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Zwischen Pflicht und Zärtlichkeit

1. KAPITEL

Sie war eine Betrügerin.

Jeder in der Nachbarschaft hielt Angela Schumacher für eine Supermutter, aber das stimmte schon seit Jahren nicht mehr. Da sie sich um zwei Jobs und drei Kinder – Olivia, Anthony und Michael – kümmern musste, war sie völlig ausgebrannt und mit den Nerven am Ende.

Angela parkte vor ihrem Haus, und während sie aus dem Wagen stieg, fielen ihr einige Strähnen ihres kinnlangen blonden Haars, das zu einem schicken Bob geschnitten war, ins Gesicht. Das schwindende Tageslicht hüllte die Szene, die sich Angela bot, in eine eigentümliche Atmosphäre. Vor der Tür stand ihre Nachbarin Zooey, die manchmal bei ihr als Babysitterin einsprang. Sie hielt Jack Levers kleinen Sohn auf dem Arm. Gleichzeitig stoppte sie Olivia, Michael und Jacks Tochter Emily, mit einer Handbewegung, während sie jemandem im Garten etwas zurief.

Besorgt, dass ihre sonst so unerschütterliche, schöne Nachbarin gestresst sein könnte, eilte Angela zu ihr. Sie hatte nie verstanden, warum Jack Lever so lange gebraucht hatte, um sich in seine hübsche, gertenschlanke Nanny zu verlieben. Aber mittlerweile waren die beiden verlobt und wollten bald heiraten, was alle im Danbury Way begeisterte.

„Jack, sei vorsichtig auf der Leiter“, rief Zooey.

„Welche Leiter?“, fragte Angela erstaunt. Was spielte sich hier eigentlich ab? Ob eine Katze aufs Dach geklettert war …? „Warum steigt Jack auf eine Leiter?“

Während sie sich Jackie auf die andere Hüfte setzte, antwortete Zooey ganz ruhig: „Wegen Anthony.“

Plötzlich fiel Angela auf, dass Anthony nicht mit den anderen Kindern vor der Tür stand. Ihr Herz raste, und ihr Mund wurde trocken. Panik durchfuhr sie. „Was stimmt nicht mit Anthony? Warum braucht ihr eine Leiter? Brennt es?“

„Nein, es brennt nicht. Er hat sich in seinem Zimmer eingeschlossen, nachdem er sich mit Olivia gestritten hat. Anthony hat ihre Steinesammlung genommen, ist damit in seinem Zimmer verschwunden und lässt niemanden zu sich.“

Das war das Stichwort für die siebenjährige Olivia, zu Angela zu rennen und sich lauthals zu beschweren. „Mummy, ich hasse ihn“, weinte sie laut. „Er hat meine Steine!“

Olivias Steinesammlung war ihr kostbarster Besitz. Vermutlich hatte Anthony sie deshalb genommen. In den letzten Monaten hatte er sich sehr verändert. In den letzten Monaten, in denen sein Vater Jerome zwei Besuchstermine nicht eingehalten hatte.

Der fünfjährige Michael war hinter seiner Schwester hergekommen und schaute seine Mutter nun mit großen Augen an. „Es ist auch mein Zimmer. Aber er lässt mich nicht rein.“

„Jack wollte nur mal ins Fenster gucken, um zu sehen, ob es ihm gut geht“, versicherte Zooey.

In diesem Moment kam Jack um das Haus herum und lächelte Angela an. „Er ist so stur, wie nur Neunjährige es sein können. Natürlich hat er mich völlig ignoriert, als ich ans Fenster geklopft habe. Aber es ist nichts Schlimmes passiert. Er sitzt auf seinem Bett, hat Kopfhörer auf und spielt GameBoy.“

„Ich weiß nicht, was ich mit ihm machen soll“, murmelte Angela. „Ich kann nun mal nicht all das ausgleichen, was Jerome versäumt.“

Nachdem sie die anderen Kinder ins Haus geschickt hatte, schaukelte Zooey den kleinen Jackie ein wenig auf dem Arm. „Vielleicht solltest du dich einmal nach dem ‚Big-Brother‘Programm im Gemeindezentrum erkundigen. Dort bieten einige Leute an, mit Kindern von sehr beschäftigten Eltern etwas zu unternehmen“ Sie blickte Jack an, als erwarte sie von ihm eine Bestätigung ihrer Worte.

Er zuckte mit den Schultern. „So hätte Anthony vielleicht einmal ein positives männliches Vorbild. Andererseits könntest du natürlich auch wieder heiraten …“ Jack schien sie necken zu wollen, und Angela wusste, dass er sie nur zum Lachen bringen wollte. Im Moment war ein Ehemann jedoch das Letzte, was sie suchte.

Ihr war allerdings klar, dass sie sich mehr mit Anthonys Problemen auseinandersetzen musste. Sie hatte sich schuldig gefühlt, als Jerome sie verlassen hatte. Es enttäuschte sie immer noch, dass er nicht verstand, was für Schätze seine Kinder waren. Deshalb hatte sie es mit ihrer Fürsorge übertrieben und besonders Anthony zu viel durchgehen lassen. Das würde jetzt aufhören, denn Anthony musste akzeptieren, dass sein Vater nicht mehr bei ihnen lebte. Und Angela würde ihm das erklären.

„Kannst du noch einige Minuten bleiben, bis ich mit Anthony geredet habe?“, bat sie Zooey.

„Kein Problem.“

Als Jack seinen Sohn von Zooey entgegennahm, gab er ihr einen schnellen Kuss. „Emily, kommst du mit mir?“

Seine Tochter, die so alt wie Olivia war, schüttelte den Kopf. „Olivia und ich müssen noch einiges besprechen.“

Jack blickte Angela fragend an.

„Sie kann gerne zum Abendessen bleiben.“

„Vielleicht können wir Jackie überreden, heute früh zu Bett zu gehen“, flüsterte Jack Zooey mit einem kleinen Abschiedskuss zu.

Angela ging ins Haus und in die Küche. Sie freute sich, dass Zooey und Jack ihr Glück gefunden hatten. Die beiden wollten am Valentinstag heiraten und wirkten wie das ideale Paar. Angela glaubte nicht, dass sie mit Jerome jemals so glücklich gewesen war.

Sie hatten geheiratet, weil sie einen Mann und eine Familie wollte. Ihre Eltern hatten sich scheiden lassen, als sie sechzehn gewesen war und ihre Adoptivschwester Megan vierzehn. Die Schwestern hatten sich gegenseitig getröstet und waren immer noch beste Freundinnen. Megan lebte sogar in der Wohnung über der Garage von Angelas Haus. Doch ihre Schwester hatte genau wie Zooey die große Liebe gefunden und würde heiraten. Und was werden sollte, wenn Megan auszog, wusste Angela nicht.

Vielleicht hatte Angela Jerome geheiratet, weil sie an die Liebe glauben wollte. Sie wollte beweisen, dass ein Mann auch länger bei der Familie bleiben konnte, als ihr Vater das getan hatte. Leider hatte sie lernen müssen, dass die meisten Männer gleich waren.

In der Küche suchte Angela nach einem Spieß. Damit eilte sie nach oben und überlegte währenddessen, was sie ihrem ältesten Kind sagen sollte.

Sie führte die Spitze des Spießes in das kleine Loch im Türknauf und öffnete das Schloss.

Seit ungefähr zwei Monaten sah Anthonys Zimmer noch chaotischer aus als früher. Michael war zwar auch nicht ordentlich – seine Socken und sein Spielzeug lagen auf dem gesamten Boden verstreut. Doch Anthonys Unordnung wirkte anders, so als hätte er sie absichtlich angerichtet. Papier lag auf dem Boden, eine halbe Banane faulte auf dem Nachttisch vor sich hin, und auf der Bettdecke türmten sich schmutzige Kleidungsstücke. Eigentlich sollten die Kinder jeden Tag ihr Bett machen, aber ihr ältester Sohn hielt sich nicht daran.

Er musste lernen, Regeln zu befolgen, selbst wenn das Leben manchmal ungerecht war.

Als Angela zum Bett ging, schaute ihr Sohn nicht einmal auf. Er hatte sich der Länge nach ausgestreckt, trug Kopfhörer und war mit dem GameBoy beschäftigt. Angela trat zu ihm und zog ihm die Stöpsel aus den Ohren.

„Hey!“

„Ich reagiere nicht auf hey. Ich höre nur auf Mom. Und wenn ich in dein Zimmer komme, dann kannst du mich ruhig ansehen.“

Bei ihrem strengen Tonfall riss Anthony die Augen auf und legte den GameBoy weg.

Sie zeigte auf das Bett. „Darf ich mich neben dich setzen?“

Ein vorsichtiger Blick.

„Dein Benehmen ist nicht in Ordnung.“

Er verzog den Mund, schwieg aber und verschränkte die Arme vor der Brust.

„Ich weiß, dass du sauer bist, weil dein Dad die letzten Besuchstermine abgesagt hat. Aber das entschuldigt nicht dein Verhalten. Wir können jederzeit darüber reden.“

„Du bist doch nie hier.“

„Ich bin so oft hier, wie ich kann, aber ich muss viel arbeiten, damit wir das Haus behalten und Kleidung und Essen kaufen können. Wenn Tante Megan auszieht und heiratet, brauchen wir mehr Geld. Vielleicht finde ich schnell einen Mieter für ihre Wohnung, aber vorher werden wir knapp bei Kasse sein.“

Anthony wirkte überrascht.

„Du sollst dir keine Sorgen machen. Wir werden es schon schaffen. Aber das ist der Grund, weshalb ich noch zusätzlich bei Felice’s Nieces arbeite. Wahrscheinlich hätte ich dir das alles schon vorher erklären sollen, aber ich vergesse manchmal, dass du älter und vernünftiger wirst.“

Als ihr Sohn wieder auf seinen GameBoy blickte und nicht antwortete, erinnerte sich Angela an Zooeys Vorschlag. „Im Gemeindezentrum gibt es ein sogenanntes Big-Brother-Programm, und ich erkundige mich mal, ob es dort nicht jemanden gibt, der etwas mit dir unternimmt.“

Dad soll etwas mit mir unternehmen“, murmelte er.

„Das weiß ich, aber wir können deinem Vater nicht vorschreiben, was er zu tun hat. Statt unglücklich zu sein, weil er nicht kommt, sollten wir die Dinge selbst in die Hand nehmen.“

„Ich will aber nichts mit einem Fremden unternehmen!“, rief Anthony und drehte sich auf die Seite. Angela seufzte. Ein weiteres Problem.

Bei Felice’s Nieces, einem Bekleidungsgeschäft für Kinder und junge Leute, war meistens viel los. Angela musste tagsüber als Büroangestellte bei einem Zahnarzt jede Menge Schreibarbeiten erledigen. Deshalb arbeitete sie abends gern in dem Geschäft. Hier hatte sie viel Kontakt zu Kindern.

Als sie ein grünes Shirt zusammenlegte, das Olivia als Weihnachtsgeschenk gefallen könnte, wurde die Tür geöffnet. Angela blickte auf.

Ihr Herz schlug schneller, als sie den Mann sah, der gerade in das Geschäft kam. Groß, blond und breitschultrig, wirkte er wie der Traummann vieler Frauen. Seine Züge waren sehr markant, und er wirkte unter den kichernden Mädchen und den rosa Kleidchen ziemlich fehl am Platz. Wie alt er war, konnte sie nicht genau schätzen. Vielleicht so alt wie sie?

Widerstrebend wandte sie sich wieder den Shirts auf dem Tisch zu. Aus den Augenwinkeln beobachtete sie, dass er zur Kasse ging und mit der Geschäftsführerin sprach. Seine breiten Schultern füllten den grünen Pullover perfekt aus, und Angela konnte sich die Muskeln darunter genau vorstellen. Die graue Jeans saß wie angegossen, und er trug teure Sportschuhe. Angela fragte sich, ob er für jemanden ein Weihnachtsgeschenk kaufen wollte.

Jetzt hör schon auf, tadelte sie sich. Als würdest du dich gerade jetzt mit jemandem einlassen wollen. Dazu noch mit einem tollen Typ, dem drei Kinder und Hypothekenzahlungen sicher Angst einjagen.

Angela stapelte die Oberteile sorgfältig aufeinander, als eine tiefe Stimme sie zusammenfahren ließ.

„Sind Sie Angela Schumacher?“

Als sie sich umwandte, blickte sie in zwei faszinierende braune Augen. Direkt vor ihr stand der gut aussehende Mann, der eben das Geschäft betreten hatte.

Es fiel ihr schwer, ein Wort hervorzubringen. „Ich bin Angela“, antwortete sie nach einer kleinen Ewigkeit.

„Mein Name ist David Moore, und ich soll Anthonys ‚Big Brother‘ sein.“ Mit diesen Worten streckte er ihr seine Hand entgegen.

„Verstehe“, erwiderte sie und wusste nicht, was sie sonst noch sagen sollte. Also ergriff sie seine Hand, und sofort wurde ihr heiß. Ihr Pulsschlag beschleunigte sich, und sie fühlte sich wieder wie ein Teenager.

Nervös zog sie ihre Hand wieder zurück. „Man sagte mir, dass Sie mich anrufen, bevor Sie bei uns vorbeikommen.“

„Ich habe angerufen. Ihre Babysitterin Zooey hat mir gesagt, dass Sie heute hier arbeiten.“

„Oh, Zooey ist meine Nachbarin, aber sie passt auf meine Kinder auf, während meine Schwester auf Dienstreise ist und …“ Sie unterbrach sich, weil sie sich albern vorkam. „Es ist etwas kompliziert.“

„Das Leben kann schon mal schwierig sein.“

Sein Lächeln berührte sie tief. Was stimmte nicht mit ihr? Nach den Erfahrungen mit ihrem Ex-Mann wollte sie doch keine neue Beziehung!

Eine ihr unbekannte Stimme flüsterte leise in ihrem Kopf: Wer redet denn von einer Beziehung? Wie wäre es mit einer heißen Affäre?

Sie merkte, dass sie rot wurde. „Wohnen Sie hier in der Nähe?“ Angela konnte immer noch nicht verstehen, warum er sich die Mühe gemacht hatte, extra hier vorbeizukommen.

„Nein, aber mein Sportgeschäft liegt gegenüber – Moore’s Sporting Goods.“

„Ihnen gehört das?“

„Richtig. Nebenbei arbeite ich noch als Footballtrainer an der High-School. So bin ich mit dem Programm des Gemeindezentrums in Berührung gekommen.“

Seine Augen schimmerten auf einmal ein wenig grün, und Angela fragte sich, wie alt er wirklich war, wieso er ein Sportgeschäft hatte und warum er als Trainer arbeitete. Dabei spielte es gar keine Rolle, was der Mann machte, oder? Sie war nur daran interessiert, dass es Anthony gut ging.

Als hätte er ihre Gedanken gelesen, holte er ein gefaltetes Blatt aus seiner Hosentasche und reichte es ihr. „Hier finden Sie meine Daten und ein paar Empfehlungen von Eltern, deren Kinder ich schon betreut habe. Wenn Sie nicht zufrieden sind, dann können Sie einen anderen Betreuer auswählen. Mir ist schon klar, dass Eltern jeden überprüfen müssen, der sich mit ihren Kindern beschäftigt.“

„Haben Sie Kinder?“

„Nein.“

Er trug keinen Ehering, obwohl auch das Angela gar nichts anging.

„Am Samstag könnte ich ein wenig Zeit mit Anthony verbringen.“

Zwei Tage blieben ihr, um seine Angaben zu überprüfen. Das sollte eigentlich reichen. „Samstagnachmittag wäre in Ordnung. Ich muss Ihnen aber gleich sagen, dass mein Sohn kein Interesse an einem Betreuer hat.“

„Vielleicht ändert er seine Meinung, wenn wir etwas unternehmen. Wir fangen einfach ganz langsam an.“

Sie blickte auf seinen Mund, und ihr wurde fast schwindelig. Ganz langsam. Ging er so auch mit Frauen um? Irgendetwas musste Bedürfnisse in ihr geweckt haben, von deren Existenz sie nicht einmal gewusst hatte.

„Ms. Schumacher? Passen diese Sachen zusammen?“, fragte Denise, eine Zwölfjährige, die häufig ohne ihre Mutter in das Geschäft kam.

„Wie ich sehe, werden Sie gebraucht“, stellte David Moore fest. „Ich will Sie nicht weiter stören. Am Samstagnachmittag komme ich vorbei.“

„Samstagnachmittag“, wiederholte Angela und erinnerte sich, dass sie Hilfe für Anthony brauchte und keine heiße Affäre.

Dann lachte sie in sich hinein. Welche Mutter von drei Kindern konnte schon eine heiße Affäre haben?

Angela rieb sich die Hände, um sie zu wärmen. In der letzten Nacht hatte es geschneit, und obwohl es erst Anfang Dezember war, lag nun eine leichte Schneedecke über allem. Sie hatte gerade etwas Zeit übrig, also brachte sie die Lichterkette um die Haustür an.

Vorsichtig stieg Angela die kleine Leiter hoch und befestigte Haken an den Türpfosten, an die sie die Lichterkette hängen wollte Sie liebte ihr hübsches altes Haus sehr. Nachdem Jerome gegangen war, hatte Angela über der Garage ein Apartment für Megan bauen lassen. Für beide Frauen war diese Lösung optimal gewesen, aber am Ende des Monats würde Megan ausziehen, und Angela musste die Kosten für das Haus allein tragen, bis sie einen neuen Mieter fand.

Als ein Fahrzeug in ihre Einfahrt fuhr und kurz darauf eine Tür zugeschlagen wurde, drehte sie sich um.

Fast hätte sie das Gleichgewicht verloren. David Moore kam mit geschmeidigen Schritten auf sie zu. Sie war überrascht, weil sie schon fast damit gerechnet hatte, dass er nicht kommen würde, obwohl seine Referenzen ihn als zuverlässig beschrieben hatten.

„Die sieht aber nicht gerade stabil aus“, meinte David und zeigte auf die Leiter.

„Ich bin gleich fertig.“

„Kommen Sie, ich helfe Ihnen. Schließlich bin ich größer.“

Ja, er war sehr groß. Von der Leiter aus konnte Angela erkennen, dass seine Haarfarbe eine Mischung aus blond und braun war. Wahrscheinlich lag es daran, dass einzelne Strähnen von der Sonne aufgehellt wurden. David Moore war sicher das ganze Jahr über gebräunt – denn zweifellos war er ein Sportler und verbrachte sicher viel Zeit im Freien.

Weil er ihr den Arm bot, hielt sie sich an ihm fest und spürte, wie stark er war. Als sie von der Leiter gestiegen war und neben David stand, kam sie sich klein und zerbrechlich vor.

„Haben Sie meine Daten überprüft?“

„Ja, alle Leute haben Sie gelobt.“

„Ich bin gern mit Kindern zusammen, und ich hoffe, dass sie auch gerne etwas mit mir unternehmen.“

Das klang jedenfalls nicht übermäßig eingebildet.

David nahm ihr den Hammer aus der Hand und stieg die Leiter hoch. „Haken?“, fragte er.

Sie nahm einige aus der Tasche und reichte sie ihm. In kürzester Zeit hatte er die Lichterkette um die Tür befestigt.

Er wandte sich ihr zu. „Ist Anthony da?“

„Er sitzt in seinem Zimmer und schmollt. Ich habe ihm gesagt, dass Sie vielleicht vorbeikommen. Mein Sohn will aber nichts mit einem ‚Big Brother‘ zu tun haben.“

Jedes Mal, wenn sie David Moore in die Augen sah, fühlte sie sich ganz überwältigt. Seinem Lebenslauf hatte sie entnommen, dass er achtundzwanzig war, drei Jahre jünger als sie. Nie hatte sie sich für jüngere Männer interessiert, aber David hatte etwas Atemberaubendes an sich.

„Wenn er von dem Programm nicht begeistert ist, sollten wir vielleicht über einen Umweg anfangen“, schlug David vor.

„Einen Umweg?“

„Die Kinder genießen den ersten Schnee und rodeln schon. Ich habe sie eben gesehen.“

Angela verstand, was er sagen wollte. „Anthony hat einen Schlitten.“

„Die Sozialarbeiterin aus dem Gemeindezentrum hat mir gesagt, dass Anthony zwei Geschwister hat. Wollen die beiden nicht mitkommen? Wenn wir gemeinsam einen Ausflug machen, gewöhnt Anthony sich vielleicht an mich.“

„Soll ich mitfahren?“

„Wollen Sie denn nicht dabei sein, wenn ich zum ersten Mal mit Anthony zusammen bin?“

Der Mann war sehr einfühlsam. „Doch, das möchte ich.“

„Dann lassen Sie uns alle zusammen Schlittenfahren gehen.

So kann ich mich vermutlich am ehesten mit Ihrem Sohn anfreunden.“

„Ich habe einige Cookies gebacken, und Kakao könnte ich auch mitnehmen.“

„Eine Frau, die noch backt!“, sagte er schmunzelnd. „Sie gehören zu einer aussterbenden Art.“

Etwas verlegen lächelte sie. „Ich koche und backe gerne. Besonders Süßes.“

David ließ den Blick über ihre taillierte grüne Wolljacke und die schwarzen Leggings gleiten. „So wie es aussieht, essen Sie aber nichts davon.“

Angela wurde rot. „Ich esse schon, aber ich bin so mit den zwei Jobs und den Kindern beschäftigt, dass ich wahrscheinlich alle Kalorien wieder verbrenne.“ Sie klappte die Leiter zusammen.

„Ich kann die nehmen. Steht sie normalerweise in der Garage?“

Angela nickte. „Gehen Sie einfach durch die Garage in die Küche. Ich rufe die Kinder und sage ihnen, dass sie sich fertigmachen sollen.“

Olivia und Michael, die gerade fernsahen, beäugten David interessiert, als ihre Mutter ihn vorstellte. Als sie dann auch noch sagte, dass sie Schlitten fahren wollten, brachen die beiden in Jubel aus und stürmten los, um sich anzuziehen.

Angela ging in den Flur und rief nach oben. „Anthony, kommst du bitte kurz zu mir? Mr. Moore ist hier.“

Anthony kam zum Treppenabsatz und blickte auf seine Mutter und David hinunter.

„Komm runter“, bat sie und hoffte, dass er sich nicht gerade jetzt weigern würde.

Als Anthony unten angekommen war, streckte David seine Hand aus. „Hi, ich bin David Moore.“

„Ich brauche keinen, der mit mir ins Kino geht oder mich wie ein Baby behandelt“, verkündete Anthony trotzig.

„Das kann ich mir denken. Du bist schließlich alt genug, um zu wissen, was du willst. Aber ich dachte, wir könnten zusammen in den Schnee gehen. In meinem Wagen habe ich ein paar Rodel. Ihr könnt aber auch euren eigenen Schlitten mitnehmen. Ich dachte, wir gehen einfach alle gemeinsam.“

Anthony blickte seine Mutter an. „Du kommst mit Schlitten fahren?“

„Ja. So alt bin ich ja schließlich auch wieder nicht.“ Sie wusste selbst nicht, warum sie das gesagt hatte.

„Du könntest dir etwas brechen“, murmelte Anthony.

David lachte. „Vielleicht sollten wir beide aufpassen, damit das nicht passiert.“

Man merkte, dass Anthony mit sich kämpfte. Er wollte nichts mit David unternehmen, aber er hatte Lust, Schlitten zu fahren. „Kommen Olivia und Michael auch mit?“

„Natürlich. Wir können alle etwas frische Luft gebrauchen“, bemerkte Angela, als wäre es nichts Besonderes, einen Ausflug zu unternehmen. Dabei machten sie das nur noch selten. Jeromes Abwesenheit war bei solchen Gelegenheiten noch deutlicher spürbar als sonst schon. Nicht, dass er ein besonderer Familienmensch gewesen wäre. Denn auch als er noch bei seiner Familie gelebt hatte, war er meist fort gewesen, entweder bei der Arbeit oder am Wochenende bei seinen eigenen Unternehmungen.

Angela hatte zu lange gebraucht, um herauszufinden, was ihr Mann trieb. Aber schließlich hatte sie in seiner Jackentasche ein Armband entdeckt und Jerome darauf angesprochen. Außerdem hatte eine Nachbarin Jerome in Begleitung einer Rothaarigen im Restaurant Entrée gesehen. Jerome hatte zwar behauptet, es habe sich um ein Geschäftsessen gehandelt, aber Angela glaubte ihm nicht. Sicher hatte er sich absichtlich mit dieser Frau gezeigt, damit Angela es herausfand. Wahrscheinlich wollte er erwischt werden, weil er keine Lust mehr auf Ehefrau und Kinder hatte. Als Angela eine Paartherapie vorschlug, hatte er sie nur ausgelacht und schlichtweg gesagt, dass er einfach nicht monogam veranlagt sei.

An jenem Abend schien er glücklich zu sein, sein Leben zu verändern. Zwei Wochen lang hatte Angela sich in den Schlaf geweint. Erst nachdem sie sich ihrer Schwester anvertraut hatte, wusste sie, dass sie ohne Jerome besser dran war. Doch er hatte sie sehr verletzt, und obwohl es schon drei Jahre her war, schmerzte diese Wunde immer noch.

„Weißt du, wo meine Stiefel sind?“, fragte Anthony und unterbrach ihre Gedanken.

„Wahrscheinlich im Keller. Während du dich umziehst, hole ich sie dir. Sag Olivia und Michael, dass sie unter ihren Parkas Pullover anziehen sollen.“

Anthony verzog das Gesicht und rannte die Treppe hoch.

Nachdem Angela die Stiefel der Kinder und ihre eigenen gefunden hatte, entdeckte sie David in der Küche, wo er gerade seine Jacke auszog.

„Wenn ich Ihnen helfe, dann kommen wir schneller weg – ehe Anthony seine Meinung wieder ändert.“

„Womit wollen Sie mir denn helfen?“

„Ich kann den Kakao kochen.“

„Gute Idee.“ Sie zeigte auf einen Schrank. „Da ist ein Milchtopf, und neben den Krügen steht das Schokoladenpulver.“

Um die Thermoskanne aus dem Oberschrank zu holen, musste sie sich auf die Zehenspitzen stellen.

„Warten Sie, ich helfe Ihnen.“ Sofort stand er hinter ihr, und sie spürte seine Stärke, seine Wärme und atmete seinen Duft nach Limone ein.

„Ich bin zu klein“, meinte sie. „Sicher hat Megan die Kanne dorthin gestellt. Sie ist größer als ich.“

„Megan?“

„Meine Schwester. Sie wohnt in dem Apartment über der Garage. Normalerweise hilft sie mir mit den Kindern, aber sie ist auf Geschäftsreise. Zooey, meine Nachbarin von gegenüber, unterstützt mich im Moment.“

Als David die Thermoskanne abstellte, berührte er Angela leicht mit dem Ellenbogen. Er stand direkt neben ihr.

Sie sollte sich zusammenreißen, denn wenn sie den ganzen Nachmittag mit dem Mann verbringen wollte, durfte sie sich nicht wie eine Idiotin benehmen.

„Mir ist aufgefallen, dass Anthony einen anderen Namen hat als Sie.“

„Nach der Scheidung habe ich meinen Mädchennamen wieder angenommen, um eine gewisse Unabhängigkeit zu zeigen.“

„Eine schlimme Scheidung?“

„Sicher hätte sie freundschaftlicher verlaufen können, aber wir haben wenigstens versucht, die Kinder an die erste Stelle zu setzen.“

„Aber ihr Ex-Mann hält sich nicht daran.“

„Jerome ist nicht besonders zuverlässig. Er hat die letzten beiden Besuchstermine mit den Kindern verpasst. Anthony hat am stärksten darauf reagiert. Ich fürchte, er glaubt, dass sein Vater ihn nicht liebt. In den vergangenen Wochen habe ich Jerome schon mehrmals angerufen und Nachrichten hinterlassen, aber er ruft nicht zurück.“

„Haben Sie sich deshalb im Gemeindezentrum gemeldet?“

„Ja. Ich bin bereit, alles auszuprobieren, denn Anthony soll nicht unter den Fehlern seiner Eltern leiden.“

David nickte und nahm sich die Dose mit dem Kakaopulver.

Da sie ihm etwas von sich berichtet hatte, wollte sie auch etwas über ihn erfahren. „Lebt Ihre Familie in der Nähe?“

„Mein Vater wohnt eine Stunde von hier entfernt, meine Schwester eine halbe Stunde. Leider sehe ich sie nicht so oft, wie ich sollte.“

„Ja, man hat immer zu viel zu tun. Seit Megan verlobt ist, bekomme ich sie auch nicht mehr so häufig zu Gesicht.“

„Wann hat sie sich verlobt?“

„Im Juli. Am Neujahrsabend wollen sie und Greg heiraten.“ Angela seufzte. „Ich werde sie vermissen, wenn sie ausgezogen ist.“

„Zieht sie weit weg?“

„Nein, sie bleibt in Rosewood, aber es wird nicht mehr das Gleiche sein. Nach der Scheidung hat sie mir sehr geholfen.“

David hörte ihr aufmerksam zu. Wann hatte das ein Mann jemals getan? Wirklich zugehört?

Er ist jünger als du, warnte die innere Stimme. Außerdem hast du drei Kinder. Als wäre der Altersunterschied nicht schon genug.

Trotzdem schaute David sie in diesem Moment an, als wären sie allein auf der Welt. Am liebsten wäre sie ihm durch sein kräftiges Haar gefahren. Der Duft seines Aftershaves reizte sie, ebenso wie die goldenen Sprenkel in seinen Augen.

Er hob einen Arm …

Wollte er ihre Wange berühren? Würde er sie gleich küssen?

Die körperliche Anziehungskraft zwischen ihnen war fast greifbar.

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