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Zwischen Vernunft und purem Verlangen

PROLOG

Es gab Grenzen. Aber gerade hatte Logan einige davon überschritten. Völlig atemlos lag er auf dem Bett. Sein Körper schrie förmlich nach Sauerstoff. Sein Hirn versagte den Dienst. Der Frau, die nackt und reglos unter ihm lag, schien es auch nicht besser zu gehen. Sie atmete flach. Ein gelegentliches Beben ging durch ihren Körper – die letzten Wogen der extremen Ekstase. Bei einem prüfenden Blick musste er feststellen, dass sein Dreitagebart und seine Hände Spuren auf der zuvor makellosen Haut hinterlassen hatten.

Die Frau war eine Barbekanntschaft. Er hatte sie in einer Studentenkneipe in der Nähe seines Hotels aufgegabelt und mit auf sein Zimmer genommen. Daran erinnerte er sich immerhin noch.

Mit ihren goldbraunen Augen hatte sie direkt in seine Seele geblickt und ihn aufgefordert, sich zu nehmen, was er wollte. Wirklich alles. Diese Versuchung war unwiderstehlich gewesen. Regelrecht verfallen war er der Frau.

„Na du“, sagte er rau und strich mit dem Daumen über die geschwollenen Lippen. Die letzte Episode war wohl etwas zu heftig gewesen, wie er schuldbewusst feststellen musste. Aber die Ekstase war der reinste Wahnsinn gewesen. „Alles okay bei dir?“

Benommen schlug sie die Augen auf. Ja, sie war okay. Behutsam strich er ihr eine schwarze Strähne aus dem Gesicht und schob sie hinters Ohr. Er konnte einfach nicht die Finger von diesem bildhübschen Gesicht lassen.

Verzückt ließ er eine Hand durch das seidige Haar gleiten, das ihr bis über die Schultern fiel. „Möchtest du vielleicht etwas trinken? Oder etwas essen? Ich bestelle uns was beim Zimmerservice. Vielleicht möchtest du duschen.“ Sie musste ihm nur sagen, was sie wollte.

Ihr sinnlicher Mund verzog sich zu einem Lächeln. „Ich möchte mehr von dem, was du mir gerade gegeben hast.“

1. KAPITEL

„Du könntest mich heiraten“, sagte Max Carmichael, ohne den Blick von den Bauzeichnungen für das neue Verwaltungszentrum zu lösen, die auf Evies Zeichentisch klemmten. Es handelte sich um seine Entwürfe, und er fand sie ganz ausgezeichnet. Evie war für die Erarbeitung der Kostenaufstellung zuständig. Die Kosten dieses Bauprojekts lagen weit höher als bei allen anderen Bauaufträgen, die er bisher ausgeführt hatte.

Die Bemerkung des Mannes, der seit sechs Jahren ihr Geschäftspartner war, konsternierte sie so sehr, dass sie kurz von den Zahlenkolonnen aufsah. Max war ein Architekt mit Visionen. Evie, in ihrer Eigenschaft als Bauingenieurin, hatte die Aufgabe, seine hochfliegenden Pläne zurück auf den Boden realistischer Finanzierung zu bringen. Zusammen waren sie ein unschlagbares Team. Jedenfalls meistens …

„Hast du was gesagt, Max?“

„Allerdings“, antwortete er betont geduldig. „Ich habe dir vorgeschlagen, mich zu heiraten. Nur als verheirateter Mann komme ich vor meinem dreißigsten Geburtstag an den Treuhandfonds heran. Dreißig werde ich erst in zwei Jahren.“

„Zwei Fragen, Max: Wieso ausgerechnet ich? Und wieso gerade jetzt?“

„Die Antwort auf deine erste Frage lautet: Weil ich dich nicht liebe, und weil du mich nicht liebst.“

Evie musterte ihn aus zusammengekniffenen Augen.

„Das macht es uns leichter, uns in zwei Jahren wieder scheiden zu lassen. Und zu Punkt zwei: Es liegt im Interesse von MEP, dass du mich heiratest.“ MEP war das Akronym für Max und Evangeline Partnerschaft, also die Baufirma, die sie vor sechs Jahren gemeinsam gegründet hatten. „Dieses Projekt können wir nicht mit dem Geld aus der Portokasse stemmen.“

Ich versuche ja seit einer Woche, ihm das zu erklären, dachte Evie. Doch Max war regelrecht vernarrt in den geplanten ultramodernen Neubau des Verwaltungszentrums. Wenn sie diesen Auftrag an Land zogen, brauchten sie sich um ihr Renommee keine Sorgen mehr zu machen. Allerdings hatte die Sache einen Haken: Das Gebäude sollte direkt am Wasser gebaut werden und erforderte daher aufwändige Fundamentarbeiten. Die Kosten dafür musste MEP tragen, bis zum Abschluss der ersten Bauphase. Erst dann wurde die erste Zahlung seitens des Bauherrn fällig.

„Das Projekt ist eine Nummer zu groß für uns, Max.“

„Du denkst in zu kleinen Maßstäben“, warf er ihr vor.

„Ich denke in Maßstäben, die wir uns leisten können“, gab sie zurück. Bei MEP handelte es sich um eine kleine, solide Baufirma mit sechs Angestellten und einer Anzahl zuverlässiger Subunternehmer, auf die sie zurückgreifen konnten. Ein Großprojekt wie das Verwaltungszentrum erforderte jedoch erheblich größere Kapazitäten, sowohl personell als auch finanziell. Sollten sich Liquiditätsschwierigkeiten einstellen, müssten sie möglicherweise innerhalb weniger Monate in die Insolvenz gehen. „Wir benötigen eine Rücklage von zehn Millionen Dollar, um dieses Projekt zu stemmen, Max.“

„Wenn du mich heiratest, steht uns das Geld zur Verfügung.“

Evie machte große Augen.

Jetzt ist sie baff, dachte Max und grinste vergnügt.

Evie hatte sich wieder gefangen. „Willst du behaupten, du hättest einen Treuhandfonds von 10 Millionen Dollar?“

„Fünfzig, um genau zu sein.“

„Fünfzig … Und wieso erfahre ich das erst jetzt?“

„Na ja, weil ich ja eigentlich erst ab meinem dreißigsten Geburtstag darüber verfügen kann.“

Man sah ihm die fünfzig Millionen nicht an. Max war groß und dünn, hatte braune Augen und braunes Haar, kleidete sich leger und arbeitete hart. Er war ein hervorragender Architekt. „Eigentlich hast du es gar nicht nötig zu arbeiten“, meinte Evie.

„Ich liebe meinen Beruf, und ich will dieses Projekt an Land ziehen, Evie. Warum soll ich zehn Jahre warten, bis wir uns die Mittel für so ein Großprojekt erarbeitet haben? Das Verwaltungszentrum ist unsere große Chance. So was ergibt sich nicht so schnell wieder.“

„Das mag ja sein“, gestand sie ihm zu. „Aber wir haben unsere Firma als gleichberechtigte Partner gegründet. Du kannst doch nicht plötzlich zehn Millionen investieren, ohne dass ich meinen eigenen Beitrag leiste.“

„Betrachte das Geld als Darlehen, Evie. Als Anschubfinanzierung und für unvorhergesehene Ausgaben. Wenn das Projekt abgeschlossen ist, ziehe ich das Geld wieder aus der Firma. Ach ja, und wir müssen natürlich einen Ehevertrag schließen.“

„Wie romantisch“, flötete sie ironisch.

„Versprichst du, darüber nachzudenken?“

„Über das Geld oder die Heirat?“

„Mir hilft es, wenn ich beides zusammen betrachte“, sagte Max. „Hast du Freitag schon was vor?“

„Ich heirate dich nicht am Freitag.“

„So schnell geht das auch gar nicht. Schließlich müssen wir erst den Papierkram erledigen. Ich dachte nur, wir könnten Freitag nach Melbourne fliegen, damit ich meiner Mutter meine Verlobte vorstellen kann. Wir bleiben übers Wochenende, spielen allen das glückliche Paar vor und kommen Sonntag zurück. Heiraten können wir dann irgendwann nächste Woche. Das ist wirklich die beste Lösung, Evie. Ich habe lange darüber nachgedacht.“

„Und ich noch gar nicht.“

„Dazu hast du heute Gelegenheit.“ Als er ihren ungnädigen Blick auffing, fügte er lachend hinzu: „Okay, von mir aus kannst du auch zwei, drei Tage darüber nachdenken.“

Es dauerte eine Woche, bevor sie alle Fragen erörtert hatten, aber dann erklärte Evie sich einverstanden mit Max’ Vorschlag, allerdings nur unter der Voraussetzung, dass MEP tatsächlich Chancen hatte, die Ausschreibung für sich zu entscheiden, und dass die Ehe unmittelbar nach Max dreißigstem Geburtstag geschieden wurde. Sie war bereit, mit ihm unter einem Dach zu wohnen, bestand aber auf getrennten Schlafzimmern. Außerdem verlangte sie von Max, während der Ehe völlig enthaltsam zu leben.

Das passte ihm natürlich nicht.

Beziehungen sind erlaubt, solange sie diskret geführt werden, schlug er vor und gab zu bedenken, dass zwei Jahre eine lange Zeit waren. Evie wollte doch sicher nicht, dass er ständig frustriert und schlecht gelaunt war, oder?

Nein, das wollte sie nicht. Aber die Rolle der betrogenen Ehefrau gefiel ihr auch nicht.

Schließlich einigten sie sich darauf, dass äußerst diskret geführte Affären gestattet waren. Sollte eine außereheliche Beziehung jedoch bekannt werden, musste der untreue Ehepartner zweihundertausend Dollar Strafe zahlen.

„Wäre ich gemein und geldgierig, würde ich ein halbes Dutzend unwiderstehlicher Frauen auf dich ansetzen“, sagte Evie auf dem Weg zum Circular Quay, wo sie zu Mittag essen wollten.

„Dann hätte ich dich aber niemals gebeten, mich zu heiraten“, konterte Max, als sie aus dem Schatten eines der Hochhäuser Sydneys traten und an diesem sonnigen Sommertag Richtung Ufer spazierten. „Worauf hast du Appetit? Wie wär’s mit Meeresfrüchten?“

„Gute Idee. Übrigens sieht man dir überhaupt nicht an, dass du bald fünfzig Millionen Dollar reicher bist.“

Max blieb mitten auf der Promenade stehen, hob das Kinn, kniff die Augen zusammen und betrachtete abschätzend das Nachbarhochhaus, als erwäge er, es zu erwerben. „Ist es so besser?“

„Geht so. Es wäre hilfreich, wenn du dir mal neue Arbeitsstiefel leisten würdest.“

Nachdenklich betrachtete Max seine uralten, abgetragenen Stiefel. „Diese sind aber sehr bequem.“

„Wenigstens deine Uhr macht was her“, gestand Evie ihm zu.

„Und sie zeigt die Zeit an“, witzelte er. „Du und meine Mutter werdet euch prächtig verstehen. Das ist eine gute Voraussetzung für unsere Ehe.“

„Wenn du das sagst.“

„Liebling. Es muss heißen: Wenn du das sagst, Liebling.“

„Du armer Irrer!“

Erneut blieb Max stehen, zog Evie fest an seine Seite, hob sein Smartphone hoch und knipste ein Foto.

„Erzählst du mir mehr über deine Familie?“, bat Evie.

„Da sind meine Mutter, mein älterer Bruder und weitere Verwandte. Du lernst sie noch früh genug kennen.“

Und zwar an diesem Wochenende!

„Wie findest du es?“ Max zeigte ihr das Foto. „Ich finde, wir geben jetzt unsere Verlobung bekannt.“

„Okay.“

Max tippte noch einen passenden Text zum Verlobungsfoto ein und schickte es auf den Weg. „Etwas schwummrig ist mir schon“, gestand er.

„Wahrscheinlich hast du Hunger.“

„Ist dir nicht schwummrig?“

„Nein, erst nach einem Glas Champagner.“

Also bestellte Max im Restaurant zur Meeresfrüchteplatte auch Champagner, mit dem sie auf die Firma, den Neubau des Verwaltungszentrums und schließlich auf sich selbst anstießen.

„Dich scheint es völlig kalt zu lassen, nur aus finanziellen Gründen meine Frau zu werden“, bemerkte Max, als die zweite Flasche Champagner im Kühler stand.

„In meiner Familie ist es eben völlig normal, wegen des Geldes zu heiraten“, erklärte Evie. Ihr Vater lebte gerade mit seiner fünften Ehefrau zusammen, ihre Mutter war zum dritten Mal verheiratet.

„Warst du eigentlich noch nie verliebt?“, erkundigte er sich neugierig.

„Und du?“

„Nein.“ Max beglich die Rechnung. Er hatte schon viele Freundinnen gehabt. Doch bisher hatte keine Beziehung länger als zwei Monate gedauert.

„Einmal war ich so richtig verliebt“, erzählte Evie verträumt und stand schwankend auf. Der Champagner zeigte seine Wirkung. „Das war die beste Woche meines Lebens.“

„Wie war er denn so?“

„Groß, dunkelhaarig und perfekt. Seitdem habe ich keinen anderen Mann mehr angesehen.“

„So ein Mistkerl!“

„Das auch.“ Evie seufzte wehmütig. „Ich war damals noch sehr jung und er sehr erfahren. Die schlimmste Woche meines Lebens.“

„Ich dachte, die beste.“

„Beides.“ Erst starrte sie versonnen vor sich hin, dann lächelte sie. „Jedenfalls unvergesslich.“

„Aha.“ Hilfsbereit stützte er die schwankende Evie und führte sie die Stufen hinunter zum Bürgersteig. „Du hast einen Schwips.“

„Stimmt.“

„Ich schlage vor, wir nehmen ein Taxi zu dir nach Hause, ich sorge dafür, dass du eine Aspirin nimmst, und verabschiede mich dann. Niemand kann mir vorwerfen, ein schlechter Verlobter zu sein.“

„Vitamin B brauche ich auch noch“, sagte sie.

In diesem Moment klingelte Max’ Handy. Eine SMS war eingegangen. Max lachte amüsiert. „Von Logan. Er will wissen, ob du schwanger bist.“

„Logan?“ Bei dem Namen horchte sie sofort auf. „Wer ist das?“ Der Typ von damals hieß auch Logan. Logan Black.

„Logan ist mein Bruder. Sein Sinn für Humor ist etwas seltsam.“

„Ich kann ihn nicht leiden.“

„Dann verneine ich seine Frage mal“, meinte Max fröhlich.

Kurz darauf kam eine weitere SMS von Logan. „Er gratuliert uns.“

Nachdenklich betrachtete Logan das Handyfoto, das Max gerade geschickt hatte. Sie kann es nicht sein, dachte er. Max grinste glücklich in die Kamera. Doch Logans Blick blieb an seiner Verlobten hängen. Seidig schimmerndes nachtschwarzes Haar, mandelförmige goldbraune Augen. Sie erinnerte ihn an eine Frau, die er um jeden Preis hatte vergessen wollen.

Aber das konnte nicht sein! Solche Zufälle gab es einfach nicht! Ihr Mund wirkte auch weniger verletzlich. Trotzdem war eine gewisse Ähnlichkeit unverkennbar. Die Frau war etwas Besonderes, und sie war bildhübsch.

Sie konnte einen Mann um den Verstand bringen.

Logan hatte nicht einmal geahnt, dass Max eine feste Beziehung hatte. Allerdings wusste er, dass sein kleiner Halbbruder seit einiger Zeit versuchte, an das Treuhandvermögen zu kommen. Durch eine Heirat wäre sein Problem gelöst.

Evie hieß die Kleine. Ein hübscher Name.

Die Frau von damals hatte sich Angie genannt.

Evie. Angie. Evangeline? Wie standen die Chancen?

Erneut betrachtete Logan das Foto, das leider etwas unscharf war. Mit der Frau, die er als Angie gekannt hatte, war er eine Woche zusammen gewesen. Die meiste Zeit hatten sie im Bett, auf dem Weg ins Bett oder zwischendurch unter der Dusche verbracht. Angie war jung, experimentierfreudig und erschreckend hemmungslos gewesen. Er erinnerte sich an aufregende Rollenspiele. Verboten. Verrückt. Bondage. Immer neue Spiele hatten sie ausprobiert. Doch schließlich hatte er dem zügellosen Treiben ein Ende gesetzt und sich aus dem Staub gemacht.

Fünfundzwanzig Jahre alt war er damals gewesen. Elf Jahre waren seitdem vergangen. Doch er befürchtete, eine Wiederbegegnung mit Angie würde genauso ablaufen wie damals.

Angestrengt musterte er das Foto. War das doch jene Frau, mit der er die unvergesslichsten Stunden seines Lebens verbracht hatte? Aber das konnte doch unmöglich sein, oder? Der Kontakt war damals abgebrochen. Logan hatte keine Ahnung, wo in der Welt sie sich gerade aufhielt.

Zum zweiten Mal innerhalb von zwei Minuten schloss er aus, dass es sich bei Max’ Verlobten um Angie handeln könnte.

„Ist sie schwanger?“, fragte er Max per SMS.

„NEIN“, antwortete der umgehend. Grinsend schickte Logan seinen Glückwunsch. Auch in Großbuchstaben. Dann löschte er das Foto, damit er nicht weiter darüber rätseln konnte, ob es sich um seine Angie handelte, und wie sie heute aussähe.

Nervös ließ Evangeline Jones sich von Max aus dem Taxi helfen und den Gartenweg zum Haus seiner Mutter entlangführen. Sich auf eine Vernunftehe einzulassen war eine Sache, aber Max’ Familie die verliebte Verlobte vorzuspielen stand auf einem ganz anderen Blatt.

„Hätte ich mich bloß nicht darauf eingelassen“, stöhnte sie leise und betrachtete die elegante zweigeschossige viktorianische Villa, die sich vor ihnen erhob.

„Entspann dich!“, sagte Max beruhigend. „Falls meine Mutter eine Liebesheirat bezweifelt, würde sie uns mit ihrer Vermutung doch niemals konfrontieren.“

„Dir gegenüber vielleicht nicht“, sagte Evie. Dann öffnete sich bereits die Tür, und eine elegant gekleidete Dame breitete strahlend die Arme aus. Max schmiegte sich in die Umarmung.

Die reiche Witwe wirkte sehr gepflegt. Das grau melierte Haar war zu einem eleganten Chignon frisiert, das raffinierte Make-up ließ die Dame zehn Jahre jünger wirken. Das Parfüm duftete dezent, der Schmuck war exquisit.

Auch Evie wurde herzlich begrüßt, bevor sie eingehend von Kopf bis Fuß gemustert wurde.

„Willkommen in unserer Familie, Evangeline“, sagte Caroline schließlich mit ihrer kultivierten Stimme – offenbar ganz angetan von der Wahl ihres Sohnes. „Max erzählt ja schon seit Jahren von Ihnen. Seltsam, dass wir uns erst jetzt kennenlernen.“

„Das liegt wohl an der räumlichen Entfernung. Aber bitte nennen Sie mich Evie. Max hat mir auch von Ihnen erzählt.“

„Hoffentlich nur Gutes.“

„Selbstverständlich“, antworteten Max und Evie wie aus einem Mund.

Das gab schon mal Punkte für Harmonie.

In den sechs Jahren, die sie Max inzwischen kannte, hatte er seine Mutter nur selten erwähnt. Immerhin hatte Evie erfahren, dass sie nicht der mütterliche Typ war und in jeder Hinsicht außerordentlich hohe Ansprüche stellte, auch an ihre Ehemänner und Söhne.

„Nanu? Kein Verlobungsring?“ Fragend zog Caroline eine elegant geschwungene Augenbraue hoch.

„Noch nicht. Die Auswahl war zu groß. Ich konnte mich einfach nicht entscheiden“, behauptete Evie.

„Verstehe.“ Caroline wandte sich Max zu. „Ich mache gern einen Termin bei meinem Juwelier. Dann kannst du heute Nachmittag einen Ring aussuchen, den Evangeline am Abend auf der Cocktailparty tragen kann, die ich euch zu Ehren gebe.“

„Du solltest dir doch keine Umstände machen.“ Max stellte das Gepäck am Fuß der in den ersten Stock führenden Treppe ab.

„Meine zukünftige Schwiegertochter Freunden und Familie vorzustellen macht keine Umstände“, entgegnete seine Mutter. „In unseren Kreisen wird das erwartet, ebenso wie ein Verlobungsring. Übrigens ist dein Bruder da.“

„Hast du ihn extra herbeordert?“

„Er ist freiwillig hier“, antwortete Caroline trocken. „Dein Bruder lässt sich von niemandem etwas sagen.“

„Er ist mein Vorbild“, flüsterte Max, als sie der Dame des Hauses durch die Halle folgten.

„Ich brauche ein Cocktailkleid“, flüsterte Evie zurück.

„Kauf dir eins, während ich den Ring aussuche. Was für einen Stein hättest du gern?“

„Einen Diamant.“

„Welche Farbe?“

„Weiß.“

„Eine ausgezeichnete Wahl.“ Caroline wandte sich um. Max grinste verlegen.

„Hört wie ein Luchs“, sagte er dann mit seiner Baritonstimme in normaler Lautstärke.

„Flüstert wie ein Nebelhorn“, gab seine Mutter trocken zurück und lachte herzlich.

Die Villa war wunderschön, mit hohen Decken und allem Komfort des einundzwanzigsten Jahrhunderts. Es duftete nach dem Bienenwachs, mit dem die antiken Möbel auf Hochglanz poliert waren, und nach englischen Rosen. „Bist du verantwortlich für die Renovierung?“, fragte Evie.

Ihr ‚Verlobter‘ nickte stolz. „Ja, das war mein erstes Projekt nach dem Studium.“

„Gute Arbeit“, sagte sie anerkennend, als Caroline sie in ein geräumiges Wohnzimmer führte, das übergangslos zu einer großzügig angelegten Terrasse führte. Der Tisch dort war für vier Personen gedeckt. Duftende Rosen in erlesenen Bodenvasen zierten den Raum. Sehr farbenfroh, dachte Evie und lächelte verstohlen.

„Meine Auftraggeberin war sehr anspruchsvoll und wusste genau, was sie wollte“, erzählte Max. „Mein Ego hat ganz schön gelitten. Aber inzwischen wünschte ich, alle unsere Kunden hätten genauere Vorstellungen von ihren Bedürfnissen.“

„Von Max weiß ich, dass Sie Bauingenieurin sind“, sagte Caroline. „Macht Ihnen der Job Spaß?“

„Ich könnte mir keinen schöneren Beruf vorstellen“, schwärmte Evie.

„Begeistert Sie das neue Projekt, dieses Verwaltungszentrum, ebenso wie Max? Die Ausschreibung läuft wohl noch, oder?“

„Ja sicher. Es wäre fantastisch, den Zuschlag zu bekommen. Dann würden wir in einer ganz anderen Liga spielen. Auf so eine Gelegenheit warten wir schon lange.“

„Das ist mir bekannt.“ Caroline bedachte ihren Sohn mit einem rätselhaften Blick. „Hoffentlich lohnt sich der ganze Aufwand. Entschuldigt mich bitte einen Moment. Ich sage Amelia Bescheid, dass sie das Mittagessen servieren kann.“ Sie schwebte hinaus, bevor Evie oder Max sich dazu äußern konnten.

„Sie nimmt uns die Blitzverlobung nicht ab“, meinte Evie bekümmert.

„Abwarten. Ich glaube, sie schwankt noch.“

„Wenn du meinst. Besonders ähnlich siehst du ihr übrigens nicht“, stellte Evie dann fest.

„Ich komme wohl mehr nach meinem Vater.“

„Du meinst groß, dunkelhaarig, gutaussehend und reich?“, witzelte sie.

„Er ist nicht reich“, behauptete jemand mit tiefer Stimme hinter ihnen. „Jedenfalls noch nicht.“

Diese Stimme … Diese sexy Baritonstimme … Max hatte ja auch eine tiefe Stimme, aber sie klang anders.

Max wandte sich um. „Logan.“ Evie zwang sich, ruhig zu bleiben. Sie wusste doch, dass Max einen Bruder namens Logan hatte. Es gab viele Männer dieses Namens auf der Welt.

Langsam drehte auch Evie sich um – und erstarrte. Sie kannte den Mann. Diesen Logan, der Max’ Bruder war.

Und er kannte sie.

„Das ist mein Bruder, Evie“, sagte Max und ging auf ihn zu. „Logan, das ist Evie.“

Wie in Trance folgte sie Max, der seinen älteren Bruder gerade herzlich umarmte, und streckte ihm artig die Hand zur Begrüßung entgegen. Er war älter geworden. Die Linien in seinem Gesicht waren tiefer, markanter. Ein harter Blick aus achatschwarzen Augen traf sie.

Logan ignorierte die ausgestreckte Hand und schob seine Hände tief in die Hosentaschen.

Diese Geste kam ihr sehr bekannt vor.

„Hübscher Name“, sagte er mit seiner tiefen Stimme, als Evie die Hand zurückzog. Damals hatte sie sich ihm als Angie vorgestellt.

Den Namen hatte sie schnell abgelegt, weil er sie daran erinnerte, wie unersättlich und willig sie damals gewesen war. Völlig besessen von Logan Black. Sie konnte einfach nicht genug von ihm bekommen.

„Es ist die Kurzform von Evangeline“, erklärte sie leise und sah auf. Sofort wünschte sie, es nicht getan zu haben, denn die Wut, die sie in Logans Blick las, erschreckte sie. Ärgerte es ihn so sehr, dass sie sich damals unter falschem Namen vorgestellt hatte? Dazu hatte er keinen Grund, schließlich hatte er sich damals Logan Black genannt, nicht Logan Carmichael.

Logan ließ den Blick über ihr hübsches Designerkleid bis zu den rosa lackierten Zehennägeln gleiten, die aus den Sommersandaletten hervorlugten. „Willkommen in der Familie, Evangeline.“

Die plötzlich Spannung im Raum war Max nicht verborgen geblieben. Schützend schlang er einen Arm um Evies Taille. Zum Glück erinnerte Evie sich, dass sie seine Verlobte spielte, und schmiegte sich bereitwillig an ihn.

„Danke“, sagte sie leise und betrachtete die Knöpfe an Logans blütenweißem Hemd. Nicht zum ersten Mal suchte sie Schutz in Max’ Armen. Doch irgendwie fühlte es sich plötzlich nicht richtig an.

„Wie lange bleibst du?“, fragte Max seinen Bruder.

„Nicht lange.“

Logan fuhr sich durchs kurze Haar. Wie gebannt verfolgte Evie die Bewegung.

„Hatten Sie eine weite Anreise?“, erkundigte sie sich und wechselte das Standbein. Sie hoffte inständig, dass er am anderen Ende der Welt lebte.

„Ich bin aus meiner Niederlassung in Perth hergekommen. Der Sitz meiner Firma befindet sich in London. „Waren Sie schon mal in London, Evangeline?“

„Ja.“ Dort hatte sie ihn kennengelernt. Und völlig den Verstand verloren. „Vor einer halben Ewigkeit.“

„Hat der Besuch Ihre Erwartungen erfüllt?“, fragte er lauernd.

„Ja und nein. Einige Leute, dich ich in London getroffen habe, haben mich völlig kalt gelassen.“

Warnend funkelte Logan sie an.

Unbeeindruckt erkundigte sie sich: „Was machen Sie beruflich, Logan?“ Natürlich war es unhöflich, direkt mit der Tür ins Haus zu fallen, aber Evie war einfach neugierig. Damals hatte sich nie die Gelegenheit ergeben, persönliche Fragen zu stellen.

„Ich kaufe Sachen, zerlege sie in ihre Einzelteile und bereite sie so auf, dass ich damit Gewinne erziele.“

„Wie erfreulich“, sagte Evie. „Ich baue Sachen.“

Verblüfft beobachtete Max, wie sie sich mit Blicken maßen. Was ging hier vor sich?

„Meinst du, deine Mutter hätte etwas dagegen, wenn ich schnell meine Tasche nach oben bringe und mich etwas frischmache, Max?“

„Das Gepäck befindet sich bereits in der Suite.“ Caroline stand an der Tür. „Selbstverständlich können Sie das Badezimmer benutzen, Evie. Kommen Sie, ich zeige Ihnen, wo es ist.“

Keine fünf Minuten zuvor hätte Evie sich gescheut, allein mit Caroline Carmichael zu sein. Doch die Situation hatte sich schlagartig geändert.

Logan sah ihr nach. Er konnte nicht anders. Ihr Gang, die langen Beine, das flehende Stöhnen, als sie nackt in seinen Armen gelegen hatte, die Gefühle, die sie in ihm entfesselt hatte – plötzlich war alles wieder präsent. Er hatte einfach nicht genug von ihr bekommen können. Und sie nicht von ihm. Bestrebt, ihr alles zu geben, hatte er die Gefahr ihres wilden Treibens unterschätzt. Nur deshalb ...

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