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Zwischen Vernunft und Sehnsucht

PROLOG

„Du kannst uns nicht retten!“ Der heisere Schrei hallte in Declans Ohren wider. Mühsam richtete er den Blick in die Tiefe, wo unter ihm sein Bruder Adrian am Seil baumelte. „Es wird reißen!“

Sie schwebten in hundert Metern Höhe über dem Abgrund einer einsamen Schlucht. Der Wind frischte auf, und Adrian verlor allmählich die Nerven. Mit seiner Panik hatte er bereits dafür gesorgt, dass sich einer der im Felsen verankerten Haken gelockert hatte.

„Halt durch“, keuchte Declan. Seine Lunge drohte zu bersten, so viel Kraft hatte ihn sein letzter Versuch gekostet, sie beide hochzuziehen.

Er reckte den Hals und sah zu der Stelle hinauf, von der sie abgestürzt waren. Eine Lawine kleiner Geröllsplitter prasselte auf sein Gesicht nieder, seine Kehle brannte wie Feuer bei jedem Atemzug.

Hätte er seinen Bruder doch nur von dieser Kletterpartie abgehalten! Doch Adrian hatte so wild entschlossen gewirkt, dass er es nicht über sich gebracht hatte, ihn allein gehen zu lassen. Außerdem hatte er gehofft, eine gemeinsame Bergtour würde sie einander wieder näherbringen.

Nun hing ihrer beider Leben am seidenen Faden.

„Ganz ruhig, Ade. Alles wird gut.“

„Gut?“ Adrians Stimme klang schrill. „Lüg mich nicht an.“

Declan warf ihm einen beruhigenden Blick zu. „Gerade hätte ich es fast geschafft. Aller guten Dinge sind drei, wart’s ab.“

Er biss die Zähne zusammen, packte das Seil und zog sich millimeterweise hoch. Schmerzhaft gruben die rauen Fasern sich in seine wunden Handflächen, doch er zwang sich, nicht laut aufzuschreien. Schultern und Nacken steif vor Anspannung, versuchte er, sich und seinen Bruder in die Höhe zu hieven. Das Gewicht, das an ihm zerrte, drohte ihm das Rückgrat zu brechen.

„Das schaffst du nie. Unmöglich!“

Er war viel zu sehr außer Atem, um etwas zu erwidern.

„Aber vielleicht ist das gar nicht so schlimm.“ Er konnte seinen Bruder jetzt kaum noch verstehen, so laut rauschte das Blut in seinen Ohren. „Ein Absturz ist ein schneller Tod.“

„Du …“, stieß Declan mühsam hervor, „… stürzt … nicht … ab.“

„Ich habe schon öfter mit dem Gedanken gespielt. Einmal kurz das Steuer herumreißen, frontal einen Lkw rammen, und alles wäre vorbei.“

Schleppend und kaum verständlich drang Adrians Stimme zu ihm durch, überlagert vom hämmernden Schlag seines Herzens und dem brennenden Schmerz in seinen Händen. Der Schweiß, der ihm in die Augen rann, nahm ihm die Sicht.

„Es gibt nichts mehr, wofür es sich zu leben lohnt.“ Die Worte waren kaum mehr als ein Hauch im Wind. Declan war nicht sicher, ob er richtig gehört hatte. Vielleicht halluzinierte er ja schon vor Schmerzen.

„Ich habe sie verloren. Sie will einen reichen Siegertypen wie dich, keinen Versager. Sie hat mich abserviert.“

„Abserviert?“ Declans Stimme war ein heiseres Flüstern.

Er musste eine Pause einlegen, bevor er sich die Schultern ausrenkte. Seine Welt bestand nur noch aus dem rauen Seil, das ihm die Hände bis auf die Knochen aufrieb, seinen qualvoll gezerrten Muskeln und Sehnen und dem leisen, verstörenden Monolog seines Bruders im Hintergrund. Irgendetwas daran beunruhigte ihn zutiefst, doch er war zu erschöpft, um darüber nachzudenken.

Ein scharfer Windstoß versetzte das Seil in Schwingungen.

Declan schmeckte Salz und Blut auf seinen Lippen. Noch zwei Meter …

„Ich kann nicht mehr. Ich hab’s versucht, aber sie ist die einzige Frau, die ich liebe. Und sie hat mich betrogen. Es ist besser so.“

Besser so? Declan spürte, wie das Seil ruckte. Obwohl sein sonnenverbrannter Körper schweißgebadet war, lief es ihm eiskalt den Rücken herunter.

„Adrian?“

Mühsam lockerte er seine verkrampften Nackenmuskeln, beugte den Kopf und sah direkt in die vertrauten grauen Augen seines Bruders. Es lag keine Spur von Panik mehr darin, nur eine unheimliche Ruhe, die ihn schaudern ließ.

„So hat wenigstens einer von uns eine Chance. Ich kann ohne sie nicht leben.“

Jetzt erst bemerkte er, dass Adrian wie besessen an dem Seil säbelte, das sie beide verband.

„Adrian, nein!“

„Lebe wohl, Declan.“

Die Last, die auf seinen Schultern lag, war plötzlich nicht mehr da. Es war kein Laut zu hören, kein Schrei, nichts. Sekunden wurden zur Ewigkeit, bis irgendwann das gedämpfte Knacken von Zweigen aus der Tiefe zu ihm heraufdrang und er seinen Bruder aus den Augen verlor.

1. KAPITEL

Mit einem Stapel flauschiger Frotteetücher auf den Armen trat Chloe aus der Waschküche und schlug den Weg zum Badehaus ein.

Zufrieden lächelnd atmete sie den Duft nach Sonne und Lavendel ein. Es gehörte zu ihrem speziellen Service, die Wäsche draußen im Freien zu trocknen, wann immer das Wetter es zuließ.

Die vertraute Routine hatte ihr geholfen, diesen ersten kritischen Vormittag in Carinya gut zu überstehen.

Sie würde den schlimmen Erinnerungen keine Macht einräumen. Dafür war diese Stelle viel zu wichtig für sie. Außerdem hatte sie hier nichts mehr zu befürchten.

Den Anflug von Panik, der sie ergriffen hatte, als sie am frühen Morgen zum ersten Mal wieder den Personalflügel betrat, hatte sie tapfer ignoriert. Genau wie das unbehagliche Gefühl, dass eine unheimliche Gestalt sie aus einem verborgenen Winkel heraus bei der Arbeit beobachtete. Wie er es so oft getan hatte.

Es war vorbei. Er war weg, für immer. Diese Gewissheit half ihr, die finsteren Schatten der Vergangenheit zu vertreiben.

Als sie um die Hausecke bog und vom Pool her Geräusche hörte, verlangsamte sie ihre Schritte. Beim Anblick des vertrauten dunklen Kopfes, der in regelmäßigen Abständen die Wasseroberfläche durchstieß, blieb ihr fast das Herz stehen.

Aber … er ist tot!

Starr vor Schreck verfolgte sie, wie der dunkelhaarige Schwimmer eine perfekte Wende vollzog und einige Meter vom Beckenrand entfernt wieder auftauchte. Wie gebannt hing ihr Blick an dem athletischen Männerkörper, der so mühelos durchs Wasser glitt.

Halt suchend lehnte sie sich an die Hauswand. Ihre Kehle war wie zugeschnürt, ihr Herz hämmerte wild in ihrer Brust.

Er ist tot, versuchte sie sich zu beruhigen. Tot!

Und doch war sie minutenlang in dem Albtraum gefangen, der Mann, den sie zu fürchten gelernt hatte, sei zurückgekehrt.

Wieder eine Wende. Der Schwimmer schoss durch das Wasser, als gelte es, einen Rekord zu brechen.

Da erst gelang es ihr, die verstörenden Erinnerungen abzuschütteln und genauer hinzusehen. Dieser Mann wirkte größer und breitschultriger, obwohl das im Wasser natürlich täuschen konnte. Und er bewegte sich anders. Wie von einer unsichtbaren Macht getrieben, jagte er pfeilschnell durch die kristallklaren Bahnen. Präzise wie eine Maschine und doch von unbändiger Kraft erfüllt. Er sah aus, als würde er sich von nichts und niemandem aufhalten lassen.

Nicht wie jemand, der nach ein, zwei trägen Runden im Wasser den Rest des Tages mit etlichen Drinks und seinem Handy auf einer Liege am Beckenrand verbrachte.

Der Schwimmer behielt sein Tempo unvermindert bei, eine Bahn nach der anderen. Wie ein Besessener, dachte Chloe. Der Mann, den sie in Erinnerung hatte, war von nichts besessen gewesen.

Jedenfalls nicht, bis er angefangen hatte, sich für sie zu interessieren.

Aber daran wollte sie nie wieder denken.

Der Schwimmer hatte jetzt das entfernte Ende des Pools erreicht. In einer einzigen fließenden Bewegung stemmte er sich hoch und schwang sich über den Beckenrand. Glitzernde Wassertropfen liefen an seinem sonnengebräunten Körper herab, über seine muskulösen Schultern und Oberarme, seine schmalen Hüften, den festen Po.

Chloe stockte der Atem. Er war splitterfasernackt.

Und es war eindeutig nicht er. Die Kopfform, die Größe, der Körperbau, alles war anders. Dieser Mann wirkte so viel maskuliner!

Jetzt drehte er sich zur Seite. Chloe wandte den Blick ab, aber nicht schnell genug, um die Narbe nicht zu bemerken, die sich über die ganze Länge seines kräftigen Oberschenkels bis hinunter zur Wade zog.

Ihr war schwindelig vor Erleichterung, als sie ihren Irrtum erkannte. Dann erst wurde ihr siedend heiß klar, wen sie da die ganze Zeit angestarrt hatte.

Hastig stieß sie sich von der Mauer ab und setzte ihren Weg zum Badehaus fort.

„Wer ist da?“, ließ sich eine tiefe, energische Stimme vernehmen. Ohne sich umzudrehen, griff der Nackte am Pool nach einem bereitliegenden Handtuch und schlang es sich um die Hüften. Nicht hastig, sondern mit der lässigen Selbstsicherheit eines Mannes, der sich seines Körpers nicht zu schämen braucht. Und der zufällig der Eigentümer dieses mehrere Millionen Dollar teuren Anwesens war.

Widerstrebend näherte sie sich der von blühender Clematis umrankten Pergola, unter der er jetzt stand und seine Sonnenbrille aufsetzte.

Es war nicht unbedingt die Situation, die sie sich für ihr erstes Zusammentreffen mit ihm gewünscht hätte. Haushälterinnen hatten sich diskret im Hintergrund zu halten und die Privatsphäre ihres Arbeitgebers zu respektieren.

Der Anblick seines nackten, durchtrainierten Körpers hatte sie völlig durcheinandergebracht. Ein ungewohntes Hitzegefühl stieg in ihr auf. Das war ihr seit Jahren nicht passiert.

„Ich warte.“ Es klang nicht direkt schroff, aber ungeduldig.

Chloe trat auf ihn zu. Dies war nicht der passende Moment, um darüber nachzugrübeln, warum sie seit sechs Jahren zum ersten Mal wieder einen Funken sexuellen Interesses verspürte. Erst recht, wenn ihr Arbeitgeber der Auslöser war.

„Ich bin es, Ihre Haushälterin. Chloe Daniels.“ Sie wartete, bis er sich zu ihr umdrehte, klemmte sich den Stapel Frotteetücher unter den linken Arm und streckte ihm die Rechte entgegen. Nur nicht daran denken, dass sie ihn gerade noch wie eine sexhungrige Jungfer angeschmachtet hatte.

Obwohl, einen gewissen Nachholbedarf an Sex mochte sie ja haben, aber eine schmachtende Jungfer war sie nicht.

Breitbeinig stand er vor ihr, das Handtuch um die Hüften geschlungen und die dunkel getönte Sonnenbrille auf der Nase. Trotz seiner spärlichen Bekleidung strahlte er die natürliche Autorität eines erfolgreichen Mannes aus.

Ihre Aufmerksamkeit galt allerdings eher seiner körperlichen Ausstrahlung. Widerstrebend riss sie sich vom Anblick seines kräftigen sonnengebräunten Oberkörpers los, um ihm ins Gesicht zu sehen.

Aus der Nähe betrachtet war Declan Carstairs deutlich größer, sportlicher und eindrucksvoller als der Mann, mit dem sie ihn verwechselt hatte. Nur das dunkle Haar und die geschmeidigen Bewegungen bildeten ein gemeinsames Familienmerkmal.

Mit seinem dunklen Dreitagebart, der so gar nicht modisch gestylt wirkte, erinnerte er eher an einen Seeräuber als an einen hochkarätigen Wirtschaftsboss. Er hätte gut an Deck eines Dreimasters gepasst, mit einer geraubten Frau über der Schulter. Die Vorstellung verursachte ein seltsames Kitzeln in Chloes Bauch.

Vielleicht war es die Narbe auf seiner Wange, die solche Fantasien in ihr weckte. Lang und noch kaum verblasst, zog sie sich vom Auge bis hinab zum Mundwinkel.

„Wir sind einander bisher noch nicht begegnet“, erklärte sie in dem patenten Haushälterinnen-Ton, den sie sich im Laufe der Jahre angeeignet hatte und der ihr jetzt über ihre Nervosität hinweghalf. „Ich war …“

„Sie waren weg, ich weiß.“ Er musterte sie schweigend und ohne zu lächeln. Seine gerunzelte Stirn drückte Missbilligung aus.

Chloe kam sich allmählich lächerlich vor, wie sie da stand mit ihrem Stapel Handtücher auf dem Arm, die Rechte erwartungsvoll ausgestreckt. Da ihr Arbeitgeber sie offenbar nicht für würdig befand, per Handschlag begrüßt zu werden, ließ sie die Hand rasch sinken. Arroganz schien bei den Carstairs in der Familie zu liegen.

„Ein familiärer Notfall, wie ich hörte“, fügte er zu ihrer Überraschung hinzu.

Sie hatte nicht damit gerechnet, dass er so gut informiert war. Zumal sie einander nicht kannten. Sein persönlicher Assistent hatte sie seinerzeit eingestellt und ihr erklärt, dass sein Chef oft monatelang auf Reisen sei. Carinya war seit Generationen der Wohnsitz der Carstairs in den Blue Mountains, doch Declan hielt sich für gewöhnlich in Sydney auf, wenn er nicht gerade im Ausland war.

„Ganz recht, Mr Carstairs. Eine Familienangelegenheit.“

Von der sie am Morgen ihrer überstürzten Flucht aus diesem Haus allerdings noch nichts geahnt hatte. Sie hatte ihre Koffer gepackt und war in den nächstbesten Zug gestiegen. Erst danach hatte sie erfahren, dass sie gleich zwei Krisen auf einmal zu bewältigen hatte. Zumindest eine davon war mittlerweile ausgestanden.

„Können wir denn in Zukunft auf Ihre Anwesenheit zählen?“ Er hob eine seiner dunklen Augenbrauen fragend über den Rand der Sonnenbrille.

„Selbstverständlich.“ Sie war dankbar, dass sie so kurzfristig Urlaub bekommen hatte, aber seine herablassende Art ärgerte sie. „Ich bin heute früh wieder eingezogen und stehe Ihnen jederzeit zur Verfügung.“

Ihre Hoffnung, zumindest ein Lächeln zu ernten, wurde enttäuscht. Doch Chloe war es gewöhnt, sich durchzuboxen. Sie hatte ihr Selbstbewusstsein mittels einer harten Schule errungen. Unbeirrt erwiderte sie seinen Blick und versuchte, seine undurchdringliche Miene zu deuten.

Die meisten Menschen verrieten sich durch unbewusste Signale. Nicht so Declan Carstairs. Vielleicht war das der Trick, mit dem er sein gigantisches Imperium aufgebaut hatte. Er spielte mit verdeckten Karten.

Nein, nicht ganz. Der harte Zug um seinen Mund deutete auf Verärgerung, vielleicht sogar Zorn hin.

Peinlich berührt dachte Chloe daran, wie sie ihn angestarrt hatte, als er nackt aus dem Pool stieg. Mit unverhohlenem Interesse hatte sie seinen athletischen Körperbau in allen Einzelheiten studiert.

Hatte er sie dabei ertappt? Flammende Röte überzog ihre Wangen.

„Verzeihen Sie die Störung. Ich wusste nicht, dass Sie im Pool waren.“ Noch dazu nackt. „In Mr Sarkesians Nachricht hieß es, Sie würden den Vormittag in Ihrem Arbeitszimmer verbringen und ich bekäme meine Anweisungen von ihm. Es war nicht meine Absicht …“

Mit einer knappen Geste brachte er sie zum Schweigen. „David ist geschäftlich unterwegs.“ Nach kurzem, angespannten Schweigen setzte er ungeduldig hinzu: „Ist sonst noch etwas, Ms Daniels?“

„Äh, nein.“ Sie hatte gedacht, er würde noch etwas sagen. „Dann bringe ich jetzt die Handtücher ins Badehaus. Es sei denn, Sie haben noch einen Wunsch?“

Er schüttelte den Kopf, und eine Kaskade silbriger Wassertröpfchen benetzte seine braun gebrannten Schultern. Chloe konnte kaum den Blick von ihm abwenden.

Hilfe, sie tat es schon wieder!

Dabei war es gar nicht ihre Art, gut aussehende Männer anzustarren. Doch ihr Arbeitgeber, der so hart und abweisend wirkte, weckte längst vergessene Gefühle in ihr. Wie war das möglich?

Die Narbe auf seiner Wange verlieh seinen kantigen Zügen etwas Raues, Verwegenes, das ihn erst recht interessant machte.

„Nun, Ms Daniels, worauf warten Sie noch?“ Wieder diese ironisch hochgezogene Augenbraue. „Ich möchte Sie ungern von der Arbeit abhalten.“

„Natürlich, Mr Carstairs.“ Sie bemühte sich um einen würdevollen Abgang, doch innerlich war sie alles andere als ruhig.

Sie war sogar total aufgewühlt. Es war alles ein bisschen viel gewesen. Erst die panische Angst, der Mann, der sie in ihren Albträumen verfolgte, sei zurückgekehrt. Dann die überwältigende Erleichterung, als sie ihren Irrtum erkannte. Und nun die verwirrende und gänzlich unerwartete Wirkung, die ihr Arbeitgeber auf sie ausübte.

Von den Spuren seiner Verletzungen abgesehen, hatte er einen traumhaften Körper. Und war atemberaubend sexy.

Es war Jahre her, seit Chloe das letzte Mal beim Anblick eines Mannes Schmetterlinge im Bauch gespürt hatte. Man hatte ihr sogar schon vorgeworfen, sie sei kalt und gefühllos. Eine Eisprinzessin.

Auch das war eine der Erinnerungen, die sie für immer auslöschen wollte.

Aber dass sie sich nun plötzlich für ihren Chef interessieren sollte? Unmöglich. In ihrem siebenundzwanzigjährigen Leben war Mark der einzige Mann gewesen, der je ihre Leidenschaft geweckt hatte. Undenkbar, dass Declan Carstairs, reich, skrupellos und unnahbar, dieselben Gefühle in ihr hervorrufen sollte.

Mit grimmiger Miene begann sie, die gebrauchten Handtücher im Badehaus gegen frische auszutauschen.

Chloe war auf dem Rückweg zum Haus, als ein lautes Klirren sie herumfahren ließ.

Am Gartentisch unter der Pergola stand, reglos und mit erhobenem Arm, Declan Carstairs. Zu seinen Füßen lagen die Überreste eines zerbrochenen Glases.

„Schon gut, Mr Carstairs, ich hole Handfeger und Kehrblech!“, rief sie, als sie sich endlich von seinem Anblick losreißen konnte. Erstaunlicherweise interessierte sie der große, von der Sonne gebräunte Mann mit dem dunklen Haar weit mehr als die Scherben auf dem Fliesenboden.

Als sie wiederkam, hatte er sich keinen Millimeter von der Stelle gerührt. Wollte er sie etwa kontrollieren? Sie hatte schon für andere reiche Leute gearbeitet, aber eine simple Aufgabe wie diese hatte ihr noch jeder zugetraut.

Sie musste auf allen vieren um ihn herumkriechen, um die Scherben aufzukehren. Ihre sonst so flinken Bewegungen kamen ihr träge und schwerfällig vor, was zweifellos an ihrem attraktiven Arbeitgeber lag, der schweigend über ihr Tun wachte. Sogar seine nackten Füße waren sexy …

Unsinn. Wie konnten Männerfüße sexy sein?

„Ich danke Ihnen, Ms Daniels.“

Jetzt musste sie beinahe lachen. Diese Förmlichkeit, während sie seine nackten Füße bewunderte! Gut, dass er ihre Gedanken nicht lesen konnte. Aber warum ging er nicht endlich aus dem Weg?

„So, das war’s.“ Sie kehrte die letzten Splitter zusammen. „Nein, halt!“

Zu spät. Als Declan Carstairs sich umdrehte, trat er direkt mit der Ferse in eine Scherbe. Die Fliese unter seinem Fuß färbte sich hellrot, und er fluchte leise.

„Moment, da ist noch eine. So, jetzt können Sie zum Sessel gehen, Mr Carstairs.“

Er rührte sich nicht vom Fleck. Reglos wie eine Bronzestatue stand er da, während Blut aus der Wunde an seiner Ferse sickerte.

„Wären Sie wohl so liebenswürdig, mir zu helfen, Ms Daniels?“

Irritiert legte sie Handfeger und Kehrblech zur Seite und stand auf. Er würde es doch wohl schaffen, allein über die Veranda zu humpeln.

„Soll ich Sie stützen?“

Ein Anflug von Ärger zeigte sich auf seiner Miene. „Zu gütig, aber es genügt, wenn Sie mir die Hand reichen.“

Verwirrt kam Chloe seiner Bitte nach. Warm und fest schlossen sich seine langen kräftigen Finger um ihre schmale, von der Hausarbeit raue Hand. Ein Schauer durchlief Chloe, als sie die vernarbte Innenfläche seiner Hand an ihrer spürte.

Sie sah kurz zu ihm auf. Die Linien rechts und links seines Mundes verrieten, dass er mehr Zeit damit verbrachte, die Lippen zusammenzupressen als zu lächeln.

Seine Züge waren so angespannt, dass die Narbe auf seiner Wange deutlich hervortrat. Warum sagte er nichts?

„Sie sollten sich setzen, damit ich den Splitter aus Ihrem Fuß ziehen kann. Dann tut es nicht mehr so weh.“

Sein hartes zynisches Lachen ließ sie erschrocken zu den dunkel getönten Gläsern seiner Sonnenbrille blicken.

„Die Schmerzen sind mir egal.“ Er atmete langsam und kontrolliert aus. Seine Hand schloss sich fester um ihre. „Führen Sie mich einfach zum Sessel.“

„Ich soll Sie … führen?“

„Ja, verdammt! Haben Sie nicht kapiert, dass Sie es mit einem Blinden zu tun haben?“

Mit angehaltenem Atem wartete er auf die unvermeidlichen Mitleidsbekundungen. Am liebsten hätte er die Hand seiner Haushälterin weggestoßen.

Er brauchte kein Mitleid. Er brauchte auch keine Gesellschaft. Dummerweise aber brauchte er Hilfe, wenn er nicht riskieren wollte, sich noch mehr Scherben in die Füße zu treten. Oder sich an den Pfosten der Pergola ein blaues Auge zu holen und sich damit vor dieser Frau komplett lächerlich zu machen.

Bitterkeit überkam ihn, als er daran dachte, wie oft er in letzter Zeit gestolpert war. Wie vieles von dem, was er früher für selbstverständlich gehalten hatte, ihm nun nicht mehr möglich war.

„Verzeihung, aber mir war nicht klar, dass Sie blind sind.“ Zu seiner Verblüffung war ihr Ton unverändert sachlich und frei von jedem unpassenden Mitgefühl.

Schon legte sie einen Arm um seine Hüften und schob ihre Schulter unter seine Achsel. „Es geht besser, wenn ich Sie stütze.“

Er hätte dankbar sein müssen für ihre nüchterne, zupackende Art. Doch die weichen Rundungen ihrer Brust und ihrer Hüfte und der zarte Vanilleduft, der ihrem sonnenwarmen Haar entstieg, brachten ihn völlig aus der Fassung.

Wann hatte er das letzte Mal eine Frau in den Armen gehalten? Würde er es je wieder tun?

„Nein!“ Wütend schob er sie von sich. „Ich kann allein gehen, geben Sie nur die Richtung vor.“

„Wie Sie wünschen.“

Ohne ein weiteres Wort setzte sie sich in Bewegung, und er folgte ihr. Sie ging weder zu schnell noch zu langsam und machte auch nicht so ein Getue um ihn wie David, sein Assistent, dem er das erst nach Wochen hatte abgewöhnen können.

„So, da wären wir. Der Sessel steht links von Ihnen.“ Sanft zog sie Declan in die richtige Richtung und legte seine Hand auf die Lehne. Den Rest überließ sie ihm.

„Warten Sie hier, dann hole ich das Verbandszeug.“

„Ich hatte nicht vor, fortzulaufen.“

Er hörte sie leise lachen, dann war sie weg und er wieder allein.

Inzwischen hätte es ihm vertraut sein müssen, dieses Gefühl der Isolation. Das manchmal so bedrückend intensiv war, dass er Angst bekam, eines Tages wirklich allein zu sein. Mutterseelenallein und von allen verlassen in dieser Dunkelheit.

Kindisch, diese Panik. Doch noch immer schreckte er mitten in der Nacht hoch, schwer atmend und mit rasendem Herzklopfen, und griff verzweifelt in die tiefschwarze Leere, die ihn umgab.

Dabei hatte er gerade die Einsamkeit hier in den Bergen gesucht. Als Erholung von der Hektik, die ihm sein übervoller Terminkalender bescherte. Beschert hatte.

Denn damit war es nun vorbei. Trotz Davids Hilfe hatte er diverse Aufgaben an seine Mitarbeiter delegieren müssen, damit die Geschäfte weiterliefen.

Heftiger Zorn, sein ständiger Begleiter, loderte in ihm auf. Dass er überlebt hatte, machte ihn nicht glücklich, sondern erzeugte nur Trauer und Schuldgefühle in ihm. Es war eine Qual, zu wissen, dass er versagt hatte. Und noch dazu in dieser Dunkelheit gefangen zu sein. Hätte er doch …

„So, hier ist der Verbandskasten.“ Wieder diese klare melodische Stimme.

„Schön, dass Sie mich problemlos gefunden haben.“ Sein Sarkasmus war ein schlechter Dank für ihre Hilfsbereitschaft, doch Declan musste seine grenzenlose Frustration irgendwie abreagieren. Seine üblichen Methoden, überschüssige Energie abzubauen – Skifahren, Klettern und Sex – waren ihm ja leider verwehrt.

Obwohl, Sex war möglich. Er musste nur jemanden wie seine propere Haushälterin dazu bringen, eine seiner Exgeliebten anzurufen. Ob Ms Daniels die forsch-fröhliche Art dann vergehen würde?

Aber Sex aus Mitleid, darauf konnte er verzichten. Und nichts anderes wäre es.

Wieder verspürte er den lodernden Zorn, der ihn von innen her auffraß. Welche Frau würde ihn jetzt noch wollen?

Nein, er wollte kein Mitleid. Er würde nicht dankbar die Brocken aufsammeln, die andere ihm hinwarfen, jetzt, da er nur noch ein blasses Abbild seiner selbst war. Es reichte, wenn seine Ärzte glaubten, ihn mit der vagen Aussicht auf Heilung aufmuntern zu müssen. Ohne Garantie, natürlich.

„Ihr Fuß tut sicher weh.“

„Sie müssen es ja wissen.“ Schon im Krankenhaus war es ihm auf die Nerven gegangen, dass jeder ihm sagte, was das Beste für ihn sei und wie er sich zu fühlen habe. Er hatte die Klinik auf eigene Verantwortung vorzeitig verlassen und sich hierher zurückgezogen, um seine Ruhe zu haben.

„Es war nur eine Vermutung. Sie sind ziemlich unleidlich. Ich nehme mal an, dafür gibt es einen Grund.“

Seine Mundwinkel zuckten, was sich fast wie ein ...

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