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Zwischen Kampf und Resignation

Ich widme dieses Buch meiner Partnerin, die, seit ich
sie kenne und liebe, auch in dunkelsten Momenten
fest zu mir gehalten und mir Kraft gegeben hat.

Oliver Hope

Zwischen Kampf und Resignation

Die wahre Geschichte vom Kampf eines Vaters gegen die Drogensucht seines Sohnes.

Vorwort

Bei den ersten Zeilen zu diesem Buch habe ich mir manchmal die Frage gestellt, für wen ich dies eigentlich zu Papier bringe? Für mich? Sicher war es auch ein wenig meine Art, mich mit diesen vielen Fragen und dem Erlebten auseinander zu setzen. Für Eltern, die Ähnliches erlebt haben? Vielleicht auch dafür. Denn es gibt viele empfehlenswerte Bücher, die von den Wenigen verfasst wurden, die selbst abhängig waren und den Weg zurück in ein Leben ohne Drogen fanden. Leider aber kaum Eines, dass von den Empfindungen Derer berichtet, die mit einem Abhängigen zwischen Hoffnung, Kampf und Resignation lebten oder leben. Es würde mich sehr freuen, wenn ich diesen Betroffenen mit meinen Zeilen etwas Mut machen kann. Allein mit dem Wissen darum, dass sie nicht alleine sind. Aber ich konnte hier nur Erfahrungen zu Papier bringen, kluge Ratschläge habe ich nur wenige. Für Eltern, denen dieses Thema völlig fremd ist? Nun, das würde mich besonders freuen, denn hätte ich mich viel früher damit auseinander gesetzt, wären die Dinge auch eventuell ganz anders gelaufen. Allerdings fürchte ich, die meisten davon werden diese Zeilen nicht lesen, weil sie wahrscheinlich genau so arrogant sind, wie ich es vor circa zehn Jahren gewesen bin. Damals auf dieses Thema angesprochen, habe ich gerne geantwortet: Drogen? Was geht mich das an? Drogen sind doch ein Problem von Asozialen! Für junge Menschen, die Drogen nehmen? Es wäre schön, wenn all diese Menschen ein wenig verstünden, was sie mit ihrer Sucht nicht nur sich, sondern auch anderen antun. Aber ich kenne nur sehr wenige Drogenabhängige, die lesen. Für junge Menschen, die noch nie Drogen genommen haben, aber ab und zu neugierig daran denken? Ja, denen möchte ich zwei Dinge sagen: Drogen können nur Eines, nämlich zerstören! Euch selbst und andere Menschen. Vor allem Menschen, die euch lieben! Dieses Dreckszeug, so groß die Versuchungen auch sein mögen, niemals zu probieren, ist extrem einfacher, als wieder davon los zu kommen. Die durchschnittliche Rückfallquote liegt bei neunzig Prozent! Und wenn euch jemand erzählt, er hat ‘das‘ unter Kontrolle, glaubt ihm nicht! Vielleicht ist dies bei den ersten ‘Testversuchen‘ wirklich so, doch sehr, sehr schnell wird die Droge die Kontrolle übernehmen und euch auffressen. Und leider nicht nur euch, sondern, je länger ihr in sie eintaucht, auch eure Familie. Zuerst wird sie die Eltern über euch einzeln angreifen, sie mental und nervlich tief nach unten ziehen. Denn, ohne selbst schon Mutter oder Vater eines Kindes zu sein, könnt ihr euch nicht vorstellen was man empfindet, wenn man mit einem Gefühl der Hilflosigkeit zusehen muss, wie sich das eigene, über alles geliebte Kind, mit diesem Dreck immer weiter selbst und sein Leben zerstört. Sie werden sich jeden Tag mit der Frage quälen, was sie falsch gemacht haben, weil ihr Drogen nehmt. Über diese Frage werden sie sich irgendwann beginnen zu streiten, sich gegenseitig aus Verzweiflung Vorwürfe machen und nicht selten zerbrechen Ehen daran. Früher oder später werden auch eure Großeltern mitbekommen, was ihr tut. Eine Generation, die im Regelfall noch nie etwas mit Drogen zu tun hatte, von dieser Thematik nichts versteht und komplett überfordert ist. Deshalb werden sie beginnen, euren Eltern, also ihren Kindern, die sie ohne Drogen ’ordentlich erzogen’ haben, Vorwürfe zu machen, dass sie bei euch als Eltern versagen. Nicht selten führt das dann auch zum Bruch zwischen den Generationen. Vielleicht habt ihr auch Geschwister? Dann hoffe ich sehr für eure Eltern, dass sie nicht ebenfalls den schrecklichen Weg der Drogen gehen! Wenn dies so ist, heißt, eure Schwester oder euer Bruder nehmen keine Drogen, so werden sie trotzdem mit leiden. Einmal deshalb, weil sie euch unter ’Stoff’ erleben werden. Aggressiv und widerwärtig. Oder fertig und leidend. Und es wird ihnen weh tun, denn in den meisten Fällen liebt man seine Geschwister, ist einem nicht egal, was mit ihnen passiert. Allerdings solltet ihr euch darüber im Klaren sein, dass ihre Gefühle euch gegenüber, dauert der Drogenweg lange genug, auch von Liebe in Hass umschlagen können, weil sich ab einem bestimmten Punkt alle Diskussionen, Planungen und Streitereien in der Familie um euch und die Drogen drehen werden. Außerdem ist es meist so, dass Eltern sich instinktiv auf ein Problemkind konzentrieren. Was über kurz oder lang euren drogenfreien Geschwistern, die ihren Weg gehen, ohne ihren Eltern extremen Stress zu bereiten, das Gefühl vermittelt, hinten angestellt zu werden. Was diese selbstverständlich als absolut ungerecht empfinden – und ebenfalls mit euch brechen. Aus meiner Erfahrung sind Drogenabhängige ’hervorragende’ Spezialisten darin, auf helfende Hände, die ihnen von liebenden Menschen entgegengestreckt werden, zu spucken. Sicher nicht bewusst, doch das ändert nichts am Ergebnis: Spuckt ihr lange genug, wird es einen Zeitpunkt geben, an dem sich euch keine Hände mehr entgegen strecken. Dann seid ihr ganz unten angekommen und habt nur noch eine Weiche vor euch: Ihr werdet an diesem Punkt entscheiden müssen, ob ihr auf der Schiene in den völligen Abgrund ohne Wiederkehr fahrt oder auf das Gleis, das von Drogen weg führt! Und glaubt mir bitte aus den belegbaren Erfahrungen meines Lebens eines: Es gibt keine hoffnungslosen Lagen, sondern nur hoffnungslose Menschen. Unsere Welt, auch wenn ihr dies mit noch vernebeltem Blick im Moment vor dieser Weiche anders sehen würdet, funktioniert so, dass jeder Mensch, der eine positive Entscheidung fällt, etwas wirklich und konsequent will, auch immer auf Menschen trifft, die ihm bereit sind zu helfen!

 

* * *

Ich wusste nicht, wie lange ich schon regungslos auf das Bild starrte. Es zeigte meinen Sohn. Auf dem Foto musste er so elf oder zwölf Jahre sein. Sein verschmitztes Lächeln, seine klugen Augen. Verdammt! Was war seit dem nur schief gelaufen? Diese Frage hämmerte immer wieder in meinem Kopf. Es war doch einmal alles so schön. Als ob es gestern war, so deutlich kann ich mich noch an den Tag seiner Geburt erinnern. Ich bin damals fast geplatzt vor Freude und Stolz. Und was für ein wundervolles Gefühl war das, als ich ihn das erste Mal auf meinen Armen halten durfte. Alles wollte ich ihm geben, immer für ihn da sein … Plötzlich sah ich einen Fleck auf dem Bild, dann noch einen. Langsam und kraftlos legte ich das Foto zur Seite und wischte mir mit den Händen die Tränen aus dem Gesicht.

* * *

Mein Sohn, meine Tochter und ich hatten uns schon sehr lange auf das Wochenende gefreut. Denn so ein Wochenendkaratelehrgang bei unserem Freund Karl war zwar sehr anstrengend, aber auch immer mit viel Spaß verbunden. Das Wetter war herrlich. Na ja, zum Trainieren fast zu warm. Doch jetzt echt traumhaft! Nach zwei straffen Trainingseinheiten saßen wir entspannt am Lagerfeuer. Einige redeten miteinander, andere tanzten zur Musik aus der Box. Karl war zwar auch schon in der zweiten dreißiger Hälfte, aber in seinem Herzen manchmal noch ein optimistisches Kind. Es war einfach immer schön zu erleben, welche Lebensfreude er ausstrahlte. Erst zum Beispiel, er hatte sich gerade ein Bier geöffnet, kam sein Lieblingslied aus der Box. Sofort ließ er sein Bier fallen, griff sich eine Trainingsteilnehmerin und rockte bis zur Erschöpfung auf dem Rasen. Und jetzt wettete er gerade mit einigen Jungs, dass er es schafft, ein zwei Meter hohes Lagerfeuer zu überspringen! Zehn Minuten später sah man ihn durch die Flammen fliegen und sich hinter her freuen wie ein Kind. Ein wunderschöner Sommerabend. Und doch der Abend vor einem Ereignis, dass Alles verändern sollte. Hätte ich doch nur etwas geahnt! Gegen dreiundzwanzig Uhr verabschiedete ich mich von meinen Kindern. Sie übernachteten in der Turnhalle mit den meisten anderen Jugendlichen. Das war bei unseren Lehrgängen so üblich. Da auch erwachsene Aufsichtspersonen in der Halle schliefen, hatte ich mir ein Hotelzimmer gemietet. Denn es war auch üblich, dass erst sehr spät in der Halle Ruhe einzog, wie man sich sicher sehr leicht bei vierzig bis fünfzig Kindern und Jugendlichen in so einem Raum vorstellen kann. Mit meinen Sprösslingen war ich so verblieben, dass wir uns am nächsten Morgen vor dem Training zum Frühstück im Hotel treffen. Was wir auch taten. Sie erschienen beide pünktlich bei strahlendem Sonnenschein. Nur mein Sohn wirkte sehr zerknirscht. Ich machte noch einen Scherz, warum er an so einem herrlichen Morgen ein solches Gesicht zieht! Mein Lachen wäre mir sicher im Halse stecken geblieben, hätte ich um die Ereignisse der Nacht gewusst, von denen ich erst Jahre später erfuhr. Aber leider war ich damals zu unwissend und naiv, um zu verstehen oder auch nur zu erahnen, was geschehen war. Seit dieser Nacht wurde alles anders.

* * *

Meine Frau erwartete mich bereits sichtlich aufgebracht, als ich nach Hause kam. „Ich erwarte, dass du mit deinem Sohn ein ernstes Wort redest!“, schleuderte sie mir ohne jede Begrüßung entgegen. Eigentlich war ich sehr erschöpft und hätte gerne kurz durchgeatmet, doch ich wusste, dass die Formulierung ’dein Sohn’ nichts Gutes erahnen ließ und eine Vertröstung zusätzlich deutlich gesteigerten Ärger mit meiner Frau bedeutet hätte. Trotz meines Wunsches nach kurzer Erholung, hatte ich darauf keinerlei Lust. „Was gibt es denn?“, fragte ich zurück und konnte mir nicht verkneifen noch nachzuschieben: „Ach ja, ich freue mich übrigens auch, dich zu sehen.“ Ohne auch nur andeutungsweise auf meinen Nachsate einzugehen, fuhr sie fort: „Dein Sohn Max hat nichts, aber wirklich kein Quäntchen seiner Aufgaben erfüllt! Und sein Zimmer kannst du kaum betreten, die absolute Müllhalde. Ich erwarte, dass du ihm für dieses Wochenende Hausarrest erteilst!“ Nach einer kurzen Pause fügte sie hinzu: „Und auch durchsetet!“ Müde lächelnd fragte ich zurück: „Wo ist Max jetzt?“ Meine Frau deutete mit dem Kopf in Richtung seiner Zimmertür, während ihr Blick keinerlei Zweifel daran aufkommen ließ, dass sie sofortige Aktivitäten von mir erwartete. Also lenkte ich meine Schritte in Richtung des Zimmers von Max. Auf mein Klopfen hörte ich von drinnen ein unfreundliches „Waaas“. Als ich eintrat, verschlug es mir, wider Erwarten, denn die übertriebenen Ordnungsforderungen meiner Frau nervten manchmal auch mich, doch die Sprache. Das Zimmer glich wirklich einer Müllhalde. Vom Parkettboden war, wegen der vielen herumliegenden Kleidungsstücke, nichts mehr zu sehen. Dazwischen verteilt lagen Schulbücher, zwei Teller mit Essensresten, leere Colaflaschen und ein paar CDs. Mein Sohn hockte auf einem Sitzkissen vor seiner Playstation, würdigte mich nur eines kurzen Blickes und spielte weiter. „Junge“, begann ich und versuchte ruhig zu bleiben, „ekelt dich diese Bude nicht selbst?“ „Nee.“, kam die kurze Antwort, ohne dabei den Blick von der Konsole zu wenden. Da sich der Stecker dafür neben mir an der Wand befand, zog ich ihn kurzer Hand heraus. „Was soll das?!“, fauchte mich Max, sich nun zu mir drehend, ziemlich aggressiv an. „Was das soll?“, sagte ich, mich noch immer bemühend sachlich und ruhig zu bleiben. „Ich möchte mit dir reden …. Auch über das hier.“ Dabei ließ ich meinen Blick durchs Zimmer wandern. Er stand auf und kam zwei Schritte auf mich zu. Als ich ihn betrachtete, entfuhr mir spontan und besorgt die Bemerkung: „Du siehst nicht besonders gut aus. Vielleicht solltest du mal ein wenig an die frische Luft.“ Genervt verzog er sein Gesicht. Obgleich in mir zunehmend Ärger aufstieg, bemühte ich mich weiter um Fassung: „Ich fahre gleich noch zum Flugplatz. Willst du mitkommen? Eine Runde drehen und noch ein bisschen quatschen. Michaela ist auch da.“ Zumindest mit der leteten Bemerkung hoffte ich, ihn motivieren zu können, denn es gab eine Zeit, in der er mit leuchtenden Augen von diesem wirklich sehr attraktiven Mädchen schwärmte. „Kein Bock.“, raunzte er kurz zurück. Da er wohl an meinem Gesichtsausdruck erkannte, dass mein Level an erträglichen Provokationen bald erreicht war, fügte er etwas freundlicher hinzu: „Außerdem muss ich ja erst noch meine Pflichten erfüllen.“ Dabei sprach er das Wort Pflichten derart aus, als hätte er etwas sehr Widerliches im Mund. „Schade. Allerdings hast du mit deinen Pflichten, die du ja schon längst hättest erledigen können, absolut Recht.“ Mit einem strengen Blick fügte ich hinzu: „Und damit eines klar ist: Bevor deine Familienaufgaben nicht erfüllt sind und dein Zimmer in eine erträgliche Ordnung versetzt ist, verlässt du nicht das Haus.“ „Wie soll ich das denn schaffen?“, rief er mir, nun wieder in einem deutlich gereizteren Ton entgegen. „Das ist deine Sache. Dann fange früher an … und rede in einem anderen Ton mit mir.“ Da er gerade dabei war, sich wieder von mir abzuwenden, hielt ich ihn kurz an seiner rechten Schulter fest. „Wage es dir bitte nicht zu gehen, ohne die Arbeiten erledigt zu haben.“ So, als bereite ihm meine Berührung am Arm Unbehagen, schüttelte er meine Hand ab und fauchte: „Ja, ja, ich hab’s verstanden, bin ja nicht blöd!“

* * *

Auf der Fahrt zurück vom Flugplatz saß ich allein im Auto, da auch meine Frau keine Lust gehabt hatte, mich zu begleiten. Obwohl ich jetzt ein wenig erholter und entspannter war als vor meiner Abfahrt von zu Hause, kreisten meine Gedanken schon wieder um meinen Sohn. Er war in den letzten Monaten so anders geworden. So fremd, als würde ich ihn gar nicht kennen. Je weiter meine Gedanken in die Zeit vor diesem Wandel zurück wanderten, desto wärmer wurde mir, zogen Bilder der Erinnerung an meinen Augen vorbei. Seine frühe Leidenschaft für Autos. Tonnen von Prospekten hatte er gesammelt. Und als ich ihm meinen alten Aktenkoffer geschenkt hatte, füllte er ihn damit. Wenn wir Freunde oder zum Beispiel meine Eltern besuchten, war der Koffer stets dabei. Er wurde natürlich auch ausgepackt, die neusten Modelle und deren Daten gezeigt und erläutert. Das Interesse seines Gegenübers interessierte ihn dabei nur sekundär. Von seinen Lieblingsautos hatte er die Daten sogar im Kopf. Ein Lächeln lief über mein Gesicht, als ich an die Szene dachte, in der er bei einem Gespräch von mir wegen der Anschaffung eines neuen Autos sogar den Verkäufer bezüglich technischer Parameter korrigierte. Als dieser widersprach, zog Max eines der Prospekte aus ’seinem Koffer’, legte es auf den Tisch und zeigte seinem erwachsenen Gegenüber schwarz auf weiß, dass er im Recht war. Oder wenn er im Sommer ein, zwei Wochen bei meinen Eltern auf dem Land verbrachte. Mit seinem Opa handwerkte oder auf Jagd mitgehen durfte. Doch egal, was auch Aufregendes auf dem Plan stand, einmal täglich telefonierten wir, wollte er mir alles erzählen. Nach Auskunft meiner Mutter saß er, ungeduldig auf den Hörer blickend, sogar vorm Telefon, wenn ich mich einmal ein wenig verspätet meldete. Und wie gerne wir uns auf Omas großem, gemütlichem Sofa balgten. Bis uns die Puste ausging und ich ihn gewinnen ließ. ’Naja’, dachte ich mit einem Schmunzeln, ’je größer er wurde, desto eher ging mir die Puste aus und er gewann auch, ohne dass ich ihn gewinnen lassen wollte.’ Auf unser Grundstück einbiegend, musste ich meine Gedanken unterbrechen.

* * *

Als ich das Wohnzimmer betrat, saß meine Frau mit angewinkelten Beinen auf dem Sofa. Bereits an ihrem Blick konnte ich erkennen, dass mir erneuter Ärger bevor stand. Nur den Grund musste sie mir noch eröffnen. Denn wir stritten uns in den letzten Monaten nicht nur wegen unserem Sohn und dessen Verhalten, sondern auch wegen unserer Beziehung. Sie war nicht mehr so, wie vor dem Tag, als ich herausfand, dass sie fremd gegangen war. Nicht, dass ich die Schuld alleine bei ihr suchte, doch diese Erkenntnis schockte mich extrem. Nie hätte ich so etwas für möglich gehalten. Und als sie mir in der damaligen Nacht, in dem wohl heftigsten Streit, den wir je hatten, ohne jedes schlechte Gewissen entgegen warf, ich sei schließlich selbst dran schuld, weil ich ihre Signale nicht verstanden hätte, war ich ziemlich ausgeflippt. „Hallo.“, grüßte ich sie kurz. „Du brauchst dich gar nicht erst auszuziehen!“, knurrte sie mich an. „Warum?“ „Dein Sohn ist weg.“ Ich runzelte leicht angenervt von dieser Art Kommunikation die Stirn und fragte zurück: „Was heißt weg? Es ist Freitag, da sind die jungen Damen und Herren immer weg.“ „Na, typisch!“, platzte sie hervor. „Ich dachte, du hast mit ihm geredet?! Er hat keinen Handschlag gemacht und ist trotzdem abgehauen!“ Da ich nicht weit von der Tür zum Zimmer von Max stand, öffnete ich diese und schaute hinein. ’Scheiße!’, fuhr es mir durch den Kopf. Dort sah es tatsächlich aus wie zum Zeitpunkt unseres Gespräches. Noch bevor ich etwas sagen konnte, hörte ich bereits wieder die Stimme meiner Frau: „Ich hoffe, du holst ihn sofort zurück?“ Ich wandte mich in ihre Richtung. „Zurück holen? Und woher bitte?“ Sie sprang auf. „So viele Diskotheken gibt es doch hier nicht!“ „Spinnst du?“, fragte nun auch ich in einem gereizten Ton. „Ich werde bestimmt nicht durch die Gegend fahren und den kleinen Arsch suchen! Ich werde allerdings so lange wach bleiben, bis er zurückkommt und ihn mir zur Brust nehmen.“ „Mach doch, was du willst!“, keifte sie zurück und verschwand im Schlafzimmer, die Tür hinter sich laut zuwerfend. Mein Gefühl der Erholung war dahin und einer Mischung aus Wut und Ratlosigkeit gewichen. Mit einem Glas Wein in der Hand ließ ich mich auf den Sessel fallen. Ein kurzer Griff zur Fernbedienung schaltete den Fernseher vor mir ein. Weniger deshalb, um zu verfolgen, was dort gezeigt wurde, sondern, weil ich die Stille in diesem Moment nicht ertragen konnte. Da war sie wieder, die Situation, über die ich mich vor einigen Wochen mit meinem Lehrer- und Pilotenfreund unterhalten hatte. „Solange ein Kind den Steuerimpulsen seiner Eltern folgt, heißt, in die Richtung reagiert, in die es dein Impuls lenken will, ist Erziehung relativ einfach.“, hatte mein Freund mir lächelnd erklärt. „Die hohe Schule beginnt dann, wenn dein Impuls, bildlich gesprochen, nach links orientiert, dein Kind im Ergebnis aber nach rechts dreht.“ Ich hatte damals die Augenbrauen kritisch hochgezogen und zurück gefragt: „Du meinst also, es tut das Gegenteil von dem, was wir wollen?“ „Naja, oder so formuliert.“, antwortete mein Freund lachend. Mir war jetzt und hier nicht zum Lachen, ich war erschöpft und hätte heulen können. Obwohl ich mich eine Weile heftig dagegen wehrte, fielen mir schließlich die Augen zu und ich schlief, halb sitzend, halb liegend, auf dem Sessel ein.

* * *

Ich spürte etwas angenehm Warmes im Gesicht und öffnete die Augen. Genoss einige Sekunden die Sonnenstrahlen, die durch das Fenster fielen. Bis ich in der Realität zurück war und zu mir selber zischte: „Mist! Jetzt bin ich doch eingeschlafen!“ Ich schaute auf die Uhr, sie zeigte halb acht. Nachdem ich langsam aus dem Sessel aufgestanden war, die unbequeme Schlaflage erzeugte ein paar Muskelschmerzen, ging ich in Richtung der Tür zum Zimmer meines Sohnes, öffnete diese und musste feststellten, dass sein Bett leer war. Wenn ich ehrlich bin, ist mir das in diesem Moment nicht ganz unrecht gewesen, da ich so erst einmal die Chance auf einen starken Kaffee und ein vollständiges Wachwerden hatte. Obgleich mein Puls beständig höher als normal schlug, da ich jeden Moment mit der Heimkehr von Max und dem dann anstehenden, höchst unangenehmen Gespräch rechnete. Um wenigstens den zu erwartenden, weiteren Vorhaltungen meiner Frau zu entgehen, verdrückte ich mich nach einem kleinen Frühstück bei dem schönen Wetter in den Garten, wo auch einiges zu tun war. Bei der körperlichen Arbeit dort vergaß ich manchmal die besondere Situation des Tages. Jedes Mal, wenn sie mir wieder im Kopf präsent wurde, schaute ich auf die Uhr. So verging der ganze Samstag. Gegen siebzehn Uhr schlenderte meine Tochter auf mich zu. „Na, bist du fleißig?“, fragte sie grinsend. Ich lächelte müde zurück: „Ich beschäftige mich. Willst du etwa helfen?“ Allein wegen der schicken Sachen, die sie trug, war mir völlig klar, dass sie in diese Richtung keinerlei Pläne hatte. Strinrunzelnd gab sie zurück: „Nee, Papa, heute bestimmt nicht!“ Auf meinen Spaten gestützt fragte ich: „Na, vielleicht gibst du deinem Vater wenigstens mal eine Zigarette aus?“ „Darüber lässt sich reden.“ Sie hielt mir ihre Schachtel entgegen, ich zog daraus eine Zigarette und sie gab mir Feuer. Nach dem ersten, tiefen Zug fragte ich sie leise: „Hab ich deinen Bruder verpasst? Ist er zu Hause?“ Wohl in Erwartung dieser Frage und weil sie von dem dauernden Stress der letzten Monate um ihren Bruder angenervt war, zog sie die Augenbrauen zusammen und antwortete: „Nein, er ist nicht da.“ „Weißt du, wo er ist?“ Sie schüttelte leicht den Kopf. „Keine Ahnung. Er geht bei mir auch an kein Handy.“ Wahrscheinlich erzeugte mein ratloser, erschöpfter Blick bei ihr Mitleid, deshalb schob sie nach: „Ich fahre gleich mal bei seinem Kumpel Jonny vorbei. Vielleicht weiß der was.“ „Danke. Gibst du mir danach Bescheid?“ Sie nickte und entfernte sich in Richtung ihres Mopeds. Das Handy in meiner Hosentasche klingelte. Schnell wühlte ich es heraus und schaute gebannt aufs Display. Doch es war nicht der erhoffte Anruf von Max, sondern mein Anwaltsfreund Hans. „Na“, tönte seine Stimme optimistisch aus dem Hörer, „hast du Zeit auf ein Bierchen im Garten?“ „Eigentlich nicht.“, antwortete ich leise. „Boaa, wie klingst du denn? Wieder mal Stress mit deiner Besten?“ „Das wahrscheinlich auch gleich. Vor allem aber mit meinem Goldsohn.“ Am anderen Ende war kurz Pause, weshalb ich gleich nachschob: „Keine Sorge, ich will dir deine gute Laune nicht verderben. Allerdings einen kleinen Ratschlag könntest du mir geben.“ „Na, was hat er denn nun wieder angestellt?“, fragte Hans mit leicht ironischer Stimme zurück. Ich konnte ihm den Unterton nicht verübeln, denn die letzten Monate hatte ich mich einige Male bezüglich Sohn und Frau bei ihm ausgeheult. Und auch einige juristische Ratschläge für den einen oder anderen Fall eingeholt. „Er ist gestern Abend, trotz Verbot, abgehauen und bis jetzt nicht zurück.“ Bevor ich fortfuhr, nahm ich einen letzten, langen Zug an der Zigarette in meiner Hand. „Er ist ja noch nicht volljährig. Sicher ist es nicht so und er hat gerade viel Spaß, während ich mir eine Rübe mache, aber es kann ihm ja auch etwas passiert sein. Macht es Sinn, eine Vermisstenanzeige bei der Polizei aufzugeben?“ Hans lachte ins Telefon: „Die entfalten bei einem Siebzehnjährigen, der gerade mal knapp vierundzwanzig Stunden weg ist, bestimmt keine Aktivitäten. Außerdem werden sie dich zuerst fragen, was du schon unternommen hast. Also Freunde befragt, selbst gesucht und so …“ Ich schleuderte den Stummel in meiner Hand genervt Richtung des mit Steinen eingefassten Loches, welches uns schon oft als Stätte für ein Lagerfeuer gedient hatte. „Also sollte ich mich doch mal auf die Suche begeben?“ „Würde ich dir empfehlen.“, entgegnete Hans, fast mit etwas Mitleid in seiner Stimme.

* * *

Frisch geduscht und eine erneute Diskussion mit Vorwürfen meiner Frau hinter mir, setzte ich mich gegen zwanzig Uhr ins Auto. Meine Tochter hatte mir zwischendurch mitgeteilt, dass sie Jonny nicht angetroffen habe. Mit wenig Elan ließ ich mich auf den Sitz fallen und dachte nach, wo ich eigentlich suchen konnte. Im Jugendclub!, schoss es mir durch den Kopf. Dort angekommen, erkannte ich unter ein paar Jugendlichen, die rauchend vor der Eingangstür standen, auch Jonny. Noch bevor er verschwinden konnte, stieg ich aus und winkte ihn heran. Als er auf mich zu kam, war von seinem Gesicht ablesbar, dass er mir wohl lieber ausgewichen wäre. Doch dafür war es jetzt zu spät. „Hallo Herr Schwarze.“, sagte er vorsichtig. „Hallo Jonny. Weißt du, wo Max ist?“ Seinen Blick zum Boden senkend antwortete er hörbar gequält: „Max? Nee, keine Ahnung.“ Meine Stimme wurde strenger: „Jonny, sieh mich an!“ Langsam hob er seinen Kopf, allerdings sehr bemüht, dabei nicht meinem Blick zu begegnen. „Jonny, du bist Max sein Freund. Er ist seit gestern verschwunden. Und entweder finde ich ihn jetzt oder ich muss zur Polizei und dort Anzeige erstatten.“ Obgleich mein letzter Satz wenig sinnvoll war, schienen die Worte Polizei und Anzeige auf den Freund von Max ihre Wirkung nicht zu verfehlen. Er stammelte: „Herr Schwarze … Ich will nicht, dass er Ärger bekommt … Aber ihn auch nicht verraten.“ „Verraten?!“, entfuhr es mir heftiger als gewollt. „Bis du verrückt? Weißt du, wie viele Sorgen ich mir mache? Von dem Ärger ganz abgesehen! Was würden deine Eltern sagen, wenn du trotz Verbot abhaust und nach einem Tag noch immer nicht zurück bist?“ Jonny senkte wieder seinen Blick. „Okay, okay … Aber bitte erzählen sie ihm nichts über unser Gespräch.“ Ich deutete ein Nicken an. „Soviel ich weiß, ist er mit Kalle unterwegs und hat auch dort geschlafen.“ Kalle? Dunkel konnte ich mich erinnern, dass ihn mal ein Typ mit dem Auto abgeholt hatte, den er so nannte. Mit Tattoos übersät und einem ärmellosen Netzhemd auf dem Oberkörper. „Und wo sind sie jetzt?“ Jonny zuckte mit den Schultern. „Weißt du, wo dieser Kalle wohnt?“ Er begann mir den Weg dorthin zu beschreiben. Ich schwang mich ins Auto und fuhr los. Zehn Minuten später hatte ich mein Ziel erreicht und hoffte, falsch gefahren zu sein. Ich stand vor einem sehr alten Fachwerkhaus. Wahrscheinlich hatte daran die letzten dreißig Jahre niemand einen Handschlag gemacht. Auch der Zaun war kaputt und um das Haus herum sah es aus wie auf einer Müllhalde. Vor den Fenstern hingen von innen eine Art Gardinen, die allerdings eher benutzten Putzlappen ähnelten. Zu mir selbst flüsterte ich vor dem Aussteigen: ’Herr, lass mich nicht am richtigen Ort sein!’ Vor der sehr schiefen Eingangstür saß auf einer verwitterten Bank ein Mann. Ich schätzte ihn um die Fünfzig. Er trug einen ziemlich schmuddeligen Jogginganzug, dessen Hose sackartig ausgebeult war. Keine Ahnung warum, doch ich weiß noch sehr genau, dass mir in diesem Moment der Gedanke durch den Kopf ging: Wenn meine Frau dies hier sehen könnte, würde sie mit Sicherheit darauf bestehen, dass Max sich mehr als einmal duscht, bevor er wieder in unser Haus darf. Gerade, als ich mich auf dem Zaun abstützen wollte, schreckte ich im letzten Moment zurück. Er war einfach zu dreckig und ekelig. Und bei dem Gedanken, dass mein Sohn hier übernachtete, drehte sich mir der Magen um. Noch blieb ja die Hoffnung, dass ich mich nur verirrt hatte. „Zu wem willste denn?“, rief nun der Mann auf der Bank mir entgegen. „Guten Tag. Mein Name ist Schwarze und ich bin auf der Suche nach meinem Sohn.“ Noch bevor ich weiter sprechen konnte, erhielt ich die unfreundliche Antwort: „Ich kenne keinen Max!“ Trotz des Ernstes der Situation musste ich kurz lächeln. „Ich hatte nichts von einem Max erwähnt.“ Der Mann begann nervös an seiner Bierflasche herumzuspielen. Mein Ton wurde schärfer: „Also, wo ist der Max, den sie nicht kennen?“ Zu meiner Verwunderung hob er jetzt seinen Kopf weit an und schrie: „Jeeeeenny!“ Noch bevor ich verstand, was gerade vorging, bewegte sich im ersten Stock des Hauses einer der Putzlappen und der Oberkörper eines jungen Mädchens schob sich über das Fensterbrett. Da sie mich wohl bereits bei der Ankunft durch die mäßig geputzten Scheiben entdeckt hatte und wohl auch wusste, warum der Mann mit der Bierflasche nach ihr rief, wandte sie sich sofort in einem Ton an mich, der mehr als herausfordernd wirkte: „Was isss looos?“ „Ich suche Max.“, bemühte ich mich mit noch ruhiger Stimme zu sagen. „Unnn woher solln wir wissen, wo der isss?“ Jetzt platzte mir der Kragen, da ich auf all diese primitive Kommunikation keine Lust hatte und wahrscheinlich auch, weil mich der Gedanke daran extrem aufregte, dass sich mein Sohn in so einem Umfeld wohl fühlte und mich wahrscheinlich gerade auch durch eines der Fenster beobachtete. „Pass auf junge Dame“, fuhr ich das Mädchen jetzt sehr energisch an, „entweder, Max ist in einer Minute hier unten oder ich bin in zehn Minuten mit der Polizei wieder hier und lass ihn rausholen!“ Zum Glück wirkte meine Drohung, denn ich hätte sie kaum so einfach umsetzen können. Die junge Frau lenkte ein: „Ja, okay, er war hier.“ Und so, als wäre ihr damit die Rettung eingefallen, schob sie lachend nach: „Aber jetzt isss er nicch mehr da!“ Mit dem nächsten Satz schoss sie dann allerdings vor Freude bezüglich ihrer Cleverness über das Ziel hinaus. „Der isss mit meinem Bruder unterwegs.“ Ich musste über ihren Nachsatz fast wieder schmunzeln, obwohl mir gerade nicht zum Lachen war. „Heißt dein Bruder Kalle?“ Sie nickte nachdenklich, wohl gerade ihren Fehler erkennend. „Dann ruf ihn an! Er soll sich sofort mit Max hierher scheren!“ Da sie nicht umgehend reagierte, schickte ich sehr laut die Frage nach: „Oder kann dein Bruder Ärger mit der Polizei gebrauchen?“ Sie schüttelte mit dem Kopf. „Nee, kann er nicch … Ich versuche ihn anzurufen.“ Sekunden später verschwand sie aus dem Fenster. Ich trommelte vor Erregung mit den Fingern auf dem Zaun herum, obgleich ich ihn ja seines Zustandes wegen nicht berühren wollte. Das Mädchen schob sich nach ein paar Minuten wieder durchs Fenster. „Er bringten gleich nach Hause.“ „Verstehe ich dich richtig“, fragte ich sehr langsam zurück, „dass dein Bruder Kalle meinen Sohn bei uns zu Hause abliefert?“ Sie nickte. „Und was heißt gleich?“ Sie zuckte kurz mit den Schultern. „Naja, halt so schnell es geht.“ Ich drehte mich um, stieg ins Auto und fuhr los, froh diese für mich unwirklich wirkende Szene endlich verlassen zu können.

* * *

Ich hatte gerade die Garage geschlossen und mich mit einer Zigarette auf die Terrasse gesetzt, als ich eine Autotür zuschlagen hörte. Eine Minute später tauchte Max auf, der, um ins Haus zu gelangen, an mir vorbei gehen musste. Er würdigte mich keines Blickes, geschweige denn eines Wortes und wollte gerade die Haustür öffnen, als es aus mir herausplatzte: „Hallo, du willst doch wohl nach dieser Nummer nicht einfach an mir vorbei latschen?!“ Er drehte sich in meine Richtung. Über eine Schulter hing sein gammeliger Rucksack, dessen Riemen er mit der linken Hand hielt. Die Rechte steckte in seiner Tasche. Als mein Blick sein Gesicht traf, erschrak ich. Es war irgendwie total anders, fast entstellt. Sein Mund war seltsam verzogen, seine Augen starrten ins Leere. Ich hatte viele Überlegungen angestellt, was ich bei seiner Rückkehr sagen und tun wollte. Doch jetzt, als ich ihn vor mir sah, war mein Kopf wie leer. „Hätte der Herr die Güte, mir kurz zu erklären, was in seinem Kopf bei Aktionen wie dieser stattfindet? Oder mir zu verraten, was dich in ein Umfeld wie diese verdreckte Lehmkate zieht?“ Max starrte schweigend zu Boden, zuckte nur einmal kurz mit den Schultern. „Du willst nicht mit mir reden?“ Er schüttelte leicht den Kopf. „Okay, vielleicht ist es wirklich besser, wir reden später, wenn ich mich etwas beruhigt habe … und du deinen Rausch ausgeschlafen hast … Du siehst nämlich echt scheiße aus.“ Max wollte sich gerade umdrehen. „Haaalt!“, rief ich diesmal sehr laut. „Auch wenn wir unser Gespräch verschieben, lasse ich mich von dir nicht ohne Konsequenzen so verarschen. Bevor du dich hinlegst, wirst du dein Zimmer aufräumen. Ich komme es in einer halben Stunde abnehmen. Und dann gibst du mir den Schlüssel vom Motorrad. Den werde ich behalten, bis du wieder anfängst dich an ein paar Spielregeln zu halten.“ Hatte Max meine Worte fast regungslos auf sich einprasseln lassen, zuckte sein Gesicht beim Thema Motorradschlüssel sichtlich. Trotzdem schwieg er weiter wie abwesend und verschwand ins Haus.

* * *

Eine dreiviertel Stunde später betrat ich leise sein Zimmer. Es war tatsächlich aufgeräumt. Max lag zusammengerollt auf seinem Bett und schien fest zu schlafen. Gerade als ich ihn wecken wollte, fiel mein Blick auf den Motorradschlüssel auf dem kleinen Schrank neben der Tür. Er hatte ihn wohl dort sichtbar hingelegt. Ich griff danach und betrachtete ihn. Dabei wanderten meine Gedanken zurück zu jenem Tag, als ich ihm das Motorrad geschenkt hatte. Es war sein sechzehnter Geburtstag. Er war in der Schule und wir hatten verabredet, dass ich ihn gegen halb drei abhole und wir einen Kaffee trinken gehen. Im Familienkreis wollten wir erst am Wochenende feiern, da meine Frau inzwischen von Montag bis Freitag auswärts arbeitete und nur am Samstag und Sonntag zu Hause war. Ich wusste, wie sehr sich Max über mein Geschenk freuen würde. Und da es mir extrem viel Spaß machte, Menschen, die mir etwas bedeuten, eine positive Überraschung zu bereiten, war ich in Hochstimmung. Allerdings auch im Stress, denn es war noch einiges zu organisieren. Zum Glück war Reico, der Motorradhändler, pünktlich. Er schob mit dem Transporter rückwärts auf den Hof und wir entluden die Maschine, die trotz ihrer relativ kleinen Größe und nur achtzig Kubikzentimeter doch sehr schwer war. Dann noch über das schmale Brett durch den Hauseingang und nun stand sie in unserem Fitnessraum: Eine Aprillia! Mit Rennverkleidung und -lackierung‚ geputzt und unverwechselbar neu riechend. „Na, dann hoff ich mal, dass Max sich freut.“, sagte Reico, dabei auch zufrieden unser Werk betrachtend. „Davon kannst du ausgehen.“, erwiderte ich und bekam bei dem Gedanken daran, wie Max nachher ausflippen würde, mein Grinsen kaum unter Kontrolle. „Naja“, schob ich nach, „bis auf den Punkt, dass er nicht gleich losfahren kann, sondern nächste Woche erst noch seinen Führerschein bestehen muss.“ „Das ist hart!“, antwortete Reico leise, verabschiedete sich und ich stürzte mich in die weiteren Vorbereitungen, die ich gerade so schaffte, um Max pünktlich von der Schule abzuholen. Nach Kaffee und Kuchen waren wir schließlich wieder zu Hause gelandet und saßen im Wohnzimmer. „Ich treffe mich dann noch mit ein paar Freunden. Danke für die Kaffeerunde.“ „Naja“, antwortete ich, wahrscheinlich schon aus Vorfreude so strahlend, dass Max mich skeptisch ansah, „bevor du gehst … ich habe da noch ein Geschenk für dich.“ Bei den letzten Worten schob ich ihm eine kleine Schachtel über den Tisch. Da sie wirklich sehr klein war, betrachtete Max sie einen Moment sehr verwundert, wohl ohne jede Idee, was darin sein könnte. Langsam öffnete er sie und entnahm daraus einen Zettel: ’Herzlichen Glückwunsch zu deinem Sechzehnten! Nun geh nach unten zum Schreibtisch und suche die nächste Schachtel!’ Verwundert sah er mich an. „Na, tue einfach, was auf dem Zettel steht.“ Er stand auf und ging, fast vorsichtig, die Treppe abwärts Richtung meines Arbeitsbereiches, wo der Schreibtisch stand. Ich folgte ihm und fürchtete fast, er könnte mein aus Vorfreude klopfendes Herz hören. Diesmal öffnete er die Schachtel noch vorsichtiger und beim Lesen zogen sich seine Augenbrauen zusammen: ’Denke bitte immer daran, eine Familie zu haben und von dieser geliebt zu werden ist das Wichtigste auf der Welt … Und nun öffne die Tür zum Fitnessraum und freue dich einfach ?!’ „Fitness?“, fragte Max leise und schaute mich dabei irritiert an. „Fitness schadet dafür auf alle Fälle nicht.“, antwortete ich und deutete mit dem Kopf in Richtung Tür. Max drückte vorsichtig die Klinke nach unten, schob sie auf und machte einen Schritt in den Raum. Zwei Sekunden später durchfuhr mich ein gehöriger Schrecken, denn er wurde kreidebleich, stützte sich sogar für einen Moment am Türrahmen ab. „Was ist los?“, sagte ich, dabei nah an ihn heran tretend, um ihn gegebenenfalls auffangen zu können. Denn er machte auf mich den Eindruck, als ob er gleich in Ohnmacht fiele. Da er noch immer schwieg, ging ich um ihn herum in das Zimmer. Über sein Gesicht rollten einige Tränen, während die Farbe darin langsam zurück kehrte. „Soll die für mich sein?“, stieß er mit erstickter Stimme hervor. Ich lachte, nun verstehend, dass sein Fast-Kreislaufkollaps aus der unfassbaren Freude über die Maschine vor ihm herrührte. „Na, für wen denn sonst? Ich fahre keine achtzig Kubik mehr!“ Vorsichtig, so als liefe er auf Eis, ging Max nun auf die Aprillia zu. Die Augen nicht von ihr wendend, drehte er einen ersten Kreis um sie. Dann einen Zweiten, bei dem seine rechte Hand über die Maschine strich. „Na, gefällt sie dir?“, fragte ich grinsend und fühlte wegen der gelungenen Überraschung wahrscheinlich ebenso viel Freude in mir wie Max. Der blieb stehen, schaute mich mit einem bis hinter die Ohren reichenden Grinsen an und stieß hervor: „Gefallen?! Wahnsinn! Ich flippe gleich aus!“ Dann erforschte er, wobei sein erster Überraschungsschock nun zunehmend purer Begeisterung wich, jeden Quadratzentimeter der wirklich schönen Maschine. Auch heute noch rückblickend, war es einer der schönsten Momente meines Lebens, diese Freude meines Sohnes zu sehen. Auch wenn die Aprillia nicht lange in unserer Familie bleiben sollte und ich heute jeden Tag froh darüber bin, dass ich mich damals, trotz der Attacken meiner Frau – sie war kein Fan des Motorradfahrens - für den Kauf eines teuren Qualitätssturzhelmes entschieden habe.

* * *

Die nächsten Wochen liefen so dahin. Max strengte sich sichtbar an, unser Verhältnis zu verbessern. Naja, wohl auch deshalb, weil er den Schlüssel zu seiner Aprillia wieder haben wollte. Es gab Tage, an denen wir uns richtig toll unterhielten, er mir auch mal half, sogar mit mir etwas unternahm. Dann gab es Tage, an denen wir uns gar nicht sahen und andere, an denen er, wie ich es nannte, im Arschloch-Modus unterwegs war. Launisch, aggressiv, Aufgaben ignorierend. Leider hatte ich das Gefühl, der letzte Modus begann wieder stärker in den Vordergrund zu treten. So beschloss ich, zur Förderung des Familienlebens, einen Grillabend zu organisieren. Meine Tochter und Max sagten begeistert zu, allerdings mit dem Nachtrag, dass sie danach noch zur Disco verschwinden wollen. Auch meinen Anwaltsfreund Hans hatte ich mit seiner Frau eingeladen. Das Wetter war top und auch meine Frau war von der Idee angetan und hatte gute Laune, als ich ihr eröffnete, dass ich mich um alle anfallenden Arbeiten kümmern werde. Wir hatten gut und reichlich gegessen, auch schon ein paar Gläschen Wein oder Bier getrunken und genossen den schönen Abend in lustiger, entspannter Atmosphäre. Gerade hatte Hans eine seiner vielen Anekdoten erzählt und dabei mehrere Lachstürme ausgelöst. Genüsslich nahm er einen langen Schluck aus seiner Bierflasche. Als er diese begann abzusetzen, sah er plötzlich Max, der ihm genau gegenüber saß, mit entgeistertem Blick an und stieß hervor: „Was ist denn mit dir los?!“ Weder mein Sohn noch die anderen Anwesenden verstanden sofort, was er meinte. Da Hans seinen Blick allerdings weiter wie gebannt auf Max richtete, begannen auch alle anderen ihn anzuschauen. Ihm lief in dicken Rinnsalen Blut aus beiden Nasenlöchern und tropfte auf sein weißes T-Shirt! „Max!“, schrie meine Frau entsetzt auf. Bisher ohne Verständnis, warum ihn plötzlich alle anstarrten, sah er nun an sich herab und entdeckte das Blut auf seinem Shirt. „Scheiße!“, stieß er hervor und begann aufgeregt nach einem Taschentuch in seiner Hose zu suchen. Noch bevor er fündig wurde, stürzten seine Mutter und die Frau von Hans mit einer Küchenrolle bewaffnet auf ihn zu. Da die Blutung nicht weniger, sondern schlimmer wurde, geleiteten die Frauen, auch meine Tochter half nun mit, Max ins Haus, um ihn dort zu versorgen. Ich empfand damals die entfalteten Aktivitäten etwas übertrieben, denn Nasenbluten konnte ja mal vorkommen. Nach dem noch vor wenigen Minuten geherrschten Stimmengewirr, saß ich nun schweigend mit Hans am Gartentisch. Er schien mir sehr nachdenklich. „Was ist los Hans? Du bist doch sonst nicht so leicht zu erschrecken?“, sprach ich ihn an. Hans nahm einen Schluck aus seiner Flasche, stellte sie bedächtig auf den Tisch, richtete sich in seinem Stuhl auf und beugte sich in meine Richtung. „Michael“, begann er in einem solch ernsten Ton, der mir fast ein wenig Angst machte, „weißt du, wovon solch plötzliches und starkes Nasenbluten kommen kann?“ Ich zuckte mit den Schultern. „Keine Ahnung, ich bin kein Arzt.“ „Ich auch nicht, aber ich habe vielleicht in ein paar Sachen Erfahrungen, die dir fehlen.“ Sich wieder zurück lehnend fügte er hinzu: „Die dir zum Glück fehlen.“ „Kannst du mal aufhören, in Rätseln zu sprechen?“ Hans drehte kurz seinen Kopf, so als wolle er sich überzeugen, dass ihn niemand anderes hören konnte. „Michael, nach dem, was ich gerade gesehen habe, gehe ich jede Wette ein, dass dein Sohn Drogen nimmt.“ Drogen? Zum ersten Mal schlug dieses Wort in mein Leben ein! Genau in diesem Moment, an einem Grillabend im Garten. „Drogen?“ Ich lachte auf. „Spinnst du? Wir reden von meinem Sohn und nicht von irgendeiner Assi-Familie!“ Hans zog die Augenbrauen nach oben: „Du glaubst ernsthaft, Drogen sind ein reines Thema für Assis?“ Da ich nicht gleich antwortete, fuhr er fort: „Ich sage dir was: Zum Drogen kaufen braucht man Geld, viel Geld, das die sogenannten Assis nicht haben … Und ich kenne mehr als zehn Träger eines Doktortitels, die kiffen und Koks durch die Nase ziehen.“ Ich war fassungslos. „Hey, man, keine Ahnung wen du da so kennst, aber wir reden hier von meinem Sohn!&

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