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Guido Westerwelle | mit Dominik Wichmann

Zwischen zwei Leben

Von Liebe, Tod und Zuversicht

Hoffmann und Campe

»Das Leben ändert sich in einem Augenblick.

Man setzt sich zum Abendessen, und das Leben, das man kennt, hört auf.«

Joan Didion

»Katastrophen kennt allein der Mensch, wenn er sie überlebt; die Natur kennt keine Katastrophen.«

Max Frisch

Vorwort

Dieses Buch schildert die Zeit zwischen meinen zwei Leben. Oft frage ich mich, ob ich denn inzwischen schon voll und ganz in diesem zweiten Leben angekommen bin. Vor allem gerade jetzt, da ich wegen einer Lungenentzündung wieder einige Tage in einem Kölner Krankenhaus verbringen muss. Ehrlich gesagt weiß ich also noch nicht genau, ob ich schon angekommen bin. Ich wünsche es mir. Mit Sicherheit kann ich jedoch sagen, dass mir die Arbeit an diesem Buch auf diesem nicht immer leichten Weg sehr geholfen hat. Vieles von dem, was mir widerfahren ist, verstand ich besser, als ich ein zweites Mal darüber nachdachte und damit begann, meine Erinnerungen an die Konfrontation mit dem Tod aufzuschreiben.

Ein zweiter Grund, dieses Buch zu schreiben, war mein Wunsch, der düsteren Zeit, die nun hoffentlich hinter mir liegt, ein zuversichtliches Buch abzuringen. Ich möchte anderen Menschen damit so viel Mut machen, wie mir Mut zugesprochen worden ist. Denn ich weiß, dass ich ohne den Zuspruch anderer die Krankheit wahrscheinlich nicht überlebt hätte. Diejenigen also, die mein Schicksal teilen, will ich ermutigen, niemals, wirklich niemals aufzugeben. Und jene Leser, die glücklicherweise keine größeren Schicksalsschläge erleiden mussten, mag meine Geschichte daran erinnern, auf welch schmalem Grat wir unser Leben führen.

Jeder Gedanke an das Ende kann auch der Aufbruch zu etwas Neuem sein.

 

Köln, im September 2015

1 In der Mitte Europas

Kiew, am 5. Dezember 2013

Wir waren schon seit einigen Stunden im Himmel über Europa, als unsere Maschine mit einem sanften Schwenk nach rechts unten den Landeanflug auf den Flughafen von Kiew begann. Ich rieb mir die Müdigkeit aus den Augen, griff nach meiner Brille, die auf einem kleinen Tischchen neben mir lag, und blickte aus dem Fenster.

Wolkenfetzen flogen an meinem Gesicht vorbei. Ich sah die ersten Ausläufer der Stadt und die umliegenden Felder. Wir überquerten den Dnepr und seine vielen kleinen Seitenarme. Der verschlungene Lauf dieses Flusses erinnerte mich an das Geäst eines Laubbaums im Winter. Ich betrachtete eine Weile die gefrorene Landschaft unter mir, stellte dann die Rückenlehne meines Sitzes gerade und steckte ein paar Unterlagen zurück in meine Aktentasche. Ich hatte die Papiere während des Fluges von Brüssel nach Kiew gelesen, um mich auf die Gespräche vorzubereiten, die mich gleich nach unserer Landung hier erwarten würden.

Auch in Deutschland war es inzwischen kalt geworden, eiskalt sogar. Ungefähr vor einer Woche hatte es zum ersten Mal geschneit, und in einigen Regionen des Landes war der Schnee auch tatsächlich liegen geblieben. Die Zeitungen überboten sich deshalb mit Prognosen, ob es auch in diesem Jahr endlich einmal wieder weiße Weihnachten gebe. Doch bis dahin waren es noch fast drei Wochen, und wahrscheinlich würde es so wie meistens ausgehen: Kurz vor dem Fest lässt irgendeine unvorhergesehene Front warmer Luftmassen die Schneedecke schmelzen und widerlegt alle optimistischen Vorhersagen der Experten.

»Lass uns an Weihnachten nach Mallorca fahren«, hatte Michael deshalb schon im Herbst vorgeschlagen.

»Hast eigentlich recht«, antwortete ich ihm. »Selbst wenn’s regnen sollte, wird es dort mit Sicherheit nicht so frostig wie zu Hause sein.«

»Außerdem haben wir unsere Ruhe nach all dem Trubel, den dieses Jahr so mit sich gebracht hat«, sagte er und tippte mit seinem Zeigefinger auf meinen Brustkorb. Wir blickten uns lange in die Augen. Nach einer Weile mussten wir lachen. Wahrscheinlich, weil wir in jenem Moment beide an die vielen Höhen und Tiefen dieses merkwürdigen Jahres zurückdachten und froh waren, dass all das nun bald vorbei sein würde und unserem Eheleben eine neue, eine endlich intensivere Zeit zu zweit bevorstand.

Später am Abend, wir lagen schon im Bett, da drehte ich mich noch einmal zu Michael hinüber und flüsterte in seine Richtung: »Du, ich kann dir gar nicht beschreiben, wie sehr ich mich auf Mallorca freue. Das wird ein Fest! – Hey, Michael, schläfst du schon?«

»Si, Señor«, antwortete er. Und lachte dabei.

 

Die Wochen und Monate vor der Bundestagswahl am 22. September 2013 waren nicht weniger anstrengend und schwierig gewesen als die Zeit danach. Abgesehen von den außerhalb Europas glühenden Krisenherden bereitete mir vor allem die zunehmende Eskalation im Osten unseres Kontinents große Sorgen. Das absichtlich entfachte Feuer der Gewalt fraß sich immer tiefer in die Ukraine und die Gemüter seiner Bürger. Die Stabilität einer ganzen Region stand plötzlich infrage, und im Auswärtigen Amt fühlten sich insbesondere ältere Diplomaten an die Logik des Säbelrasselns und die Diktion des Kalten Krieges erinnert.

Unsere Freunde und Verbündeten in Polen, Tschechien und natürlich dem Baltikum verfolgten die Provokationen des russischen Präsidenten Wladimir Putin und seiner Regierung mit großer Besorgnis. Während eines Abendessens mit einem europäischen Ministerkollegen notierte ich einen Satz, mit dem er den tschechischen Dichter und Politiker Václav Havel zitiert hatte: »Ein Blick auf die Landkarte und in die Geschichtsbücher zeigt, dass es schwierig sein wird, sich auf Dauer Frieden, Sicherheit und Ordnung in Europa vorzustellen, wenn nicht in der Mitte Europas Friede und Ordnung gesichert sind.«

Doch wo genau ist die Mitte Europas? Und wofür steht dieses Europa? Ich machte mir viele Gedanken darüber, denn wenn es stimmt, dass Europa überall dort ist, wo Freiheit, Menschenrechte und Pluralismus eine Selbstverständlichkeit sind, dann befand sich die Ukraine spätestens seit dem 21. November 2013 an einem Scheideweg.

An diesem Tag hatte Wiktor Janukowytsch überraschend angekündigt, das lange verhandelte Assoziierungsabkommen mit der Europäischen Union nun doch nicht unterzeichnen zu wollen. Für uns europäische Verhandlungspartner, vor allem aber für die vielen hoffnungsvollen und pro-europäisch gesinnten Menschen in der Ukraine war die Entscheidung ihres Staatspräsidenten ein Schlag ins Gesicht.

»Wir landen in etwa zehn Minuten«, informierte mich ein Herr vom Kabinenpersonal. Ich schrieb mir noch rasch einige Fragen für die anstehenden Gespräche auf und kramte dann in meiner Aktentasche nach einem Buch, das ich mir im Herbst gekauft hatte und in dem ich, so oft es eben ging, ein paar Seiten las: 1913. Der Sommer des Jahrhunderts von dem Autor Florian Illies. Eine wunderbare Lektüre! Klug und heiter, immer unterhaltsam, nie banal. Ein Buch über ein Jahr, in dem so vieles möglich schien und doch der süßlich-morbide Geruch des nahenden Verfalls bereits allgegenwärtig war. Immer wieder staunte ich, wie viel von diesem merkwürdigen, gewaltsamen und in so vieler Hinsicht extremen 20. Jahrhundert in diesem einen Jahr 1913 bereits angelegt zu sein schien.

Ich blätterte bis zu dem kleinen Eselsohr, das ich zuvor auf meinem Hotelzimmer in Brüssel in die Seite 42 geknickt hatte. Ich las über die Stadt Wien und den Beginn dessen, was der Schriftsteller Franz Kafka einmal als das »nervöse Zeitalter« bezeichnet hatte. Wien galt damals als Frontstadt der Moderne: »Wien strotzte vor Kraft, war eine Weltstadt geworden, was man in der ganzen Welt sah und spürte, nur in Wien selbst nicht. Dort hatte man vor lauter Lust an der eigenen Selbstvernichtung übersehen, dass man unversehens an die Spitze der Bewegung gerückt war, die sich Moderne nannte.« Und einige Seiten später: »Am 16. Februar 1913 besteigt Josef Stalin am Wiener Nordbahnhof den Zug und reist zurück nach Russland.«

Wir waren auf dem Flughafen Kiew-Boryspil, etwa dreißig Kilometer östlich des Stadtzentrums, gelandet, und durch das Fenster unserer Maschine sah ich das schmucklose Gebäude am Rande des Rollfelds, das ich in diesem Jahr schon einige Male passiert hatte. Immer wieder war ich mit meiner Delegation nach Kiew gereist, um dort im Präsidentenpalast mit Wiktor Janukowytsch über die Zukunft seines Landes zu verhandeln. Wir wollten ihm, seiner Regierung, insbesondere aber der ukrainischen Bevölkerung eine Brücke in Richtung Europa bauen. Denn natürlich wussten wir, wie hin- und hergerissen das Land noch immer war: zwischen Ost und West, zwischen der Russischen Föderation einerseits und der Europäischen Union andererseits. Genau diese Gegensätzlichkeit aber, dieses Denken in Schwarz und Weiß, wollten wir auflösen. Auch deshalb habe ich in meinen Reden immer wieder betont, dass wir die Ukraine nicht vor die Wahl zwischen Europa und Russland stellen wollen. Wir wollten Brücken bauen.

Das jedoch entpuppte sich als leichter gesagt als getan: Bei meinen Treffen mit Wiktor Janukowytsch erlebte ich ihn als hart und unnachgiebig. Als ich ihm das erste Mal begegnete, da unternahm er nicht einmal den Versuch, eine Art Dialog aufrechtzuerhalten: Er trug seine Positionen vor, anschließend hörte er sich an, was ich zu sagen hatte – und das war es dann auch. Er wirkte auf mich bisweilen wie eine Karikatur jener Machthaber, an die wir uns wahrscheinlich noch alle aus der längst vergangenen Zeit der osteuropäischen Sowjetrepubliken erinnern.

Als ich ihn jedoch einige Monate später wieder in Kiew besuchte, schien er etwas Vertrauen in mich gefunden zu haben. Weder hatte ich ihn bei meinem letzten Besuch während der abschließenden Pressekonferenz angegriffen noch in Interviews schlecht über ihn geredet. Unsere Gespräche gestalteten sich jetzt offener, und er schien den Ideen Europas deutlich weniger abgeneigt zu sein als noch zu Beginn des Jahres. Ja, es würde schwierig werden: Russland setzte die Ukraine mit Handelssanktionen zunehmend unter Druck, und die gut geölte Moskauer Propagandamaschine arbeitete auf Hochtouren, um in der ukrainischen Bevölkerung diffuse Ängste vor Europa zu schüren. Aber ich erwartete, dass Janukowytsch am Ende das Assoziierungsabkommen mit der EU unterzeichnen und über jene Brücke, die wir ihm gebaut hatten, gehen würde. Weil ich an seine Vernunft glaubte.

Er hatte mich getäuscht. Er hatte die Europäische Union getäuscht. Er hatte den Großteil seiner Bevölkerung getäuscht. Und nicht nur das: Als die Bürger seines Landes ihrer Wut und ihrer Enttäuschung über das gescheiterte Abkommen Luft machten und zu Tausenden auf die Straßen gingen, um friedlich für eine engere Bindung der Ukraine an die Europäische Union zu demonstrieren, da zündete Wiktor Janukowytsch die Lunte eines Pulverfasses: In der Nacht zum 30. November 2013 ließ er die Schergen der Berkut, einer Spezialeinheit der ukrainischen Polizei, unzählige Bürger mit einer nicht für möglich gehaltenen Brutalität zusammenschlagen und in die Gefängnisse der Stadt verschleppen.

Der Protest der vielen entwickelte sich jetzt zum Widerstand der Massen: Im Jahr 22 seit der wiedererlangten Unabhängigkeit der Ukraine skandierten immer mehr Menschen: Nein zu Korruption und Polizeigewalt! Nein zu Inflation und Armut! Ja zu Freiheit und Menschenrechten! Ja zu Europa!

Ich klappte das Buch zu und verstaute es nachdenklich in meiner Aktentasche. Ich zog meinen Krawattenknoten fest und ließ mir meinen Mantel geben.

»Vergessen Sie nicht Ihren Schal«, erinnerte mich einer meiner Mitarbeiter. »Es wird eine kalte Nacht da draußen werden.«

Noch bis kurz vor unserem Abflug aus Brüssel hatte ich mit meinen engsten Kollegen alle möglichen Szenarien dieser durch und durch heiklen Mission durchgespielt. Die Brüsseler Tagung der Außenminister aller NATO-Staaten war ja bewusst so terminiert worden, dass wir an dem tags darauf beginnenden OSZE-Außenministertreffen in Kiew teilnehmen konnten. Undenkbar schien es mir deshalb, als deutscher Außenminister in die Hauptstadt der Ukraine zu reisen und dort die unzähligen Demonstranten einfach zu ignorieren: so zu tun, als hörten wir ihre Rufe nach Freiheit nicht; so zu tun, als gingen uns ihre Sorgen und Hoffnungen nichts an.

Selbstverständlich war ich mir über die bevorstehende Gratwanderung bewusst: Einerseits wollte ich den wütenden und frierenden Menschen auf den Straßen Kiews ein Signal geben. Andererseits aber durften wir die Spannungen nicht noch zusätzlich erhöhen und die Regierung der Ukraine brüskieren. Die Aufgabe meines Besuchs bestand also darin, die Solidarität der Europäischen Union zum Ausdruck zu bringen und gleichzeitig der Diplomatie wieder mehr Raum für weitere Verhandlungen zu verschaffen.

Ein schwieriges Unterfangen, zumal die Ausgangslage nicht gespenstischer hätte sein können: Der Präsident Janukowytsch hatte in diesen wichtigen Tagen sein Land verlassen und weilte auf Staatsbesuch in China. In Kiew führten derweil sein Premierminister Mykola Asarow und der Außenminister Leonid Koschara die Amtsgeschäfte. Die Opposition und ihre Anführer Vitali Klitschko und Arsenij Jazenjuk wollten die verhasste Regierung stürzen, waren sich aber nicht immer einig über die dafür richtige Strategie. Auf den Straßen der Stadt mischten sich unterdessen immer mehr von den Geheimdiensten gesteuerte Provokateure unter die friedlichen Demonstranten. Sie schürten unablässig das Feuer, um die Proteste eskalieren zu lassen und damit den Spezialeinheiten der Polizei einen neuerlichen Anlass zu geben, gewaltsam in das Geschehen einzugreifen.

Zur Bühne des Protests war wieder einmal der Maidan geworden: ein ovaler, zweigeteilter Platz inmitten Kiews, auf dem sich bereits knapp zehn Jahre zuvor, im Winter 2004, unzählige Menschen zur »Orangen Revolution« eingefunden hatten und schon damals laut und deutlich nach Europa riefen. Damals galt Julija Tymoschenko, die Politikerin mit dem markanten aschblonden Haarkranz, als Heldin der Massen und Feindin des etablierten Systems. Jetzt, Anfang Dezember 2013, war sie im obersten Stockwerk eines Gefängnisses in der ost-ukrainischen Stadt Charkow inhaftiert und litt an den Folgen eines Bandscheibenvorfalls. Auf dem Maidan versammelten sich derweil immer mehr Demonstranten und forderten ihre Freilassung.

 

»Die Stimmung in der Stadt ist extrem angespannt«, sagte mir unser Botschafter, nachdem er mich an der Treppe zu unserer Regierungsmaschine begrüßt hatte. Wir stiegen in eine der schwarzen Botschafts-Limousinen und besprachen während der Fahrt in unser Hotel noch einmal das Programm der kommenden Stunden.

»Wir sind spät dran. Klitschko und Jazenjuk warten bereits im Hotel.«

»Wie verhält sich die ukrainische Regierung?«, fragte ich ihn.

»Asarow hat den Demonstranten eine Frist gesetzt, bis wann sie die besetzten Regierungsgebäude räumen müssen.«

»Und? Werden sie das machen?«

»Sieht nicht danach aus: Auf dem Maidan haben sie neue Barrikaden errichtet und davor Wasser verschüttet, damit sich auf dem Boden Glatteis bildet.«

»Wie viele Leute sind gerade auf dem Platz?«

»Schwer zu schätzen. Vor ein paar Tagen waren es Zehntausende, momentan sind es sicherlich weniger.«

»Aber eng wird es in jedem Fall?«

»Davon können Sie ausgehen.«

Noch in Brüssel hatten meine Berater und ich beschlossen, dass ich nach dem Gespräch mit den beiden Oppositionsführern mit ihnen gemeinsam zum Maidan gehen würde. Damit wollten wir den Menschen dort zeigen: Wir treffen nicht nur die Vertreter eurer Regierung, sondern auch deren Herausforderer. Wir mischen uns zwar nicht in die inneren Angelegenheiten eines anderen Landes ein, aber wir zeigen Flagge. Die Flagge Europas und seiner Ideale.

Natürlich gab es Bedenken. Wie reagieren die Russen? Schließlich würde sich mit mir das erste Mal ein Regierungsmitglied eines EU-Landes mit den Demonstranten auf dem Maidan treffen. Bestimmt würden sie von »Einmischung« und »Parteinahme« sprechen – und genau diese Vorwürfe wurden einige Tage später ja tatsächlich von Russlands Ministerpräsidenten Dmitri Medwedew erhoben. Was aber die russische Seite schon damals nicht verstand: Wir nehmen in der Ukraine nicht Partei für eine bestimmte politische Option, sondern für die Werte Europas.

Auf dem Maidan, das wussten wir, tummelten sich jedoch inzwischen nicht mehr nur friedliebende Zeitgenossen.

»Die Sicherheitslage ist bedenklich«, informierte mich einer unserer Sicherheitsbeamten.

Ich überlegte kurz und erinnerte mich an all die anderen bedenklichen Situationen während meiner vergangenen vier Jahre im Amt des Außenministers. Immer gab es Warnungen, nie aber ist etwas passiert: Nicht auf dem Tahrir-Platz in Kairo, wo ich nach einem spontanen Besuch von Tausenden Menschen umringt worden war. Nicht in Afghanistan, wo Aufklärungskräfte einen angeblich geplanten Raketenanschlag der Taliban auf Thomas de Maizière und mich vereitelt hatten. Nicht im Irak, nicht in Libyen und auch nicht in Mali. Immer hörte ich auf die Hinweise unserer Sicherheitsleute. Nur ganz selten setzte ich mich darüber hinweg. So wie an diesem Dezembertag in Kiew.

Das graue Licht der Dämmerung hatte sich schon über die Fassaden gelegt, als wir endlich die Innenstadt erreichten. Unser Fahrer steuerte den Wagen auf einen kleinen Vorplatz des Hotels. In der Ferne sah ich die goldenen Türme des Michaelsklosters schimmern.

Ich öffnete die Wagentür. Blitze zuckten durch die anbrechende Dunkelheit, und das helle Licht der Fernsehkameras blendete mich. Ich stieg aus, lächelte, kniff die Augen etwas zusammen und nickte den wartenden Journalisten zu. Menschen riefen meinen Namen, und rasch bildete sich eine kleine Traube, in deren Mitte ich mich quer durch die Eingangshalle des Hotels bis zu den Fahrstühlen schieben ließ. Ich fuhr in das oberste Stockwerk, ein Hotelangestellter öffnete mir das Zimmer und drückte mir die Schlüsselkarte in die Hand.

Ich betrat das Zimmer, zog die dunklen Vorhänge zu, packte meine Sachen aus und ging ins Badezimmer, um mir noch schnell die Hände und das Gesicht zu waschen. Anschließend nahm ich meinen Schal und den Mantel wieder von der Garderobe am Eingang meines Zimmers und machte mich auf den Weg zurück in die Eingangshalle des Hotels.

 

Arsenij Jazenjuk kannte ich seit vielen Jahren, und auch die beiden Klitschko-Brüder Vitali und Wladimir waren mir schon oft begegnet. Kennengelernt hatten wir uns vor vielen Jahren bei einer Sportveranstaltung in Hamburg. Seitdem verfolgte ich den Werdegang der beiden und war insbesondere von Vitalis Karriere und politischem Engagement in seinem Heimatland sehr beeindruckt. Mit jedem Satz widerlegten die zwei Brüder das Vorurteil, wonach es Boxer mehr in den Fäusten als in der Birne haben. Und während unserer Beratungen im Auswärtigen Amt hörte ich von meinen Kollegen nicht nur einmal das Bonmot: Im Gegensatz zu vielen anderen ukrainischen Politikern weiß man bei den Klischkos immerhin, wie sie ihre Millionen verdient haben.

Vitali, der damals 42-jährige Weltmeister im Schwergewicht, war nicht über Nacht zum Politiker geworden: Er hatte schon 2006 einmal bei der Wahl zum Bürgermeister Kiews kandidiert. Und verloren. Aber er ließ sich davon nicht beirren, sondern engagierte sich weiter für eine offene ukrainische Gesellschaft. Er tat das auch am Tag vor dem brutalen Polizeieinsatz. Da stand er auf einer Bühne am Maidan und sprach zu den Massen. Aber er widerstand der Versuchung, mit der Kraft seines Charismas die Menschen aufzuwiegeln. Stattdessen beruhigte er sie und mahnte zur Besonnenheit.

Die politische Laufbahn Vitali Klitschkos und sein Engagement in der Ukraine sind umso erstaunlicher, wenn man sich sein Elternhaus vergegenwärtigt: Seine Mutter stammt aus Russland, sein Vater diente in der Roten Armee, und er selbst sprach angeblich lange Zeit besser Russisch als Ukrainisch. Sein Erfolg als Boxer jedoch öffnete ihm nicht nur die Tür in den Westen, sondern auch die Augen: Er sah die Lebensqualität in Deutschland und den Vereinigten Staaten. Oder auch der Nachbarn in Polen, denen es noch im Jahr, als der Eiserne Vorhang fiel, schlechter als den meisten Ukrainern gegangen war und die heute ein Ausmaß an Freiheit und Wohlstand genießen, das für die Menschen in Vitali Klitschkos Heimat schier unvorstellbar ist.

 

In der Hotelhalle versammelten sich nach unserer Ankunft immer mehr Menschen. Ich bahnte mir den Weg durch die Menge, bis ich direkt vor Arsenij Jazenjuk und Vitali Klitschko stand. Zu meiner Freude sah ich, dass Vitali seine Ehefrau Natalia und seinen Bruder Wladimir mitgebracht hatte. Wir begrüßten einander mit einem kräftigen Händedruck und zogen uns anschließend in einen fensterlosen Besprechungsraum zurück, um in Ruhe und ohne die vielen Kameras die dramatische Lage erörtern zu können.

Die Gesichter der beiden Politiker waren blass. Ich sah ihnen die Belastung der letzten Tage, die vielen schlaflosen Nächte und das nagende Gefühl der Ungewissheit an: Wie sollte es weitergehen? Präsident Janukowytsch klammerte sich an die Macht, und sein Premierminister Asarow drohte den Demonstranten unverhohlen: »Wir sind stark genug, um uns zu wehren!«

Was das bedeuten kann, hatte Vitali Klitschko mit eigenen Augen gesehen: Er stand auf dem Maidan, als die Spezialkommandos die Leute mit Steinen und Stangen traktierten. Er sah Menschen blutüberströmt in die Knie gehen und wusste: Das hier ist kein Boxkampf, das hier ist lebensgefährlich. Das hier darf um Himmels willen nicht zu einem Bürgerkrieg ausarten.

»Das Regime sucht die Eskalation«, sagten Jazenjuk und Klitschko. »Seit unserem gescheiterten Misstrauensvotum im Parlament vor zwei Tagen haben sie Oberwasser.«

Im Parlament war die Opposition bei allen Abstimmungen unterlegen. Hinzu kam, dass sich die Opposition selbst in vielen Fragen uneins war. Vitali Klitschkos Partei zum Beispiel war allenfalls die drittstärkste Kraft und hatte ohne die Unterstützung von Jazenjuk und seiner nationalliberalen Partei wahrscheinlich nicht den Hauch einer Chance. Die Regierung aber verstand es geschickt, die Opposition immer wieder zu spalten und gegeneinander aufzubringen. Divide et impera, teile und herrsche, diese zynische politische Maxime galt und funktionierte auch in der Ukraine.

»Was eint euch?«, fragte ich die beiden. »Was eint euch jenseits der Tatsache, dass ihr die Regierung ablehnt?«

Die beiden blickten sich schweigend an. Ein wenig abseits saß Vitalis Bruder Wladimir. Auch er sagte kein Wort.

»Also, was eint euch?«, fragte ich erneut.

Arsenij Jazenjuk beugte sich nach vorne, stützte sich mit den Ellenbogen auf die Knie und verschränkte seine Hände. Dann hob er den Kopf und sagte mit einem Gesichtsausdruck voller Ernsthaftigkeit und Besorgnis, dass es banal und kitschig klingen möge, so abgedroschen und so dahingesagt: Aber es sei die Sehnsucht, die sie zusammenbringe. Die Sehnsucht, endlich in einem Land mit einer Perspektive zu leben. Einem Land, das nach Fairness und Wohlstand strebe. Einem Land, das die Korruption bekämpfe. Einem Land, das keine Schlägertrupps auf wehrlose Menschen hetze, weil die eine andere Meinung als die Regierung haben. Einem Land, das von seinen Nachbarn in Frieden gelassen werde. Einem Land, dessen Gesellschaft jene Werte leben dürfe, die im Rest Europas eine Selbstverständlichkeit geworden seien.

»Danach sehnen wir uns, und darin sind wir uns auch einig.«

Die Regierung der Ukraine spielte unterdessen auf Zeit. Ihr Kalkül: Der bevorstehende Frost und die nahenden Neujahrsfeiertage sollten die Zahl der Demonstranten auf dem Maidan ausdünnen und ihren Willen brechen. Und Leonid Koschara, mein Außenministerkollege, sagte: »Solange Regierungsgebäude blockiert werden, können wir nicht ernsthaft von friedlichen Protesten reden.« Der Kampf um die Macht, das war seit dem gescheiterten Misstrauensvotum allen Beteiligten bewusst, würde nicht allein im Parlament ausgetragen werden. Der Kampf fand auf den Straßen und Plätzen Kiews statt.

Aus allen Landesteilen strömten deshalb immer mehr Menschen auf den Maidan. Unter ihnen aber befanden sich auch Extremisten, die die Gunst der Stunde für ihre Motive nutzen wollten: zerstören, kaputt schlagen, den Frust rauslassen über all das, was in ihrem Land und in ihrem Leben bisher schiefgelaufen war. Vitali Klitschko wusste das, und zu seinen bleibenden Verdiensten gehört es, die Menschen auf dem Platz immer wieder zur Besonnenheit aufgerufen zu haben.

»Unser Problem sind die Provokateure«, sagte Klitschko mit seiner ruhigen, tiefen Stimme. »Menschen, die angeheuert wurden, um Unruhe zu stiften. Sie wollen die Eskalation. Wir nicht! Wir wollen Neuwahlen. Nicht mehr, nicht weniger.«

 

Während meiner vier Jahre als Außenminister habe ich mehrfach erlebt, wie das Auge der Öffentlichkeit zu einem Mittel des politischen Handelns werden kann. In den weitaus meisten Fällen sind Diplomatie und Öffentlichkeit allerdings schwer miteinander in Einklang zu bringen. Denn Vertrauen erwächst aus Vertraulichkeit. Erst das gegenseitige Vertrauen der Akteure eröffnet ihnen den Raum für eine weitsichtige und verlässliche Politik.

Manchmal jedoch ist genau das Gegenteil richtig: die Herstellung von Öffentlichkeit zum richtigen Zeitpunkt. Am Abend des 5. Dezember 2013 war so ein Zeitpunkt. Denn am nächsten Tag würden sich in Kiew die Außenminister der insgesamt 57OSZE-Staaten zu ihrer Jahrestagung treffen. Auf der Agenda stand unter anderem die Sicherheit von Journalisten. Gerade angesichts dessen am Vorabend dieser Konferenz nicht die Demonstranten auf dem Maidan zu besuchen hätte das Vertrauen dieser Menschen in die Ideale Europas zerstört. Und zwar zu Recht, denn erst wenige Tage zuvor waren auf dem Platz Journalisten verprügelt worden, eben weil sie sich als Journalisten zu erkennen gegeben hatten.

»Gehen wir gemeinsam auf den Maidan?«, fragte Arsenij Jazenjuk.

»Ja«, sagte ich und fügte noch einen Satz hinzu, den ich tags darauf während der OSZE-Konferenz wiederholte: »Wie auf pro-europäische Kundgebungen reagiert wird, ist auch ein Gradmesser dafür, wie ernst es dem ukrainischen Vorsitz mit den in der OSZE verankerten gemeinsamen Werten ist.«

Die Dunkelheit war bereits hereingebrochen, als wir nach unserem eineinhalbstündigen Gespräch das Hotel verließen und nach draußen in die kalte Nacht traten. Beim Ausatmen quollen weiße Dampfschwaden aus unseren Mündern. Unter meinen Schuhsohlen knirschte der Kiesel. Ich klappte das Revers meines Wintermantels nach vorne und zog die Schlaufe meines Wollschals noch fester. Es schien mir in diesem Moment fast unvorstellbar, dass Menschen bei dieser Kälte über Tage und Wochen hinweg im Freien ausharren. Ich fragte mich: Wie groß muss ihre Verzweiflung sein, wie mächtig ihre Wut, wie stark ihr Wille?

Wir verließen das Grundstück des Hotels. Ich erkannte den Glockenturm der Sophienkathedrale, die seit 1990 zum Weltkulturerbe der UNESCO zählt. Was für ein majestätisches, doch in keiner Weise pompöses Gebäude. In der anderen Richtung, etwas weiter weg, schimmerten noch immer die goldenen Kuppeln des Michaelsklosters.

Was würde das Hunderte Jahre alte Gemäuer wohl alles erzählen, wenn es denn sprechen könnte: Von den unermesslichen Reichtümern, die hinter seinen Mauern einst gehortet wurden. Von den schrecklichen Hungersnöten, die die Ukraine unter Stalins Herrschaft zu durchleiden hatten. Von den vielen Verzweifelten, die an seiner Pforte gebettelt hatten. Von der Schlacht um Kiew im Spätsommer 1941 und der anschließenden Besetzung der Stadt durch die Truppen der Wehrmacht. Von seiner Sprengung durch die Kommunisten und seinem Wiederaufbau nach dem Untergang der Sowjetunion. Und vielleicht auch von jener Nacht vor einer Woche, als sich gegen vier Uhr morgens etwa zweihundert Demonstranten in das Michaelskloster flüchteten, um sich dort vor der Berkut zu verschanzen.

An einer Kreuzung bogen wir ab und gingen auf einer leicht abschüssigen Straße hinab zum Maidan. Rechts von mir Jazenjuk, links von mir die beiden Klitschko-Brüder, um uns herum zahlreiche Sicherheitsbeamte. Ich vergrub meine Hände in den Manteltaschen, und für einen Augenblick beneidete ich die beiden Klitschkos um ihre gefütterten Jacken und die dicken Stiefel, in denen ihre Beine steckten.

Der Pulk, in dem wir uns bewegten, schwoll nun immer weiter an. Wo uns zuvor nur Dutzende begleitet hatten, liefen nun bald Hunderte. »Klitschko, Klitschko«, skandierten sie und »Ruhm der Ukraine« – worauf die beiden Klischkos zurückriefen: »Ruhm den Helden!« Neben den beiden Hünen Vitali und Wladimir kam ich mir mit meinen 1,82 Meter Körpergröße wie ein Zwerg vor, und selbst meine kräftigen Sicherheitsleute wirkten im Vergleich zu den beiden fast zierlich.

»Da vorn«, deutete Vitali Klitschko mit seiner Rechten: »Der Maidan.«

Rauch stand über dem Platz. Weißer, beißender Rauch. Wir erreichten die ersten Barrikaden. Überall waren Stahltonnen und Fässer, aus denen das Feuer loderte. Daneben standen die Menschen in dicken Anoraks und Fellmützen. Manche hatten sich zum Schutz vor der Kälte Tücher vor ihr Gesicht gebunden, andere die blau-gelbe Nationalflagge der Ukraine als Schärpe um ihre Hüfte gewickelt. Wieder andere benutzten die Fahne als Stola und standen wie erstarrt vor den Feuern und wärmten sich mit ausgebreiteten Armen.

Eine regelrechte Flut von Eindrücken prasselte auf mich ein. Ich sah die weißen Plastikdächer einer Zeltstadt. Ich sah umgeworfene Absperrungen aus grauem Metall. Ich sah Männer mit Bauarbeiterhelmen, die sie zum Schutz vor den Polizeiknüppeln trugen und mit Klebefolie an ihren Kinnladen fixiert hatten. Ich sah ein Porträt von Wiktor Janukowytsch hinter Gitterstäben. Ich sah einen Jungen mit einer Gitarre. Und ich sah einen Sandhaufen, der an einen Igel erinnerte, weil aus ihm unzählige Kerzen wie Stacheln ragten und im Wind flackerten. Der ganze Platz dampfte. Die Luft roch nach gebratenem Fleisch.

Immer enger schloss sich nun der Kreis um unsere Gruppe. Die Blicke meiner Sicherheitsleute tasteten die Fassaden und Dachfirste der umliegenden Häuser ab. Die Menschen schrien und jubelten, als sie uns erkannten. Hände streckten sich nach uns, klopften uns auf die Schultern, zogen uns an den Ärmeln. Hände, überall Hände, wohin ich auch sah.

»Ruhm der Ukraine!« – »Ruhm den Helden!«

Lauter und lauter schallten die Schlachtrufe der Demonstranten. Immer mehr von ihnen drängten zu uns heran.

»Westerwelle!«

Plötzlich hörte ich aus den Lautsprechern meinen Namen.

»Westerwelle!«

Ich drehte mich um.

»Auf die Bühne!«, übersetzte Jazenjuk für mich. »Sie sollen auf die Bühne kommen.«

Der deutsche Botschafter und ich blickten uns fragend an.

»Nein«, sagte ich, und auch der Botschafter stimmte mir zu. »Das wäre ein Schritt zu weit. Ich bin gekommen, um den Demonstranten unsere Solidarität zu zeigen und in einem Konflikt zu vermitteln. Nicht, um die Regierung zu provozieren.«

Das lateinische Credo respice finem, bedenke das Ende, zählte immer zu den wesentlichen Leitlinien meiner Außenpolitik: Was im Augenblick der Euphorie richtig und wichtig erscheinen mag, entpuppt sich langfristig oft als falsch.

Als das leider beste Beispiel für die dramatischen Folgen einer allzu kurzsichtigen Politik waren mir die Reaktionen auf unser Abstimmungsverhalten im Sicherheitsrat der Vereinten Nationen im Gedächtnis geblieben, als es im Frühjahr 2011 um die Frage ging: Soll die internationale Gemeinschaft in Libyen intervenieren? Billigen wir im libyschen Bürgerkrieg den Einsatz von Waffengewalt der Völkergemeinschaft, um Zivilisten vor den Raketen des Gaddafi-Regimes zu schützen?

Angela Merkel und ich hatten damals entschieden, uns bei der Abstimmung im UNO-Sicherheitsrat zu enthalten. Denn anders als seinerzeit in Afghanistan erkannten wir in Libyen keinen Bündnisfall nach Artikel 5 des NATO-Vertrags. Deshalb traf mich auch der Vorwurf nicht, wir hätten mit unserem Stimmverhalten gegen die Bündnissolidarität verstoßen.

Bedenke das Ende! wählte ich schließlich auch als Überschrift für einen Artikel in der Süddeutschen Zeitung, in dem ich die Gründe für unsere Entscheidung darlegte.

 

Ich ging zurück über den Platz in Richtung meines Hotels. In meinem Zimmer setzte ich mich an den kleinen Schreibtisch neben dem Bett und schrieb noch einige Gedanken und Fragen in mein Notizbuch, die mich schon im Flugzeug beschäftigt hatten: Warum erlebt man die Magie einer Idee vor allem dort, wo sie noch keine Selbstverständlichkeit ist? Warum erkennen wir erst im Mangel oder im Verlust, was uns wirklich wichtig ist? Und warum hatte ich das Gefühl, in dieser Nacht in der Mitte Europas zu sein, wo ich mich doch in Wirklichkeit sehr weit im Osten, ja am äußersten Rand Europas befand?

Ich klappte das Büchlein zu, stand auf und trat an das Fenster. Ich schob den Vorhang einen Spalt zur Seite und blickte noch lange auf die Lichter der Stadt.

2 Die Auslöschung

Köln, am 29. August 2014

Ein Traum, warum nur immer wieder dieser Traum? Der Lichtkegel des Scheinwerfers streicht wie ein dicker, langer Zeigefinger durch das Zirkuszelt. In seinem gleißend hellen Schein leuchten die Gesichter der Zuschauer weiß auf, und ihre Köpfe werfen lange schwarze Schatten. Bis gerade eben noch drang der Lärm von Trommeln und Trompeten bis hierherauf unter das Dach des Zeltes. Dann aber ergreift der Direktor das Wort. Ein hochgewachsener Mann mit einem imposanten Kinn und einem Zylinder auf dem Kopf. Er bittet um Ruhe. Um Ruhe für die Akrobaten. Jetzt wird es auf einmal immer stiller in dem großen weiten Rund, und mir scheint, als versickerte das Gewirr der Stimmen, all die tausend Töne und Geräusche, im Grund der Manege.

Der Strahl des Scheinwerfers schwenkt zu mir hoch, blendet mir ins Gesicht. Ich blicke ins Schwarz, das mich umgibt, ins Schwarz, das alles schluckt.

»Spring jetzt!«, ruft Heinrich, mein Vater.

Mit dem rechten Unterarm wische ich den Schweiß von meiner Stirn. Dann greife ich nach der Schaukel, die neben dem schmalen Steg, auf dem ich hier hoch oben in der Luft stehe, befestigt ist. Ich umschließe die Stange fest mit meinen Händen. Dann blicke ich zu meinem Vater.

Er schwingt an einer zweiten Schaukel durch die Zirkuskuppel. Das Trapez hat er in seinen Kniekehlen eingeklemmt. Er schaukelt hin und her. Mal ist er mir ganz nah, mal ist er mir ganz fern. Um meine Sache gut zu machen, das hat er mir immer wieder gesagt, muss ich springen, wenn er mir nicht nah, sondern fern ist. So fern wie in diesem Augenblick.

»Und los!«

Ich strecke meinen Rücken durch, die Schultern, den Nacken, alles, mache mich so lang wie möglich, lehne mich nach hinten, hole Schwung, stoße mich mit beiden Beinen von dem Steg ab, der letzte wackelige Halt, auf dem ich noch Boden unter meinen Füßen habe. Ich spüre den Wind. Er bläst mir ins Gesicht, rauscht an meinen Ohren vorbei, fährt mir in die Haare.

Aber da sind keine Haare.

Mein Vater sagt: Wenn du fliegen willst, musst du loslassen, bevor ich dich auffange. Du wirst das schon schaffen. Du bist stark genug, mein Sohn.

Bin ich es, der sich dreht? Oder dreht sich die Welt? Steige ich? Oder falle ich? Ist da unten ein Netz? Nein, da ist kein Netz, da geht es steil hinab.

Ich falle immer tiefer in das Schwarz, das mich umgibt, das Schwarz, das alles schluckt.

Heinrich?

 

Irgendwann am frühen Nachmittag muss ich wohl eingeschlafen sein. Wie spät ist es? Ich schaue aus dem Fenster und sehe auf dem Dach des gegenüberliegenden Gebäudes einen Rettungshubschrauber. Er ist wohl gerade erst gelandet. Seine Rotorblätter drehen sich noch. Der Schall seines Motors trommelt gegen mein Fenster. Zwei Sanitäter öffnen von außen die Tür und ziehen an einer Trage. Ein dritter Sanitäter läuft über das Dach und eilt ihnen zu Hilfe. Seine Jacke bläht sich im Wind der verwirbelten Luft.

Ich drehe mich zur Seite. Ich nehme meine ganze Kraft zusammen und versuche, mich in meinem Bett aufzusetzen. Der Schlafanzug ist schon wieder durchgeschwitzt. Es ist bereits der zweite heute. Im Schrank liegt nur noch ein frischer. Das wird nicht reichen bis morgen früh.

Ich stütze mich auf meine Ellenbogen, drücke die Fersen gegen die Matratze und schiebe dann meinen Oberkörper behutsam weiter nach oben. Ich stoße mich mit meinen Händen vorsichtig von dem Laken ab, spanne meine Bauchmuskeln an und beuge mich langsam nach vorne. Meine Beine drücken weiter, noch weiter, ein kleines Stück noch – und ich habe es geschafft.

Ich sitze.

Meine Armbanduhr liegt auf der Konsole neben dem Bett. Es ist kurz vor halb drei. Das Essen ist längst abgeräumt, das Essen, von dem ich wieder einmal keinen Bissen runterbekommen habe. Ich lächle, als ich den Teller mit einer Scheibe Graubrot und der verschweißten Butter daneben sehe. Ich lächle, und zugleich wird mir speiübel. Die Schwestern, die Ärzte, sie alle meinen es ja nur gut. Keiner hier will mich zum Essen zwingen. Aber dazu verführen wollen sie mich alle. Doch ich kann kaum mehr schlucken. Die Chemotherapie hat meinen Hals und den Rachen in ein brennendes, wundes Schlachtfeld verwandelt. Alles pocht und glüht und fühlt sich an, als läge in meinem Mund ein Ballen Stacheldraht.

Neben mir piepst und blinkt es. Dutzende Lichter. Ein Summen, ein kurzes Rattern. Dann wieder Stille. Pieps. Wieder Stille. Dann erneut dieser Summton, dieser verfluchte Summton, der mich durch die Tage und Nächte begleitet. Wäre mein Leben hier auf der KMT-Station eine Partitur, dann wäre dieses Summen der Bass, der immer da ist und brummt und mir meinen Schlaf raubt. Und das Piepsen, das wären die Geigen, die mit ihren schlanken Bögen unaufhörlich in die Stille stechen.

KMT steht für das endlose Wort »Knochenmarktransplantation«. Hier aber auf der Station spricht es niemals jemand aus, alle sagen nur KMT.

Neulich habe ich mir für einen Moment überlegt, was wohl geschehen würde, wenn ich einfach den Stecker dieser Infusionsmaschine zöge. Mir die drei Schläuche unterhalb des Schlüsselbeins aus dem Brustkorb nähme und einfach ginge. Raus durch die Schleuse dieser Isolierstation, raus durch die Eingangshalle der Universitätsklinik, raus nach Köln, raus in die Welt. Raus in mein altes Leben.

Wahrscheinlich wärst du kurz danach tot, dachte ich mir.

Aber sterbe ich nicht auch so?

Vielleicht.

Vielleicht auch nicht.

Wer weiß das schon.

 

Obwohl der Morgen des heutigen Tages der eines besonderen Tages war, hatte er so begonnen wie eigentlich alle Tage auf der KMT-Station: Schwestern und Pfleger kommen rein, Schwestern und Pfleger gehen wieder raus. Flüssige Medikamente tropfen durch die Schläuche unter meinem Schlüsselbein in die Vene hinein, gleichzeitig fließt Blut durch einen anderen Schlauch heraus. Das Blut wird analysiert, unterdessen piepst und summt und rattert es.

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