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Zwischen Vernunft und Versuchung

1. KAPITEL

„Auf geht’s“, ermunterte Nicole Rhodes sich selbst, als sie vor der Tür des großen Bungalows ihres potenziellen Arbeitgebers ankam. Sie warf einen prüfenden Blick auf ihre dunkelblaue Strickweste, ihr weißes Tanktop und ihre khakifarbene Caprihose. Zusammen mit den weißen Sandalen wirkten die Sachen gleichzeitig cool und professionell. Beides Eigenschaften, die sie sonst selten anstrebte. Sie betrachtete sich eher als Lebenskünstlerin.

Doch heute, unmittelbar vor ihrem ersten Vorstellungsgespräch seit fünf Jahren, konnte sie dringend eine Portion Selbstvertrauen gebrauchen. Verdammte Staatshaushaltskürzungen! Ihnen hatte sie es zu verdanken, dass sie als Lehrerin sich jetzt nach einem anderen Job umsehen musste.

Sie brauchte dringend Arbeit und eine Unterkunft, und zwar so schnell wie möglich. Diese Stelle hier als Nanny bot beides und noch dazu den Vorteil, in der Nähe ihrer hochschwangeren Schwester Amanda sein zu können.

Ein professionelles Lächeln aufsetzend, klopfte sie an die Tür, die sich kurz darauf öffnete. Im Türrahmen tauchte ein halbnackter Mann auf. Oh, là, là!

Beim Anblick seines Sixpacks, seiner muskulösen behaarten Brust und seines sehnigen Halses schoss ihre Körpertemperatur sofort steil nach oben. Sein Gesicht konnte sie nicht erkennen. Es war gerade von einem grauen Baumwoll-T-Shirt verdeckt. Und das zog er nicht etwa an, sondern aus.

„Hey, Russ“, sagte der Mann mit tiefer, von dem Kleidungsstück gedämpfter Stimme. „Toll, dass du so schnell kommen konntest. Ich musste eben noch rasch wegen der Bewerberin aufräumen und habe daher nur noch zehn Minuten Zeit zum Duschen.“

Bevor Nicole etwas erwidern konnte, zog sich der Mann das T-Shirt über den Kopf und stand dann mit zerzaustem braunem Haar da. Bei ihrem Anblick spiegelten sich nacheinander Überraschung, Gereiztheit und schließlich Resignation auf seinen schönen Gesichtszügen. Seine Augenfarbe erinnerte Nikki an üppiges grünes Gras.

„Sie sind nicht zufällig Russ’ ältere Schwester?“

Nicole schüttelte den Kopf. Als sie ihre langen dunklen Haare auf dem Rücken spürte, bereute sie für einen Moment, sie nicht hochgesteckt zu haben. Das würde nämlich noch seriöser aussehen. Die nackte gebräunte Haut des Mannes vor ihr krampfhaft ignorierend, streckte sie lächelnd die Hand aus. „Nikki Rhodes, potenzielle Nanny.“

„Sie sind früh dran“, antwortete Trace Oliver schroff, während er ihr die Hand schüttelte und sie von Kopf bis Fuß musterte.

Als überzeugte Optimistin beschloss Nicole, seine Bemerkung nur als neutrale Beobachtung und nicht als Zurechtweisung aufzufassen. „Stimmt. Normalerweise wird mir meine Pünktlichkeit hoch angerechnet.“

Aus reinem Selbsterhaltungsinstinkt riss sie den Blick von seinen schönen grünen Augen los und senkte ihn zu ihrer Hand, die noch in seiner warmen lag.

„Tja, Sie sind zu früh, und manchmal ist das nicht so günstig“, antwortete Trace und zeigte demonstrativ auf seine Shorts und seine nackte Brust.

Oh Mann! Dabei hatte sie sich doch solche Mühe gegeben, ihn nicht anzustarren. Er war schließlich der Vater ihres künftigen Schützlings. Dass er einen scharfen Körper hatte, machte die Dinge nur unnötig kompliziert.

Nikki räusperte sich verlegen. „Werd’ ich mir für die Zukunft merken.“ Sie nickte in Richtung ihres silberfarbenen Wagens. „Soll ich im Auto warten, solange Sie duschen?“

„Unsinn.“ Trace trat beiseite und zog sie ins Haus. „Kommen Sie rein“, sagte er und zog rasch seine Hand aus ihrer. Er wirkte verwirrt, so als hätte er nicht bemerkt, dass ihre Hände schon eine ganze Weile ineinanderlagen.

Nikki folgte ihm ins Haus. Als sie den Blick durch das Wohnzimmer und die kleine Wohnküche schweifen ließ, fragte sie sich unwillkürlich, was er hier eigentlich hatte aufräumen müssen. Alles war makellos sauber und absolut nichts Überflüssiges stand oder lag herum. Die wenigen Möbel waren alle modern, kantig und farblich neutral. Keine anregende Umgebung für ein Baby. Das Ganze hatte den Charme einer Kaserne.

Nikki musste sich nicht lange umsehen, um zu erkennen, dass der Typ ein stark ausgeprägtes Kontrollbedürfnis hatte. Nie wieder! Sie spielte schon mit dem Gedanken, das Vorstellungsgespräch so schnell wie möglich abzubrechen. Doch dann fiel ihr wieder Amanda ein, deren Arzt ihr strikte Bettruhe verordnet hatte.

„Nehmen Sie Platz“, sagte Trace. „Ich ziehe mir nur rasch ein sauberes Hemd über.“

Ja, unbedingt. Der Anblick deiner tollen braunen Haut überfordert mich nämlich total. „Mädel, du steckst so was von in der Tinte“, murmelte Nikki vor sich hin, nachdem er Richtung Flur verschwunden war.

Auf keinen Fall durfte sie in ihrem potenziellen Arbeitgeber einen Mann sehen. Das stand sogar in ihrem Arbeitsvertrag mit der Agentur, und sie brauchte diesen Job. Sie hatte ihre Wohnung nämlich vor drei Monaten gekündigt und war bei ihrer Schwester eingezogen, deren Mann zur See fuhr. Ursprünglich, um die Anzahlung für eine Eigentumswohnung zusammenzusparen.

Das Timing war ihr damals perfekt erschienen. Sie hatte ihrer Schwester Gesellschaft leisten und ihr dabei helfen wollen, sich auf ihr erstes Baby vorzubereiten, bevor sie in ihre eigene Wohnung zog.

Doch stattdessen hatte sie die Kündigung erhalten, und ihr Schwager wurde zwei Wochen früher zurückerwartet. Tja, von wegen perfektes Timing. In Amandas kleinem Haus würde sie bald das fünfte Rad am Wagen sein, auch wenn Amanda sie nie rauswerfen würde, solange Nikki keinen neuen Job hatte.

Gott sei Dank hatte Nikki gute Zeugnisse und musste sich keine ernstlichen Sorgen um ihre Zukunft machen. Doch dieser Job hier als Nanny war der einzige, der derzeit in Paradise Pines zu haben war.

Was soll’s, sie würde das schon irgendwie hinkriegen. Leider neigte sie dazu, sich emotional zu sehr auf ihre Arbeit einzulassen – einer der Gründe, warum sie beschlossen hatte, mit kleinen Kindern zu arbeiten. Kinder waren immer sehr dankbar für ihre Zuneigung. Ihnen konnte sie gefahrlos ihr zu weiches Herz anvertrauen.

Sheriff Oliver hingegen sah nicht so aus, als gehöre das Wort „weich“ überhaupt zu seinem Wortschatz. Der Typ war ein Ordnungs-, Kontroll- und Pünktlichkeitsfreak. Wetten, dass „Struktur“ und „Disziplin“ zu seinen Lieblingswörtern gehörten? Wie kam er bloß mit einem Baby zurecht?

Babys machten Dreck, verbreiteten Chaos und waren unberechenbar, und sie brauchten viel Freiraum, um sich zu entwickeln. Disziplin und Struktur waren natürlich wichtig, aber man musste auch flexibel und kreativ sein, wenn es um Kinder ging.

Dieser Job würde nicht einfach werden. Zumal Nikki alles dafür tun würde, dass das Baby bekam, was es brauchte. Sie wusste schließlich aus eigener Erfahrung, wie einschränkend es war, einen Kontrollfreak als Elternteil zu haben.

Als Sheriff Oliver zurückkehrte, trug er Bluejeans und ein dunkelgrünes Hemd, das seine grünen Augen betonte. Er wirkte deutlich reservierter als vorhin. Sein Gesichtsausdruck war undurchdringlich – vermutlich eine Art Maske, die er der Welt gegenüber zur Schau stellte. Dass er vorhin ein wenig die Fassung verloren hatte, lag wahrscheinlich nur daran, dass sie ihn überrumpelt hatte.

„Laut der Agentur sind Sie eigentlich Vorschullehrerin“, sagte er, während er sich ihr gegenüber auf einen Sessel setzte. „Ihnen ist doch bewusst, dass Sie hier wohnen müssten?“

Anscheinend hielt er nicht viel davon, lange um den heißen Brei herumzureden. „Stimmt. Ich wurde ein Opfer der letzten Staatshaushaltskürzungen.“ Mit gespielter Gleichgültigkeit zuckte Nikki die Achseln, um ihn – und sich selbst – davon zu überzeugen, dass so ein Jobverlust im Laufe eines langen Lebens nur ein Klacks war. „Aber ich war vorher schon mal Nanny. Damit habe ich mir mein Studium finanziert.“

„Ach! Sie haben also gleichzeitig Kinder und ein Studium gemanagt? Hut ab. Die meisten Mütter schrecken davor zurück.“

„Es hat ziemlich gut funktioniert. Ich habe tagsüber auf die Kinder aufgepasst und Unikurse vor allem an den späten Nachmittagen belegt. Die Hendersons nahmen Rücksicht auf meinen Stundenplan.“

„Wie alt waren die Kinder?“

„Zwei und vier, als ich anfing.“

Sheriff Oliver warf einen Blick auf ein Blatt Papier – anscheinend eine Kopie ihres Lebenslaufes. „Warum sind Sie nach zweieinhalb Jahren dort weggegangen?“

„Weil meine Eltern bei einem Autounfall ums Leben kamen.“ Inzwischen konnte sie darüber reden, ohne dass ihr sofort die Tränen in die Augen schossen. „Meine Schwester brauchte mich damals, weil sie noch zur Highschool ging. Ich nahm mir ein Semester frei, um den Nachlass meiner Eltern zu regeln und für Amanda da zu sein.“

„Das muss sehr hart gewesen sein.“ Olivers gepresster Tonfall erinnerte Nikki daran, dass er vor einem Jahr seine Frau verloren hatte.

„Na ja, wir hatten einander, das half.“ Trotzdem war es das härteste Jahr ihres Lebens gewesen.

„Mag sein.“ Der Sheriff räusperte sich. „Dann haben Sie sich also noch nie um ein Baby gekümmert?“

„Nicht um ein dreizehn Monate altes, aber das kriege ich schon hin. Ich habe frühkindliche Pädagogik studiert, und ich liebe Kinder. Meine Schwester ist übrigens gerade schwanger, daher werde ich in sechs Wochen zum ersten Mal Tante“, fügte sie hinzu.

Sheriff Oliver verzog keine Miene. Die meisten Menschen reagierten mehr oder weniger enthusiastisch auf eine solche Nachricht, aber er nicht. Unwillkürlich fragte Nikki sich, was für ein Verhältnis er wohl zu seinem Sohn hatte und warum er erst jetzt das Sorgerecht für ihn übernommen hatte.

Bisher wusste sie nur, dass er Witwer war und dass seine Frau kurz nach der Geburt des Babys bei einem Autounfall ums Leben gekommen war. Traces Schwiegermutter hatte sich bis vor einer Woche um das Kind gekümmert.

„Warum haben Sie das Sorgerecht für Ihren Sohn eigentlich erst jetzt bekommen?“, fragte sie spontan.

Statt einer Antwort hob er nur die Augenbrauen.

Nikki zuckte die Achseln. „Ich bin immer dafür, die Dinge offen anzusprechen. Macht das Leben einfacher.“ Ihrer Erfahrung nach bekam man nämlich nur dann Antworten, wenn man Fragen stellte.

„Ich hatte immer schon das Sorgerecht“, erklärte er. „Meine Schwiegereltern haben mir nur ausgeholfen, bis ich mich hier in Paradise Pines eingelebt habe.“

Was? Dafür hatte er dreizehn Monate gebraucht?

Nikki beschloss, ihm ein bisschen auf den Zahn zu fühlen. „Ich vermute, nach dem Verlust ihrer Tochter war es Ihren Schwiegereltern ein großer Trost, ihren Enkel bei sich zu haben“, sagte sie.

Sheriff Oliver lehnte sich zurück und verschränkte die Arme vor der Brust. „Die meisten Menschen sehen das anders. Sie finden, dass ich meine Schwiegereltern ausgenutzt habe.“

Aus seiner abwehrenden Körperhaltung schloss Nikki, dass „die meisten Menschen“ mit ihrer Vermutung nicht so unrecht hatten. Doch in seiner Stimme schwang auch verletzter Stolz mit. Pflichtbewusst, wie er zu sein schien, empfand er eine solche Unterstellung vermutlich als Affront.

„Wenn ein naher Angehöriger stirbt, ist das immer sehr hart“, sagte sie mitfühlend. „Meiner Erfahrung nach kann man ein Enkelkind von seiner Großmutter allerdings nur mit einer Brechstange oder einem Sprengsatz losreißen, wenn sie es erst mal unter ihrer Obhut hatte.“

Sheriff Oliver hustete.

„Ups.“ Verlegen biss Nikki sich auf die Unterlippe. Ihre Schwester hatte sie schon öfter ermahnt, dass manche Menschen nicht viel von ihrer chronischen Direktheit hielten. „War ich nicht feinfühlig genug?“

Zu ihrer Überraschung warf Trace den Kopf in den Nacken und brach in schallendes Gelächter aus. Rasch fuhr er sich jedoch mit der Hand über das Gesicht, um sich wieder unter Kontrolle zu bringen. „Sie scheinen eine gute Menschenkenntnis zu haben“, sagte er trocken. Obwohl die Wahrheit irgendwo zwischen dem lag, was die Leute dachten, und der Brechstange.

Nikkis brutale Ehrlichkeit gefiel ihm. Ihr Mitgefühl war jedoch schon erheblich schwerer zu ertragen. Aber vermutlich lag das daran, dass sie selbst jemanden verloren hatte.

„Ich glaube, dass Sie zu streng mit sich selbst sind“, sagte Nikki. „Die Arbeit eines Sheriffs ist bestimmt nicht leicht mit einem Neugeborenen zu vereinbaren.“

„Damals war ich noch nicht Sheriff, sondern Mordermittler für eine multinationale Sondereinheit. Ich wurde erst vor einem Dreivierteljahr versetzt.“

„Klingt wichtig.“

„War es auch. Und wie Sie selbst gesagt haben, schwer mit einem Neugeborenen zu vereinbaren. Meine Schwiegermutter hatte mir angeboten, Carmichael bei sich aufzunehmen, was ich dankbar akzeptierte. Aber vor einer Woche bekam sie einen Schlaganfall, woraufhin mein Schwiegervater mit ihr nach Michigan in die Nähe ihrer Familie zog. Jetzt bin ich mit meinem Sohn allein.“

Vor Unbehagen veränderte Trace seine Sitzposition. Es war ihm ein Rätsel, warum er dieser Unbekannten so persönliche Dinge anvertraute. Das war sonst gar nicht seine Art. Aber sie sah ihn so verständnisvoll aus ihren bernsteinfarbenen klugen Augen an …

„Carmichael?“, fragte sie überrascht. „Ich dachte, Ihr Sohn heißt Michael.“

„Nein, Carmichael. Der Name kommt in der Familie meiner Schwiegermutter öfter vor.“

„Ach. In den Unterlagen der Agentur steht Michael.“

„Dann ist das verkehrt. Mein Sohn heißt schon seit seiner Geburt Carmichael.“ Trace hasste diesen Namen, hatte ihm jedoch seiner Frau zuliebe zugestimmt. Vermutlich hätte Donna ihm irgendwann einen Spitznamen gegeben, wenn sie am Leben geblieben wäre. „Seine Mutter hat den Namen ausgesucht.“

„Ach so. Na ja, Familiennamen sind eine tolle Tradition.“ Nikki Rhodes gab sich offensichtlich große Mühe, neutral zu klingen. Trace sah ihr jedoch an, wie schwer ihr das fiel.

„Der Name gefällt Ihnen nicht?“, fragte er scheinheilig. Er konnte der Versuchung, sie aufzuziehen, einfach nicht widerstehen.

Nikki lächelte ebenso tapfer wie falsch, bis ihre erfrischende Ehrlichkeit schließlich die Oberhand gewann. „Es ist einfach ein so bombastischer Name für ein kleines Baby“, sagte sie entschuldigend. „Er kann diesem großartigen Namen als Kind doch gar nicht gerecht werden. Er muss erst hineinwachsen.“

So viel Engagement für seinen Sohn, und dabei war sie ihm noch nicht einmal begegnet. Genau das, was Trace sich von einer Nanny wünschte.

„Sie sollten sich in Ihren Entscheidungen nicht von Ihren Schuldgefühlen lenken lassen“, sagte Nikki plötzlich.

Ihre Worte trafen Trace wie ein Schlag in die Magengrube. Das hatte er nun davon, sich ihr anvertraut zu haben. „Wovon um alles in der Welt reden Sie?“, fragte er gereizt.

„Von der sogenannten Scham der Überlebenden. Sie bringt rationale Menschen manchmal dazu, irrationale Entscheidungen zu treffen. Man muss sich dessen einfach nur bewusst sein. Ich schätze, dass Sie mit dem Namen Carmichael das Andenken Ihrer Frau in Ehren halten wollen, aber das tun Sie viel eher damit, dass Sie Ihrem Sohn die Zuwendung und Aufmerksamkeit schenken, die er braucht.“

„Sie sagen das, als sei das ein Kinderspiel!“

„Ist es auch.“

„Ihr Leben mag vielleicht so sein, Ms Rhodes, aber Sie haben nicht die geringste Ahnung von meinem. Was wissen Sie schon von meinen Beweggründen?“ Er holte tief Luft, als ihm bewusst wurde, wie unhöflich er gerade klingen musste. Auf der anderen Seite musste er sie ein für alle Mal in ihre Schranken verweisen. „Sie sind hier ausschließlich für Carmichael zuständig“, fügte er hinzu. „Unterlassen Sie es daher in Zukunft bitte, mich zu analysieren.“

„Selbstverständlich.“ Nikki biss sich erneut auf die Unterlippe. „Es tut mir leid. Ich wollte nur helfen.“

„Seitdem ich Vater bin, ist nichts mehr einfach. Mein Leben ist eine einzige Aneinanderreihung von Komplikationen geworden.“

Sie nickte verständnisvoll. „Kinder großzuziehen, ist keine leichte Aufgabe. Aber wenn sie genug Liebe bekommen, geht meistens alles gut.“

Liebe? Großer Gott! Wenn das stimmte, hatte er ein Problem. Um nicht über seine emotionalen Defizite nachdenken zu müssen, wechselte Trace das Thema. „Sie haben vorhin gesagt, dass Sie frühkindliche Pädagogik studiert haben. Warum arbeiten Sie dann mit älteren Kindern?“

„Auch Vorschüler entwickeln sich weiter.“ Nikki wischte sich einen Fussel von der Hose. „Ich habe gehört, dass bei Ihnen letzte Woche schon zwei Nannys gekommen und wieder gegangen sind. Wo lag das Problem?“

Trace runzelte die Stirn. „Warum wollen Sie das wissen?“

„Damit ich weiß, wonach Sie suchen.“

„Ich verstehe. Also, die erste Bewerberin war von den Arbeitszeiten überfordert. Sie kam aus San Diego und hatte Bedenken, wegen der Entfernung nicht mehr genug Freizeit zu haben. Und die zweite war mir zu dogmatisch. Sie hatte sehr genaue Ansichten über Erziehung und hat mich vor die Alternative gestellt, ihr entweder komplett freie Hand zu lassen oder mir jemand anders zu suchen. Ich entschied mich für Letzteres.“

„Gut gemacht.“ Nikki lächelte so ankerkennend, dass Trace sich auf einmal wie ein Held vorkam. Ihm fiel auf, dass sie mit ihren regelmäßigen Gesichtszügen, dem üppigen Mund und der zarten Pfirsichhaut sehr hübsch war, doch was sie so anziehend machte, war ihre Lebhaftigkeit. Sie liebte offensichtlich das Leben. Das sah man schon an ihrem strahlenden Lächeln und ihren funkelnden bernsteinfarbenen Augen. Sie strahlte eine unglaubliche Energie aus, selbst wenn sie nur auf dem Sofa saß.

Trace beobachtete, wie sie sich das hellbraune Haar über die Schultern warf und nachdenklich die schmalen dunklen Augenbrauen zusammenzog. „Leider überlassen sehr viele Eltern die Erziehung ihrer Kinder komplett anderen Menschen. So, als hätten sie nur am Rande etwas mit dem Leben ihrer Kinder zu tun.“

Ihr Tonfall ließ keinen Zweifel daran, was sie von solchen Eltern hielt. Trace beneidete sie ein wenig um ihren Idealismus. Doch er wusste es besser. „Ich bin bei der Polizei, Ms Rhodes“, sagte er. „Daher weiß ich aus erster Hand, dass Eltern oft weniger Schaden anrichten, wenn sie sich aus dem Leben ihrer Kinder heraushalten.“

„Da haben Sie natürlich recht. Aber darauf wollte ich nicht hinaus.“

„Ich weiß genau, worauf Sie hinauswollen. Dass ich seit über einem Jahr nur am Rande des Lebens meines Sohnes stehe. Aber das ist jetzt vorbei. Ich bin inzwischen für ihn verantwortlich, und daher entscheide ich, was das Beste für ihn ist.“ Und eine Vorschullehrerin anzubaggern, ganz egal wie erfrischend ehrlich und lebhaft sie war, gehörte eindeutig nicht dazu.

Was sollte er nur machen? Sie war zu jung und zu unerfahren, und noch dazu überqualifiziert. Man brauchte schließlich keinen Universitätsabschluss, um Windeln zu wechseln. Trace wollte einfach nur jemanden, der sich mit Babys auskannte und den Unterschied zwischen bloßem Zahnen und einer ernstlichen Erkrankung kannte. Auf der anderen Seite brauchte sie den Job vermutlich. „Ms Rhodes …“

„Bitte nennen Sie mich Nikki“, unterbrach sie ihn.

„Ms Rhodes“, beharrte er. „Wann können Sie anfangen?“

In diesem Augenblick klingelte das Telefon auf dem Couchtisch und weckte Carmichael, der zu weinen begann.

Trace griff nach dem Telefon. „Es tut mir leid“, sagte er, „aber ich muss da rangehen. Würde es Ihnen etwas ausmachen, an meiner Stelle nach dem Baby zu sehen?“

„Das mach ich gern!“ Eifrig sprang Nikki auf. Offensichtlich hatte sie den Job! Okay, sie war zwar nicht gerade scharf darauf, für einen Kontrollfreak zu arbeiten – aber sie würde in Amandas Nähe bleiben können, und das war gerade das Wichtigste. Sie konnte es kaum erwarten, ihrer Schwester die gute Nachricht mitzuteilen. „Welches Zimmer?“

Er nickte Richtung Flur. „Die letzte Tür rechts.“

Wie sich herausstellte, brauchte Nikki die Orientierungshilfe tatsächlich, da das Weinen bereits verstummt war. Seltsam. Ihrer Erfahrung nach wurden Babys, die Aufmerksamkeit wollten, normalerweise lauter und nicht stiller.

Sie schob die halb geöffnete Tür auf und spähte ins Zimmer. Im Raum standen nur ein Gitterbettchen und ein Wickeltisch aus Eichenholz. Die Bettdecke war dunkelblau, die Wände weiß gestrichen. Bis auf eine Stoffgiraffe im Bett war weit und breit kein Spielzeug zu sehen. Im Bett saß ein dunkelhaariges Kind, das sie aus großen traurigen Augen ansah.

Der Anblick schnitt Nikki ins Herz. Armes Baby. Wahrscheinlich vermisste es seine Großmutter.

„Hallo, Carmichael“, sagte sie leise und näherte sich ihm vorsichtig. „Ich bin Nikki.“ Sich hinhockend, legte sie lächelnd die Unterarme auf das Holzgeländer. Sie wollte erst ein paar Worte mit ihm reden, bevor sie ihn auf den Arm nahm.

Er sah sie aus großen traurigen Augen an – grün wie die seines Vaters –, machte jedoch keinerlei Anstalten, sich auf sie zu- oder von ihr wegzubewegen.

„Carmichael ist ein ganz schön stolzer Name. Eines Tages, wenn du ein Teenie bist, wirst du bestimmt jede Silbe hassen.“ Um ihm Zeit zu geben, sich an sie zu gewöhnen, zwickte sie ihn spielerisch in die Nase. „Vorerst werde ich dich Mickey nennen.“

Seine Mundwinkel verzogen sich zu einem schwachen Lächeln.

„Gefällt dir das?“, fragte Nikki glücklich. „Magst du den Namen Mickey? Ja?“ Sie zwickte ihn wieder in die Nase. „Bist du vielleicht ein Mickey-Mouse-Fan?“

Der kleine Junge krabbelte zum Geländer und setzte sich hin, wurde dann jedoch wieder ernst und sah sie wachsam an. Sie lächelte ihm aufmunternd zu, um ihm zu signalisieren, dass er keine Angst vor ihr haben musste.

Ihre Geduld machte sich bezahlt, denn plötzlich griff er nach ihrer Nase.

„Na so was“, sagte sie mit gespieltem Entsetzen. „Du bist ja ein ganz Frecher!“

Grinsend hob er wieder die Hand.

„Na warte, du, ich werde es dir heimzahlen!“ Wieder zwickte sie ihn.

Der Kleine kicherte entzückt. Nikki empfand es als echten Triumph, ihn zum Lachen gebracht zu haben. Sehr schön! Mickey konnte dringend etwas Freude in seinem Leben gebrauchen, erst recht bei diesem Vater.

Als er ihr die Ärmchen entgegenstreckte, stand sie gerührt auf und nahm ihn auf den Arm. Ja, sie würde diesen Job annehmen, allein ihm zuliebe. Liebevoll drückte sie ihn an sich. Er schlang die Arme um ihren Hals und legte das Köpfchen auf ihre Schulter. Ihr schossen die Tränen in die Augen. Es gab doch kein schöneres Gefühl als ein warmes Baby, das sich vertrauensvoll an einen schmiegte.

Als sie sich umdrehte, sah sie Trace in der Tür stehen und seinen Sohn überrascht ansehen. Anscheinend hatte er ihn lachen gehört.

„Er mag Sie“, stellte Trace verwundert fest und kam einen Schritt näher, den Blick auf seinen Sohn geheftet. „Das war gerade die Polizeiwache. Es gab einen Unfall. Ich muss dort hin. Können Sie sofort anfangen? Ich habe noch mal versucht, Russ zu erreichen, aber er geht nicht ans Telefon. Ich brauche daher dringend einen Babysitter.“

Als er den Blick wieder auf sie richtete, hatte er wieder seine undurchdringliche Maske auf. Anscheinend hatte er sich schon wieder von seiner Überraschung wegen Mickeys Lachen erholt.

„Klar kann ich auf ihn aufpassen. Wie lange werden Sie weg sein?“

Mickey wandte seinem Vater das Gesicht zu, als warte er auf eine Antwort. Er konnte kein Wort verstanden haben, aber vermutlich nahm er ihren Tonfall und die unterschwellige Spannung zwischen ihnen wahr. Instinktiv wippte sie mit ihm auf und ab.

„Keine Ahnung. Es könnte spät werden.“

„Okay, dann rufe ich meine Schwester an und sage ihr, dass ich später komme.“

Trace nickte kurz. „Gut. Danke. Ich gehe mich jetzt umziehen. Danach zeige ich Ihnen, wo alles ist.“

„Ich wechsle solange Mick… Carmichaels Windel und komme nachher ins Wohnzimmer.“

Trace nickte erneut und verschwand Richtung Flur.

Nikki legte Mickey auf den Wickeltisch. Der Kleine machte keinerlei Anstalten, sich zu bewegen oder sich wegzudrehen. Stattdessen lag er nur ruhig da und sah sie aufmerksam an. Seine Apathie war herzzerreißend.

Während sie ihn sauber machte, redete sie die ganze Zeit mit ihm. Er schien jedes Wort aufzusaugen, zeigte jedoch keinerlei Reaktion. Nikki vermutete, dass seine Großmutter ihn nach dem Verlust ihrer Tochter so überbehütet hatte, dass sie jedes Fünkchen Energie in ihm erstickt hatte. Und sein selbstbeherrschter Vater war das krasse Gegenteil. Mit seiner rigiden Erziehung würde er Mickey vermutlich jeden Sinn für Humor oder Spontaneität austreiben.

Nun ja, irgendwie würde sie schon mit Trace Oliver fertig werden. Dieses Baby hier brauchte sie.

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