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Zwölf Monate, siebzehn Kerle und ein Happy End

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Juli Rautenberg, geboren 1983 in Mannheim, lebt als freie Werbetexterin und Lektorin in Frankfurt. Sie ist seit vier Jahren Single. Ihre Suche nach einem Mann hat sie zwölf Monate lang in ihrem Blog www.das-single-experiment.de dokumentiert.

Inhalt

PROLOG

BÜROGEFLÜSTER – Oktober

VERKUPPEL MICH – November

SPEEDDATING – Dezember

GEMEINSAME INTERESSEN – Januar

SPORT – Februar

COMPUTERLIEBE – März

SINGLEPARTY – April

FLIRTEN MIT HUND – Mai

EXFREUND – Juni

LOSLASSEN – Juli

KONTAKTANZEIGE – August

SINGLEREISE – September

EPILOG

PROLOG

Die Welt, in der wir leben, ist zweigeteilt: Kinokuschelsitze, Pärchenhandschuhe, Steuervorteile und verträumte Wochenendausflüge an den Bodensee auf der einen Seite. Online-Dating, Tiefkühlpizza und Freitagabenddepression auf der anderen. Ich gehöre seit einiger Zeit zu der doofen Seite, also der mit den Depressionen und der Tiefkühlpizza.

Ich bin 28 Jahre alt, Tochter aus gutbürgerlicher Familie, weiße Mitteleuropäerin, Angehörige einer konventionellen Religion, habe erfolgreich mein Studium abgeschlossen, erfreue mich bester Gesundheit und habe nur ein Problem, was global gesehen lächerlich ist, was mich erröten lässt, wenn ich Beiträge zur Welthungerhilfe sehe, was wirklich, wirklich winzig ist, wenn man das Abschmelzen der Polkappen in Betracht zieht, was mich aber manchmal weinen lässt und letztlich dazu treibt, dieses Experiment zu starten: Ich bin Single. Schon lange. Und nicht freiwillig.

Dies sollte auch in meinem Lebenslauf stehen, unter »Familienstand«. Ich muss allerdings keine Lebensläufe schreiben, denn ich bin selbstständig und arbeite von zu Hause aus. Ich bin Lektorin Schrägstrich Werbetexterin, das heißt, ich mache aus Texten, die andere Leute nicht gerne lesen, Texte, die andere Leute gerne lesen. Allem Anschein nach mache ich das nicht ganz so schlecht, denn es gibt Leute, die mir dafür sogar Geld geben. Ansonsten habe ich nur wenige klar ersichtliche Talente. Schreiben, lesen, essen und schlafen gehören dazu.

Ich bin keine Frau, die ungeschminkt und nur in einem weißen Wollpulli auf der Couch, mit angezogenen Beinen und einer Teetasse in beiden Händen süß aussieht. Ich bin eine Frau, die geschminkt, mit Push-up, schwarzem Oberteil, hohen Schuhen und nach einem Friseurbesuch, stehend, und zwar nur stehend, gut aussieht. Wenn ich mich gut fühle. Und auch wirklich nur dann.

Ich bin nicht dünn. Wirklich nicht. Im Gegensatz zu allen anderen Frauen, die dasselbe behaupten, entspricht es bei mir der Wahrheit. Es ist zwar nicht so, dass ich nicht mehr alleine in den dritten Stock komme, aber wenn ich in eine Straßenbahn einsteige, treten die Leute schon ein wenig zur Seite. Das bleibt nicht folgenlos, jedenfalls nicht für mein Ego: Werde ich in einem Club freundlich angelächelt, lächele ich nicht zurück, weil ich sicher bin, dass das Lächeln nicht mir, sondern der Person hinter mir gilt. Werde ich unmissverständlich angelächelt, kontrolliere ich meine Garderobe, ob irgendwo noch ein halbes Hähnchen hängt. Spricht mich jemand an, bin ich mir sicher, es ist ein Spinner, Stalker oder Sexualverbrecher. Spricht mich jemand an und es verläuft nett, ohne offensichtliche Hinweise auf Psychopathie, werde ich unsicher, doof, einsilbig oder im Zweifel total unverschämt, ohne es zu merken. Oder mache unglaublich platte Witze, wobei ich eigentlich berühmt bin für meine spaßige Art.

Seit drei Jahren tue ich alles, Menschenmögliches, manches und auch mal nichts, um irgendwie wieder eine Mitgliedschaft im Club auf der anderen Seite zu ergattern. Anscheinend erfülle ich aber die Aufnahmekriterien nicht, denn egal was ich tue oder nicht tue, ich darf nicht mehr mitspielen.

Schnuppern darf ich, mal kosten, probieren, testen, ich darf dran riechen, an dem appetitanregenden Gefühl. Ich sehe die anderen, die die Freitagabend-Problematik gar nicht kennen, die sich gegenseitig Frühstück ans Bett bringen und Adventskalender basteln. Manchmal darf ich einen Blick hineinwerfen, in das wohlig-warme Zweisamkeitsparadies, in dem man sich romantische Briefe schreibt und das letzte Hemd hergibt. Manchmal komme ich ganz, ganz nah an diese unsichtbare Schwelle: Ich darf eine Beziehung anprobieren, in sie hineinschlüpfen, mich mit ihr vor dem Spiegel drehen und wenden, sie bestaunen und bewundern – nur um dann festzustellen, dass der Preis viel zu hoch ist oder der Saum kaputt, oder dass mir schon wieder der alte Käse aus der letzten Saison angedreht wurde.

Doch nun bin ich schon seit drei Jahren Single. Zeit, das zu ändern. Und zwar jetzt.

Das ist der Plan: Ein Jahr lang werde ich jeden Monat eine andere Art testen, den Mann meines Lebens kennen zu lernen – gut, vielleicht nicht den Mann meines Lebens, sondern den Mann für den nächsten Lebensabschnitt, das wäre ja aber immerhin mal ein Anfang. Zwölf Monate, zwölf unterschiedliche Mottos. Die Mottos habe ich gesammelt, in Frauenzeitschriften, aus Erfahrungen, von gut gemeinten Ratschlägen oder einfach, weil ich so was schon immer mal machen wollte. Die Stadt plakatieren, zum Beispiel mit meiner Kontaktanzeige. Oder mich von meinen Eltern verkuppeln oder mir von einer Eieruhr die Gesprächsdauer vorgeben lassen. Meine wissenschaftlich vollkommen unfundierten Erkenntnisse schreibe ich in einem Blog nieder. Mir ist klar, dass ich damit nicht das Rad neu erfinde oder die Relativitätstheorie widerlege oder zur allgemeinen Verbesserung der Welt beitrage, aber das ist ja auch nicht das erklärte Ziel. Ziel ist, einen Freund zu finden. Kein Allheilmittel gegen Krebs. Wobei Ersteres fast genauso kompliziert ist.

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Meine Suche nach globalen Erfolgsmodellen der Liebe beginnt mit Arbeit. Na klar, wer hätte gedacht, dass das ein Sonntagsspaziergang wird. Ich will einen Freund, und dafür muss ich was tun. Los geht’s.

In einschlägigen Internet-Foren habe ich gelesen, dass die meisten Deutschen ihren Partner am Arbeitsplatz gefunden haben. Das klingt glaubwürdig. Man lernt sich unverbindlich und locker-flockig an der Salatbar in der Kantine kennen. Auf der Weihnachtsfeier hängt man sich betrunken bei schmalzigen Songs von Stevie Wonder am Hals. Bei einem später folgenden, mehrtägigen Seminar, das der firmeninternen Teambildung dient, nimmt man die Aufgabenstellung persönlich und beginnt in einer privaten Zweiergruppe abends den theoretischen Stoff praktisch aufzuarbeiten. Kurze Zeit später reicht einer von beiden den Antrag zur Elternzeit ein. Ich finde, das hat Potenzial!

Ein kleines Problem in der Planung meines erfolgreichen Flirts am Arbeitsplatz könnte werden, dass ich keine Kollegen habe. Und keine Salatbar. Genau genommen habe ich auch keine Kantine, sondern eine zusammengewürfelte und sehr unaufgeräumte Küche aus Studententagen. Seit der Weltwirtschaftskrise hat mein Unternehmen das 13. Monatsgehalt und die Weihnachtsfeiern für unbefristete Zeit ausgesetzt (das gab schwere Proteste der Belegschaft und Streikwarnungen, die allerdings ungehört blieben), Seminare besuche ich keine mehr, seit mein Existenzgründerzuschuss ausgelaufen ist.

Ich denke angestrengt darüber nach, wo und wie ich unter den gegebenen und erschwerten Bedingungen den Ist-Zustand (Single, unglücklich) in den Soll-Zustand (Pärchen, glücklich) verwandeln kann. Ich muss expandieren. Dringend.

Kaltakquise

Dienstag, 06. Oktober um 14:48 Uhr

Da ist er. Mein Flirt am Arbeitsplatz. In meiner Firma gab es ja leider niemanden, den ich mit einem privaten Tête-à-Tête im Kopierraum überraschen konnte. Also musste ich den Interessentenkreis ausweiten, Kaltakquise nennt man das im Fachjargon. Weil ich professionell sein und mir selbst beweisen will, dass ich die Sache ernst nehme, beginne ich ein intensives Brainstorming. Brainstorming heißt ja eigentlich, dass sich eine Gruppe von Leuten zusammentut und schlechte Ideen gemeinschaftlich so lange verwurstet, bis alle denken, es seien gute Ideen. In Ermangelung von Kollegen und anderen Gruppenmitgliedern spalte ich einige meiner zahlreichen Persönlichkeiten ab und versuche intensiv, schlechte Ideen zu entwickeln. Nach zwei Stunden, einigen lautstarken Auseinandersetzungen, einer angedrohten Kündigung, heißgeredeten Köpfen und einem Machtwort vom Chef (ich), steht fest, dass für den erfolgreichen Flirt am Arbeitsplatz nur externe Dienstleister in Frage kommen können.

Praktischerweise fällt mir auch gleich schon jemand ein. In einer Druckerei, für die ich ab und zu einschläfernde Werbeanzeigen Korrektur lese und die für den Druck meiner Werbemittel zuständig ist, arbeitet ein sehr freundlicher Empfangsmann. Ich habe Guido, so heißt er, noch nie gesehen, kenne seine samtweiche Stimme aber vom Telefon. Er klingt gutaussehend! Ich übertreibe nicht, wenn ich behaupte, dass wir ab und zu miteinander flirten – zugegeben, bis vor ein paar Tagen hielt ich das noch für ein normales und legitimes Instrument der Kundenbindung. Heute weiß ich es besser! Heute weiß ich, dass ich daraus Kapital schlagen kann! Kurzerhand rufe ich in der Druckerei an und bestelle 1000 neue Visitenkarten. Guido gratuliert mir. »Ist ja toll, vor zwei Monaten hast du doch erst 500 neue drucken lassen, sind die schon alle verteilt?«

Äh. Ja. Nee. Mist. Was sag ich denn jetzt? Schlagfertig bin ich immer nur dann, wenn ich mir hinterher ausmale, was ich hätte sagen können. Unter Aufbringung meines spontansten und kreativsten Einfalls erfinde ich einen Wasserrohrbruch in meinem Arbeitszimmer.

Guido beißt an. »Das ist ja total scheiße! Deine Wohnung ist also grade nicht besuchsfähig, was? Schade«, er senkt verschwörerisch die Stimme, »ich wollte dir anbieten, die Visitenkarten bei dir vorbeizubringen.«

ZUGRIFF! »Das macht doch nichts – ich kann ja einfach bei dir vorbeikommen«, säusele ich profimäßig.

Guido freut sich. »Soll ich dann für zwei kochen?«

Kochen klingt großartig! Es ist wohl nicht zu hoch gegriffen, wenn ich sage, dass essen zu meinen liebsten Hobbys gehört. Das kann ich gut, da kann ich punkten! Ich freue mich. Wir verabreden uns für Freitag. Und mein Chef verspricht eine Gehaltserhöhung.

Petit Nicolas

Freitag, 09. Oktober um 23:45 Uhr

Ich bin aufgeregt! Gleich habe ich das erste Date meines Experiments! Irgendwie kann ich ja immer noch nicht fassen, dass das alles so einfach war – sicherheitshalber habe ich vorab auch schon eine Kleinigkeit gegessen, nur für den Fall, dass wir uns schon im Flur so scharf finden, dass wir es nicht in die Küche schaffen. Nichts ist uncooler als ein knurrender Magen, wenn man einem tollen Kerl gegenübersitzt. Doch eine Sache gibt’s, die noch uncooler ist: Sich mit einem Typen, von dem man weder weiß, wie er aussieht noch wie er kochen kann, zum Essen in seiner Wohnung zu verabreden. Was soll ich tun, wenn Guido wie Hacksteak aussieht? Oder mir welches anbietet?

Ach, egal, wenn Guido nur halb so gut aussieht, wie er sich anhört, hat es sich gelohnt, dass ich mir heute Abend die Beine rasiert habe.

Um halb acht klingele ich an seiner Tür. Ich fühle mich wie bei Rudi Carells Herzblatt! Ich höre Schritte in der Wohnung. Dann verdunkelt sich kurz die kleine runde Öffnung des Türspions, durch die ein feiner Lichtstrahl in den Flur hinausfällt. Guido guckt mich grade an! Er guckt! Ich setze mein verführerischstes Lächeln auf.

Die Tür öffnet sich. Und ich muss mir große Mühe geben, dass mir mein verführerischstes Lächeln nicht einfach so aus dem Gesicht kippt.

»Hi, Juli!«, strahlt Guido mich an. Von unten. Guido ist nämlich, und ich trage heute keine Absatzschuhe und bin mit 1,68 Meter auch nicht gerade eine Riesin, einen Kopf kleiner als ich. »Schön, dass du da bist!« Er beugt sich vor, um mir die obligatorischen Küsschen auf beide Wangen zu geben. Ich beuge mich runter. Mein Lächeln ist auf meinen Backen festgetackert. Ich bin schockiert. Und trauere der Rasierklinge des Monats hinterher.

»Hast du Hunger?«, fragt mich Guido.

»Nee!«, sage ich. Hab ja auch schon gegessen.

»Aber ein Weinchen darf’s doch sein?«, legt der kleine Mann nach und geht vor mir her ins Wohnzimmer. Er dreht sich zu mir um und mustert mich einmal von oben bis unten. »Du bist noch viel hübscher, als du dich anhörst!«, sagt er, und ich versuche in Sekundenschnelle ein Kompliment zusammenzuschustern, das nicht allzu gelogen und nicht allzu unverschämt ist. Was sag ich denn jetzt? Du bist noch viel kleiner, als du dich anhörst! Das klingt nicht. Ich könnte vielleicht etwas Aufbauendes sagen. Wie zum Beispiel: Alle großen Männer waren kleine Männer! Cäsar. Einstein. Und sogar der französische Staatspräsident. Wenn ich Guido so genauer betrachte, sieht er tatsächlich ein klein wenig wie M. Sarkozy aus. Ob er das als Kompliment auffasst?

»Das ist also mein bescheidenes Reich!«, flötet Le Petit Nicolas.

»Ja«, sage ich, »echt bescheiden.«

Das müssen M. Sarkozy und ich erst mal sacken lassen. Ja, echt bescheiden. Mann, Mann, Mann. Verdammt, kann ich nicht einmal die Klappe halten? Ich trete die Flucht nach vorne an. »Du, hör mal«, sage ich zerknirscht und mit auf den Boden gerichteten Augen, »sei mir nicht böse, aber ich hab eine schlimme Magen-Darm-Grippe bekommen, vielleicht magst du mir nur schnell die Visitenkarten geben?«

Sarkozy guckt mich verständnislos an. Dafür muss er allerdings seinen Kopf in den Nacken legen. »Eine Magen-Darm-Grippe? Oh Gott, du Arme. Willst du einen Tee?«

Nein, ich will keinen Tee! Ich will hier raus. Ich muss wohl zu drastischeren Mitteln greifen. »Nee, weißt du – ich hab ganz schlimmen Durchfall, da hilft auch kein Tee mehr.« Ich habe gelogen, als ich sagte, essen sei mein größtes Hobby. Ich hatte die Selbsterniedrigung vergessen.

Guido grinst mitleidig und ein wenig angeekelt, ich kann es ihm nicht verübeln. Er flitzt zur Kommode, auf der ein kleines Paket steht, drückt es mir unter Einhaltung eines gewissen Sicherheitsabstands in die Hand und bringt mich zu Tür.

»Na dann, gute Besserung!«, sagt Sarkozy und gibt mir noch nicht einmal mehr die Hand.

Ich hab Magen-Darm-Grippe. Von wegen. Ich hab neue Visitenkarten. 1000 Stück, um genau zu sein. Zusammen mit den übrigen 473 von vorher kann ich mir damit jetzt die Wände tapezieren. Toll.

Gedanken aus der Warteschleife

Sonntag, 11. Oktober um 17:56 Uhr

Ich warte. Ich warte darauf, dass es hier endlich losgeht. Seit elf Tagen verfolge ich den waghalsigen Plan, bei einem großangelegten Single-Experiment einen Mann kennenzulernen. Es passiert vorerst nichts. Außer dass ich kleinwüchsige Druckereifachangestellte noch vor dem ersten Viertel Weißwein im Wohnzimmer abfrühstücke und mich ein ganzes Wochenende lang schäme. Durchfall! Darauf muss man erst einmal kommen! Statt dass mir ein glamouröser und aufsehenerregender Grund einfällt, lasse ich die Staphylokokken antanzen. Und alles nur, weil Sarkozy so ganz und gar anders war, als ich erwartet hatte. Normalerweise bin ich diejenige, die abgefrühstückt wird. Die weggeschubst, aussortiert, fallen gelassen wird. Diejenige, die wartet: auf Erklärungen, Entschuldigungen, Rückrufe, Antwortschreiben, Blumensträuße und Heiratsanträge. Warten. Warten auf den Richtigen, die richtige Zeit, den richtigen Ort, das richtige Gefühl, eben einfach nur auf DAS Richtige. Warten auf einen Ton, auf einen Laut, auf irgendwas, was besser ist als diese Stille, die in den Ohren rauscht. Warten auf die Einsicht, die Umsicht, die Nachsicht, die Vorsicht, die Weit- und die Gleitsicht, warten auf den Einen, den Anderen und über alledem bitte: NIEMALS wartend wirken.

Ich sitze seit geschlagenen drei Jahren im Wartezimmer der Liebe. Wenn ich die Katastrophen von vorher mit einrechne, warte ich sogar noch länger. Wenn ich noch viel länger warten muss, werden sich meine Eierstöcke zu Brezeln verformen und ich werde ein sozial inkompetenter, neurotischer Langzeit-Single, der zu Hause nur noch im Jogginganzug rumläuft und die zwischenmenschliche Kommunikation komplett einstellt. Ich werde zu einer von diesen kauzigen Tanten, die immer so schlimm nach Tosca riechen und sich mit ihren Pflanzen unterhalten. Und das alles nur, weil ich mein Leben lang GEWARTET habe, bis sich irgendeiner mal entscheidet oder nachdenkt oder aufhört nachzudenken oder damit anfängt; einer, der handelt oder einfach nur mal sagt, dass er mir ein Eis spendieren will. Ich hab’s SO SATT!

Schluss jetzt. Ich werde meinen Durchfall und Guido vergessen, mir eine neue Druckerei suchen und ganz schnell mit der Suche fortfahren. Ich brauche Nachschub, also Material, also Testobjekte, kurz: Männer. Zusendungen bitte nur mit Bild. Und Größenangabe.

Angezeigt

Mittwoch, 14. Oktober um 10:27 Uhr

Ich habe mich von meinem fulminanten Fehlstart erholt und bin bereit, das Experiment fortzuführen. Mein Motto lautet immer noch: Flirten am Arbeitsplatz. Super, dann such ich mir doch mal einen. Zuerst einen Arbeitsplatz und dann einen Flirt. Vor ein paar Tagen habe ich eine Stellenausschreibung gelesen, die interessant und gewinnbringend klang. Gewinnbringend deshalb, weil Theodor von Sponheim, der freundlich von der Personalseite eines erfolgreichen Verlags für Reiseführer auf mich niederlächelt, ein Sahneschnittchen allererster Güte ist. Juli von Sponheim. Das klingt doch nach was! Theodor und ich werden uns bei einem Bewerbungsgespräch kennen und lieben lernen, so mein Plan. Eigentlich suche ich ja gar keinen Job, meinen bisherigen finde ich, wenn auch schlecht bezahlt, ganz okay. Aber das kann ich Theodor ja später sagen. Die Anforderungen für den Job erfülle ich allerdings auch nicht ganz. Der Verlag erwartet gute bis sehr gute Sprachkenntnisse in Englisch, Französisch und Italienisch. Good, bien und bene sag ich da nur. Trotz meiner mangelhaften Qualifikation beschließe ich, Mut zur Lücke zu beweisen und fälsche ein wenig an meinem Lebenslauf rum: Aus den drei Wochen London, die ich ohnehin schon völlig angeberisch als Auslandsaufenthalt bezeichnet hatte, werden anderthalb Jahre; aus meinen Gelato-Italienisch-Kenntnissen wird ein »flüssig in Wort und Schrift«, und auch mein eingerostetes Schul-Französisch wird ordentlich aufgewertet. Le magnetophone ne marche pas. Egal. Ich schicke meinen gepimpten Lebenslauf, das nette Anschreiben und ein sehr vorteilhaftes Bild mit tiefem Ausschnitt an meinen zukünftigen Arbeitgeber und Ehemann und freue mich bereits darauf, gemeinsam mit Theodor die Verlagswelt zu erobern. Auf Cocktailpartys werde ich unseren Freunden aus der Literaturszene von unserem Kennenlernen erzählen: »Damals habe ich mich ja ganz unbefangen beworben und dann …«, werde ich sagen, und Theodor wird mir zärtlich ins Wort fallen, »… habe ich sie eingestellt. Als Lektorin und Frau meines Herzens.« Die Anwesenden seufzen, wir lächeln uns an, und Theodor steckt mir einen weiteren Klunker an den Finger.

Ach, Theo. Du und ich.

Eingeladen

Freitag, 16. Oktober um 13:01 Uhr

Alles klar. Am Montag um 15 Uhr habe ich ein Vorstellungsgespräch bei Theo. Die suchen wohl dringend. Na ja, ich weiß ja, er sucht dringend mich. Er scheint das zu spüren, sonst hätte er mich nicht so schnell eingeladen. Das muss noch rein in unsere Cocktailparty-Story: Dass er intuitiv beim Lesen meiner Bewerbung schon wusste, dass ich die Richtige bin. Ob ich gleich in Weiß erscheinen soll? Na ja, vielleicht doch zu direkt.

Abgeschmettert

Montag, 19. Oktober um 18:23 Uhr

Also, selbstständig sein ist doch gar nicht so schlecht. Das ist mein neues Mantra, das ich mir in ständiger Litanei immer wieder aufsage, seit ich um kurz nach vier das Büro von Theo verlassen habe. Wie es aussieht, bleibe ich noch eine Weile mein eigener Chef, und den Adelstitel muss ich mir wohl auch selbst kaufen. Man ahnt es bereits: Das Vorstellungsgespräch war nicht so der Brüller. Das lag (neben mangelnder Qualifikationen und dem manipulierten Lebenslauf) vielleicht daran, dass ich mich während der Stunde, in der Herr von Sponheim und ich uns unterhielten, nicht entscheiden konnte, ob ich flirten oder mich um den Job bemühen sollte. Denn als ich diesen blonden Hünen, Mitte dreißig, schlank, leicht gewelltes Haar und Cord-Sakko, so vor mir sah, wurde mir ganz heiß, und ich sah mein Porträt bereits an der Wand in der Ahnengalerie auf seinem Landschlösschen hängen.

Es begann sehr freundlich, bis wir zu den Details kamen.

»Ich sehe, Sie haben in London gelebt. Da ich selbst in London studiert habe, kenne ich die Stadt gut. Wo haben Sie denn gewohnt?«, fragt Theo interessiert. Mist.

»In East 17«, antworte ich Boygroup-erfahren und etwas einsilbig.

»Oh, raues Pflaster«, mahnt Theodor und hakt nach: »Was haben Sie denn in England gemacht?«

»Ich bin generell sehr an der Kultur und den Lebensumständen europäischer Großstädte interessiert, ich habe mich inspirieren lassen und die Stadt aufgesogen. Ich bin ein Mensch, der gerne erlebt, genießt, erfährt, weißt … äh, wissen Sie.«

»Ah!«, Theo hebt bewundernd die Augenbrauen. »Welche anderen Großstädte haben Sie denn auf diese – etwas unkonventionelle Weise, das muss ich schon sagen – so erlebt?«

»Äh – Bielefeld.« Verflixt. Bielefeld! In Bielefeld hatte ich lediglich mal eine Bettgeschichte, bis Bielefeld und ich uns dann einvernehmlich einigten, dass 500 Kilometer wegen ein bisschen Tackatacka zu aufwendig seien.

Im Bewerbungsgespräch geht es leider auf Italienisch weiter, ich glaube Theodor hat Lunte gerochen und testet nun meine Sprachkenntnisse. Ich antworte mit perfekt rollendem »r«, aber offensichtlich völlig unsinnig auf seine Fragen, bei denen ich nur »parole«, »letteratura« und »no« verstehe. Theodor guckt etwas unglücklich. Ich auch.

Über meine Berufserfahrung kann ich noch ein paar Punkte sammeln, zum Glück habe ich auch wirklich JEDES Projekt angenommen, aber selbst das reicht wohl nicht mehr. Sogar ich merke, dass ich mich hier blamiere, und lächele lieber noch ein bisschen verführerisch. Dann beschließe ich, Theodor zu fragen, was für einen Menschen er denn eigentlich sucht. »Wie stellen Sie sich denn Ihre zukünftige rechte Hand so vor?«, strahle ich ihn beziehungsorientiert an.

»Ehrlich gesagt, etwas kompetenter«, sagt Herr von Sponheim gedehnt. »Seien Sie mir nicht böse, Sie scheinen eine talentierte und sehr humorvolle junge Frau zu sein, aber für unser Unternehmen suchen wir dann doch etwas anderes.«

Und Sie so privat? Aber nein, die Frage stelle ich nicht mehr. Wir verabschieden uns, er wünscht mir alles Gute, ich mir auch, und ich trolle mich peinlich berührt nach Hause. Merke: Wenn man bereits einen Job hat, kann man dort auch einen Flirt suchen. Wenn man einen Flirt hat, kann man sich zusätzlich einen Job suchen. Aber beides zusammen ist nicht empfehlenswert! Den Druck hält ja keiner aus.

Selbst ist die Frau

Donnerstag, 22. Oktober um 11:04 Uhr

Das war ja mal ein klassischer Griff ins Klo. Job und Mann, das ist zu viel des Guten. Ich könnte ja einen Job und mich als Zugabe anbieten. Haha. Sehr witzig.

Wobei: Ein Mitarbeiter, das wär doch mal was. Da könnte auch mal jemand anderes ans Telefon gehen, wenn mich ein Auftraggeber anruft. Und geschäftig sagen: »Moment, ich stelle Sie zu Frau Rautenberg durch.« Das klingt doch fast schon nach mittelständischem Betrieb!

Nur, was soll der Gute tun, außer eben ans Telefon gehen? So zwei Mal die Woche. Ich bräuchte eher einen Putzmann. Aber den könnte ich, wie übrigens den Mitarbeiter auch, nicht bezahlen. Mein bescheidenes Einkommen reicht gerade für das Begleichen der Miete, kleinere Ausgaben im Bereich Nahrungsmittel und mittelgroße im Bereich Online-Shopping. Mitarbeiter beinhaltet das Wort »mitarbeiten«, und mir ist ja schon manchmal langweilig, weil ich nichts außer Kaffee kochen zu tun habe.

Moment. Kaffee kochen. Wer macht das? Praktikanten! Ha! Die machen doch alles und das auch noch ohne Geld! Das ist meine Chance! Ich such mir einen Praktikanten.

Praktikant gesucht

Freitag, 23. Oktober um 09:03 Uhr

Ich hänge an das schwarze Brett der Uni einen farbenfrohen Zettel: »Junges aufstrebendes Lektorat (Subtext: ich und mein Wohnzimmer) sucht engagierten männlichen Praktikanten. Du (jung, sexy, schlau, von mir begeistert) wirst der Geschäftsleitung (mir) zuarbeiten und die Bereiche Konzeptentwicklung (gemeinsame Wohnung), Projektmanagement (Kinder), Organisation (Aufräumen, diverse Putzarbeiten) und Büroarbeit (kleinere Erledigungen aller Art) betreuen. Leider bleibt die Arbeit, neben den reichhaltigen Erfahrungen (sexuell), die du sammelst, unvergütet. Ich hoffe aber, dass du trotzdem Lust hast, neue und spannende Erfahrungen zu sammeln. Es wäre schön, wenn du Interesse an Literatur mitbringst, der deutschen Sprache mächtig bist und gerne kochst.«

Das »gerne kochst« ist rein privater Natur. Aber die Bewerber denken wahrscheinlich, ich lektoriere Kochbücher. Klären wir später!

Praktikant gefunden

Mittwoch, 28. Oktober um 14:10 Uhr

Heute ist das erste Vorstellungsgespräch. Und auch das einzige, ich habe nämlich schon aussortiert. Erstaunlicherweise haben sich auf meine etwas wirre Anzeige 15 junge Männer und zwei Frauen gemeldet, wobei die Frauen sich lediglich beschwerten, warum ich nur Männer suche, das sei doch sexistisch. Ich weiß ja nicht, was die suchen, aber könnte ich ihnen erklären, worum es hier eigentlich geht, hätten sie wohl Verständnis.

Markus ist der einzige Bewerber mit schönem Bild und hat, was ich besonders liebenswert finde, in das Anschreiben sein Lieblings-Auflauf-Rezept mit reingeschrieben. Die anderen Bewerber waren entweder sehr, sehr hässlich oder völlig willenlos auf der Suche nach einem Praktikum. Einer der Jungs ist 16, heißt Tobias, ist Realschüler und braucht dringend noch einen Praktikumsplatz für die Projektwoche in der Schule. Ein anderer will sein Studium abbrechen und sucht nach »neuen Möglichkeiten«. Nä! Ich nehme Markus. Ich habe auch die Zutaten für seinen Auflauf eingekauft, wer weiß, vielleicht kochen wir ja heute Abend zusammen!

Ein Praktikant fürs Leben

Mittwoch, 28. Oktober um 17:53 Uhr

Markus sitzt vor mir in meiner Küche und sieht sehr gut aus. Ich aber auch. Ich habe mich in das einzige Kostüm gezwängt, das ich besitze und trage, vollkommen neu für meinen Küchenboden, meine High Heels auch mal zu Hause. Wo ich sonst nur mit Hausschuhen schlurfe, klappere ich nun selbstbewusst über die Steinfliesen.

Markus ist sehr freundlich, wenn er auch etwas skeptisch guckte, als ich ihm die Tür zu meiner Wohnung öffnete.

»Ich dachte, wir treffen uns in Ihrem Büro?«, zweifelte er noch in der Tür.

»Ja, herzlich willkommen, dies ist mein Büro«, erkläre ich sehr locker. »Und lass uns ›du‹ sagen, ja? Ich hab es nicht so mit Hierarchien. Zumindest nicht in der Anrede.« Ich finde, ich bin eine prima Chefin. Markus hat bereits einige Praktika bei renommierten Verlagen absolviert, hat viele Erfahrungen, kennt das Geschäft fast besser als ich und weiß bereits jetzt, wo er nach seinem Diplom arbeiten wird. Die reißen sich um den. Und ich kann ihm nur meinen Couchtisch als Arbeitsplatz und mein Herz als Monatslohn bieten.

»Du hast eine Weile in New York verbracht. Was hast du da gemacht?«, kopiere ich ohne Anstand Herrn von Sponheim.

»Ich war dort bei einem großen Verlag. Es ist natürlich eine spannende Erfahrung, in der Fremdsprache mit Texten zu arbeiten. Glücklicherweise bin ich bilingual aufgewachsen, daher ging das zumindest im englischsprachigen Bereich ganz gut. Zwei Jahre später habe ich in Spanien einen dreimonatigen Sprachkurs belegt und mich dann in einem gemeinnützigen Projekt engagiert, das Kinder beim Schreiben eigener, kleiner Bücher unterstützt. Danach wurden die kleinen Kunstwerke lektoriert und veröffentlicht.«

Angeber. Der sammelt sogar Berufserfahrung, wenn er die Welt besser macht. Markus wird mir ein bisschen unsympathisch. Trotz seines phänomenalen Aussehens. Nach einer halben Stunde, in der ich ihn überhaupt nichts mehr zu seinem beruflichen Werdegang frage, sondern seine Kindheit (glücklich, Schleswig-Holstein) und seine Hobbys (Segeln, Joggen) überprüfe, muss Markus mal aufs Klo. Ich lasse ihn. Irgendwie ist mir Markus doch ein bisschen ZU perfekt. Nicht dass er am Ende seine eigene Chefin aussticht.

Als er zurückkommt, scheint er sich nicht mehr setzen zu wollen, sondern beginnt zögernd: »Also, Juli, ich muss ehrlich sagen, das klingt alles ganz nett, aber so ganz sehe ich nicht, was meine Aufgaben sein sollen. Und um ehrlich zu sein …«, er wird etwas selbstsicherer und lauter, »finde ich das alles hier ein bisschen komisch.«

Oh. Da dreht aber einer auf. Wie gut, dass ich ihn schon vorher blöd fand. »Ja, Markus, da magst du recht haben. Auch ich habe mir da einen etwas – mhm – kompetenteren Mitarbeiter«, Danke, Herr von S.!, »vorgestellt. Ich denke, über Details brauchen wir gar nicht mehr sprechen, wir haben hier völlig unterschiedliche Vorstellungen von Literatur und der Arbeit eines Lektors. In den großen Unternehmen hat man da einfach eine oberflächlichere Herangehensweise, das ist ja nicht deine Schuld, du kennst es halt nicht anders. Wir kleinen Literaturbetriebe lächeln da ehrlich gesagt ein wenig drüber. Aber man muss wissen, was man möchte. Kunst oder Kommerz. Ich danke dir aber herzlich, dass du da warst. Alles Gute.«

Dass ich ihn nicht noch mit einer Hand nach draußen wedele, ist mal alles. Ich bin eine Scheiß-Chefin. Markus verlässt, sichtlich angefressen, aber auch komplett verwirrt, meine Wohnung.

Dann geh ich mal aufs Klo, das Kostüm zwickt ganz schön. Da wird mir Markus’ plötzlicher Wunsch, sich zu verabschieden, klar: Neben dem Klo steht eine offene Packung Tampons, im Waschbecken liegen meine Bürste und viele, viele Haare. Und in der Dusche hängt mein ollster BH, den ich von Hand gewaschen habe, und tropft schön regelmäßig den Duschbereich voll.

Ja, dann lieber ein großer Verlag. Ohne private Kontakte. Verstehe.

Expansion

Mittwoch, 04. November um 19:22 Uhr

Nachtrag: Ich habe den Praktikumsplatz dann doch vergeben. An Tobias, den Realschüler, der sonst eine Sechs in Arbeitslehre bekommen hätte. Tobias gießt meine Blumen, bringt Post weg und reinigt die Kaffeemaschine. Die Jugend von heute ist gar nicht so schlecht. Gut, er muss nur zwei Stunden täglich kommen und selbst da mache ich ihm meistens die Glotze an. Aber er ist glücklich, ich schreibe ihm eine nette Beurteilung, und so habe ich auch mal was Gutes für die Menschheit getan! Pah, Kinderbücher lektorieren! Ich betrüge gemeinsam mit einem Teenager das Schulsystem. Das ist mal Engagement.

FAZIT: Es hat sich ausgeflüstert

Also, seien wir mal ehrlich. Der erste Monat war ein Schuss in den Ofen. Die Liebe am Arbeitsplatz, der heiße Flirt am Kopierer und die Eheschließung in der Firmenkantine, die mag es ja geben – in Großbetrieben. Da gibt’s ja auch Intranet, Workshops und Weihnachtsfeiern, wo man sich kennen und lieben lernen kann. Mir passiert so was nicht, ich habe aber auch kein Intranet und keine Firmenkantine, ich kann niemanden über die Instant-Kartoffelsuppe oder die dienstägliche Birne Helene anschmachten, ich kann mich auf keine gemeinsamen Workshops oder Geschäftsreisen freuen, ich habe keine Sekretärin und vor allem keinen Sekretär und leider, leider auch keinen Coca-Cola-Mann, der mir in der New Yorker Sommerhitze Kaltgetränke bringt. Ich lebe nicht in New York und noch nicht einmal in Berlin. Ich veranstalte Weihnachtsfeiern mit mir selber und habe auch keinen Chef, der mir nach dem dritten Glas Sekt den Hintern tätschelt.

In jedem schlechten Film, in dem Liebe am Arbeitsplatz vorkommt, hat irgendjemand irgendwann einmal Sex auf dem Kopierer. Mein erotischstes Erlebnis mit dem Kopierer habe ich gerade jetzt, als mir die Klappe vom Papiereinzug gegen das Schienbein schlägt und beim Patronenwechsel ein bisschen Tinte über meine linke Hand läuft. Das ist erbärmlich.

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Die Schlappe vom ersten Monat habe ich verkraftet. Es kann weitergehen! Nachdem ich mich zuletzt wirklich sehr engagiert habe, beschließe ich, mich im kommenden Monat mal komplett bedienen zu lassen! Ich lass mich verkuppeln! Wie bei diesen japanischen Restaurants mit dem Laufband, das die Leckereien freundlich an den Tisch liefert, ohne dass man bestellen muss. Einen kleinen Nachteil trotz aller Bequemlichkeit gibt es da schon: Ich ordere nicht à la carte, sondern muss nehmen, was da ist. Aber bisher war mein Händchen bei Männern nicht gerade glücklich, deswegen lasse ich gutgelaunt mal die anderen machen. Das hat einerseits den entscheidenden Vorteil, dass die, die mich verkuppeln sollen, wissen, wer ich bin und was ich mag, und hoffentlich einschätzen können, wer zu mir passt.

Andererseits: Wenn ich daran denke, wen beispielsweise meine Eltern schon angeschleppt haben, um mich endlich unter die Haube und in ein eigenes Nest zu kriegen, wird mir ein bisschen schlecht. Meine Eltern sind nämlich der felsenfesten Überzeugung, dass ich eine männerfeindliche Ausstrahlung habe und deshalb ein Weichei brauche, das sich meinem dominanten Wesen unterwirft. Jemand, dessen Willen ich nicht brechen muss, sondern jemand, der sich freiwillig und gerne demütigen lässt. Soll ich mir wirklich von solchen Leuten einen Mann vor die Nase setzen lassen?

Meinen Hühnern, also meinen besten Freundinnen, mit denen ich mich regelmäßig zu hemmungslosen Besäufnissen und der professionellen Organisation von Hetzkampagnen gegen abgelegte Liebhaber treffe, traue ich da schon mehr zu. Sie kennen meine Muster, wissen, dass ich auf schwierige Fälle stehe und ein besonders Faible für Männer habe, die mich schlecht behandeln. Gut, das soll ja öfter vorkommen. Meine Hühner sind aber genervt von meinem Puppenmutter-Syndrom und Retter-Komplex und können Sätze wie »Der ist ganz anders, wenn wir alleine sind!« nicht mehr hören. Deshalb werden sie mir ganz sicher nicht die total zerstörten Exemplare der Gattung Mann heraussuchen, sondern darauf achten, dass er weiß, wie er eine Lady zu behandeln hat. Hach, Kinners. Wat freu ick mir!

McTry

Sonntag, 08. November um 23:59 Uhr

Ein Date! Ein Date? »Seriously?«, höre ich Meredith Greys Stimme. Es hat ja lange genug gedauert, bis meine Umwelt mal begriffen hat, dass hier eine einmalige Chance auf sie wartet: Sie darf selbst entscheiden, von welchem Typen ich ihr zukünftig die Ohren vollheule! Kupplung No. 1 ist zum Testlauf bereit, und es liegt ganz allein an mir, den Gang einzulegen und Gas zu geben!

Wo aber kommt der Mann so plötzlich her? Nun, tatsächlich fand sich in den offensichtlich stark angegriffenen Hirnwindungen meiner Hühner doch noch ein recht unbescholtenes Exemplar der Gattung »Singlemann«. Ein Freund von einem Arbeitskollegen, dessen Großcousin zweiten Grades oder so etwas in der Art. Auch egal. Mann ist Mann. Fleisch ist Fleisch. Meine Freundin Cora, eine schöne Frau mit schönem Geist und noch schönerem Freund, hat ihn mir angepriesen und als freundlichen, interessanten und anspruchsvollen Mann beschrieben. Als einen, der sich das Gleiche wünscht wie ich: Eine Beziehung, die weiterbringt, schneller macht, fröhlicher stimmt, sich gut anfühlt und sich gesamtheitlich als Dauerbrenner entpuppt.

Jaha!! Da bin ich natürlich dabei! In drei Tagen ist Tag X, der Tag, an dem ich meinem Traummann begegne. Ob ich ein »Alb-« davor setzen muss, wird sich zeigen. Ich werde abwarten, nicht zu viel träumen, das Essen augenblicklich einstellen und mit dem Beautyprogramm gleich morgen früh beginnen. Und Schuhe kaufen!

I’m thinking in the rain

Mittwoch, 11. November um 23:20 Uhr

Okay, heute Abend ist es also so weit. Ich bin bereit, habe seit zwei Tagen nur Flüssignahrung zu mir genommen, ein Peeling, eine Gesichtsmaske und eine Komplettenthaarung hinter mir, Wäsche gewaschen, den Friseur besucht, Sit-ups gemacht, neue Unterwäsche und ein Frauenmagazin (mit dem Artikel »30 heiße Tipps fürs erste Date«) gekauft, Strategien entwickelt, Angst bekommen und überwunden, und nun bin ich startklar!

Ich bin geschminkt, habe mich in eine Jeans gezwängt und trage ein leicht und locker fallendes Oberteil, das meine »Rundungen umschmeichelt«, wie die nette Dame aus dem Damenoberbekleidungsgeschäft verlauten ließ. Mir doch egal! Verkäuferinnen haben schlicht gar nichts zu sagen, maximal ein »Ich bringe es Ihnen mal eine Nummer kleiner« (Juhu!) oder ein verständnisvolles »Das sind ja auch italienische Größen, da trag’ selbst ich ’ne 38«. Mehr will ich nicht.

So! Ich sehe toll aus! Ich fühle mich gut. Mein Haar wippt, mein Herz hüpft, meine Schuhe drücken. Alles paletti. Ich sitze auf der Couch und sehe mir das schlechte Vorabendprogramm der Privatsender an. Draußen schüttet es wie aus Kübeln. Das perfekte Dinner lässt mir das Wasser im Mund zusammenlaufen, mein Magen knurrt gut hörbar. Als Ingrid aus Halle gerade weinend über ihrem Pestohühnchen zusammenbricht, klingelt es an der Tür. Ich springe auf, Schuhe, Jacke und Tasche trage ich bereits am Leib. Ich bin nämlich pünktlich. Damit verstoße ich gegen ein Grundgesetz der menschlichen Zivilisation, nämlich dass Frauen immer unpünktlich sind und außerdem bei einem ersten Date nur einen kleinen, gemischten Salat bestellen. Ich mache das anders. Ich komme nicht zu spät, nicht aus Versehen und nicht aus Absicht. Ich esse Hauptgang und Nachtisch. Ich höre zum Einschlafen Die drei Fragezeichen und glaube nicht, dass Justus Jonas dick ist. Und manchmal bestelle ich Pizza mit Sauce Hollandaise, aber das erzähle ich noch nicht mal mir selbst.

Ich eile die Treppen hinunter und reiße die Haustür auf. Da steht er. Nein, da steht nicht er, da steht sein spießiges Auto und blinkt mir freundlich zu. Ich zögere. Es regnet. Nein: Es schüttet! Ich habe eine Stunde mit dem Glätteisen verbracht, ich kann jetzt keine Risiken eingehen. Die Luftfeuchtigkeit wird aus meiner mühevoll frisierten Haarwunderpracht gleich einen feuchtfröhlichen Fiffi machen, der mich in eine Momo-Gedächtnisfigur verwandelt.

Unmotiviert bleibe ich im Hauseingang stehen. Mein Date hupt. Ich überlege fieberhaft, wie ich durch die Fluten zum rettenden Wagen kommen kann. Am einfachsten wäre es, meinen Schirm zu holen, aber das könnte mein Date wohl missverstehen. Immerhin wirkt es grob unhöflich, wenn ich ohne Erklärung einfach wieder ins Haus renne – am Ende beleidige ich damit seinen blauen Passat. Oder ihn. Aber ihn habe ich ja noch nicht einmal gesehen.

Endlich! McTry macht das einzig Richtige: Er öffnet seine Autotür und sprintet durch die Fluten zu mir in den halbwegs trockenen Hauseingang.

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