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Zwischenwelten

Inhalt

  1. Cover
  2. Inhalt
  3. Über dieses Buch
  4. Über die Autorin
  5. Titel
  6. Impressum
  7. Sonntagnachmittag
  8. Montagmorgen
  9. Die Raufbolde
  10. Montagnachmittag
  11. Die Verbeuger
  12. Dienstagabend
  13. Mittwochmorgen
  14. Die Geier
  15. Mittwochnachmittag und früher Mittwochabend
  16. Die Wissenden
  17. Später Mittwochabend
  18. Donnerstagmorgen
  19. Freitagnachmittag
  20. Samstagmorgen

Über dieses Buch

Tio kann diesen Trick seit vielen Jahren. Eines Abends zeigt er ihn seiner Freundin Ayse, zeigt ihr, wie man durch eine schwarze Box in ein buntes Zirkuszelt gelangen kann. Doch diesmal ist alles anders, die Kinder kommen in eine fremde Welt, in die Welt eines Computerspiels, wo sie mitten im Krieg zwischen zwei Völkern landen. Sie lösen Aufgaben und können bei jedem neuen Besuch in ein neues Level einer früheren Zeitebene, so erleben sie die Geschichte rückwärts bis in eine Zeit, in der die beiden Völker noch gut miteinander auskamen. Verwunderlich ist nur: Die Menschen in dieser Welt erscheinen wie Avatare. Und es bleibt die Frage: Ist das alles nur ein Computerspiel oder etwa Realität?

Über die Autorin

Mariëtte Aerts, 1962 in Utrecht geboren, gehört zu den bekanntesten Schriftstellerinnen in den Niederlanden. Sie schrieb schon mit acht Jahren erste eigene Geschichten. Später wollte sie Illustratorin werden und studierte an der Kunstakademie. Schließlich wurde das Schreiben ihre Leidenschaft. 1996 erschien ihr erstes Buch, dem viele weitere folgten. Der bei Baumhaus erschienene Kinderroman »Hexenheide« wurde zum Überraschungserfolg.

Mariëtte Aerts

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Aus dem Niederländischen von
Gerold Anrich und Martina Instinsky-Anrich

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Ärgerlich wischt Tio mit der Handkante die schwarzen Buchstaben vom Spiegel. »Flip!«, ruft er seinen Vater. Nicht weil sein Vater so heißt – in seiner Geburtsurkunde steht Philip, und auf der Seitenwand des großen schwarzen Wagens, mit dem er durch die Lande zieht und in dem sich all der Kram befindet, den er im Lauf seines Lebens gesammelt hat, heißt er in knallroten Buchstaben FILIPPO! Tios Vater fand, dass dieser Name gut klang für einen weltberühmten Zauberkünstler. Leider sind seine Zaubernummern nicht weltberühmt, und nach Tios Meinung könnte man das Wort Zauber auch ruhig weglassen. Seiner Meinung nach sind es Stümpernummern. Tio findet, dass sein Vater eher so ein bisschen herummurkst, und wichtig ist dabei vor allem die Lichtshow, mit der er seine Fehler überspielt. Tio kriegt stumpfe Zähne vor Scham beim Zuschauen. Immer in den Ferien erlebt er die Stümperei hautnah mit. Wenn es nach Tio ginge, könnte die Schule ganz schnell wieder beginnen, denn in den Monaten, in denen er zur Schule muss, lebt er bei seiner Mutter. Sie wohnt nicht in einem Haus auf Rädern, sondern in einem ganz gewöhnlichen Reihenhaus, das nirgendwo hinfährt und Jahr für Jahr brav dort bleibt, wo es ist. Das findet Tio schön normal. Wenn es nach ihm ginge, bräuchte es das ganze Trara nicht zu geben, die Fahrten über holprige Straßen von einem Standplatz zum anderen, das Auslegen und Aufschlagen des Zelts, das Anbringen der Lampen, das Aufbauen der Bühne und der Sitzreihen. Und jeden Tag dasselbe Spektakel: die knackende Musik vom Pferdchenkarussell, die Rufe von den Ständen, wo es etwas zu gewinnen gibt. Und nicht zu vergessen die betäubenden Gerüche: der süße Duft von rosa Zuckerwatte, von Popcorn, von Waffeln.

»Flip!«, ruft er noch mal. Nicht mehr und nicht weniger. Filippo findet er irgendwie übertrieben, und wenn seine Mutter Philip sagt, dann klingt immer ein missbilligender Ton mit. Sein Vater hört ihn offenbar nicht, denn es kommt keine Antwort. »Was sollen diese Worte wohl bedeuten?«, fragt Tio sich selbst. Es ist nun schon das dritte Mal, dass er die hingekritzelte Schrift auf dem Spiegel entdeckt. Sie scheinen mit schwarzem Eyeliner geschrieben worden zu sein, einem wie ihn sein Vater benutzt, um sich einen geheimnisvollen dunklen Blick zu geben, bevor er die Bühne betritt. »Welcher Blödmann schreibt denn auf einen Spiegel?« Es wirkt, als hätte sich jemand nicht sehr erfolgreich an einem Gedicht versucht.

Ihr

Wir

Vorbei

Dasselbe hat auch gestern da gestanden.

»Pa!« Das ist Tios letzter Versuch. Pa sagt er nur, wenn er deutlich machen will, dass er etwas Dringendes loswerden muss.

»Ja, kommst du mal kurz helfen?«, hört er endlich eine Antwort aus dem Zelt.

»Warum verschmierst du den Spiegel?«, will Tio wissen.

»Ich verschmier den Spiegel?«, fragt sein Vater. Er klingt nicht besonders interessiert. Eher so, als ob er seinem Sohn ohne zu überlegen antwortet, in Gedanken aber ganz woanders ist. Und das scheint tatsächlich der Fall zu sein. »Hör mal, ich finde immer noch, dass die Strahler anders besser stehen. Los, hilf mir mal.«

Mit einem Seufzer steigt Tio auf die kleine schwarz gestrichene Holzbühne und wirft einen gelangweilten Blick in den düsteren Raum, wo bereits die Bankreihen aufgestellt sind. Bald werden dort Menschen Platz nehmen, um die missratenen Nummern eines erbärmlichen Zauberers zu sehen. Gut, kleine Kinder finden es meistens toll, aber ein paar finden es auch unheimlich, fangen an zu plärren und müssen dann schnell von ihren Müttern an die frische Luft befördert werden.

Überrascht stellt Tio fest, dass schon jemand da sitzt und wartet. Es ist ein Mädchen, und es sitzt in der ersten Reihe. Tio nickt ihr aufmunternd zu. Viel Spaß, wünscht er ihr in Gedanken. Wetten, dass du es hier keine zehn Minuten aushältst, wenn es erst mal angefangen hat? Das sagt er natürlich nicht laut, denn sein Vater steht neben ihm und würde über eine so erbarmungslose Bemerkung völlig aus der Fassung geraten.

Das Mädchen nickt zurück.

Nach der dritten Vorstellung (am Sonntagnachmittag gibt es immer drei) sieht Tio zu seiner großen Verwunderung, dass das Mädchen immer noch da sitzt. Hat sie etwa wirklich bei drei Vorstellungen hintereinander zugesehen? Kann das sein? Jemanden, der das schafft, will Tio unbedingt kennenlernen.

»Du musst dich ja schrecklich langweilen«, sagt er einfach so, als er sich neben sie auf die Holzbank setzt.

»Hm?«, fragt das Mädchen.

»Wenn du hier die ganze Zeit bei dieser dämlichen Show rumhängst.«

Die Augenbrauen des Mädchens kriechen hoch bis unter die Spitzen ihrer dunkelbraunen Haare, die ihr in die Stirn fallen.

»Du willst mir doch nicht erzählen, dass du das schön findest.« Tio schnaubt.

Das Mädchen zuckt mit den Schultern. »Ich find es lustig, grad weil es so schlecht ist«, gibt sie dann zögernd zu und schaut Tio entschuldigend an. »Darüber muss ich lachen. Ihr solltet es noch alberner machen, dann kugeln sich alle vor Lachen.«

Tio grinst. »Lass das bloß nicht meinen Vater hören!« Er macht eine ausholende Bewegung. »Das hier ist seine Vorstellung von einer völlig ernst gemeinten Zaubervorstellung.«

Das Mädchen lacht laut auf. Dann sieht sie Tio verlegen an. »Äh … ich heiß Ayse. Und du?«

»Tio. Und mit den Bemerkungen, das macht nichts. Ich find es auch eine dumme Show.« Er verzieht das Gesicht. »Hast du auch Sommerferien?«

Ayse nickt.

»Wenn keine Ferien sind, wohne ich bei meiner Mutter«, sagt Tio.

»Sind deine Eltern geschieden?«, will Ayse wissen.

Tio nickt. »Mein Vater hat sie mit seiner grottenschlechten Vorstellung vergrault. Von mir aus könnten die Ferien gerne schon vorbei sein, aber leider haben sie gerade erst angefangen. Die gehen noch bis Ende August. Deine auch?«

»Nein, bis Mitte August. Aber du bist wahrscheinlich schon in der Oberschule?«

»Ja, in der zweiten Klasse. Ich bin dreizehn, fast vierzehn.«

»Ich bin erst in der sechsten Klasse Grundschule.« Ayse seufzt. Und dann fügt sie schnell hinzu: »Aber ich bin keinmal sitzen geblieben, auch wenn ich schon zwölf bin! Ich bin auch nicht dumm oder so, überhaupt nicht! Wir hatten Probleme zu Hause. Mein Bruder war schwierig, meine Mutter hat zu viel gearbeitet, und mein Vater war in der Türkei, und außerdem bin ich lange krank gewesen und …«

Tio rückt etwas von ihr ab und hebt die Hände. »Ich hab doch gar nichts gesagt!«

»Nein … na ja.« Ayse zupft ein Fädchen von ihrer Jeans. »Ich hasse es, wenn die Leute immer gleich denken, man wäre dumm.«

Einen Moment lang schweigen beide.

»Ihr braucht einen Türsteher«, sagt Ayse dann. »Ich bin hier drei Vorstellungen hintereinander sitzen geblieben, ohne zu bezahlen, und es hat niemand was gesagt.«

»Also ehrlich, eigentlich hält das kein Mensch drei Vorstellungen lang aus! Ich glaub nicht, dass wir schon mal einen Türsteher gebraucht hätten. Wieso, suchst du einen Ferienjob?«

»Ich hab noch nichts, höchstens mal Reklame austragen. Bisschen Geld wäre schon schön. Alle meine Freundinnen sind in den Ferien, und ich langweile mich total.«

Tio winkt ab. »Ich fürchte, dass es bei uns nichts zu verdienen gibt. Mein Vater hat doch keinen Cent übrig.« Er steht auf. »Hast du Lust, eine Runde über den Platz zu drehen? Ich werd erst wieder um halb acht gebraucht. Am Sonntagabend geben wir immer noch zwei Vorstellungen zusätzlich, aber da kommt doch kein Mensch mehr zugucken. Das Wochenende ist rum und die Leute sind müde. Die hängen auf dem Sofa vorm Fernseher und gucken Fußball.« Er zieht einen schwarzen Vorhang zurück und ruft: »Flip, ich bin mal kurz weg und dreh eine Runde.«

Er bekommt sogar eine Antwort. »Oh, bringst du was zu essen für mich mit? Ich versuche noch, die Strahler anders zu hängen, und ich glaub nicht, dass ich mir danach noch was koche.«

Tio geht vor Ayse aus dem Zelt. Draußen kneift er wegen der hellen Sonne, die er den ganzen Nachmittag kaum gesehen hat, die Augen zusammen. »Nach links?«

»Wie du willst. Du kennst den Weg.«

»Eigentlich nicht. Überall, wo wir hinkommen, kriegen wir einen anderen Platz, und hier sind wir erst seit gestern.«

Ayse steckt die Hände in die Hosentaschen und schlendert hinter Tio her. »Ich find das eine komische Kirmes.«

»Es ist auch eigentlich keine Kirmes. Sie haben versucht, was ganz Besonderes zu machen, und sich ›Die älteste Wanderbühne, die es gibt!‹ genannt. Was sie aber nicht sagen, ist, dass sie einfach ein Haufen von Schwachsinnigen sind, der mit ›Dem ältesten noch halbwegs funktionierenden Chaos‹ durch die Gegend reist.«

Ayse lacht wieder laut auf. Sie scheint das einfach lustig zu finden.

Tio führt sie über den Platz und stellt ihr die Menschen vor, die er schon jahrelang kennt. »Hier wohnt Irfan.« Er zieht eine Zeltplane hoch. »Er kann auf Nagelbrettern liegen und Messer schlucken.«

»Ich hab gar nicht gewusst, dass es so was noch gibt. Ist das nicht ein bisschen altmodisch, so eine Show?«

»Sag ich doch«, schnauft Tio. »Ein altes Chaos.« Er geht in das Zelt hinein. »Hallo, Irf!«

Ein junger Mann mit hellbrauner Haut, die Augen noch dunkler geschminkt, als sie es von Natur aus schon sind, schaut unwillig auf. »He, Tio, hattet ihr auch so einen miesen Nachmittag? Verdammt, heute kommt kein Mensch.«

»Ach, ja?«, gibt sich Tio verwundert und wirft einen Blick auf das Mädchen neben sich. »Unser Publikum ist drei Vorstellungen hintereinander sitzen geblieben!«

»Das ist doch nicht dein Ernst!«

»Nein«, gibt Tio zu. »Nicht ganz. Es war nur eine.« Er zeigt auf Ayse. »Die hier.«

»Hallo.« Ayse nickt ihm zu.

»Ich zeig ihr alles«, erklärt Tio. »Komm, Irfan, setz dich doch mal schnell für sie auf die Nägel.«

»Jetzt nicht, Tio«, brummt der junge Mann und schüttelt den Kopf. »Ich bin dabei, mir was Besonderes für heute Abend auszudenken.«

Tio seufzt. »Gut, dann gehen wir mal. Viel Erfolg.«

Als sie wieder draußen sind, schaut Tio sich um. Was gab es noch Schönes, das er Ayse zeigen könnte? Vielleicht Momo, den Clown? Oder wäre sie, ein Mädchen von zwölf Jahren, beleidigt, wenn ihr ein Clown witzige Hunde aus Ballons knicken und drehen würde? Fände sie es interessant, die gelenkige Nadya zu treffen, die sich beinahe selbst verknoten konnte? Vielleicht wollte sie sich lieber von der alten Seraphina aus der Hand lesen lassen oder beim Stand vom kleinen Fabian Zuckerwatte oder beim großen Fabian Pommes essen? Das Pferdchenkarussell war abgeschlossen. Das Ding war nur für Kinder unter sechs Jahren, denn es fiel beinahe schon von selbst auseinander, auch ohne dass jemand darauf saß. Und das Kettenkarussell hatte so kleine Sitze, dass nur Hintern reinpassten, die höchstens drei Jahre alt waren.

Sie gehen an einem kleinen Trödelstand vorbei, wo lauter hübsche Sachen ausgelegt sind. Armbänder aus Metall und bemaltem Holz, Ketten aus Glasperlen, bunte gewebte Tücher. Alles für wenig Geld zu kaufen. Tio schaut aus den Augenwinkeln hin. Der Mann, dem der Stand gehört, kommt ihm nicht bekannt vor. Er kann sich nicht erinnern, ihn schon früher einmal gesehen zu haben. Aber das heißt nichts, es schließen sich immer wieder neue Leute der Wanderbühne an. Nein. Bei näherem Hinschauen ist sich Tio ganz sicher, dass er diesen Typ noch nie gesehen hat. Es ist ein großer schwarzer Mann mit breiten Schultern und starken Muskeln. Er hat ein paar bunte Decken auf den Boden gelegt und im Schneidersitz darauf Platz genommen. Um ihn herum sind seine Waren ausgebreitet. Alles sieht sehr exotisch aus, genau wie der Mann selbst. Seine Kleidung ist locker und bunt, und auf dem Kopf trägt er eine lustige rote Mütze. Goldene Ketten mit glitzernden Steinen hängen ihm über die Brust. Als Tio bei seinen Sachen stehen bleibt, blickt er auf. Obwohl der Mann im Schatten sitzt, hat er eine Sonnenbrille auf der Nase. Eine ziemlich coole Brille, knallblau und verspiegelt. Hinter den reflektierenden Gläsern kann Tio die Augen des Mannes nicht erkennen.

»Hallo«, sagt er und hebt die Hand, »ich bin Tio von Filippos Zaubernummern.« Er zeigt auf das Zelt weiter vorn.

»Ah ja.« Der Mann nickt und streckt den Daumen in die Luft. »Babatunde.«

Es dauert ein paar Sekunden, bis es Tio dämmert, dass der Mann sich ihm vorgestellt hat. »Oh … so heißt du!«, kapiert er und muss über seine lange Leitung grinsen. »Baba… Batbatu…«

»Babatunde«, wiederholt der Mann und nickt noch einmal.

»Ich hab kurz gedacht, das wäre eine afrikanische Begrüßung oder so.«

Babatunde lächelt. »Sag einfach Buba.« Er beugt sich vor, und Tio sieht, dass er etwas in der Hand hat. Es kommt ihm vor wie ein Knäuel aus bunten Fäden, aber dann hört er Ayse neben sich sagen: »Knüpfst du die selbst? Gib mal, die kann ich auch machen, aber nicht so komplizierte Muster.«

»Was ist das denn?«, fragt Tio.

»Freundschaftsbänder«, antwortet Ayse. Sie zieht den Ärmel ihres Pullovers hoch und zeigt ihm ein buntes Armband. »Ich hab gedacht, dass die aus Südamerika kommen, von den Indianern oder so.« Sie schaut den schwarzen Mann fragend an.

Buba zuckt mit den Schultern und steht auf. »Sie verkaufen sich gut, da können sie meinetwegen vom Mond kommen.« Er macht einen großen Schritt über seine ausgelegten Waren, fasst Ayse am Handgelenk und sieht sich ihr Bändchen an. Anerkennend murmelt er etwas vor sich hin und nickt. Dann bückt er sich und nimmt eines, das er gemacht hat, von der Decke. Es ist ein Bändchen mit viel Orange, grellem Rosa und Rot, warme Farben, die zu einem symmetrischen Muster geknüpft sind. »Für dich«, sagt Buba und bindet das Bändchen um das dünne Handgelenk des Mädchens neben das, das sie selbst gemacht hat.

Überrascht bedankt sich Ayse. »Kannst du mir beibringen, wie man das macht?«, fragt sie dann eifrig.

»Natürlich«, meint Buba. »Wenn du morgen früh herkommst, dann zeig ich es dir.«

»Am Montagmorgen ist die Wanderbühne geschlossen«, erklärt Tio Ayse. »Dann schlafen wir aus und so.«

»Wo kann ich dich finden?«, will Ayse von Buba wissen. »Hier?« Sie zeigt auf die Decken am Boden. Einen richtigen Stand hat er nicht, er kann seine Sachen überall auslegen.

Aber Buba deutet mit dem Zeigefinger auf ein kleines Campingzelt am Rand des Platzes. Es ist ein winziges Kuppelzelt, eins, das man ganz flach zusammenlegen und auf dem Rücken mitnehmen kann. Meistens sind solche Zelte dunkelgrün oder blau, doch dieses ist knallrot.

»Witziges Ding«, findet Tio.

»Um wie viel Uhr?«, fragt Ayse den Mann.

»Zehn Uhr wäre gut. Um zwei Uhr mittags ist hier alles wieder geöffnet, und dann muss ich auf meinen Decken sitzen, um Geld zu verdienen.«

»Dann hast du vier Stunden, um es zu lernen«, sagt Tio zu Ayse.

»Glaub das mal nicht! In vier Stunden kann er mir höchstens zeigen, wie er es macht. Danach muss ich tagelang üben.«

Tio und Ayse gehen weiter. Vom kleinen Fabian kriegen sie Zuckerwatte.

»Kriegst du hier immer alles umsonst?«, fragt Ayse.

»Öfter mal. Vor allem, wenn es abends dem Ende zugeht. Reste, die nicht mehr weggegangen sind. Aber normalerweise bezahlen wir. Ich gehe jetzt mal Pommes holen. Ich hab meinem Vater doch versprochen, dass ich ihm was zu essen mitbringe.« Er zieht einen zerknitterten Geldschein aus der Tasche seiner Jeans. »Und die bezahle ich ganz normal. Das ist so üblich.«

Ayse futtert das letzte Restchen Zuckerwatte und schaut sich noch einmal ihr neues Bändchen an. »Also, ich glaub, ich finde es hier richtig schön!«

Bevor sie den Pommesstand erreichen, kommen sie an Seraphinas schwarzviolettem Zelt vorbei.

Seraphina sitzt in der Sonne und raucht einen Zigarillo. »He, Tio!«, ruft sie breit grinsend, »Willst du wissen, ist sie Frau du heiratest mal?«

»Meint sie mich?«, fragt Ayse kichernd. »Kann sie wirklich in die Zukunft sehen?«

»Nein.« Tio lacht. »Aber sie kann echt gut so tun als ob. Unheimlich spannend ist das. Du musst unbedingt mal zu ihr reingehen.«

»Hat sie auch eine Kristallkugel?«

»Natürlich.«

Ayse geht auf die dunkelhaarige Frau zu. »Erzähl mir bitte, mit wem ich später sechs Kinder kriege!« Über ihre eignen Worte erschrocken, macht sie schnell wieder den Mund zu und hofft, dass sie die Frau nicht beleidigt hat. Es hat vielleicht doch etwas spöttisch geklungen.

Von Nahem sieht die Frau älter aus, als es Ayse aus einiger Entfernung vorgekommen ist. Der blutrote Lippenstift, die schwarze Umrandung der Augen und das rosa Rouge auf ihren Wangen – alles gedacht, um sie im schummrigen Licht ihres Zelts geheimnisvoll aussehen zu lassen – wirken jetzt im hellen Sonnenschein unecht und steif. Am Ansatz sind die schwarz gefärbten Haare der Frau silberfarben, und wenn sie an ihrem Zigarillo zieht, bilden sich tiefe Falten um ihren Mund.

»Gib mir deine Hand«, befiehlt sie schroff.

Ein bisschen enttäuscht streckt ihr Ayse die Hand hin. Sie hatte gehofft, ins Zelt gebeten zu werden und die Kristallkugel zu sehen. Aber dafür muss man wahrscheinlich bezahlen, und sie hat keinen Cent in der Tasche.

Ohne von ihrem Klappstuhl aufzustehen, nimmt die Frau ihre Hand und zieht sie näher zu sich heran. »Ah ja«, ruft sie sofort, eigentlich noch, bevor sie richtig hingesehen hat. »Das werden schöne Kinder!« Sie lacht, dass es zwischen den Zelten hallt. Ayse fühlt sich unbehaglich und schaut sich verstohlen um.

»Nichts glauben von dem, was sie sagt«, ruft ein Mann herüber. »Du dir nichts weismachen lassen.« Er lacht.

»Das ist Maxim«, sagt Tio. »Ihr Sohn. Er ist von dem Stand mit Gebäck, an dem wir vorbeigekommen sind. Der Stand mit den Waffeln und den Krapfen.«

Ayse nickt. Ergeben wartet sie, welchen Quatsch die Frau noch erzählen wird. Aber dann spürt sie einen kleinen Ruck an der Hand.

Seraphina hat sich vorgebeugt, den Kopf dicht über Ayses Handfläche. »Ah ja …«

»Was ist denn?«, fragt Ayse schnell. Auch wenn alle gesagt haben, sie sollte kein Wort glauben, findet sie das Ganze insgeheim doch sehr spannend.

»Äh, ich sterbe doch nicht etwa ganz jung, oder?«

Es bleibt ein paar Sekunden still.

»Ah«, stößt Seraphina noch einmal zögernd hervor. Sie hebt den Kopf und blickt dem Mädchen verwundert ins Gesicht.

Nervös schaut Ayse von der alten Frau zu Tio und wieder zurück. »Was ist denn? Was Schlimmes?«

Tio kommt einen Schritt auf sie zu. Er will dem Mädchen noch mal versichern, dass das alles Unsinn ist, ein Scherz. »Mensch, sie tut doch nur …« Aber da fängt er Seraphinas Blick auf, und ihre Augen sind groß und rund. »Also …« Er tut, als müsste er lachen, ist aber verunsichert. »Sera … nun quäl sie doch nicht so. Du machst Ayse ja noch richtig Angst.«

Seraphina sagt nichts, schüttelt den Kopf und beugt sich wieder über Ayses Hand.

Nervös versucht Ayse, nun selbst einen Witz aus der Sache zu machen. »Ja, sag’s mir ruhig. Ich mache eine Reise und treffe da einen schönen Fremden.«

»Ich gucken später«, brummt Seraphina. »Ich gucken weit. Du wirst groß.« Sie schaut zu Ayse auf. »Du wirst groß … großer Mensch.«

Ayse zieht die Augenbrauen hoch. Was will die alte Frau damit sagen?

»Weltberühmt?«, fragt Tio und stößt Ayse mit dem Ellbogen an. »Ein Filmstar oder so was?«

»Nix Film«, faucht Seraphina und stößt mit einer beleidigten Geste die Hand des Mädchens von sich. »Ihr wollt nicht wissen? Ist auch gut.« Sie zieht kräftig an ihrem Zigarillo und hüllt Ayse in blauen Rauch ein.

Ayse räuspert sich. »Ich will es schon wissen. Wenn es wirklich wahr ist.«

Aber Seraphina lehnt sich zurück und schweigt mürrisch.

»Ach, komm schon, Sera.« Tio legt eine Hand auf Ayses Schulter. »Jetzt musst du uns den Rest auch noch erzählen. Wird sie ein Popstar, eine Sängerin? Oder so ein Promi aus dem Fernsehen?«

»Alles nix wichtig«, knurrt Seraphina. Sie steht auf, dreht sich um und hebt die Zeltbahn an. »So was sind nicht wichtige Menschen.«

»Aber jetzt warte doch«, ruft Ayse. »Ich will es echt wissen. Was werde ich denn später?«

»Eine weltberühmte Wissenschaftlerin!«, probiert es Tio wieder. »Oder Königin?« Er kann nicht verhindern, dass er dabei doch ein bisschen grinsen muss. »Ministerpräsidentin?«

Seraphina wirft einen letzten Blick über ihre Schulter. Sie schnippt mit den Fingern und tippt Tio dann mit ihrem spitzen Nagel an die Brust. »Und du … du sein kannst froh, wenn du darfst helfen. Ihr zusammen, ihr zwei.« Sie nickt, und dabei blitzen ihre Augen.

»O ja, Mensch«, seufzt Tio. »Wir heiraten doch, ha, ha.«

»Und du …« Seraphina nickt noch einmal Ayse zu. »Guter Mensch. Sehr guter Mensch!« Und damit verschwindet sie endgültig in ihrem Zelt.

»Jetzt wissen wir gar nichts«, sagt Tio. »Pff. Alles Blödsinn.«

Ayse beißt sich in die Wange. »Hat sie schon einmal bei jemandem gut vorhergesagt?«

»Heißt das, dass du vorhast, ihr zu glauben?«

»Was hat sie mit groß gemeint?«

»Wichtig«, antwortet Tio. »Berühmt.« Er schaut Ayse nachdenklich an. »Und ich soll froh sein, wenn ich helfen kann? Was will sie damit sagen? Werd ich dein Assistent? Hör mal, ich sag’s dir. Du wirst Präsidentin oder so, und ich werde jemand, der dir den ganzen Tag einen Stapel Papiere hinterherträgt und für dich das Telefon abnimmt. Das ist doch schon mal was.« Er lacht schallend.

»He«, ruft Maxim zu ihnen rüber. »Nicht auslachen! Meine Mutter nicht auslachen!« Und das, obwohl er ihnen vorher gesagt hat, sie sollten sich von ihr nichts weismachen lassen.

»Aber nein«, ruft Tio, »wir lachen doch nur, weil wir so froh sind. Uns ist gerade eine großartige Zukunft vorausgesagt worden, ha, ha, vor allem mir.«

Ayse seufzt. »Ja … du hast ja recht, es ist natürlich nur Unsinn, aber es wirkte so echt, grad so, als ob sie das ernst gemeint hat.«

»Ja, Sera kann klasse schauspielern«, meint Tio. Doch er hat auch Geschichten gehört, bei denen Seraphina total richtig gelegen hat. Aber na ja, das waren doch nur schöne Geschichten, oder?

»Komm, ich geh jetzt Pommes holen. Hast du auch Hunger? Fabian gibt einem immer viel zu viel, du kannst bei uns mitessen, wenn du willst.«

»Wie lange bleibt ihr hier noch?«, will Ayse wissen und wischt sich die fettigen Finger an den Hosenbeinen ab. Eigentlich hatte sie gegen sieben zum Essen zu Hause sein sollen, aber die Pommes rochen so verführerisch, dass sie nicht anders konnte, als auch etwas davon zu essen.

»Noch ungefähr acht Tage«, erwidert Tio. »Ich glaube, wir ziehen am Fünfzehnten weiter. Ich kann ja mal meinen Vater fragen. Er schaut über die Schulter. »Flip?«, ruft er, aber sein Vater ist – nachdem er sich hastig ein paar Pommes in den Mund gestopft hat – schon wieder mit der Lichtershow für die Abendvorstellung beschäftigt.

»Ich muss jetzt los«, sagt Ayse, »aber ich komme morgen wieder. Der Baba… wie heißt er noch mal?«

»Babatunde?«

Tio knüllt die Papiertüte zu einem Ball zusammen und wirft ihn aus einem Meter Abstand in einen Papierkorb. »Ha! Getroffen. Er ist neu.«

»Wer ist neu?« Ayse schaut zu dem Papierkorb.

»Nein, der Typ. Buba. Ich hab ihn nicht gekannt.«

»Passiert das öfter, dass einfach so neue Leute mitkommen?«

»Oft.« Tio grinst. »Wenn du überall gescheitert und gefeuert worden bist, dann kannst du immer noch bei der ältesten Wanderbühne mitmachen.«

»Trotzdem finde ich, dass euer Programm richtig schön werden kann. Es hat klasse Teile. Das mit der schwarzen Kiste, aus der du verschwindest, die dann plötzlich leer ist, wenn dein Vater sie aufmacht.«

»Ach, das.« Tio nickt. »Den Trick bringen wir natürlich nur, wenn ich dabei bin. Wenn keine Ferien sind und ich in der Schule bin, lässt mein Vater diesen Teil aus. Ja, das ist wirklich die einzige richtig gute Nummer der ganzen Vorstellung. Die haben wir übrigens auch nicht selbst erfunden. Die schwarze Kiste hat mein Vater von einem anderen Zauberer übernommen, und der hat ihm die Nummer beigebracht. Es ist der einzige Trick, der immer klappt.«

»Wie funktioniert das eigentlich mit dieser Kiste?« Ayse sieht Tio neugierig an. »Oder ist das geheim?«

»Eigentlich schon. Aber ich zeig’s dir.« Tio steht auf. »Komm mal mit.« Er geht Ayse voraus in das dunkle Zelt. Sein Vater ist mit den Strahlern beschäftigt, aber Tio nimmt Ayse mit hinter den schwarzen Vorhang mit den silbernen Sternen. Dahinter befindet sich ein kleiner Raum, den das Publikum nicht zu sehen bekommt. Hier stehen die Gegenstände aufgereiht, die für die verschiedenen Tricks gebraucht werden. »Das ist sie.« Tio zeigt auf die Kiste. »Guck, so klettert man rein.« Er macht es ihr vor. »Du passt noch mit dazu. Komm.«

Zögernd klettert Ayse zu ihm in die schwarze Holzkiste.

»Siehst du den Riegel? Da kann man aufmachen. Es ist eine Art doppelter Boden. Und hier kann man raus.« Tio schiebt das schwarze Brett zur Seite und schlängelt sich nach draußen. »Das muss man ein bisschen üben, weil es nicht so ganz einfach ist. Am Anfang bin ich manchmal stecken geblieben. Nein, die Schultern zuerst, ja, genau, und jetzt mit dem Bein hierhin …« Tio hilft Ayse, sich aus der Kiste zu winden. »Ist doch gar nicht so schwer, oder?«

»O Mann«, schnauft Ayse. »Dafür musst du aber ganz schön gelenkig sein. Und was …?« Sie sieht sich verwundet um. »Und was ist das hier?«

»Was meinst du?« Tio schaut auf.

»Wo sind wir denn jetzt? Ist das die Rückseite vom Zelt? Ich versteh das nicht, wie wir … wo wir …«

»Das ist …« Tio schaut an ihr vorbei. Eben hat er noch gedacht, dass sie im Zelt wären. Hier ist es genauso dunkel wie dort. Aber jetzt sieht er, dass es auf eine andere Art dunkel ist, so dunkel wie nachts. »Mist«, sagt er. Er schaut Ayse verdutzt an. »Hm, wart mal … das versteh ich jetzt selbst nicht, wo wir plötzlich …« Er verstummt.

Ayse geht ein paar Schritte zur Seite und späht um die Kiste. »He«, ruft sie verblüfft. »Boh, Mensch, das ist wirklich ein toller Trick! Jetzt sag schon, wo wir hier gelandet sind.« Sie schüttelt heftig den Kopf. »Aber das geht doch gar nicht.«

»Nein«, gibt Tio zu. »Ich versteh das auch nicht.« Er blinzelt, kneift die Augen kurz zu und schaut wieder hin. »Das ist doch nicht zu fassen!«

Eigentlich müssten sie im Zelt stehen. In demselben kleinen Raum, in dem sie gerade in die Kiste gestiegen sind. Tio wollte Ayse doch nur zeigen, wie sie durch den doppelten Boden verschwinden konnte. Aber es ist etwas anderes passiert. Etwas Merkwürdiges. Etwas, das gar nicht möglich ist. Es ist, als stünden sie in einem dunklen Wald.

»Ich will nach Hause.« Ayses Stimme ist ganz hoch und zittrig vor Nervosität. »Ich krieg bestimmt was zu hören, wenn ich so spät komme! Können wir jetzt bitte wieder zurück?«

»Na, das hoffe ich doch sehr …«

Ayse wirft Tio einen bösen Blick zu. »Komm, tu mal nicht so blöd!«

»Ich tu nicht blöd«, murmelt Tio. »Ich hab das doch nicht extra gemacht. Ich begreif das nicht.« Er zieht Ayse hinter sich in die Kiste. Und wieder nach draußen. Und wieder stehen sie unter den dunklen Bäumen.

Noch einmal rein – und wieder raus.

Ayse spürt, wie ihr die Knie weich werden.

»Wir sitzen irgendwie in einer Art Schleife fest«, sagt Tio mit hoher, unsicherer Stimme. »Wir kommen immer wieder hier in diesem dunklen Wald raus.«

Ayse schlingt die Arme um sich. Sie zittert. »Du willst mich doch nicht auf den Arm nehmen, oder? Ist das irgendso ein blöder Scherz, den du mit jedem machst, der sich von dir diese blöde Kiste zeigen lässt?«

»Schön wär’s. Ich versteh doch selbst nicht, was hier vor sich geht.«

»Ich will gar nicht wissen, was los ist. Ich finde es einfach nur unheimlich hier.«

»Das ist doch nur ein Wald.«

»Nur ein Wald?«

»Lass uns noch einmal durch die Kiste gehen.«

Zitternd dreht sich Ayse zu Tio um, um ihm nochmals zu folgen.

Sie winden sich wieder zwischen den schwarzen Brettern durch.

»Und jetzt«, sagt Tio, »Sind wir hoffentlich …«

Sie stehen wieder im Zelt seines Vaters.

»Ja!«, ruft Ayse erleichtert, als sie sieht, wo sie sind. Sie stößt Tio grob zur Seite und wirft ihm einen bösen Blick zu. »Ich geh jetzt sofort nach Hause.«

Tio will noch etwas sagen. Warum sieht sie ihn so wütend an? Sie denkt sicher immer noch, dass es ein Trick war, mit dem er ihr Angst einjagen wollte. Das Mädchen geht zum Zeltausgang, ohne ihn aus den Augen zu lassen. »Bis morgen?«, versucht es Tio.

»Pff!«, macht sie empört.

Die sehe ich nie wieder, denkt Tio. Dann hört er, wie sein Vater »Oh … hm, tschüss« sagt, als Ayse schnell an ihm vorbei aus dem Zelt stolpert. »Warst du nicht gerade schon mal hier? Hm, ja, also tschüss. He, Tio? Bist du da? Hör mal, es geht gleich los. Bist du bereit?«

Tio brummt eine Antwort und blickt auf die schwarze Kiste. Die Vorstellung fängt gleich an, und dann muss er da wieder rein. Traut er sich das noch? Könnte nicht wieder so was Verrücktes passieren? Er schüttelt den Kopf. Es kann gar nicht anders sei, er muss geträumt haben. Wahrscheinlich hat er auch Ayse nur geträumt. Eine Halluzination. Oder wurde er trotz seines jugendlichen Alters jetzt schon vollkommen verrückt?

Was für ein idiotischer Nachmittag.

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Tio geht über den Platz mit den Wohnwagen und Zelten. Die Ereignisse von gestern geistern ihm noch immer durch den Kopf. Hatte ihm jemand heimlich ein Mittel verabreicht, eines, von dem man Visionen kriegt? Er hat am Abend zweimal den Trick mit dem Verschwinden gemacht, und es ist nichts Komisches passiert. Es lief alles so, wie es sich gehört, ohne dass er in dem Wald rausgekommen ist.

Die Sonne steht schon heiß am Sommerhimmel, und Tio wirbelt beim Gehen kleine Staubwolken von dem sandigen, teils mit Gras bewachsenen Boden auf. Er zockelt an der Pommesbude vorbei, die noch geschlossen ist, aber drinnen werden schon eifrig Zwiebeln geschnitten. »Hallo«, grüßt er Maxim, und Nadya winkt er im Vorbeigehen zu.

Ein paar Leute sind noch nicht aufgestanden, auch Seraphina nicht, deren Wagen fest verschlossen ist, die Läden noch vor den Fenstern. Jeder weiß, dass Seraphina abends eine ordentliche Menge Pflaumengenever schluckt und man sie deshalb morgens nicht stören darf. Also schleicht Tio auf Zehenspitzen an ihrem Wagen vorbei.

Am Rand des Platzes angekommen, bleibt er stehen. Das Gelände, das ihnen diesmal zugewiesen worden ist, grenzt an ein heruntergekommenes Stadtviertel, und Tio blickt auf eine Vielzahl gleichförmiger Dächer und graue Mietblocks. Ob sie wohl da irgendwo wohnt? Er denkt über den seltsamen Nachmittag nach und über das Mädchen, das er getroffen (oder geträumt?) hat. Plötzlich fällt ihm etwas ein. Er dreht sich um und rennt zwischen den Wagen durch, um den Pfannkuchenstand herum und vorbei an der Zuckerwatte. Als er den kleinen roten Buckel sieht, macht er unwillkürlich einen Freudensprung. Das Kuppelzelt steht noch da! Das hat er auf jeden Fall nicht geträumt. Zielstrebig geht er darauf zu. Sie sitzen draußen neben dem Zelt auf einer Decke: Buba und das Mädchen, Ayse.

»Hallo!«, ruft Tio. »Ihr seid ja schon an der Arbeit.« Er lächelt Ayse an, die ein Bündel farbige Fäden in der Hand hält. »Klappt es denn schon ein bisschen?«

Ayse macht den Mund auf und wieder zu. »Hm«, sagt sie dann. »So ein Muster ist nicht einfach.«

Es bleibt kurz still. Ayse und Tio sehen sich irgendwie unbehaglich an, als wüssten sie beide nicht recht, ob sie gestern Abend geträumt haben oder nicht. Es ist eigentlich zu seltsam gewesen, um wahr zu sein.

»Komm, setz dich«, sagt Buba mit einem breiten Lächeln. »Willst du was trinken? Wir haben Tee.«

»Prima.« Tio nickt und lässt sich auf die Decke fallen. Er kriegt einen Becher Tee und beobachtet Bubas flinke Finger, die Ayse vormachen, wie sie knüpfen soll. Er genießt die Sonne, und zwischendurch reden sie ein bisschen. Die Kiste erwähnen sie beide nicht.

»Willst du es auch lernen?«, fragt Buba Tio nach einer Weile.

Tio zögert. Er findet die geknüpften Bändchen schön, doch er hat Angst, sich ungeschickt anzustellen.

Buba zeigt auf einen kleinen Koffer mit Knäueln aus Baumwollfäden in allen möglichen Farben. »Such dir was aus. Zwei Farben für den Anfang, nicht mehr.«

Tio beugt sich über den Koffer. »Auf jeden Fall was mit Schwarz«, überlegt er laut. »Zusammen mit dem Blau hier?« Er zeigt Ayse die Farbe.

»Das ist Lila«, sagt Ayse.

»Okay, ich nehme Schwarz mit Lila.« Tio will den Koffer wieder zumachen, da fällt sein Blick auf ein Stückchen Pappe. Darauf sind Buchstaben zu sehen, doch er kann die Wörter nicht vollständig entziffern, weil ein roter Faden um die Pappe gewickelt ist. Tio schiebt den Faden mit dem Zeigefinger zur Seite, um die Worte darunter lesen zu können.

Ihr

Wir

Vorbei

Er legt das Stückchen Pappe wieder zurück und schaut eine Weile zögernd in den Koffer. Es sind dieselben Worte, die er gestern bei seinem Vater auf dem Spiegel gelesen hat. Tio versucht sich zu erinnern, was da vorher gestanden hat. Schon ein paar Mal hat er dort seltsame krakelige Zeilen entdeckt. Aber sie fallen ihm nicht ein. Er hatte immer gedacht, dass sein Vater, der ja öfter ein bisschen zerstreut ist, die Sätze an den Spiegel gekritzelt hätte. Aber dass er sie jetzt hier sieht? Heißt das etwa, dass Buba unbemerkt zu ihnen in den Wagen gekommen ist und die Wörter auf den Spiegel geschmiert hat? Das wäre schon sehr merkwürdig.

»Suchst du die Schere?«, fragt Buba. »Die hab ich hier.«

»Hä? Was? Oh … ja«, stotterte Tio. In Gedanken versunken, schneidet er die Fäden in der richtigen Länge ab und lässt sich zeigen, wie er anfangen soll. Er hat größte Mühe, seine Gedanken zusammenzuhalten, und aus den Augenwinkeln blickt er immer wieder zu dem großen schwarzen Mann in der grellfarbenen exotischen Kleidung. Auch heute trägt Buba die verspiegelte blaue Brille, die seine Augen verbirgt, sodass Tio nicht sehen kann, ob er ihn anblickt. Ob Buba irgendwas mit der Sache mit der Kiste zu tun hat? Tio schaut unwillkürlich auf seinen Becher mit Tee, den er schon halb leer getrunken hat. Hat Buba ihnen vielleicht ein komisches Mittel untergeschoben? Aber gestern haben sie von ihm nichts zu essen und zu trinken bekommen. Er hat Ayse nur das geknüpfte Bändchen geschenkt. Und warum sollte Buba so etwas tun? Was hätte er davon, dass zwei Kinder zusammen einen seltsamen Traum erleben? Unmerklich schüttelt Tio den Kopf. Er fühlt sich auch kein bisschen komisch. Nicht betrunken, nicht schwindlig, nicht irgendwie leicht im Kopf. Alles ganz normal.

Nach einer Stunde reicht es Ayse. »Meine Finger sind ganz verkrampft«, sagt sie stöhnend und öffnet und schließt ihre Hände. »Ich muss mal eine Pause machen.«

»Guter Zeitpunkt für eine Frühstückspause«, meint Buba grinsend. »Ich gehe einkaufen.«

Er lässt sich von Ayse den Weg zu einem Einkaufszentrum beschreiben.

Unsicher schlägt Tio Ayse vor, mit ihm im Wohnwagen seines Vaters ein Brot zu essen.

Das Mädchen zögert kurz und ist dann einverstanden.

Ein Glück, sie traut sich. Tio lächelt sie an.

»Flip!«, ruft er ausgelassen, als sie in den Wagen steigen. Aber von seinem Vater ist nichts zu sehen.

»Bestimmt ist er auch einkaufen«, murmelt Tio. Er schmiert ein paar Brotscheiben mit Erdnussbutter.

Sie nehmen den kleinen Stapel Brote mit nach draußen und setzen sich auf zwei Plastikgartenstühlen in die Sonne. Tio geht noch mal rein, weil er vergessen hat, Ayse etwas zu trinken anzubieten. Mit einer Packung Milch und zwei Gläsern kommt er zurück.

Noch immer trauen sich beide nicht, über das zu reden, was gestern passiert ist.

Als die Brote gegessen sind und die Packung Milch halb leer ist, sagt Ayse: »Die Kiste …«, und Tio: »Buba …«

Sie blicken sich unsicher an.

Um etwas zu tun zu haben, pult Tio sich ein Erdnussstückchen zwischen den Schneidezähnen hervor, räuspert sich und fängt wieder an: »Gestern Abend hab ich zweimal hintereinander den Trick mit dem Verschwinden vorgeführt. Da ist nichts Komisches passiert.«

»Als ich gestern im Bett lag, war ich sicher, dass ich alles nur geträumt hab«, sagt Ayse.

»Aber das kann nicht sein.« Tio zuckt mit den Schultern. »Es sei denn, ich hätte genau dasselbe geträumt.«

»Was wolltest du über Buba sagen?«

Tio erzählt, was er auf dem Stück Pappe gelesen hat. Dieselben Worte, die auf dem Spiegel standen. »Deshalb hab ich auf einmal gedacht, dass er vielleicht was damit zu tun hat. Nicht, dass ich ihn nicht mag oder so. Ich glaube, er ist richtig nett. Er bringt uns bei, wie man Bändchen knüpft, er bietet uns Tee an … Aber es ist doch merkwürdig – zufällig genau dieselben Worte. Und ich weiß nicht, aber … na ja, all seine bunten Klamotten und der Stand mit dem ganzen Glitzerkram und der süßliche Geruch in seinen Kleidern … da ist irgendwas wie Zauberei um ihn herum.«

Ayse steht auf. »Kann ich mir die Kiste noch mal ansehen?«

»Natürlich«, sagt Tio.

»Aber ich will nicht rein!«

»Musst du ja auch nicht.«

Die Kiste ist immer noch dieselbe Kiste.

»Die sieht ganz normal aus, so wie immer. Und ich hab dir ja gesagt: Gestern Abend hab ich den Trick zweimal gemacht, ohne dass was Ungewöhnliches passiert ist. Und guck, innen ist auch nichts Auffälliges zu sehen.«

»Ja, aber wo waren wir dann gestern? Ich verstehe das einfach nicht.«

»Das war eine Art Traum. Oder Albtraum.«

»Und wenn es nun wirklich Buba ist, der uns verzaubert? Aber warum sollte er das machen?« Ayse runzelt die Stirn. »Würdest du dich noch mal trauen?«, fragt sie plötzlich. Sie scheint über ihren eigenen Vorschlag zu erschrecken und tritt schnell einen Schritt von der Kiste zurück.

»Na, trauen schon«, antwortet Tio. »Ich hab es doch gestern Abend auch getan.«

»He, vielleicht liegt es an mir und passiert nur, wenn ich dabei bin.«

»Wir hatten hier mal einen Hypnotiseur«, erinnert sich Tio. »Hier bei der Wanderbühne. Der konnte die Leute die verrücktesten Dinge tun lassen und ihnen alles weismachen. Vielleicht macht es Buba mit uns auch so. Er hypnotisiert uns, und deshalb denken wir, dass wir was Verrücktes erleben.«

»Und da kann er uns beide dasselbe erleben lassen?«, meint Ayse ungläubig.

»Also«, sagt Tio und streckt sich, »wenn das alles ist, einfach nur so eine Art Hypnose … dann kann es nicht gefährlich sein. Dann ist es nicht gefährlich, denn es ist nicht echt. Dann können wir es gut noch mal ausprobieren.«

»Zumindest schauen, ob wir noch einmal dahin kommen.« Zögernd setzt Ayse einen Fuß in die schwarze Kiste. »Bist du sicher, dass es nicht gefährlich ist?«

Tio gibt Ayse einen leichten Schubs in den Rücken.

»Lass das!«, sagt sie giftig und fuchtelt mit dem Arm durch die Luft, um Tio abzuwehren. »Sonst sitze ich gleich noch alleine in … He, was ist das?« Sie lässt ihre Finger über das Holz gleiten. »Hier ist ein Zettel.« Ayse zieht den Zettel ab, der am Boden der Kiste haftet. »Sind das deine Anweisungen für die Show?«

»Ich brauche keine Anweisungen mehr. Ich führe den Trick jetzt schon drei Jahre vor. Ich komme in ein paar Sekunden hier durch …«, Tio stößt Ayse wieder in den Rücken, »… und hier wieder raus.« Er blickt sich um. »Ha, es hat geklappt! Wir sind wieder im Wald. Nur … jetzt ist hier nicht Nacht.«

Ayse klammert sich mit einer Hand ängstlich am Rand der Kiste fest. Sie will so schnell wie möglich wieder zurück. In der anderen Hand hält sie den Zettel, den sie aus der Kiste mitgenommen hat. Langsam liest sie die Zeilen. Nein, das sind keine Anweisungen, das ist ein ganz kurzes Gedicht:

Gibt es ein Wir,

dann gibt’s auch ein Ihr.

Ayse liest es laut vor. »Hast du dir das ausgedacht?«

Tio gibt keine Antwort und blickt nur auf den Zettel in ihrer Hand.

»Ich hab dich was gefragt.«

»Äh, ja … hm, nein«, stammelt Tio. »Das ist dieselbe Handschrift«, erklärt er dann. »Die Handschrift von heute Morgen auf dem Stück Pappe. Und vielleicht auch die vom Spiegel. Da hab ich nur nicht so drauf geachtet. Ich hab gedacht, dass mein Vater … Also wetten, dass Buba so eine Art Hypnotiseur ist! Die Wörter vom Spiegel und von der Pappe: Wir, Ihr.« Er tippt mit dem Finger auf den Zettel in Ayses Hand.

»Vorbei«, ergänzt Ayse. »Das dritte Wort war ›vorbei‹, aber so weit geht dieser Vers nicht.

Tio zeigt auf den Wald. »Schauen wir uns da mal um?«

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»Warum ist es wohl dieses Mal Tag und nicht Nacht?«

»Vielleicht weil Buba will, dass wir uns ein bisschen umsehen«, schlägt Ayse vor.

»Dann lass uns das auch tun.« Tio streckt die Hand aus. »Da ist ein Weg.« Er schaut Ayse fragend an.

Sie nickt unsicher und bleibt noch einen Moment stehen, um sich selbst Mut zu machen.

Tio geht tapfer voraus.

Der Weg liegt voller welker Herbstblätter. Sie dämpfen das Geräusch ihrer Schritte, doch ab und zu knackt ein Ast unter ihren Schuhen, und sie schauen sich erschrocken an. In diesem totenstillen Wald klingt ein knackender Ast wie ein Donnerschlag.

Der Weg wird allmählich breiter, und die Bäume stehen nicht mehr so dicht. Nun hören sie auch endlich Vogelgezwitscher und immer wieder das Rascheln kleiner Tiere, die sich durch das Unterholz wühlen.

»Ich glaube, dass wir bald aus dem Wald rauskommen«, sagt Tio.

»Das wäre gut«, sagt Ayse. »Ich mag Wald nicht besonders. Im Wald ist es immer so düster.« Und so freut sich Ayse denn auch, als sie merkt, dass Tio recht hat. Nach zehn Minuten haben sie den Waldrand erreicht. Vor ihnen erstreckt sich eine weite hügelige Landschaft.

Tio sucht die Umgebung ab. Nirgendwo sieht er Menschen. Keine Autos, Radfahrer oder Fußgänger. Nur ein paar Ziegen auf einer Weide. Sonst nichts.

»Hier ist ganz anderes Wetter als bei uns«, bemerkt Ayse. »Heute Morgen haben wir vor Bubas Zelt in der glühend heißen Sonne gesessen.« Sie blickt zum Himmel. »Hier hängen dicke Wolken. Und sieh mal da hinten, da zieht ein Unwetter herauf.« Sie stößt Tio den Ellenbogen in die Seite. »Ich finde, wir sollten wieder zurück gehen. Zurück zur Kiste und nach Hause. Wir haben gesehen, wie es hier ist. Eigentlich nichts Besonderes.« Und schon dreht sie sich um.

»Ja, aber warte doch mal …«

»Nein, ich gehe. Ich will hier weg, hier gefällt es mir nicht.« Ohne auf Tios Einwände zu hören, läuft sie schnell den Waldweg zurück.

Tio meckert noch ein bisschen, dann läuft er hinter ihr her.

Nach einer Viertelstunde bleibt Ayse stehen und schaut sich hektisch um.

»Mann«, sagt Tio, »du hast es aber eilig.«

Ayse sagt nichts. Schweigend steht sie vor ihm, die Brauen über den dunklen Augen finster zusammengezogen.

»Warum bist du stehen geblieben?«, fragt Tio.

Ayse macht eine verzweifelte Geste. »Weil es hier war.«

»Was war hier?«

»Die Kiste, du Trottel! Bist du blind, oder was?«

»Ich sehe nirgends eine Kiste. Du vielleicht?« Tio lacht verächtlich.

»Nein, das meine ich ja gerade!« Ayses Stimme überschlägt sich vor Nervosität. »Die Kiste ist verschwunden.«

»Aber nein, das kann nicht sein. Die war hinter einer Biegung weiter vorne.«

»Dann guck doch mal!« Ayse zeigt auf den schmutziggrauen Waldboden unter ihren Füßen. »Siehst du denn nicht den Abdruck, das Viereck?«

Tio will etwas erwidern, aber die Bemerkung bleibt ihm in der Kehle stecken. Er beugt sich vor und mustert den Boden. Wirklich, die vier Ecken der Kiste zeichnen sich deutlich ab. »Mist!«, ruft er, Panik in der Stimme. Mit weit aufgerissenen Augen sieht er Ayse an. »Mensch, sie ist weg! Dann kommen wir nicht zurück.«

»Nein, dann kommen wir nicht zurück, wirklich nicht«, faucht Ayse mit unterdrückter Wut.

Und prompt kriegen sie Streit.

»War wohl keine gute Idee, sich hier noch mal umzusehen!«

»Ja, aber ich wollte bei der Kiste bleiben.«

»Das stimmt doch gar nicht, du wolltest doch auch mehr sehen.«

Sie streiten sich noch eine Weile, bis schließlich Ayse mit geballten Fäusten einen heftigen Schrei ausstößt, einfach nur so, um ihn loszuwerden. Dann wird es wieder still im Wald.

Es ist Tio, der schließlich einen Entschluss fasst. »Wir können hier natürlich sitzen bleiben, bis die Kiste wieder vom Himmel fällt, aber das wird wohl kaum passieren. Was meinst du?«

Ayse schüttelt den Kopf. »Offenbar ist es Sinn der Sache, dass wir nicht zurückgehen, sondern was, äh, machen.«

»Einen Auftrag ausführen?«

Ayse verzieht das Gesicht. »Eine Quest«, sagt sie spöttisch.

»Was ist das denn nun schon wieder?«

»Eine Art, hm, Reise, aber mit einem Auftrag. Nicht so, dass du nur mal einfach hübsch in Ferien bist. Kennst du die Computerspiele, die Adventures, bei denen du alle möglichen Dinge finden und zusammenfügen musst, um auf den nächsten Level zu kommen? Das ist eine Quest – das, was deine Figur während des Spiels bewältigen muss.«

»Hm«, macht Tio. »Dann hoffe ich, das der nächste Level mein Zauberzelt ist …«

Dem kann Ayse nur aus tiefster Seele zustimmen.

Aber was müssen sie tun, um da wieder hinzukommen?

Es liegt nahe, noch einmal demselben Weg zu folgen, sodass sie bald erneut am Waldrand stehen.

»Und jetzt?«, fragt Ayse. »Sollen wir auf dem Weg weitergehen oder einfach quer über die Weiden?«

»Setzen wir uns doch erst mal.« Tio zeigt auf einen umgestürzten Baumstamm. »Dann können wir besser nachdenken.«

Nachdem sie sich hingesetzt haben, bleibt es eine Weile still. Beide schauen in die Landschaft, die sich vor ihnen erstreckt. Was sollen sie jetzt machen? In welche Richtung sollen sie weitergehen? Was wird von ihnen erwartet? Nicht auf eine einzige Frage wissen sie eine Antwort.

»Am einfachsten ist es wohl, den Weg weiterzugehen«, meint Ayse.

Da bricht die Sonne durch die Wolken.

»Da weiter vorne, was ist das wohl?« Tio streckt die Hand aus. »Siehst du das Glitzern? Ich glaube, das ist Wasser.«

»Ein See?« Ayse schirmt mit der Hand die Augen gegen das grelle Licht ab. »Und rechts davon, siehst du das? Das sind Dächer. Vielleicht liegt da eine Stadt?«

»Oder zumindest ein Dorf, denke ich. Hoffe ich. Etwas, wo Menschen sind.«

»Weißt du …« Ayse zieht etwas aus der Hosentasche. »Der Zettel. Ich hab ihn mitgenommen.« Sie hält Tio den Zettel aus der Kiste vor die Nase.

»Gibt es ein Wir, dann gibt es auch ein Ihr«, liest Tio noch einmal vor. »Ja … und?«

»Vielleicht ist das unser Auftrag?«

Tio nimmt ihr den Zettel aus der Hand und blickt eine Weile darauf. »Ziemlich blöder Auftrag. Ich meine, was sollen wir damit anfangen? Was soll das? Ja, natürlich gibt es ein Wir, nämlich du und ich. Und dann? Müssen wir uns jetzt auf die Suche nach den Ihr machen?« Er gibt Ayse den Zettel zurück. »Und wenn wir die Ihr gefunden haben, dürfen wir dann wieder nach Hause? Ist es dann vorbei, wie das dritte Wort auf dem Spiegel gesagt hat? Na gut, dann weiß ich die Lösung schon. Komm, wir gehen zu den Häusern dahinten.« Tio springt energisch von dem Baumstamm auf.

Ayse stopft den Zettel wieder in die Tasche ihrer Jeans. »Na, das ist wohl eine Adventure für Anfänger«, sagt sie. Und dann mit verstellter Stimme: »Wir, ihr, blablabla. Oh, wie kompliziert!« Die Arme fest vor der Brust verschränkt, stolziert sie genervt vor Tio her.

Der Weg ist sandig und staubig, nicht für Autos angelegt. Von denen ist auch weit und breit nichts zu sehen.

»Es wär schon schön, wenn uns jemand mitnehmen würde«, mault Ayse. »Es ist verdammt weit bis zu dem Dorf!«

Wieder schiebt sich eine Wolke vor die Sonne, und es ist, als ob jemand eine Lampe ausgeschaltet hätte. Ohne das warme Licht wirkt die Landschaft kühl und öde.

»Gehen wir doch einfach über die Weiden«, schlägt Tio vor. »Da ist ein Bauernhof, siehst du ihn? Vielleicht kann uns dort jemand was sagen. Auf dem Land sind die Menschen doch immer viel freundlicher.« Das klingt hoffnungsvoll.

»Oder auch nicht«, wendet Ayse unbarmherzig ein. »Manchmal sind die besonders verschlossen und unheimlich.«

Aber sie beschließen, es doch zu versuchen. Es ist nur ein kurzer Weg, eine Art private Zufahrt, die zu dem Bauernhof führt, und wenn man ihnen dort nicht helfen kann, verlieren sie nicht viel Zeit.

Um den Hof herum ist es matschig und schmutzig. Ihre Füße stecken in Sandalen, und sie suchen vorsichtig einen Weg zwischen den Schlammpfützen. Als sie näher kommen, sehen sie, dass der Hof ziemlich heruntergekommen ist.

Das Haus ist mit grauen Steinen erbaut worden, auf denen Moos wächst, und hat fensterlose Holztüren, die früher wohl einmal hellgrün waren, nun aber zu einer blassen, unbestimmbaren Farbe verblichen sind. Sie sind verschlossen. Tio klopft an die Tür an der Vorderseite des Gebäudes. Und noch einmal etwas fester. Eine Klingel gibt es nicht. Ayse geht um das Haus herum und entdeckt an der Seite eine weitere breitere, zweiflügelige Tür.

»Sieht aus wie eine Stalltür«, meint Tio, der ihr nachgegangen ist, da trotz dreimal Klopfen niemand an die Vordertür gekommen ist. Sie klopfen auch hier eine Weile, aber die Tür bleibt geschlossen.

Sie drehen eine Runde um den Hof und gucken durch die Fenster.

»Überall nur alter Trödelkram«, sagt Ayse. »Verlassen, fürchte ich. Ich glaube, dass hier schon seit Jahren niemand mehr wohnt.«

»Nein, das kann nicht sein.« Tio dreht sich um und betrachtet Haus und Hof noch einmal genau. »Drinnen stehen Möbel. Auf jeden Fall hab ich einen Tisch gesehen und am Fenster zwei Stühle. Auf dem Tisch steht eine Vase mit Blumen – nicht verwelkt, nicht alt und auch nicht aus Plastik. Es ist einfach niemand zu Hause. Ob die vielleicht ihr Haus überstürzt verlassen haben?« Er mustert den Schlamm zu ihren Füßen. »Hier sind Spuren. Abdrücke von Füßen und Rädern.«

»Vielleicht sind die Bewohner gestorben«, sagt Ayse mit gerümpfter Nase. Sie wirft noch einen Blick in den Wohnraum des Hauses und tritt unwillkürlich einen Schritt zurück. »Mensch, vielleicht liegt da drin irgendwo eine Leiche.«

»Fällt dir nicht was Lustigeres ein?«

»Hier ist es überall so still«, murmelt Ayse. »Nicht nur hier beim Haus, sondern …« Sie zeigt mit dem Arm um sich. »Als ob hier eine Epidemie oder so was geherrscht hätte. Wie in einem Gruselfilm.«

Ein plötzlicher Schrei durchbricht die Stille. »Kraaa!« Vor Schreck springen Tio und Ayse in die Luft. Tio spürt sein Herz in der Kehle schlagen und hofft, dass das Mädchen neben ihm nicht von ihm erwartet, dass er sich jetzt wie ein Held benimmt. Er kann sich nicht erinnern, wann er das letzte Mal eine solche Angst gehabt hat.

Einen Moment lang bleiben sie noch zögernd stehen, doch dann scheinen sie beide gleichzeitig zu beschließen, dass sie es hier nicht angenehm finden, und ohne sich darüber zu verständigen, drehen sie sich um und rennen weg.

Als sie an einem Verschlag aus Wellblech vorbeiflitzen, fliegt dort mit Gekrächze und lautem Flügelschlag eine Krähe heraus.

»Mensch!«, faucht Ayse. »Der Schrei, das war nur ein Vogel.«

Aber sie hören nicht auf zu rennen.

Erst als sie völlig außer Atem auf dem Weg zum Dorf sind, trauen sie sich, langsamer zu werden.

Sie schauen noch einmal zurück. Von hier aus wirkt alles lange nicht so unheimlich. Sie sehen nun, dass ein paar Ziegen auf einer Weide neben dem verlassenen Hof herumlaufen und über dem Dach der Scheune Schwalben kreisen.

Jetzt genieren sie sich ein bisschen voreinander und laufen schweigend nebeneinander her, den Blick stur geradeaus auf das Dorf oder die kleine Stadt vor ihnen gerichtet. Ob sie dort auf Menschen treffen würden?

Es ist eine schöne kleine Stadt. Sie liegt an einem Binnenmeer, einem Meeresarm, der weit in das Land hineinreicht. Auf dem Wasser schaukeln Holzboote, die an einer Kette festgemacht sind, die unter der Wasseroberfläche verschwindet. Sie schwanken leicht auf und nieder und machen leise klatschende Geräusche – angenehme Geräusche, passend für eine kleine Stadt, die ein richtiger Touristenort sein könnte. Wenn es dort Menschen gäbe.

Menschen, die in den Häusern wohnen und über den Marktplatz gehen. Menschen, die auf der Terrasse vor dem Restaurant am Wasser Platz nehmen und das Tagesmenü bestellen, sodass der Geruch von gebratenem Fisch und Pommes die Luft erfüllt. Menschen, die winken und rufen und lachen und die Stille mit Geräuschen füllen.

Aber da ist niemand, und das einzige Geräusch, das zu hören ist, stammt von einem leichten Wind und dem Schaukeln der Boote.

»Ich finde das furchtbar«, meint Ayse. »Wo sind die denn alle? Sind sie tot? Oder sind alle zusammen umgezogen? Echt unheimlich.«

»Ja, ich find es auch nicht besonders schön«, gibt Tio zu und lässt seinen besorgten Blick über die leeren Häuser schweifen.

Sie haben schon das ganze Städtchen gesehen, sind durch alle Straßen und Gassen geschlichen, immer vorsichtiger und mit wachsendem Unbehagen.

Die Geschäfte sind geschlossen, aber die Auslagen in den Schaufenstern weder verstaubt noch verblichen. Die Häuser sind leer und verlassen, aber nicht verfallen.

»Langsam kriege ich Hunger«, sagt Ayse. »Mein Magen knurrt schon richtig.«

»Meiner auch.«

»Dann sollten wir uns vielleicht auf die Suche nach was zu essen machen.«

»Meinst du, hier gibt es was?«

»Die Menschen, die hier gewohnt haben, haben sicher was dagelassen. Ich hab einen Supermarkt gesehen, wir sind daran vorbeigekommen. Gleich bei dem Turm, du weißt schon.«

Tio kann sich nicht an den Supermarkt erinnern und lässt sich von Ayse führen, die den Weg ohne Probleme findet.

»Der ist bestimmt abgeschlossen«, sagt Tio, während Ayse auf die Türen des Geschäfts zugeht.

Sliffff. Mit einem leichten Zischen gleiten die Türen auf, als ob es das Selbstverständlichste der Welt wäre.

»Alles funktioniert ganz normal«, murmelt Ayse, bückt sich unter einem Drehkreuz durch und hüpft auf die Gemüseabteilung zu.

»Also, das ist doch komisch …« Tio, die Hände in den Hosentaschen, geht hinter ihr her und sieht sich erstaunt um. »Das Gemüse … Wenn die Menschen schon länger weg sind, müsste das doch alles längst verschimmelt und verfault sein. Hier liegt sogar frisches Obst!«

»Hm, Bananen!«, sagt Ayse und nimmt sich eine.

»Kapierst du, was das bedeutet? Es sieht aus, als wäre das Obst heute Morgen angeliefert worden.«

Ayse nimmt einen Bissen und noch einen. »Das sind aber echte Bananen, nicht irgendwie nachgemachte. Hier, nimm eine, die schmecken.«

Vorsichtig beißt Tio in die Banane, die sie ihm in die Hand gedrückt hat.

Ayse hat inzwischen einen knallgrünen Apfel probiert. In der anderen Hand hält sie eine Frucht, deren Namen sie nicht kennt.

»Weißt du, was das ist?«

»Nein. Sieht so ähnlich aus wie eine Birne.«

»Nur eben rot.« Ayse legt die Frucht zurück. »Weiß nicht, ob ich die mag.«

»Wollen wir weitergucken?«, schlägt Tio vor. »Wir sind doch blöd. Da haben wir einen ganzen Supermarkt für uns alleine und stehen in der Gemüseabteilung! Gehen wir doch mal zu den Süßigkeiten, zu den Schokoriegeln und den Chips.«

»Gute Idee.«

Tio hat recht. Der Laden sieht aus, als wäre er noch an diesem Morgen mit frischer Ware beliefert worden. Knackiges Gemüse und Obst, die Bäckereiabteilung voller frischer Croissants und goldgelber Brötchen, eine Kühlvitrine, in der schön angerichtet hellgelbe Käselaibe liegen, und weiter hinten Beefsteaks und Hamburger, die aussehen, als wären sie gerade erst von einem Metzger hingelegt worden.

»Das verstehe ich nicht«, sagt Tio.

»Ist doch super.« Ayse zuckt mit den Schultern. »Wir können uns mit allem vollfuttern, was wir mögen. Bis wir platzen.«

»Aber es ist trotzdem komisch«, beharrt Tio. »Denk doch mal nach. Eine Stadt, die total leer ist, keine Menschenseele zu sehen, aber die Läden sind voll mit frischem Zeug. Als ob die gesamte Bevölkerung vor wenigen Stunden hier Hals über Kopf davongerannt wäre.«

Ayse verschränkt die Arme vor der Brust, beugt sich vor und blickt Tio herablassend an. »Tio … In eine Kiste klettern und in einer anderen Welt wieder rauskrabbeln, ist ja wohl mehr als ein bisschen komisch, meinst du nicht? Also, was meckerst du jetzt rum? Komm schon, iss.«

Es ist nicht schwer, Tio zu überreden, denn sein Magen knurrt angesichts der vielen leckeren Sachen, die man sich einfach nehmen kann. Er reißt eine Tüte Chips auf und wirft sich eine Handvoll in den Mund. Nach einigen Bissen überlegt er es sich anders, lässt die Tüte fallen und geht zu einem Regal mit Schokolade. Er sucht sich eine Tafel aus und reißt das Papier ab. Gierig steckt er sich große Stücke in den Mund. Es ist keine Milchschokolade, aber sie ist auch nicht zartbitter, sie ist bitterer als jede Sorte, die er jemals probiert hat. Dann sieht er eine Packung mit Zuckergebäck. Kauend und schmatzend streift er durch die Gänge und plündert ein Regal nach dem anderen.

Bei den Tiefkühltruhen begegnet er Ayse wieder. Sie lehnt an einer der weißen Kisten und isst in aller Gemütsruhe.

»Musst du unbedingt so eine Sauerei machen?«, fragt sie verächtlich. Sie hat eine Dose mit Knackwürsten in der Hand, die einen Deckel zum Aufreißen hat, sodass sie keinen Büchsenöffner braucht. »Die hier find ich so was von lecker. Zu Hause krieg ich die nicht, weil da Schweinefleisch drin ist, und davon wird meinen Eltern schlecht. Willst du eine?«

»Hast du keinen Senf? Du musst Senf drauf tun oder Ketchup.«

»Von wegen! Mayonnaise, ich bin wild auf Mayonnaise!«

Von der wilden Völlerei wird Tio ein bisschen albern. Er taucht in eine Vitrine und beißt in alle Wurstbrötchen. Bei der Käseabteilung nimmt er ein riesiges Stück mittelalten Käse, hält es sich mit beiden Händen vor den Mund und beißt ab. »So muss sich eine Maus in der Speisekammer fühlen!«, ruft er Ayse mit vollem Mund zu.

»Guck mal, der Strom funktioniert auch. Die Tiefkühltruhen sind an! Willst du ein Eis?«

»Haben sie eins mit einer Schicht weißer Schokolade?«

Ayse beugt sich über die Truhe und kommt mit einem Eis wieder hoch. Ihr Blick prüft die Aufschrift. »Rumbabohnen … Tio, hast du schon mal was von Rumbabohnen gehört?«

»Nein. Du?«

»Ja, hier auf dieser Verpackung. Eis mit Rumbabohnengeschmack. Witzig. Das probier ich mal.«

»Und?«, fragt Tio, nachdem Ayse ein paar kleine Bissen genommen hat.

»Schmeckt ein bisschen nach Schokolade mit Haselnüssen … nein, Walnüssen … Hm, schon gut, aber ich weiß eigentlich gar nicht, wonach es wirklich schmeckt. Bisschen bitter.«

Nach einer guten Dreiviertelstunde gehen sie wieder zum Ausgang und kommen an einem Kosmetikregal vorbei.

»Wär vielleicht gar nicht so dumm: Da liegen Zahnbürsten«, meint Ayse.

Tio zieht die Augenbrauen hoch. »Ein anderes Mal, einverstanden?«

Es ist schon sehr lustig, in einem bestens bestückten Laden nach allem greifen zu können, worauf man Lust hat, doch als sie wieder eine Weile durch das Städtchen gelaufen sind, wird es allmählich langweilig, ganz allein durch leere Straßen zu gehen, wo nichts passiert, niemand zu sehen ist und keine Geräusche zu hören sind.

»Das sind wirklich schöne Geschäfte hier«, versucht Ayse sich aufzumuntern. »Die Türen sind offen. Kommst du mit rein, nur mal gucken?«

»In welches?«

»Das hier.«

»Ach du je, ein Klamottenladen. Ich hasse es, neue Klamotten zu kaufen«, murrt Tio. »Das muss ich mindestens zweimal im Jahr mit meiner Mutter. Also, wenn ich hier zum Spaß rumlaufe, dann mache ich so was nicht.«

»Dann gucke ich halt alleine …« Ayse betritt das Geschäft, geht zu einem Kleiderständer und schaut sich die Farben und Modelle an. »Mensch, das ist vielleicht ein komisches Zeug. Guck doch mal!« Sie zieht eine lange Bluse aus einem Regal und hält sie sich an den Körper. »Die ist schön, aber irgendwie altmodisch. Die anderen Sachen auch. Vielleicht nicht alle, aber die meisten.«

»Altmodisch? Das ist doch einfach ein weißes Hemd.«

»Pfff«, macht Ayse ungläubig. »Dann bist du kurzsichtig!« Sie geht ein paar Schritte weiter und nimmt ein Hemdblusenkleid, das aus einem braunen, grob gewebten Stoff genäht ist. »Das würde gut zu einer mittelalterlichen Ziegenbäuerin passen.« Langsam und zögernd hängt sie das Kleid zurück. »Sag mal, sind wir hier vielleicht in einem anderen Land? Ich meine …« Ayse kaut auf ihrer Unterlippe. »Auf jeden Fall haben sie hier eine andere Mode. Und im Supermarkt hab ich auch Sachen entdeckt, die ich nicht kenne.«

»Aber die Sprache auf den Verpackungen? Da hab ich nichts Fremdes bemerkt, nicht mal irgendwie seltsame Begriffe oder so was. Na ja, wir sind durch die Kiste geklettert, also sind wir jetzt auf einem anderen Level.«

»Ein Level, auf dem die Spielfiguren vergessen worden sind.«

»Ja, die Mitspieler.«

»Oder Widersacher.«

»Auf die du sonst immer schießen kannst.«

»Wir haben doch keine Pistolen. Da ist das schon ganz gut so.«

Tio und Ayse lächeln sich gequält an. Sie wollen sich nicht eingestehen, dass ihnen ihre Situation allmählich reichlich unangenehm ist, sondern geben sich Mühe, sich gegenseitig davon zu überzeugen, dass sie alles schrecklich lustig finden.

»Also, mir ist es sowieso lieber, dass das eine Adventure ist, bei der man nur die Rätsel lösen muss«, sagt Tio. »Ich mag die Ballerspiele nicht.«

»Ich eigentlich schon. Aber wenn das hier eine Adventure ist, was sollen wir dann machen?«

»Auf Escape drücken«, murmelt Tio. Er tritt gegen den Metallfuß eines Kleiderständers und verlässt den Laden.

Je mehr Zeit in Stille und Einsamkeit verstreicht, desto stärker drängt Ayse darauf, dass sie zurück in den Wald gehen sollten.

»Aber die Kiste ist weg.«

»Wir können doch nachsehen, ob sie inzwischen wieder da steht.«

Tio ist anderer Meinung. Er hat das Gefühl, dass etwas von ihnen erwartet wird, dass sie etwas unternehmen müssen. »Aber wir haben die Lösung doch noch nicht gefunden.«

»Vielleicht muss das gar nicht sein. Das haben wir uns selbst ausgedacht, dass es einen Auftrag geben könnte. Vielleicht sollten wir uns einfach nur mal hier umsehen.«

Es dauert nicht lange, und es kommt wieder zum Streit, zu einem Streit mit vielen Worten, der nach kurzer Zeit in bedrückendes Schweigen mündet. Stumm laufen sie nebeneinander her.

Sie bummeln am Kai entlang und setzen sich auf eine Bank, um über das Wasser zu blicken. Sie klettern in ein Boot, das dort an gespannten Seilen auf dem Wasser schaukelt, und beugen sich über die Reling.

Als sie wieder hungrig sind, essen sie in dem menschenleeren Supermarkt.

Doch als es Abend wird, rebelliert Ayse. »Mir reicht’s jetzt. Ich will nach Hause. Es wird schon bald dunkel, und dann will ich nicht mehr hier sein.«

Tio will gerade eine bissige Antwort geben, als er sieht, dass sie zittert und große ängstliche Augen hat. Er selbst ist überzeugt davon, dass sie hier nichts zu befürchten haben. »Es ist doch niemand da, vor dem man Angst haben müsste«, sagt er.

Aber Ayse ist anderer Meinung. »Vielleicht ist niemand da, weil sie alle ermordet worden sind!« Sie zieht die Schultern hoch und sieht sich ängstlich um. »Vielleicht stürzen sich hier nachts Vampire aus der Luft herab und murksen jeden ab, der ihnen in die Finger kommt.«

»Vampire murksen niemanden ab. Sie machen alle zu neuen Vampiren.«

»Ja, und hier waren sie schon am Werk. Jetzt liegen sie alle in ihren Särgen und warten darauf, dass es dunkel wird.«

Tio fängt vor Angst an zu kichern. Es wäre ihm lieber, wenn Ayse sich nicht so unheimliche Dinge ausdenken würde. Nicht mehr lange und er dreht durch, wenn sie nicht mit diesem Unsinn aufhört! »So was gibt es doch überhaupt nicht«, wendet er etwas unsicher ein.

»Nein, und Kisten, durch die du von deiner eigenen Welt in … in …«, stottert Ayse.

»Okay, ist ja gut.« Tios Blick gleitet noch einmal über die Häuser, über die Straßen, über die dunklen Schatten in den Gassen und über die Fenster, in denen sich die untergehende Sonne grell orange spiegelt. Nun zittert auch er. »Hm … gehen wir da lang zurück, in die Richtung … äh … wenn hier doch nichts los ist?« Nervös fuchtelt er mit den Händen. »Wir können am Wasser entlang …« Lieber hält er sich jetzt von den Häusern und den dunkler werdenden Seitenstraßen fern. Auf dem Kai kommt es ihm sicherer vor, übersichtlicher. Es sei denn, sie haben sich im Wasser versteckt, die Ungeheuer … Sofort sieht er grauenvolle Wasserwesen vor sich, die unter der spiegelnden Wasseroberfläche ihre schleimigen Klauen nach ihm ausstrecken. Schnell wirft er einen Blick auf die Kaimauer. Als er dort tatsächlich eine Bewegung sieht, klammert er sich in blankem Entsetzen an Ayse. »Hmnumenu!«, jammert er unverständlich.

»Was?«, schreit Ayse sofort. »Wo?«

»Da!«, zeigt Tio.

Ängstlich starrt Ayse auf das plätschernde Wasser. Sie sieht, dass sich dort irgendetwas spiegelt, Formen und Bewegungen. Ihr stockt der Atem.

Auf dem Kai gehen die Lampen an, und Ayse sieht die Reflexion der hohen Laternen auf dem Wasser. Das Bild schaukelt und tanzt auf den kleinen Wellen hin und her. Das ist nichts Besonderes, so spiegelt Wasser immer. Aber was bewegt sich dazwischen? Was sind das für undeutliche Formen, die auf dem Wasserspiegel schimmern?

Ganz vorsichtig macht Ayse einen zögernden Schritt auf das Wasser zu. Sie klammert sich weiter an Tio fest, der sie noch immer am Ärmel ihres Shirts gepackt hält.

»He, Tio … siehst du das auch?«

»Ich … äh … ich weiß nicht, ob ich hingucken will.« Aber Ayse zieht ihn mit, sodass er nun dicht an der Kaimauer steht. Er späht ins Wasser. Und jetzt sieht er sie auch. Klar und deutlich. Menschliche Gestalten.

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