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Zwielicht

Michael Schmidt (Hrsg.)

Zwielicht

Das deutsche Horrormagazin - Band 1





BookRix GmbH & Co. KG
81669 München

Vorwort

Liebe Freunde „Unheimlicher Literatur“,



ich begrüße Sie zum ersten Band der Anthologiereihe Zwielicht. Die Kurzgeschichte hat im Horrorgenre eine lange Tradition. Klassiker wie H. P. Lovecraft oder Robert Bloch wurden vor allem über das Magazin Weird Tales bekannt, welches auch heute noch existiert. Im Jahr 2008 erschien die Jubiläumsnummer 350.

In Deutschland ist der Horror vor allem durch die zahlreichen Heftserien der Nachkriegszeit vertreten worden.

Die Kurzgeschichte selbst blieb eher das unbekannte Wesen. Horroranthologien dieser Zeit boten vor allem Themenanthologien zu Vampiren, Werwölfen, Halloween oder dem Lovecraftschen Universum. Deutschsprachige Autoren waren dort nur marginal vertreten und stammen meist aus der Frühzeit deutscher Unheimlicher Phantastik: Hoffmann, Strobl, Ewers, Meyrink. Sind deutschsprachige Horrorkurzgeschichten also Mangelware?

Mitnichten. Bei der Durchführung des neu geschaffenen Vincent Preis sammelte ich deutschsprachige Horrorkurzgeschichten mit Erstveröffentlichung 2007 und siehe da, es fanden sich sage und schreibe 290 Stories, verteilt in über fünfundzwanzig Publikationen. Und ich bin sicher, das waren noch lange nicht alle.

Für diese gewaltige Menge an kreativer Energie möchte ich mit der Anthologiereihe ‚Zwielicht` regelmäßig ein- bis zweimal pro Jahr den besten Autoren der Szene eine Plattform bieten.

In diesem Auftaktband sind fünfzehn Autoren versammelt, die verschiedene Aspekte der unheimlichen Phantastik abdecken. Dabei sind Variationen bekannter Themen ebenso vertreten wie neue Ideen. Die Geschichten sind mal sanft und hintergründig, mal böse und brutal.

Abgerundet wird Zwielicht mit einem sekundärliterarischen Teil, der neben dem bekannten Autor M. R. James auch zwei eher verborgene Perlen der „Unheimlichen Literatur“ beleuchtet. Den Abschluss bilden die Gewinner des Vincent 2007 samt Auflistung aller erfassten Horrorkurzgeschichten des Jahres 2007.

Somit wünsche ich Ihnen einen angenehmen Schauer beim Lesen und freue mich über Leserbriefe zum Buch.

Bis dahin verbleibe ich

mit dunklen Grüßen,

Michael Schmidt

Christian Weis - Im Abgrund

 Die Prioritäten in Burkards Leben verschoben sich grundlegend, als die Welt plötzlich ihr Oben und Unten verlor. Auf einer Wichtigkeitsskala von eins bis zehn belegte der Termin beim alten Hubrich, der vorher eine Acht oder gar eine Neun erhalten hätte, jetzt eine glasklare Eins. Und der notorische Schleicher in dem rostigen Fiat war mit einem Mal vergessen, als hätte eine Windbö sein Spielzeuggefährt weggeweht.

Der Überschlag war rasend schnell erfolgt, dafür zog sich die Rutschpartie auf dem Wagendach den Abhang hinunter eine halbe Ewigkeit hin. Der Mercedes rasierte Büsche ab, fällte eine dürre Birke, als wäre sie aus Pappe und blieb schließlich in einer Bodenmulde liegen, gebettet auf dichtbewachsene Weidensträucher, die das Fahrzeug mit ihrem ausladenden Astwerk umschlangen.

Burkard stieß einen Schrei aus, der gar nicht mehr enden wollte. Er brüllte den Schock und den Schmerz in die Abenddämmerung hinaus und gewahrte erst jetzt die zerborstene Scheibe der Beifahrertür. Ein daumendicker Ast hatte sich durch das Loch ins Fahrzeuginnere geschoben und wedelte neugierig mit seinen Blättern.

Allmählich ebbte der Schrei ab. Burkard ging die Luft aus, und er fürchtete, ohnmächtig zu werden. Er japste und hustete, während er nach dem Schloss des Sicherheitsgurtes tastete. Mit zittrigen Fingern brauchte er lange, bis er endlich die Schnalle öffnen konnte. Als er sich dann aus der unbequemen Position hinter dem Lenkrad lösen wollte, kommentierte ein Stich in der Magengegend die Tatsache, dass er eingeklemmt war.

Der Mercedes lag auf der Fahrerseite. Die Türverkleidung und die Armaturen bildeten ein Knäuel aus Metall, Kunststoff und Leder, das Burkards Bein in eisernem Griff festhielt. Wie ein Raubtier, das Klauen und Reißzähne in seine Beute geschlagen hat. Beim zweiten Versuch, sich aus dieser Lage zu befreien, brüllte Burkard auf. Ein rasender Schmerz zog sich vom Fußgelenk bis zum Oberschenkel hoch. Irgendetwas war da nicht nur eingeklemmt, es fühlte sich auch gebrochen, vielleicht zerschmettert, an.

Burkard warf den Kopf zurück in den Sitz und schloss verzweifelt die Augen. Er sog die Luft stoßweise ein wie ein Blasebalg. Dabei protestierte seine Lunge, als laste ein Tonnengewicht auf seinem Brustkorb.

Flach atmen, sagte er sich, und nicht bewegen! Um Gottes willen nicht bewegen …

Im nächsten Moment bohrte sich die Gewissheit in seine Eingeweide, dass er in einer abgelegenen Gegend von der Fahrbahn abgekommen und sein Wagen von oben vermutlich nicht zu sehen war - jedenfalls nicht aus einem fahrenden Auto heraus. Mit Hilfe konnte er also kaum rechnen, zumal die alte Staatsstraße selten genutzt wurde.

Burkard war in einer Kurve ins Schleudern geraten, kurz nachdem er diesen Schleicher endlich überholt hatte. Der Fiatfahrer musste gesehen haben, wie der Mercedes von der Straße abgekommen war! Hoffentlich war er nicht einfach weitergefahren …

Das Handy fiel Burkard siedend heiß ein. Wo war das verflixte Handy? Jedenfalls nicht mehr in der Ablage der Mittelkonsole. Sehen konnte er fast nichts, dazu war die Dämmerung zu weit fortgeschritten. Er schaltete die Innenraumbeleuchtung ein und ließ den Blick schweifen. Ohne Erfolg. Verbissen mühte er sich ab, um sich in eine Position zu bringen, die es ihm erlaubte, mit der Rechten tastend auf die Suche zu gehen. Aber das Handy lag im Nirgendwo, unerreichbar wie ein Ferrari. Keine Chance, an das Scheißding ranzukommen.

Ein gepresster Fluch entfuhr Burkard, gefolgt von einem wilden, unkontrollierten Schrei, mit dem er seiner Angst Luft machte. Als er das Blut entdeckte, das von seinem linken Oberschenkel auf die Türverkleidung tropfte, schaltete er das Licht unvermittelt wieder aus. Er wollte es gar nicht sehen.

Die Dunkelheit legte sich über ihn wie ein schweres, kaltes Leichentuch. Ihm wurde speiübel. Bald zitterte er am ganzen Leib, als würde das Wageninnere allmählich mit Eiswasser vollaufen. So musste es sich anfühlen, wenn man ertrank.

Die Zeit schien stillzustehen.

Monotones Rauschen im Schädel. Dumpfes Pochen im eingeklemmten Bein. Saurer Mageninhalt sucht sich den Weg ins Freie. Die aufgeplatzten Lippen brennen wie Feuer. Schmerz lässt die Uhr weiterticken.

Ein Rascheln aus heiterem Himmel, kurz darauf ein Kratzen. Burkard hielt den Atem an und lauschte angestrengt. Einen Moment lang fürchtete er, die Geräusche wären Begleitmusik für ein weiteres Abrutschen des Wagens, aber der Mercedes bewegte sich nicht.

Burkards Herz machte einen Sprung. Als das Rascheln lauter wurde, starrte er hinauf zum zerborstenen Beifahrerfenster, in dem sich der Weidenast, der in den Innenraum eingedrungen war, hin und her bewegte. Bange Sekunden vergingen, bevor eine Hand erschien, die den Ast packte und aus dem Wagen zog. Dann schob sich eine dunkle Gestalt in Burkards Blickfeld.

„Hilfe …“, röchelte er. Eigentlich hatte er laut rufen wollen, aber seine Stimmbänder versagten den Dienst.

Die Gestalt tastete sich vorsichtig näher an den Wagen heran und schaute durch das Loch in der Scheibe, die ansonsten aufgrund des spinnennetzartigen Gewebes nahezu blind war.

„Sind Sie verletzt?“, erkundigte sich der Mann, der im Dämmerlicht einer Schattengestalt aus einem Scherenschnittfilm glich.

„Mein Bein …“, jammerte Burkard, „ich bin eingeklemmt!“

Der Fremde machte sich am Türgriff zu schaffen, und es gelang ihm nach einigem Rütteln tatsächlich, die zerbeulte Tür einen Spalt breit zu öffnen. Die Innenraumbeleuchtung wurde aktiviert, und jetzt konnte Burkard den Mann besser erkennen: ein eher unscheinbarer Mittvierziger mit Stirnglatze und einer Brille mit dicken Gläsern.

Bevor Burkard weitersprechen konnte, fiel die Beifahrertür krachend ins Schloss, und die Lampe über dem Rückspiegel verlosch augenblicklich. Panik stieg in Burkard auf wie aggressive Magensäure.

„He!“, krächzte er heiser. „Lassen Sie mich um Gottes willen nicht allein! Bitte …“

Die Tür wurde wieder geöffnet. „Entschuldigung“, sagte der Mann mit der Brille, „sie ist mir aus der Hand geglitten.“ Er hatte unterdessen einen Ast abgebrochen und klemmte ihn jetzt zwischen Rahmen und Schloss, bis die Tür so weit offen stehen blieb, dass er ins Wageninnere schauen konnte.

„Ist es schlimm?“, fragte er, nachdem er sich einen Überblick über die Situation verschafft und ganz gewiss auch das Blut gesehen hatte.

„Es tut verflucht weh“, ächzte Burkard und schnappte nach Luft. „Keine Ahnung, wie ernst die Verletzungen sind.“

„Ich komme an Ihre Seite von außen nicht heran, und ich fürchte, von hier aus kann ich Sie auch nicht rausziehen.“

„Haben Sie ein Handy?“

Mit einem Kopfschütteln erwiderte der Fremde: „So etwas besitze ich nicht.“

„Ich hab eins, aber ich kann es nicht finden. Es muss irgendwo zwischen die Sitze gerutscht sein.“

Der Fremde blickte sich um, nicht ohne immer wieder respektvoll auf die Tür zu schielen. „Ich sehe kein Telefon“, erklärte er schließlich.

„Können Sie Hilfe holen? Sind Sie mit dem Auto vorbeigekommen?“

Der Fremde zögerte einen Augenblick. Zu lange, wie es Burkard schien. Und dann bestätigte er Burkards Vermutung: „Ich war hinter Ihnen. Sie … Sie haben mich vorhin überholt.“

Burkard nickte und senkte für einen Moment die Lider. Als die Schmerzwelle wieder abebbte, die seinen Körper durchflossen hatte wie ein Stromschlag, sagte er: „Bitte holen Sie Hilfe! Bis zur nächsten Ortschaft sind es zehn Kilometer. Dort gibt es Telefone …“

Wieder zögerte der Fremde. „Ja, natürlich“, brummte er dann. Er sagte es auf die Art und Weise, der gewöhnlich ein Aber folgt. Ein nachdrückliches Aber, wie seine tief gefurchte Stirn signalisierte. „Kann … kann ich Sie denn … allein lassen?“, fragte er gedehnt. „Ich meine, in Ihrem Zustand …“

Burkard stöhnte auf und versuchte, den Schmerz zu unterdrücken. „Je früher Sie losfahren, desto eher komme ich hier raus. Ich kann es zwar nicht sehen, aber ich fürchte, ich verliere ständig Blut. Mein Bein …“

Seufzend nickte der Fremde. „Ja, üble Sache.“ Seine Augen wirkten seltsam blicklos, als wäre er tief in Gedanken versunken.

„Hören Sie …“, setzte Burkard erneut an. Er konnte nicht ausreden.

„Das war nicht nett vorhin.“ Jetzt schüttelte der Fremde energisch den Kopf. Seine Stimme schwoll an. „Sie sind sehr dicht aufgefahren - zu dicht, wenn Sie mich fragen.“

„Bitte …“

„So etwas macht man nicht!“ Der Tonfall wurde schärfer. „Ich dachte schon, Sie wollen mich von der Straße fegen mit Ihrem tollen Wagen.“

„Es … es tut mir leid! Ich war in Eile …“

„Das ist noch lange kein Grund, um dermaßen zu drängeln! Der Begriff ‚Nötigung‘ sagt Ihnen wohl nichts, oder?“

„Hören Sie …“

„Nein“, unterbrach der Fremde barsch, „jetzt hören Sie mir mal zu!“ Seine Stimme überschlug sich beinahe. „Sie mögen einer von denen sein, für die Zeit bares Geld bedeutet, aber das verleiht Ihnen noch lange nicht das Recht, sich überall die Vorfahrt zu erzwingen! Die Welt wurde nicht für Sie und Ihresgleichen erschaffen, sie gehört uns allen - und diese Straße ebenso! Sie können nicht einfach aufs Gaspedal treten, wenn Ihnen ein kleines, altersschwaches Auto wie meines in die Quere kommt. Kennen Sie die Bedeutung des Wortes ‚Rücksicht‘?“

Burkard bemühte sich, seinen Atem in den Griff zu bekommen. „Bitte verzeihen Sie … Ich stehe momentan unter starkem Stress, und da macht man leider manchmal Fehler. Ich gehöre nicht zu den Leuten, die gewohnheitsmäßig drängeln.“

„Das sagen sie alle!“, schnaubte der Fiatfahrer.

„Bitte glauben Sie mir …“ Das Pochen in Burkards Bein nahm zu, außerdem fror er entsetzlich, was auf einen hohen Blutverlust schließen ließ. „Ich brauche dringend Hilfe!“

Der Fremde zog die Brauen hoch. „Das sehe ich.“

„Und … warum helfen Sie mir dann nicht?“

Ein verkapptes Grinsen huschte über das Gesicht des kleinen Mannes. Seine Augen funkelten hinter den dicken Brillengläsern. „Strafe muss sein! Wird höchste Zeit, dass Ihnen das mal jemand klarmacht.“

„Oh Gott …“ Burkard war nahe dran, sich wieder zu übergeben. „Sie können mich doch nicht einfach hier verbluten lassen!“

Der Fiatfahrer überlegte einen Augenblick. „Wer sagt, dass ich das vorhabe? Vielleicht gibt es auch noch eine andere Möglichkeit, wie Sie Buße leisten können. Wenn ich mir Ihren sündhaft teuren Wagen anschaue, dann kommt mir die Galle hoch. Womit haben Sie den bezahlt? Doch wohl mit dem Geld, das Sie anderen Leuten aus der Tasche gezogen haben. Sie und Ihresgleichen bekommen den Kragen nicht voll! Versicherungsvertreter, Unternehmensberater, Spekulantenpack - ihr seid doch alle gleich!“

„Bitte beruhigen Sie sich, ich gehöre nicht zu …“

Der Fremde führte eine scharfe Klinge und schnitt ihm damit das Wort ab. „Erst bescheißt ihr uns um unsere sauer verdienten Kröten, dann sorgt ihr dafür, dass von heute auf morgen mal eben tausend Leute entlassen werden, weil dadurch der Aktienkurs steigt. Nicht einmal die Luft zum Atmen gönnt ihr uns!“ Den letzten Satz spuckte er Burkard regelrecht entgegen. „Aber alles rächt sich irgendwann. Man muss für alles bezahlen!“

„Wollen Sie etwa Geld?“

Mit Mühe zügelte der Fiatfahrer sein Temperament und atmete tief durch. „Haben Sie denn welches bei sich? Für eine angemessene Entschädigung würde ich vielleicht mit mir reden lassen.“

„Sie … Sie können doch nicht für eine Erste-Hilfe-Leistung abkassieren!“

„Es ist ja nicht für die Hilfe, sondern sozusagen ein Bußgeld fürs Drängeln.“ Er musterte Burkard eingehend. „Wenn ich sehe, wie Sie immer blasser werden … Nun, ich weiß nicht, ob Sie soviel Zeit haben, um mit mir über eine angemessene Strafe zu diskutieren. Das können Sie vielleicht mit einer Politesse machen, die Sie gerade beim Falschparken erwischt hat, aber in dieser Situation erscheint es mir ratsam, die Strafe schnell zu akzeptieren.“

„Ich …“, ächzte Burkard, „in meiner Geldbörse sind zwei- oder dreihundert Euro - das können Sie alles haben. Sie liegt im Handschuhfach!“

„Zwei- bis dreihundert Euro?“ Der Fiatfahrer kniff die Augen zusammen. „Ist das nicht ein bisschen wenig für Straßenverkehrsgefährdung und Nötigung?“

Verzweifelt schloss Burkard die Lider. Er hoffte, möglichst schnell aus diesem Albtraum zu erwachen. Aber als er die Augen wieder aufschlug, sah er noch immer das Gesicht des Fremden vor sich, der mit ungerührter Miene abwartete. Dieser Mistkerl war eindeutig in der besseren Position, und das kostete er in vollen Zügen aus. Er weidete sich an Burkards Qualen wie ein Folterknecht, der darauf achtet, sein Opfer gerade eben noch am Leben zu lassen.

Burkard zermarterte sich das Hirn, wie er sich aus dem Sumpf freischwimmen konnte, in den er immer tiefer zu versinken drohte. Wenn ihm nicht bald etwas einfiel, würde er unweigerlich untergehen. Zahlreiche Bilder schossen ihm durch den Kopf, und endlich war etwas dabei, das in einen schwachen Lichtschimmer gehüllt war.

„In der Börse ist auch meine EC-Karte“, stöhnte er kraftlos. „Wenn Sie nach Hormsthal fahren, können Sie am Geldautomaten der Sparkasse tausend Euro abheben - so hoch ist das tägliche Limit.“ Er sah dem Fiatfahrer in die Augen. „Wären dreizehnhundert Euro eine angemessene Strafe?“

Der Fremde quittierte die Frage zunächst mit einem Stirnrunzeln, dann zuckte er kaum merklich die Achseln. „Klingt angemessen, würde ich sagen.“ Er starrte Burkard noch eine Weile an, dann tastete er unvermittelt nach der Verriegelung des Handschuhfaches.

In diesem Augenblick bewegte sich der Mercedes. Burkard schrie auf, als tausend Messer sein Bein durchbohrten.

Der Fremde zog hastig die Hand zurück und verharrte reglos. Erst als er sicher sein konnte, dass der Wagen nicht tiefer in die Mulde hineinrutschte, setzte er seine Suche fort und fingerte in Windeseile die Geldbörse aus dem Handschuhfach. Dann entfernte er sich vorsichtig aus dem Wageninneren. Mit einem Knacken verrutschte der Ast, der die Tür fixiert hatte, und sie krachte ins Schloss.

Benommen ließ Burkard den Kopf zurücksinken und starrte in die Dunkelheit. Der Schmerz hatte ihm beinahe das Bewusstsein geraubt. Es dauerte eine Weile, bis er registrierte, dass mit dem Schließen der Tür auch die Innenraumbeleuchtung erloschen war. Er knipste die Lampe wieder an.

Draußen hielt der Fremde die EC-Karte vor das Loch in der Scheibe und fragte: „Wie lautet die PIN-Nummer?“

Burkard nannte sie ihm nach kurzem Zögern.

Mit einem kalten Lächeln steckte der Fiatfahrer die Karte wieder in die Börse zurück. Nachdem er den Bargeldbestand in Augenschein genommen hatte, warf er noch einen letzten Blick durch das Guckloch in der zersplitterten Scheibe. „Sie werden nichts dagegen haben, wenn ich die Börse einfach mitnehme, oder?“ Ohne eine Antwort abzuwarten, kletterte er vom Wagen herunter.

„Und holen Sie Hilfe, wenn Sie das Geld haben!“, rief Burkard ihm hinterher. „Bitte …“ Seine Stimme erstarb. Der Fremde hörte es vermutlich ohnehin nicht mehr.

Zitternd hob Burkard die Linke und sah auf seine Armbanduhr. Er fragte sich, wie lange es wohl dauern würde, bis Notarzt und Feuerwehr hier eintrafen. An die Möglichkeit, dass der Fremde das Geld einfach nehmen und verschwinden könnte, mochte er gar nicht denken. Nein - der Kerl war ein seltsamer Kauz, war verbittert über die Ungerechtigkeiten in der Welt, aber ein Menschenleben wollte er sicherlich nicht auf dem Gewissen haben. Er würde das Geld aus dem Automaten holen, dann die nächste Telefonzelle aufsuchen, einen anonymen Notruf absetzen und auf Nimmerwiedersehen verschwinden.

Das wird er doch, grübelte Burkard, oder?

Konnte er einem Kerl vertrauen, der in dieser Situation eher an Geld und Strafe dachte als an Erste Hilfe? Er schluckte hart, bevor eine neue Schmerzwelle heranrollte, die ihn laut aufstöhnen ließ. Mit zusammengepressten Zähnen drehte er den Kopf und warf einen Blick auf das geöffnete Handschuhfach. Er musste unbedingt die EC-Karte sperren lassen, wenn er hier heraus kam - sonst konnte dieses Arschloch morgen noch einmal tausend Euro vom Automaten abheben.

„Oh Gott …“, entfuhr es Burkard. Er fühlte sich so elend wie noch nie zuvor in seinem Leben.

Selbst wenn der Fiatfahrer nicht wollte, dass Burkard hier zugrunde ging - wenn er scharf auf einen zweiten Tausender war, würde er das Risiko vielleicht eingehen und bis Mitternacht warten, bevor er den Notruf absetzte. Und bis dahin …

In diesem Augenblick begann Burkard, sich ernsthaft mit dem Gedanken auseinanderzusetzen, dass der Mercedes sich von einem Luxusgefährt in einen Luxussarg verwandeln könnte. Er riss die Augen weit auf und schrie mit aller Kraft, die ihm verblieben war; brüllte so laut er konnte um Hilfe, bis er völlig heiser war und seine Stimme versagte. Sein Kopf sank schwer gegen den Türholm, und er schnaufte wie sein asthmakranker Vater, wenn er eine Treppe hochsteigen musste.

So lag er da, bis es draußen stockfinster wurde. Sein Bein fühlte sich jetzt taub an, als wäre es bereits abgestorben. Die Kälte kroch durch seine Glieder wie ein hungriger Parasit, der sich Zentimeter um Zentimeter weiterbewegt, um seinen Wirt nicht auf die Schnelle umzubringen.

Nein, Strafe muss sein! Burkard stand ein langsamer Tod bevor, eher ein Dahinvegetieren als ein Abkratzen …

Tränen liefen über seine Wangen, und obwohl er solche Gefühlsausbrüche immer gehasst hatte, war es ihm jetzt vollkommen gleichgültig. Seine Träume von Erfolg und einer goldenen Mitgliedskarte für den Club der Hautevolee waren mit einem lauten Knall verpufft. Alles, wofür er geschuftet und sich den Arsch aufgerissen, wofür er seine Beziehung ruiniert und seine Freunde vernachlässigt hatte, erschien mit einem Mal sinnloser als ein Pickel im Gesicht. Nichts, was ihm bisher wichtig gewesen war, zählte jetzt noch. Und sein Leben war ebenso wertlos geworden. Die Aktien standen schlecht. Dies war sein ganz persönlicher Schwarzer Freitag. Erst kam der Crash und dann das Ende. Unausweichlich.

Ein dunkler Schleier legte sich über seine Augen, und er empfand das Dahindämmern beinahe als Akt der Gnade.

Fernes Grollen, dumpfes Dröhnen. Ein innerer Widerhall. So gewaltig, als wäre der Kopf auf ein Vielfaches seiner Größe angewachsen.

Plopp.

Ein Geräusch wie der Einschlag eines Geschosses.

Plopp.

Als ob sich ein Pfeil durch die Schädeldecke bohrt und sich seinen Weg ins Nervenzentrum sucht.

Plopp.

Plopp.

Burkard öffnete die Augen zu schmalen Schlitzen und hob kraftlos den Kopf an. Durch die verklebten Wimpern versuchte er etwas zu erkennen, aber ihn umgab nur Schwärze. Es dauerte eine Weile, bis er sich der Situation bewusst wurde, in der er sich befand. Er lag mit eingeklemmtem Bein in seinem Wagen. Immer noch.

Dann ertönte ein Poltern, das von einem Rascheln abgelöst wurde. Schließlich wieder ein Plopp.

„Hallo?“, krächzte Burkard schwer atmend. „Ist da wer?“

Noch ein Plopp. Kratzen und Rascheln.

Burkard kämpfte gegen den Impuls an, sich wieder ins süße Nirwana der Ohnmacht hineinziehen zu lassen. Er lauschte in die Nacht hinaus.

„Ich bin’s nur“, erklang die Stimme des Fiatfahrers von draußen. „Ich mach’s Ihnen ein bisschen gemütlicher. Nachts wird’s ja schon kühl zu dieser Jahreszeit, da muss man sich gut zudecken.“

Wieder ein Rascheln, dann landete ein Weidenzweig auf dem Mercedes.

„S… sind Sie allein?“, fragte Burkard unsicher.

Gespannte Stille, endlos lang.

Dann die Antwort: „Ja, natürlich! Übrigens hab ich den ersten Tausender, und Ihr Dispokredit auf dem Kontoauszug sieht gar nicht so übel aus. Sie verdienen ziemlich gut, wie ich feststellen konnte.“

Wieder landete ein Ast auf dem Auto.

Eine eiskalte Hand krampfte sich um Burkards Magen und drückte unbarmherzig zu. Dieser Kerl war wahnsinnig, total irre! Er wollte Burkard lebendig begraben. Wollte sicherstellen, dass der Mercedes nicht zu früh gefunden wurde, damit er jeden Tag tausend Euro vom Konto abräumen konnte. Warum schlug er Burkard nicht zur Sicherheit auch noch den Schädel ein? Aber nein - das war ja nicht Strafe genug … Das Fegefeuer brannte viel heißer, wenn man ihm bei lebendigem Leib übergeben wurde.

„Bitte …“, stöhnte Burkard. „Wenn Sie auf Geld aus sind, dann kann ich Ihnen noch viel mehr besorgen, als sich auf dem Girokonto befindet. Ich besitze Aktien, Wertpapiere …“

Als Antwort ertönte ein weiteres Plopp. Es klang, als würde der Fiatfahrer Weidenäste mit einer Axt vom Strauch hacken.

Burkards Gedanken überschlugen sich. „Wenn ich vermisst werde, wird mein Konto gesperrt! Spätestens in ein paar Tagen!“

Plopp.

„Sie können es niemals komplett leer räumen!“ Burkard hielt den Atem an. „He, hören Sie mich?“

Plopp.

„Machen Sie sich doch nicht unglücklich!“ Burkard schnaufte wie eine alte Dampflokomotive.

Als Antwort warf der Fremde zwei weitere Äste auf den Mercedes. Dann polterte es, als er über die Motorhaube kletterte.

„Hören Sie mich nicht?“, brüllte Burkard, bis seine Stimme sich pfeifend verabschiedete.

Der Fremde schlug jetzt auf der anderen Seite Äste, um das Grab vollends zuzuschaufeln, das Burkard sich selbst ausgehoben hatte. Immer wieder kratzte ein Zweig über die Karosserie.

Mit den Fäusten hämmerte Burkard gegen das Wagendach und die Frontscheibe. Trommelte sich die Fingerknöchel blutig, riss die Haut in Fetzen. Es kümmerte den Fiatfahrer nicht. Er ging in aller Seelenruhe seiner Arbeit nach. War Scharfrichter und Totengräber zugleich.

Als Burkards Kraft verbraucht war, löste ein schmerzhaftes Pochen im Schädel das Klopfen mit den Fäusten ab. Sein Blut raste wie seine Gedanken, die sich in wilden Kreisen immer schneller drehten. Er wollte nicht krepieren wie ein Hase in einer Schnappfalle. Wollte nicht hundertmal sterben, bevor es endlich soweit war. Sein heiseres Keuchen übertönte das Rascheln der Weidenzweige.

Erneut polterte es, als der Kerl über die Motorhaube kletterte. Er schien sich einen Spaß daraus zu machen, dem Mercedes Tritte zu verpassen, als müsse das Auto dafür bestraft werden, dass es kein rostiger Fiat war und viermal soviel kostete wie der Kleinwagen.

Plötzlich wackelte der Mercedes hin und her. Der erstickte Schrei, der von draußen erklang, wurde durch Burkards Brüllen übertönt, dessen linke Körperhälfte sich anfühlte, als würde er vom Fuß bis zur Hüfte aufgeschnitten und gleichzeitig mit kochendheißem Wasser übergossen.

Dann kippte der Mercedes um und krachte auf seine Räder. Der Fremde stieß ein lang gezogenes Heulen aus, das in der Klangfarbe variierte wie eine Sirene.

Burkard versuchte, durch die Frontscheibe etwas zu erkennen, aber draußen war es zu dunkel. Geistesgegenwärtig schaltete er die Scheinwerfer ein und fragte sich, warum er darauf nicht schon viel früher gekommen war. In einem Anflug von Irrsinn lachte er schrill auf, bis er merkte, dass der Klammergriff um sein verletztes Bein gelockert war. Durch den Aufprall des Wagens auf die Räder hatte sich das Knäuel aus Metall und Kunststoff verschoben. Stöhnend befreite Burkard das Bein vollends aus den Trümmern und rollte sich auf den Beifahrersitz. Stieß die Tür auf und schob sich mit zusammengebissenen Zähnen Stück für Stück weiter, bis er sich aus dem Auto auf das Bett aus Weidenzweigen gleiten lassen konnte.

Die Scheinwerfer zeichneten ein bizarres Bild in die Bodenvertiefung, in die der Wagen gestürzt war. Die Stümpfe der geköpften Weidensträucher ragten wie Mahnmale aus dem hohen Gras. Am bizarrsten aber mutete der sich wie ein Aal windende Fiatfahrer an, dessen Oberkörper unter der Stoßstange herausragte. Vielleicht hatte der Mercedes Burkard deshalb aus seinen Klauen freigegeben, weil sich ein neues Opfer darin verfangen hatte.

Blut quoll dem Fiatfahrer aus Mund und Nase. Seine Atemzüge verfielen in ein Stakkato, weil ihm zunehmend die Luft wegblieb. Er verschluckte sich, warf den Kopf zur Seite und spie hustend aus.

Burkard kroch ein Stück vom Wagen weg. Dabei presste er die Linke auf sein Bein. Die Hose war ebenso aufgeschlitzt wie der Oberschenkel, und zwischen seinen Fingern rann etwas warm aus der Wunde, die dringend verbunden werden musste. Aber vorher hatte Burkard noch etwas anderes zu erledigen, hatte eine offene Rechnung zu begleichen. Auf Heller und Pfennig. Er verbiss den Schmerz und verlagerte sein Gewicht auf die rechte Seite. So kämpfte er sich robbend und fluchend an den Fiatfahrer heran, der jetzt heiser aufschrie. Mit einer fahrigen Bewegung wischte Burkard den Schweiß von seiner Stirn, der ihm in die Augen lief und seinen Blick verschleierte.

Dann entdeckte er die Axt, die neben dem Vorderrad lag. Das Beil des Scharfrichters. Burkard schob sich keuchend nach vorn und schnappte danach. Zog es zu sich heran, bevor der Fremde es erreichen konnte.

Er umschloss den hölzernen Griff fest mit beiden Händen und stützte sich auf die Axt, um seinen Oberkörper aufzurichten. Seine Schmerzen waren in diesem Augenblick völlig ausgeblendet. Er konzentrierte sich ausschließlich auf diesen Scheißkerl, der ihn hier verrecken lassen wollte wie einen angefahrenen Hund, den man mit zerschmetterten Gliedmaßen im Straßengraben seinem Schicksal überlässt.

Der Fiatfahrer verstummte, als er das Beil in Burkards Fäusten und die kalte Entschlossenheit in seinen Augen sah. Für einen Moment erstarrte er, dann überlief ein Zittern seinen Körper. Mit einem lang gezogenen Schrei auf den Lippen vergrößerte er seine Anstrengungen, um sich aus seiner Lage zu befreien, aber es war zwecklos.

Völlig ausgepumpt ließ er den Kopf auf die Weidenzweige zurücksinken und suchte Blickkontakt zu Burkard. „Bitte“, röchelte er, „es war nicht … ich …“ Ein Hustenanfall erstickte sein Flehen im Keim. Wieder spuckte er Blut.

Burkard setzte sich aufrecht hin und bugsierte das verletzte Bein in eine halbwegs erträgliche Position. „Und jetzt“, presste er hervor, während er die Axt vor den Körper hob, „wollen wir uns mal darüber unterhalten, wie deine Buße aussehen könnte.“



Bernard Craw - Erwachen

 Ihren Priestern zufolge wird ein Toter nur langsam zu einem Untoten, ähnlich wie die befruchtete Eizelle einer Phase der Vorbereitung bedarf, bevor alles bereit ist zur Geburt. Sie behaupten, das Leben müsse zunächst überwunden, exorziert werden. Erst, wenn dem Toten mittels eines Rituals die Erinnerung an sein Leben weitgehend ausgetrieben sei, könne der Zauberpriester sich seiner sklavischen Ergebenheit sicher sein.

Die Absurdität dieser Überlegungen bedarf keiner gesonderten Erläuterung.

Franz Hofmeyer, ‚Hirngespinste im Okkulten‘ -

Die Augenlider flattern auf. Fackeln prasseln um ein Lagerfeuer. Ein Tanz. Wild. Meine Haut ist feucht, aber es fühlt sich falsch an. Als wäre ich geschützt durch einen imprägnierten Stoff, dabei sehe ich, wie die weißgrauen Haare auf meiner Brust das Leuchten der Flammen zurückwerfen. Ich hebe den Blick auf die Tänzer. Alle haben freie Oberkörper. Schweiß glänzt auf meist dunkler Haut. Die Fackelträger springen wie wahnsinnig um ein großes Lagerfeuer herum. Sie bewegen sich in einem weiten Kreis von Menschen, deren Augen rollen. Vor mir steht eine Frau. ‚Überraschend jung‘, durchzuckt es mich, aber das ist eine Erinnerung, ich denke es eigentlich gar nicht jetzt. Ein öliger Tropfen löst sich von meiner Braue. Er fällt in mein rechtes Auge, ich muss nicht blinzeln, nur die Sicht ist getrübt. Trotzdem erkenne ich sie, dort im Kreis der zuckenden Leiber. Etwa in dem Alter der grinsenden Frau mit der kakaofarbenen Haut vor mir, aber natürlich ist sie als Weiße zu erkennen, daran können auch die Wochen unter südlichem Himmel nichts ändern. Die Sonne scheint nicht, ein blutiger Mond hält an ihrer statt Wache. Ich habe viele Erinnerungen an sie, die junge Frau dort hinten im Kreis, die Deutsche, das weiß ich. Mir ist klar, dass ich mich erinnern muss. Erinnerung ist wichtig, sagt mein Instinkt.

Habe ich sie verführt, meine Tochter? Das ist sie, erkenne ich, meine Tochter. Ich erinnere mich daran mit Verlegenheit, nicht, weil ich mich ihrer schämte, sondern beim Gedanken an meine eigenen Empfindungen. Mehrfach hatte ich mich dabei ertappt, ihre sich entwickelnde Weiblichkeit zu betrachten mit einer Mischung aus Stolz und Furcht. Angst vor der Bestie, die in mir wie in jedem Mann wohnt. Noch jetzt bin ich erleichtert, trotz meiner merkwürdigen Lage, von der ich nicht weiß, wie ich hinein geraten bin. Es ist niemals etwas passiert. Meine Liebe umschmiegte sie stets nur geistig.

Sie dagegen ist heute sehr körperlich. Die Kakaobraune vor mir tritt zur Seite, damit ich besser sehen kann. Meine Tochter nimmt eine Schlange entgegen, legt sich den dicken, grausilbern geschuppten Leib um den Nacken, stützt Kopf und Schwanz des Reptils mit weit ausgestreckten Armen, als sie in den Kreis der Tanzenden tritt. Ihre Brüste sind gut geformt, etwas heller als die Haut des restlichen Oberkörpers, Zeugen eines Schamgefühls, das sie heute nicht kennt. Sie bewegt ihren Körper voller Anmut.

Ich drohe, mich im Rausch der Gegenwart zu verlieren. Das ist gefährlich. Ich weiß nicht, warum, aber ich muss zurück. In meinem Gedächtnis etwas finden.

Katrina ist so physisch in diesem Moment. Ich war immer so geistig. Einen Luftelementar haben mich manche meiner Kollegen genannt. Ein Geist, der nicht im Weltlichen haften bleibt. Der sich ins Imaginäre versteigt. Die Welt der Redewendungen, Formeln, Theoreme. Wie hat meine Tochter mich wahrgenommen? Ich sehe ihre Augen vor mir, etwas zu groß für ihren kleinen Kopf, wie sie als Mädchen immer in meine Bibliothek kam, wenn sie nicht schlafen konnte. Wo andere Eltern alles Obskure von ihren Sprösslingen fern halten, konnte ich der eitlen Selbstbespiegelung meines Wissens nur selten widerstehen. Ich schlug stets einen spöttischen Ton an, wenn ich von den okkulten Bräuchen der Welt erzählte, nachts im Dämmer der Leselampe. Hat Katrina verstanden, dass ich mich lustig machen wollte über das Werfen ausgehöhlter Fingerknochen und die Ausrichtung fünfzackiger Sterne an Erdmeridianen? Oder konnten ihre Kinderaugen die Faszination sehen, die ich mir selbst nie eingestand? Ein zweiter Bereich, in dem mein Leben sich in der Spannung zwischen Begierde und Abscheu abspielte. Hier habe ich sie wohl verführt, geistig, nicht körperlich.

Obwohl sie schmerzt, ist die Erinnerung gut. Sie hilft mir. Ich ahne jetzt, wo ich bin. Die wuchernde Vegetation, die feuchte Luft. Der Mississippi, die Südstaaten.

Nun ist es leichter. Ich habe einmal ein Referat gehalten über diese Gegend. Eines meiner ersten. Ich lernte es auswendig. Zumindest die Grundthese ist mir wieder präsent: ‚Das Okkulte vermag Geografie, Kultur und Zeit zu überbrücken, weil das Unerklärliche zutiefst menschlich ist, auch und gerade das unerklärliche Grauen.’

Ein prustendes Geräusch. Das erste. Ich habe gar nicht bemerkt, dass ich nichts hören konnte, bis jetzt. Wenigstens den Schlag meines Herzens hätte ich doch hören müssen in der Stille. Aber den spüre ich auch jetzt nicht. Flüssigkeit läuft mir am Ohr herunter. Die Kakaobraune tritt vor mich. Sie grinst mit unverschämt glänzenden Zähnen, nimmt einen tiefen Schluck von ihrem Whiskey, spült ihn im Mund umher und spuckt ihn in einem dicken Schwall gegen mein anderes Ohr. Jetzt höre ich auf beiden. Trommeln, vor allem. Sie übertönen das Prasseln des Feuers und das Stampfen der Tänzer. Dumpf, laut, schnell. Ebenso fiebrig wie die Menschen hier. ‚Lass dich nicht anstecken davon, Katrina!‘, denke ich. Sprechen kann ich nicht.

Meine Tochter wiegt lasziv ihre Hüften. Sie tanzt langsamer als die anderen, europäischer vielleicht. Dennoch hat es etwas Verruchtes, gerade weil es zivilisierter wirkt als die auf ihre Art unschuldige Wildheit um sie herum.

Noch unmittelbar vor dem Abflug habe ich sie gefoppt. Es fällt mir wieder ein! Flughafen Frankfurt, an der Bordkartenkontrolle. Da habe ich noch gezwinkert und ihr geraten, keine allzu langen Nadeln in die Puppe mit meinem Namen darin zu stechen. Nie hätte ich gedacht, dass sie sich mit dieser Parallelwelt einließe. Als die Nachrichten seltener wurden, dachte ich, sie ließe sich in Unternehmungen treiben, wie sie üblich sind bei Studentinnen auf Auslandssemester in einer ungezähmten Stadt wie New Orleans. Heiße Strandparties, vielleicht ein Wochenendtrip hinüber nach Fort Lauderdale zum großen Studentenbesäufnis, eben diese Dinge, die man zum Erwachsenwerden braucht, darauf hatte ich mich eingestellt.

Bis dann die merkwürdige Mail kam. Von der ich sofort wusste, dass ich sie nur versehentlich erhielt. Mit ‚Liebe Tina’ hatte sie begonnen, die Freundin hat einen ähnlichen Nachnamen wie wir, Katrina hatte offensichtlich die falsche Adresse herausgefischt. In der Tat wirkte die Nachricht hastig getippt, einige Buchstaben an den falschen Plätzen, ein Satz in der Mitte abgebrochen. Die Erinnerung ist mühsam, aber ein Wort, das mehrmals auftauchte, sehe ich klar vor mir: ‚Voodoo’.

Die Kakaobraune ist wieder vor mir. Ich kenne sie auch, ich bin sicher. Sie schwenkt ein schwarzes Huhn mit nassen Federn, betupft mich mit dem weichen Vogel. Meine Tochter ist mir wichtiger. Und meine Erinnerung.

Nach vier Monaten Amerika bestand der Kontakt zu Katrina noch, war aber nichts sagend. Ich wollte sie fragen. Es ging nicht, nicht am Telefon. Meine Frau hielt mich für verrückt, als ich in den Transatlantikflieger stieg.

„Es ist nicht real.“ Das sagte ich ihr bereits am ersten Abend. Wie lange ist das jetzt her? Einen Monat? Oder erst eine Woche? Ich weiß es nicht. Die Erinnerung wird zu Fetzen. Nichts Durchgängiges. Zudem fühlt es sich an, als sei sie ein Buch, in dem ich nicht zurückblättern kann. Woran habe ich gedacht, als ich die Augen aufschlug? Woran? Es kann doch nur ein paar Minuten her sein!

Ich will mich nicht zu weit entfernen von dem, was meinen Verstand gerade hält. Der erste Abend. Der erste Streit nach apathischer Begrüßung. Nicht real. Nur in ihrem Kopf. Sie sah mich nur trotzig an und schnappte: „Hewobb reitet mich! Nur mich!“

Jetzt tanzt sie an mir vorbei. Sie scheint sich mehr für ihre Schlange zu interessieren als für mich. Die Bahn um das Feuer führt sie wieder fort von mir. Nur die Kakaobraune bleibt bei mir, nur …

 … Madame Frougé! So heißt sie! So nennt sie sich! Ein merkwürdig altertumelnder Name für eine Frau Mitte zwanzig. Ich habe sie im French Quarter aufgespürt, als ich Katrina nachgeschlichen bin, in der zweiten Nacht. Oder der dritten. Als ich genug hatte von den Hühnerkrallen in ihrem Zimmer.

Ich war verblüfft, daran erinnere mich, an dieses Gefühl der Überraschung. Nicht so sehr, weil sie mich herein bat, obwohl auch das mich wunderte. Mein Erstaunen wurde von der Büchersammlung hervorgerufen, die ich unter den erzürnten Augen meiner Tochter in Augenschein nahm. ‚Bibliothek’ wäre nicht das richtige Wort dafür gewesen, es ruft die Assoziation einer geordneten Räumlichkeit hervor. Frougés Haus dagegen quoll über von Büchern. Regale bedrängten den Flur von beiden Seiten, Stapel erhoben sich schwankend vom Boden. Die Bibel, ein Dutzend Ausgaben. Abhandlungen der Druidenkunst. Erdströmungen. Das war die Minderheit. Die Mehrzahl bildeten Freud, Hawking, Newton, Kant. Kosmologisch interessiert sei sie, erzählte sie mir in dem einzigen nicht völlig einer überquellenden Rumpelkammer gleichenden Zimmer zwischen Kerzen und einer Kompanie katholischer Heiligenfiguren. Grinsend zeigte sie mir drei meiner eigenen Bücher, eines über afrikanische, eines über asiatische Stammeskulte, das dritte mein Klassiker, ‚Hirngespinste im Okkulten’. „Ich habe sie gern gelesen“, erklärte sie. „Sehen Sie, wie abgegriffen die Einbände sind. Hochamüsante Amateurfabeln.“

Vielleicht beleidigte mich das. In jedem Fall riss es mich aus dem Staunen über eine Sammlung, die sich manche anthropologische Bibliothek gern einverleibt hätte. Ich sagte, ich ginge jetzt.

„Das steht Ihnen frei“, grinste sie, „aber Ihre Tochter lassen Sie mir oder Sie werden es bereuen.“

Ich, gerade ich hätte wissen müssen, dass es leichter ist, den Körper eines Menschen zurückzuholen als seine Seele. Auch ersteres stellte mich vor Probleme. Katrina war erwachsen. Ich hatte keine erzieherische Gewalt mehr. Nur noch finanzielle, und darüber lachte sie. „Hewobb reitet mich! Die Geister schützen mich!“ War das das erste Mal gewesen, an dem ich nicht nur Verrücktheit in ihren Augen sah, sondern Wahnsinn? Und dahinter Furcht, sogar einen Hilfeschrei?

Madame Frougé reißt dem Tier bei lebendigem Leib einige Federn aus, die sie über meinem Kopf herunterschneien lässt. „Wehre dich nicht“, rät sie mir. „Lass los. Du wirst mir dienen.“

Wie ging es weiter?

Ich weiß es nicht. Die schwarzen Federn ziehen meinen Geist an, als seien sie magnetisch. Ich will meine Gedanken von ihnen lösen. Ich will … erinnern. Da war … Wie war ihr Name noch gleich? … Katrina! Meine … Nichte? Tochter? Ja, ‚Tochter’, das klingt richtig. Also, meine Tochter und ich waren in dem Zimmer vor … nach … was? Federn.

„Jaaaa“, sanft streicht Frougé über meine Wange. Ich will nicht, dass sie mich berührt. Aber sie hat das Recht dazu. Sie darf alles. Ich darf nur, was sie will.

Hitze wallt durch meinen Körper, das erste Mal. Ich will mich wehren gegen diesen Gedanken. Ich will mich erinnern! Erinnerung ist Identität! Erinnerung ist … Leben?

Sie drückt den Flaschenhals zwischen meine Lippen. Ich weiß, der Whiskey sollte brennen, sie schüttet ihn jedoch durch meine Gurgel wie Wasser. Ich brauche nicht zu schlucken. Ich spüre, wie etwas in meine Luftröhre rinnt, in die Lunge läuft, ich muss dennoch nicht husten. Das liegt daran, dass ich keinerlei Drang verspüre, zu atmen. Schon die ganze Zeit nicht.

Ich will darüber nachdenken, aber ihre Worte erzwingen meine Aufmerksamkeit. „Keine Angst. Ich vergifte dich nicht. Das hat schon deine Tochter getan. Du hast sehr gelitten, als du gestorben bist. Es hat lange gedauert. Beinahe eine Stunde.“

Tochter?

Welche Tochter?

Ich habe keine Familie.

Ich habe eine Meisterin. Sie spricht mit den Ahnen. Sie befiehlt die Geister unter ihren Willen.

Und wir Zombies gehorchen ihr auch.



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