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Zwischen Herz und Vernunft

1. KAPITEL

Luiz Carlos Montes blickte erneut auf den Zettel in seiner Hand. Die Adresse stimmte! Aus der sicheren Geborgenheit seines schnittigen schwarzen Sportwagens heraus betrachtete er skeptisch das Haus und die Umgebung. Sein erster Gedanke war: Damit hätte ich nun wirklich nicht gerechnet! Sein zweiter: Es war ein Fehler, mit dem Wagen zu kommen. Ich müsste mich schon sehr irren, wenn hier nicht alles, was auch nur im Entferntesten wertvoll aussieht, gestohlen wird oder Vandalen zum Opfer fällt.

Das kleine Reihenhaus, das er im Schein der Straßenlaterne gerade noch erkennen konnte, kämpfte vergeblich um einen Hauch von Respektabilität in der heruntergekommenen Nachbarschaft. Den handtuchgroßen Vorgarten flankierten zwei zubetonierte Höfe. In dem einen standen Mülltonnen und in dem anderen ein rostiges Autowrack. Einige Häuser weiter befanden sich ein chinesischer Imbiss, eine kleine Poststelle, ein Friseur und eine Wein- und Spirituosenhandlung. Dann noch ein Zeitungskiosk, der offensichtlich als Treffpunkt für die Sorte Jugendlicher diente, denen Luiz eben diesen Vandalismus unterstellte, sobald er seinen Wagen unbeobachtet lassen würde.

Doch auch die Jungen, die in Rappermontur vor dem Getränkemarkt herumlungerten und rauchten, jagten ihm keine Angst ein. Immerhin maß er einen Meter siebenundachtzig, und dank seines regelmäßigen Besuchs im Fitnesszentrum war er muskulös und durchtrainiert. Mit diesen Möchtegernhalbstarken konnte er es jederzeit aufnehmen.

Allerdings stand ihm der Sinn nach nichts weniger. Schon gar nicht an einem Freitagabend. Im Dezember. Während ein Schneesturm in der Luft lag und er noch einen riesigen Berg an E-Mail-Korrespondenz abzuarbeiten hatte, bevor der Rest der Welt in die Weihnachtsseligkeit entschwand.

Aber Blut war eben dicker als Wasser, und deshalb musste er seinen familiären Pflichten nachkommen. Nachdem er diesen Slum mit eigenen Augen gesehen hatte, war ihm klar geworden, dass er dringend eingreifen musste – egal, wie lästig das Ganze auch sein mochte.

Luiz seufzte und schwang sich aus dem Wagen. Selbst für London war es ein ungewöhnlich kalter Abend. Die ganze Woche schon herrschte strenger Nachtfrost, und selbst tagsüber blieben die Temperaturen unter Null. Die rostige Schrottkarre und die Mülltonnen überzog eine glitzernde Reifschicht. Von dem chinesischen Imbiss her stiegen ihm Küchendünste in die Nase. Angewidert verzog Luiz das Gesicht.

Normalerweise würde er nie im Leben auch nur einen Fuß in einen Stadtbezirk wie diesen setzen. Je schneller ich das hinter mich bringe, desto besser. Mit diesem Gedanken drückte er so lange auf die Türklingel, bis er hörte, wie jemand herbeieilte.

Aggie hatte sich gerade zum Abendessen hingesetzt, als es klingelte. Am liebsten hätte sie das Läuten ignoriert – vor allem weil sie ahnte, wer da vor der Tür stand. Mr Cholmsey, ihr Vermieter, hatte es schon mehrmals für nötig befunden, sie anzurufen und auf die überfällige Miete anzusprechen.

„Aber ich zahle sonst immer pünktlich! Außerdem sind es jetzt gerade mal zwei Tage. Ich kann doch nichts dafür, wenn die Post streikt!“, hatte sie sich gerechtfertigt.

Offensichtlich sah Mr Cholmsey dies anders. Er hätte sich bereits sehr entgegenkommend gezeigt, indem er ihr zugestand, per Scheck zu zahlen. Alle anderen Mieter würden die Miete überweisen. Und jetzt sähe man ja, was man davon hätte … Die Leute würden Schlange stehen, um in diesem Haus zu wohnen … Jederzeit könnte er einen zuverlässigeren Mieter finden. Wenn der Scheck nicht morgen im Briefkasten läge, müsste sie eben bar bezahlen!

Aggie hatte ihn noch nie zu Gesicht bekommen. Die Vermietung war vor eineinhalb Jahren über einen Makler gelaufen, und alles hatte bestens geklappt – bis Mr Cholmsey beschlossen hatte, dass er eigentlich die Maklergebühr sparen und sich selbst um die Mietangelegenheiten kümmern könnte. Und seitdem nahm die Katastrophe ihren Lauf. Er reagierte nicht, wenn es etwas zu reparieren gab – oder mit dem Hinweis darauf, wie schwierig es sei, in London eine Wohnung zu finden. Wenn ich jetzt nicht aufmache, dachte Aggie, kündigt er mir.

Ohne die Sicherheitskette zu lösen, öffnete sie die Tür und spähte durch den schmalen Spalt hinaus in die Dunkelheit.

„Mr Cholmsey, es tut mir wirklich leid …“, begann sie, um einem Wortschwall des Vermieters zuvorzukommen. „Der Scheck hätte längst bei Ihnen sein müssen. Ich werde ihn zurückziehen und die Miete morgen bar zahlen. Das verspreche ich hoch und heilig.“ Wenn er wenigstens den Anstand hätte, sich so hinzustellen, dass ich ihn sehen kann, dachte sie unwillig. Aber egal, ich werde auf keinen Fall die Tür öffnen. In dieser Gegend konnte man gar nicht vorsichtig genug sein.

„Wer ist Mr Cholmsey, und wovon reden Sie überhaupt? Machen Sie endlich die Tür auf, Agatha!“

Diese Stimme! Eine Stimme, die sie eigentlich für den Rest ihres Lebens nie mehr hatte hören wollen! Aggie wäre am liebsten augenblicklich in Ohnmacht gefallen. Was will Luiz Montes hier? Wieso lässt er mich nicht in Ruhe? War es nicht schlimm genug, dass er sie und ihren Bruder unter dem Deckmantel der Gastfreundschaft einer Art „hochnotpeinlicher Inquisition“ unterzogen hatte? Unter dem Vorwand, den Freund seiner Nichte und dessen Familie kennenlernen zu wollen, hatte er ihnen indiskrete Fragen gestellt und sie mit einem Misstrauen behandelt, das man normalerweise Schwerverbrechern vorbehielt.

„Was wollen Sie?“

„Machen Sie endlich auf! Ich habe keine Lust, zwischen Tür und Angel mit Ihnen zu reden.“ Luiz konnte sich Aggies Miene lebhaft vorstellen. Er hatte sie oft genug gesehen, um zu wissen, dass er in ihren Augen das Feindbild schlechthin verkörperte. Gleichgültig, was er sagte, sie widersprach und kritisierte ihn. Sie ging immer in die Defensive und war ausgesprochen streitlustig – sie symbolisierte schlichtweg alles, was ihm an einer Frau missfiel.

Nie im Leben hätte er sich freiwillig ihrer Gegenwart ausgesetzt. Leider hatte seine Schwester, die in Brasilien lebte, ihm die undankbare Aufgabe auferlegt, den neuen Freund ihrer Tochter auf Herz und Nieren zu prüfen. Der Reichtum des Montes-Clans war unvorstellbar – deshalb war diese Vorsichtsmaßnahme nur vernünftig, wie Luisa betont hatte. Und sie hatte darauf bestanden, obwohl Luiz die Notwendigkeit eigentlich nicht sah. Seiner Meinung nach würde sich die Sache früher oder später von selbst erledigen. Da er seine Schwester jedoch kannte, entschloss er sich, den Weg des geringsten Widerstandes zu gehen, und willigte ein, ein Auge auf Mark Collins und dessen Schwester zu werfen. Offensichtlich standen sich die Geschwister sehr nahe.

„Wer ist dieser Mr Cholmsey“, fragte Luiz, als er eintrat.

Aggie verschränkte die Arme und warf ihm einen eisigen Blick zu, während Luiz sich mit dem ihm eigenen arroganten Gesichtsausdruck umsah. Sie musste zugeben, dass er wirklich umwerfend aussah – groß, athletisch und … sexy. Aber von Anfang an hatte sie sich von der offensichtlichen Verachtung abgestoßen gefühlt, mit der er sie und Mark betrachtete – genau wie von seiner unterschwelligen Drohung, dass er sie und Mark im Visier hätte. „Mr Cholmsey ist mein Vermieter. Woher haben Sie überhaupt meine Adresse? Was wollen Sie hier?“

„Ich wusste nicht, dass Sie zur Miete wohnen. Irgendwie hatte ich den Eindruck, dass das Haus Ihnen gehört. Komisch – wie komme ich wohl darauf?“ Luiz betrachtete Agatha kalt und abschätzend. „Außerdem nahm ich an, Sie würden in einer etwas weniger … unfeinen … Gegend wohnen. Offensichtlich eine weitere Fehlannahme meinerseits.“ Agatha Collins ist wirklich außergewöhnlich hübsch, dachte er. Auch wenn sie seinem Geschmack – langbeinig, brünett und willig – in keiner Weise entsprach. Sie war höchstens einen Meter achtundfünfzig groß, hatte honigblonde wilde Locken und Pfirsichhaut. Dazu aquamarinblaue Augen, die von langen schwarzen Wimpern umrahmt wurden. Offensichtlich hatte der liebe Gott beschlossen, ihr etwas Einzigartiges zu verleihen.

Aggie errötete und verwünschte den Augenblick, in dem sie zugestimmt hatte, bei der an sich harmlosen Farce mitzumachen und ihre finanzielle Situation etwas zu „beschönigen“.

„Meine Mutter besteht darauf, dass Onkel Luiz Mark etwas unter die Lupe nimmt“, hatte Maria gemeint. „Onkel Luiz ist schrecklich konservativ – für ihn gibt es nur Schwarz oder Weiß. Es wäre wirklich besser, wenn er glauben würde, dass ihr … also nicht gerade reich … aber doch nicht ganz pleite wärt.“

„Sie haben mir immer noch nicht gesagt, was Sie hier wollen.“

„Wo ist Ihr Bruder?“

„Nicht da. Und Maria auch nicht. Wann hören Sie endlich auf, uns nachzuspionieren?“

„Offensichtlich zeigt sich gerade, wie berechtigt mein Spionieren ist. Wer hat eigentlich erwähnt, dass Sie in Richmond wohnen?“ Luiz lehnte sich gegen die Wand und blickte sie mit jenem Ausdruck in den schwarzen Augen an, bei dem ihr das Herz jedes Mal bis zum Hals schlug.

„Ich habe nie behauptet, wir würden in Richmond wohnen! Wahrscheinlich habe ich erzählt, dass wir dort oft mit dem Rad unterwegs sind. Im Park. Es ist doch nicht meine Schuld, wenn Sie daraus falsche Schlüsse gezogen haben!“

„Ich ziehe nie falsche Schlüsse!“ Diese Frau und ihr Bruder hatten ihn belogen, was ihre finanziellen Verhältnisse betraf – und wahrscheinlich seine naive Nichte überredet, dabei mitzumachen. „Als ich die Adresse hier bekam, konnte ich es erst gar nicht glauben, weil es ganz und gar nicht dem entsprach, was Sie mir erzählt haben.“

Zu Aggies wachsendem Unbehagen zog Luiz seinen Mantel aus. Bis jetzt hatten sie sich ausschließlich in Nobelrestaurants getroffen. Er hatte ihnen – ihr, Mark und Maria – den besten Italiener, das beste Thai-Restaurant und die teuerste französische Küche geboten. Allerdings hatte sie auf seine unverhohlenen Verhöre äußerst gereizt reagiert, zumal er ihr das Gefühl vermittelte, dass er sie unzulänglich fand. Aber Einladungen zum Essen waren eine Sache – ihn jetzt in ihrer Wohnung zu haben ging eindeutig zu weit.

Offenbar beabsichtigte er anscheinend auch nicht, sich bald wieder zu verabschieden, obwohl Aggie sich genau das sehnsüchtig wünschte. Sie fühlte sich in seiner Gegenwart immer eigenartig nervös. Sich hier mit ihm auf engstem Raum zu befinden verbesserte die Situation nicht gerade.

„Wäre es vielleicht möglich, etwas zu trinken zu bekommen?“, fragte er gewandt. „Und dann sehen wir mal, was noch so alles ans Tageslicht kommt, während wir auf Ihren Bruder warten.“

„Wieso wollen Sie denn plötzlich unbedingt mit Mark reden? Kann das nicht warten? Ich meine, Sie könnten ihn und Maria ja noch einmal zum Essen einladen und sich dabei von der Ehrlichkeit seiner Absichten überzeugen.“

„Unglücklicherweise erfordern die Umstände eine gewisse Dringlichkeit. Leider. Aber dazu komme ich noch.“ Luiz schob sich an ihr vorbei ins Wohnzimmer. Die Einrichtung dort zeugte nicht unbedingt von mehr Geschmack als der Flur. Die Farbe der Wände erinnerte vage an ein dezentes Nikotingelb. Die schwarz-weißen Kinoplakate, die mit Reißzwecken angepinnt waren, halfen auch nicht gerade, die Atmosphäre aufzulockern. Die Möbel stammten vom Sperrmüll und waren eine unglückliche Mischung aus Alt und Gebraucht und Modern und Billig. In einer Ecke stand ein alter Fernseher auf einer billigen Konsole aus Kiefernholz.

„Was meinen Sie mit: ‚Die Umstände erfordern eine gewisse Dringlichkeit‘?“, fragte Aggie, während Luiz sich auf einen der Stühle setzte und sich ungeniert umsah.

„Ich nehme an, Sie wissen, warum ich Nachforschungen über Ihren Bruder anstelle?“

„Maria meinte, ihre Mutter würde dazu neigen, etwas überbehütend zu sein“, erwiderte Aggie zögernd. Sie sank auf einen Stuhl ihm gegenüber, da er offensichtlich nicht vorhatte, bald wieder zu gehen.

Wie immer fühlte sie sich in seiner Gegenwart mit ihren alten, abgetragenen Sachen wie Aschenputtel. Für die teuren Restaurants hatte sie ihren Kleiderschrank durchforstet, um etwas einigermaßen Schickes zu finden. Trotzdem kam sie sich jedes Mal vor wie eine graue Maus. Dass sie im Moment ihre älteste Trainingshose und einen alten Pulli von Mark trug, der ihr einige Nummern zu groß war, verbesserte die Situation nicht gerade. Ich sehe wahrscheinlich aus wie ein ausgestopftes Känguru, dachte sie. Und das nahm sie Luiz ebenfalls übel.

„Es zahlt sich eben aus, wenn man gründlich ist. Obwohl ich ursprünglich versucht hatte, meiner Schwester auszureden, dass sie Ihren Bruder überprüfen lässt.“

„Wirklich?“

„Aber natürlich! Maria ist noch jung. Da geht man eben Beziehungen ein, die sich dann irgendwann erledigen. Das gehört dazu. Deshalb war ich der Meinung, dass auch diese Beziehung unter diese Rubrik fällt. Leider musste ich irgendwann einwilligen, mich doch um die Angelegenheit zu kümmern.“

„Und das heißt“, warf Aggie bitter ein, „dass Sie jeden Stein in Marks und meinem Leben umgedreht und versucht haben, uns zu überführen.“

„Ich muss Ihnen übrigens Respekt zollen. Sie beide haben wirklich zusammengehalten. Irgendwann fiel mir während unserer Unterhaltungen auf, dass ich keine einzige persönliche Information erhielt. Die paar Details, mit denen Sie herausrückten, waren wahrscheinlich vorher abgesprochen und ein reines Lügengespinst, angefangen mit der Wohnsituation. Wahrscheinlich wäre es einfacher gewesen, einen Detektiv auf Sie anzusetzen, um an die notwendigen Informationen heranzukommen.“

„Maria meinte …“

„Tun Sie mir bitte einen Gefallen und lassen Sie meine Nichte aus dem Spiel! Sie wohnen in einer Bruchbude und können kaum die Miete aufbringen. Jetzt wüsste ich nur noch gern, ob Sie beide eigentlich tatsächlich einen Job haben oder ob das auch frei erfunden war?“

„Was fällt Ihnen ein! Und wieso platzen Sie hier einfach so in mein Haus?“

„Mr Cholmseys Haus – wenn man das hier überhaupt als Haus bezeichnen kann.“

„Ihre Meinung bleibt Ihnen unbenommen. Trotzdem ärgert es mich, von Ihnen derart überfallen und beleidigt zu werden.“

„So ein Pech aber auch!“

„Ich möchte, dass Sie sofort gehen!“

Luiz lachte schallend. „Glauben Sie wirklich, ich komme extra hierher, nur um gleich wieder zu gehen, weil Ihnen meine Fragen unangenehm sind?“

„Es wird Ihnen gar nichts bringen, hier herumzusitzen. Mark und Maria sind nicht da.“

„Wie ich bereits sagte, erfordern die Umstände eine gewisse Dringlichkeit. Anscheinend spricht man inzwischen vom Heiraten. Aber das ist völlig ausgeschlossen.“

„Heiraten?“, wiederholte Aggie ungläubig. „Kein Mensch spricht davon!“

„Vielleicht nicht mit Ihnen. Kann es sein, dass die brüderliche Solidarität doch nicht ganz so weit geht, wie Sie denken?“

„Sie … Sie sind der schrecklichste Mensch, der mir jemals untergekommen ist!“

„Das haben Sie mir ja bereits bei jeder unserer Begegnungen unmissverständlich zu verstehen gegeben.“

„Und nun sind Sie hier, um meinen Bruder … Ja warum eigentlich? Um es ihm zu verbieten? Es Maria zu verbieten? Die beiden sind zwar jung, aber volljährig.“

„Maria stammt aus einer der reichsten Familien Lateinamerikas.“

„Wie bitte?“ Aggie warf Luiz einen verwirrten Blick zu. Natürlich war es ihr nicht entgangen, dass Maria nicht zu den Studenten gehörte, die am Wochenende jobben mussten, um die Studiengebühren aufbringen zu können. Aber dass sie aus einer der reichsten Familien stammte? Kein Wunder, dass sie das verheimlicht hatte. Schließlich konnten sie, Aggie, und Mark sich ganz und gar nicht dazu zählen. „Sie machen Witze. Oder?“

„Wenn es um Geld geht, habe ich leider keinen Sinn für Humor.“ Luiz stützte die Ellbogen auf die Oberschenkel. „Eigentlich wollte ich entspannt an die Sache herangehen, aber je mehr ich eins und eins zusammenzähle, desto weniger gefällt mir das Ergebnis.“

Vergeblich versuchte Aggie, seinem forschenden Blick standzuhalten. Wieso löste sich ihre Gelassenheit in seiner Gegenwart jedes Mal in Nichts auf? Sie fühlte sich nicht wohl in ihrer Haut und konnte kaum einen klaren Gedanken fassen. „Und was wollen Sie damit sagen?“, fragte sie mit trockenem Mund, während ihr Herz Purzelbäume schlug. Gespielt gleichgültig blickte sie auf ihre im Schoß verschränkten Hände.

„Reiche Menschen sind oft eine Zielscheibe für Glücksritter“, stieß Luiz hervor. Sie zwang ihn also wirklich, deutlich zu werden. „Meine Nichte ist sehr wohlhabend – und sobald sie einundzwanzig ist, wird sie noch reicher sein. Und nun sieht es so aus, als würde diese Affäre, von der ich annahm, sie würde sich nach ein paar Monaten von selbst erledigen, in eine Ehe münden.“

„Sie müssen sich irren! Das glaube ich einfach nicht!“

„Das sollten Sie aber. Und aus meiner Perspektive sieht es so aus: Zwei Glücksritter haben versucht, mir etwas vorzulügen.“

Aggie wurde blass und blickte ihn unglücklich an. Diese kleinen Notlügen nahmen plötzlich unvorhergesehene Dimensionen an. Sie fühlte sich wie betäubt, trotzdem konnte sie nachvollziehen, wie Luiz zu seinen Schlussfolgerungen kommen musste. Ehrliche Menschen logen nicht!

„Jetzt verraten Sie mir nur noch eins: Ist Ihr Bruder wirklich Musiker? Ich habe nämlich im Internet recherchiert und kann ihn seltsamerweise nirgends finden.“

„Natürlich ist er Musiker! Er … er spielt in einer Band.“

„Lassen Sie mich raten – die Band ist einfach nur noch nicht groß rausgekommen? Und deshalb findet man sie nicht?“

„Okay! Ich gebe auf! Vielleicht haben wir ja wirklich …“

„… der Wahrheit etwas nachgeholfen? Es damit nicht so genau genommen? Sie bis zur Unkenntlichkeit verzerrt?“

„Maria meinte, Sie hätten über alles eine vorgefasste Meinung. Sie würden zum Schubladendenken neigen.“ Aggie hob trotzig das Kinn und blickte Luiz herausfordernd an. Wie kann sich hinter einem derart attraktiven Äußeren, das jeden Maler begeistern würde, ein derart rücksichtsloser und eiskalter Charakter verbergen?

„Schubladendenken? Ich? Das ist doch absoluter Unsinn!“

„Sie meinte, wenn Sie sich einmal eine Meinung gebildet hätten, würden Sie davon nicht mehr abrücken.“

„Das nennt man Charakterstärke.“

„Nennen Sie es, wie Sie wollen! Jedenfalls haben wir uns aus diesem Grund entschieden, es mit der Wahrheit nicht ganz so genau zu nehmen. Nicht, dass wir direkt gelogen hätten … wir haben Ihnen einfach nur nicht alles erzählt.“

„Zum Beispiel, dass Sie in dieser Bruchbude leben, Ihr Bruder ab und zu in Kneipen auftritt und Sie Lehrerin sind. Oder fällt diese Information auch unter den kreativen Umgang mit der Wahrheit?“

„Natürlich bin ich Lehrerin – in einer Grundschule! Das können Sie gern nachprüfen.“

„Nicht mehr nötig. Ich kann auf keinen Fall zulassen, dass Ihr Bruder meine Nichte heiratet.“

„Und wie gedenken Sie das zu verhindern?“ Das war keine rein rhetorische Frage. Es mochte Marias Mutter unbenommen bleiben, die Entscheidung ihrer Tochter zu missbilligen. Sie konnte toben, die Hände ringen, Strafpredigten halten, aber letztendlich konnte Maria tun und lassen, was sie wollte. Taktvollerweise beschloss Aggie, Luiz nicht darauf hinzuweisen. Auch wenn Luiz behauptete, seine Nichte würde ihn falsch einschätzen, hatte er doch bereits das Gegenteil bewiesen. Außerdem hatte er nicht die geringste Ahnung, wie die meisten Menschen lebten. Wahrscheinlich kam er überhaupt zum ersten Mal mit Leuten wie ihr und Mark zusammen. „Ich kann ja verstehen, dass Sie vielleicht Bedenken haben, aber …“

„Ach wirklich?“ Luiz hätte sich nachträglich ohrfeigen können, dass er nicht von Anfang an gründlicher nachgeforscht hatte. Normalerweise war das ganz und gar nicht seine Art – im Gegenteil.

Aber Aggies Bruder wirkte charmant, sympathisch und offensichtlich aufrichtig. Außerdem war er nicht gerade ein Schwächling. Groß, muskulös, die Haare blond wie seine Schwester, aber zu einem Pferdeschwanz zurückgebunden. Seine Stimme klang sanft und melodisch.

Und Agatha – sie war eine absolute Schönheit. Man konnte es wirklich niemandem übel nehmen, der sie anstarrte. Leider besaß sie eine äußerst kämpferische Natur. Vielleicht habe ich mich ja von diesen gegensätzlichen Charakteren einlullen lassen, überlegte Luiz. Steckte dahinter etwa Methode? Oder hatte er die Situation einfach nicht ernst genommen, da er davon ausgegangen war, dass sich die Sache von selbst erledigen würde? Luisa benahm sich wie eine Glucke, wenn es um ihre Tochter ging. Wahrscheinlich hielt er es wieder für einen Sturm im Wasserglas.

Jedenfalls hatte er die beiden jetzt als Lügner entlarvt – und das konnte nur eins bedeuten: Er war auf die beiden hereingefallen! Diese Erkenntnis schmerzte wie ein Stachel in seinem Fleisch, aber damit musste er eben leben.

„Ich weiß, wie das jetzt für Sie aussehen muss … Aber glauben Sie mir, Ihre Angst ist völlig unnötig.“

„Erstens, Angst ist ein Gefühl, das mir völlig fremd ist. Zweitens muss ich Ihnen überhaupt nichts glauben. Das erinnert mich an Ihre Frage.“

„Meine Frage?“

„Ja. Was ich hinsichtlich dieser unglückseligen Geschichte zu unternehmen gedenke.“

Sofort sträubten sich ihr die Nackenhaare, wie jedes Mal, wenn sie mit diesem Menschen zusammentraf. Aggie unterdrückte dieses Gefühl jedoch heroisch. „Sie wollen meinen Bruder dazu bringen, die Beziehung zu beenden.“

„Ich beabsichtige, etwas weitaus Wirksameres zu tun.“ Luiz beobachtete, wie Aggie das Blut ins Gesicht stieg. Sie ist wirklich eine verdammt gute Schauspielerin, dachte er. „Es sieht ganz so aus, als bräuchten Sie dringend Geld. Ihr Bruder vermutlich auch. Außerdem rückt Ihnen wegen der ausstehenden Miete gerade Ihr Vermieter auf den Pelz.“

„Ich kann doch nichts dafür, wenn die Post streikt!“

„Ihr Lehrergehalt reicht offensichtlich nicht einmal zum Überleben“, redete Luiz ungerührt weiter, „wenn Sie sich nicht einmal eine Wohnung wie diese leisten können. Das Angebot, das ich Ihnen unterbreiten werde, damit Ihr Bruder aus dem Leben meiner Nichte verschwindet, sollte eigentlich ein strahlendes Lächeln auf Ihre Lippen zaubern. Ich würde sogar so weit gehen und behaupten, es ist wie ein vorzeitiges Weihnachtsgeschenk.“

„Wovon reden Sie überhaupt?“

Diese großen blauen Augen sind schuld, dass ich mich habe einwickeln lassen, dachte Luiz grimmig. „Ich werde Ihnen und Ihrem Bruder genügend Geld geben, damit Sie von hier verschwinden. Sie werden sich ein Haus kaufen und im Luxus leben können. Darum geht es Ihnen ja letztendlich.“

„Sie wollen uns Geld geben? Damit wir verschwinden?“

„Sie brauchen mir nur die Summe zu nennen. Niemand kann mir nachsagen, ich wäre nicht großzügig. Apropos … Wann kommt Ihr Bruder zurück?“ Demonstrativ blickte er auf seine Armbanduhr.

Aggie kochte vor Zorn. Sie saß auf der Kante des Stuhls, als wollte sie sich auf ihn stürzen und ihm die Augen auskratzen. „Ich muss mich verhört haben!“

„Sie werden sich sicher an den Gedanken gewöhnen.“

„Sie können Menschen doch nicht einfach kaufen!“

„Wollen wir wetten?“ Der Ausdruck in seinen Augen war hart und so kalt wie der Frost draußen. „Zweifelsohne dürfte Ihrem Bruder an einer Beschleunigung seiner Karriere gelegen sein … falls er überhaupt eine anstrebt. Vielleicht will er sich ja auch nur etwas Luxus gönnen. Wahrscheinlich hat er ziemlich früh herausgefunden, wie es um die finanziellen Verhältnisse meiner Nichte steht, und Sie haben sich ausgerechnet, dass dies die Freikarte zu einem luxuriöseren Lebensstil ist. Offensichtlich will er jetzt auch noch heiraten, um einen Fuß in die Tür zu bekommen – aber das kann er sich abschminken. Wenn Sie also meinen, ich kann Menschen nicht kaufen, werden Sie sich eines Besseren belehren lassen müssen.“

Entgeistert blickte Aggie ihn an. Luiz kam ihr vor wie ein Wesen von einem anderen Stern. So benahmen sich also die Reichen und Superreichen! Als wenn ihnen die Welt gehörte! Als könnten sie mit Menschen umgehen wie mit den Figuren auf einem Schachbrett? Aber warum überrascht mich das eigentlich? Ich wusste schließlich immer, wie rücksichtslos, hartherzig und skrupellos er ist. „Mark und Maria lieben sich! Das müsste doch selbst Ihnen aufgefallen sein!“

„Ganz sicher hält Maria das Ganze für Liebe. Sie ist eben jung.

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