch dein Leben lang in diesem Kuhkaff gehaust. Da fehlt dir einfach der Maßstab. Also, Molly: Bist du bloß hier, um meinen Po zu beäugen, oder kann ich sonst noch etwas für dich tun? Darf es vielleicht ein Kanister Schmieröl sein?“

Molly und Lori brachen in schnaubendes Gelächter aus, während Ben angewidert die Augen zukniff und sich fragte, was in Gottes Namen er mit diesem pubertären Haufen zu tun hatte. Schließlich war er Polizeichef und damit wenigstens zu einem Minimum an innerer Reife verpflichtet.

„Eigentlich bin ich aus einem ganz anderen Grund hier“, antwortete Molly. „Quinn hat sich endlich eingestanden, dass er seinen Tiefbagger nicht selbst reparieren kann. Er braucht Hilfe. Und ich wollte dich bitten, mal bei ihm zu Hause vorbeizuschauen.“

Lori runzelte die Stirn. „Dein Bruder ist Architekt. Was zur Hölle will er denn mit einem Tiefbagger? Und wie kommt er darauf, dass er das Ding selber reparieren kann?“

Molly winkte müde ab. „Ach, du weißt schon, diese Genies halt. Bilden sich ein, dass sie alles können. Ich hab dir doch erzählt, dass er oben auf dem Pass ein Haus baut, oder? Na ja, und jetzt springt sein Bagger nicht an, aber er muss vor Wintereinbruch das Fundament ausheben. Im Frühjahr will er dann mit den Bauarbeiten anfangen.“

„Moment mal. Er will das Haus selber bauen? Ich dachte immer, er lässt sich ein Haus bauen!“

„Da kennst du Quinn schlecht. Er behauptet, dass handwerkliches Arbeiten für ihn Entspannung ist. Der alte Streber …“ Molly wirkte, als würde sie sich gleich in eine Tirade hineinreden.

Doch dazu kam sie nicht, denn Ben zog an einer ihrer blonden Locken und sagte beschwichtigend: „Es hat halt nicht jeder dein künstlerisches Talent.“ Dann warf er ihr ein warmes Lächeln zu, woraufhin sie sofort wieder gelassener wurde.

Molly verdiente ihren Lebensunterhalt mit dem Schreiben von Erotikromanen, was vor einer Weile zu einigen Spannungen in ihrer Beziehung geführt hatte. Mittlerweile hatte Ben sich aber offenbar mit dem Gedanken, mit einer Erotikschriftstellerin zusammen zu sein, angefreundet. Tatsächlich schien er es sogar ziemlich heiß zu finden.

Lori wandte sich unauffällig ab und fummelte an ihrem Werkzeuggürtel herum, um ihren Neid zu verbergen. Nicht dass sie an Ben interessiert gewesen wäre. Aber sie hätte einfach gerne selber mal wieder Sex gehabt. Ein Blick auf ihren grauen Arbeitsoverall reichte ihr jedoch, um zu erkennen, dass ihre Chancen gegen null gingen.

„Ich kann ihm diese Woche ja mal einen Besuch abstatten“, bot sie an. „Wie komme ich denn zu seinem Grundstück?“

„Seine Auffahrt geht gleich hinter dem Lawinenschutzgatter ab, auf der Aspen-Seite vom Pass. Du musst nur links abbiegen und dann noch ungefähr eine Viertelmeile weiterfahren.“

„Aspen! Nicht schlecht“, bemerkte Lori. Quinns Architekturbüro musste blendend laufen, wenn er sich mit gerade mal vierunddreißig Jahren ein eigenes Chalet leisten konnte. Aber wahrscheinlich war das keine große Kunst, wenn man den ganzen Tag lang Anwesen für Milliardäre entwarf.

Nachdem Lori sich für Freitagabend mit Molly in der Bar verabredet und von den beiden Besuchern verabschiedet hatte, konzentrierte sie sich wieder auf den alten Ford.

Es machte ihr Spaß, Autos zu reparieren. Wirklich! Als ihr Vater ihr zum ersten Mal einen Schraubenschlüssel in die Hand gedrückt hatte, war sie gerade mal sechs Jahre alt gewesen. Trotzdem hatte sie eigentlich nicht vorgehabt, eines Tages tatsächlich in der Werkstatt ihres Vaters zu arbeiten. Jedenfalls nicht für den Rest ihres Lebens. Als sie mit achtzehn weggezogen war, um aufs College zu gehen, hätte sie sich nicht einmal in ihren finstersten Träumen vorstellen können, dass die Werkstatt zu ihrer Werkstatt werden würde.

Aber jetzt gehörte all das ihr: die Gebäude, der Abschleppwagen, die Schneepflüge, die Altmetalldeponie hinter dem Haus. Ihr ungewolltes Mechaniker-Erbe.

Seufzend ließ sie die Motorhaube los, sodass sie krachend einrastete. Das Leben war nun mal nicht fair, und sie war ein großes Mädchen. Na ja, eigentlich war sie einen Tick zu klein für ihren Geschmack. Mit ihren ein Meter achtundfünfzig und ihrem zierlichen Körperbau fiel es ihr manchmal gar nicht so leicht, von den Fahrern und Mechanikern, die für sie arbeiteten, ernst genommen zu werden. Aber zum Glück war sie die Tochter ihres Vaters: stur, pragmatisch und nicht zum Jammern neigend. Deswegen hatte sie nach seinem Tod ja auch das College abgebrochen, die Nutzfahrzeuge lavendelfarben lackiert und sein Geschäft übernommen.

Als Lori den Zündschlüssel umdrehte, startete der Motor des Ford mit lautem Brüllen, was ihr ein trauriges Lächeln entlockte. Das hier war nun einmal ihr Beruf, sie machte ihn gut, basta.

Nachdem sie den Wagen rückwärts aus der Werkstatt gefahren und auf dem Vorplatz geparkt hatte, bemerkte sie, dass Ben zurückgekommen war. Und zwar alleine.

„Hey!“, rief sie. „Hast du deine Freundin verloren?“

„Nö, Molly ist einkaufen. Es gibt da noch etwas, worüber ich gerne mit dir reden würde. Aber wenn du gerade zu beschäftigt bist, kann ich auch morgen wiederkommen.“

„Nein, schieß los! Was gibt’s denn?“

Mit einer Kopfbewegung wies er aufs Haus. „Vielleicht wäre es besser, wenn wir reingehen und uns für einen Augenblick setzen.“

„Wieso das denn?“, fragte Lori und sah ihn irritiert an. Ihr Dad war tot und ihre Mutter weggelaufen. Ihre Großeltern waren so früh gestorben, dass sie sie kaum kennengelernt hatte. Irgendwo in Wyoming gab es noch einen Cousin, aber der lauerte garantiert nicht auf ihrem Privatgrundstück, um Gespräche zu belauschen. Beschwichtigend hob sie die Hände und grinste. „Hast du etwa herausgefunden, dass ich damals die Parkbank umgefahren habe? Das ist nämlich Jahre her! Eine Jugendsünde, sozusagen.“

Ben presste nur die Lippen zusammen und starrte Lori so lange schweigend an, dass sie schließlich die Schultern zuckte und sich auf den Weg ins Haus machte. Vielleicht hatte er ja einen ihrer Angestellten beim Autodiebstahl erwischt.

Kaum waren sie im Haus, wies Ben aufs Sofa.

„Ach, komm schon. Im Ernst?“, murrte Lori.

„Ich glaube wirklich, dass du dich besser setzen solltest.“

„Ben, das ist lächerlich. Jetzt rück schon einfach raus mit der Sprache!“

Widerwillig gab er nach. „Na gut. Ich habe mir die Akte von deinem Vater noch mal genauer angesehen …“

Loris Herz schien einen Salto zu schlagen, der mit einer ziemlich schmerzhaften Landung endete. „Welche Akte?“

Auffordernd blickte Ben noch einmal auf das schäbige Sofa, schien sich dann aber mit Loris Widerborstigkeit abzufinden und redete einfach drauflos. „Als dein Vater vor zehn Jahren angegriffen wurde, war die Polizeistation nicht gerade in … in sonderlich effizienten Händen. Der Fall ist zwar abgeschlossen, aber niemand hat sich die Mühe gemacht, die Akte zur Sammelstelle zu schicken. In den letzten Monaten bin ich alle alten Fälle noch mal durchgegangen, um etwas Ordnung zu schaffen. Und letzte Woche bin ich dann auf die Akte deines Vaters gestoßen.“

Plötzlich wünschte sich Lori von ganzem Herzen, sofort auf eine Couch sinken zu können. Sie musste sich regelrecht zum Sprechen zwingen, als sie fragte: „Und?“

„Und ich bin mir nicht sicher, was in jener Nacht wirklich geschehen ist.“

„Es war eine Kneipenschlägerei“, erwiderte Lori sachlich. „Eine von Dutzenden, die er in seinem Leben provoziert hat. Nur dass er sich bei dieser seinen Kopf auf einem Stein zertrümmert hat.“

Ben stemmte die Fäuste in die Hüften und sah kurz auf den abgetretenen Linoleumboden hinab. Dann suchte er wieder Loris Blick. „Ich glaube, es besteht die Möglichkeit, dass es sich um Vorsatz gehandelt hat. Und ich will den Fall wieder aufnehmen. Ganz unauffällig.“

„Was? Das ist doch lächerlich. Warum solltest du das tun?“

„Weil diese ganze Angelegenheit irgendwie verdächtig wirkt. Der Parkplatz ist nicht gerade übersät mit dicken Granitbrocken. Und wenn jemand mit einem Stein auf deinen Vater losgegangen ist, haben wir es hier mit Totschlag zu tun. Wenn nicht sogar …“

Mord. Er sprach das Wort nicht aus, aber Lori hörte es trotzdem. Langsam schüttelte sie den Kopf und schob sich in die Küche, wo sie die Hände auf den Tresen stützte. Die Cupcakes, die sie gestern gebacken hatte, leuchteten ihr so strahlend rosa entgegen, als wollten sie sie mit ihrer Fröhlichkeit verspotten.

Als Ben fortfuhr, hatte er sein Polizistengesicht aufgesetzt. Seine Stimme war jetzt frei von jeder Unsicherheit. „Wenn er noch auf dem Parkplatz gestorben wäre, hätte es eine gründliche Untersuchung und eine Autopsie gegeben. Sorgfältige Spurensicherung. Aber so lag der Fokus darauf, das Leben deines Vaters zu retten. An den Fotos lässt sich aber klar erkennen, dass nur dieser eine Stein auf dem Parkplatz gelegen hat. Es war der einzige Gegenstand dort, der zu einem Schädelbruch hätte führen können, und es klebte Blut daran. Es ist doch ein merkwürdiger Zufall, dass dein Vater genau auf diesen Stein gefallen sein soll. An seinen Händen waren keinerlei Verteidigungsspuren zu sehen, kein Hinweis auf einen Faustkampf. Außerdem lag er weit entfernt von seinem Wagen und vom Eingang der Bar. Wer macht sich denn schon die Mühe, sich für eine Prügelei in eine abgelegene Ecke zurückzuziehen? Normalerweise stolpern die Leute durch die Tür und legen los.“

„Ja, vermutlich“, murmelte Lori, schüttelte aber den Kopf.

„Der Autopsiebericht ist etwas unübersichtlich, wegen des abgeheilten Bruchs und dem Narbengewebe von der Operation. Aber ich werde ihn nach Denver weiterleiten und eine zweite Meinung einholen. Mal sehen, ob meine Bedenken bestätigt werden.“

Lori schluckte tapfer die Tränen herunter, die ihr plötzlich in den Augen brannten. „Was glaubst du denn, was passiert ist?“

„Ganz sicher bin ich mir nicht.“ Ben seufzte. „Aber ich halte es für möglich, dass dein Vater von hinten angegriffen worden ist. Vielleicht gab es vorher einen Streit, vielleicht wusste er aber auch gar nicht, dass jemand hinter ihm stand. In der Bar will keiner etwas gesehen haben, nachdem dein Dad gegangen ist. Und wenn man dem Polizeibericht trauen darf, hat er vorher mit niemandem gestritten. Ich werde natürlich neue Befragungen durchführen müssen, aber ich möchte die Sache gerne so lange wie möglich geheim halten.“

„Ich … okay … Und was soll ich tun?“

„Nichts“, erwiderte Ben hastig. „Im Augenblick gibt es nichts, was du tun könntest. Wie gesagt, ich will keinen Aufruhr verursachen. Ich stelle nur ein paar Nachfragen, versuche die Puzzlestücke zusammenzufügen. Aber ich dachte, du würdest es wissen wollen.“

„Er ist tot“, murmelte Lori. „Das Wie spielt keine Rolle mehr.“

Was es natürlich doch tat.

In dieser Nacht bekam Lori kein Auge zu. Stundenlang warf sie sich unruhig hin und her, und um halb fünf hatte sie das Gefühl, jeden Moment zu implodieren. Als ob die Gedanken, die in ihrem Kopf im Kreis herumrasten, gleich einen Kurzschluss auslösen würden. Ihr Vater, ihr Leben, ihre Wünsche und Ziele …

Irgendwann hielt sie es einfach nicht mehr aus und stand auf, duschte und machte sich auf in die Werkstatt, um die Treibstoffpumpe an Mr Larsens Chevy auszutauschen.

Die Luft war frisch und klar, trotzdem öffnete Lori das Werkstatttor nur gerade weit genug, um durchschlüpfen zu können. Eine Begegnung mit einem hungrigen Bären auf der Suche nach einem geeigneten Frühstück war im Augenblick nämlich das Letzte, was sie gebrauchen konnte.

Während sie die alte Pumpe aus dem Chevy ausbaute, wurden ihre Gedanken immer klarer – und leider noch schmerzvoller.

Was, wenn Ben Lawson recht hatte? Wenn ihr Vater tatsächlich absichtlich verletzt worden war? Sein Schädel zertrümmert, sein Gehirn beschädigt, sein Leben so vorzeitig beendet … Was, wenn all das Absicht gewesen war?

Sie griff nach einem Lumpen, wischte sich den Schweiß, bei dem es sich möglicherweise auch um Tränen handelte, vom Gesicht und beugte sich wieder über den Wagen.

Sie hatte sich nie über die Wendung beschwert, die ihr Leben genommen hatte. Unfälle passierten. Sie hatte das College sausen lassen und auch das Reisen und das Ausgehen, aber sie hatte es freiwillig getan. Für ihren Vater. Er hätte dasselbe für sie getan, vielleicht sogar noch mehr. Und deswegen hatte sie sich niemals darüber beschwert, dass sie so vieles aufgegeben hatte.

Aber etwas aus freien Stücken aufzugeben war etwas ganz anderes, als um etwas betrogen zu werden.

Als Teenager war Loris Leben vor allem von Büchern und Hoffnungen geprägt gewesen – und von der eisernen Entschlossenheit, eines Tages an ihrem Traumcollege aufgenommen zu werden. Und sie hatte es geschafft. Sie war aufs Boston College gegangen. Ihr Vater war außer sich vor Stolz gewesen. Dann war er schwer verletzt worden, woraufhin sie nach Tumble Creek zurückgekehrt war. All das war Jahre her, aber erst jetzt fing sie langsam an zu begreifen, dass sie viel mehr hinter sich gelassen hatte als ihre Ausbildung.

Ihre Gedanken waren um ihren Vater gekreist und darum, die Werkstatt am Laufen zu halten, um die Krankenhausrechnungen bezahlen zu können. Von einem Tag auf den anderen hatte Loris Leben aus Overalls, T-Shirts und Jeans bestanden und aus seltenen, kurzen und wenig aufregenden Affären.

Jahrelang hatte sie sich mit ihrem Leben arrangiert – bis vor Kurzem ein Gefühl der Rastlosigkeit in ihr aufgekommen war. Und jetzt, nach Bens Besuch, war dieses Gefühl so stark geworden, dass es fast unerträglich war.

Ja, sie konnte nicht einfach weg aus Tumble Creek. Konnte nicht ins nächstbeste Flugzeug steigen und wieder aufs College gehen. Über die Jahre hatten sich einfach zu viele Rechnungen aufgetürmt. Es war nicht gerade billig, für einen komatösen Angehörigen zu sorgen. Also konnte sie nicht einfach von hier verschwinden und ganz von vorne anfangen. Aber sie konnte ihr Leben im Kleinen verändern, und etwas in ihr schrie danach, endlich zur Tat zu schreiten. Vielleicht lag es allerdings nur daran, dass sie auf die dreißig zuging.

Als Lori bemerkte, dass das blassrosafarbene Licht vor den Fenstern einem leuchtenden Gelb gewichen war, warf sie einen Blick auf die Uhr. Halb acht. Sie schob das Garagentor ganz hoch. Das Rattern der Lamellen dröhnte durch die Werkstatthalle. Dann schlenderte sie in den strahlenden Sonnenschein und das fröhliche Vogelgezwitscher hinaus. Kies knirschte unter ihren schweren Stiefeln.

Vielleicht würde eine Affäre helfen.

Oder sie bestellte bei Mollys Lektorin einfach noch eine Ladung Bücher.

Auf jeden Fall würde sie heute Abend, gleich nachdem sie Quinn besucht hatte, ein langes Bad nehmen und eine von diesen ziemlich versauten Geschichten lesen. Dann würde sie überlegen, ob es nicht an der Zeit für ein Paar Peeptoes mit endlos hohen Absätzen war, die auf dem Boden klackerten, anstatt zu knirschen.

Das Läuten des Werkstatttelefons riss sie aus den Gedanken, und sie legte einen Spurt hin, um den Anrufer noch zu erwischen.

„Love’s Garage?“

„Ms Love?“

„Ja.“

„Hallo! Christopher Tipton am Apparat!“ Chris verkündete seinen Namen jedes Mal mit einem solchen Enthusiasmus, als würde er ihr mitteilen, dass sie im Lotto gewonnen hatte.

Lori ließ sich auf einen Stuhl sinken. „Hey, Chris!“ Sie kannte ihn zwar seit der Grundschule, aber sie hatte den starken Verdacht, dass er nicht anrief, um sie zum Klassentreffen einzuladen. „Was gibt’s?“

„Nun ja, ich wollte mal nachhaken, ob du schon Zeit hattest, über unser Gespräch im Februar nachzudenken. Du weißt schon, ob du die Landparzelle verkaufen willst.“

Die Landparzelle, das sagte er einfach so. Weil er keine Ahnung hatte, dass er vom größten Traum ihres Vaters sprach. „Also, Chris, es tut mir leid. Aber es ist doch erst ein paar Monate …“ Eigentlich stimmte das gar nicht mehr. Mittlerweile war es ein volles Jahr her, dass ihr Vater gestorben war. Gott. Wo war die ganze Zeit nur abgeblieben?

„Ich weiß, wie schwer es dir fällt, darüber nachzudenken. Aber ich glaube, dass Tipton & Tremaine ein wirklich großzügiges Angebot gemacht hat …“

„Ich kann das jetzt noch nicht entscheiden“, unterbrach Lori ihn mitten im Satz.

Er seufzte. „Ich verstehe. Aber bitte versprich mir, dass du kein anderes Angebot annimmst, ohne vorher mit mir gesprochen zu haben. Ich kann dir versichern, dass wir die natürliche Schönheit des Grundstücks erhalten werden. Wir reden hier nicht über eine große Wohnanlage mit zweihundert Einheiten, sondern von ein paar wenigen Cottages entlang des Flussufers.“

„Ja, das habe ich schon verstanden“, murmelte Lori unwirsch. Sie wusste genau, was für eine Art von „Cottages“ die Firma normalerweise baute. In der Regel erinnerten sie eher an Herrenhäuser, in denen problemlos sieben Familien auf einmal hätten wohnen können. Oder eben eine einzige, beträchtlich wohlhabende. Lori hatte es immer schon komisch gefunden, dass reiche Familien für ihre durchschnittlich eins Komma acht Kinder so fürchterlich viel Platz brauchten.

„Ich werde kein Angebot annehmen, ohne dich vorher anzurufen. Versprochen.“

„Okay, dann …“

„Bye.“ Lori legte auf und trat gegen den Stahlträger neben dem Telefon. Manchmal war es eben doch besser, keine Stilettos zu tragen.

Ach du liebes Lieschen, dachte Lori, als sie in Quinn Jennings’ sogenannte Einfahrt abbog, die eher dem Resultat einer Schlammlawine glich. Hätte sie das Schild nicht gesehen, das er an einen Zaunpfahl genagelt hatte, wäre sie wahrscheinlich einfach vorbeigefahren.

Die tief hängenden Äste der Drehkiefern am Wegrand kratzten über das Dach ihres Trucks. Die Luft duftete intensiv nach Espenlaub. Obwohl es August war, war die Luft im Schatten frisch und kühl. Gott, im Winter würde es ganz schön kalt werden hier oben! Ob Quinn tatsächlich vorhatte, das ganze Jahr über hier zu wohnen?

Als sich der Wald endlich lichtete, hob Lori überrascht die Augenbrauen. Nicht dass sie bestimmte Erwartungen an Quinns Haus gehabt hätte. Aber das hier hatte sie ganz sicher nicht erwartet. Am Rand einer von bunten Wildblumen gesprenkelten Wiese stand eine kleine Holzhütte. Wasserplätschern erfüllte die Luft – so laut, dass es selbst das Röhren von Loris Motor übertönte.

Als sie näher an die Hütte heranfuhr, entdeckte sie den Bagger. Er wirkte wie eine kranke Giraffe, die traurig den Kopf hängen ließ. Quinn sah sie erst, als sie den Wagen schon geparkt hatte und ausgestiegen war.

Er stand über einen Zeichentisch gebeugt da, den er auf der winzigen Veranda der Hütte aufgebaut hatte. Sein hellbraunes Haar schimmerte im Sonnenlicht. Lori wunderte sich nicht darüber, dass er nicht einmal aufsah, als sie die Trucktür zuschlug. Quinn hatte die seltene Gabe, den Rest der Welt einfach zu vergessen, wenn er in seine Arbeit vertieft war.

„Hey, Quinn!“, rief sie.

„Hey“, antwortete er gedankenverloren, ohne sie eines Blickes zu würdigen.

Lori warf ihm trotzdem ein Lächeln zu. „Ich seh nur mal eben nach dem Bagger.“

„Gern.“ Er blickte weiterhin nachdenklich auf den großen Bogen Zeichenpapier auf dem Tisch und zückte seinen Stift.

So wie er dastand, hätte man nicht gedacht, dass er über einen Meter achtzig groß war. Dafür wirkten seine Schultern allerdings breiter, als Lori sie in Erinnerung gehabt hatte. Und seine Hände bewegten sich noch immer mit derselben eleganten Präzision, die Lori schon als Teenager bewundert hatte.

Während sie beobachtete, wie diese schönen Hände über das Zeichenblatt glitten, musste sie unwillkürlich grinsen. Sie hätte stundenlang hier stehen und ihn beobachten können, ohne dass er es bemerkt hätte. Was Lori für einen ausgesprochen angenehmen Zug hielt. So störten nämlich keine bemühten Gesprächsversuche ihre Tagträume. Leider war es aber schon so spät, dass sie sich mit dem Bagger beeilen musste, wenn sie das Tageslicht ausnutzen wollte.

Sie schob sich eine widerspenstige braune Locke hinters Ohr und kletterte auf den Fahrersitz des Baggers. Es war ein altes, zitronengelbes Modell voller Rostflecken. Wahrscheinlich hatte Quinn diesen liebenswerten alten Dinosaurier einem der Handwerker abgeschwatzt, mit denen er zusammenarbeitete.

Der Schlüssel steckte schon. Als Lori ihn umdrehte, erklang ein leises elektrisches Summen, sonst tat sich allerdings nichts. Trotzdem verriet ihr das Geräusch, dass nicht alle Hoffnung verloren war.

Sie versuchte es erneut und hörte diesmal noch genauer hin. Sie war sich ziemlich sicher, dass der Anlasser das Problem war … Lori sprang aus dem Fahrerhäuschen und machte sich an die Arbeit.

Eine halbe Stunde später wischte sie sich die Hände an einem Lappen sauber und setzte sich hin, um die Ersatzteilnummern und -marken aufzuschreiben.

„Quinn, ich muss ein paar Teile bestellen. Mit ein bisschen Glück werden sie in ein paar Tagen geliefert. Ich komme wieder hier rauf, wenn ich alles habe, was ich brauche.“

Erst mal reagierte er nur mit einem „Super“, dann schob er hastig noch ein „Danke“ hinterher. Die Lichtung war noch immer in strahlenden Sonnenschein getaucht, doch Quinn saß mittlerweile in tiefem Schatten.

Lori schüttelte den Kopf. Keiner ihrer anderen Kunden hätte jemals einfach „Super“ gesagt, ohne sich nach den Kosten zu erkundigen. Andererseits arbeitete sie aber auch so gut wie nie auf der Aspen-Seite des Passes.

Sie gestattete sich einen letzten Blick auf Quinn, der sich gerade nachdenklich mit dem Daumen über die Unterlippe strich. Dann machte sie sich auf den Heimweg.

Quinn Jennings schreckte aus seinen Gedanken über Winkel und Sonnenlicht und Schatten und Baumaterialien auf und sah sich verwirrt um. Sein Blick fiel auf das Handy, das ganz am Rand des Zeichentischs lag. Nein, kein Anruf. Er sah sich noch einmal um und versuchte herauszufinden, was sich verändert hatte. Dann fiel ihm auf, was ihn so abgelenkt hatte: die Stille.

Der Bagger stand verlassen und noch immer reglos da. Lori Love war hier gewesen. Sie war auf die Maschine geklettert und hatte einen Riesenradau veranstaltet. Irgendwann musste sie gegangen sein. Quinn war sich ziemlich sicher, dass er nicht einmal Auf Wiedersehen gesagt hatte. Schuldbewusst verzog er das Gesicht und versuchte, sich genauer zu erinnern. Ach ja, sie hatte etwas von Ersatzteilen gesagt und dass sie in ein paar Tagen wiederkommen würde. Gut, dann konnte er ihr dann einen Kaffee anbieten und sich auch ansonsten zivilisiert benehmen.

In diesem Augenblick brach das Licht der untergehenden Sonne durch die Kieferkronen und das Espenlaub und warf scheckige, flirrende Schatten auf den großen Felsen im östlichen Winkel der Lichtung. Genau darauf, auf dieses Licht, diese Schatten, hatte Quinn gewartet.

Er verscheuchte die Gedanken an seine Besucherin und fing an, wie besessen draufloszumalen. Plötzlich wusste er ganz genau, wie der Eingangsbereich seines Hauses aussehen sollte. Es mochte ein hoher Preis sein, die Welt um sich herum zu vergessen – aber nur so konnte er die Bilder in seinem Kopf klar genug sehen, um sie exakt auf Papier übertragen zu können. Und wenn er sich stark genug konzentrierte, musste er nicht über den Rest seines Lebens nachdenken. Beziehungsweise über den chronischen Mangel an einem Leben jenseits der Arbeit.

2. KAPITEL

Der Mann– sie kannte seinen Namen nicht und wollte es auch gar nicht– zerrte ihr die Hose bis zu den Knien hinab. Dann drückte er sie mit dem Gesicht nach unten auf den Tisch.

„Ich will kein Wort von dir hören.“

Sie nickte und biss sich vor Vorfreude auf die Lippe. Als sich seine schwieligen, unvertrauten Hände um ihre Hüften legten, zuckte sie zusammen und keuchte auf. Eine fast unerträgliche Spannung baute sich in ihr auf, wie eine Schlange im Käfig auf der Suche nach einem Schlupfloch.

Der Mann hielt sie mit einer Hand fest, mit der anderen schob er seinen Schaft zwischen ihre Beine. Er verschwendete keine Sekunde mit Zärtlichkeiten oder Vorsicht, sondern stieß hart und tief zu. Es spielte keine Rolle, so feucht, wie sie war.

Marguerite schrie auf.

Lori legte das Buch weg und sah sich schuldbewusst um. Joe war zu einer Unfallstelle gerufen worden und noch nicht zurück. Trotzdem hatte Lori ein schlechtes Gewissen, denn sie saß hier in Love’s Garage, umgeben von den Werkzeugen ihres Vaters, und war erregt von ihrer schlüpfrigen Lektüre. Es war zwar Samstag, aber was sie hier machte, konnte man nicht mal im Entferntesten als professionelles Verhalten bezeichnen. Sie hätte wenigstens ins Haus gehen können. Vielleicht sogar ins Schlafzimmer. Doch ein Blick auf die Uhr verriet ihr, dass sie noch drei Stunden durchhalten musste. Andererseits war sie hier der Chef und …

Das Telefon klingelte. Lori nahm ab und warf mit der anderen Hand den Kurzgeschichtenband auf den Arbeitstisch. „Hallo?“

„Lori, hier ist Ben.“

„Hey, Ben!“ Bestimmt rief er an, um ihr zu sagen, dass er sich geirrt hatte. Genau, so musste es sein.

„Ich wollte nur mal nachfragen, ob alles okay ist bei dir. War ein ziemlicher Schock gestern, hm?“

„Klar, alles bestens.“ Nur ein bisschen Anspannung, Nervosität und Ruhelosigkeit.

„Gut. Ich warte immer noch auf die Infos, die ich angefordert habe, und dachte, vielleicht kannst du mir in der Zwischenzeit ein paar Fragen beantworten, mit denen ich schon mal weiterarbeiten kann.“

Lori blinzelte verwirrt. „Äh, klar. Aber ich war gar nicht hier, als der Unf… als er verletzt wurde.“

„Ich versuche ja auch nur, mir einen Gesamteindruck von seinem Leben zu verschaffen. Hatte dein Vater Feinde? Und ich meine jetzt nicht das Capulet-Montague-Kaliber. Eher Leute, mit denen er nicht sonderlich gut ausgekommen ist. Ein geschäftlicher Konkurrent oder ein unzufriedener Kunde, der sich vielleicht betrogen gefühlt hat.“

„Oh, ich glaube nicht.“

„Und gab es eine Frau in seinem Leben? Oder vielleicht sogar mehrere?“

Wieder blinzelte Lori. Erstaunlich, wie befremdlich ihr die Vorstellung war. „Nicht dass ich wüsste.“

„Okay, in Ordnung. Es eilt auch nicht. Aber ich möchte dich bitten, die Fragen einfach im Hinterkopf zu behalten. Falls dir doch noch etwas einfällt, schreib es auf. Falls es dir weiterhilft: Die häufigsten Motive in solchen Situationen sind Eifersucht und Geld.“

„Klar, aber …“ Lori schloss die Augen und rieb sich die Stirn. „Ben, ich bin mir sicher, dass es nichts weiter war als eine dumm gelaufene Kneipenschlägerei. Niemand wollte etwas von ihm. Er hatte doch gar nichts.“

„Wahrscheinlich hast du recht. Aber in meinem Job muss man alles für möglich halten. Tut mir leid, dass ich dich damit so durcheinanderbringe.“

„Nein, mir tut es leid. Ich kann zwar nicht behaupten, dass ich glücklich bin über die ganze Angelegenheit. Aber es bedeutet mir viel, dass du den Fall noch einmal unter die Lupe nimmst. Und ich werde dir helfen, wo ich nur kann.“

„Danke, Lori. Ruf mich an, wenn dir irgendetwas einfällt. Und auch, wenn du jemanden zum Reden brauchst, okay?“

Gleich nachdem sie aufgelegt hatte, hielt Joe mit quietschenden Bremsen in einer großen Staubwolke auf dem Hof.

„War der Unfall schlimm?“, rief sie ihm zu, während er aus der Fahrerkabine des Abschleppwagens sprang.

„Ach was, nur ein geplatzter Reifen. Ist dir schon mal aufgefallen, dass kein Mensch mehr selber einen Reifen wechseln kann?“

Natürlich war ihr das schon aufgefallen. Was sie auch jedes einzelne der schätzungsweise tausend Mal geantwortet hatte, wenn sie dieses Gespräch geführt hatten. Aber da der Automobilclub ihnen eine ordentliche Stange Geld dafür bezahlte, dass sie einen Reifen austauschten, würde Lori einen Teufel tun, sich über diese zivilisatorische Verfallserscheinung zu beschweren.

Joe zog ein Taschentuch aus seiner Hosentasche und wischte sich den Schweiß vom Nacken. Plötzlich kam er Lori wahnsinnig alt vor. Er war ein paar Jahre älter als ihr Vater, aber die beiden hatten sich so nahegestanden wie Brüder. Und für Lori war Joe wie ein zweiter Vater. Er hatte schon vor ihrer Geburt angefangen, für ihren Vater zu arbeiten, und war mehr als nur ein Angestellter gewesen, solange sie denken konnte.

Joe hatte sie unzählige Male von der Schule abgeholt, war stolz auf ihre guten Noten gewesen, hatte ihr Vorträge über Jungs und Alkohol gehalten. Hätte Joe in den letzten Jahren nicht den Löwenanteil der Arbeit in der Werkstatt übernommen, wäre Lori nie dazu in der Lage gewesen, sich um ihren Vater zu kümmern. Manchmal hatte sie ihn nicht einmal pünktlich bezahlen können, doch er hatte sich nie beschwert. Kein einziges Mal.

Außerdem hatte er ihren Dad besser gekannt als irgendjemand sonst.

„Joe, kann ich dich was fragen?“

Er zuckte die Schultern und ließ sich auf einen Stuhl fallen. „Du weißt doch, dass du mich alles fragen kannst, mein Vögelchen. Schieß los.“

„Ich habe in letzter Zeit eine Menge über meinen Vater nachgedacht. In den Monaten vor seinem Unfall war ich ja gar nicht hier. Kannst du mir erzählen, wie sein Leben so war, nachdem ich aufs College gegangen bin?“

Wieder zuckte Joe die Schultern. „Genauso wie immer, würde ich sagen. Arbeit, Angeln, Bier trinken.“

„Hatte er eigentlich eine Freundin?“

Die Frage überraschte Joe sichtlich. „Eine Freundin? Nein, jedenfalls keine, mit der es ihm so ernst gewesen wäre, dass er davon erzählt hätte. Drüben in Grand Valley gab es eine Kellnerin, mit der er manchmal ausgegangen ist. Und dann hatte er kurz was mit einer aus Eagle. Aber alles in allem war er ein ziemlicher Einzelgänger. Nachdem deine Mutter abgehauen ist …“ Er sah mit zusammengekniffenen Augen zu ihr hoch. „Danach hatte er’s nicht mehr so mit Beziehungen.“

Lori verzog das Gesicht. Sie war gerade einmal fünf gewesen, als ihre Mutter weggelaufen war. Vor acht Jahren war sie an Leberversagen gestorben. Hepatitis C. In der dazwischenliegenden Zeit hatte sie kein einziges Mal versucht, Kontakt zu ihrer Tochter aufzunehmen.

„Sie hat mir mal geschrieben“, sagte Joe.

Lori schnappte überrascht nach Luft. „Was? Wer?“

„Deine Mom. Sie hat mir geschrieben. Da warst du … lass mich nachdenken … ungefähr fünfzehn. Sie wollte wissen, wie es dir geht.“

„Aber warum hat sie dann dir geschrieben?“

Joe beugte sich vor, stützte die Ellenbogen auf die Knie und starrte gedankenverloren auf den Boden. „Schätze, sie hat sich zu sehr geschämt, um sich bei deinem Vater zu melden. Ich hab ihr zurückgeschrieben und ihr erzählt, was für ein tolles Mädel du bist. Schlau und fleißig. Danach hab ich nie wieder von ihr gehört.“

Lori räusperte sich. „Und du glaubst nicht, dass sie meinen Vater jemals angeschrieben hat?“

Joes Blick schoss nach oben. Er sah ihr einen langen Moment in die Augen. „Erzählt hat er jedenfalls nichts.“

„Klar.“ Sie nickte und drückte ihre Stiefelspitze auf den Betonboden. „Wahrscheinlich hat er wirklich nie wieder von ihr gehört. Danke, dass du mir davon erzählt hast, Joe.“

„Aber gern doch, Schätzchen. Willst du sonst noch was wissen?“

„Nein. Ich muss hoch zu Quinn Jennings’ Grundstück. Wenn in der nächsten halben Stunde niemand anruft, kannst du gern Feierabend machen. Ich leite die Anrufe auf mein Handy weiter.“ Sie schnappte sich ihr Buch und wandte sich bereits zum Gehen. Doch Joe hielt sie mit einem lauten Räuspern zurück.

„Sag mal, hast du schon drüber nachgedacht, wann du das Grundstück am Fluss verkaufen willst?“

Lori gelang es gerade noch, ein frustriertes Stöhnen zu unterdrücken. Warum nervten sie alle mit diesem verdammten Stück Land? Klar, es lag direkt am Fluss, aber es war nicht so, dass eine versteckte Silbermine darauf gelegen hätte. Na ja, vielleicht ja doch. „Joe, es tut mir leid. Ich bin einfach noch nicht so weit. Ich weiß, sein Tod ist schon ein Jahr her, aber er war so glücklich, als er es gekauft hat. Ach, du weißt schon, was ich meine.“

Entschuldigend hob Joe die Hände und warf ihr ein trauriges Lächeln zu, in dem so großes Mitgefühl lag, dass Lori sich sofort getröstet fühlte. Kurz nach dem Unfall hatte er ihre finanzielle Misere ermessen können und ihr ein Kaufangebot gemacht. Und falls sie das Grundstück jemals verkaufen würde, dann an ihn. Er liebte das Land dort oben und fuhr häufig zum Angeln hin, obwohl sein Angelkumpel mittlerweile nicht mehr lebte.

Manchmal gesellte Lori sich zu ihm. Und dann fühlte es sich so an, als wäre ihr Dad ebenfalls dort. Genauso wie früher. Lori und ihre beiden liebsten Menschen auf der Welt. Ihre einzige Familie.

Joes vernarbte, schwielige Finger schlossen sich um ihren Ellenbogen. „Kein Druck, Lori. Komm einfach zu mir, wenn du darüber reden möchtest. – Sag mal, was liest du denn da?“ Er stand auf und wollte nach dem Buch greifen, aber Lori hielt es so, dass er es nicht erreichen konnte.

„Bis Montag!“, rief sie, griff nach ihren Schlüsseln und machte sich auf den Weg zu Quinns Grundstück.

Während der Fahrt kurbelte sie das Fenster nach unten, um die frische Sommerluft ins Auto zu lassen, und drehte die Musik lauter. Der Fahrtwind wirbelte ihr Haar durcheinander, aber ausnahmsweise war das Lori vollkommen egal. Die Musik und das strahlende Wetter verscheuchten ihre finsteren Gedanken.

Was auch immer in ihrem Leben vorgefallen war, wer auch immer sie dadurch geworden war: Sie wollte sich davon befreien, wenigstens für den Augenblick. Ihr Haar, das Einzige an ihrem Äußeren, was sie wirklich mochte, flatterte in der Brise. Die Musik hämmerte, und sie bewegte sich zu einem sexy Beat.

Sie war neunundzwanzig Jahre alt. Eine Vollwaise. Single ohne konkrete Aussichten. Aber sie war weit davon entfernt, zu verzweifeln und alles hinzuschmeißen. Was sie brauchte, war ein bisschen Ablenkung.

Ben hatte eine Menge alter Erinnerungen bei ihr geweckt. Und wenn sie keine Zerstreuung fand, würde sie früher oder später anfangen, in der Vergangenheit zu leben, umgeben von Gespenstern. Sie war ja so schon ständig von ihrem alten Leben umgeben, wohnte im Haus ihres Vaters, fuhr seinen Wagen, führte seine Arbeit fort. Wenn sie nicht aufpasste, verwandelte sie sich irgendwann noch in einen neunundfünfzigjährigen Mann mit ergrauendem Bart und behaarten Armen.

Genau, sie musste sich ablenken. Ein Mädchen sein. Nein, kein Mädchen. Eine Frau. Und erfahrungsgemäß ließ sich das am einfachsten durch eine aufregende Begegnung mit einem Mann bewerkstelligen.

Andererseits war der Gelegenheitssex, den sie in der Vergangenheit hin und wieder gehabt hatte, nicht gerade umwerfend gewesen. Ein bisschen Feuerwerk in der Unterleibsregion, das war’s. Nächtliches Abenteuer beendet. Und so deprimierend, wie ihr Leben gerade war, brauchte sie mehr als das.

Wenn sie wirklich ehrlich war, hatte keine Affäre sie jemals auch nur ansatzweise so sehr erregt wie Mollys erotische Geschichten. Und trotz der hartnäckigen Gerüchte in Tumble Creek interessierte sie sich kein bisschen für Frauen. Aber was bedeutete das unterm Strich? Dass sie … perverseren Sex brauchte? Wollte sie mit roher Gewalt von einem Wildfremden genommen werden – so wie die Frau in der Geschichte, die sie gerade gelesen hatte?

„Wohl eher nicht“, flüsterte sie dem Lenkrad zu.

Wollte sie gefesselt und ausgepeitscht oder von einem ganzen Werwolfrudel genommen werden? Auch das war nämlich eine Geschichte, die ihr gefallen hatte. Sie kicherte los. Zumindest die Werwolffantasie würde sich in der Realität als ziemlich schwieriges Unterfangen entpuppen. Sie müsste in Stilettos durch den Wald stöckeln und darauf hoffen, dass mindestens in einem zerzausten Camper eine wilde Bestie schlummerte.

Der Motor röhrte auf, als sie die letzte Steigung zur Bergspitze nahm, doch Lori würdigte die fantastische Aussicht kaum eines Blickes. Sie war viel zu sehr damit beschäftigt, über ihre sexuellen Bedürfnisse nachzudenken.

Also keine Werwölfe. Aber was dann?

Sie war nicht lange genug auf dem College gewesen, um mehr als einen Freund zu haben. Die Experimentierphase hatte sie einfach übersprungen. Und seitdem war außer dem einen oder anderen Date einfach … gar nichts passiert.

Ein großes Schlagloch zerhackte ihr frustriertes Stöhnen in zwei Teile.

Dates, ha! In den letzten Jahren war ihr so gut wie kein Mann über den Weg gelaufen, mit dem sie hätte schlafen wollen. Und unter den wenigen war keiner gewesen, den sie hätte fragen können, ob er ihr wohl mal eben den Hintern versohlen könne.

Obwohl Jean-Paul vermutlich ziemlich viel Ahnung vom Hinternversohlen hatte. Wahrscheinlich war er ein richtiger Profi. Vielleicht sollte sie ihn einfach mal anrufen. Vielleicht …

„Ach, hör schon auf“, murmelte sie missmutig. Sie wollte doch eigentlich gar nicht den Hintern versohlt bekommen. Was sie brauchte, waren ein oder zwei sensationelle Orgasmen. Den Kitzel und Schmetterlinge im Bauch und ein Knistern in der Luft, das sich zu einem Großbrand ausweitete.

Nicht weniger als das – aber auch nicht mehr. Denn sie näherte sich zwar mit großen Schritten der dreißig, aber eine richtige Beziehung stand nicht zur Debatte.

Sie mochte keine Ahnung haben, was sie mit ihrem Leben anfangen sollte. Ganz sicher würde sie jedoch ihre Träume und Hoffnungen nicht für die Liebe opfern. Eines Tages würde sie Tumble Creek verlassen. Und bis dahin brauchte sie jemanden, der sie von ihren Problemen ablenkte.

Lori wollte sich keine Sorgen mehr machen. Sie wollte stöhnen und keuchen und feucht werden wie die Frauen in diesen Büchern.

Neue Schuhe konnten da zwar nicht wirklich helfen, wären allerdings immerhin ein Anfang. Ein Zeichen, dass sie bereit war. Und vielleicht, ganz vielleicht würde ein gut aussehender Fremder in Tumble Creek auftauchen und sie dazu bringen, diese Schuhe gleich wieder auszuziehen. Oder noch besser: ihr befehlen, sie anzulassen.

„Hi, Quinn“, sagte eine Stimme direkt neben ihm. So gern er seine neuste Idee auch gleich zu Papier gebracht hätte – Quinn legte resolut den Zeichenstift beiseite und wandte sich seiner Besucherin zu. Der Anblick des vertrauten braunen Lockenkopfs und der strahlend grünen Augen brachte ihn zum Lächeln.

„Lori!“, sagte er und umarmte sie.

„Oh … hi!“, quiekte Lori, woraufhin er sie hastig wieder losließ.

„Wie geht’s dir?“

„Ach, gut. Du weißt schon, immer dasselbe.“ Sie schob die Hände in die Taschen ihres grauen Overalls. Eine Windbö wehte ihr Haar nach vorne und ließ ihre Locken tanzen.

„Du siehst auf jeden Fall toll aus. Willst du einen Kaffee?“

„Äh, nein, danke, ich sollte mich gleich an die Arbeit machen. Gestern Abend sind die Ersatzteile geliefert worden.“

„Komm schon, trink einen Kaffee mit mir. Ich hab ein richtig schlechtes Gewissen wegen letzten Mal.“

„Wieso denn das?“, fragte sie, betrat die Hütte aber, ohne zu protestieren, als er in Richtung Eingangstür wies.

Weil sie immer noch die Hände in den Hosentaschen vergraben hatte, spannte sich der grobe Baumwollstoff des Overalls um ihren Po. Ein ziemlich toller Po, wie Quinn fand. Er schob sich an Lori vorbei und drückte den Schalter der kleinen Kaffeemaschine. Als er sich wieder umdrehte, bemerkte er, dass Lori sich aufmerksam umsah.

„Wohnst du hier richtig?“

Er warf einen Blick auf sein provisorisches Bett. „Manchmal.“

Ihre schweren Schuhe polterten dumpf über den zerkratzten Holzboden. Quinn sah von den Stahlkappenstiefeln hinauf zu ihrem zarten Gesicht und schüttelte gedankenverloren den Kopf.

Lori runzelte die Stirn. „Warum guckst du mich so kritisch an?“

„Ach, unwichtig. Also, ich habe fast den ganzen Sommer über hier oben gewohnt.“

Wieder sah sie sich in der kleinen Ein-Zimmer-Hütte um. „Und wo hängst du deine Anzüge auf?“

„Drüben in meiner Wohnung in Aspen. Ich fahre jeden Morgen rüber, um zu duschen und mich umzuziehen. Der Solarboiler hier funktioniert nach kalten Nächten auffallend schlecht.“

„Kann ich mir vorstellen. Unglaublich, wie kalt es hier oben im Hochsommer ist. In Tumble Creek ist es richtig warm heute.“ Sie erschauerte und beäugte sehnsüchtig die Kaffeemaschine.

Quinn lächelte und schenkte ihr eine Tasse ein.

„Muss eine Menge Bären geben hier oben“, bemerkte Lori.

„Bären? Keine Ahnung. Mir ist noch keiner über den Weg gelaufen.“

„Die sind überall, Quinn. Und jetzt sag mal, wieso hattest du ein schlechtes Gewissen?“

„Weil ich dich ignoriert habe, als du das letzte Mal hergekommen bist.“

„Ja, so könnte man es ausdrücken“, erwiderte sie grinsend.

„Eigentlich ist mir erst so richtig aufgefallen, dass du hier warst, als du schon wieder weg warst. Und da kam ich mir wie ein Riesenidiot vor.“

Lori winkte ab. „Ach, Unsinn. Ich kenne dich lange genug, um es nicht persönlich zu nehmen. Du warst doch schon immer so! Wie hat dein Dad dich noch immer genannt? Doktor Desinteresse?“

„Genau.“ Jetzt grinste er auch.

„Aber schön, dass du diesmal lange genug aus deiner Trance erwacht bist, um mir Kaffee zu machen.“ Sie prostete ihm mit ihrer Tasse zu und nahm einen großen Schluck. „Hm, das tut gut. Mir ist fast schon warm genug, um mich wieder nach draußen in den Wind zu wagen.“

„Warte mal.“ Quinn kramte in der großen Holzkiste neben dem Küchentresen und zog eine Strickmütze hervor, die er Lori ungebeten über die Locken stülpte. „So, das dürfte helfen“, murmelte er, während er ihr konzentriert ein paar Strähnen unter die Mütze schob.

„Hör auf damit!“ Sie versuchte, sich unter seinen Händen wegzuducken. „Ich hasse Mützen!“

„Aber es ist kalt draußen.“

„Der Kaffee wird schon helfen.“ Nachdem sie sich die Mütze vom Kopf gerissen hatte, fuhr sie sich durch die Locken und warf Quinn einen finsteren Blick zu.

„Und ich hab dich immer für unkompliziert gehalten. Wer hätte geahnt, dass du schrullig und leicht reizbar bist?!“

Lori verdrehte die Augen und trank ihren Kaffee aus. „In einer Dreiviertelstunde dürfte ich fertig sein.“

„Warte, jetzt renn doch nicht gleich weg.“ Er setzte eine übertrieben ernste Miene auf. „Das läuft ja noch schlechter als bei deinem letzten Besuch! Tut mir leid, dass ich dir eine Mütze aufgesetzt habe. Entschuldige bitte. Das war unangemessen und unverzeihlich. Keine Ahnung, was ich mir dabei gedacht habe.“

Loris genervter Gesichtsausdruck wich einem amüsierten Lächeln. „Ich hab einfach was gegen Kopfbedeckungen, okay?“

Ihr Lächeln hatte er immer schon gemocht. In den seltenen Momenten im Schulbus, in denen sie nicht beide die Nasen in ihre Bücher gesteckt hatten, hatte Quinn sie manchmal lachen gehört und sich umgedreht, um ihr strahlendes breites Lächeln zu sehen. Es war nicht oft vorgekommen. Deswegen waren ihm die seltenen Gelegenheiten umso wichtiger erschienen. Doch heute kam Lori ihm vor wie ein wandelndes Rätsel. Undurchschaubar und verschlossen.

Nur das schöne Lächeln war geblieben.

Schlagartig wurde ihm klar, wie sehr er sich freute, sie zu sehen. „Danke, dass du dir die Mühe machst, hier extra hochzukommen, um den Bagger zu reparieren, Lori.“

„Gerne, Quinn“, rief sie ihm noch zu, bevor sie mit ihren schweren Stiefeln zur Tür hinausstapfte. „Gib mir eine Stunde, dann reden wir über meinen Bonus.“

Lori fuhr sich noch einmal durch die Locken und bemühte sich dabei redlich, den Motor des Baggers zu mustern, anstatt dümmlich in Quinns Richtung zu grinsen. Diese Hände, die sie schon so lange bewunderte, hatten ihre Stirn, ihre Wangen berührt. So elegant sie auch aussahen – die körperliche Arbeit hier oben hatte sie rau und kräftig gemacht.

Schade, dass es eine fast schon brüderliche Berührung gewesen war … Aber das war absolut logisch. Schließlich war Quinn der Bruder ihrer besten Freundin, und wahrscheinlich hatte er Lori schon vor Jahren im Kleine-Schwester-Ordner abgelegt. Falls er überhaupt jemals über sie nachgedacht hatte.

„Hat er nicht“, murmelte sie und beschloss, sich von jetzt an auf die Arbeit zu konzentrieren.

„Hast du was gesagt?“

Sie zuckte zusammen und stieß sich dabei den Ellenbogen an der Motorhaube, was Quinn aber völlig entging, da er schon auf seine Zeichnung sah.

„Woran arbeitest du da eigentlich?“, fragte Lori.

Er schaute auf und warf ihr einen verwirrten Blick zu, so wie immer, wenn er aus den Gedanken gerissen wurde.

Geduldig wiederholte sie die Frage.

„Oh, am Bauplan für das Haus.“

„Aber du hast doch schon mit den Bauarbeiten angefangen“, bemerkte Lori, während sie zu den Betonmauern am Rand der Lichtung sah. „Sieht so aus, als wäre das Fundament schon fertig.“

„Ja, das Erdgeschoss habe ich schon entworfen. Eigentlich war ich mit allem fertig, aber dann sind mir ein paar Details aufgefallen, mit denen ich nicht so ganz zufrieden bin. Und seitdem ändere ich den Entwurf jeden Tag und mache ihn neu.“ Er lächelte selbstironisch. „Ich mache das tagtäglich für andere Leute und habe mich immer über Kunden lustig gemacht, die ihre Entscheidung alle paar Tage ändern. Aber jetzt, da es um mein eigenes Haus geht, das Haus, in dem ich die nächsten Jahrzehnte leben will, weiß ich plötzlich selbst nicht genau, was ich will. Eine Idee löst die andere ab, am nächsten Morgen halte ich alles wieder für absoluten Quatsch. Und dann kommt auch schon Einfall Nummer fünftausend. Langsam entwickle ich ein sehr tiefes Verständnis für meine Kunden.“

„Was vermutlich nicht schadet.“ Lori ließ den Blick über die Wiese, die Bäume und zum strahlend blauen Himmel wandern, der sich über den Berg spannte. „Kommst du hierher, um dich inspirieren zu lassen?“

Seine Augen begannen zu glänzen. „Genau! Das Licht, die Farben, die Schatten, alles ändert sich von Minute zu Minute. Die Fenster müssen an genau den richtigen Stellen sitzen und die perfekte Größe und Form haben. Und dann muss sich das Licht in einem bestimmten Winkel auf den Wänden brechen, das Material spielt also auch eine wichtige Rolle. Ich muss genau wissen, wie es hier morgens und abends aussieht und mittags und nachmittags.“ Er unterstrich seine Worte mit Gesten. Lori sog fast schon gierig jede einzelne Bewegung seiner Hände ein.

„An dem Abend, an dem du hier gewesen bist“, fuhr er fort, „gleich nachdem du gegangen bist, ist das Sonnenlicht durch die Espen gebrochen. Und da ist mir endlich klar geworden, was für ein Fenster ich über der Haustür haben will. Was für eine Steinsorte ich für den Kamin … Oh, entschuldige bitte.“

Lori schüttelte die Benommenheit ab, in die seine tiefe Stimme und der Anblick seiner glänzenden Augen sie versetzt hatten. „Was?“

„Es tut mir leid. Ich neige dazu, andere Leute zu Tode zu langweilen. Ich bin sozusagen der Nerd unter den Architekten.“

„Ach was, ich fand das total interessant! Wenn du so redest, siehst du fast aus, als wärst du verliebt.“

„Oh.“ Er errötete leicht. Dieser große erfolgreiche Mann, der da in seinem Flanellhemd vor seiner Holzhütte stand, wurde allen Ernstes rot.

„Das ist total süß“, versicherte Lori ihm.

„Super. Süß. Das ultimative Nerd-Kompliment.“

Lori musste lachen. Und als er ihr einen tadelnden Blick zuwarf, lachte sie noch ein bisschen mehr. „Gib’s auf, Quinn. Ich werde auf keinen Fall anfangen, dich zu bemitleiden. Selbst wenn du mich davon überzeugen könntest, dass du ein Nerd bist, wärst du immer noch ein ziemlich attraktiver, stinkreicher und erfolgreicher Nerd. Armes Schätzchen.“

Kopfschüttelnd fing sie an, den alten Anlasser auszubauen. Wahrscheinlich war Quinn tatsächlich ein bisschen nerdig – aber auf eine geheimnisvolle, ziemlich anziehende Weise, weswegen ihm auf der Highschool die Mädchen scharenweise hinterhergelaufen waren. Geistesabwesende Bücherwürmer waren eben sehr gefragt, solange sie umwerfend gut aussahen und freundlich waren.

„Attraktiv?“, hörte sie ihn fragen und sah auf. Er stand an die Verandabrüstung gelehnt da und musterte sie fragend.

„Hä?“

„Attraktiv. Du hast gerade gesagt, dass ich attraktiv bin.“ Er bemühte sich sichtlich, ernst und streng zu gucken, aber in seinen Augen blitzte der Schalk.

Jetzt war Lori diejenige, die rot wurde. Sie wedelte drohend mit dem Schraubenschlüssel in seine Richtung. „Nur eine kleine Streicheleinheit für dein Ego.“

„Gute Arbeit. War ziemlich angenehm, die Streicheleinheit.“

Frustriert stöhnte sie auf. „Geh lieber. Ich kann nicht arbeiten, wenn du mich so anstarrst.“

„Vorhin hast du einen Bonus erwähnt. Wie meintest du das?“

In seiner Stimme klang etwas Verheißungsvolles, leicht Anzügliches an, was Lori ziemlich verwirrte. Und das Wort „Streicheleinheit“ wirkte immer noch auf sie. „Nichts weiter“, erwiderte sie. „Ich hatte nur gehofft, dass du mir irgendwann mal den Bagger ausleihst. Natürlich erst, wenn du hier fertig bist.“

„Und das ist alles?“

„Klar. Würdest du mich jetzt bitte endlich in Frieden lassen?“

„Aber du stehst sozusagen mitten in meinem Büro.“ Eine Windbö ließ das Espenlaub rascheln, als wollte die Natur ihm zustimmen.

„Okay, dann guck eben die Bäume an und nicht mich.“

„Das wäre aber ziemlich unhöflich von mir.“

Hatte er gerade für einen kurzen Augenblick anerkennend ihren Körper gemustert? Nein, in Anbetracht ihres Overalls war das eher unwahrscheinlich. Plötzlich hasste sie diesen blöden Arbeitsanzug. Es war Samstag, verdammt noch mal! Sie hätte genauso gut in Shorts und einem Tanktop hier auftauchen können. Und dann wären ihr beim Arbeiten sicher eine Menge Gründe eingefallen, sich besonders häufig bücken zu müssen.

Lori wandte ihm den Rücken zu. „Na gut, dann unterhalten wir uns eben, während ich arbeite.“

„Und worüber?“

Sie zuckte die Schultern und versuchte, möglichst gleichgültig zu klingen. „Du hast doch in Europa studiert, oder? Erzähl mir davon.“

Er schwieg eine Weile, dann fing er an zu reden. Anfangs berichtete er noch zögerlich und stockend, doch bald klang seine Stimme ganz weich, fast als würde er mit sich selbst sprechen. Doch Lori sog seine Worte förmlich auf, jedes einzelne.

3. KAPITEL

Die leuchtend roten Stecknadeln waren ganz besonderen Anlässen vorbehalten. Die Köpfe waren wie geschliffene Rubine geformt, und immer wenn Lori sie in die Hand nahm, musste sie lächeln. Sie rollte die Nadel zwischen Daumen und Zeigefinger, dann schob sie sie vorsichtig in das Wort Córdoba.

Quinns Geschichte hatte eindeutig eine rote Stecknadel verdient. Er hatte die Gebäude in Córdoba mit einer solchen Leidenschaft, mit so einem Funkeln in den Augen beschrieben und dabei die Torbögen, Mauern und Türme der Altstadt in die Luft gezeichnet. Er hatte von den Kirchen und Mosaiken erzählt, wie ein Künstler über die Liebe sprechen würde. Oder über Sex. Und Lori war scharf geworden, nur durchs Zuhören. Langsam fragte sie sich, ob Architektur möglicherweise ihr Fetisch war.

Sie trat zurück und begutachtete ihr Werk. Fast ganz Europa war mit Stecknadeln übersät, die sich von dort aus in andere Teile der Welt ausbreiteten. Blau, Schwarz, Gelb und Grün – jede Nadel stand für eine Geschichte, die sie gelesen oder die ihr jemand erzählt hatte. Und die Farben symbolisierten, wie wichtig es Lori war, den jeweiligen Ort eines Tages selbst zu besuchen. Die rubinroten Stecknadeln standen für die Städte, die sie auf ihrer Reise als Erstes besichtigen würde.

Natürlich nur, wenn sie es jemals schaffte, Tumble Creek zu verlassen.

Vom ersten Tag der sechsten Klasse an hatte sie ihre Flucht geplant. Damals hatte eine neue Lehrerin Fotos von ihrer zweimonatigen Rucksackreise durch Europa gezeigt. Lori war das Herz aufgegangen. Später war ihre Leidenschaft noch gewachsen, mit jedem einzelnen Buch aus der Bücherei, das sie gelesen, mit jeder Reportage, die sie im Fernsehen gesehen hatte. Die gesamte Highschoolzeit über hatte sie an kaum etwas anderes gedacht. Zeit für Jungs war da nicht geblieben. Lori hatte sich ganz darauf konzentriert, Geld zu sparen und zu büffeln, damit sie es eines Tages aufs Boston College schaffte.

Und sie hatte es geschafft. Sie war mit einem Vollstipendium aufgenommen worden und konnte am „International Business Programme“ teilnehmen, wozu auch ein sechsmonatiger Aufenthalt in den Niederlanden gehörte.

Beim Gedanken daran zog sich Loris Herz schmerzhaft zusammen.

Ihr Dad war so stolz gewesen, dass er nicht einmal hatte zugeben wollen, dass er ein wenig einsam gewesen war, seit sie Tumble Creek verlassen hatte. Und dann …

„Ach, verdammt“, fluchte Lori. Sie hasste es, von Erinnerungen überwältigt zu werden. Verärgert drehte sie sich um und drückte auf den Lichtschalter, sodass ihr altes Kinderzimmer in tiefer Dunkelheit versank.

Als sie sich auf den Weg ins Erdgeschoss machte, klingelte es an der Haustür.

Kaum hatte Lori die Tür geöffnet, da fand sie sich auch schon in Mollys Armen wieder. „Du willst echt shoppen gehen?“

Lori wand sich aus der Umarmung ihrer Freundin und sah auf die Zeitschrift Aspen Living, die sie auf dem Sofa hatte liegen lassen. Auf der Rückseite prangte ein Foto von einem Paar Schuhe, das sie nun schon seit drei Tagen bewunderte. Leisten konnte sie es sich aber leider nicht.

„Ja, will ich.“

Molly blickte mit ernster Miene zwischen Lori und der Zeitschrift hin und her. „Na dann: Los, lass uns Schuhe kaufen.“

„Okay, und ein … also … ein Kleid brauche ich auch.“

Molly hatte sich schon zum Gehen gewandt, hielt jetzt jedoch mitten in der Bewegung inne. „Oh. Mein. Gott. Ist das dein Ernst? Ich dachte, du bist süchtig nach Jeans!“

„War ich ja auch. Schätze, für mich beginnt ein neuer Lebensabschnitt.“

„Scheint ziemlich sexy zu sein, dein neuer Lebensabschnitt! In Anbetracht der Tatsache, dass du schon in Jeans umwerfend aussiehst, muss sich Tumble Creek in Zukunft wohl ziemlich vor dir in Acht nehmen. Gerade letzte Woche habe ich das perfekte Kleid für dich gesehen. Oh Mann, wir werden so unglaublich viel Spaß haben!“

Lori erwiderte ihr Grinsen. „Ja, sehr wahrscheinlich.“

„Ich habe für neun einen Tisch im Peak reserviert. Das heißt, wir haben ganze vier Stunden Zeit. Auf geht’s!“

Lori nickte. „Auf geht’s.“

Ein paar Minuten später fuhren sie in Mollys kirschrotem SUV Richtung Aspen. Auf halber Strecke warf Molly ihrer Freundin einen vielsagenden Seitenblick zu. „Also …“

„Also was?“, erwiderte Lori mit Unschuldsmiene.

„Also“, wiederholte Molly, „Ist das eine ‚Ich muss mein Leben ändern‘-Phase oder eine ‚Der Typ ist so heiß, dass ich dringend neue Klamotten brauche‘-Phase?“

Lori warf einen Blick auf ihre viel zu kurzen Fingernägel, unter denen sich ein paar renitente Motoröl-Reste angesammelt hatten, und ballte die Hände zu Fäusten. „Wahrscheinlich beides. Keine Ahnung warum, aber ich habe das dringende Bedürfnis, ein Paar High Heels zu besitzen. Wie eine echte Frau auszusehen. Und jemanden flachzulegen.“

„Wen denn?“ Molly hob die Augenbrauen so weit, dass sie fast in ihrem Haaransatz zu verschwinden schienen. „Sag schon, wer ist der Glückliche?“

„Keine Auskunft möglich.“

„Kennst du ihn aus der Bar? Aus dem Café? Ist es einer von diesen Mountainbike-Touristen? Oder …“

„Hör auf, du Schundromanautorin! Ich muss mir erst noch jemanden suchen.

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