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Zwischen Liebe und Intrige

Prolog

 

"Entschuldigung, dürfte ich wohl vorbei?" Sadie Roberts verzog das Gesicht, als ihre Bitte ignoriert wurde. Mühsam versuchte sie, sich an einigen Männern vorbeizudrängen, die alle ehrfürchtig den Worten eines anderen Mannes lauschten. Was für ein Mann, dachte Sadie bewundernd und fühlte sich spontan, wenn auch ungewollt, zu dem Fremden hingezogen. Seine kraftvolle männliche Ausstrahlung wirkte geradezu unwiderstehlich auf sie.

Er war gut einen Kopf größer als der ältere Mann an seiner Seite. Seine Stimme war klar und tief, aber so sinnlich, dass Sadie allein vom Zuhören eine Gänsehaut bekam.

Sie steckte in der Menschenmenge fest, die sich durch die schmale Gasse vom einen Ende der Messe zum anderen schob, und geriet auf ihren ungewohnt hohen Absätzen gefährlich ins Schwanken. Die Schuhe, ebenso wie das auffällige Make-up, waren die Idee ihres Cousins Raoul gewesen. Unfreiwillig rückte Sadie immer näher an den arroganten Fremden heran. So nahe, dass sie ihn mit der ausgestreckten Hand hätte berühren können. Nicht, dass sie das wollte … oder doch? Erschrocken verwarf sie die verwegene Idee.

Der Mann, auf den sie so unerwartet stark reagierte, hatte die Hand erhoben, um auf seine Armbanduhr zu sehen. Eine schlanke, gebräunte Hand, sorgfältig manikürt und doch ausgesprochen männlich. Die Hand eines Mannes, der zupacken konnte, seinem Anzug nach zu urteilen aber sehr wohl in der Lage war, einen Scheck auszustellen, um andere für sich arbeiten zu lassen.

O ja, dachte Sadie, Schecks ausstellen kann er sicher gut. Er strahlte eine gewisse Arroganz aus, die Arroganz eines reichen Mannes. Arrogant war auch die Art, wie er Sadie von Kopf bis Fuß musterte. Provozierend langsam ließ er den Blick über sie gleiten, was sinnlich wirkte – und abschätzig zugleich.

Ein Stoß aus der Menge beförderte Sadie beinahe direkt in seine Arme. Sie glaubte schon, seinen Körper an ihrem zu fühlen, merkte, wie ihr heiß wurde, wie ihr der Atem stockte … Was war nur los mit ihr? Warum war sie so nervös, so unruhig? So besessen von dem Gedanken, dass sich unter dem Anzug aus feinstem Mohair, den er trug, ein aufregender Männerkörper verbarg? Ein muskulöser, sehniger …

Entschlossen verbannte sie das Bild aus ihrem Kopf. Sobald das Gedränge nachließ, nutzte sie die Gelegenheit, um sich zu entfernen. Mit erhitzten Wangen machte sie sich auf die Suche nach ihrem Cousin Raoul.

 

"Komm her, Sadie, und gönn den Jungs eine Kostprobe von unserem Duft."

Mit versteinerter Miene drehte sich Sadie zu ihrem Cousin und Kodirektor um. Sie war immer noch wütend auf Raoul, weil er sie am Morgen überredet hatte, den neuesten Duft des Hauses aufzulegen. Dieses Parfüm hatte Raouls Vater kreiert, während er kurzfristig den kleinen Familienbetrieb geleitet hatte. Noch wütender war sie auf sich selbst und ihre Gutgläubigkeit. Sie hätte ihrem Gefühl vertrauen und sich Raoul widersetzen sollen, gleich als sie den aufdringlichen Duft gerochen hatte! Stattdessen war sie in einem Anfall von Sentimentalität bereit gewesen, alles zu tun, um den Bruch zwischen ihnen zu kitten.

Sie hatte geglaubt, sie würde Raoul lediglich zur Messe begleiten, doch er hatte etwas anderes im Sinn gehabt. Ihre Kleidung, ihr Make-up, die aufgestylte Frisur, zu der er sie gedrängt hatte, waren schlimm genug und einfach nicht ihr Stil, aber im Interesse des Familienfriedens hatte sie sich widerstrebend darauf eingelassen. Wie sehr wünschte sie jetzt, sie hätte es nicht getan!

Während der letzten endlosen Stunden musste sie unzählige lüsterne Blicke, anzügliche Bemerkungen und unwillkommene Annäherungsversuche über sich ergehen lassen. Raoul hatte die männlichen Kunden ermutigt, an ihr zu schnuppern, um das neue Parfüm zu testen.

Sadie verabscheute diesen Duft. Er verkörperte alles, was sie an modernen Parfüms so hasste – er hatte keinen Charakter, keine Feinheit, keine Tiefe. Er war dünn und kalt, wo er sinnlich, warm und betörend wie edle Schokolade oder eine zarte Liebkosung hätte sein sollen. Außerdem hatte dieses Parfüm eine aufdringlich erotische Note, die Sadie so abstoßend fand, dass ihr übel war von dem Geruch.

"Mir reicht es jetzt. Ich fahre auf der Stelle ins Hotel zurück", sagte sie zornig zu ihrem Cousin, während sie einen rotgesichtigen, beleibten Kunden abwehrte, der die Nase an ihren Hals steckte.

"Was hast du denn?" fragte Raoul scheinheilig.

"Was ich habe?" Sadie atmete tief durch.

Als ihre geliebte Großmutter vor achtzehn Monaten gestorben war, hatte Sadie einen Aktienanteil von dreißig Prozent der angesehenen kleinen Parfümfirma Francine geerbt, die seit Generationen im Familienbesitz war. Zu ihrem Erbe gehörte außerdem die geheime Rezeptur für den berühmtesten Duft des Hauses.

Sadies Begeisterung über das Erbe hatte sich zunächst in Grenzen gehalten, da sie wusste, dass ihre Großmutter wegen eines Streits mit ihrem Bruder, Raouls Großvater, auf jegliche Mitwirkung in der Firma verzichtet hatte. Doch Raoul, der die restlichen Firmenanteile besaß, hatte Sadie angeboten, die familiären Zwistigkeiten beizulegen. Sie sollte nicht nur in der Geschäftsleitung mitwirken, sondern auch ihr berufliches Können in die Firma einbringen.

Aber sie hatte nicht ahnen können, wie weit Raouls Pläne für das Unternehmen von ihren eigenen idealistischen Vorstellungen abwichen.

Raoul als durchtriebener, eiskalter Geschäftsmann schreckte offenbar weder vor geschmackloser Werbung noch vor einem radikalen Bruch mit den Traditionen des Hauses zurück.

"Was ich habe?" wiederholte Sadie, ein zorniges Funkeln in den Augen. "Weißt du das wirklich nicht, Raoul? Merkst du nicht, dass du mit deinen Werbemethoden nicht nur mich, sondern auch unsere Parfüms in den Schmutz ziehst? Glaubst du, was ich gerade durchmachen musste, wird irgendeine Frau dazu bringen, unser Parfüm zu kaufen? Um sich begrapschen zu lassen von … von …"

"Von den einflussreichsten Parfümeinkäufern der Welt", sagte Raoul scharf.

"Du kannst sagen, was du willst, aber ich fahre jetzt ins Hotel zurück."

Ohne ihm Gelegenheit zur weiteren Diskussionen zu geben, ging sie zielstrebig auf den Ausgang zu.

Eigentlich hatte sie sich auf die Messe gefreut. Erst recht, als sie erfahren hatte, dass sie in Cannes stattfand, denn ganz in der Nähe lag Grasse, wo ihr Ururgroßvater einst das Parfümhaus gegründet hatte. Jetzt konnte sie es kaum erwarten, in ihr kleines Landhaus mit Meerblick in Pembrokeshire zurückzukehren und sich wieder ihrem eigenen aufblühenden Geschäft zu widmen, der Komposition edler Parfüms auf Bestellung für einen kleinen, erlesenen Kundenkreis, der durch Mund-zu-Mund-Propaganda zu ihr fand.

Nein, Großunternehmertum war nicht ihre Sache – und schon gar nicht die Art, wie Raoul sie vorgeführt hatte! Ärgerlich eilte sie den schwach beleuchteten Gang entlang. Sie war so mit ihren Gedanken beschäftigt, dass sie nicht auf die Männer achtete, die vor dem Ausgang herumstanden, bis ihr einer von ihnen in den Weg trat.

Er taxierte sie mit unverhohlenem Interesse, bevor er sich an seine Kollegen wandte mit der Aufforderung: "Kommt her, Jungs, und seht euch Raouls neuestes Angebot an."

Sadie erstarrte. Zornig, verächtlich und voller Abscheu erwiderte sie den Blick des Mannes, der sie aus zusammengekniffenen Augen anzüglich musterte. Dank ihrer Größe, einem Erbe ihres Vaters, befand sie sich zwar mit ihm auf Augenhöhe, war sich aber ihrer Verletzlichkeit als Frau unangenehm bewusst.

Die übrigen Männer scharten sich wie ein Rudel Schakale um sie – unfähig, selber Beute zu erlegen, aber nur zu gern bereit, sich auf die eines anderen zu stürzen. Einer von ihnen machte auf Französisch eine abschätzige Bemerkung über Sadie, und sie musterte ihn mit stummer Verachtung im Blick. Obwohl sie die Sprache dank ihrer französischen Großmutter fließend beherrschte, hätte sie sich niemals zu einer Antwort herabgelassen.

Sie trat einen Schritt zur Seite und ging hoch erhobenen Hauptes an den Männern vorbei. Wenn Raoul später ins Hotel zurückkehrte, würde sie ihm in aller Deutlichkeit sagen, was sie von ihm und seinen Werbemaßnahmen hielt.

Als sie schon beinahe an der Gruppe vorbei war, fasste einer der Männer nach ihrem Arm. Sadie, die ein ärmelloses schwarzes Kleid trug, riss sich schaudernd los, als sie seine Finger an ihrer nackten Haut spürte. In ihren Zorn mischte sich eine Spur von Angst. Sie ging weiter, den Blick starr auf den Ausgang gerichtet.

Daher sah sie den großen Mann nicht gleich, der plötzlich neben ihr auftauchte. Er musste zufällig an den aufdringlichen Männern vorbeigekommen sein oder zu ihnen gehört haben.

Sie sah ihn nicht, spürte aber deutlich seine Nähe wie einen mächtigen Schatten, der über sie fiel. Da wusste sie es. Unwillkürlich sah sie zu ihm hinüber. Beim Anblick seiner großen, breitschultrigen Gestalt stockte ihr der Atem. Wieder nahm sie diese ganz besondere, männliche Ausstrahlung wahr, die sie schon vorher so verwirrt hatte. Jetzt geriet sie auf ihren hohen Absätzen beinahe ins Stolpern. Dieser Mann hatte eine Wirkung auf sie, die all ihre Schutzmauern durchbrach.

Abrupt wandte sie sich ab, entschlossen, ihren Weg fortzusetzen. Zu ihrem Schrecken tippte ihr der Fremde auf die Schulter. Sie fuhr herum, doch ihr Zorn verwandelte sich in Verwunderung, als sie merkte, wie hoch sie zu ihm aufsehen musste.

Wie groß mochte er sein? Einsneunzig, einsfünfundneunzig? Mit seinem dunklen Teint und den aristokratischen Gesichtszügen sah er aus wie ein Grieche – hohe Wangenknochen, Adlernase, markantes Kinn und tiefschwarzes Haar. Seine Augen aber waren nicht warm und dunkel, sie strahlten in einem klaren Hellgrün. Und er war ausgesprochen schlank und durchtrainiert für einen griechischen Mann seines Alters. Sadie schätzte ihn auf Anfang dreißig.

Stirnrunzelnd beugte er sich in ihre Richtung und rümpfte die Nase. Sein abfälliger Blick ließ Sadie erröten.

"Ein ungewöhnliches Parfüm. Ist das Parfüm auch käuflich?" fragte er mit samtweicher Stimme und eindeutig australischem Akzent.

Jetzt reichte es Sadie, und zwar endgültig. Sie wich zurück und erwiderte scharf: "Was fällt Ihnen ein zu behaupten, ich sei käuflich? Was bilden sich Männer wie Sie eigentlich ein?"

"Männer wie ich?" Seine blassgrünen Augen glitzerten eisig. "Nun, ich will es mal so ausdrücken – bei Frauen wie Ihnen sind Männer wie ich eigen. Ich lege sowohl bei Frauen als auch bei Parfüm Wert auf Exklusivität."

Er wandte sich seinem älteren Begleiter zu, der ihn leise von der Seite ansprach, musterte Sadie aber noch einmal verächtlich.

1. Kapitel

 

"Abrakadabra – fertig ist das Hexengebräu!"

Sadie lächelte ihrer Freundin Mary zu, die mit belustigter Miene das Labor betrat.

"Was für ein wunderbarer Duft!" rief Mary begeistert.

Sadies Lächeln wurde noch strahlender. "Das ist ein Privatauftrag."

"Für einen Prominenten? Wer ist es?"

Lachend schüttelte Sadie den Kopf. "Du weißt, dass ich dir das nicht sagen kann. Das ist streng vertraulich."

"Nun, da die Presse kürzlich Wind davon bekommen hat, dass eine gewisse sehr, sehr berühmte Sängerin einen persönlichen Duft bei dir bestellt hat, darf ich wohl annehmen …"

"Keine weiteren Fragen, bitte!" Sadie wurde ernst. Jeder andere an ihrer Stelle hätte das öffentliche Ansehen genossen, das dieser Auftrag mit sich brachte, doch Sadie legte Wert auf Privatsphäre und Anonymität. Davon abgesehen …

"Hast du noch vor, nach Frankreich zu gehen?" fragte Mary.

Sadies Miene verfinsterte sich. "Raoul lässt mir keine Wahl. Er hat vor, die Firma an einen griechischen Milliardär zu verkaufen, dem ein ganzer Konzern für Luxusgüter gehört."

"Meinst du Leonardis Stapinopolous?"

"Ja. Den griechischen Zerstörer, wie ich ihn nenne."

"Du kannst ihn nicht leiden, oder?"

"Ich kann es nicht leiden, was er mit Francine vorhat!" sagte Sadie aufgebracht.

"Aber er ist ein cleverer Geschäftsmann", meinte Mary. "Sein Unternehmen ist Milliarden wert, und seit er diesen neuen Designer für Damenmoden engagiert hat, träumt doch jede Frau heimlich davon, einen seiner schicken Markenfummel zu besitzen."

"So?" fragte Sadie grimmig. "Ich bestimmt nicht. Mary, er will nicht nur das Parfümhaus kaufen, er hat es auch auf die Geheimrezeptur abgesehen, die ich von meiner Großmutter geerbt habe. Raoul drängt mich zum Verkauf, aber das kommt nicht infrage. Diesen Duft hat mein Urgroßvater für meine Urgroßmutter entworfen. Nur eine Hand voll Kunden durften ihn haben. Meine Großmutter hat ihn mir hinterlassen, weil sie wusste, dass ich ihn hüten würde. In dem Streit mit ihrem Bruder ging es genau um dasselbe, was Raoul jetzt vorhat."

"Dann flieg doch nicht nach Frankreich!" schlug Mary vor.

"Ich muss. Dreißig Prozent der Firma gehören mir, und ich werde nicht zulassen, dass Raoul sie an diesen … diesen …"

"Sexgott?" Mary bekam glänzende Augen.

"Sexgott?" fragte Sadie irritiert.

"Hast du sein Foto nicht in der Zeitung gesehen?"

Sadie schüttelte den Kopf, und Mary lächelte viel sagend. "Also, er ist wirklich etwas Besonderes. Seine Urgroßeltern waren Griechen, die in jungen Jahren nach Australien ausgewandert sind."

"Du scheinst ja gut informiert zu sein."

"Wie gesagt, er ist sehr sexy. Und ich stehe auf sexy Männer!" Mary grinste. "Warum vergräbst du dich hier in Pembroke, anstatt ein aufregendes Leben in Paris und Cannes zu führen? Du könntest in der ganzen Welt herumfliegen und unwiderstehliche Düfte für berühmte Kundinnen mixen. Was hält eigentlich Raoul von deinen Geschäften?"

"Francine produziert keine Düfte mehr auf Bestellung, von daher besteht kein Interessenkonflikt." Sie seufzte. "Aber Raoul will, dass ich einen neuen Duft für Francine kreiere. Das Parfüm, das ich auf der Messe tragen musste, war der letzte Fehlschlag seines Vaters. Laut Großmutter hatte ihr Bruder noch nie eine gute Nase, und bei ihrem Neffen scheint es nicht anders zu sein. Eigentlich würde ich liebend gern ein neues Francine-Parfüm erfinden. Das wäre traumhaft, aber …" Sadie machte eine hilflose Geste.

"Du weißt, ich mixe meine Parfüms traditionell aus natürlichen Essenzen. Raoul zieht moderne Produktionsweisen und synthetische Inhaltsstoffe vor. Wenn es nur das wäre! Ich hoffe, ich kann ihn von diesem Verkauf abhalten, Mary. Er hält zwar die Aktienmehrheit, aber wir sind eines der letzten alteingesessenen Parfümhäuser, und unser Geburtsrecht zu verkaufen für …"

"Für ein Linsengericht?" ergänzte Mary ironisch.

"Ich will nicht an diesen griechischen Multimillionär verkaufen, und das habe ich Raoul gesagt."

"Hmm. Da wir gerade von deinen Mixturen reden – wie wäre es, wenn du mal etwas für mich anrührst, das die Männer anzieht?"

"Ich mache Parfüms, keine Zauberwässerchen", sagte Sadie trocken.

Mary lächelte. "Ist das nicht dasselbe?" Als sie Sadies finstere Miene sah, wurde sie ernst. "Du hast noch etwas anderes auf dem Herzen, stimmt's?"

"Es ist alles so kompliziert, Mary. Momentan ist Francine finanziell gesehen nicht viel wert. Die Geschäfte sind so gut wie zum Erliegen gekommen, und das Personal besteht hauptsächlich aus Freiberuflern. Geblieben ist eigentlich nur der Name, und genau den will der griechische Zerstörer aufkaufen."

"Nur den Namen?"

"Ich weiß es nicht! Raoul rief gestern Abend an und sagte mir, er habe Leonardis Stapinopolous mitgeteilt, dass ich an einem neuen Duft arbeite und dieser Duft und mein Können Teil des Handels seien. Ich habe ihm gesagt, dass er kein Recht habe, so etwas zu behaupten. Ich besitze Firmenanteile, aber ich arbeite nicht für die Firma!"

Sadie ging erregt auf und ab.

"Raoul warf mir vor, ich würde absichtlich Schwierigkeiten machen und nicht begreifen, was für eine großartige Chance dieser Verkauf sei. Eine Chance wozu, Mary? Natürlich würden wir beide viel Geld bekommen, vor allem Raoul als Hauptaktionär. Aber der wahre Charakter von Francine würde verloren gehen, und dem kann ich nicht zustimmen. Natürlich würde ich gern den neuen Duft kreieren. Aber Raoul setzt mich so sehr unter Druck …"

Sie lächelte gequält. "Wenn ich mache, was er will, verkaufe ich sowohl mein Geburtsrecht als auch mein Talent! Raoul betonte gestern Abend, wie viel Glück ich gehabt hätte, die Formel für Francines berühmtestes Parfüm zu erben. Ich fühle mich irgendwie schuldig, Mary."

"Warum, um alles in der Welt, solltest du dich schuldig fühlen?" protestierte Mary. "Sadie, es geht mich zwar nichts an, aber als gute Freundin kann ich dir nur raten, dich vor Raoul in Acht zu nehmen."

 

Sadie lächelte erfreut, als sie ihr Hotel betrat. Sie hatte es auf Empfehlung eines Kunden gebucht, der davon geschwärmt hatte, und jetzt wusste sie, warum!

Es lag zwar etwas entfernt von Grasse, wo sich das Haus befand, das gleichzeitig als Firmensitz und Raoul als Wohnsitz diente, aber das störte Sadie nicht.

Das Kurhotel mit seiner Ruhe und seinem Charme war ganz nach ihrem Geschmack, im Gegensatz zu den Luxushotels in Cannes, die Raoul bevorzugte. Er hatte sich bitter darüber beklagt, dass die Familie in Paris keine Immobilie mehr besaß.

"Warum, zum Teufel, hat unser Urgroßvater das Haus in Paris verkauft und das in Grasse behalten? Wenn ich mir vorstelle, was der Pariser Besitz heute wert wäre!"

Sadie hatte nichts dazu gesagt. Von ihrer Großmutter wusste sie, dass das elegante Apartment und das dazugehörige Geschäftslokal in der Hauptstadt veräußert worden waren, um die Spielschulden ihres Großonkels zu bezahlen, aber sie wollte keine alten Wunden aufreißen.

Da sie vorhatte, die Besprechung mit Raoul mit Besuchen bei den Blumenzüchtern der Umgebung zu verbinden, von denen sie ihre Duftessenzen bezog, hatte sie das Hotelzimmer für eine ganze Woche gebucht. Beim Eintrag ins Gästebuch musste sie ein Lächeln unterdrücken, als sie merkte, wie die elegante Französin an der Rezeption diskret in ihre Richtung schnupperte.

Sadies Parfüm war einzigartig, und sie hatte sich standhaft geweigert, es jemand anderem zu verkaufen. Es basierte auf der geheimen Rezeptur ihrer Großmutter, die sie nur geringfügig verändert hatte. Der ursprünglich schwere Duft war nun leichter, damit er nicht aufdringlich wirkte, und brachte den Duft ihrer eigenen Haut zur Geltung. Es war ihr Lieblingsparfüm, und sie konnte ohne falsche Bescheidenheit sagen, dass sie es – wenn sie gewollt hätte – unzählige Male hätte verkaufen können.

Im Flakon erinnerte es sie an ihre Großmutter, auf der Haut aber war es ganz und gar ihr eigener Duft.

Ihr Zimmer in einem Nebentrakt des Hotels nahe der Kuranlagen war genau so, wie sie es sich erhofft hatte. Komfortabel, von schlichter Eleganz und absolut ruhig und abgeschieden. Sie hatte gerade noch Zeit, auszupacken und sich umzuziehen, bevor sie nach Grasse aufbrechen musste. Dort würde sie Raoul ihre Gründe gegen den Verkauf an Leonardis Stapinopolous, den griechischen Zerstörer, noch einmal darlegen. Sie schürzte verächtlich die Lippen, als sie darüber nachdachte, warum der Multimillionär Francine wohl kaufen wollte.

Es war ihm mit Sicherheit nicht entgangen, dass einige seiner Konkurrenten in den obersten Etagen der Geschäftswelt bereits festgestellt hatten, wie lukrativ die Vermarktung eines erfolgreichen Parfüms war. Besonders in der heutigen Zeit, da viele Frauen den Filmstars und Models nacheiferten, die einen exklusiven Duft aus einem der traditionellen Parfümhäuser einem modernen Parfüm vorzogen.

Sadie schlüpfte in bequeme Jeans. Förmliche Kleidung war einfach nicht ihre Sache, und schließlich ging es hier nicht um ein offizielles Meeting, sondern nur um ein Gespräch mit ihrem Cousin und Mitinhaber der Firma.

Francine hatte in früheren Zeiten einige der beliebtesten Parfüms produziert, aber wie Sadie wusste, hatte der Bruder ihrer Großmutter, Raouls Großvater, die Rechte an den meisten dieser Parfüms verkauft. Mit dem Erlös hatte er eine Reihe verheerender Verluste durch Spekulationsgeschäfte aufgefangen und seine Spielschulden gedeckt.

Inzwischen waren die einzigen nennenswerten Produkte aus dem Hause Francine ein altmodisches Lavendelwasser und ein Herrenduft. Beides machte Sadies Ansicht nach dem Firmennamen keine Ehre. Für sie lag die Faszination ihrer Arbeit mit natürlichen Duftstoffen in der Auswahl der Rohmaterialien. Einige davon standen den heutigen Parfümherstellern gar nicht mehr zur Verfügung, denn viele Pflanzenzüchter hatten von traditioneller Anbauweise auf moderne Methoden umgestellt.

Sadie konnte sich glücklich schätzen, eine Familie in der Nähe von Grasse gefunden zu haben, die nicht nur Rosen und Jasmin für die Parfümherstellung auf althergebrachte, arbeitsintensive Art anbaute, sondern auch eine eigene Destillieranlage unterhielt. Ihr Rosenund Jasminöl war von höchster Qualität.

Pierre Lafount und sein Bruder Henri, beide in den Siebzigern, erinnerten sich noch persönlich an Sadies Großmutter. Nur diesem Umstand hatte Sadie es zu verdanken, dass sie die heiß begehrten Essenzen in geringen Mengen bei ihnen kaufen durfte. Normalerweise war die Abnahme langjährigen Kunden vorbehalten, bei denen es sich offenbar um die berühmtesten und angesehensten Parfümhäuser handelte. "Wir haben allerdings einen kleinen Überschuss, und den werden wir Ihnen überlassen", hatten sie auf Sadies Nachfrage großzügig erklärt.

Raoul hatte Sadie ausgelacht. Wegen ihrer sentimentalen Ader, wie er es nannte.

"Du bist verrückt!" Er hatte ungläubig den Kopf geschüttelt. "Zahlst wer weiß wie viel für das Zeug, wenn es im Labor für einen Bruchteil der Kosten produziert werden kann."

"Das ist ja gerade der springende Punkt, Raoul. Das Herzstück meiner Düfte kann nicht künstlich hergestellt werden."

"Wer merkt den Unterschied?"

"Ich", hatte sie gesagt.

Und nun wollte Raoul Francine an einen Mann verkaufen, der genauso wenig Ahnung von echten Düften hatte wie er. Nicht mit mir, dachte Sadie trotzig.

Auf dem Weg zum Parkplatz sah sie, wie sich einige Hotelbedienstete eifrig um eine riesige Mercedes-Limousine mit getönten Scheiben scharten. Sie lächelte nur müde im Vorübergehen, ohne weiter auf den Wagen zu achten.

 

Sadie atmete tief den süßen Mimosenduft ein, der in der Luft hing. Kein Zweifel, es war Frühlingsanfang.

Obwohl es damals die modernen Schnellstraßen und Autobahnen noch nicht gegeben hatte, kannte Sadie den Weg nach Grasse aus den Erzählungen ihrer Großmutter ganz genau. Sie hatte das Gefühl, sich mit verbundenen Augen in der Stadt zurechtfinden zu können.

Der Krieg hatte der idyllischen, behüteten Kindheit und Jugend ihrer Großmutter ein jähes Ende gesetzt. Sadies Urgroßvater war damals umgekommen, und ihre Großmutter war mit dem jungen englischen Major, in den sie sich verliebt hatte, nach England geflohen.

Aus dem Streit zwischen ihrer Großmutter und ihrem Großonkel war ein unversöhnlicher Bruch geworden.

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