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Zweite Geburt

VORWORT

Dieses Buch wollte ich entstehen lassen.

Es war mir ein Bedürfnis meine Ost-West-Geschichte zu veröffentlichen.

Meine Flucht von Ostdeutschland nach West-Berlin.

Diese war direkt über einen offiziellen Grenzübergang geglückt.

Ich wollte über die Verhältnisse, die meine Kindheit und Zeitteile meiner Jugend prägten, erzählen.

Diese Zeit verlebte ich in Ostdeutschland.

Von meinem Auf- und Abstieg in ost- und westdeutschen Landen erzählt diese Geschichte.

Kritik übte ich an beiden deutschen Systemen.

Beide Teile unseres Landes haben, in meinem Falle, zu meinem Wohl und Wohlstand beigetragen.

Die Teilung meines Vaterlandes konnte und wollte ich niemals akzeptieren.

Wir waren immer ein Volk.

 

Der deutsche Grenzfall am

9. November 1989

war einer der größten Glücksmomente meines Lebens.

Von einer deutschen Seele geredet

Kind - 1971

Wir schrieben das Jahr 1971.

Ein Spätsommertag Anfang September.

Ein Sonnabendmittag.

Das Klingelzeichen ertönte, endlich Schulschluss.

Das Zimmer der Klasse 2c, die ich besuchte, war in Sekunden schülerfrei.

Meine Gedanken weilten schon seit Stunden zu Hause, in meinem Elternhaus, im Norden von Leipzig.

Es war ein besonderer Tag, die Leipziger Herbstmesse wurde eröffnet.

Schnell lief ich die Straße der Deutsch-Sowjetischen-Freundschaft entlang, welch ein Name, überquerte diese am Eutritzscher Markt. Schon hier erlebte ich das Besondere.

Auf dieser Haupteinfahrstraße stauten sich Auto an Auto, bunte Westwagen, vermischt mit farbarmen Ostwagen. Gäste der Messestadt waren gekommen.

Dann durchlief ich den Park bis zur Schluppe, wie die Durchgänge zwischen Grundstücken in Leipzig genannt werden.

Ganz nah am Zaun der rechten Grundstücke rannte ich durch diese Schluppe.

So hatte ich die beste Chance auf Sichterfolg.

Er war da, in seinem Grün, rund, mit zwei Kulleraugen, der Käfer mit Nürnberger Kennzeichen.

Unsere Tante besuchte uns zu jeder Messe.

Die Leipziger Messe war eine Mustermesse, keine Verkaufsmesse, es waren nur Muster ausgestellt worden. Diese Messen fanden zwei Mal jährlich statt, im Frühjahr und Herbst.

Aussteller und Besucher aus Westeuropa, Westberliner und Westdeutsche gehörten natürlich dazu. Sie konnten für diese Messewoche ohne Visum einreisen, ein Sonderfall.

Für mich hatte diese Atmosphäre jedes Mal etwas aufregend Exotisches.

Tante Evchen kam zu uns, aus einem anderen Deutschland, das einmal mit unserem vereint gewesen sein sollte. Für uns als Kinder unbegreiflich. Alles war so anders.

Endlich im Haus angekommen. Da war er wieder, der Duft nach Parfüm, westlichem Parfüm. Das ganze Haus war erfüllt davon. Schnell die Schuhe ausgezogen.

Wir begrüßten uns herzlich.

Unsere Bananentante, wie sie von meinem jüngeren Bruder genannt wurde, war wieder zu Besuch.

Eine Bananenstaude hatte sie in der Küche abgeladen. Sie brachte uns immer so schöne Sachen mit.

Eine Tüte mit verschiedenen Kaugummisorten für jeden, drei verschiedene Matchbox-Autos, die wir Jungs so liebten und sammelten. Es kam, wie immer, zur Entscheidung. Wir Brüder mussten, ohne Streit, entscheiden, wer erhält welches Modell.

Unsere Tante - sie konnte reden, reden von, aus einer fremden Welt, Westdeutschland. Für uns unbegreiflich, kaum begreiflich. Es waren Familien-Großfeste, wie ich sie später selten wieder erleben sollte.

Auch weitere Verwandte kamen noch am selben Tag aus dem hohen Norden zu Besuch aus Güstrow.

Es wurde viel geredet, diskutiert, gegessen, erlebt, gelebt und das Zusammensein genossen.

Für uns ging dann am Sonntag ein deutsch-deutsches Familien-Wochenende seinem Ende entgegen. Unsere Tante fuhr am Sonntagnachmittag ab, nach Hause - ihrem Zuhause - für uns nicht erreichbar. Unter Tränen verabschiedeten wir uns von ihr. Diese Grausamkeit der bewussten Trennung wurde für mein weiteres Leben bestimmend.

Die Messewoche verrannte schnell. Viele Leute gingen in unserem Elternhaus ein und aus. Fast alle Zimmer des Hauses wurden an Messegäste vermietet. Es war eine sehr lukrative Einnahmequelle für harte Währung. Meine Eltern vergaben die Zimmer vorwiegend an Westdeutsche oder Westeuropäer. Auch wir Kinder hatten unsere Zimmer für diese Woche geräumt und zogen in das blaue Wohnzimmer, unserem Esszimmer. Das zweite, das grüne Wohnzimmer blieb Stube. Wir taten es gerne. Unsere Eltern sprachen im Vorwege mit uns und erklärten uns die Notwendigkeit der Vermietung. Nur für die erwirtschafteten Westmark waren Anschaffungen für Haus und Auto möglich. Nur durch die Zusatzeinnahmen in Westmark könnten wir uns die Urlaube in Ungarn oder Bulgarien leisten können, sagten sie.

Wir waren ja eine 5-köpfige Familie. Im deutschen Teil des Mangels, mangelte es auch an ausreichend Taxis.

Um zur Messe den Gästen der Stadt die Illusion einer Weltstadt zu vermitteln, wurden Zusatztaxi´s zugelassen, nur für diese Messewoche. Autobesitzer aus dem Volk konnten sich bewerben um eine Zulassung als Taxifahrer, mit ihrem Privatfahrzeug. Sie mussten eine Kurz-Taxi-Prüfung vor der Messewoche ablegen. Unser Vater nahm sich für diese Woche Urlaub und fuhr Taxi mit unserem Lada, einem 4-türigen Fahrzeug aus russischer Produktion. Das war eine weitere Einnahmequelle neben der Zimmervermietung. Die Messeaussteller, die zu Gast bei uns waren, luden, wörtlich genommen, immer

Werbegeschenke ihrer Firmen bei uns ab.

Kataloge, Abzeichen, Kugelschreiber - alles begehrte Tauschobjekte in meinem Freundeskreis und der Schule. Diesmal aber war etwas für mich sehr Wertvolles unter den Geschenken. Ein Schweizer Messer, traditionell in rot gehalten mit weißem Kreuz darauf, zwar umseitig mit Werbung versehen, aber für mich das Geschenk, das ich bis heute behüte und liebe.

Nach Messeende, der letzte Gast war abgereist, tagte der Familienrat. Die Kasse wurde gestürzt. Es war unsere Familienzeremonie. Alle Einnahmen wurden gezählt, getrennt in Ost- und Westmark.

Jeder von uns Brüdern erhielt 20 Westmark für die Hergabe ihres Zimmers. Das war ein Vermögen für uns.

Einkauf - 1971

Durch die Zusatzeinnahmen zur Messe in harter Währung konnten wir uns viele Wünsche erfüllen. All das, was in Leipziger Läden und Kaufhäusern nicht zu haben war, wurde für die harte Mark im Intershop angeboten. Auch Spielzeug. Es war wie ein Rausch unter diesen herrlichen Sachen aussuchen zu können. Wieder begegnete mir

dieser Duft nach Parfüm, Waschpulver, ich will es Westlichkeit nennen. Unbeschreiblich war das

Einkaufserlebnis in dieser so fremden westlichen Welt, eingerichtet von Sozialisten für das eigene Volk, sozialistisch aber mit Westmark. Kapitalismus im Sozialismus. Für die größeren und schöneren Spielsachen reichte meist das Westgeld nicht aus. Wieder ließ mich die Faszination für die Matchbox-Modellautos ein solches wählen - einen Jungen von 7 Jahren.

Der Alltag war wieder eingekehrt in der Stadt und unserem Haus.

Der Glanz, die Farben und Düfte fuhren gen Westen. Das Grau hatte uns wieder, dieses ewige Grau.

Einfluss permanent

Durch meine westdeutsch-freundliche, aber auch kritische Erziehung, weiß ich heute, hatte ich meinen Klassenkameraden gegenüber einiges voraus.

Erklärung von Umständen:

Meinen Vorfahren wurden die Grundstücke in Pommern genommen, bedingt durch den verlorenen Krieg.

80 Prozent unserer Familie lebt in Westdeutschland und Westberlin.

Beiden deutschen Staaten konnte ich kritisch gegenüberstehen, was mir aber erst im Laufe der Kindheitsentwicklung bewusster wurde. Diejenigen Mitschüler, die von ihren Eltern nur einseitig auf den Ost-Staat eingeschworen wurden, konnten keine Objektivität entwickeln.

Von ihnen unbewusst, entfachten meine Eltern im Laufe meiner Kinderjahre in mir eine Sehnsucht nach totaler Freiheit, die für mich nur der westdeutsche Staat geben konnte. Kein Gedanke an Amerika oder Australien. Für andere Menschen, der Inbegriff für Freiheit. Ich fühlte mich als Deutscher und wollte „nur“ den anderen Teil erleben, in diesem leben, nicht aus Verachtung meiner sächsischen Heimat, sondern aus Notwendigkeit um mein Ziel zu erreichen, mein Lebensziel zu verwirklichen.

Das Rüstzeug für meinen Kampf in Westdeutschland wurde mir bereits in Ostdeutschland gegeben. Es gab keinen besseren Lehrmeister. Der Wissensdurst der Ostdeutschen über den anderen Teil des Landes war so groß, wie er umgekehrt, damals, nicht erfahren wurde. Meine Kindheit erlebte ich ruhig im sicheren Elternhaus, abgeschirmt von den extremen politischen Einflüssen der Gesellschaft.

Meine Eltern gaben mir ein politisch unabhängiges Urteilsvermögen mit auf den Weg.

Die Ostgesellschaft lehrte mich zu improvisieren in jeglicher Form.

Schrottarbeit 1976

Auf dem Heimweg von der Schule nahm ich immer eine Abkürzung durch eine Firma, die Schrauben produzierte. Die Tore der Fabrik waren offen. Freier Durchgang.

Mir waren die sehr großen Gitterboxen aufgefallen, in denen vor sich hin rostende Megaschrauben im Freien gelagert wurden.

Die kurze Nachfrage im Betrieb, ob ich diese zum Altstoffhändler verbringen könnte, wurde bejaht.

So erschloss sich mir eine ständig, unendlich erscheinende, anzapfbare, Einnahmequelle. Wann immer es mir die Zeit erlaubte, belud ich den, von meinem Vater selbst gebauten, geschweißten, einachsigen Stahlhandwagen mit diesem Schraubengut. Quer durch den Park zeichnete ich meine schwere tiefe Spur.

Der Altstoffhändler, heute Recyclinghof genannt, befand sich auf einem Berg.

Nach dem schweren Zug durch den Park musste ich noch einige viele Höhenmeter auf der Straße zurücklegen.

Der Handwagen war bereift mit Hartgummi. Durch die permanente schwere Last wurde die Bereifung zerstört. Dadurch zog ich mein Wertgut im Weiteren auf reinen Stahlrädern, ohne Bereifung, dem Umtauschhandel entgegen. Auch Spuren auf dem Asphalt waren die Folge. In unserer Wohnsiedlung wurde irgendeines Tages mit dem Austausch der Straßenlaternen begonnen.

Gas gegen Strom. Die Gaslaternen aus den 30er Jahren waren auf Masten aus Gusseisen befestigt.

Nach der Demontage lagerten diese Masten auf allen Fußwegen im Viertel. Ein Geschäft tat sich auf.

Mit Hilfe des fast zerstörten einachsigen Handwagens aus Vaterproduktion beförderte ich eine dieser Masten zu meinem Schrotthandel. Was für eine Zieharbeit bergauf. Gern hätte ich den Tauschpreis Guß gegen Aluminium in Empfang genommen. Das ostdeutsche Kleingeld war vorwiegend aus Aluminium gefertigt (Vorsicht bei Wind es flog aus der Hand).

Aber nein, einer Abnahme meines Pfahles wurde widersprochen mit der Begründung, es sei Stadteigentum. Rechtlich gesehen war es ja nicht mein Eigentum. Rücktransport, diesmal bergab, erfolgte an die gleiche Stelle der Entnahme.

Nachtrag.

Mein Vater war nach der Feststellung der Zerstörung seines Handwagens unbegeistert.

Kleingeschäfte bis zum Ende meines Lebens Nummer 1

Bereits als Schüler, noch in den unteren Klassen beschäftigt, hatte ich eine Geschäftsidee.

Gemäß einer Überlieferung von unserer Großmutter hatten wir Kinder uns Bonbons einfach selber gemacht. In einer Pfanne wurde Margarine zerlassen und Zucker hinzugegeben, teils auch mit Haferflocken verfeinert. Nachdem der Zucker karamellisiert war und bräunlich wurde, teilte ich die Masse.

Mit einem großen Löffel wurden verschieden große Kleckse auf einem leicht mit Wasser befüllten Essteller verteilt. Nach dem Erkalten waren Wunderbonbons, nach alter Art, entstanden. Diese verkaufte ich an der Straße vor unserem Haus.

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Durch meinen unbegrenzten Zugang zur Mark des Westens taten sich für mich vielseitige Möglichkeiten der Geldvermehrung auf.

Dazu später.

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Die Sammlungen von Modellautos der englischen Marke „Matchbox“ waren immer wieder und permanent interessant.

Die Sammelstücke meiner Mitschüler schaute ich mir regelmäßig an. Unbeschädigte Fahrzeuge kaufte ich, zum Preis von einer Westmark.

In der Leipziger Georg-Schumann-Straße war damals ein An- und Verkauf ansässig, in chinesischer Hand.

Gern kaufte er meine Kleinfahrzeuge an, zum Festpreis von 12 Ostmark.

Somit erzielte ich einen Umtauschkurs von 1 DM zu 12 Mark Ost. Rückgetauscht (Kurs 1:5) erhielt ich 2,40 DM,

Gewinn 1,40 DM pro Auto, entsprechend 140%.

Ein kleines Vermögen für mich als Schüler.

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Um weiteren Geldzuwachs zu erwirtschaften, machte ich mich weit vor Schulbeginn auf den Weg zu den Erdbeerfeldern in Böhlitz-Ehrenberg, per Fahrrad.

Vom Haupttreffpunkt des Erdbeerhofes wurden die Pflücker mit Bussen auf die Felder gefahren.

2 Stunden betrug meine Pflückzeit.

Dann musste ich meine halbstündige Rückfahrt per Fahrrad nach Leipzig-Gohlis antreten.

Danach war der Wissenszuwachs das Pflichtprogramm Schule.

Info: Erdbeeren waren Mangelware in Ostläden, mit Namen Konsum und HO.

Ein anderer Erdbeermorgen

Ich erhielt als Pflücker die Möglichkeit, einen kompletten Korb zu erwerben. Mit der Errungenschaft wollte ich meine Familie überraschen. Auf dem Gepäckträger meines Rades befestigte ich den Korb und fuhr die einigen vielen Kilometer nach Hause.

Der schlechte Straßenzustand hatte zur Folge, dass die Fracht während der Fahrt zu Erdbeermus verdichtet wurde. Mein Fahrrad wurde mit Fruchtsaft besudelt.

Ein Genuss war nicht mehr möglich.

Zur Reinigung meines Rades hatte ich zu keiner Folgezeit eine Lust gefunden. Das Hinterrad verschimmelte.

Dann kam das Moped.

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Größere Betriebe unterhielten und bewirtschafteten sogenannte Ferienlager. Dort konnten die Kinder der Beschäftigten einen Teil ihrer Ferien verbringen. Der Standort eines dieser Lager des „Wärmeanlagenbau Berlin“, in dem mein Vater beschäftigt war, befand sich in der CSSR, der heutigen Tschechischen Republik.

Eine Begegnungsstätte für deutsche und tschechische Kinder, die sich das Lager dort teilten. Mit einem eigenen Bus wurden wir Kinder dorthin verbracht.

12 Stunden Fahrt ab Leipzig mussten wir ertragen.

Jedes deutsche Kind sollte kleine Gastgeschenke, im Zirka-Wert von 30 Mark, mit im Gepäck haben.

Verschenkt hatte ich diese allerdings nicht. Ich habe sie verkauft an die Tschechen. Somit konnte ich mein Urlaubsgeld verdoppeln.

Für den Überschuss an tschechischen Kronen kaufte ich Dinge, die in Leipzig nicht kaufbar waren, wie zum Beispiel Ananas- oder Orangensaft und gezuckerte Kondensmilch in Tuben.

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Mein Elternhaus wurde einst über Wasserleitungen aus Blei versorgt. Ein Austausch stand an. Die alten Bleirohre lagerten bei uns im Keller.

Mein Vater stimmte dem freien Verkauf des Altmaterials, durch wen und an wen auch immer, zu.

Einen Teil verkaufte ich an meinen Altstoffhändler. Es wurde sehr gut gezahlt damals, 1,80 Mark pro Kilo. Das weitere Material wurde zu Soldaten. Aus dem Spielzeugbestand meines Vaters hatte ich Formen zur Herstellung von Bleisoldaten übernommen.

Ich goss und goss. Die fertigen Teile malte ich mit Filzstiften an, aus Westproduktion, verpackte sie in Folie und verkaufte diese in der Schule.

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Wie bereits erwähnt, konnte ich Ostmark in unbegrenzter Höhe in Westmark umtauschen zum Kurs von 5 zu 1. Viele meiner Mitschüler hatten keinen Zugang zu der harten Mark unseres Vaterlandes.

Abhilfe konnte ich schaffen. Zum Kurs von 5,8 zu 1 bot ich das kaufkraftschwere Geld an. 16% Gewinn.

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Als Mopedfahrer dann starteten mein mittlerer Bruder und ich unserem Hauptbahnhof regelmäßig einen Besuch ab. Mit Umhängetaschen bewaffnet, liefen wir die Bahnsteige ab und sammelten Leergutflaschen. Zur damaligen Zeit waren die meisten Flaschen mit 30 Pfennig Pfand belegt. Eine halbe Stunde Arbeit erbrachten 20 Mark Sammelgewinn. Top für einen Schüler. Fahrtzeit und Benzinkosten waren noch abzuziehen. Wir teilten brüderlich.

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Im Keller unseres Elternhauses sammelte sich ebenfalls Leergut an, aus Familienbestand. Keiner der Familie wollte dieses wieder in Geld umtauschen, auch aus Zeitgründen.

Mein Vater war ja sehr oft auf Dienstreise unterwegs, meine Mutter berufstätig, ohne Auto, meine Brüder

hatten noch kein Moped.

Mein Tag kam, mein Vater verkündete.

Der Erlös durch den Verkauf der Flaschen wurde an uns Brüder freigegeben. Das Kellerlager habe ich daraufhin geräumt.

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Um ein weiteres Flaschengeschäft anzuschieben verfasste ich im Jahre 1983 ein Schreiben und vervielfältigte es. Angeboten hatte ich die kostenlose Abholung von Leergut nach freier Terminvereinbarung.

Diese Schreiben, heute Flyer genannt, verteilte ich in der Wohnsiedlung. Telefonanschlüsse waren sehr begrenzt vergeben in dieser Ostzeit. Also vermerkte ich unsere Heimatadresse auf dem Papier. Die schriftlichen Anfragen der Flaschenloswerder waren enorm. Als neuer Autobesitzer mit großer Heckklappe und umklappbarer Rückbank, Renault 4, genannt R4, hatte ich die Beförderung leicht bewerkstelligt.

Die Behördenantwort folgte prompt. Es handele sich bei dieser Art der Sammlung um ein privates Gewerbe und wäre somit verboten.

Das Angebot der Stadtverwaltung: ich könne mich gern bei einem staatlichen Altstoffhandel verdingen.

DOCH NICHT ICH - Ende der Kleingeschäfte

Russenname Zeit wurde nicht recherchiert

Die Schulen in Leipzig waren mit Nummern belegt.

Ich besuchte die 34. Polytechnische Oberschule (POS).

Wohl bereits seit Urzeiten bestand diese Nummerierung.

Alles war gut zu verstehen und logisch.

Wir Schüler wurden informiert, dass unsere Schule umbenannt werden sollte.

Der Nachfahre eines russischen Kriegsveteranen wollte unserer POS den Namen seines Vaters verleihen.

„Michael Kalinin“ sollte unsere Schule künftig heißen.

Es war wirklich so gekommen. Fahnenspaliere wurden wochenlang geprobt. Ich musste eine Arbeiterfahne, die rote, befestigt an einem Holzstab, auf meinem Knie platzieren.

Der Russe kam. Bis heute kann ich diesen Verrat an einer deutschen Schule nicht nachvollziehen.

Provokationen

Unserer Familie wurden regelmäßig Pakete aus Westgermanien zugesandt. Die Verwandten meinten es sehr gut mit uns.

Meine Cousine aus Hamburg schenkte mir eine sogenannte Papierjacke. Die Jacke war hauchdünn, wie Papier. Eigentlich kein echter Schutz gegen Wettereinflüsse, ein wenig gegen Wind vielleicht. Bedruckt war sie kunterbunt mit verschiedener Werbung von westlichen Firmen. Dieses Stück trug ich damals in der Schule, bis zum Verbot.

Eine echte Goldkette, im Intershop erworben, zierte meinen Hals. Als Anhänger trug sie einen westdeutschen Pfennig, meinen Glückspfennig. Im väterlichen Schraubstock hatte ich dieses Geldstück eingespannt und mit einem kleinen Loch versehen.

Dieser offen getragene West-Pfennig sollte meine Einstellung zum System zeigen.

Mein Lehrmeister bemerkte später, zum Jahresabschluss, in seiner Beurteilung, ich stünde dem Staat kritisch gegenüber.

Beim Aufschlagen meines Portemonnaies stach dem Fremdbetrachter, auch mir selbst, eine deutsche Fahne ins Auge, ohne sozialistische Symbole.

Dieses kleine Papierteil hatte ich aus einem Katalog geschnitten und in das Kunstlederteil eingeklebt.

Jugendarbeit - 1978

Einem, bisher noch leise, bekennenden Gegner des linksextremen deutschen Staates, der ich war, erschloss sich eine neue Idee um das System zu bekämpfen. Der Sozialismus unterstützte und förderte mit großem Aufwand die Kinder- und Jugendarbeit, um die Heranwachsenden auf deren Weg einzuschwören.

Meine Überlegungen gingen dahin, eine Jugendgruppe zu gründen, die parallel arbeitete zur staatlich verordneten Organisation „Freie Deutsche Jugend“, FDJ.

Unsere offiziellen Ziele sollten ähnlich angesiedelt werden, wie die der FDJ. Nach außen hin würde der russisch-deutsche Sozialismus in vollem Umfang unterstützt werden. So sollte diese Organisation eine offizielle Daseinserlaubnis erhalten und behalten.

Zwei Freunde und ich gründeten die „Demokratische Jugend“, die DJ“. Aufgenommen in unsere DJ wurden ausschließlich Jugendliche, die empfohlen wurden von einem unserer Mitglieder.

Diese mussten dem Empfehlenden persönlich bekannt sein.

Voraussetzung für die Aufnahme in unsere Organisation war, dass diese Menschen dem Ost-Deutsch-Staat kritisch gegenüber standen. Ihre diesbezügliche Meinung jedoch durften sie jedoch nirgends öffentlich machen. Schweigen bis zum Tag „X“. Unser Kampfziel war klar definiert. Wenn die Mitgliedsstärke auf eine Zahl angewachsen war, die sich mit der FDJ hätte messen können, würde die DJ sich umkehren, gegen den Staat. Am Tag „X“. Das System sollte zum Wanken gebracht werden und schließlich zum Sturz. Meine Großmutter aus Güstrow nähte uns unsere Vereinsfahne, in den Farben Grün-Weiß. Mit unserer Fahne fuhren wir dann durch Leipzigs Straßen. Keiner konnte erahnen, dass es sich dabei um ein politisches Symbol handelte. In Leipzig gab und gibt es einen Fußballverein, den „Chemie Leipzig“.Die Vereinsfarben glichen den unseren. Wir trafen uns mit unseren Mopeds „S 50“, von dem Hersteller Simson, außerhalb der Stadt und besprachen die Mitgliederwerbung. Gesellschaftskritiker gab es genug unter uns Jugendlichen. Aber wir mussten uns sicher sein, dass sie in jeder Hinsicht zuverlässige Mitglieder werden könnten. Die Mitgliedsausweise fertigte ich selbst an. Aus grünem Restmaterial der Buchproduktion des Leipziger Institutes für „grafische Technik“ fertigte ich die Einschläge. Meine Mutter war dort als Chefsekretärin tätig und brachte die Abfälle mit. Wir Kinder durften damit basteln, was ich ja auch tat.

Bewusst war mir die Härte des Kommunistenstaates, mit der dieser gegen seine Gegner vorging. Das Instrument „Stasi“ war überall spürbar und gegenwärtig. Mein Gewissen kam ins Wanken. Meine Überlegungen und Gedanken veränderten sich. Neu. Wenn ich den Aufbau meiner Jugendgruppe weiter vorantreibe, würde ich zum verfolgten Gegner des Staates werden. Die Entscheidung musste ich jetzt finden, den Staat bekämpfen und dafür wertvolle Jugendjahre verwenden wohl mit dem wahrscheinlichen Ende, als politischer Gegner im Gefängnis zu landen oder ich verlasse den Ostteil des Landes, als junger Mensch.

Ich entschied mich für das Letztere.

Sehnsucht - 1978

Der Wunsch, die Sehnsucht nach der anderen Seite des Landes, für mich war es immer ein Gesamtdeutschland, wuchs mit zunehmendem Alter. Es ging mir nicht nur um Reisefreiheit, die ich für mein Leben praktizieren wollte und musste. Auch Gedankenfreiheit und wirtschaftliche Freiheit waren für mich wichtige Ziele.

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Westdeutsche kamen und gingen, all die Jahre.

Unsere West-Verwandten nahmen meinen Fluchtwunsch auf und versprachen Hilfe auf ganzer Linie. Jedoch, je konkreter mein Drängen als 14-Jähriger wurde, desto

distanzierter wurden ihre Aussagen. Eine Flucht nur mit

Zusage beider Elternteile, eine Flucht zu teuer, momentan zu schwierig, so die Aussagen.

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