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...acht, neun, aus?

Horst Bieber

...acht, neun, aus?

Cassiopeiapress Regio-Krimi/ Edition Bärenklau





BookRix GmbH & Co. KG
80331 München

...acht, neun, aus?

von Horst Bieber

REGIO-KRIMI

© dieser Digitalausgabe by Alfred Bekker/CassiopeiaPress

www.alfredbekker.de

postmaster@alfredbekker.de

Die EDITION BÄRENKLAU wird herausgegeben von Jörg Martin Munsonius

www.editionbaerenklau.de

ACHT, NEUN…AUS?, REGIO-KRIMI von Horst Bieber, 2010/2014

Cover & Layout: Steve Mayer, 2014

Peter Jenfeld ehemaliger Student der Musikwissenschaften wird gebeten nach einem vermeintlich musikalisch wertvollen Schatz in einer zugemüllten und zum Verkauf stehenden Villa zu suchen.

Doch nicht nur die Erben und Peter Jenfeld jagen den „Schatz“, auch Fremde aus aller Herren Länder suchen die wertvolle Beute, eine bislang unbekannte Beethoven-Symphonie.

Und die schrecken auch nicht vor der Entführung der Erbin zurück – doch richtig kompliziert wird es erst, als auch die aufgefundene Partitur von Dritten geraubt wird…

...acht, neun, aus? vermischt Fiktion und Fakten. Und auch der Leser muss rätseln, wo Fakten aufhören und die Fiktion anfängt.

Wo Bieber für „hardboiled Krimileser“ draufsteht, ist Bieber garantiert auch drin! Kein Vertun!

PERSONENVERZEICHNIS

Henriette Schilde: geborene Lührs, verwitwete Ries, hat viel zu vererben und stirbt mit fast 100 Jahren.

Marlene Lucius: Henriettes Tochter, stirbt mit 60 Jahren an Krebs, ist des Erbes nicht mehr froh geworden.

Dora Lucius: Marlenes Tochter und Henriettes einzige Enkelin, erbt im Alter von 25 Jahren alles.

Igor Borowitsch: vertritt eine Spedition und Reederei aus St.Petersburg und verfolgt noch andere Interessen.

Karin Feldmann: Sekretärin, arbeitet für Paul Lindauer; ist eine von Doras Schulfreundinnen.

Peter Jenfeld: hilft seiner Nachbarin Dora, einen Schatz zu heben und findet dabei seinen.

Paul Lindauer: verwaltet Henriettes Immobilien und sinnt dabei auf größere Einnahmen für sich.

Erwin Lindauer: Pauls Bruder, lebt in Paris und erfährt dort, dass es einen Schatz gibt.

Monika Schilde: flüchtet früh aus dem Elternhaus in die Arme ihres Freundes Erwin.

Anke Burmeister: Nachbarin von Dora Lucius und Peter Jenfeld. Blondiert sich zu stark.

Helen Cummings: hat deutsche Wurzeln, lebt in Paris und erfährt dort einiges.

Kuno Färber: entrümpelt und räumt gründlich auf.

Arlene Boulanger: in Kunos Firma und Leben unentbehrlich.

Barbara von Echte: in allen Situationen eine echte Hilfe

Lukas Ewold: liebt Heil- und Küchenkräuter und schätzt hilfsbereite Mädchen.

Alle Namen und Personen, Orte, Taten und Ereignisse sind frei erfunden. Ob und wie weit das auch auf die historischen Personen zutrifft, bleibt den geneigten Lesern und Musikfreunden überlassen.

1.

Henriette Schilde schreckte nach Mitternacht hoch, weil sie ein ungewöhnliches Geräusch gehört hatte, das sie alarmierte. Waren sie also doch gekommen? Seit sich die Sachen aus Dresden in der Villa befanden, hatte sie damit gerechnet. Wie hatte Gustav gemeint: "Sie schlagen nicht immer sofort zu, aber sie werden dann kommen, wenn du glaubst, jetzt bin ich sicher vor ihnen." Henriette tastete im Dunkeln nach der Schublade des Bettschränkchens, in der sie Gustavs alte Pistole aufbewahrte, und versuchte, sich zu erinnern, was er ihr erklärt hatte. Sie nahm die Pistole, entsicherte und lud durch, stand auf und tappte zur Tür. Angst kannte sie nicht. Warum auch? Entweder konnte sie Gustavs letzten Wunsch erfüllen oder das Schicksal hatte was anderes für sie vorgesehen. Und wenn man auf die hundert Jahre zuging, war der Gedanke an den Tod nicht mehr so erschreckend und furchterregend neu. Hauptsache, er kam plötzlich und sie musste nicht leiden.

Lautlos öffnete sie die Tür und schlich im Nachthemd, auf nackten Füßen die Treppe hinunter. Und wieder polterte es im Parterre. Das kam davon, wenn man unbefugt in ein Haus eindrang, kein Licht zu machen wagte und nicht wusste, wo die Möbel standen und was alles auf dem Fußboden lag. Ja, sie waren im Wohnzimmer. Henriette öffnete leise die Tür. Viel sehen konnte sie nicht, durch das große Fenster zur Straße fiel gerade genug Licht einer Straßenlaterne, um drei schattenhafte Umrisse zu erkennen.

"Hände hoch!", brüllte Henriette.

Alle drei Schatten fuhren zu ihr herum, und einer kam bedrohlich schnell näher. Sie nahm die Pistole hoch und schoss. Der Krach war schrecklich, so laut, als wolle er ihr die Trommelfelle zerreißen, Trotzdem hörte sie den Schmerzensschrei einer hohen Stimme. Doch keine Sekunde später hatten auch die beiden anderen Gestalten kehrt gemacht und stürmten auf sie zu. Henriette schoss noch einmal, aber diesmal traf sie wohl nicht. Einer der Einbrecher rempelte sie so an, dass sie nach rückwärts stürzte und mit dem Hinterkopf gegen eine Schrankecke knallte, sie fiel hin und ein gnädiges Dunkel umhüllte sie. Das letzte Geräusch, an das sie sich später noch zu erinnern glaubte, war das Zufallen der Haustür.

Wie lange sie ohnmächtig im Wohnzimmer gelegen hatte, wusste sie nicht. Als sie frierend aufwachte, schien es schon zu dämmern. Mühsam rappelte sie sich auf und stellte sich auf die Füße, humpelte aus dem Zimmer und wählte im Salon die 110.


Die beiden Streifenpolizisten warfen nur einen Blick ins Wohnzimmer, einen zweiten auf das große Fenster zur Straße - in der Scheibe zeichnete sich ein Spinnennetzmuster ab - und telefonierten mit der Zentrale. Gut eine Viertelstunde später rollten Kriminalpolizei, Arzt und Spurensicherung an. Zwei Frauen gingen auf Henriette zu, die grau, blass und erschöpft in einen Sessel sank.

"Frau Schilde? Guten Morgen, wir sind von der Kriminalpolizei, mein Name ist Caroline Heynen, das ist meine Kollegin Ellen König. Können Sie uns erzählen, was hier passiert ist?"

Bei Henriette machten sich jetzt Müdigkeit, Entspannung und Erschöpfung bemerkbar. Sie gähnte und hatte Mühe, die Kriminalhauptkommissarin zu verstehen. Die Kriminalkommissarin Ellen König sah sich derweil verstohlen um. Sie hatte noch nie ein Haus betreten, das so unordentlich und bis in den letzten Winkel mit Möbeln, Gerümpel, Säcken, Kisten und Kartons vollgestellt war. Ein Fall fürs Vormundschaftsgericht? Der Fußboden war nur noch in den schmalen Pfaden zu sehen, die zwischen den Sachen verliefen und gerade noch ein vorsichtiges Balancieren erlaubten. Aber die alte Frau schien noch bei klarem Verstand zu sein, wenn auch jetzt übermüdet und nicht mehr fähig, sich zu konzentrieren.

Der Arzt kam aus dem Wohnzimmer in den Salon und murmelte: "Menschenblut, Caro."

Die Haustür war aufgebrochen worden, was die Einbrecher sonst noch an Unordnung verursacht hatten, fiel in dem Durcheinander der über das ganze Erdgeschoss ausgebreiteten Gerümpelsammlung gar nicht auf.

Henriette Schilde hatte zweimal geschossen, einmal einen Menschen getroffen und verwundet, der viel Blut verloren hatte, und mit dem zweiten Schuss die Scheibe des Wohnzimmerfensters zerstört.

"Was können die Einbrecher hier gesucht haben?"

"Ich weiß es nicht." Henriette Schilde gähnte herzzerreißend und der Art brummelte warnend vor sich hin. Caro Heynen hörte auf ihn.

"Gut, Frau Schilde, alles andere verschieben wir auf morgen. Gibt es jemanden, den wir benachrichtigen sollen, damit Sie heute nicht alleine in der Villa bleiben müssen?"

Henriette schüttelte energisch den Kopf: "Nein, danke. Meine Tochter arbeitet und braucht ihren Schlaf. Meine Enkelin würde sich nur fürchten."

"Oder sollen wir Sie in ein Hotel bringen?"

"Nein, danke, auch nicht, wenn Sie so nett wären und mir die Treppe hinaufhelfen könnten. Ich komme dann gut allein zurecht."

Fast hätte sie es geschafft, die Pistole an sich zu bringen, aber Caroline Heynen war schneller. "Tut mir leid, Frau Schilde, die müssen wir beschlagnahmen."


Die dralle Blondine und der ältere Mann mit den eisengrauen Drahthaaren hatten von seinem Auto aus die Villa beobachtet. Als es zweimal knallte, richtete sie sie sich auf und fragte besorgt: "Was war denn das?"

"Zwei Schüsse", erwiderte er gleichmütig.

"Schüsse? Wer soll denn da geschossen haben?"

"Ich habe doch gewarnt, die Alte ist zäh und unberechenbar."

Mehrere Minuten später wurde die Haustür von innen geöffnet. Ein schlanker, tief gebräunter Mann mit schlohweißen Haaren kam heraus, gefolgt von einem glatzköpfigen Riesen, der eine Gestalt auf seinen Armen trug. Im Licht der nächsten Straßenlaterne konnten die Blondine und der Eisengraue sehen, wie das Trio zu einem großen, neben der Einfahrt geparkten Schlitten ging. Der Riese legte die Gestalt vorsichtig auf die Rückbank, die Männer stiegen ein und fuhren los.

"Gehen wir rein?",erkundigte sich die Blondine etwas später.

"Nach der Schießerei? Bist du verrückt? Willst du dir auch eine Kugel einfangen?"


Die Blondine schien enttäuscht, sagte aber nichts mehr. Zwei Minuten später drehte auch er den Zündschlüssel und fuhr los. Sobald sie die dunkleren Straßen der Außenbezirke erreicht hatten, legte er eine Hand auf ihren Schoß. Sie seufzte und zog ihr kurzes Röckchen so weit hoch, dass er ungehindert seine Hand zwischen ihre Oberschenkel zwängen konnte.


Der Arzt nickte und der Weißhaarige legte noch einen weiteren Schein auf den kleinen Stapel, den er bereits hingeblättert hatte.

"Sie können sie mitnehmen, sobald sie aufgewacht ist", sagte der Arzt. "Aber die Wunde muss spätestens alle zwei Tage kontrolliert werden, sie darf sich auf keinen Fall entzünden. Haben Sie ärztliche Hilfe in ihrem Versteck?"

Der Weißhaarige, der trotz seiner Haare erst Anfang vierzig sein mochte, nickte nur wortlos. Zwei Stunden später konnten sie losfahren. Der Riese mit der spiegelblanken Glatze saß am Steuer und fuhr zum Hauptbahnhof. Dort stieg er aus und würde auf einen Zug ins Ausland warten müssen, der Weißhaarige rückte hinter das Steuer. Er fuhr zum Flughafen, wo sein Privatjet auf ihn wartete. Die beiden Piloten halfen ihm, die Verwundete auf eine Sitzreihe zu betten und anzuschnallen. Der Jet war die erste Maschine, die nach Endes de Nachtflugsperre abhob.



2.

Gesehen hatte Peter Jenfeld seine Wohnungsnachbarin schon häufiger, aber nie richtig beachtet. Erst am vergangenen Sonntag fiel sie ihm auf. Er ging an ihrer Wohnungstür vorbei zum Aufzug, als er aus ihrer Wohnung Musik hörte. Er blieb eine halbe Minute stehen, bis er das Stück erkannte: Mendelssohn Bartholdy, das Klaviertrio opus 66. Seine Nachbarin war, wie er schätzte, erste Hälfte Zwanzig, und welche junge Frau hörte am Sonntagmorgen zum Vergnügen noch Kammermusik von Mendelssohn? Er bückte sich zum Namensschild über dem Klingelknopf "Dora Lucius". "Dora" passte irgendwie zu ihr: Sie war mittelgroß, schlank, hatte halblange brünette Haare. Sie war nicht auffallend hübsch, aber sah nett aus, wie er fand, vielleicht etwas ungewöhnlich brav, nicht scheu, aber zurückhaltend.

Er hatte sie ein paar Mal morgens an der Bushaltestelle vor ihrem Haus getroffen. Auch sie fuhr mit dem 33er zur Arbeit in der Innenstadt oder im Hafen. Allerdings stieg er schon am Opernplatz vor ihr aus, wo und was sie arbeitete, wusste er nicht. Und ohne den Mendelssohn hätte es ihn auch zukünftig nicht interessiert.


Am nächsten Morgen verpasste er eine Chance, sie auf das Trio anzusprechen. Sie kamen fast gleichzeitig aus dem Haus und mussten losrennen, weil der 33er schon hielt.


Die nächsten Tage sah Peter Jenfeld seine Nachbarin Dora Lucius weder morgens noch abends. Erst am Samstag begegneten sie sich wieder. Sie trug schwarze Trauerkleidung, hatten sichtlich lange geweint und hielt einen Blumenstrauß in der Hand.

"Guten Morgen", sagt er betroffen. "Muss ich kondolieren?"

"Meine Mutter ist gestorben und wird heute beerdigt." Sie hatte Tränen in den Augen, und er wusste nicht, was er sagen sollte. Ungeschickt murmelte er: "Das tut mir sehr leid. Mein aufrichtiges Beileid."

"Danke." Sie ging rasch aus dem Haus und stieg in ein wartendes Auto. Am Steuer saß ein älterer Mann, den Jenfeld nicht kannte und hier auch noch nie gesehen hatte. Jenfeld nahm den 33er und fuhr in die Stadt.


Am Wochenende war "Kunos Combo" entweder engagiert oder sie übten im Festsaal einer alten Gaststätte, die aufgegeben war, in der aber immer noch ein uraltes, grauenhaft verstimmtes Klavier stand. Hier konnten sie so viel Lärm machen, wie sie wollten - weit und breit wohnte und lebte niemand. Es war eine gespenstische und triste Umgebung, die etwas laute Musik gut vertragen konnte. Kuno, der Combo-Chef, spielte Trompete. Er hatte den Zettel in der Uni ausgehängt: "Wir suchen einen Klarinettenspieler, der auch mit dem Saxophon aushelfen kann. Wir spielen Unterhaltungs- und Tanzmusik - keine Kunst, sondern schlichter Kommerz."

Jenfeld, wie meist knapp bei Kasse, hatte angerufen und sich vorgestellt. Schlagzeug, Bass, Klarinette, Tenor- und Baritonsaxophon, Trompete und Posaune.

Gitarre mit Gesang - für beides war Kunos Freundin Arlene Boulanger zuständig. Jenfeld schloss sich Kunos Bande zu einer Zeit an, als er mit dem Studium überhaupt nicht mehr klarkam. Er wusste nicht, was er machen wollte oder sollte und was ihm in Zukunft genug Spaß bereiten würde, um auch die Phasen langweiliger Routine durchzuhalten. In der Beziehung war Kuno ganz anders gestrickt. Musik war für ihn ein Hobby, angenehm, weil sogar mit Honorar verbunden, aber sein Hauptberuf war Entrümpler mit angeschlossenem Second-Hand-Handel; er hatte mit seiner Freundin ein Unternehmen aufgebaut Arlene & Kuno am Göttinger Platz. Bei der zunehmenden Anzahl von Single-Haushalten hatten sie gut zu tun, wenn nach dem Tod des Mieters oder Eigentümers ein Haus, eine Wohnung, ein Schuppen, ein Dachboden leergeräumt werden musste, weil sich kein Verwandter oder Erben meldete. Oft gab es überhaupt keine Angehörigen mehr, die man von Amts wegen dazu verpflichten konnte. Deswegen war die sehr geschäftstüchtige und pfiffige Arlene dazu übergegangen, sich im Auftrag zum Entrümpeln das Recht einräumen zu lassen, einzelne Teile herauszunehmen, nicht auf die Sondermülldeponie zu bringen oder an Wiederverwerter zu geben, sondern auf eigene Rechnung zu verkaufen. Teile des Erlöses wurden auf die Kosten für die Entrümpelung angerechnet. Die geschäftstüchtige Schwarzhaarige sorgte dafür, dass Arlene & Kuno stets auf ihre Kosten kamen, und weil sie ehrlich war und immer mit offenen Karten spielte, hatten sie sich einen guten Ruf als preiswerte, zuverlässige und ordentliche Entrümpler erworben, es fehlte nie an Aufträgen, weder von Erben noch von Nachlassgerichten. Was sie ablehnten, waren Aufträge, Trödel zu sichten und möglichst günstig zu verscherbeln. Jenfeld hatte einige Zeit als Aushilfskraft bei Arlene & Kuno gearbeitet, aber vor zwei Jahren die Kurve gekriegt, als er am Schwarzen Brett in der Uni einen Zettel las: Die Oper suchte eine studentische Aushilfskraft für ihre Buch- und Notenbibliothek. Bei der Vorstellung hörte er prompt die Frage, die er so sehr hasste: "Jenfeld, Jenfeld, haben Sie etwas mit dem Professor ...?"

"Ja, habe ich, Hans Joachim Jenfeld ist mein Vater."

Er bekam den Job und erledigte seine Arbeit so gut, dass man ihn nach einem Jahr fragte, ob er fest angestellt werden möchte. Da hatte er oft genug über Muskelkater in den Beinen, Risse und Wunden an den Händen klagen müssen und gab die Arbeit bei Arlene & Kuno auf. Nur wenn ein Termin ganz entsetzlich kniff und Kuno keinen zuverlässigen und sorgfältigen Möbelschlepper an der Hand hatte, rief Arlene an, die genau wusste, dass Jenfeld heimlich immer noch für sie schwärmte, und gurrte: "Liebster, mon amour, könntest du nicht ...? Ausnahmsweise...?"

Seine Arbeit in der Oper hatte nur indirekt was mit Musik zu tun. Das Haus besaß eine ansehnliche Sammlung von Noten und Einzelstimmen für Chor und Orchester, dazu eine schnell wachsende Sammlung von CDs, Büchern, DVDs, Regie- und Merkheften anderer Inszenierungen: Jenfelds Aufgabe war es, das alles zusammenzuhalten. Neuzugänge zu katalogisieren und inventarisieren. Für Fachzeitschriften, die aus Kostengründen nur in einem Exemplar abonniert waren, musste er die Laufzettel ausstellen und kontrollieren und später dafür sorgen, dass jene Titel gebunden wurden, die nicht als Jahres-CD angeboten wurden. Sein Vater hatte immer gestöhnt, Papier sei die einzige Materie, die sich von selbst vermehre; er hatte darüber gelacht und mittlerweile seinem Alten Herrn stillschweigend Abbitte geleistet. Dabei hatte sein Vorgänger in einer Gewaltaktion, die ihn den Rest seiner Kräfte und Gesundheit gekostet hatte, den Karteikartenkatalog elektronisch erfasst. Auch mit dieser Erleichterung war Jenfeld gut beschäftigt und ihm blieb nur selten Zeit, sich einmal an die Türen der Probesäle zu schleichen und zuzuhören. Darauf zu verzichten fiel ihm nicht schwer: Sein musikalisches Herz schlug für die Kammermusik, zeitlich vom Mailänder Bach bis Ignaz Moscheles. Von den vielen Opern aus dieser Zeit wurden nur ganz selten einmal eine gespielt, Mozart ausgenommen, und die Texte der Mozartopern konnte er inzwischen mitsingen. Abends musste er manchmal die Einzelstimmen im Orchestergraben auf die richtigen Pulte legen und nach der Vorstellung wieder einsammeln. Und wehe, er legte eine Bratschenstimme auf ein Pult der zweiten Geigen, dann drohte ihm gleich von zwei Seiten ewige Blutrache. Immerhin war er so auf das Thema seiner Arbeit gekommen: Ihm fiel auf, wie relativ häufig Musikverlage den Namen und die Eigentümer wechselten, und da er ungefähr wusste, was Notenstechen kostete und wie sehr die nachklassische Musik vom Verkauf der Stücke an Privatpersonen, einem bürgerliche Publikum, lebte, begann er zusammenzusuchen, was er darüber an Literatur fand. Es hatte auch den Vorteil, dass er seinen Eltern wahrheitsgemäß sagen konnte, er ginge regelmäßig in die Unibibliothek, woraus Vater und Mutter fälschlicherweise schlossen, der Sohn studiere unverändert eifrig Anglistik und Amerikanistik, wovon keine Reden mehr sein konnte. Seine Freizeit investierte er in eine Geschichte der Musikverlage am Ende des 18. und zu Beginn des 19. Jahrhunderts und der Entwicklung der Drucktechnik für Noten. Sein Gehalt war mehr als bescheiden, davon musste er noch zusammensparen, was er für die Fahrten und Studienbesuche in Archiven und anderen Bibliotheken brauchte. Er hätte seinen Vater einspannen können, um Zuschüsse oder Stipendien zu bekommen. Aber das verbot sich aus mehreren Gründen.

Hans-Joachim Jenfeld war emeritierter Ordinarius für Musikgeschichte und -theorie und schrieb am letzten Teil einer fünfbändigen historischen Kompositionslehre. Der Senior hätte es gerne gesehen, wenn sich der einzige Sohn um eine Universitätskarriere bemüht hätte, aber der Junior fürchtete sich mittlerweile regelrecht vor der Frage: "Jenfeld, Jenfeld ... haben Sie/hast du was mit Professor ...?"

Das Verhältnis Vater - Sohn war, milde formuliert, so schwierig wie gespannt.


In der Vorwoche hatte Kunos Combo auf dem Abschlussball der Tanzschule Moravecz gespielt und würde am nächsten Samstag abends auf dem Festball "150 Jahre Buntmetallhütte Felsen und Mührs" spielen.

Die Combo hatte deswegen mit langen Gesichtern Polonaisen geübt, was darauf hindeutete, dass es eine bestimmte Art von Stimmung und Fröhlichkeit geben würde, die ihnen allen nicht sonderlich lag. Aber der zahlende Kunde war König, und wenn die Buntmetaller gerne in langen Schlangen durch die Säle ziehen wollten, bekamen sie, was sie bezahlten.


Als Jenfeld aus dem 33er stieg, hielt drüben auf der anderen Straßenseite vor seinem Haus Nr. 15 ein riesiger Schlitten - in Jenfelds Diktion ein Investmentbanker-Betrügerkarren, deren Eigentümer zu glauben scheinen, sie besäßen erstens eine eingebaute Vorfahrt und hätten zweitens immer Anspruch auf zwei Parkplätze nebeneinander. Zu seiner Verblüffung hatte das Protzauto seine Nachbarin Dora Lucius nach Hause gebracht, die von zwei etwa gleichaltrigen Frauen begleitet wurde. Die eine war eine blondgelockte und kurvenreiche Augenweide und deshalb beeilte Jenfeld sich, über die Straße zu kommen und noch vor der Haustür mit dem Trio zusammenzutreffen. Er sagte höflich "Guten Tag", und sie blieben stehen. "Mein Wohnungsnachbar Peter Jenfeld", stellte Dora vor. "Meine Arbeitskollegin Jana Porsch." Die Blonde nickte ihm huldvoll zu, sagte aber nichts. "Meine Schulfreundin Karin Feldmann."

Sie sagte "Guten Tag" und hielt ihm die Hand hin. Er fand sie sehr sympathisch, jedenfalls gefiel sie ihm besser als die blonde Sexbombe. Dora trug Trauer, ihre Begleiterinnen waren dunkel angezogen, kein Zweifel, sie kamen von einer Beerdigung. Warum war der Fahrer des Riesenschlittens nicht mit ihnen ausgestiegen? Hier in der Sophienstraße herrschte weder Halte- noch Parkverbot. Jenfeld wusste nicht, was er sagen sollte und murmelte deshalb: "Tschüss und einen schönen Abend."

Dora antwortete: "Danke, für dich auch. Hast du nachher eine halbe Stunde Zeit für mich? Ich brauche deine Hilfe."

Er schaute sie groß an. Hilfe brauchte sie also, und da kam sie zu ihm? Aber was sagte man in solchen Fällen als mittelhöflicher Mitteleuropäer? "Klar, habe ich."

Seine Wohnung war klein. Küche, ein Bad für schlanke Zwerge, ein Wohnraum und ein Schlafzimmer. Lobend ließ sich von diesem Gehäuse nur sagen, dass es preiswert, relativ neu und ruhig war. Es gab sogar einen Aufzug, der leider oft streikte. Am meisten vermisste Jenfeld einen großen Schreibtisch, auf dem er auch mal über Nacht seine Unterlagen liegen lassen konnte; einen großen Teil seines bescheidenen Arbeitstisches belegten Bildschirm und Tastatur: Der Computer stand hochkant neben dem Tisch auf dem Boden und steckte, bislang klaglos, eine Reihe von versehentlichen Tritten ein. Zwei Stockwerke höher gab es eine größere Wohnung, die am Ende des Monats frei werden würde. Aber so verlockend ein großer Schreibtisch wäre, wenn er mehr Miete zahlen musste, dauerte das Sparen für seine Recherche-Reisen noch länger. Und das Buch hatte er sich selbst als Ziel gesetzt, das wollte er schaffen und dann konnte er entscheiden, was aus ihm werden würde. Unter der Hand wuchs das Material nicht nur schnell an, sondern wucherte irgendwie auch in alle möglichen Richtungen. Durch ein Orchestermitglied hatte er einen uralten Kupferstecher kennengelernt, den es offenbar auch einmal umgetrieben hatte, ein Buch über sein aussterbendes Handwerk zu schreiben. Zum Schreiben war er nie gekommen, aber das Material hatte er gesammelt und sorgfältig aufbewahrt, alte Lehrbücher, Firmenschriften, Prospekte und Werbematerial. Jenfeld hatte viele Abende mit ihm zusammen gesessen, der Alte Herr brauchte Rotwein, damit Kehle und Stimmbänder funktionierten, und mit der nötigen Feuchte konnte er hinreißende Geschichten aus dem Berlin der 1920er Jahre erzählen, wenn ein Künstler auf der Bühne ein neues Couplet improvisiert hatte und sie noch in der Nacht Noten stachen, um schon am nächsten Tag zu drucken und zu verkaufen. Durch ihn bekam Jenfeld einen Einblick in die finanzielle Situation der Verleger, der Handwerker und der Musiker. Es erinnerte streckenweise an Aufstieg und Fall der IT-Branche Ende des vorigen Jahrhunderts. Combo-Chef Kuno schimpfte über die GEMA, was Jenfeld einerseits verstand, der Verwaltungskram war wirklich scheußlich, aber die Komponisten wollten auch leben, und die Raubdruckerei war mal ein mehr oder weniger angesehenes Gewerbe gewesen, halb legalisiert, weil man es nicht verhindern konnte. Erst Beethoven und Johann Nepomuk Hummel, obwohl pianistische Rivalen, wehrten sich gemeinsam gegen diese Art von Ausbeutung.


Die Klingel schreckte Jenfeld aus seiner Träumerei. Vor der Tür stand Frau Nachbarin mit einer Mappe unter dem einen Arm und einer Flasche in der anderen Hand.

"Hei", sagte sie und sah dabei einigermaßen aufgekratzt aus. Schwarz stand ihr. "Darf ich reinkommen?"

"Mit Vergnügen."

Sie hob die Flasche. "Ein kleines Dankeschön im Voraus."

"Wird gierig und dankbar angenommen. Trinkst du ein Glas mit?"

"Gerne."

"Dann mal rein in den Palast. Der Haushofmeister muss eben einen Korkenzieher und zwei Gläser organisieren."

Dora nahm dankend Platz auf dem zweisitzigen Sofa und Jenfeld zog seinen Arbeitsstuhl vom Tisch vor das einzige bequeme Sitzmöbel. Die Bude war voll. "Zum Wohl. Was kann ich für dich tun?"

"Du verstehst doch was von Musik?"

"Wie kommst du darauf?"

"Durch Zufall. Der 33er ist mal länger am Opernplatz stehen geblieben, und da habe ich beobachtet, dass du in die Oper gegangen bist."

Er musste lachen. "Stimmt, ich gehe jeden Tag in die Oper. Aber ich bin weder Musiker noch Sänger noch Mitglied des Chors. Ich bin ein ganz kleiner Angestellter und verwalte Bücher, Zeitschriften und Noten in der Bibliothek."

"Schade", sagte sie laut.

"Was ist schade?"

"Jetzt musst du mir mal etwas länger zuhören. Ich habe heute meine Mutter beerdigt und erbe von ihr eine Riesenvilla in der Birkenallee. Die hat meine Mutter vor einigen Jahren von ihrer Mutter geerbt und in dieser Villa soll ein Schatz versteckt sein."

"Ein Schatz?", unterbrach er Dora ungläubig.

"Ja, der Schatz der Schildes - so hieß meine Oma - und dieser Schatz hat irgendwas mit Musik zu tun."

"Du weißt nicht, um was es sich handelt?"

"Nein. Mein Opa ist am 9. November 1989 abends vor dem Fernseher gestorben."

"9. November 1989?"

"Ja, die Großeltern waren aus Dresden in die Bundesrepublik gekommen. Sie haben an dem Abend gemeinsam gesehen, wie die Mauer fiel, und das war wohl zu viel für Opas Herz; als der Notarzt kam, war Opa schon tot. Und weil er so unerwartet und plötzlich starb, hat er Oma nicht mehr sagen können, was der Schatz eigentlich ist und wo er steckt. Nun habe ich die Villa an den Hacken und muss einen Schatz finden, der irgendwas mit Musik zu tun hat. Da bist du mir eingefallen, der freundliche Nachbar und nette Mann aus der Oper."

Jenfeld grinste sie an: "Du bist nie in der Oper hinter der Bühne gewesen?"

"Nein. Warum?"

"Dann wüsstest du, dass es hinter der Bühne viele Beschäftigte gibt, die nie vor Publikum auf der Bühne stehen, wenn der Vorhang aufgeht: Schreiner, Elektriker, Maler, Schneiderinnen, Klempner. Wer morgens in der Oper verschwindet und abends erst wieder herauskommt, muss kein Künstler oder Musiker sein."

"Hach!", sagte sie und goss ein. "Ich opfere eine zweite Flasche, wenn du mir den Gefallen tust und einmal liest, was mir Oma und meine Mutter zum Schildeschen Erbe und Schatz geschrieben haben."

Der Wein war gut, Frau Nachbarin ohne diese deprimiert-melancholische Miene eigentlich ganz hübsch und er hätte heute Abend sowieso nicht mehr für sein Buch gearbeitet.

"Einverstanden."

"Dann bis gleich. Da!" Sie drückte ihm die Mappe in die Hand und lief aus dem Zimmer.

Der Inhalt der Mappe bestand aus zwei Teilen, der größere Teil war eine mit der Hand geschriebene Kladde. Der zweite Teil umfasste nur zwei Klarsichthüllen mit Schreibmaschinenseiten.

Auf der Kladde stand in großer schwarzer Schrift: "Meiner Tochter und Erbin Marlene Lucius".

Tochter Marlene hatte diesen Hinweis durchgestrichen und durch einen neuen ersetzt: "Meiner Tochter und Erbin Dora Lucius".

Die Handschrift in der Kladde war altmodisch, aber so flüssig und ordentlich, dass er sie ohne Mühe lesen konnte.


Liebe Marlene,

da Du eines Tages alles erben sollst, was ich besitze, solltest Du auch etwas von der Geschichte Deiner Familien wissen. Viele Unterlagen und Bilder besitze ich leider nicht mehr, ich kann nur versuchen, aus der Erinnerung aufzuschreiben, was für Dich eines Tages wichtig werden könnte.

Ich bin am 30. Oktober 1918 in Wilhelmshaven geboren worden. Wenn Du mal in ein Geschichtsbuch schaust, kannst Du Dir so ungefähr vorstellen, was an den Tagen in der Stadt los war. Du weißt, ich bin immer etwas abergläubisch gewesen, und ein Leben, das in einem solchen Durcheinander begann, konnte nicht geradlinig verlaufen. Mein Vater Albert Lührs (geboren im Mai 1880 in Hamburg) war Seemann, zuletzt Kapitän bei einer Afrika-Linie, und hatte den Krieg ohne schwere Verwundungen überlebt. Er war zwar einmal mit seinem Minensucher in die Luft geflogen und unglaublicherweise unverletzt geblieben. Meine Mutter Wilhelmine Steffen (geboren im September 1888 in Lübeck) hatte meinen Vater bei einem Kuraufenthalt in Bad Pyrmont kennengelernt. Mine Steffen (so wurde sie in der Familie genannt) war russophil und hat viele Jahre bei einer Schwester ihrer Mutter und deren Mann in Sankt Petersburg gelebt. Später hat man mir erzählt, dass sie dank ihrer russischen Bekanntschaften und Beziehungen bis an den Zarenhof vor 1914 viele Aufträge aus Russland für die Firma Lührs vermittelt hat. Mine war ziemlich exzentrisch, rauchte Pfeife, trank Wodka wie ein Russe, ritt wie ein Kosak und tanzte Krakowiak auf den Tischen. Mein Vater hatte noch einen älteren Bruder Eberhard, der die Firma Lührs Metallwarenbau und -handel übernehmen sollte. Doch Eberhard starb schon 1923 an einer Lungenentzündung, und mein Vater Albert musste die geliebte Seefahrt aufgeben und in die Firma eintreten. Der Abschied von der Kommandobrücke ist ihm schwer gefallen, aber damals war es so, dass man zuerst die Pflicht gegenüber der Familie erfüllen musste. 1936 habe ich in Hamburg bei einem Konzert an der Elbe meine große Liebe kennengelernt, Franz-Anton Ries. Er stammte aus einer Familie, die seit Generationen mit Musik zu tun hatte. Als er zwei Jahre später eine feste Stelle im Symphonie-Orchester bekam - er spielte Fagott - haben wir geheiratet. Meine Eltern waren anfangs nicht begeistert, sie hatten sich einen möglichen Nachfolger für die Firma erhofft, aber schließlich den Bitten der einzigen, unsterblich verliebten Tochter nachgegeben. Franz Anton brachte eine Reihe schöner, alter, aber nutzloser Möbelstücke mit in die Ehe, eine Unmenge von Noten und eine beachtliche Bibliothek, darunter richtige Kostbarkeiten aus dem Ende des 18. Jahrhunderts. Außerdem war über eine Harriet, eine lupenreine Engländerin, schon im 19. Jahrhundert nicht nur Geld in die Familie Ries gekommen, sondern auch als Prunkstück eine Gambe, die angeblich Karl Friedrich Abel (guck' ins Lexikon!) gehört und auf der er noch bei Johann Sebastian Bach in Köthen gespielt haben sollte. Sie kam, wie einige andere Erbstücke, von London über Godesberg nach Frankfurt. Ich war zwanzig Jahre alt, als ich heiratete, und die glücklichste Frau unter der Sonne. 1939 kam unser Sohn Ferdinand zur Welt. Doch unser Glück währte nicht lange. Noch im selben Jahr begann ja der Krieg und bei den schweren Luftangriffen auf Hamburg 1943 sind mein Mann Franz-Anton und unser Sohn Ferdinand umgekommen. Ich war aus Hamburg geflüchtet, nach Dresden zu Verwandten meiner Eltern. Sie hatten dort in den dreißiger Jahren ein großes Haus gekauft, in das wir schon vor 1943 einen Teil unserer Sachen gebracht hatten, vor allem alte Möbel, wertvolle Bücher und Noten, an denen mein Franz-Anton sehr gehangen hat. Denn dass Hamburg nicht auf Dauer von den Luftangriffen verschont bleiben würde, ahnten viele. Doch mit solch harten Schlägen hatten nur wenige gerechnet, die Firma Lührs wurde restlos zerstört, auch unser Haus in Eilbek.

In Dresden winkte mir dann zum zweiten Mal das Glück, ich lernte 1946 einen Mann kennen, Gustav Schilde, dessen Eltern eine Firma für Fleisch- und Wurstkonserven und Gewürze besaßen. Von seiner Familie hatte Gustav eine Villa in Dresden auf dem Weißen Hirsch geerbt. Den großen Bombenangriff auf Dresden 1945 habe ich unverletzt überlebt, weil ich an dem Abend zufällig in Radebeul zu Besuch bei einer Freundin war. 1948 haben Gustav und ich geheiratet. 1950 sind die Zwillinge Monika und Marlene geboren worden.

Gustav Schilde war ein herzensguter Mensch, aber er hatte einen dicken Kopf, man musste erst lernen, mit ihm und seinem verqueren Humor auszukommen und ihn in Ruhe zu lassen, wenn er aufbrauste. Er spielte Klavier und Kontrabass, weil er, wie er spottete, beim Musizieren nicht immer nur sitzen, sondern auch mal stehen wollte. Und beide Instrumente beherrschte er nicht schlecht. Er verstand eine Menge von Musik und liebte Kammermusik. Von den vielen Noten, die wir zuerst vor den Bomben und dann vor den Sowjets gerettet hatten, war er wild begeistert. Auf der Bratsche hat er es nie zur Meisterschaft gebracht, aber es reichte, mit drei alten Freunden Streichquartett zu spielen. Ein Hobby, das ihn, den Kapitalistenspross, den neuen roten Herren nicht beliebter machte. Wir hatten bald den Eindruck, dass man uns diskret, aber intensiv beobachtete. 1957 hatte Gustav, wie er sagte, von den SED-Idioten und den sowjetischen "Freunden" die Schnauze voll, wir sind über Berlin in den Westen gegangen, wo es in Westfalen eine Zweigniederlassung der Firma Schilde gab, haben die Villa, die Reste der Firma und viele persönliche Dinge zurückgelassen. Gustav hatte in die Villa seinen Schwager Arthur Braun aufgenommen, einen SED-Bonzen der ganz unangenehmen Art. Aber Arthurs Anwesenheit diente sozusagen als Schutzschild, hinter dem wir die Ausreise heimlich organisieren konnten.

Kurz vor der Übersiedelung in den Westen begann Gustav von dem Schildeschen Familienschatz zu reden, den er leider zurücklassen müsse, denn wenn der an der Grenze gefunden werden sollte, würde er wohl für ewig Richtung Moskau verschwinden. Er machte sich ernsthaft Sorgen um den Schatz, ohne seiner Familie je zu sagen, was genau er darunter verstand. Wenn wir gefragt und gedrängt haben, hat er immer abgewehrt: "Was man nicht weiß, kann man auch nicht verraten." Das ging hauptsächlich gegen die neugierige Monika, die viel schnüffelte und noch mehr plapperte und, wie Gustav manchmal tobte, immer zu den falschesten Leuten das größte Vertrauen fasste.

Wir sind zu viert ohne Probleme nach Westberlin und in die Bundesrepublik gekommen. Und mein lieber Gustav hatte vorgesorgt. Irgendwie war es ihm gelungen, seinen wertvollsten Kontrabass, ein Instrument von Andrea Amati, illegal, aber unbeschädigt nach Hamburg in den Westen zu schmuggeln, außerdem Papiere, die "Wegweiser" zum Schildeschen Schatz sein sollten und beweisen würden, dass die Familie ihn rechtmäßig besaß. Ich glaube heute, er hatte mit tschechischen Kaufleuten, gestandenen Antikommunisten, einige sehr dubiose und gefährliche Geschäfte laufen, die vornehmlich auf der Elbe und über den "tschechischen Teil" des Hamburger Freihafens abgewickelt wurden. Diese Partner haben das Instrument und die rote Mappe aus der DDR gebracht. Jedenfalls reichte das Geld aus dem Verkauf des Instruments, ein Bankdarlehen und ein Kredit meiner Familie aus, eine neue Firma aufzuziehen, und Gustav hat geschuftet wie ein Berserker, um den Laden hochzubringen. Was ihm auch gelungen ist. Er hat in den sechziger und siebziger Jahren glänzend verdient, ich habe von meiner beachtlich großen "Westverwandtschaft" mehrmals sehr gut geerbt, und deswegen haben wir nie finanzielle Sorgen gekannt.

Sorgen hat uns die unbelehrbare Monika bereitet. Sie war sehr hübsch, sehr frühreif, und pausenlos hinter den Männern her. Die liefen auch scharenweise hinter ihr her. Außerdem log und betrog sie hemmungslos. Sie war in jeder Beziehung das genaue Gegenteil von dir, ihrer Schwester Marlene.

Durch Monika traf uns ein neues Unglück. 1968 beschloss sie, die langweilige Familie zu verlassen und in das trubelige Paris oder Berlin zu gehen, um an der von der SED verratenen und jetzt nachzuholenden sozialistischen Revolution aktiv teilzuhaben etc. Im Mai 1968 ist sie fortgelaufen und wir haben nie wieder was von ihr gehört. Die Polizei hat sie auch nicht mehr gefunden. 1980 haben Gustav und ich schweren Herzens beschlossen, Monika amtlich für tot erklären zu lassen. Ob Monika je davon erfahren hat, weiß ich nicht. Der Schritt ist uns nicht leichtgefallen und Gustav hat viel Geld in fruchtlose Nachforschungen gesteckt. Ein Jahr später (1981) hat Du Deinen Verlobten Robert Lucius geheiratet und 1985 ist dann Dora auf die Welt gekommen.

Soweit ein Teil der Familiengeschichte, liebe Marlene. Jetzt noch zu dem Schildeschen Familienschatz. Es tut mir aufrichtig leid, ich weiß bis heute noch nicht einmal, ob er wirklich existiert, daran zweifele ich vor allem, weil Gustav sich immer geweigert hat, mir einen Hinweis darauf zu geben, wo er vergraben, versteckt oder verborgen sein könnte. Ich vermute, dass er sich irgendwie in den vielen Sachen befindet, die wir in Dresden zurückgelassen haben. Denn Gustav hat häufig gestöhnt: "Hoffentlich finden ihn die roten Kokos nicht." Ich weiß bis heute auch nicht, wen oder was er mit "roten Kokos" gemeint hat. Er hat mir nur auf die Seele gebunden, sobald möglich, alles aus der Dresdner Villa zu holen. Alles, ohne Ausnahme, den ganzen "Rümpel". Als Monika für tot erklärt worden war, hat er mir die "Wegweiser"- Mappe gegeben, den Wegweiser sollte ich gut aufheben, entweder selbst benutzen oder meinen Erben hinterlassen.

Den Mauerbau hat Gustav erlebt und auch den Mauerfall; an dem Abend hat er mit mir vor dem Fernseher gesessen, wir haben gesehen, was in Berlin passiert ist, und Gustav ist vor Aufregung oder Freude oder Erleichterung an einem Herzanfall gestorben. Als der Notarzt kam, war alles schon zu spät. Ich habe mein Versprechen gehalten und alles aus Dresden abgeholt, den ganzen "Rümpel", wie Gustav und sein Schwager Arthur es nannten. Gustav hat sein Versprechen leider nicht mehr einlösen können, mir den Schatz zu zeigen, wenn der "Rümpel" aus Dresden hier in der Villa in der Birkenallee eingetroffen sei. Wegen dieses vom Tod überholten Versprechens bin ich mehr oder minder fest davon überzeugt, dass der Schatz - so er denn existiert - in den Sachen aus Dresden steckt.

Liebe Marlene, seit der Wiedervereinigung habe ich immer wieder einmal in dem "Rümpel" gesucht und gekramt, aber nichts entdeckt. Vielleicht hast Du mehr Glück oder Du kannst die Sache systematischer angehen. Ich wünsche Dir viel Glück und werde ..."

Hier brach der Bericht unvermittelt ab und just in dem Moment kam Dora zurück. Jenfeld schaute seine Besucherin nur erstaunt an und legte einen Finger vor den Mund: "Lass mich noch den Rest lesen." Die Schreibmaschinenseiten waren mit Klebeband innen an dem Einband der Kladde befestigt.

"Liebe Dora, seit der letzten Nachsorgeuntersuchung fürchte ich, dass der Krebs trotz der beiden Operationen keine Ruhe mehr gibt und deswegen muss ich wohl daran denken, die - wie man sie so nennt - letzten Dinge zu regeln. Du bist meine Alleinerbin und deine Großmutter hat mir viel hinterlassen, die Villa in der Birkenallee samt "Rümpel", zwei Häuser in Hamburg, ein großes Grundstück in Bonn/Bad Godesberg, Aktien und andere Wertpapiere. Einzelheiten erfährst Du bei Paul Lindauer am Alten Markt, dem Du eine Sterbeurkunde zeigen musst. Oma Henriette und ich haben noch ein formelles Testament gemacht, gehe zu Notar Weißkirchen in der Wacholdergasse. Und du bist nach meinem Tod die Eigentümerin des Schildeschen Schatzes, wenn ich Dir leider auch nicht sagen kann, wo er steckt und woraus er besteht. Solange ich mich noch bewegen konnte, habe ich immer wieder mal in dem "Rümpel" gesucht, aber nie sehr lange und nie systematisch. Vielleicht hast Du mehr Glück und Ausdauer.

Ob es ihn wirklich gibt? Ich würde auch daran zweifeln, wenn man nicht versucht hätte, bei Oma einzubrechen, als der ganze Krempel aus Dresden in der Birkenallee eingetroffen war. Du weißt, Oma konnte ziemlich rabiat sein. Sie besaß von ihrem Mann Gustav noch eine Pistole, ist nachts von den Geräuschen wach geworden und mit der Pistole nach unten gegangen. Sie hat auf zwei schattenhaften Gestalten geschossen und meint, sie habe mindestens eine Person getroffen. Der oder die Verletzte war aber verschwunden, als die Polizei eintraf; man hat nur eine Menge Blut gefunden. Natürlich hatte Oma für die Waffe keinen Waffenschein; sie musste die Pistole abgeben, hat sich auf meine Bitte hin, was ihr eigentlich lieber gewesen wäre, keine neue besorgt, sondern die Parterrefenster in der Villa vergittern und drei feste Türen und ein neues Hoftor einbauen lassen, die selbst die berüchtigten Panzerknacker nicht aufbekommen. Auch mit Daniel Düsentriebs Hilfe nicht (ich kann mich noch sehr gut an Deinen ersten Berufswunsch erinnern; du wolltest Daniela Düsentrieb werden). Oma wollte mir von dem Einbruchsversuch eigentlich nichts erzählen, wir sind dann übereingekommen, alles vor Dir zu verschweigen. Ich schreibe es Dir heute auch nur, weil ich keinen anderen Hinweis auf die Existenz eines Schatzes habe als diesen Einbruch. Mach's gut, mein Kind, ich wünsche Dir alles Gute, Glück, Gottes Segen und ein langes, erfülltes Leben in Gesundheit und Freude. Deine Dich liebende Mutter."

Als Jenfeld hochschaute, sah er, dass die Tränen liefen. Er hatte gerechnet - wenn sie 1985 geboren war, war sie jetzt 25. Sie hatte offenbar sehr an ihrer Mutter gehangen, was er nicht bezweifelte, aber so recht nicht verstand. Sein Verhältnis zu seiner Mutter war ausgesprochen schlecht. Zum offenen Bruch war es nur noch nicht gekommen, weil sein Vater darauf bestand, dass der Sohn die Frau, die der Vater immer noch liebte, wenn schon nicht mit Zuneigung, so doch mit Respekt behandelte.

Dora goss aus der zweiten Flasche wieder nach, der Inhalt der ersten war scheint's verdunstet.

"Hast du was gefunden?"

"Dora, ich weiß nicht recht, an zwei Stellen ist mir was aufgefallen."

"Was?",fragte sie eifrig und beugte sich vor.

"Langsam, langsam", wehrte er ab. "Bevor ich was sagen kann, muss ich mir das Ganze mindestens noch zweimal in Ruhe durchlesen. Gibt es sonst nichts, was zum Schildeschen Schatz führt?"

"Doch, doch!", sagte sie schnell, "hier die Mappe mit dem 'Wegweiser'."

Weil sie Jenfeld sehr energisch musterte und dann entschlossen die Gläser noch einmal füllte, schlug er die Mappe auf.

Obenauf lag ein handschriftlicher Brief in einer schützendenProspekthülle, an die ein Blatt in Maschinenschrift geklammert war - eine Übertragung des schwer lesbaren Originals.


Mein lieber Ries,

Andreas und Bernhard haben mir ihren Wunsch nach einem guthen Rath mitgetheilt, und meine Antwort, reiflich bedacht, lautet ebenfalls: Nein, lassen Sie's lieber. Alle werden behaupten, Sie hätten's erfunden oder früher beyseyte geschafft, um sich selber zu bedienen oder es unter Ihrem Namen auszugeben. Es kann Ihnen nicht reüssieren und wir alten capellani meinen, ein weiteres Werk aus seiner Jugendzeit - noch dazu en Sol Majeur - braucht es auch nicht, um seynen Ruhm zu festigen. Hoffmeister oder Kühnel möchten mehr wissen, aber würden sie ehrlich antworten? Kühnel soll ihm immer gezürnt haben, weil er trotz ihrer Interventionen nie einen Brief, den er ihnen doch fest versprochen, geschrieben hat. Von Albr. habe ich gehört, seyn Hausstand sey sehr in desordre gerathen. Der schöne Broadwood hat kein Jahr überlebt.

Die Vettern sind derweil mit zwei Wandsbecker Schwestern verheiratet, aber ihre Wege verlaufen wohl pour toujours getrennt, wie mir Andr. aus Gotha schreibt. Bernhard n'a pas supporté, que Spontini in Berlin ins Amt installiert wird, und alles, was man ihm doch versprochen, einfach neglegiert. Er versucht maitenant eine Fabrication zu gründen. Au moment tout le monde veut construir des piano-fortes, ich kenne nur Pleyel, der hier tout bien consideré einen grand succès hat.

Herzlich ihr Rejcha

A

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