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Zwietracht

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Der längste Tag

Azra drückte das Gaspedal bis auf das Bodenblech durch. Der Motor heulte laut auf. Ihren Kollegen Jürgen schmiss es mit voller Wucht in den Beifahrersitz. Nur unter größten Anstrengungen gelang es ihm, mit seinen etwas zu kurz geratenen Armen, die beiden Kippschalter für das Blaulicht und das Martinshorn am Armaturenbrett zu betätigen. Kaum hatte er diese mühevoll eingeschaltet, trat die junge Polizistin auch schon wieder energisch auf die Bremse. Der Wagen schlitterte gefährlich hin und her. Jürgen schoss mit voller Wucht nach vorne. Sein in die Jahre gekommener leicht übergewichtiger Körper flog in den Sicherheitsgurt. Quietschend bog der Streifenwagen von der Sandstraße rechts in die Ottostraße ab.

»Mensch Azra, du fährst ja wieder wie eine gesengte Sau.«

Von hinten rief der völlig verzweifelt Halt suchende Hübi: »Ja, genau.« Dann kegelte er von rechts nach links auf der Rücksitzbank.

Aus dem Lautsprecher meldete sich die Zentrale: »1101 an 1134, weitere Anwohner melden Schusswechsel. Wann werdet ihr vor Ort sein?«

Jürgen fingerte krampfhaft nach dem Sprechfunk. »Sofern wir uns nicht gleich um den nächsten Laternenpfahl wickeln, sind wir in drei Minuten vor Ort.«

Der Wagen raste die schmale Ottostraße entlang. Jürgen blickte kurz aus dem Seitenfenster. Die grauen Häuserfassaden rauschten an ihm wie in einem Trickfilm viel zu schnell vorbei. Vor der nächsten Kreuzung versperrte ihnen ein auf der rechten Fahrspur stehender schwarzer Mercedes mit eingeschalteter Warnblinkanlage die Weiterfahrt. Azra legte erneut eine Vollbremsung hin. Die Straße war hier zu eng, um das Fahrzeug, was in der zweiten Reihe parkte, links überholen zu können. Ein hagerer südländisch aussehender Mann winkte in Richtung Hauseingang. Dort stand eine leicht dickliche Frau, die mit allerlei Plastiktüten schwer bepackt war. Sie erwiderte den Gruß durch ein kurzes Kopfnicken.

»Räumen sie sofort die Straße«, fauchte Jürgen wütend in das Mikrofon des Außenlautsprechers. »Diesem alten Geissenpeter mache ich Beine«, schnaubte er wutentbrannt, wobei er den Lautsprecher stumm geschaltet hatte.

Auch Azra war auf hundertachtzig. Das Adrenalin durchflutete ihren Körper. Mit den Fingern trommelte sie ungeduldig auf das Lenkrad ein. Schließlich fuchtelte sie wild mit den Armen umher, in der Hoffnung, der Mann würde sich beeilen. Der aber machte nur eine abfällige Handbewegung zu ihnen herüber und öffnete gelassen sein Auto. Winkte noch einmal kurz der Frau zu und stieg in sein Fahrzeug ein. Das Martinshorn schrillte derweil ohrenbetäubend durch die enge Straße.

Die Zentrale meldete sich wieder: »1101 an alle Streifenwagen. Unterstützung für 1134. Achtung Schusswaffengebrauch. Kaiser-Wilhelm-Straße 134. Im Brautmodengeschäft Ataman gibt es eine Schießerei. Achtung Eigenschutz!«

»1134 für 1101. Wir hängen hier fest. Ein parkender Kameltreiber versperrt unsere Weiterfahrt. Wir sind noch nicht vor Ort«, fluchte Jürgen.

»1101 hat verstanden.«

Endlich setzte sich der schwarze Mercedes in Bewegung. Die Polizistin schob das Fahrzeug förmlich vor sich her, so dicht fuhr sie mit dem Streifenwagen dem vorausfahrenden PKW auf die Stoßstange. Aus den Fenstern der umliegenden Häuser schauten bereits erste neugierige Anwohner.

»Guckt mal, Affenkino!«, amüsierte sich Daniel von der Rücksitzbank köstlich.

Der Streifenwagen bog nach links in die Weseler Straße ein. Zum Glück fuhr der Mercedes nach rechts ab. Azra konnte also wieder Vollgas geben. Sie preschte, als wollte sie die verlorene Zeit unbedingt wieder aufholen.

»Mensch Schatzi, du bringst uns alle noch um«, flehte ihr älterer Kollege Jürgen, während er durch die ruckartige Lenkbewegung nach links gedrückt wurde. »Wir werden die Show schon nicht verpassen«, presste er mühevoll die Worte aus seinen Lippen.

»Stell dich nicht so an, wir müssen alle irgendwann mal sterben!«, entgegnete Azra. Dann mur melte sie halblaut: »Scheiß Fußgänger! Die sehen uns doch kommen.«

Der Wagen raste über das unruhige Kopfsteinpflaster der Weseler Straße. Die auf dem Seitenstreifen parkenden Autos flogen wieder nur so am Seitenfenster vorbei. Jürgen drückte es mächtig in der Magengrube. Vielleicht hätte er heute Morgen doch nicht beide Frikadellen essen sollen, ging es ihm zweifelnd durch den Kopf. Für die regennasse Straße, auf der zu allem Überfluss auch noch die Straßenbahnschienen führten, fuhren sie seiner Meinung nach viel zu schnell. Gekonnt bremste Azra den Passat ab. Mit quietschenden Reifen bogen sie in die Zielstraße ein. Die Hausnummer 134 lag auf der linken Straßenseite. Azra drosselte die Geschwindigkeit. Der Kollege schaltete das Signalhorn aus. Jetzt rollten sie im Schritttempo die Basarstraße zum Einsatzort entlang.

»Da vorne, das weiße Schaufenster mit der Brautmode. Hier muss es sein«, flüsterte Jürgen angespannt, so, als könnten ihn die Täter sprechen hören. Mit dem Finger zeigte er auf das vor ihnen liegende Geschäft.

Alles sah scheinbar friedlich aus. Eine gespenstische Unsicherheit lag in der Luft. Keine Menschenseele zeigte sich vor dem Ladenlokal oder in der Fußgängerzone.

Als Streifenführer übernahm Jürgen jetzt das Kommando. »Azra und ich inspizieren das Geschäft. Hübi, du bleibst beim Auto. Du sicherst nach hinten ab und weist die Kollegen ein.«

»1134 für 1101 wir sind vor Ort. Von den Tätern keine Spur. Wir gehen jetzt in den Laden.«

»1101: Ist verstanden.«

Die Polizisten öffneten gleichzeitig die Autotüren, während sie intuitiv zu ihren Waffen griffen. Gerade, als sie auf das Ladenlokal zugehen wollten, flog schwungvoll die Türe des Brautmodengeschäfts auf. Im Eingang stand ein ca. ein Meter achtzig großer, schwarz gekleideter Mann, der eine ebenfalls schwarze Sturmhaube trug. In den Händen hielt er eine Maschinenpistole. Und bevor noch irgendjemand eine Bemerkung von sich hätte geben können, riss der Unbekannte die MP hoch und feuerte auf die Polizisten eine Salve ab. Die Geschosse zischten durch die Luft.

Azra hörte die Einschläge dicht neben sich. Es machte rechts von ihr Plopp, Plopp, Plopp. Instinktiv wendete sie den Kopf in Richtung der Einschüsse. Die Kugeln hatten die Fahrertüre wie Pappe durchsiebt. Erschrocken richtete sie ihren Blick wieder auf den Schützen, die Dienstwaffe fest im Anschlag. Sie feuerte ein Projektil nach dem nächsten ab. Die Vorgänge in ihrem Kopf liefen von nun an mechanisch. Wie in einem vorgezeichneten Programm. Ihr Gehirn hämmerte: ›Du musst schießen. Wer schießt kontrolliert die Situation. Schießen! Schießen!‹, sagte sie sich immer wieder.

Der Attentäter erwiderte das Feuer. Azra hörte Jürgen brüllen: »Azra, komm hinter den Wagen in Deckung!«

Doch die junge Polizistin schaute wie parallelisiert auf den Schützen. Wie in Trance drückte sie den Abzug ihrer Walther P99 immer wieder. Dabei zielte sie auf den Täter. Eigentlich richtete sie Ihre Waffe nur in die Richtung, aus der sie das Mündungsfeuer kommen sah. Ihr Blutdruck schien unermesslich hoch, sie nahm ihr Gegenüber nur verschwommen wahr.

»Azra, verdammt noch mal, komm hier ...«, Jürgen brach im Satz ab.

Sekunden später durchzuckte ein schmerzhafter Stich die Schulter der jungen Polizistin. Eine innere Stimme sagte ihr: ›Bring dich schnell in Sicherheit. Folge dem Rat von Jürgen.‹ Das Magazin ihrer Dienstpistole war leer geschossen.

Gerade als sie sich abwendete, traf sie ein heftiger Schlag gegen den Brustkorb. Es war, als hätte sie ein Pferd mit einem seiner Hufe erwischt. Es fühlte sich an, als würde der ganze Atem, der in ihr war, langsam aus dem Körper entweichen. Sie rang nach Luft. Der Mund öffnete sich flehentlich. Die Augen trudelten wild umher. Die Welt um sie herum begann sich, zu drehen. Der Horizont tanzte rhythmisch auf und ab. Saß sie in einem Karussell? Endlose Felder von blauen und weißen Blüten umschlangen sie. Ihr Leben spulte sich wie in einem Film immer schneller werdend vor ihrem inneren Auge ab. Azra wurde es schwarz und kalt. Stille kehrte in ihrem Kopf ein. — Dann, ganz leise und zart, hörte sie von weit her fröhliche Musik. Die Melodie drang allmählich lauter an ihr Ohr. Sie kam näher und näher. Eine junge Mädchenstimme sang leise dazu: ›Leylek leylek lekirdek, hani bana çekirdek?‹ Die Stimme klang hell und glockenklar. Aus dichten Nebelschwaden tauchte ein Kindergesicht auf. Azra wollte nach dem Mädchen greifen. ›Hey, wer bist du?‹ Aber das Mädchen lächelte nur milde und schaute scheu mit ihren pechschwarzen Augen zu ihr auf. Dabei wippte sie auf einer Stange sitzend, während sie weiter sang: ›Cekirdeğin içi yok, san kizin suçu yok.‹

»Azra, hey Azra«, dröhnte es in ihrem Kopf. Eine dunkle Männerstimme wischte das liebevolle Mädchen grob beiseite. Daraufhin fing das Mädchen bitterlich zu weinen an. Es hielt sich krampfhaft an der Stange des Klettergerüsts fest, auf dem es zuvor noch freudig gewippt hatte. Sie wollte dem Kind unbedingt zu Hilfe eilen, doch ihre Hände erreichten das zarte Geschöpf nicht mehr.

»Azra! Mensch, sag doch was!« Die dunkle Männerstimme durchdrang erneut ihre Gedankenwelt. Sie öffnete vorsichtig die Augenlider. Helle, nein grelle Lichtstrahlen blendeten sie. Langsam nahm ein verschwommenes Etwas erste Konturen an. War das André? Was machte ihr Kollege nur hier? — Ja wirklich, nach dem unverschämten Grinsen zu urteilen, konnte das nur ihr nerviger Schichtkollege sein.

»Willkommen im Leben!«, frotzelte er.

Erst jetzt bemerkte sie, wie sie hektisch nach Luft japste. Neben André tauchten die besorgten Gesichter von Claudia und Kevin auf.

»Schöne Scheiße«, stammelte Azra. »Was ist mit mir? Und wo ist Jürgen? Wo ist Daniel?«

»Du wurdest angeschossen«, versuchte Claudia ihre Kollegin zu beruhigen. »So wie es aussieht, hat es dich an der Schulter erwischt.«

»Aah, meine Brust tut mir so weh«, stöhnte die Polizistin.

»Der Saukerl hat dich genau da auch getroffen«, erwiderte die Claudia.

»Mitten auf die Zwölf hat er dir eine verpasst.«, bemerkte Kevin trocken. »Zum Glück hattest du deine Schussweste an.«

Azra richtete sich vorsichtig auf. Umringt von blau uniformierten Kollegen suchten ihre Augen die Umgebung nach Jürgen und Hübi ab. Sie stützte sich mit einer Hand vom Boden ab. Claudia und Kevin griffen ihre Hände und halfen ihr behutsam auf die Beine. Es wimmelte nur so von Uniformierten. Herbeieilende Rettungswagen und weitere Streifenwagen machten eine Verständigung fast unmöglich. Die Signalhörner plärrten Furcht einflößend. Azra blickte sich verunsichert um. An dem hinteren Kotflügel ihres Dienstwagens lehnte Jürgen. Er saß auf dem Boden und drückte mit seiner linken Hand einen Druckverband auf eine Kopfwunde. Blut rann ihm die Schläfe herunter. Sie blickten einander schweigend an. Jürgen fand als Erster seine Sprache wieder.

»Ist nur ein Streifschuss! Das sieht wahrscheinlich wilder aus, als es ist«, dabei deutete er mit seiner Rechten in Richtung Verletzung.

Genau dafür schätzte sie ihren Partner, für diese bescheidene Direktheit. Ebenso bewunderte sie seine ruhige und besonnene Art in heiklen Situationen. Um seine Person machte er kein großes Aufheben. Mit achtundfünfzig zählte er zu den wenigen älteren Polizisten, die immer noch Streife fuhren. Von ihm hatte sie so ziemlich alles gelernt. Wie sagte Jürgen Rosin so schön: ›Die Straße ist dein bester Lehrmeister, die Polizeiverordnung ist was für`s Protokoll.‹

»Da haben wir wohl richtig Glück gehabt, was?«, schmunzelte er. »Mensch Schatzi, warum musst du auch immer so rasen. Hätte es nicht gereicht, wenn wir fünf Minuten später angekommen wären?«

»Alter Mann, ich glaub` deine Uniform ist ruiniert!«

»Deine Frisur sah aber auch schon mal besser aus!«, konterte der ältere Kollege.

Beide lachten. Ihr Lachen war eine Mischung aus Erleichterung und totaler Verunsicherung. Ihnen dämmerte, dass sie nur um Haaresbreite dem sicheren Tod entronnen waren. Eine beklemmende Unruhe stieg in Azra hoch. Sie musste unbedingt den ermittelnden Kollegen helfen. Aber wie? Was sagte eigentlich die Polizeiverordnung dazu? Im Fall eines Schusswechsels gab es bestimmt eine Reihe von Vorschriften, die es zu beachten galt. Aber welche? Azra fiel es schwer, sich zu konzentrieren. Ihr Schädel dröhnte vom Aufprall auf das Straßenpflaster. Die Polizeikommissarin blickte sich um. Dann fragte sie die Umherstehenden nach ihrem jungen Dienstpartner Hübi. Unbeholfen torkelte sie von einem Kollegen zum anderen. Eine kalte Wand des Schweigens schlug ihr entgegen. Jeden, den sie ansah, wich ihren Hilfe suchenden Blicken verstohlen aus. Die Deutschtürkin schritt um den völlig zerschossenen Streifenwagen herum. Sie erkannte ihren Wachleiter Carsten Tomczek, der mit Horst Draiher, ihrem Dienstgruppenleiter zusammenstand. Beide beugten sich über etwas, während sie sprachen. Horst gestikulierte wie immer wild umher. Dabei ruderte er mit beiden Armen gleichzeitig auf und ab, als wolle er gleich abheben. Azra ging zögerlich auf die Vorgesetzten zu. Mit einer Hand stützte sie sich an der Dachkante des Polizeiwagens ab. Sie zwängte sich zwischen die beiden Kollegen durch.

»Azra bleib hier! Guck dir das nicht an. Sei vernünftig«, redete Horst auf sie ein, während er nach ihrer Hand griff, um sie zurückzuhalten.

»Ja, es ist besser, wenn Sie sich das nicht ansehen«, setzte der Wachleiter nach. »Kommen Sie Frau Köse, Ihre Wunde muss versorgt werden.«

Azra riss sich von der Hand ihres Chefs los und ging unbeirrt weiter. Auf dem Boden vor ihr erblickte sie Daniel. Er lag auf dem Rücken. Wäre seine Körperhaltung nicht so verdreht gewesen, man hätte im ersten Augenblick meinen können, dass er schliefe. Nur seine weit aufgerissenen Augen blickten starr gegen den Himmel und verrieten, dass hier etwas nicht stimmte. Stumm betrachtete sie den noch jugendlich anmutenden Körper. Seine Gesichtszüge waren entspannt. Das bleiche Gesicht schien jetzt noch weißer. Ja, die Haut wirkte auf Azra so zerbrechlich wie Porzellan. Nur auf der Stirn war ein tiefroter, kreisförmiger Punkt zusehen. Sein Kopf lag in einer schwarzroten breiigen Blutlache. Der Polizeischüler Daniel Hübner war tot.

»Mensch Hübi, was machst du nur für Sachen?« Azra rannen Tränen über die Wangen. »Daniel, komm steh auf!«, rief sie laut und wollte nach seiner Hand greifen, um ihn auf die Füße zu stellen.

Die beiden Chefs eilten zur Polizistin und führten sie von der Unglücksstelle fort. Azra brach in sich zusammen. Sie schluchzte unentwegt. Ihr ganzer Körper schüttelte sich vor Schmerz und Erregung. Schließlich heulte sie hemmungslos drauf los.

Ein Notarzt kümmerte sich um ihre Schulterverletzung. Notdürftig tamponierte er die Wunde. Während er routiniert den Verband anlegte, sagte er mit prüfendem Blick: »Das ist ein glatter Durchschuss. Keine große Sache. In ein paar Tagen sind Sie wieder ganz die Alte.«

›Was für ein Schwachkopf‹, dachte Azra. ›Ob der sich beim Reden eigentlich zuhörte?‹ Wie sollte sie nach dem schrecklichen Vorfall noch ganz die Alte sein?

Die Türe des Rettungswagens stand weit auf. Von der erhöhten Position der Trage überblickte die Polizistin den Vorplatz des Brautmodengeschäftes. Die Zahl der ihr bekannten Kollegen hatte sich inzwischen mehr als halbiert. Die Kripo begann mit ihrer Ermittlungsarbeit. Einige Zivilbeamte zogen Kreidestriche. Andere stellten Karten mit Nummern auf. Ihr Blick schweifte zum Eingang von Ataman. Dort fotografierte ein Beamter eine auf dem Boden liegende Person. ›Ob noch mehr Kollegen getötet wurden?‹, fragte sich Azra beklommen. ›Wen hatte es von ihnen nur getroffen?‹ Der Gedanke ließ ihr keine Ruhe. Er bohrte sich immer tiefer und fordernder in ihre verängstigte Fantasie. Vorsichtig rutschte sie seitlich von der Trage und kletterte schwerfällig aus dem Notarztwagen. Unbemerkt ging sie auf den Kollegen zu, der immer noch weitere Beweisfotos knipste. Vor ihr lag ein hagerer Mann. Er sah südländisch aus. Der schwarze Vollbart säumte seine schmalen Lippen. Wahrscheinlich kam der Mann aus dem arabischen Raum. Bei näherem Hinsehen kam ihr der schwarze Overall bekannt vor. Neben der Leiche lag eine Sturmhaube. Daneben, mit einer weißen Eins versehen, erkannte sie eine Maschinenpistole. Es musste der Schütze sein, der auf sie gefeuert hatte. Trotz der dunklen Kleidung konnte sie die Einschusslöcher gut erkennen. Eine Kugel hatte den oberen Brustkorb getroffen. Ein weiterer Treffer hatte den Oberarm durchschlagen. Interessanterweise fiel ihr die Schussverletzung am Kopf erst zum Schluss auf. Das Einschussloch war direkt über der rechten Augenbraue. Es war viel größer, als bei Hübi, dachte sie. Jetzt schossen ihr wieder die Tränen in die Augen. Sie musste abermals an ihren jungen Kollegen denken. Daniel war gerade mal einundzwanzig Jahre alt geworden. Sie starrte den Toten fassungslos an. Ein verstohlenes Lächeln huschte über ihr Gesicht. Genugtuung machte sich in ihr breit. ›Dieses verdammte Schwein! — Gut, dass dich einer von uns erwischt hat‹, ging es ihr blitzartig durch den Kopf. ›Mit dir habe ich kein Erbarmen.‹ Eine nicht enden wollende Wut stieg in ihr auf. Ihr wurde heiß. Sie merkte, wie ihr Mund austrocknete. Die Zunge klebte am Gaumen. Sie verspürte Durst. — ›Du Mörder! Du armselige Kreatur.‹ Am liebsten hätte sie jetzt wahllos auf die Leiche eingetreten. Aber eine innere unsichtbare Macht hinderte sie daran.

Die Ladentür öffnete sich. Zwei Zivilbeamte verließen das Brautmodengeschäft Ataman. Sie stützten eine junge türkische Frau. Ihr Kopftuch hatte sich in den Nacken geschoben und gaben den Blick auf das völlig verheulte Gesicht frei. Sie schrie unentwegt, während sie irgendwelche Worte stammelte, die Azra durch das Heulen und Schluchzen nicht verstehen konnte. Ob sie zu den Tätern gehörte? War sie etwa die Komplizin des vor ihr liegenden Mannes?

Unbeachtet wankte Azra durch die offene Türe in das Geschäft. Die Schritte fielen ihr sichtlich schwer. Zögerlich blickte sie sich im Laden um. Es sah aus wie nach einem Kriegsangriff. Bilder, die sie so nur aus den Nachrichten kannte. War Syrien jetzt in Marxloh angekommen? Instinktiv griff sie nach ihrer Dienstpistole, um sich vor einer möglichen Gefahr zu schützen. Aber ihre Rechte fingerte ins Leere. Als sie herab sah, stellte sie fest, dass das Holster leer war.

›Verdammt! Wo war nur ihre Waffe?‹ Sie musste unbedingt ihre Walther P99 finden, sonst gäbe es einen Heidenärger. Ihre Blicke suchten den weiß gefliesten Boden ab, der großflächig blutverschmiert war. Umgestürzte Kleiderständer versperrten ihr die Sicht in den hinteren Teil des typisch türkisch anmutenden Brautmodenladens, wie es hier im Stadtteil mehr als zwanzig oder dreißig davon gab. Die festliche Garderobe lag wild durcheinander. Blutdurchtränkte Brautkleider, die jetzt in unterschiedlichen Rottönen leuchteten, zeugten von einem barbarischen Kampf. Von der Decke hingen hellgraue Dekorpaneele herab. Daneben baumelte an einem Kabel eine flackernde Neonröhre. Von einem großformatigen Wandfoto blickte sie ein Hochzeitspaar, das leger in einem Kornfeld kniete, unwirklich an. Mehrere Einschusssalven zerstörten die ehemals heile Hochzeitswelt. Azra ging weiter und musste einer vor ihr liegenden Blutlachen ausweichen. Hinter einem schräg eingeknickten Kleiderständer erblickte sie die Leiche des Ladenbesitzers Ataman. In seinem weit aufgerissenen Mund steckte die Hand einer Schaufensterpuppe. Die Augen starrten angsterfüllt zur zerschossenen Ladendecke. Sein Körper war regelrecht zerfetzt von unzähligen Einschusslöchern. Die blaugraue Anzugjacke, des immer korrekt gekleideten Atamans, saß jetzt derangiert und bedeckte nur noch eine Schulter. Der Unterleib des Mannes war durch eine der vielen MP-Salven aufgerissen. Die Gedärme hatten sich nach vorne in den Schoß geschoben. Ein furchterregender Anblick. Sie wendete ihre Augen schnell ab. Am Ende des Ladens lagen zwei weitere leblose Körper. Als sie näher kam, erkannte sie die beiden jungen Verkäuferinnen des Brautmodengeschäfts. Selen, die eine von beiden, wohnte nur ein paar Häuser von ihren Eltern entfernt. Sie war ein schweigsames, aber sehr freundliches Mädchen. Auch ihre Körper waren durch Einschusslöcher gekennzeichnet. Die Augen der fast noch kindlich wirkenden Frauen waren geschlossen. Sie schienen gemeinsam in den Tod gegangen zu sein, denn sie hielten sich krampfhaft an den Händen fest.

Beim Anblick schauderte es die junge Deutschtürkin erneut. Was war hier geschehen? Ein Überfall? Morgens um zehn Uhr? Hier war wohl kaum der richtige Ort, um groß Kasse zu machen, zumal das Geschäft nicht zu den angesagtesten Läden des Stadtteils zählte. Also, worum ging es hier wirklich? War die türkische Mafia im Spiel? Erst jetzt fiel ihr der penetrante Gestank nach geronnenem Blut, Urin — eigentlich nach Fäkalien auf. Schlagartig spürte sie, wie sich ihr Magen zusammenschnürte. Sie würgte. Ihr wurde kotzübel. Im gleichen Augenblick schoss der Blutdruck wieder nach oben und eine unsägliche Angst kroch an ihr hoch. Ihre Zähne begannen laut zu klappern. Der Laden, besser gesagt, was davon noch übrig war, verschwamm vor ihren Augen. Die Umrisse vom Verkaufstresen lösten sich langsam auf. In ihren Ohren rauschte es laut im Takt ihres Pulses. Von weit her hörte sie eine gedämpfte Männerstimme:

»Schafft mir die Kollegin raus! Die wird mir noch meinen Tatort verunreinigen.«

»Was macht die eigentlich hier? Ist das nicht eine Beteiligte?«, fragte ein anderer Mann, dessen goldene Schulterklappen ihr entgegenblitzten.

Hatte sie das richtig verstanden? Die Sätze klangen so dumpf, als würde sie die dicken gelben Ohrenstopfen vom Schießstand tragen. Überhaupt, irgendwie fühlte sich alles ganz weit weg an. Es schien, als würde sie von oben herab über ihre eigene Schulter eine unwirkliche Szene betrachten.

›Den Tatort verunreinigen? Wie konnte sie hier auch nur noch im Entferntesten etwas verunreinigen? Oder meinte dieser Chauvinist, sie sei unrein?‹ Wutentbrannt wendete sie sich der sprechenden Männerstimme zu. Eine weitere Person rückte in ihr Gesichtsfeld und schob dabei den goldgerahmten Wichtigtuer beiseite. Der Mann sah mit seinen blonden, lockigen, halblangen Haaren schon viel freundlicher aus. Sie musterte halbtrunken das noch recht jugendhafte Gesicht.

»Frau Kommissarin, Sie sollten sich dies wirklich nicht antun. Lassen Sie uns gehen.« Dann drehte er Azra behutsam in Richtung Ausgang. Nach zwei Schritten wurde es ihr schwarz vor Augen und sie sackte zusammen.

»Hallo Frau Köse, aufwachen!«, rief eine Stimme in osteuropäischem Akzent.

Die junge Polizistin blickte sich benommen um. »Wo bin ich hier?«, stammelte sie.

»Sie sind im Johannes Hospital«, erklärte eine Krankenschwester lächelnd. »Wir haben Ihre Schusswunde versorgt und genäht.« Dann setzte sie wieder ein aufdringliches, groteskes Lächeln auf. »Der Arzt kommt gleich und sieht noch einmal nach Ihnen.«

Azra lag auf einem Operationstisch. Ihre Augen scannten akribisch den Raum. Von der Decke hing eine grelle OP-Lampe herab und blendete sie. Die junge Polizistin kniff die Augen ein wenig zusammen.

»Haben Sie Schmerzen?«, fragte die Krankenschwester als sie die zusammengekniffenen Augen sah.

»Nein, nein, alles ist bestens«, log die Kommissarin, um ihre Ruhe vor weiteren Fragen zu haben.

Sie musterte weiter den OP. Die Wände des Raumes waren in einem warmen, blaugrauen Ton gefliest. Bei dem Gedanken warm fiel ihr auf, dass es sie fröstelte. Eine Gänsehaut überzog ihren freien Oberkörper. Nur über die rechte Schulter erstreckte sich ein kunstvoll angelegter weißer Verband. Als sie an sich herunter sah, entdeckte sie mittig auf dem Brustbein eine hühnereigroße Schwellung. Sie griff nach dem grünen OP-Tuch, um sich ein wenig zu bedecken. Das laute Ticken der großen Uhr an der Wand hallte monoton durch den kleinen Raum. Sie zeigte drei Uhr an. Konnte das sein? Vielleicht täuschte sie sich und die Zeiger standen auf nachmittags fünfzehn Uhr? Sie musste sich eingestehen, sie hatte nicht den leisesten Schimmer, wie spät es wirklich war. Da der Raum über keine Fenster verfügte, konnte sie auch nicht erkennen, ob draußen die Sonne schien oder nicht. Auf jeden Fall knurrte ihr Magen erbärmlich. Morgens frühstückte sie so gut wie gar nichts. Also hungerte sie jetzt ohne es zu wollen ein oder zwei Tage. Eine warme Suppe wäre jetzt nicht schlecht, dachte sie.

Die Türe öffnete sich und ein sportlicher, hoch aufgeschossener Mann erschien im Türrahmen. Unter seiner viel zu weiten blauen OP-Kleidung konnte sie dennoch seinen wohlproportionierten Körper erahnen. ›Nicht übel‹, fantasierte sie.

»Hallo Frau Köse! Mein Name ist Christian Freudenberg. Ich habe Sie operiert. Wie geht es Ihnen jetzt?«

»Ich hab` Hunger!«, entglitt es ihr spontan. Sie biss sich vor Wut auf die Unterlippe. Eine trivialere Antwort hätte sie ihm wohl nicht geben können.

Der Arzt lachte laut. »Das ist doch schon mal ein guter Anfang.« Er beugte sich zu einer Arbeitsplatte herunter und schrieb einige Zeilen auf ein paar wild durcheinander gestapelte Formulare.

›Ganz mein Jürgen‹, dachte Azra. Der hasste Formulare ebenfalls. Wenn ihr Dienstpartner von ›Krieg‹ sprach, meinte er in der Regel den endlosen Papierkrieg mit den Dienstformularen. Spätestens nach fünf Minuten hatte er sämtliche Durchschläge mit allen Originalen gut gemischt. Deshalb kümmerte sie sich auch immer um den Papierkram. Sie lächelte freundschaftlich den Arzt an. Ihr schwante, dass der so locker wirkende Kittelmann sie wohlmöglich dabehalten wollte. Und für diesen Fall musste sie zeitig vorbeugen. Die Polizeikommissarin setzte ihr gekonntes, belanglos wirkende Pokerface auf. Genauso wie sie es gerne bei den Verkehrskontrollen immer machte, wenn die Verkehrssünder bereits erbarmungslos wild am Haken zappelten.

›Nur keine Schwäche zeigen‹, murmelte sie leise. »Hey Doc, wie steht es denn um mich?«, fragte sie selbstsicher.

Der Arzt schaute auf, schmunzelte, dann antwortete er lächelnd: »Sie werden durchkommen! An der Schulter haben Sie einen sauberen Durchschuss. Etwas schmerzhafter dagegen sollten die zwei angebrochenen Rippen sein.« Er deutete auf das Hämatom am Brustbein. »Also keine große Sache. In drei bis vier Wochen können Sie wieder ihren Dienst antreten.«

Die Polizistin freute sich diebisch. Der junge Arzt war ihr auf den Leim gegangen. Durch ihre scheinbar besorgte Frage ließ sich der Mediziner zu dieser unbedarften Bemerkung hinreißen. Sie musste die Chance jetzt auf jeden Fall nutzen, wenn sie schnell nach Hause wollte.

»Oh, das klingt ja gut«, dabei ließ sie vorsichtig die Beine vom OP-Tisch gleiten.

»Was haben Sie vor Frau Köse?«

»Na, wonach sieht es denn aus? Anziehen natürlich und dann ab nach Hause!«

»Daraus wird wohl nichts werden. Ich buch Ihnen gerade ein schönes Zimmer mit Aussicht in unserem kuscheligen Westflügel des Hauses.«

»Nee, nee. Dafür habe ich keine Zeit. Auf mich wartet eine Menge Papierkram, dann meine Aussage, die muss auch noch aufgenommen werden und so weiter. Wie sagten Sie doch so schön: ›Es ist jakeine große Sache‹. Da kann ich mich hier doch nicht auf die faule Haut legen.«

»Kann das sein, dass alle bei eurem Verein so verstrahlt sind?«, entglitt es dem Mediziner irritiert.

»Wie meinen Sie das?«

»Na, vor gut einer Stunde habe ich einen Kollegen von Ihnen zusammengeflickt, dem fehlte auch die Zeit, gesund zu werden.«

Das klang schwer nach Jürgen. Gut, dass es ihn nicht schlimm erwischt hatte. Ein zartes Lächeln der Erleichterung huschte über ihr Gesicht. Aber gleich darauf schossen Bilder vom toten Hübi vor ihr inneres Auge. Trauer und Wut mischten wild ihr zerbrechliches Gefühlsleben. — Auf gar keinen Fall durfte sie sich jetzt etwas anmerken lassen, sonst würde der Arzt, den sie so gut wie weich gekocht hatte, wieder einknicken und sie musste doch noch hier logieren.

So leicht wollte sich der gut aussehende Operateur nicht geschlagen geben, darum setzte er auch noch einmal nach, um Azra zur Vernunft zu bringen. »Sie kennen die kleine Schwester von Mut? -Das ist die Unvernunft. Landläufig wird sie auch Dummheit genannt.«

Doch das war der Polizistin jetzt egal. Sie entließ sich kurzerhand selbst und verließ das Krankenhaus auf eigenes Risiko. Sie wickelte am Ende den netten Arzt kunstvoll um den Finger. Gegen die Schmerzen gab er ihr eine Packung kleiner Bomben, wie er es nannte, für den Notfall mit. Also, was sollte da noch passieren?

Als sie das Johannes Hospital verließ, schien ihr die Sonne ins Gesicht. Sie setzte sich in das nächste Taxi und ließ sich nach Hause fahren. Sie brauchte unbedingt Ruhe. Abstand von dem ganzen Mist! In der Hand hielt sie ihren gelben Krankenschein. Für drei Wochen schrieb Christian Freudenberg sie krank. Eigentlich ein ganz süßer Kerl. Sie dachte an seinen strammen Knackarsch und grinste genussvoll. Ihr Smartphone klingelte, als sie in Gedanken gerade dabei war, mit ihrer Hand über den verführerisch leicht behaarten Hintern zu streicheln.

»Azra Köse, wer stört?«

Am anderen Ende meldete sich ihr Dienstgruppenleiter Horst Draiher.

»Bist du völlig verrückt, aus dem Krankenhaus abzuhauen? Tomczek ist auf hundertfünfzig.«

»Aber Jürgen ist doch auch gegangen!«

Die junge Polizistin fand, dass Horst genug den besorgten Vater hatte heraushängen lassen, ließ sich aber von ihrem Chef das Versprechen abringen, sich ins Bett zu legen und den Ball am Wochenende flach zu halten. Montag solle sie aber zur Zeugenbefragung erscheinen, es gäbe da noch einiges zu klären. Kaum hatte sie das Gespräch beendet, klingelte ihr Handy erneut.

Von vorne meldete sich jetzt der Fahrer: »Junge Frau, Sie sind aber eine sehr gefragte Persönlichkeit.«

Ihr Cousin Emre meldete sich am Telefon. Siedend heiß fiel ihr ein, dass an diesem Freitag ihre Lieblingscousine Gülcan heiratete. Was für eine Katastrophe! Azra blickte auf ihre sportliche Titanarmbanduhr. Es war kurz vor sechzehn Uhr. Bis zur großen Hochzeitsfeier dauerte es noch eine Stunde. Ursprünglich wollten sich die engsten Verwandten, eigentlich die Cousins und Cousinen, vorher treffen, um gemeinsam zum Festsaal zu gehen.

»Emre, ich werde dienstlich aufgehalten. Ich komme etwas später nach. Geht ruhig schon vor.«

»Hat das mit der fetten Ballerei auf der Kaiser-Wilhelm-Straße zu tun?«

»Ja, auch. Also bis später.« Das Taxi erreichte den Innenhafen Speichergracht Hausnummer 10.

Azra ließ die Wohnungstür ihres Appartements ins Schloss fallen. Endlich zu Hause! Sie war irrsinnig müde. Sie fühlte sich schmutzig, irgendwie missbraucht und völlig ausgelaugt. Diese Stimmungslage kannte sie noch gut von der Polizeischule. Nach einem langen Tag mit Schlafentzug, reichlich Drill und Action bis zum Abwinken ging es ihr häufig so. Erfahrungsgemäß half da eine warme Dusche.

Das warme Wasser prickelte angenehm auf ihrer Haut. Vorsichtig wusch sie mit einem Frotteelappen den blutverschmierten Unterarm sauber. Nur mühsam ließ sich das angetrocknete Blut abreiben. Sie blickte auf den Abfluss, wo sich sauberes Wasser mit roten Blutfäden zu einem kunstvollen Wirbel mischte. Sie starrte beklommen auf den Ablauf. Wer würde Hübis Eltern informieren? Darum beneidete sie Horst auf keinen Fall. Aber wahrscheinlich würde die ganze Sache höher aufgehängt und Tomczek oder sogar Polizeidirektor Lichtenfels, der Abschnittsleiter, musste ran. Hübi war so ein feiner Kerl gewesen. Selbst Jürgen liebte seine Späße. Tränen der Verbitterung rannen ihr die Wangen hinunter.

Sie kuschelte sich in ihre neue, weiche Decke, die sie zu Weihnachten von ihrem Vater bekommen hatte. Das warme Wasser der Dusche hatte ihren Körper schön entspannen lassen. Wohlig warm, beschloss sie ein Stündchen zu schlafen. Dann sollte sie wieder fit sein und die Hochzeit konnte kommen.

Azra schreckte hoch. Sie hatte tief und fest geschlafen. Ihre Schulter schmerzte, als würde jemand mit einem heißen Messer in der Wunde herumstochern. Mit ihrer linken angelte sie nach der Sprudelflasche, als ihr Blick auf die Wohnzimmeruhr fiel. ›Au Shit, es ist schon einundzwanzig Uhr!‹ Wie sollte sie das nur den Verwandten erklären? Schnell warf sie eine von den kleinen Bomben ein und hastete zum Schlafzimmerschrank. Wenn sie heute Abend nicht auftauchte, würde ihr das die gesamte Familie ein Leben lang und noch viel länger vorwerfen. Etwas unbeholfen schlüpfte sie in ihr dunkelviolettes Seidenkleid. Das schlichte, bodenlange Kleid betonte Ihre schlanke Figur. Eine große, aber unaufdringliche Schleife auf der linken Seite der Hüfthöhe verriet ihre Funktion als Brautjungfer. Überhaupt wirkte das trägerlose Abendkleid durch seine Schlichtheit äußerst elegant. Keine Strasssteine oder Pailletten verschandelten den für türkische Verhältnisse zurückhaltenden Faltenwurf. Als hätte sie es beim Kauf schon geahnt, der weiße Verband lag frei und offen, nichts drückte. Eine Art cremefarbene Bolerojacke verdeckte locker ihre Schultern und damit den unsäglichen Verband. Wer es nicht wusste, dem fiel die leicht aufgepolsterte Schulter kaum auf.

Azra eilte über einen Hinterhof. Die festliche, türkische Musik schallte bis auf die Straße. Einige junge Leute kamen ihr laut lachend entgegen und grüßten überschwänglich: »Hallo, iyi akşamlar!«

Biz ayrilamayiz von Ümit Besen dröhnte ihr beim Betreten des Vorraumes aus dem dahinterliegenden Hochzeitssaal lautstark entgegen. Warum mussten ihre Landsleute, egal was sie gerade taten, immer alles so aufdringlich laut vonstattengehen lassen? Sie besuchte zahlreiche deutsche Hochzeiten von Kollegen, dort ging es auch hoch her, aber gegen eine türkische Hochzeit war das ein Kindergeburtstag. Es gab eine Menge deutscher Eigenheiten, die Azra liebte. Dazu zählte auf jeden Fall die eher zurückhaltende Geradlinigkeit. Schmachtend säuselte derweil der Sänger Baha sein Canim Sevgilim durch den Saal. Gefühlt sangen fünfhundert Frauen lauthals den Text mit erhobenen Händen schwingend im Takt mit. Das Lied kannte hier jede Frau im heiratsfähigen Alter. Wer wollte auch nicht für einen Augenblick ›mein Schatz‹ oder der besungene ›Liebling‹ sein? Spätestens nach der Hochzeit wurde für viele Männer aus dem Schatz die Frau und Mutter ihrer Kinder. Gerade hier in Marxloh hatten die Frauen dann nur noch zu funktionieren, mehr auch nicht. Davon konnte sie sich täglich im Dienst überzeugen. Das war wohl auch der Grund, warum Azra sich zum Leidwesen ihrer Eltern einen deutschen Mann wünschte. Doch das Thema Hochzeit stand weit hinten an. Erst einmal wollte sie beruflich einiges erreichen.

Verzweifelt suchten ihre Blicke den Tisch mit ihrer Familie, in dem hallenartigen Saal, wo circa achthundert Gäste umherwuselten, kein leichtes Unterfangen. Trotz des knallbunten Hochzeitsschmucks konnte die Halle den Charme der Siebzigerjahre nicht verbergen. An einem der vorderen Tische, unmittelbar neben dem Brautpaar und den Brauteltern, entdeckte sie die Familie. Kaum, dass ihre Augen auf dem Vater ruhten, schien dieser den Blickkontakt zu spüren und schaute zu ihr herüber. Erleichtert winkte er seiner Tochter zu und gab ihr zu verstehen, dass am Tisch für sie noch ein Platz frei sei.

Gerade als sie auf den Tisch zusteuern wollte, hielt sie eine Hand an der Schulter fest. Sie zuckte zusammen, zum Glück war es die gesunde Schulter. Sie drehte sich um und schaute in die schwarzen Augen ihres älteren Bruders Tarik.

»Wo kommst du denn jetzt erst her?«, raunzte sie ihn vorwurfsvoll an.

»Nun, wenn ich das richtig sehe, liebes Schwesterherz, bist du auch erst gerade gekommen.«

»Der Dienst. Du weißt schon. Ich konnte nicht früher fort. — Aber was ist mit dir? Vater wird vor Ärger außer sich sein! Er als Patenonkel, und die halbe Familie fehlt.«

»Der kriegt sich schon wieder ein. Wir stecken kurz vor den Klausurwochen, da kann ich mich nicht einfach aus den Lerngruppen ausklinken. Was soll’s, ich bin ja da und das zählt.«

Beide schoben sich durch die heitere Menge. Der Conférencier rief zur Taki, der öffentlichen Geldübergabe, auf. Jetzt geriet der gesamte Saal in Unruhe. Die Gäste stellten sich in einer Schlange nach Verwandtschaftsgrad, Honoratioren und Bekannten auf, um dem Brautpaar durch Geldgeschenke ihre Aufwartung zu machen.

Azra sträubten sich bei diesem Ritual immer sämtliche Nackenhaare. Denn zu allem Überfluss sagte der Saalsprecher nicht nur die einzelnen Personen laut an, sondern teilte den anderen Gästen auch den überreichten Geldbetrag mit. Für die junge Deutschtürkin gab es nichts Peinlicheres als das. Tarik, der vor seiner Schwester stand, drehte sich verstohlen um und sagte: »Siehst du Schwesterlein, der wichtigste Tagesordnungspunkt der Fete beginnt und wir sind nicht nur da, sondern wir werden auch von allen anderen gesehen«, dann grinste er ihr breit entgegen, während er mit einem Geldschein wedelte.

Die Menschenschlange führte an dem abgefressenen Büfett vorbei. Azra ließ ihre Augen über unzählige Schüsseln und Silberplatten schweifen. Zu gerne hätte sie jetzt zugeschlagen. Außer einem Kaffee und einer Scheibe Stuten hatte sie am heutigen Tage noch nichts zu sich genommen. Ihr Magen knurrte unaufhörlich. Eigentlich war es schon ein Drücken. Sie hätte wohl besser nicht die kleinen Bomben auf nüchternen Magen nehmen sollen.

Langsam schob sich die Menschenschlange weiter. Bunte Dekoblumen aus Papier und glitzernde Girlanden hingen kunstvoll im Saal verteilt. Über der Tanzfläche schwebte eine große verspiegelte Kugel, die sich langsam um ihre eigene Achse drehte. Bunte Lichtkanonen strahlten die Discokugel an. Das reflektierte Licht zog unbeeindruckt der ausschmückenden Ansagen des Conférenciers seine bunten Bahnen über die kahlen rauchvergilbten Wände. Auch die ehemals weiße Styropordecke verriet, dass der Saal schon bessere Zeiten gesehen hatte. Was sagte in solchen Fällen ihr Kollege Jürgen immer: ›Wie gewollt, aber nicht gekonnt.‹ Wie es ihrem Partner wohl ginge? Dann sah sie urplötzlich Hübi vor ihrem Angesicht rücklings auf dem Boden liegen. Sein starrer Blick erfasste ihre Augen. Sie blickte in die kalten, leeren Augen von Daniel. Ihr schauderte.

»Cousin Tarik Köse mit seiner Schwester Azra«, hallte es durch ihren Kopf. Sie blickte den Moderator in seinem azurblauen Satinhemd entgeistert an. »Wer trägt denn heute noch Rüschen?«, entglitt es ihr halblaut aus dem Mund. Bevor sie weitere Überlegungen anstellen konnte, packte Tarik sie und beide standen vor dem stolzen Brautpaar. Ihr Bruder, der eigentlich sehr schweigsam war, redete heute wie ein Wasserfall. Nur gut, dachte die junge Deutschtürkin, denn sie hatte nicht den entferntesten Schimmer, was sie Geistreiches dem Hochzeitspaar mit auf den Weg hätte geben können. Ihre Cousine Gülcan strahlte vor Glück wie die türkische Leuchtreklame einer Spielhalle. Mit Mehmet bekam sie aber auch einen wirklich netten Mann. Augenblicklich dachte sie an den gut aussehenden blonden Arzt, als sie den Hunderteuroschein an die rote Schärpe des Brautkleides heftete. Was hatte sie nur immer mit dem blauen Kittelmann?

»Und noch einmal einhundert Euro von der Cousine Azra«, tönte es durch den Saal.

»Bist du von allen guten Geistern verlassen?«, fauchte Tarik seine Schwester an. »Einhundert Euro! Wie sieht das aus?«

»Reg dich nicht auf. Ich finde, zwanzig Euro sind für einen Studenten auch viel Geld.«

»Es geht doch nicht um mich! Was ist mit den anderen Verwandten? Die bringst du mit deiner protzigen Kohle in Schwierigkeiten.«

»Bleib cool, Gülcan ist meine Lieblingscousine. Die können das Geld gut gebrauchen. Mehmet studiert doch auch noch.«

Bevor Tarik antworten konnte, steuerte Vater Köse mit seiner Frau Gönül auf sie zu. Im Schlepptau folgten widerwillig ihr jüngerer Bruder Dursun und die schwer pubertierende Schwester Nazan. Azra befürchtete, dass das Familienoberhaupt eine seiner berüchtigten Anklagen vom Stapel ließ. Doch ihr Papa war heute sichtlich gut gelaunt und ließ seine Strafverteidigerrobe gut versteckt im Schrank. Nach herzlichen Umarmungen fiel Azra der Handverband ihres Bruders auf.

»Hey Dursun, was hast du mit deiner Hand gemacht?«, fragte sie besorgt.

»Is nix weiter. Halt ungeschicktes Fleisch!«, beschwichtigte ihr jüngerer Bruder sichtlich verunsichert.

Die Vorlage ließ sich Schwester Nazan nicht entgehen. »Hättest vielleicht doch lieber weiter Schule machen sollen, als bei Mehmet Yildrim Obstkisten zu schleppen, wie?«, sie lachte blasiert, während sie mondän die langen schwarzen Haare nach hinten schmiss.

Oh, was für ein Schauspiel! Die Sternchen auf dem roten Teppich hätten es nicht besser machen können. Doch in dieser Location, hier in Marxloh City, wirkte das Gehabe ihrer Schwester mächtig daneben, fand Azra.

»Das musst du gerade sagen, bekomm du erst mal deine Schule geregelt«, schnaubte Dursun vor Wut zurück, während seine Augen angriffslustig funkelten.

Vater Hamit reichte es. Mit einer kurzen Handbewegung beendete er den Geschwisterstreit. Mit einer zweiten Geste lud er die Familie wieder an den Tisch ein. Azra wollte noch durch den Saal streifen, um der weit gereisten Familie Hallo zu sagen.

Eine Seitentür öffnete sich und drei Kellner schoben vorsichtig die fünfstöckige Hochzeitstorte herein. Alles klatschte vor Begeisterung. Die Kapelle spielte zugleich ein paar flotte Rhythmen. Schwungvoll schob sich der engagierte Fotograf durch die Menge, um das Schauspiel zu dokumentieren. In seinem Eifer rempelte er Azra an der verletzten Schulter an. Vor Schmerz stockte ihr der Atem. Ein stechender, pulsierender, spitzer Stich durchbohrte ihr Schultergelenk. Sie rang verzweifelt nach Luft. Ihre Schulterpartie brannte jetzt wie Feuer. Eilig lief sie zu den Toiletten. Ihr Puls pochte immer schneller und dröhnte bis in die Halsschlagader. Mit einem kräftigen Ruck öffnete sie die Türe.

Keuchend stand sie vor dem Spiegel. Ihre Bolerojacke hatte sich an der rechten Schulter rosa gefärbt. Die Wunde war wohl aufgeplatzt. Drei umherstehende junge Mädchen schauten sie entgeistert an. Azras Blick fiel wieder auf die Schulter. Sie schob vorsichtig die Jacke beiseite. Der Verband hatte sich gerötet. Die Farbe Rot breitete sich blitzartig vor ihrem inneren Auge aus und verhüllte ihre Sinne. Sie vernebelte jeden weiteren logischen Gedankengang. Ihre hektischen Atemzüge glichen sich dem rasenden Puls an. ›Mensch Hübi‹, dann glitt sie ohnmächtig zu Boden.

Azra öffnete die Augen. Sie blickte in die gutmütigen Augen eines fremden älteren Herrn. Es stellte sich heraus, dass ihr Großonkel sie stützte. Zum Glück war Herr Bilgic aus Muş Arzt. Er erkannte schnell die Lage. Er empfahl Azra, sie solle nach Hause gehen und sich auf jeden Fall schonen. Bevor sie ging, rang sie ihrem Großonkel das heilige Versprechen ab, über den Vorfall und ihre Schussverletzung absolutes Stillschweigen zu bewahren, so eine Art ärztliche Schweigepflicht.

Azra stieg in das nächste Taxi und fuhr nach Hause. Ihr Schmerz beherrschte den gesamten Körper. Der Großonkel bestärkte sie, dass sich das Schmerzgefühl bald geben würde. Von einer weiteren Tablette riet er allerdings eindringlich ab. Den Fahrer hörte sie noch überschwänglich sagen: »Ah, meine liebe viel beschäftigte Frau Managerin ist wieder da!« Sie schwieg und dem Taxichauffeur blieb nichts anderes übrig, als sie schweigend in den Duisburger Innenhafen zu fahren.

Auf zu neuen Ufern

Gekonnt steuerte sie ihren dunkelblauen Mazda MX-5 in die Tiefgarage des Polizeipräsidiums. In Gedanken hing sie noch der gestrigen Unterredung mit Polizeioberrat Carsten Tomczek in ihrer Dienststelle nach. Im eigentlichen Sinne war es kein normales Gespräch gewesen, sondern eine Mischung aus Zeugenbefragung und Chef-macht-sich-ernsthaft-Sorgen-Dialog.

So gut es ging, hatte sie über den Tathergang am Freitagmorgen berichtet. Aber irgendwie war die Konversation nicht wirklich rund gelaufen. An viele Details erinnerte sie sich entweder gar nicht mehr, oder nur sehr vage. Für sie, die immer äußerst gewissenhafte Polizeikommissarin, eine völlig neue Erfahrung. Wie hatte sie nur so wichtige Dinge vergessen können wie: Wer von ihren Kollegen hatte beim Schusswechsel welche Position eingenommen? Hatte Jürgen nicht direkt hinter ihr gestanden? Sein Rufen hörte sie jetzt noch ganz deutlich im Ohr.

Sie bestieg den Aufzug und drückte den Knopf für die fünfte Etage. Ihr war ein wenig mulmig. Im fünften Stockwerk residierte neben dem Polizeipräsidenten die Personalabteilung und, wie sie ihrem Vorladungsschreiben entnahm, auch die polizeidienstliche Psychologin Rita Meyer-Schultenbrink. Sie wusste, dass bei Schusswechseln immer ein Gespräch beim ›Meisendoktor‹ anstand. Eigentlich keine große Sache, aber ihr Chef Tomczek hatte da so eine komische Bemerkung fallen lassen, die sie doch ein wenig beunruhigte. Sie ging den langen Korridor hinunter. Weit und breit entdeckte sie keinen Mitarbeiter oder Kollegen. Auf den anderen Etagen herrschte zumindest Publikumsverkehr. Das unterstrich eindeutig die besondere Situation, in der sie sich befand.

Sie erreichte die Zimmertür 512. Leise sagte sie zu sich: »Wir werden das Kind schon schaukeln. Da habe ich schon ganz andere Dinge durchgestanden.«

Beherzt klopfte sie an und trat in das Zimmer ein. Gerade wollte sie ihren gut vorbereiteten Satz mit »Guten Tag, ich habe hier eine Vorladung!« beginnen, als sie stockte. Am Schreibtisch saß ein männlicher Kollege. Sie blickte irritiert in sein Gesicht. Die Person kam ihr zwar bekannt vor, war aber definitiv nicht Frau Meyer-Irgendwer.

»Oh, sorry, ich glaub`, ich hab` mich in der Türe geirrt«, murmelte sie halblaut und wollte gerade das Zimmer hastig verlassen, als der Mann sie freundlich anstrahlte.

»Sie sind hier goldrichtig, wenn Sie Frau Azra Köse sind.«

»Ja, ähm, das bin ich«, antwortete die junge Polizistin irritiert. Mensch, was für eine Pleite, dachte sie wütend. Viel bescheuerter hätte die Eröffnung bei einem Psychologen wohl kaum laufen können. Vor Ärger errötete sie gut sichtbar.

Der Mann erhob sich sportlich von seinem Schreibtisch und schritt tänzelnd auf Azra zu. »Hallo, ich bin Andreas Wenzel. Ich vertrete diese Woche meine Kollegin Rita Meyer. Eigentlich arbeite ich in Düsseldorf, aber der Stellenabbau macht auch vor uns Psychos nicht halt.«

»Und ja, Sie liegen mit Ihrer Vermutung richtig, wir haben uns in der Tat schon einmal gesehen.«

Während die Kommissarin die Information erst einmal sacken ließ, wurde ihr ein wenig unheimlich. Woher wusste dieser Psycho Wenzel, dass ihr sein Gesicht bekannt vorkam? Konnte er Gedanken lesen? Sie beschloss zu schweigen, um sich keine weitere Blöße zu geben.

»Wir kennen uns vom Tatort in Marxloh, letzte Woche, bevor Ihnen das Licht ausging. Erinnern Sie sich?«

Richtig. Wie konnte sie die blonde Lockenmähne nur vergessen? Der gut aussehende Psychoonkel war vielleicht zwei oder maximal vier Jahre älter als sie. Eigentlich ein netter Typ, überlegte Azra. Irgendwie strahlte er in seinen verwaschenen Jeans und dem karierten Hemd eine ungemeine Lässigkeit aus. Sie lächelte schüchtern zurück. »Ja, ich erinnere mich.«

»Frau Köse, was darf ich für Sie tun?«

Azra sah ihr Gegenüber verunsichert an. Immerhin wurde sie vorgeladen und nicht umgekehrt. »Aber Sie wollten mich doch sprechen!«, dabei hielt sie ihre graue Vorladung hoch.

»Ich weiß. Also, wie kann ich Ihnen weiterhelfen?«

»Müssen Sie mich nicht begutachten, ob ich diensttauglich bin?«

»Und sind Sie es?«, fragte Herr Wenzel, während er ihr einen Sitzplatz in der schwarzen Couchgarnitur anbot.

»Das müssen Sie doch entscheiden, oder?

»Muss ich das?«, bohrte der Psychologe nach.

»Ja, ich dachte, das sei Ihr Job!«

»Nein, sehen Sie dieses Gespräch als Angebot an. Wir können über das Geschehene reden, und vor allem können wir darüber sprechen, wie es Ihnen jetzt nach dem Schusswechsel geht. In dem vorliegenden Fall liegen mir nicht nur die Tatortbeschreibungen vor, sondern in meiner Eigenschaft als Profiler und Psychiater war ich sogar selbst vor Ort. Ich kenne also die Begebenheiten persönlich. Das ist ein gewaltiger Vorteil. Sie können aber auch gleich die Diensttauglichkeitsbescheinigung von mir bekommen, wenn sie wollen. Wollen Sie das?«

Eine Pause gleich eines Vakuums ließ dem bisher holperigen Dialog vollends die Luft ausgehen. Azra verschaffte sich ein wenig Zeit, indem sie in einem der schwarzen Ledersessel Platz nahm. Sie brauchte dringend diese Zeit, um ihre verunsicherten Gedanken zu ordnen. Wie meinte Herr Wenzel das? Sie musste auf jeden Fall die richtige Antwort geben, wenn sie nicht die nächsten Monate im Innendienst versauern wollte. Eine kluge Antwort musste schnell her. Auf gar keinen Fall durfte sie auf cool machen und damit den Eindruck erwecken, dass sie etwas verbergen wollte oder ihr womöglich die ganze Angelegenheit am Arm vorbei ging. Aus vielen Verhören wusste sie: Bleib sodicht wie möglich bei der Wahrheit, wenn du nicht auffallen willst. Das Angebot mit der Tauglichkeitsbescheinigung konnte nur ein rhetorischer Köder sein.

»Gestern habe ich meine Aussage gemacht. Vom Vorgang selbst weiß ich nicht mehr viel. Meine Dienstwaffe ist wohl Teil der weiteren Ermittlung. Das beunruhigt mich ein wenig.«

»Eigentlich interessiert mich viel mehr, wie es Ihnen persönlich geht. Über den ›Vorgang‹ wie Sie es nennen, können wir später immer noch sprechen.«

»Die Schulter schmerzt fast gar nicht mehr. Die Rippen tun mir allerdings noch heftig weh.«

»Und sonst?«, bohrte Wenzel beharrlich nach.

Sie waren jetzt an dem entscheidenden Punkt der Befragung angelangt. Wie weit konnte sie gehen? Sollte sie ihr Innerstes nach außen kehren? Wohl kaum, dann konnte sie ihre Karriere bestimmt knicken. Sie beschloss, sich ein wenig zu öffnen. Genau so viel, dass der neugierige Andreas Wenzel etwas zum Nachdenken hatte. Mehr wollte sie aber auf gar keinen Fall preisgeben.

»Nun, mir geht mein Kollege Hübi nicht mehr aus dem Kopf. Sie wissen schon, der Polizeischüler Daniel Hübner.«

»Was beschäftigt Sie denn da?«

»Ich sehe immer seine kalten, leeren Augen vor mir! Und wie er da einsam auf dem Boden liegt. Ganz schön furchterregend, aber auch unwirklich. Ich kann seinen Tod noch gar nicht fassen.«

»Das verstehe ich gut. Nur wenige Beamte sehen in ihrem Dienst einen Kollegen bei der Ausübung des Dienstes sterben. Was fühlen Sie, wenn die Bilder in Ihnen hochkommen?«

»Es erfasst mich eine unendliche Wut. Am liebsten würde ich dann auf den Täter einschlagen.« Sie biss sich auf die Lippe. War sie jetzt zu weit gegangen?

»Glauben Sie, dass die Wut gerechtfertigt ist?«

›Darf ein Polizist auf einen Täter wütend sein?‹, fragte sich die Beamtin insgeheim. Was für eine Frage! Aber wie wütend darf ein Polizist überhaupt sein? Was ist normal, was dagegen schon pathologisch? Azra entschied sich für die kleine Wahrheit und antwortete:

»Ja, ich glaube, ich habe das Recht dazu. Immerhin hat er ein junges Leben sinnlos ausgelöscht und meinen Kollegen Jürgen schwer verletzt!«

»Was ist mit Ihnen? Er hat Sie ebenfalls schwer verletzt. Sie können von Glück sagen, dass Sie nicht zu Tode gekommen sind.«

»Darüber habe ich noch gar nicht nachgedacht«, kam es ihr leise über die Lippen.

»Wann kommen Ihnen die Bilder vom Kollegen Hübner ins Gedächtnis? Gibt es da einen Anlass oder eine bestimmte Situation, eine Stimmung, in der Sie sich befinden, wenn Sie an Ihren Schichtpartner denken müssen?«

»Nein, ich weiß nicht genau. Die Gedanken kommen einfach.«

»Wie äußert sich die Wut in Ihnen genau?«

»Mein Blutdruck steigt. Ich bekomm` dann immer so einen trockenen Mund. — Aber dann, dann fühle ich mich so schwach und ohnmächtig! So unsäglich ohnmächtig.«

»Sie wissen, was der Zustand der Ohnmacht meint? Glauben Sie wirklich, ›ohne Macht‹ zu sein?«

»Ja, ich habe Hübi nicht retten können. Ich glaub` ich hab` ihn im Stich gelassen.«

»Das sehe ich vollkommen anders! Waren nicht Sie es, die die Situation in die Hand genommen und zurückgeschossen hat? Sie nicht dadurch Schlimmeres verhindert? Ihr Partner Jürgen Rosin lebt dank Ihres beherzten Handelns. Sie leben dank Ihrer Initiative. Sieht Ohnmacht nicht anders aus?«

»Ja, aber — Hübi konnte ich nicht retten.« Ihre Augen füllten sich mit Tränen. Verdammt noch eins, sie würde doch jetzt nicht anfangen vor dem Psycho zu flennen. Sie schluckte hektisch und versuchte sich auf den Salvador Dalí an der gegenüberliegenden Wand zu konzentrieren. Sie fragte sich schon immer, warum die skurril aussehende Frau Schubladen im Bein hatte. Die brennende Giraffe im Hintergrund half ihr bei der Lösung des Bildrätsels zwar nicht wirklich weiter, lenkte sie aber ein wenig von den düsteren Gedanken ab.

»Das stimmt. Sie konnten sich die Situation nicht aussuchen. Aber im Rahmen Ihrer Mittel und Möglichkeiten haben Sie das Beste daraus gemacht. Ich finde, das ist Ihnen ganz gut gelungen! Sie haben Leben gerettet! Leider können wir nicht die ganze Welt beschützen, das ist schwer zu begreifen. Aber Sie müssen lernen, das für sich zu akzeptieren. Sie sind der klassische Kümmerer-Typ und dazu noch eine Perfektionistin. Denen fällt es besonders schwer, eine Situation so anzunehmen, wie sie ist.«

»Wahrscheinlich liegen Sie mit Ihrer Vermutung richtig. Da schlage ich bestimmt nach meinem Vater. Der kümmert sich auch immer um alles und jeden.«

»Können Sie sich noch an den Angreifer erinnern? Gibt es da Bilder in Ihrem Kopf? — Szenen, die zum Beispiel in der Nacht auftauchen?«

»Nein, an den Täter kann ich mich gar nicht mehr erinnern. Der ist mir auch egal.«

»Nun, wir nennen das eine retrograde Amnesie. Ihr Gedächtnis schützt Sie, um das Erlebte zu verarbeiten. Früher oder später erinnern sich die meisten Menschen aber wieder. Seien es Bilder, Gerüche, Geräusche oder auch bestimmte Dialoge, sie alle können Auslöser für die wiederkehrende Erinnerung sein.«

»Allerdings erinnere ich mich an eine skurrile Szene, die sich vor meinem inneren Auge immer wieder aufs Neue abspulte, als ich bewusstlos auf dem Boden lag. Es war ein türkischer Kinderreim. Ein mir fremdes Mädchen sang ihn, während es auf einer Schaukel saß. Um mich herum sah ich endlos weite Wiesen mit türkischem Schlafmohn. Als Kind war ich in dieser Gegend drei- oder viermal. Da besuchte ich meine Oma in den Ferien. Sie sang mir auch den Kinderreim vor.«

»Kennen Sie die Bedeutung des Reims?«, fragte Wenzel interessiert.

»Nein, aber übersetzt heißen die Zeilen in etwa: ›Klipper, klapper, Langbein. Kann doch nur ein Storch sein! Storch frisst keine Kerne, hat die Mädchen gerne!‹ Allerdings begreife ich weder den Sinn noch den Zusammenhang zu dem, was passiert ist.«

Andreas Wenzel zog für einen kurzen Augenblick die Augenbrauen hoch, doch dann sprach er in einer ruhigen, fast schon väterlichen Art: »Die Großmutter ist die Person oder im weitesten Sinne der Ort, an den wir uns gerne zurückziehen wollen, wenn scheinbar nichts mehr geht. War nicht bei der Oma der gemütlichste und heimeligste Ort, an dem wir uns alle geborgen fühlten? Als Beschützerin passte sie auf uns auf. Der Kinderreim hingegen verkündet Hoffnung, eben nicht gefressen zu werden. Symbolisch betrachtet überbringen Störche das Leben. Interessanter hingegen scheint mir Ihr Wunsch zu sein, die türkischen Wurzeln besser zu verstehen«, dann legte er eine Pause ein.

Doch die Polizistin fühlte sich angegriffen und wechselte ihre entspannte Sitzposition in eine aufrechte Angriffshaltung.

»Ich fühle mich als Deutsche. Ich denke deutsch. Ich handle deutsch«, entgegnete Azra jetzt fast schon wütend. »Mein letzter Besuch in der Türkei liegt mehr als zehn Jahre zurück. Mich verbindet mit diesem Land nach dem Tode meiner Großeltern nichts mehr.«

»Oh, oh, wir stehen mitten in Ihrem persönlichen Sperrgebiet. Wir sollten das Thema aufgrund der Wichtigkeit vertagen. Vielleicht nur so viel: Sich deutsch ›fühlen‹, wie Sie es selbst sagen, heißt nicht, es auch zu ›sein‹. Das klingt für mich viel mehr nach einem Erwartungsklischee der deutschen Gesellschaft an Sie, als nach einer freien Willensentscheidung. Das schafft enormen Druck und große Unsicherheit. Seien Sie doch einfach Azra Köse, eine toughe, deutsch-türkische Polizeikommissarin. Ich finde, das passt sehr gut zu Ihnen.«

Ja, die Kommissarin hatte es in der Tat satt, sich ständig und überall für ihre türkische Herkunft zu rechtfertigen. Für den Augenblick wäre es für das Gespräch bestimmt einträglicher, ihre persönliche Geschichte in den Hintergrund zu schieben, wenn sie am Ende nicht doch noch auf der Reservebank landen wollte. Daher versuchte sie, das Gespräch wieder unauffällig auf den Fall zu lenken.

»Wissen Sie, warum die Täter das Brautmodengeschäft von Gökhan Ataman überfielen? Der Laden liegt weder in einer 1A-Lage, noch macht Herr Ataman wahnsinnig hohe Umsätze. Wo liegt also das Motiv für den Überfall?«, fragte Azra mit versteinerter Miene.

»Das fragt sich die Kripo auch. Zurzeit wird in alle Richtungen ermittelt. Der Staatsschutz sieht sich allerdings außen vor. Eine politische Tat kann wohl ausgeschlossen werden. Herr Ataman zeigte keine politischen Auffälligkeiten. Nach Raubmord sieht es auch nicht aus. Laut der einzigen lebenden Angestellten befanden sich zum Zeitpunkt des Überfalls dreihundertfünfzig Euro in der Ladenkasse. Keine wirkliche Motivlage bei so einem martialischen Auftritt der Täter. Die Abteilung für organisiertes Verbrechen hat die Ermittlungen vorerst an sich gezogen. In der Vergangenheit soll Herr Ataman mehrfach im Zusammenhang mit der türkischen Mafia genannt worden sein. Ich kann nur sagen, mit großer Wahrscheinlichkeit waren hier sehr junge Täter am Werk. Es sieht alles nach Erstlingstätern aus. Für einen kalten Mafiamord waren hier viel zu viele Emotionen im Spiel. Die Kollegen gehen von vier Attentätern aus. Jeder der Beteiligten feuerte mindestens ein ganzes Magazin leer. Das machen nur Amateure. — Personen mit viel Hass und Wut im Bauch oder Menschen, die von ihrer eigenen Angst getrieben werden, eben Erstlingstäter.«

»Wer erschoss eigentlich den Mann am Ladeneingang?«

Es folgte eine kleine Pause. Doch dann führte Andreas Wenzel ohne Umschweife aus, dass das vorläufige ballistische Gutachten ihre Walther P99 als Schusswaffe identifiziert hatte, durch die der Täter getötet worden war.

Azra Köse schwieg. Nach einer Weile wiederholte sie ungläubig die letzten Worte des Psychiaters. »Durch meine Waffe wurde der Kerl getötet? Was heißt das denn jetzt für mich? Wird mir der Prozess gemacht?«, fuhr es angstvoll aus ihr heraus.

»Nein, dank zahlreicher Augenzeugen und der eindeutigen Aktenlage plädiert der Staatsanwalt auf Notwehr. Ein Verfahren gegen Sie wird nicht eröffnet.«

»Gott sei Dank«, atmete die junge Polizistin erleichtert auf.

»Oh, Sie geben mir das Stichwort«, scherzte Herr Wenzel. »Der große Chef höchstpersönlich, der Polizeipräsident, will mit Ihnen reden. Sie wissen schon, von wegen Gottvater und so«, dann grinste er verschmitzt in sich hinein und lud Frau Köse mit einer freundlichen Geste ein, ihm zu folgen.

Im Vorzimmer residierte Frau Strehlow. Eine ältere Dame mit perfekt sitzendem Haar, die in ihrem konservativ geschneiderten Kostüm keinen Zweifel aufkommen ließ, dass sie die eigentliche Chefin des Hauses war. Selbst der überaus smarte Psychiater Wenzel schien sich an ihr die strahlend weißen Zähne auszubeißen.

»Liebe Frau Strehlow, die Heldin von Duisburg, Azra Köse und ich haben einen Termin bei Ihrem Chef Selbach«, frohlockte Wenzel optimistisch.

»Mag schon sein. Sie müssen warten. Wir telefonieren gerade mit dem Innenminister Ingo Förster«, konterte die Sekretärin in einem leicht blasierten Ton.

Die Machtverhältnisse scheinen hier eindeutig geklärt zu sein, dachte die Polizistin. Aber Andreas Wenzel war nicht der Sonnyboy, der bei der kleinsten Brise weiblichen Gegenwinds so ohne Weiteres aufgab.

»Frau Strehlow, haben Sie dem Innenminister schon vom beherzten Eingreifen unserer Frau Köse berichtet?«

Azra hielt die Luft an, noch dicker hätte der schöne Andreas nicht auftragen können. Gebannt fixierte sie die Sekretärin aus den Augenwinkeln.

»Ach Herr Dr. Wenzel, wenn ich den P. P. nicht ständig an alles erinnern würde, dann käme der noch zu seiner eigenen Beerdigung zu spät«, daraufhin wieherte sie freudig wie ein Zirkuspferd, das nach einem gezeigten Kunststück ein Stück Zucker erhält.

Die Streifenpolizistin traute ihren Ohren nicht. Wenzel hatte Frau Strehlow wie ein Stück Butter in der heißen Pfanne langsam schmelzen lassen.

»Ah, er ist frei.« Blitzschnell stand sie auf und ging zur Türe des Polizeipräsidenten, riss die schwere Arbeitszimmertüre auf und polterte gleich darauf los: »P. P. Sie haben doch nicht etwa Ihren Termin vergessen!« Dann winkte sie die beiden Wartenden herein. »Herr Dr. Wenzel ist mit der Polizeikommissarin Frau Azra Köse da.«

»Wer ist da?«, antwortete eine heisere, leicht abwesend wirkende Stimme.

»Die Streifenpolizistin aus Marxloh«, versuchte Frau Strehlow dem etwas orientierungslos klingenden kleinen Mann hinter dem viel zu großen Eichenschreibtisch zu erklären.

»Ah ja, sollen reinkommen. Ist die Presse auch schon da?«, fragte Selbach seine rechte Hand.

Dr. Wenzel beschloss, das Gespräch jetzt an sich zu ziehen. »Soweit es geht, sollten wir die Presse aus den internen Vorgängen der Polizei heraushalten. Die Lage ist in Marxloh schon angespannt genug.«

»Papperlapapp, das bringen wir ganz groß raus. Mensch Wenzel, jetzt haben wir mal Flagge gezeigt, dann sollte auch die Welt da draußen wissen, dass wir das honorieren. Auf Sie ist aber auch gar kein Verlass«, polterte Selbach los. In der Hand hielt er zwei Urkunden.

Die junge Polizistin schaute sich um. Das moderne Polizeipräsidium durfte kaum älter als zwei Jahre sein. Da wirkte P. P., wie alle ihn hier nannten, mit seinem altdeutschen Eichenschreibtisch und dem veralteten Mobiliar wie ein Fremdkörper aus prähistorischer Zeit. Zwar passte die korrekt gekleidete, etwas burschikos anmutende Sekretärin gut in das verstaubte Szenario, aber auch sie zählte wohl zu einer aussterbenden Spezies, befand Azra.

»Also Frau Azra, im Namen des Innenministers Förster überreiche ich Ihnen die Urkunde für besondere Verdienste um das Land Nordrhein-Westfalen. Und weil Sie so beherzt Initiative zeigten und dabei so umsichtig handelten, erlauben wir uns, damit meine ich mich und den Führungsstab der Duisburger Polizei, Sie mit sofortiger Wirkung zur Polizeioberkommissarin zu ernennen.«

Dann überreichte er stolz die Dokumente. Man konnte sich nicht des Eindrucks erwehren, dass P. P. sich so sehr freute, als hätte er gerade sich selbst die Urkunden überreicht. Kaum, dass der Satz endete, schaute der Polizeipräsident Günther Selbach Frau Köse erwartungsvoll an. So wie ein Hund, der von seinem Herrchen erwartungsfroh belohnt werden wollte. Der frisch gebackenen POK stockte vor Überraschung der Atem.

»Danke, vielen Dank«, brachte sie leise hervor. »Ich habe doch nur meinen Job gemacht«, versuchte sie zu erklären.

Doch P. P. schwelgte bereits wieder in anderen Sphären. »Strehlow Mäuschen, mach` mir sofort ein Gespräch zum PR-Fuzzi. Der soll für heute Abend noch die gesamte Duisburger Presse einladen. — Ich sehe schon die Schlagzeilen vor mir: ›Duisburger Polizei gelingt großer Schlag gegen das organisierte Verbrechen in Marxloh‹.«

»Herr Polizeipräsident, wir wissen doch gar nicht, ob die türkische Mafia hinter dem Anschlag steckt. Sie sollten den laufenden Ermittlungen nicht vorgreifen.«

»Das ist mir scheißegal. Der Innenminister will, dass Marxloh als sicher gilt. Wie sagte er gerade so schön: ›In NRW gibt es keine NO GO AREAS.‹ Und wenn er das so will, dann bekommt er seine bekloppte heile Welt.«

Wenzel nutzte die kleine Pause und beide verließen zügig das Büro des Polizeipräsidenten. Im Hinausgehen hörten sie den P. P. noch wettern: »Das der Presse-Onkel mir nicht wieder den WDR vergisst!«

Auf dem Flur machte sich Dr. Wenzel Luft: »Das wird dem Innenminister ganz und gar nicht gefallen.«

»Wie meinen Sie das?«, fragte Azra.

»Nun, wer dem Innenminister die Show stiehlt, der bekommt es auf seine eigene Weise mit ihm zu tun.«

Die junge POK befürchtete, wenn sie in der Sache weiter nachbohrte, in ein politisches Wespennest zu stochern. Deshalb lenkte sie geschickt das Gespräch vom Reizthema auf die Sekretärin. Ironisch fragte sie den Psychiater: »Frau Strehlow hat ihren P. P. wohl richtig gut im Griff, wie?«, dann blickte sie immer noch ein wenig ungläubig auf ihre beiden Urkunden.

»Ich glaube, der Schein trügt ungemein«, antwortete Andreas Wenzel nachdenklich.

Azra schaute den Psychiater fragend an, traute sich aber nicht weiter nachzufragen. Während sie den langen Korridor in Richtung Aufzug gingen, sah sich Wenzel dann doch bewogen, seine Bemerkung etwas zu präzisieren.

»Selbach ist durch und durch ein Narzisst, wie es im Buche steht. Der lässt die andern für sich arbeiten. Hilfe, ich weiß nicht mehr weiter! Kann mir bitte einer helfen, das ist seine Masche, um andere für sich zu vereinnahmen. P. P. weiß ganz genau, was er will und was nicht. Er lässt Frau Strehlow im Glauben, ohne sie käme er nicht durch diese Welt. Narzissten sind ausschließlich mit ihrem Ego und ihrer Macht beschäftigt. Interessant wird es dann, wenn zwei Narzissten aufeinandertreffen, wie im Fall von Ingo Förster und P. P.«

Azra schwieg. Ihr wurde allerdings ein wenig unheimlich zumute, wie messerscharf Dr. Wenzel die Dinge durchschaute. Was er wohl von ihr hielt? Sie fand Dr. Wenzel ganz schön lässig. Sie beschloss, ihn von nun an den Profiler zu nennen. Psychiater hatte für sie doch etwas krankhaftes an sich.

Am Aufzug angekommen, verabschiedete sich Andreas Wenzel von der Polizeioberkommissarin mit den bedeutungsvollen Worten: »Machen Sie es gut. Ich denke, wir werden uns schon bald wiedersehen«, dann schüttelte er ihr zum Abschied überaus herzlich die Hand.

Während Azra nach Hause fuhr, gingen ihr die letzten Worte von Wenzel einfach nicht aus dem Kopf. Eigentlich müsste sie sich doch jetzt freuen. Nur wenige Kollegen durften sich im Alter von dreiundzwanzig Jahren POK nennen. Aber was meinte der Profiler mit: ›Wir werden uns bestimmt bald wiedersehen.‹ Wäre das der ungewollte Beginn einer nicht zu verhindernden Therapie bei Psychiater Dr. Wenzel? Das begeisterte sie ganz und gar nicht.

Heute endete nach dreiwöchigem Krankenstand die Rekonvaleszenz. Ab jetzt galt sie als bedingt einsatzfähig. Das war die freundliche Amtsumschreibung für Innendienst. Azra schien das die bessere Alternative zu sein, als zu Hause herumzuhängen. Zwar hatte sie täglich mit den Kollegen vom Revier telefoniert, denn irgendwie wollte sie schon wissen, wie sich die Ermittlungen im Fall Ataman entwickelten. Der Führungsstab der Duisburger Polizei hatte eigens eine Sonderkommission eingerichtet. Quartier hatten die ermittelnden Beamten direkt über ihrer Marxloher Wache bezogen. Was für ein glücklicher Zufall. Vielleicht konnte sie da ja mit einsteigen?

Sie parkte schwungvoll ihr Auto direkt gegenüber der Dienststelle. Sie freute sich riesig, nach so langer Zeit ihren Freund Jürgen zu sehen. Während sie sportlich aus dem Auto glitt, malte sie sich das verdutzte Gesicht des Kollegen aus, wenn sie vor ihm stehen würde. Die B-Schicht wollte vor Jürgen ihren ersten Arbeitstag geheim halten. Es sollte eine Art Überraschung sein. Als sie sich Jürgens dummes Gesicht in Gedanken so vorstellte, sah sie, wie er sich mit der rechten Hand die blutende Kopfwunde hielt. Kurz darauf blickte sie in die leeren, toten Augen von Hübi. Ihr Puls begann wild zu schlagen. Sie schnappte hektisch nach Luft. Ihr Brustbein schmerzte wie Feuer. Das alte Backsteingebäude drehte sich wild im Kopf um sie herum. Aus den vielen kleinen offenen Fenstern der Dienststelle guckten die Kollegen. Sie streckten hilfsbereit ihre Arme weit nach ihr aus. Die Fenster tanzten dabei auf und ab. Einige der Gesichter schrien ihr etwas entgegen. Sie versuchte zu verstehen, was sie riefen. Doch sie hörte nur dumpfe unverständliche Laute. Es klang, als würde sie einsam in einer Taucherglocke sitzen und von draußen versuchten Kollegen, ihr Nachrichten zukommen zu lassen. Dann wurde es ihr rot vor Augen. Sie holte tief Luft. Verunsichert sah sie sich um. Sie hielt sich an einer Laterne eisern fest, um nicht das Gleichgewicht zu verlieren. Zum Glück sah keiner der Kollegen ihre emotionale Entgleisung. Langsam normalisierte sich der Herzschlag. Azra fragte sich, was mit ihr und vor allem mit ihrem Körper nur los war. Während sie die Wache betrat, spürte sie ihren trockenen Mund.

»Hey Kevin, du alter Schwerenöter, wo sind André und Annette?«

»Oh gut, dass du mich daran erinnerst. Bei der letzten Personenüberprüfung muss ich die beiden wohl vergessen haben wieder mit einzupacken. Wahrscheinlich stehen die Kameraden noch immer fröstelnd an der Pollmann Kreuzung«. Er lachte freudig drauf los, seine Schichtkollegin wohlbehalten wiederzusehen.

Angelockt von der heiteren Begrüßung, strömten weitere Kollegen auf sie zu. Alle wollten ihr unbedingt persönlich die Hand schütteln. Azra war eine überaus beliebte Kollegin auf dem Revier. Grundsätzlich verstanden sich die Beamten alle hier sehr gut untereinander. In einem so schwierigen Revier, wo ständig der Ausnahmezustand herrschte, mussten sich die Kollegen unbedingt aufeinander verlassen können. Und das konnte man hier definitiv. Zur Begrüßung standen Kaffee und selbst gebackener Kuchen auf dem Tisch. Azra schob sich gerade ein Stück Apfelkuchen in den Mund, als Jürgen mit einem Stoß wild durcheinandergewürfelter Formulare um die Ecke bog.

»Hallo alter Mann! Du siehst gut aus. Wenn du nicht verheiratet wärst, ich würd` dir glatt einen Heiratsantrag machen!«

»Mensch Azra, schön dich zu sehen.« Überaus glücklich lagen sich die Schichtpartner in den Armen.

»Kinder an die Arbeit oder glaubt ihr, die Berichte schreiben sich von selbst?«, rief der Dienstgruppenleiter Horst Draiher und klatschte dabei hektisch in die Hände.

»Ja Papi, du alter Sklaventreiber«, rief Kevin aufmüpfig.

Draiher forderte Azra und Jürgen, die sich immer noch in den Armen lagen, auf, mit ihm zu kommen. Dabei setzte er eine gewichtige Miene auf. »Tomczek will uns sprechen«, erklärte er kurz.

Der Wachleiter beglückwünschte Azra zur Beförderung als POK. Er fand, ihr stünden die beiden zusätzlichen silbernen Sterne auf den Schulterklappen sehr gut zu Gesicht. Dann jammerte er wie so oft über fehlende Planstellen, die er so dringend in Marxloh brauchte. Nach zwei weiteren ausschweifenden Sätzen steuerte Carsten Tomczek dann doch auf den eigentlichen Punkt der Unterredung zu.

»Azra, ich habe eine gute und eine schlechte Nachricht für dich. Welche möchtest du zuerst hören?«, der Wachleiter sah erwartungsvoll in die Runde.

»Wenn du mich so fragst, dann beginn mit der Hiobsbotschaft.« Als sie das sagte, wurde ihr ein wenig bange, denn ihre Dienstwaffe lag immer noch in der Kriminaltechnik. Sollte es vielleicht doch ein Nachspiel geben?

Jetzt führte Tomczek aus, dass er für die Wache Marxloh keine weitere POK-Stelle genehmigt bekäme. Damit fiel Azra aus dem Stellenkegel, wie er es nannte, heraus. Dafür erhielten sie zwei neue junge Kollegen. Schließlich müsste die Stelle von Daniel Hübner auch besetzt werden. Beim Namen des Polizeischülers glitt allen ein schwermütiger Schauer über den Rücken.

»Was wird denn aus mir?«, fragte die junge Polizistin verunsichert.

»Für dich gibt es gleich zwei Fahrkarten. Die eine wäre eine Versetzung ins ›Gelobte Land‹. Danach kämest du in den ruhigen, sonnigen Duisburger Süden zum Chillen.«

»Das wäre doch super! Überleg nicht lange, sonst ist die Stelle futsch!«, rief Jürgen Azra aufmunternd zu.

»Du kannst es wohl nicht erwarten, mich endlich los zu werden, wie?«, schnaubte sie keck zurück.

»Was wäre denn die zweite Option, wenn ich die Dienststelle schon verlassen muss?«

»Das ist dein Glückslos! Die Eintrittskarte zu deiner persönlichen Karriere.« — Tomczek legte eine kunstvolle Pause ein. Doch dann führte er weiter gewichtig aus: »Das LKA sucht noch eine junge Kollegin oder einen jungen Kollegen, als Kriminaloberkommissar, die oder der fließend türkisch und arabisch spricht. Also, in der Abteilung 2 im Dezernat für Staatsschutz der Fahndungsgruppe für Islamistischen Terrorismus ist eine Stelle vakant. Und da euer Fall in den Medien so viel Aufmerksamkeit auf sich gezogen hat, bist du die Wunschkandidatin für das LKA. Was sagst du dazu?«

Die Runde blickte in das völlig überraschte Gesicht von Azra. Gerade hoffte sie noch inständig, nicht juristisch belangt zu werden, und wenige Sekunden später sollte sie als KOK beim LKA anfangen. Was für eine Gefühlsdusche.

»Mensch Schatzi, lass dich nicht zweimal bitten«, rief Jürgen laut in den Raum.

Azra war unschlüssig. Bei all dem Ärger, der auf der Wache so herrschte, schob sie hier am Ende sehr gerne Dienst. Ihren Partner Jürgen wollte sie zudem nicht wirklich verlieren.

»Aber was wird aus uns Jürgen?«, fragte sie traurig.

»Einen alten Mann wie mich brauchen sie da nicht. Ich such` mir hier etwas Neues, was Knackiges. Jemanden, der noch nicht so aussieht wie ein Schweizer Käse mit Einschusslöchern im Körper. Eben ein Model, frisch von der Polizeischule, das wär doch was für mich, oder?«, Rosin setzte dabei einen Gesichtsausdruck auf, der vielversprechend wirkte.

»Jürgen, du treulose Tomate. Das hätte ich von dir nicht gedacht.«

Sie lachten ausgelassen. Für die Freunde hieß es jetzt von Azra Abschied nehmen. Da wurde es der jungen Polizistin schwer ums Herz. Stürmische Umarmungsszenen sollten folgen. Jeder Kollege wünschte ihr viel Erfolg für die neue Aufgabe. Insgeheim spürte sie, dass viele ihrer Schichtkollegen gerne mit ihr getauscht hätten. So gut das Arbeitsklima hier auch war, Zuckerschlecken sah im Wachabschnitt Duisburg-Marxloh definitiv anders aus.

Auf dem Weg zum Auto musste sie an ihren Vater denken. Der hatte immer gehofft, dass sie doch noch als Juristin in seine Rechtsanwaltskanzlei einstieg. Er wäre jetzt sicher mächtig stolz auf sie. Die Beförderung zur POK hatte die Familie mit gemischten Gefühlen aufgenommen. Auf der einen Seite begegneten sie ihr mit Bewunderung. Auf der anderen Seite wussten sie um die wahre Situation des Stadtteils, in dem sie Dienst schob. Mit einem Migrantenanteil von über achtzig Prozent gestaltete sich die Arbeit äußerst schwierig und mittlerweile auch als echt gefährlich. Überhaupt war ihre Rolle als Polizistin in Marxloh nie ganz einfach gewesen. Immerhin wuchs sie hier als Kind auf. Viele Bewohner kannten sie bereits von Kindesbeinen an. Oft, wenn sie als Polizisten gerufen wurden, kannte sie einen der beteiligten Kontrahenten persönlich. Das definierte ihre Rolle als Ordnungshüterin nicht gerade als unkompliziert.

Auf eine gewisse Art und Weise freute sich Azra, dass dieser Lebensabschnitt ein Ende nahm. In den letzten Jahren veränderte sich Marxloh dramatisch. Die Kriminalitätsrate stieg auf das Doppelte. Deutsche und Türken führten hier eine friedliche Koexistenz. Das Nachbarschaftsverhältnis konnte man als durchaus gelungen bezeichnen. Seit zwei Jahren zogen aber viele Migranten aus Marokko, Rumänien und aus dem Libanon hierher. Die kulturellen Unterschiede führten zu regelrechten Straßenkämpfen. Familienclans beherrschten jetzt ganze Straßenzüge. Inmitten dieser Auseinandersetzungen versuchten Deutsche und Türken sich so gut es ging herauszuhalten. Die Duisburger sprachen bereits von einer ›NO GO AREA‹, in die sich die Polizei nicht mehr hineintraute. Aus dem nahe gelegenen Köln unterstützte sie deshalb eine Polizeihundertschaft in ihrer Arbeit. Ob sich dadurch die Bandenkriminalität in Marxloh bekämpfen ließe, bezweifelten viele Bürger. Wer konnte, verließ den Stadtteil und zog weg. Derweil propagierte die Politik einen Fahndungserfolg nach dem anderen. Azra hatte keine Ahnung, wer oder was den Erfolg belegen sollte. Sie und ihre Kollegen kannten da ganz andere Zahlen.

Am nächsten Morgen machte sich Azra schon sehr früh auf den Weg zum LKA. Sie wollte auf gar keinen Fall an ihrem ersten Arbeitstag zu spät kommen. Eigentlich kam sie nie zu spät. Sie hasste Unpünktlichkeit. Jürgen war so ein Kandidat, der es mit der Uhr nicht so genau nahm. Sie schmunzelte bei dem Gedanken an ihren treuen Expartner. Wie wohl die Kollegen in Düsseldorf waren? Ob der Zusammenhalt ähnlich gut funktionierte? Sie verließ die Schnellstraße und bog in die Zufahrtstraße zum Landeskriminalamt ein. Von Weitem sah das Gebäude wie ein futuristischer Zweckbau in einem Hochsicherheits-Areal aus. Die Fassade war komplett in verspiegeltem Glas gefasst. Die Morgensonne streifte einen Teil der Glashülle und reflektierte ihr dabei einen gleißenden Lichtstrahl ins Gesicht. Nur mit einem speziellen Ausweis gelangte sie auf das hermetisch abgeriegelte Gelände. Überall beäugten Kameras das Grundstück. Für jedes weitere Vordringen auf dem Landesareal benötigten die Mitarbeiter eine spezielle Freigabe. Bewaffnete Beamten kontrollierten sie ausgiebig am Haupttor. Sie zeigte ihre Einladung zum Dienstantrittsgespräch vor. Einer der uniformierten Kollegen forderte sie in knappen Worten auf, den Kofferraum zu öffnen. Derweil schob ein weiterer Kollege einen Spiegel unter ihr Auto und suchte es nach ›ungebetenen Gästen‹, wie er es nannte, ab. Das Ganze wirkte auf Azra ein wenig beklemmend. Zum Abschied wünschte die Torwache ihr immerhin noch einen guten ersten Tag.

Die Zufahrt zum Parkhaus war wiederum gesichert. In ihrem Begrüßungsschreiben nebst Zugangskarte, die ihr Tomczek gegeben hatte, stand alles ganz genau erklärt. Selbst wo sie zu parken hatte, beschrieb das Papier detailliert. Als sie das Auto auf den Stellplatz lenkte, staunte sie nicht schlecht; ihr Kennzeichen prangte vor Kopf an der Parkbucht. Tief beeindruckt von der perfekten Organisation und mit einem Gefühl im Bauch, jetzt vielleicht auch so wichtig zu sein, dass sie sogar über einen eigenen Parkplatz verfügte, lief sie in Richtung Treppenhaus. Auch hier versperrte ihr eine weitere Sicherheitstüre aus schwerem Panzerglas den Weg. Erst nach Eingabe eines vierstelligen Codes in Verbindung mit ihrem Zugangsausweis öffnete sich die gepanzerte Türe zu einem kleinen Vorraum. Jetzt stand sie vor den Aufzügen. Hier endete ihre Freigabe laut Anschreiben. Bevor sie noch den Aufzugknopf drücken konnte, ertönte eine dunkle Männerstimme aus dem Nichts: »Ja bitte, Sie wünschen?«

»Guten Tag, mein Name ist Azra Köse. Ich habe einen Termin bei Herrn Kriminaloberrat Martin Kuschnik.«

»Sie werden bereits erwartet Frau Kriminaloberkommissarin Köse. Der Aufzug bringt Sie in die Lobby. Melden Sie sich am Empfang.«

Azra erschrak. Man erwartete sie bereits. War sie vielleicht doch zu spät? Sie schaute reflexartig auf ihre Armbanduhr, während sie den Aufzug betrat. Nein, sie war zeitig dran. Ihre Uhr zeigte erst 8:45 h. Das Treffen mit Kuschnik sollte um 9:00 Uhr beginnen. Verwundert sah sie sich im Fahrstuhl um. Keine Knöpfe. Wie sollte sie nur den Aufzug in Bewegung setzten? Kaum hatte sie den Gedanken beendet, schloss sich auf geheimnisvolle Weise die Türe und der Lift setzte sich ruckartig nach oben in Bewegung. Das Ganze dauerte gefühlt keine zwei Sekunden, dann öffnete sich bereits wieder der Aufzugausstieg.

›Mensch, der ist ja richtig schnell‹, dachte sie und verließ den Fahrstuhl. Am anderen Ende einer großen Halle erblickte sie den hotelartigen Empfang. Die ganze linke Seite der Eingangshalle zierte stark getöntes Glas, durch das mildes Tageslicht eindrang. Mit jedem Schritt, Richtung Empfang, beschlich sie eine lähmende Schüchternheit. Das menschenleere Foyer wirkte riesig und erdrückend auf sie. Azra fühlte sich winzig, unbedeutend und verloren. Weggeblasen war ihr Anflug von Wichtigkeit. Ja, sie fühlte sich wie eine Zwergin auf Expedition in einem fremden Land. Aber das war wohl auch die Idee hinter der beeindruckenden, architektonischen Inszenierung. Der schwarze Granitboden mit den hellbeigefarbenen Marmorwänden ringsum unterstrich den machtvollen und Furcht einflößenden Anspruch dieser Dienststelle. Endlich erreichte sie den rettenden Empfang. Sie zeigte kleinlaut ihr Einladungsschreiben vor. Einer der uniformierten Beamten verwies sie freundlich auf die Wartezone. Azra nahm in einem der schwarzen Ledersessel Platz und versank darin förmlich. Mit ihren ein Meter achtzig war sie eigentlich nicht gerade klein, aber der Sessel schien in diesem Augenblick ebenso gigantisch zu sein wie alles hier. Man konnte sich des Eindrucks nicht erwehren, dass alles, was hier im Gebäude geschah, scheinbar von höchster Wichtigkeit war. Sollte sie jetzt bald auch eine wichtige Rolle in diesem Haus spielen? Sie und wichtig, Azra musste bei dem Gedanken schmunzeln. Wie sagte ihr Vater zu den Kindern immer so schön: ›Kind bedenke, Allah ist groß und mächtig, wir hingegen sind nur unbedeutende Sandkörner im Universum.‹ Der Architekt hatte eindeutig einen anderen Vater gehabt, grübelte Azra. Bei all dem Prunk musste sie an ihre alte Dienststelle denken. Wobei dem Wort ›alte‹ eine besondere Bedeutung zukam. Die Wache sah völlig heruntergekommen aus. Überall blätterte die Farbe ab. In den zwei Jahren, in denen sie dort ihren Dienst versehen hatte, hatte sie nie einen einzigen Handwerker oder Ähnliches erblickt. Hier hingegen schien das Geld nur so zu sprudeln. Dabei fiel Ihr Blick auf den Wasserspender in der Ecke.

»Guten Tag Frau Köse«, schallte eine klare Männerstimme von hinten.

Azra zuckte zusammen. Sie hatte die Person gar nicht kommen sehen. Vor ihr stand ein hoch aufgeschossener drahtiger Mann. Seine leicht grau melierten Haare deuteten auf ein mittleres Alter. Der dunkelgraue Anzug schmiegte sich perfekt an seinen sportlichen Körper. Sie sprang schwungvoll auf und streckte dem Mann ihre rechte Hand entgegen, um ihn dynamisch zu begrüßen. Dabei biss sie sich leicht auf die Unterlippe, um ihre Schmerzen in der Brust zu überdecken. Das Brustbein machte ihr immer noch bei körperlicher Anstrengung zu schaffen. Kuschnik schien dies hoffentlich nicht registriert zu haben. Jedenfalls ließ er sich nichts anmerken. Die junge Kriminaloberkommissarin kam schnell mit ihrem neuen Chef ins Gespräch. Wie sich herausstellte, stammte Kuschnik auch aus Duisburg. Das schien ein wenig zu verbinden. Wie sie von dem Kriminaloberrat erfuhr, leitete er das Dezernat mit den vier Fahndungsgruppen im Haus, die für die islamistische Terrorismusbekämpfung zuständig waren.

Ein weiterer Aufzug führte die beiden in eines der oberen Stockwerke. Von dort gelangten sie durch einen ziemlich langen gläsernen Gang in das angrenzende Gebäude. Mit einer kleinen Handbewegung führte der KOR aus, dass alle Scheiben nicht nur aus Panzerglas bestünden, sondern auch das gesamte Objekt von außen abhörsicher sei. Jede Türe, die sie passierten, war eine sogenannte ›Highlevel Sicherheitstüre‹, wie Kuschnik ihr erklärte. Nur mit ihrem Sicherheitsausweis könne sie zu ihrem Arbeitsplatz gelangen oder sich frei durch das Haus bewegen. Dann drückte er ihr eine weiße Plastikkarte mit ihrem Foto in die Hand.

»Also, immer schön am Mann beziehungsweise der Frau tragen. Ohne Ihren persönlichen Sicherheitsausweis sind Sie hier hoffnungslos aufgeschmissen.«

»Und wenn ein Mitarbeiter seinen Ausweis verliert? Kann sich damit nicht jeder Zutritt zum Haus verschaffen?«, fragte Köse nachdenklich.

Der KOR schmunzelte genussvoll: »Das bringt hier auch keinen Fremden rein. Es sei denn, er sieht so aus wie Sie.« Dann deutete er auf die Kamera oberhalb der Türe. »Neueste Gesichtserkennung. Sie wissen schon. Da kommt keiner so schnell rein.«

Sie betraten ein Großraumbüro. Azra hatte so eine Art von Büro noch nie gesehen. Er war kreisrund. Von der Decke strahlten gedimmte Scheinwerfer den futuristisch anmutenden Raum gleichmäßig sanft aus. Er erinnerte sie an die Kommandozentrale des Raumschiffs Enterprise. In der Mitte saßen viele Mitarbeiter und blickten auf ihre Bildschirme. An der gerundeten Außenwand war ein riesiger Monitor installiert. Seine Größe maß bestimmt 3 x 9 Meter. Azra konnte auf diesem Mega-Flatscreen einige Fotos von Personen, Personenbeschreibungen und weitere Infos sehen. Von jedem Platz aus in diesem Raum ließ sich der Bildschirm gut einsehen. Von der Außenwand führten fünf Türen ab. Ebenso viele länglich angeordnete Fenster, deren Jalousien verschlossen waren, ließen weitere Büros dahinter vermuten.

»Hier im Center sitzen unsere Maulwürfe, die Nachrichtenspezialisten, das Herzstück unserer Arbeit. Sie überwachen von hier aus die weltweite Kommunikation unserer Zielpersonen, sei es über Telefon, Mail, Chats oder soziale Medien. Wenn die POI noch darüber nachdenkt, einen Furz zu lassen, wissen wir das nicht nur bereits, sondern leiten sofort die notwendigen Gegenmaßnahmen ein. Ist die Zielperson einmal auf unserem Radar, dann gibt es kein Entkommen mehr.«

»Wofür bitte steht POI?«, fragte Azra vorsichtig nach.

»Oh, unseren englischen Jargon werden Sie ganz schnell draufhaben. POI steht für Person of Interest. Damit einhergehend wird die Vorstufe der virtuellen Überwachung ausgelöst. Die zweite Stufe der physischen Observation ist den POD oder Person of Danger vorbehalten. Denen sitzen wir dann aber richtig im Nacken. Die höchste Kategorie der Einstufung von Zielpersonen, die wir kennen, sind die HLTs. Wie Sie bereits der Abkürzung entnehmen können, fehlt hier das Wort ›Person‹. Für uns sind das nur noch die ›Highlevel Terrorists‹ und damit für mich keine Menschen mehr. Den Kameraden sitzen wir nicht nur im Nacken, die können keinen Schritt mehr ohne uns machen. Wenn die aufs Klo wollen, dann sind wir bereits da.«

Dann deutete er auf eine der fünf Türen, die von dem Center, wie er es nannte, abging.

»Hinter dieser Türe leben und arbeiten unsere IT-Techies. Sie würden wahrscheinlich Computerspezialisten sagen. Es soll schon einmal vorgekommen sein, dass einer von ihnen sein Zuhause länger als ein halbes Jahr nicht gesehen hat. Ich persönlich halte das allerdings für ein Gerücht. Aber ein Fünkchen Wahrheit steckt da wohlmöglich schon drin.«

Kuschnik legte seine linke Hand ans Kinn und unterstrich damit kunstvoll seine grübelnde Haltung. Doch dann führte er ein wenig mitleidsvoll lächelnd weiter aus: »Aber irgendwie fühlen sie sich hier im Reich der neuesten Hard- und Software am wohlsten.«

Sein Finger zeigte dann auf die anderen vier Türen. »Dahinter arbeiten unsere Fahndungsgruppen. Hier werden die abgeschöpften Daten ausgewertet. Nach der Gefahrenklassifizierung planen die Mitarbeiter die weiteren Maßnahmen und organisieren deren Durchführung. Sie, Frau Köse, und Ihre Kollegen arbeiten sowohl hier im Haus, aber vor allem draußen vor Ort. Unsere Fahnder, wie vorhin ausgeführt, sitzen unseren Zielpersonen physisch im Genick.

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