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Zwischen Historie und Herausforderung, IHK Cottbus 1851-2018

Zwischen Historie und Herausforderung

Die IHK Cottbus 1851 – 2012

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Thomas Flemming

Herausgegeben von der Industrie- und Handelskammer Cottbus mit freundlicher Unterstützung der Stadtgeschichtlichen Sammlungen Cottbus

Der Autor

 

Thomas Flemming, Dr. phil., geb. 1957 in Bochum, studierte Geschichte, Germanistik und Philosophie. Er arbeitet als Historiker und Publizist in Berlin. Zahlreiche Veröffentlichungen zu zeitgeschichtlichen Themen, unter anderem „Die Berliner Mauer. Geschichte eines politischen Bauwerks“ (1999), „Der 17. Juni 1953 . Kein Tag der deutschen Einheit“, Berlin 2003, „Berlin im Kalten Krieg. Der Kampf um die geteilte Stadt“, Berlin 2008, „Die MAN. Eine deutsche Industriegeschichte,“, München 2008 (zus. mit Johannes Bähr und Ralf Banken) und „Gustav W. Heinemann. Ein Deutscher Citoyen. Biographie.“, Essen 2014

Thomas Flemming

Vorbemerkung

 

Die erste Auflage dieser Chronik der IHK Cottbus erschien im Jahr 2001 aus Anlass des 150jährigen Kammer-Jubiläums. Für die vorliegende Neuausgabe als E-Book wurde sie an mehreren Stellen erweitert und vertieft.

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Dr. Wolfgang Krüger

 

Seit Erscheinen der ersten Auflage hat sich in der IHK Cottbus selbst wie auch in der wirtschaftlichen und politischen Entwicklung Südbrandenburgs Vieles getan. Die aktualisierte Neuausgabe der Chronik enthält darum zusätzlich einen Überblick über die wichtigsten Ereignisse und Entwicklungen der Jahre 2002 bis 2018.

In diesen Zeitraum fällt beispielsweise die Erweiterung des Geschäftsstellennetzes der IHK Cottbus im Zeichen einer verstärkten Regionalisierung. Innerhalb der Kammer selbst gab es organisatorische und personelle Veränderungen, sowohl im Ehren- als auch im Hauptamt.

Durch verstärkte Nutzung des Internets und ein neues Kommunikationskonzept unter dem Slogan „IHK Cottbus :besser für alle“ intensivierte die IHK Cottbus den Kontakt zu den Unternehmen. Desgleichen verstärkte die Kammer in diesem Zeitraum ihre politische Präsenz, etwa durch aktives Eintreten für Verbesserungen der Infrastruktur von Straßen, Schienen, Wasserwegen und nicht zuletzt beim Datenverkehr.

Ein weiterer Schwerpunkt der Kammerarbeit galt und gilt den Zukunftsthemen Bildung und Fachkräftesicherung.

Dies sind nur einige Fakten und Ereignisse, die in den vergangenen Jahren die Aktivitäten der IHK Cottbus geprägt haben. Zahlreiche andere finden in der vorliegenden Chronik die gebührende Erwähnung, wobei stets auch das wirtschaftliche und politische Umfeld zur Sprache kommt, in dem die IHK Cottbus in der jüngsten Vergangenheit agierte.

Diese Chronik versteht sich somit auch als Beitrag zur kritischen Auseinandersetzung mit der wechselvollen Geschichte der IHK Cottbus innerhalb der Region Südbrandenburg.

Allen interessierten Lesern wünsche ich eine anregende Lektüre.

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Dr. Wolfgang Krüger

Liebe Leserin, Lieber Leser

 

Die Geschichte einer Industrie- und Handelskammer ist immer auch die Geschichte einer Wirtschaftsregion. 150 Jahre Industrie- und Handelskammer Cottbus – von ihrer Gründung im August 1851 bis zum heutigen Tage – sind deshalb nicht zu trennen von dem, was Unternehmerinnen und Unternehmer in Südbrandenburg in dieser Zeit geleistet und wie sie die Entwicklung dieser Region geprägt und vorangebracht haben.

Wir freuen uns, Ihnen mit dem vorliegenden Buch eine gelungene Darstellung der 150-jährigen Geschichte der Industrie- und Handelskammer Cottbus präsentieren zu können, die weit über eine nüchterne Chronologie hinausgeht. Sie ist das Ergebnis mühevoller akribischer Recherchen in Archiven, Bibliotheken und anderswo. Ohne Anspruch auf Vollständigkeit erheben zu wollen, legen wir Ihnen hiermit die Aufarbeitung eines großen Stückes Wirtschaftsgeschichte in Südbrandenburg vor, das sich zu lesen lohnt.

Die Geschichte der Industrie- und Handelskammer Cottbus ist nicht nur eine Erfolgsgeschichte. Auch düstere Kapitel wurden nicht ausgespart. Erfolgreich war die Kammer immer dann, wenn sie sich im wohlverstandenen Sinne für die Interessen ihrer Unternehmerinnen und Unternehmer gegenüber Politik und Verwaltung eingesetzt hat. Und noch etwas ist bemerkenswert: Die Themen der Wirtschaft sind in den letzten 150 Jahren stets gleich geblieben, wenn auch immer wieder unter anderen Vorzeichen. Wurde schon im 19. Jahrhundert um verbesserte Verkehrsanbindungen der Region vor allem auf Wasser und Schiene gerungen, so liegt auch heute in der Verbesserung der Verkehrsinfrastruktur einer der Schwerpunkte unserer Tätigkeit. Ebenso haben die Themen Ausbildung des Berufsnachwuchses, die Anwendung eines vernünftigen Augenmaßes bei Abgaben und Steuern oder die Schaffung nötiger wirtschaftspolitischer Freiräume für das Unternehmertum von damals bis in die Gegenwart ständig im Vordergrund der Arbeit der Industrie- und Handelskammer Cottbus gestanden – und sie tun es bis zum heutigen Tag.

Die Gegenwart begreifen, die Zukunft gestalten kann nur derjenige, der seine Geschichte kennt. Deshalb war es für uns nützlich, mit der Erarbeitung dieser Chronik die zahlreichen Etappen unserer Geschichte noch einmal nachzuvollziehen, die auf der langen Wegstrecke bereits bewältigt wurden. In jeder einzelnen Etappe war es so, dass die Industrie- und Handelskammer über Erreichtes zufrieden sein konnte und doch vieles zu tun blieb. Genau dies soll der für dieses Buch gewählte Titel „Zwischen Historie und Herausforderung” deutlich machen.

Wir haben allen Anlass, dem Autor, Herrn Thomas Flemming, sowie allen anderen Beteiligten Dank für dieses Buch zu sagen.

Unterschrift-Kohte

Jürgen Kothe, Präsident, IHK Cottbus

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Dr. Joachim Linstedt, Hauptgeschäftsführer, IHK Cottbus


Grußwort

Dr. Manfred Stolpe, Ministerpräsident, Land Brandenburg

 

Die Lausitz ist eine wichtige Industrieregion in Brandenburg. Der Strukturwandel, der sich hier in den vergangenen zehn Jahren vollzog, hat die Kraft aller Beteiligten gekostet. Bei der Umstellung von der Plan- in die Marktwirtschaft sind Tausende Arbeitsplätze auf der Strecke geblieben, traditionelle Wirtschaftszweige brachen zum Teil komplett weg, andere konnten nur unter erheblichen Anstrengungen gehalten werden, neue Branchen siedelten sich an.

Solch ein Prozess braucht Steuerung und Begleitung vor Ort. Gemeinsam mit anderen hat hier die Industrie- und Handelskammer Cottbus Enormes geleistet. Sie ist eine von drei Handelskammern in Brandenburg, ihr Bezirk reicht von der Landesgrenze zu Sachsen bis an den südlichen Stadtrand Berlins, von der Elbe bis an die Grenze zu Polen. Ihre selbst gestellte Aufgabe sieht sie darin, die Interessen der Gesamtheit der Gewerbetreibenden zu vertreten.

Heute wie vor 150 Jahren ist die Industrie- und Handelskammer für die Unternehmen einer der wichtigsten Ansprechpartner. Ihr Leistungsangebot ist breit gefächert. Sie gibt Unterstützung bei der Suche nach qualifizierten Fachkräften. Die Kammer kämpft mit Degen oder Florett – je nachdem, was notwendig ist, wenn es gilt, die eigenen Belange bei kommunalen, landes- und bundespolitischen Entscheidungen durchzusetzen. Die Verbesserung der Verkehrsanbindungen in der Region als Voraussetzung für eine erfolgreiche Ansiedlungspolitik ist solch ein Thema. Oder auch die Forderung, dass Bauleitplanung und Flächennutzung auf ihre Wirtschaftsfreundlichkeit abgeklopft werden müssen.

Weil es in Deutschland Sache der Wirtschaft ist, für betriebliche Ausbildungsplätze zu sorgen, sieht sich die IHK Cottbus in der Pflicht, jungen Menschen in der Region eine Perspektive zu geben und damit die Abwanderung aufzuhalten. Mit Beständigkeit und pragmatischer Hilfe wirbt sie in den Betrieben dafür, Lehrstellen in Südbrandenburg zu schaffen und zu erhalten. Und die IHK geht selbst mit gutem Beispiel voran – pro Jahr werden vier Auszubildende eingestellt.

Richtigerweise versteht sich auch die IHK Cottbus seit 150 Jahren als Dienstleister für die Unternehmer. Sämtliche Dienstleistungen der IHK stehen unter der Überschrift Wirtschaftsförderung: Sie informiert über Marktchancen im Ausland, hilft Existenzgründern, ihr Gewerbe aufzubauen und unterrichtet über Finanzhilfen und Förderprogramme. Einzelhändler können wichtige Vergleichskennziffern erhalten, und das Verarbeitende Gewerbe kann sich zu Fragen der Energie und der Forschungsförderung informieren.

Der Kammerbezirk ist Grenzregion. Die Osterweiterung der Europäischen Union wird eine ganze Reihe von positiven Effekten für die Wirtschaft in den Grenzregionen auslösen. Jahrzehntelang konnten sie sich nur in eine Richtung orientieren, waren als „Halbkreisregionen” in ihrer wirtschaftlichen Entfaltung stark eingeschränkt. Mit der Einbeziehung Polens in die Europäische Union eröffnen sich nun Entwicklungsmöglichkeiten in alle Richtungen – sowohl im Hinblick auf die Beschaffung als auch den Absatz von Waren und Dienstleistungen.

Mit der sich abzeichnenden Verbesserung des Lebensstandards in den mittel- und osteuropäischen Ländern werden sich die Importe dieser Länder weiter erhöhen. Das betrifft sowohl die Nachfrage nach höherwertigen Konsumgütern als auch nach Investitionsgütern zur Modernisierung der Produktion und der Infrastruktur. Aber natürlich können die ökonomischen Vorteile der Osterweiterung nicht allein der Exportindustrie zugeschrieben werden. In etwa gleichem Umfang profitieren auch die Zulieferunternehmen der Exporteure. Das sind vor allem Klein- und Mittelbetriebe. Als EU-Grenzland ist Brandenburg prädestinierter Akteur, um über die grenzüberschreitende Kooperation mit unserem polnischen Nachbarn Vorarbeiten für die Integration Polens in die Europäische Union und für den europäischen Einigungsprozess insgesamt zu leisten. Auch hierbei wird das Know-how der Kammern gebraucht.

Die Industrie- und Handelskammer Cottbus agiert in der Region für die Region. Für die Landesregierung ist sie ein kompetenter Partner bei der Umsetzung der Wirtschaftspolitik, weil sie mit ihren genauen Analysen und Umfragen an Konzepten und Problemlösungen arbeitet. Sie widmet sich wichtigen Themen der Zeit und scheut sich nicht, Stellung zu beziehen. Besonders dankbar bin ich für die deutliche Position der Kammer zu den Themen Rechtsextremismus und Gewalt. Mit ihrer konsequenten Absage an solche Angriffe auf den demokratischen Rechtsstaat stellt sich die Kammer auf die Seite der deutlichen Mehrheit der brandenburgischen Bevölkerung. Nur gemeinsam können wir in Brandenburg ein gesellschaftliches Klima schaffen, das solche Taten gegen die Menschenwürde und den politischen Anstand verhindert. Die Cottbuser IHK begeht ihr 150. Jubiläum. Sie ist ein unverzichtbarer Partner in der Region!

stolpe

Gründung mit Hindernissen

 

Die offizielle Geschichte der Industrie- und Handelskammer Cottbus beginnt mit einem allerhöchsten Erlass König Friedrich Wilhelms IV. vom 15. August 1851:

„Auf Ihren Bericht vom 11. August d.J. genehmige ich die Errichtung einer Handelskammer für den Kreis Cottbus. Die Handelskammer nimmt ihren Sitz in der Stadt Cottbus. Sie soll aus sieben Mitgliedern bestehen, für welche vier Stellvertreter gewählt werden.”1

Noch im November 1851 fanden die ersten Mitglieder-Wahlen statt, und am 16. März 1852 nahm die Handelskammer mit der ersten Plenarsitzung im Cottbuser Rathaus ihre Tätigkeit auf. Vorausgegangen waren zehnjährige Verhandlungen und Gespräche, in denen manches Hindernis aus dem Weg zu räumen war.

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Erlass zur Gründung der Handelskammer für den Kreis Cottbus, 15. August 1851

 

Bereits im Januar 1842 hatte der Magistrat von Cottbus die königliche Regierung in Frankfurt/Oder um die Einrichtung einer Handelskammer ersucht. Zur Begründung erklärte er, dass „die Niederlausitz bei der minderen Productivität ihres Bodens hauptsächlich durch Gewerbe und Handel gehoben werden könne.“2 Von einer Handelskammer versprach sich die Niederlausitzer Wirtschaft vor allem eine bessere Vertretung ihrer Interessen gegenüber Behörden und Regierung. Probleme und Wünsche gab es genug. Sie betrafen unter anderem Zölle, Verkehrsverbindungen oder die gesetzlichen Rahmenbedingungen für Handel und Gewerbe.

 

Ihren Sitz sollte die Handelskammer in Cottbus haben, „worauf unser Ort als der größte, und den ausgedehntesten Handel treibend, den meisten Anspruch zu machen wohl berechtigt ist“.3

Doch so schnell schossen die Preußen nicht.

Altmarkt 1850

Der Cottbuser Altmarkt mit Rathaus (um 1850)

 

Im Mai 1842 teilte die königliche Regierung erst einmal mit, dass eine Entscheidung noch nicht getroffen werden könne, da „wir zunächst Erkundigungen über die ... Verhältnisse in unseren Provinzen einzuziehen für nötig erachtet haben“4. Geprüft werden sollte, ob überhaupt Bedarf für eine Handelskammer bestand, und wie sie finanziert werden könnte. Völlig unklar war auch, welche Ausdehnung der Kammerbezirk haben sollte. Feste Zusagen erhielt der Cottbuser Magistrat – er war die treibende Kraft des Projekts – schließlich von Luckau, Spremberg, Finsterwalde, Lieberose, Peitz, Guben und Sorau, mit denen zusammen ein Statut entworfen und im Dezember 1844 der königlichen Regierung vorgelegt wurde. Dort fand es aber keinen Gefallen, weil ihr unter anderem der Kreis der Wahlberechtigten zu weit gefasst war. Umstritten blieb auch die Frage der Finanzierung, die nach den Vorstellungen des Cottbuser Magistrats von den einzelnen Städten geleistet werden sollte, was die Regierung in Frankfurt/Oder jedoch ablehnte. Sie war für die Kostenübernahme durch Kammer-Mitglieder und Städte. So ging es einige Zeit hin und her.

Das Fehlen einer offiziellen Vertretung von Handel und Gewerbe in der Niederlausitz machte sich inzwischen schmerzlich bemerkbar. Als nämlich 1850 in Berlin eine Anhörung zur Position Preußens bei den anstehenden Verhandlungen über Zolltarife stattfand, war die Lausitzer Kaufmannschaft nicht vertreten, obwohl sie an dieser Frage z.B. wegen ihres Tuchhandels nach Österreich stark interessiert war. Auch die Beratungen über den Schifffahrtsvertrag zwischen dem Zollverein, einem Zusammenschluss deutscher Bundesstaaten (u. a. Preußen, Bayern, Sachsen) zur Wirtschaftlichen Einigung und Belgien erfolgten ohne ihre gutachterliche Stellungnahme.5

Handel und Gewerbe in Cottbus forcierten nun zusammen mit dem Magistrat die Gründung einer Handelskammer. Allerdings gab es noch einmal heftige Streitereien um die Zahl der beteiligten Städte und Gemeinden sowie die ihnen zustehenden Mitglieder. Daran scheiterte etwa die Einbeziehung des Kreises Sorau, wo 1871 eine eigene Handelskammer gegründet wurde. Andere Kreise, darunter Lübben, Luckau und Calau, hatten sich inzwischen von dem Vorhaben wieder zurückgezogen, da die dortige Wirtschaft meinte, ihre Interessen selbst ausreichend vertreten zu können. Eine ursprünglich geplante Kammer für die gesamte Niederlausitz kam dadurch nicht zustande, und so wurde die Handelskammer 1851 zunächst nur für den Kreis Cottbus errichtet.

01 Bild Julius Krüger

Julius Krüger, Gründungsvorsitzender der Handelskammer für den Kreis Cottbus

 

Die Gründung fiel zusammen mit dem Beginn eines außerordentlichen, vor allem von der Textilindustrie, bald auch von der Braunkohle getragenen Aufschwungs in dem in „vorangegangenen Zeiten wirtschaftlich ganz unbedeutenden Lande” 6. Die Cottbuser Kammer versuchte in der Folgezeit nach Kräften, diesen Aufschwung zu fördern.

 

Zum ersten Vorsitzenden wurde Kommerzienrat Julius Krüger, Kaufmann in Cottbus, gewählt; zu seinem Stellvertreter der Kaufmann Friedrich Dreifert. Wahlberechtigt waren alle Handel- und Gewerbetreibenden des Kreises Cottbus, „welche in der Steuerklasse der Kaufleute ... Gewerbesteuer entrichten.“ 7 Insgesamt hatte die erste Handelskammer Cottbus elf Mitglieder, darunter sechs Kaufleute, vier Fabrikanten und ein Buchhändler (Eduard Meyer). Bis auf George Berger aus Peitz waren sie alle in Cottbus ansässig. Ihre Wahl wurde am 24. Januar 1852 von der königlichen Regierung in Frankfurt/Oder offiziell bestätigt.8

Genehmigen bzw. „verfügen“ musste der König die Handelskammer, doch die Initiative zu ihrer Gründung ging von Gewerbetreibenden und Magistrat aus. Bereits in ihrer Gründungsgeschichte zeigte sich also der Doppelcharakter der Handelskammer: Einerseits war sie Interessenvertretung der örtlichen Wirtschaft, andererseits ein Beratungsorgan für die Regierung bei der Vorbereitung wirtschaftspolitischer Entscheidungen, dem auch einzelne hoheitliche Aufgaben zufielen.9 Diese grundsätzliche Doppelfunktion der Kammern hat sich bis in die Gegenwart erhalten, wobei im Laufe ihrer Geschichte mal der eine Aspekt (Interessenvertretung), mal der andere (Unterstützung für Regierungsstellen) in den Vordergrund trat, je nach den Freiräumen, die den Kammern von der Politik gewährt wurden - oder die sie sich zu verschaffen wussten.

Die Aktivitäten der Cottbuser Kammer hielten sich anfangs in eher bescheidenem Rahmen. So unternahm sie zunächst eine gründliche Bestandsaufnahme der Lage von Handel und Gewerbe im Kreis, die insgesamt durchaus positiv ausfiel. Allerdings hatte die Kammer sogleich auch konkrete Wünsche zur Verbesserung der ökonomischen Rahmenbedingungen:

„1) die Verlegung des Wollmarktes zu Cottbus zwischen den Breslauer und Berliner Märkten, ...

3) die Ansetzung der im Zollvereine stattfindenden Messen auf ein für allemal bestimmte Kalendertage,

4) die zeitgemäße Aenderung der Verordnungen über den Hausirhandel“.10

Letzteres war ein dringendes Anliegen der örtlichen Buchhändler, da die Konkurrenz durch „fahrende Händler“, darunter sogar Beamte und Gendarmen, welche nebenbei Bücher und Zeitschriften verkauften, ihr Geschäft zu beeinträchtigen drohte.

Als Erfolg durfte die Kammer verbuchen, dass ihr im Juli 1852 für die ersten drei Jahre ein Etat von 100 Talern genehmigt wurde. Dieser Betrag entsprach in etwa dem Jahreslohn eines Landarbeiters.11

Zu jener Zeit war Cottbus eine Stadt mit rund 8.700 Einwohnern. Von den insgesamt 806 Wohnhäusern war rund ein Drittel in Massivbau ausgeführt, der Rest bestand aus Fachwerkbauten. Ihr wirtschaftlicher Ruf begründete sich auf der Tuchweberei, einer Vielzahl von Bierbrauereien und dem ausgedehnten Flachsanbau. Die innerstädtischen Straßen waren noch ungepflastert – wie in der gesamten Niederlausitz – und es gab noch keine Straßenbeleuchtung; dafür aber seit 1848 ein Krankenhaus.12


Aufbauphase der Handelskammer

 

Für die innere Struktur und Verfassung der Handelskammer Cottbus war die königliche „Verordnung über die Errichtung von Handelskammern“ vom 11. Februar 1848 maßgeblich. Laut § 9 dauerte die Amtszeit ihrer Mitglieder drei Jahre. Allerdings wollte man vermeiden, dass alle Mitglieder auf einmal wechselten, so dass die ersten Neuwahlen bereits nach einem Jahr abgehalten wurden.

Die räumliche und materielle Ausstattung der Handelskammer Cottbus war in ihrer Anfangszeit sehr bescheiden. Als Versammlungsort stellte ihr die Stadt das Sitzungszimmer der Stadtverordneten im Rathaus zur Verfügung. Büro und Registratur waren zunächst im Wohnhaus des Vorsitzenden Julius Krüger untergebracht. Für die Akten-Ablage reichte dort aber bereits 1854 der Platz nicht mehr, so dass die Kammer beim Magistrat um die Zuweisung eines Raumes für die Bibliothek und zur Aktenverwahrung bat, der ihr auch gewährt wurde. Die aktuellen Akten verblieben weiterhin in der Wohnung des Vorsitzenden. 1861 lehnte der Magistrat die Überlassung eines weiteren Zimmers an die Handelskammer ab. Das Raumproblem verschärfte sich 1886, als Cottbus kreisfreie Stadt wurde, darum zusätzliche Büroräume wegen vermehrter Verwaltungsaufgaben benötigte und der Handelskammer ihren Raum im Rathaus kündigte. Ihre Sitzungen hielt die Kammer fortan mehrere Jahre lang abwechselnd in den Privaträumen ihrer Mitglieder ab. Die Registratur hatte man durch Aktenvernichtung radikal verkleinert.

Dieser Zustand dauerte bis 1897, als die Handelskammer – deren Bezirk mittlerweile stark gewachsen war – im Haus Kaiser-Wilhelm-Platz 57 (jetzt Brandenburger Platz) erstmals eigene Räume bezog.

Wie erwähnt, betrug der erste Etat der Handelskammer für die Jahre 1852 bis 1854 insgesamt 100 Taler. Die Ausgabenstruktur gewährt einen Einblick in die Arbeitsweise und Aufgaben in der ersten Phase ihrer Tätigkeit.

1. Kosten des Secretariates

24 Thaler

2. Kosten der Registratur

10 Thaler

3. Anfertigung des Jahresberichtes, Druckkosten, Annoncen

25 Thaler

4. Porto

5 Thaler

5. Reisekosten

25 Thaler

6. Diverse Ausgaben, Botenlohn pp.

11 Thaler

Summa      

100 Thaler

 

Die größten Summen wurden demnach für die Herstellung des Jahresberichts und für Reisekosten aufgewendet. Beides diente unmittelbar der Interessenvertretung. Im Jahresbericht wurden immer wieder die Hauptforderungen der regionalen Wirtschaft auch einer größeren Öffentlichkeit bekannt gemacht, z.B. nach Eisenbahnanschluss für die Niederlausitz. Unter den Reisen wird die eine oder andere nach Frankfurt/Oder, Berlin und Potsdam gewesen sein, um bestimmte Anliegen der Kammer persönlich vorzutragen.

Die starke Erweiterung sowohl des Bezirks als auch der Aktivitäten der Handelskammer verdeutlicht die Ausgaben-Aufstellung für das Jahr 1901, 50 Jahre nach ihrer Gründung.

„1. Secretariat, Bureauhülfe

5.149,91 Mark

2. Localmiethe, Heizung, Beleuchtung, Reinigung

849,61 Mark

3. Porto

450,00 Mark

4. Druckkosten

793,50 Mark

5. Insertionen

239,45 Mark

6. Zeitschriften und Bücher

326,63 Mark

7. Beiträge

228,20 Mark

8. Reisekosten

681,90 Mark

9. Fernsprecher

75,95 Mark

10. Unvorhergesehene Ausgaben

278,24 Mark

Summa

9.073,39 Mark“13

Die Kaufkraft dieses Etats entsprach um 1900 etwa dem Jahreslohn von 30 Landarbeitern.


Wirtschaftliche Interessenvertretung in Deutschland

 

Bevor die weitere Entwicklung der Handelskammer Cottbus betrachtet wird, ein kurzer Blick zurück.

„Es kommt nichts ohne Interessen zu Stande”, meinte der Philosoph Georg Friedrich Wilhelm Hegel Anfang des 19. Jahrhunderts, und der Staatsrechtler Lorenz von Stein (1815 - 1890) stellte fest: „Alle Bewegungen in der Gesellschaft [werden] durch Interesse beherrscht.”14 Eine so einfache wie fundamentale Erkenntnis. Die zentrale Frage dabei war und ist, auf welche Weise und mit welchen Mitteln die einzelnen Individuen und Gruppen ihre spezifischen Interessen gegenüber anderen Personen, Gruppen oder Institutionen zur Geltung bringen. In der modernen Industriegesellschaft bildeten sich als wichtigste Interessenvertretungen seit Mitte des 19. Jahrhunderts politische Parteien, Gewerkschaften und Wirtschaftsverbände heraus. In dieser Entwicklungstendenz organisierter Interessenvertretung ist auch die Entstehung der Handelskammern zu sehen, wobei ihr bereits erwähnter Doppelcharakter als Vertretung der Wirtschaft und Verbindungsglied zur Regierung ihnen von Anfang an eine Sonderstellung zuwies.

Diesem Doppelcharakter entsprechend liegen die Wurzeln der Handelskammern zum einen in den aus Gilden und Zünften hervorgegangenen „Handlungsvorständen” des 17. und 18. Jahrhunderts, zum anderen in den vom Staat eingerichteten Kommerzienkollegien, die durch Beratung und Begutachtung Handel und Gewerbe fördern sollten. Als Vorläufer der Handelskammern können auch die kaufmännischen Korporationen in den Städten des Hochmittelalters angesehen werden. In Hamburg beispielsweise kümmerte sich der „Ehrbare Kaufmann“ seit 1665 unter anderem um Zoll, Stapelrechte und die Verbesserung der Handels- und Verkehrsverbindungen.

Frühformen der Handelskammern entstanden im Frankreich des 17. Jahrhunderts, die erste 1599 in Marseille.15 Im Gefolge der napoleonischen Besatzung wurde diese Form der Wirtschaftsförderung Anfang des 19. Jahrhunderts auch im Rheinland eingeführt. Die ersten deutschen Handelskammern wurden 1803 in Mainz und Köln gegründet. Es folgten die Kammern in Aachen (1804), Frankfurt a. M. (1808), Düsseldorf (1831) und Freiburg (1835). In Bayern wurde die erste Handelskammer 1843 in München eingerichtet. Weiter östlich entstanden die ersten Handelskammern 1844 in Halle und Erfurt, 1848/49 in Breslau und Görlitz, 1850 in Berlin. Bereits im Mai 1861 wurde in Heidelberg der „Deutsche Handelstag” (DHT) als Dachverband sämtlicher Handelskammern gebildet, der als einen frühen Erfolg unter anderem die Einführung der „Mark” („Drittel-Thaler”) als allgemeine Währung im 1871 gegründeten Deutschen Reich verbuchen konnte.16 Im Interesse des Handels wirkte er auch intensiv an der Ausgestaltung des „Allgemeinen Deutschen Handelsgesetzbuches” von 1861 und der Erarbeitung seines „Nachfolgers”, des Handelsgesetzbuches von 1897, mit.17 Der Handelstag tagte einmal im Jahr an unterschiedlichen Orten, unterhielt allerdings in Berlin einen „Bleibenden Ausschuss” und ein Zentralbüro, das die Informationen aus den Regionen sammelte und die Aktivitäten des Handelstages koordinierte.

Etwa ab 1870 bestanden somit in Deutschland zwei Typen wirtschaftlicher Interessenvertretung, die sich vor allem durch ihre rechtliche Verankerung unterschieden: Zum einen die freien Verbände als staatsunabhängige Organisationen, zum anderen die Handelskammern als öffentlich-rechtliche Körperschaften, denen eine halbamtliche Stellung zukam. Auf der einen Seite waren sie in die Behördenhierarchie eingebunden,18 auf der anderen Seite genossen sie – vor allem in Preußen und Norddeutschland - weitgehende Selbstverwaltungsrechte. Ihre Aufgaben umfassten das Sammeln und Weiterleiten von Wirtschaftsinformationen aus ihrer Region; die Beratung der Regierungsbehörden; die Ausführung von öffentlichen Verwaltungs- und Überwachungstätigkeiten; sodann und vor allem die Interessenvertretung ihrer Mitglieder. Dieser Aspekt gewann an Gewicht, je größeres Selbstbewusstsein die Kammern gegenüber den Behörden entwickelten. Das konnte nicht ohne Konflikte abgehen, doch blieben sich beide Seiten – Kammern und Verwaltung – der Vorteile einer engen Zusammenarbeit stets bewusst. Der Regierungsbürokratie verschaffte sie genaue und zuverlässige Wirtschaftsinformationen aus erster Hand und die Möglichkeit zum Delegieren bestimmter Verwaltungsaufgaben. Den Fabrikanten und Kaufleuten eröffnete sie einen „fest institutionalisierten Zugang zum politischen Entscheidungsprozeß”.19

Es kamen jedoch Zeiten und Regimes, unter denen die Kammern kaum mehr als Ausführungsorgane oder auch Erfüllungsgehilfen der Politik waren.


Erste Aktivitäten der Handelskammer zu Cottbus

 

Mitte des 19. Jahrhunderts war die Niederlausitz noch stark landwirtschaftlich geprägt. Sie war alles andere als eine wohlhabende Gegend, wenn auch der Eindruck eines Reisenden vom Ende des 18. Jahrhunderts über eine Fahrt von Lübbenau nach Guben etwas überzogen sein mochte: „Elendere Gegenden, trostlosere Heiden und Sümpfe, armseligere Dörfer und Landleute sah ich nie als hier.”20 Dabei durfte es nicht bleiben - und es blieb auch nicht dabei. Allerdings war es ein weiter und beschwerlicher Weg, bis die Niederlausitz einen durchweg erfreulicheren Anblick bot.

Die industrielle Revolution setzte hier im Vergleich mit anderen Provinzen des Königreichs Preußen verzögert ein. Jedoch hatte sich insbesondere in Cottbus und Forst seit Anfang des 19. Jahrhunderts eine leistungsstarke Tuch- und Leinenindustrie herausgebildet, die Handelsverbindungen bis nach Österreich, England und ins Osmanische Reich unterhielt.21 Der wichtigste Absatzmarkt für Textilien in Massenfertigung waren um 1850 die USA, die jedoch aufgrund von Zollerhöhungen ab 1861 als Abnehmer weitgehend ausfielen. Die Tuchindustrie reagierte darauf unter anderem mit der bevorzugten Herstellung von Qualitätstuchen an Stelle grober Tuche für den Massenbedarf.22 In der Tuchindustrie nahm Cottbus ab 1820 hinter Forst eine Spitzenposition ein. 1840 gab es in Cottbus in dieser Branche rund 1.100 Beschäftigte bei einer Gesamteinwohnerzahl von 8 100. Etwa die Hälfte aller Bewohner von Cottbus war von der Tuch- und Leinenherstellung direkt oder indirekt abhängig.23

Neben der Tuch- und Leinenherstellung spielten andere Wirtschaftszweige zu jener Zeit in der Niederlausitz eine untergeordnete Rolle, etwa die Schuhproduktion in Calau, die Gerberei in Forst, Papiermühlen in Altdöbern und bei Cottbus oder die Eisenhütte in Peitz (sie wurde 1858 stillgelegt).24

Seit Anfang des 19. Jahrhunderts hatte die Textilbranche der Niederlausitz durch technische Umwälzungen starke Wachstumsimpulse erhalten. Der Engländer William Cockerill wurde zum Pionier dieser Mechanisierung. 1817 begann er mit Unterstützung der preußischen Regierung seine Aktivitäten in Cottbus, wo ihm der Magistrat im Schlossbezirk mehrere Gebäude (Schlossturm, Fürstenhaus – heute dort des Amts- und Landgerichts) für den Aufbau einer Spinnerei überließ. Dort stellte er 1830 die erste Spinnmaschine mit Dampfantrieb in Cottbus auf.25 Auch in der Tuch- und Leinenfertigung begann 1830 der Einsatz von Maschinen, was binnen weniger Jahre zu starken Produktions- und Gewinnsteigerungen führte. So stieg die Tuchproduktion in Cottbus im Zeitraum zwischen 1840 und 1860 von 12.840 auf 42.000 Stück. Auch die Qualität der Tuche konnte durch die Mechanisierung gesteigert werden. 1852, ein Jahr nach Gründung der Handelskammer, wurden in Cottbus 19.700 Stück Tuch an 368 Webstühlen produziert. 1.100 Arbeiter waren in diesem Bereich beschäftigt. 1865 stellten rund 2.700 Arbeiter bereits 90.000 Stück Tuch her. Die ersten mechanischen Webstühle kamen in Cottbus 1854 zum Einsatz. Ihre Zahl stieg kontinuierlich an, so dass 1865 von insgesamt 971 Webstühlen in Cottbus 130 mechanische Stühle waren. 1875 funktionierten von 998 Webstühlen bereits 701 Webstühle mit der neuen Technik.26

Waren dies die technologischen Voraussetzungen für einen Wirtschaftsaufschwung in der Niederlausitz, mussten parallel dazu auch günstige politische und rechtliche Rahmenbedingungen geschaffen werden. Hier war die Politik, insbesondere die preußische Regierung gefordert, aber auch die Handelskammer als Interessenvertretung der regionalen Wirtschaft.

Cottbus fiel 1815 nach der Niederlage Napoleons in Russland an Brandenburg-Preußen zurück, nachdem es 1807 im Frieden von Tilsit dem Königreich Sachsen zugeschlagen worden war. Die Niederlausitz war seit Anfang des 17. Jahrhunderts Teil von Kursachsen, während das Gebiet um Cottbus seit 1462 - mit der Unterbrechung zwischen 1806 und 1813 - zu Brandenburg-Preußen gehörte. Von Seiten der preußischen Regierung wurde nach 1815 die staatliche Integration des hinzugewonnenen Gebiets eher behutsam betrieben. So wurden auch die Stein-Hardenbergschen Reformen mit einiger Verzögerung übertragen, die völlige Gewerbefreiheit in der Niederlausitz beispielsweise erst 1845 eingeführt. Im übrigen Preußen galt sie bereits seit 1810. Mit Erlass der Allgemeinen Gewerbeordnung vom 17. Januar 1845 war es nun auch in der Niederlausitz mit der alten Zunftherrlichkeit vorbei, die sich in den vergangenen Jahrzehnten immer stärker als Fessel für die Entfaltung wirtschaftlicher Aktivitäten erwiesen hatte. Die Innungen bestanden zwar weiter, aber es herrschte keine Pflichtmitgliedschaft mehr.27

Andere Reformprojekte hatte man schon vorher in Angriff genommen, darunter die schrittweise Neuregelung des Steuerwesens ab 1820. Spürbare Verbesserungen gab es nach 1815 auch im Bildungswesen, sowohl bei den Volksschulen als auch bei höheren Lehranstalten.28

Für die Niederlausitzer Juden brachte das Gesetz vom Juli 1847 eine deutliche Besserstellung auf politischem, rechtlichem und wirtschaftlichem Gebiet.

Der um 1835 einsetzende Aufschwung in der zunehmend mechanisierten Tuchindustrie hatte für bestimmte Gruppen auch negative Auswirkungen. So gerieten traditionelle Tuchmacher und Tuchscherer in Bedrängnis. Ebenso hatten „zünftig“ ausgebildete Gesellen immer häufiger das Nachsehen, da die Tuch- und Leinenfabriken dazu übergingen, un- bzw. angelernte Arbeiter als Tagelöhner zu beschäftigen. In den folgenden Jahren sahen sich auch viele selbstständige Meister genötigt, ihre nicht mehr rentablen Tuch- oder Leinenwebereien aufzugeben und in den expandierenden Tuchfabriken Arbeit zu suchen.

Auf der anderen Seite boten sich aufgrund der technologischen und rechtlichen Entwicklungen auch neue Betätigungsfelder. Beispielsweise konnten nach Aufhebung der „Bannmeile” städtische Handwerker und Kleinhändler sich nun „kundennah” auf den Dörfern ansiedeln und ihre Dienstleistungen anbieten.29

Der wirtschaftliche Aufschwung der Region ab 1850 lässt sich auch an den rasch steigenden Einwohnerzahlen von Cottbus ablesen. Zählte die Stadt 1850 noch 8.700 Einwohner, so stieg diese Zahl bis 1867 auf 13.300. 1871 hatte Cottbus bereits 19.000 Einwohner30. Welch überragende Bedeutung zu jener Zeit die Tuchindustrie für Cottbus hatte, zeigt sich unter anderem daran, dass 1864 bei einer Einwohnerzahl von rund 12.100 in dieser Branche 2.460 Personen beschäftigt waren.31

 


Aktivitäten der Handelskammer zu Cottbus

 

Im zweiten Jahr ihres Bestehens erlebte die Handelskammer eine sich recht turbulent entwickelnde Lausitzer Wirtschaft, deren Auf und Ab im Verlauf des Jahres 1853 der Jahresbericht eindringlich schildert. Auch wegen seines stellenweise fast poetischen Tonfalls sei er hier ausführlich zitiert: „Reich an Aussichten für eine weitere Ausdehnung des Handels und der Fabrikation begann [das Jahr 1853] mit vielen neuen Unternehmungen und Fabrikanlagen. Der Arbeiter fand sein gutes Brod, der Rohproducent seinen reichlichen Lohn; die Hoffnung auf eine ergiebige Ernte begünstigte diesen Zustand und erst als diese Hoffnung sich trügerisch erwies, als das überseeische Exportgeschäft in Manufacturen zu stocken anfing, und ein nie gekannter Geldmangel eintrat, die Banken den Disconto erhöhten, und sich hierzu in Folge der orientalischen Wirren die Furcht vor dem Ausbruche eines allgemeinen europäischen Krieges gesellte, schloß das Jahr mit banger Sorge um die im Dunkel liegende Zukunft.“32 Das alte Lied also - Exportschwäche, Kapitalmangel, Zinsängste, dazu die Sorge um die politische Großwetterlage. Doch sollte sich der Horizont bald wieder aufhellen. 1855 war die akute Schwächeperiode überwunden und auch jene „orientalischen Wirren” (der Krimkrieg zwischen Russland und Großbritannien) wurden Anfang 1856 beigelegt.

Das Thema „Krieg und Frieden” taucht übrigens mit großer Regelmäßigkeit in den Jahresberichten auf. Haupttenor dabei: Handel und Gewerbe brauchen friedliche Zustände zur gedeihlichen Entwicklung. Bei aller Rivalität auf den Weltmärkten, allem Unmut über ausländische Zollschranken oder „Dumping”-Preise – kriegstreiberische oder chauvinistische Töne waren von der Handelskammer im 19. Jahrhundert kaum zu hören. Allerdings konnte (und wollte) sie sich den nationalistisch-militaristischen Aufwallungen vor und während des Ersten Weltkrieges nicht entziehen. Ihre Position zum nationalsozialistischen Regime und dessen Kriegswirtschaft steht noch einmal auf einem anderen Blatt. Davon wird später zu berichten sein.

Interessant ist das politische Selbstverständnis der Handelskammer, in dem von Beginn an die Betonung wirtschaftlicher Interessenvertretung und das Verlangen nach Einflussnahme in einem gewissen Spannungsverhältnis standen. Auch hier zeigte sich jener Doppelcharakter der Handelskammer als einer Verbindungsinstanz zwischen Wirtschaft und Staat. Dieses Spannungsverhältnis sprach die Handelskammer Cottbus bereits 1855 in etwas gewundenem Stil an: „Es ist dem Wesen und der ganzen Einrichtung der Handelskammern entgegen, Fragen aus dem Bereiche der Politik zu erörtern; dieß enthebt sie jedoch nicht der Verpflichtung, darauf aufmerksam zu machen, wenn Eingriffe, welche die gedeihliche Entwicklung des Handels und der Industrie bedrohen, auf die besonnene ... Fortentwicklung der inneren staatlichen Verhältnisse gemacht werden, weil Handel und Industrie sofort durch jede innere Störung beunruhigt und in ihrem Gange gehemmt sind.“33 Eine politische Organisation konnte und wollte die Kammer nicht sein. Aber die Rahmenbedingungen für Handel und Gewerbe mussten stimmen. Darauf immer wieder hinzuweisen und auch konkrete Vorschläge zu machen, ließ sich die Handelskammer nicht nehmen.


Jahrelanger Kampf um Eisenbahnanschluss

 

In den Anfangsjahren der Kammer bildete das Bemühen um den Ausbau der Verkehrsverbindungen, speziell um den Anschluss an das Eisenbahnnetz, einen Schwerpunkt ihrer Aktivitäten. Immer wieder führte sie Klage, dass der Kreis Cottbus von den Eisenbahnverbindungen abgeschnitten war, was als größtes Hemmnis für die wirtschaftliche Entwicklung angesehen wurde. So hieß es etwa im Jahresbericht für 1854: „Die Ergebnisse des Handels- wie des sonstigen gewerblichen Verkehrs treten im Allgemeinen unserm Rückblick auf das Jahr 1854 in nicht erfreulicher Gestalt entgegen. Der wichtigste Grund [dafür] liegt einzig und allein in dem längst gefühlten Mangel eines Anschlusses an das große Eisenbahnnetz.“ Auch der Ausbau moderner Kommunikationsmittel – insbesondere der Telegrafen-Verbindungen – wurde eingefordert, andernfalls „unsere Gegend, - sonst reich an Intelligenz, Handel, Industrie, Gewerbefleiß und Landwirthschaft, - bald gänzlich verarmen und dem Untergange zugeführt werden muß“34. Ein dramatischer Appell an die preußischen Regierungsbehörden, der jedoch keinen unmittelbaren Erfolg hatte. Es dauerte noch bis ins Jahr 1866, bevor auch in Cottbus und der Niederlausitz das Eisenbahnzeitalter begann.35

Zum Zeitpunkt der Kammergründung existierten in der Provinz Brandenburg insgesamt fünf Eisenbahnstrecken, die alle von und nach Berlin verliefen, aber keine durch den damaligen Kammerbezirk. Es waren dies die Strecken Berlin - Potsdam (1838); die Anhalter Bahn (1841); Berlin - Frankfurt/Oder (1842; ab 1846 bis Breslau); Berlin - Stettin (1843) und die Hamburger Bahn (1846).