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Zweite Chance - zu dritt

1. KAPITEL

Kate Malone stand auf dem Gehweg vor der Anwaltskanzlei und starrte auf die große gläserne Eingangstür. Sie hatte noch ein paar Minuten Zeit, also nur keine Eile.

Abwesend wandte sie ihr Gesicht dem wolkenlosen, blauen Himmel zu, und die warme Frühlingssonne streichelte ihr die Haut. „Sonnenküsse“ hätte Susan jetzt dazu gesagt.

Susan.

Der ungewöhnlich warme Apriltag erinnerte Kate an ihre College-Abschlussfeier vor acht Jahren. Für sie war die Verleihung der Urkunde damals nur der nächste Schritt auf der Karriereleiter gewesen, ein weiterer Punkt auf der Liste, den sie abhaken konnte. Susan jedoch hatte jeden Augenblick der Zeremonie in der schweißtreibenden Hitze genossen. Sie war über das Podium gehüpft und hatte allen glücklich mit ihrem Diplom zugewinkt.

So war sie immer gewesen, hatte jeden Augenblick ganz intensiv gelebt. Kate musste lächeln. Und gleich darauf spürte sie wieder den würgenden Kloß im Hals. Susan ist tot.

Weil ein entgegenkommender Fahrer vor zwei Tagen hier in Boise, Idaho, an seinem Steuer eingenickt und frontal mit Susans Wagen zusammengestoßen war.

Wieder kamen Kate die Tränen. Wie konnte Susan denn tot sein? Sie war doch so lebendig gewesen, genau wie ihr liebevoller Ehemann Brady und ihre süße kleine Tochter Cassidy. Alle drei waren bei dem schrecklichen Unfall ums Leben gekommen.

Kate schluckte krampfhaft. Jetzt bloß nicht weinen. Sie durfte sich nicht gehen lassen, sie hatte nicht mal ein Taschentuch! Und es war der allerschlechteste Zeitpunkt dafür. Vor ihr lag der Termin mit Susans und Bradys Anwalt und Testamentsvollstrecker, da hieß es Haltung wahren. Später, in ihrem Hotelzimmer, konnte sie zusammenbrechen. Aber nicht vorher.

Sie riss sich zusammen, stieß eine der beiden Glas-Schwingtüren auf und betrat das Gebäude. Ein Schwall kühler Luft aus der Klimaanlage kam ihr entgegen, und auf ihren Armen bildete sich sofort eine Gänsehaut. An der Rezeption war kein Mensch zu sehen, und schon dieses kleine Detail drohte ihre mühsam errungene Fassung wieder zunichtezumachen. Wenn das Ganze nur schnell vorüberging!

„Kate?“

Beim Klang der vertrauten Männerstimme erstarrte sie. Jared. Sie wäre ihm lieber nicht begegnet, nicht gerade jetzt. Vielleicht auch nie mehr. Trotzdem wandte sie unwillkürlich den Kopf in seine Richtung.

Jared erhob sich aus einem der herumstehenden Ledersessel, und Kate stockte bei seinem Anblick der Atem. Vor fünf Jahren, als Brady und Susan sie einander vorgestellt hatten, war Jared Reed ihr Traummann gewesen – und der jeder anderen Frau. Inzwischen sah er sogar noch besser aus. Kates Herz schlug schneller. Wenn sie ihn nur nicht immer noch so attraktiv fände!

Er trug einen grauen Maßanzug und die gemusterte Seidenkrawatte, die sie ihm zu seinem einunddreißigsten Geburtstag geschenkt hatte. Das markante Kinn und die nicht ganz gerade Nase – ein Überbleibsel von einem Snowboard-Unfall als Teenager – gaben seinem Gesicht etwas Raues, Männliches. Mit den langen Wimpern und den vollen Lippen wirkte es sehr attraktiv. In den letzten drei Monaten war sein Haar erstaunlich lang geworden. Sonst hatte er es immer sehr kurz getragen, doch der ungezähmte, wellige Look stand ihm noch viel besser.

Das kann dir ja jetzt egal sein, sagte sich Kate. Fast.

Jared sah sie aus seinen grünbraunen Augen forschend an, während er rasch auf sie zukam. „Wie geht’s dir?“, fragte er.

„Ich … ich …“ Die Stimme versagte Kate, und ein Tränenschleier trübte ihr die Sicht. Oh nein! Sie wollte nicht, dass er sie in diesem aufgelösten Zustand sah.

Verzweifelt blinzelte sie ein paarmal verzweifelt.

„Es tut mir so leid, Katie.“ Im nächsten Augenblick stand Jared vor ihr und küsste sie sanft auf die Stirn. „So leid.“

Es fiel ihr ohnehin schwer, ihm gegenüber gleichgültig zu bleiben, aber seine zärtliche Geste und die einfachen, aufrichtigen Worte brachten ihre Abwehr endgültig ins Wanken. Unwillkürlich lehnte sie sich an ihn und atmete den vertrauten, sauberen Duft nach Seife ein. Seine breite Brust fühlte sich so tröstlich an.

Bleib auf Abstand, sagte ihr der gesunde Menschenverstand.

Aber Kate wollte nicht auf ihren Verstand hören. In diesem Augenblick war ihr alles egal. Jared wusste, was sie in diesen Tagen durchmachte. Ihm ging es vermutlich genauso.

„Ach, Jared“, flüsterte sie. „Es ist so …“

Er legte die Arme um sie und ergänzte leise: „… schrecklich.“

Schluchzend schmiegte sie sich in seine Umarmung.

„Manchmal denke ich immer noch, es ist ein Irrtum“, sagte sie. „Oder ich wache gleich auf, und alles war ein böser Traum.“

„Ich auch“, gestand er. „Als ich von dem Unfall erfuhr, habe ich bei dir im Büro angerufen. Aber du warst unterwegs. Und ich wollte keine Nachricht hinterlassen.“

„Die hätte ich auch gar nicht bekommen.“ Kate schloss die Augen. Es tat so gut, jetzt nicht allein zu sein. „Nachdem meine Assistentin es mir gesagt hat, habe ich mein Telefon abgestellt.“

Jared drückte sie tröstend an sich.

Sie hob den Kopf und sah ihn an. „Tut mir leid, dass ich nicht daran gedacht habe, dich anzurufen.“

„Du hättest mich auch nicht erreicht. Ich war auf einem Meeting in San Francisco.“ Jared grinste schwach. „Außerdem habe ich nicht erwartet, dass du anrufst, Kate.“

Sie spürte einen kleinen Stich.

„Wieso nicht?“, fragte sie. „Brady war dein bester Freund.“

„Und Susan und du, ihr wart wie Schwestern“, bemerkte er langsam. „Wie alt wart ihr noch gleich, als ihr euch kennengelernt habt?“

„Sieben.“ Sie waren Pflegekinder in derselben Familie gewesen, Kates erster und Susans dritter. Wie lange Zeit war seither vergangen! Sie hatten so viel zusammen erlebt.

„Sieben“, wiederholte er. „Du musst ja furchtbar traurig sein.“

Traurig war nicht der richtige Ausdruck für das, was Kate seit gestern fühlte. Es kam ihr vor, als sei ein Teil von ihr gestorben. Mit einem tiefen Seufzer lehnte sie den Kopf wieder an Jareds Brust. Er schloss die Arme noch fester um sie.

„Wein ruhig, Katie“, sagte er leise.

In ihr schrillten wieder die Alarmglocken, und sie wollte sich aus seiner Umarmung lösen, aber sie schaffte es einfach nicht. Sein starker, ruhiger Herzschlag an ihrer Wange fühlte sich so gut an.

„Ich habe schon genug geweint.“ Sie hatte mehr geweint, als sie je zugeben würde. Und niemals Tränen vor anderen vergießen, das war einer ihrer Grundsätze.

„Letzte Woche habe ich noch mit Brady telefoniert“, bemerkte Jared nachdenklich.

Sie nickte. „Susan hatte mir gerade ein Foto von Cassidy gemailt. Sie wollte mir noch andere schicken.“

Diese Bilder würden nie mehr ankommen, und die kleine Cassidy würde nie größer werden. Unter Aufbietung all ihrer Willenskraft unterdrückte Kate ein Schluchzen. „Ich kann einfach nicht glauben, dass sie tot sind. Warum sie? Warum jetzt?“

Jared.

Sie wickelte langsam eine seiner Locken um den Finger. Früher war sein Haar dafür nie lang genug gewesen. Es gefiel ihr so. Ein bisschen rührte es sie auch.

Sanft streichelte Jared ihr über den Kopf, wie er es so oft gemacht hatte. Fast hätte Kate tief aufgeseufzt.

Es war, als hätte sich nichts zwischen ihnen geändert. Sie wusste, dass das nicht stimmte, aber sie konnte sich noch nicht aus der Geborgenheit seiner Umarmung lösen.

Für heute wollte sie die Vergangenheit vergessen und sich keine Gedanken über die Zukunft machen. Weil sie Jared brauchte. Seine Wärme, seine Stärke, den ganzen Menschen. Und irgendwo in einem verborgenen Winkel ihres Herzens hoffte sie, dass es ihm auch so ging.

Kate bemerkte den goldenen Ehering an seinem Ringfinger. Ihr eigener Ringfinger fühlte sich verräterisch nackt an, und verstohlen ballte sie die Hand zur Faust.

„Mr. und Mrs. Reed?“, fragte eine Frauenstimme.

Jared wandte sich der Sprecherin zu. „Ja?“

Eine hübsche junge Frau mit dunklem Kraushaar und baumelnden Ohrringen war hinter der Rezeption aufgetaucht.

Kate löste sich von Jared. „Eigentlich bin ich …“

„Kate Malone, meine Frau“, fiel Jared ihr leicht angespannt ins Wort.

Kate dachte an ihre Diskussionen damals vor der Hochzeit, als sie ihren eigenen Namen behalten wollte. Irgendwann hatte Jared schließlich behauptet, sie zu verstehen, und ihrem Wunsch nachgegeben. Aber im Grunde hatte es ihn immer gestört.

„Entschuldigen Sie: Mrs. Malone, Mr. Reed.“ Die Frau klemmte sich einen dicken Aktenordner unter den Arm. „Don Phillips verspätet sich leider etwas. Ich bin gleich wieder da, dann bringe ich Sie zu seinem Büro.“

„Vielen Dank“, sagte Jared.

Als die Frau wieder verschwunden war, biss Kate sich auf die Unterlippe. „Warum hast du ihr nicht die Wahrheit gesagt?“, bemerkte sie kühl.

„Weil du immer noch meine Frau bist. Mit oder ohne Ring“, entgegnete Jared. Jetzt war seine Miene verschlossen. „So lange, bis die Scheidung rechtskräftig ist.“

Sie mussten nur kurz warten, dann führte die Assistentin sie zu einem langen Flur und wies auf eine Tür am hinteren Ende.

„Don ist sicher gleich bei Ihnen. Wenn Sie irgendwas brauchen, melden Sie sich bitte“, bemerkte sie fröhlich.

Jared nickte und hätte sie am liebsten gebeten, bei ihnen zu bleiben, bis der Anwalt eintraf. Er fürchtete sich vor Kates Schweigen. Heute hatte sie zum ersten Mal wieder mit ihm geredet, seit ihm vor Monaten das Wort „Scheidung“ über die Lippen gekommen war. Ein Muskel an seinem Kiefer zuckte. Vielleicht hatte sie vergessen, dass sie als Erste zum Anwalt gegangen war.

Nein, er wollte nicht ungerecht sein – schon gar nicht an einem Tag wie diesem. Sie hatte gerade ihre beste Freundin und ihr Patenkind verloren. Sie war am Boden zerstört. Was mochte ihr in diesen Stunden alles durch den Kopf gehen?

Sie hatte sich schon auf einen der beiden Stühle vor den riesigen Mahagoni-Schreibtisch gesetzt und studierte das gerahmte Anwalts-Diplom an der Wand. Jared betrachtete sie versonnen und bewunderte wieder einmal ihre blonden Locken, die das hübsche Gesicht umrahmten. Ihre Haltung war tadellos, sie wirkte jetzt kühl und gefasst.

Das überraschte ihn nicht. Kate hielt ihre Gefühle immer gut unter Verschluss und ließ sich Schwächen nie anmerken.

Zumindest bis heute. Denn vorhin war sie so einsam, verloren und den Tränen nahe von der Straße hereingekommen, dass es ihn mitten ins Herz getroffen hatte.

Er setzte sich neben sie und streckte die Hand nach ihr aus. „Alles okay?“

Kate nickte kurz, ohne die Hand zu nehmen oder ihn anzusehen. Vielleicht bemerkte sie die versöhnliche Geste auch gar nicht.

Er hatte es zumindest versucht. Mit einem heimlichen Seufzer zog Jared den Arm zurück. Niemand konnte behaupten, er hätte nichts unternommen, um seine Ehe zu retten und ihrer Beziehung noch eine Chance zu geben.

Was für eine Ironie des Schicksals: Durch Brady und Susan hatte er Kate damals kennengelernt. Und jetzt brachte der Tod der beiden sie nach fast dreimonatiger Trennung wieder zusammen.

Die Minuten zogen sich schier endlos hin. Der einzige Laut in der Stille war das Ticken der altmodischen Wanduhr. Kate hatte sich wieder in ihr eisernes Schweigen gehüllt, und Jared ließ die Gedanken schweifen.

Zuletzt waren sie vor drei Monaten zu Cassidys Taufe hier nach Boise gekommen. Sie hatten sich an dem Wochenende erbittert gestritten, und irgendwann war von Trennung und Scheidung die Rede gewesen. Als jedoch in der Woche darauf der Anruf von Kates Anwalt kam, war Jared aus allen Wolken gefallen. Seither lief jeder Kontakt zwischen ihnen nur noch über die Anwälte. Ihm kam das falsch und absurd vor, aber Kate ließ ihn nicht mehr an sich heran. An ein klärendes Gespräch war nicht zu denken.

Er fuhr sich durchs Haar. „Kate …“

„Dass ich meinen Ring nicht mehr trage, hat seine Gründe.“

Oje. Offenbar war die Situation zwischen ihnen so verfahren, dass jedes Wort, jede Geste missverstanden werden konnte. Der Anblick ihres ringlosen Fingers hatte ihn getroffen, aber er war fest entschlossen gewesen, die Sache schweigend zu übergehen. „Du schuldest mir keine Erklärungen.“

„Ich hatte Angst, ihn zu verlieren“, sagte Kate trotzdem, ohne ihn anzusehen. „Ich bin ein bisschen dünner geworden.“

Ja, mehr als „ein bisschen“, das hatte er gespürt, als er sie im Arm hielt. Sie fühlte sich furchtbar zart und zerbrechlich an, und er hatte das ihrer Trauer zugeschrieben. Aber vielleicht steckte doch mehr dahinter.

Kate ging nie anders als perfekt gestylt aus dem Haus: Haar, Make-up und Kleidung waren immer sorgfältig aufeinander abgestimmt. Sie nannte das ihre „Verpackung“, auch wenn Jared sie in Jogginghosen und T-Shirt, die Haare zu einem Pferdeschwanz gebunden, genauso schön fand.

Heute schien es allerdings, als hätte sie sich mit der Verpackung mehr Mühe geben müssen als sonst.

Es war nicht viel geblieben von Kate, der Powerfrau, Chefin eines der erfolgreichsten PR-Unternehmen der ganzen Nordwestküste. Sie wirkte müde, angespannt und erschöpft. Ihm fiel auf, dass ihr Gesicht schmal geworden war und das Designer-Kostüm sehr lose saß. Die Veränderungen erschreckten Jared, und ihm wurde klar, dass sie nicht allein auf den Tod der Freundin zurückzuführen waren. Ein Tag hätte nicht ausgereicht, um sie so abmagern zu lassen.

„Du musst zwischendurch auch mal etwas essen“, bemerkte er.

„Das tue ich.“

Er musterte sie zweifelnd.

Sie schob abweisend das Kinn vor. „Ich vergesse es höchstens manchmal.“

„Manchmal“ sollte wahrscheinlich eher „meistens“ heißen, dachte Jared. Früher hatte er ihr mittags und abends immer eine SMS geschickt, um sie ans Essen zu erinnern. Jetzt, wo er sich nicht mehr um sie kümmerte, gab Kate sich womöglich nicht die Mühe, etwas Richtiges zu sich zu nehmen.

„Du solltest die Mahlzeiten von vornherein in deine Tagesplanung einbauen“, beharrte er.

„Mach ich ja“, entgegnete sie kühl. „Und bitte, ich will mich nicht mit dir streiten.“

Das war einer ihrer Lieblingssätze. Nur im Bett hatte er Kate jemals die Kontrolle verlieren sehen.

„Wir streiten doch nicht“, entgegnete er.

„Hör einfach auf, ja?“

Er sah auf die Uhr. Der Minutenzeiger kroch so langsam vorwärts wie die Schildkröte seiner Nichte.

Endlich wurde mit Schwung die Tür aufgestoßen, und ein Mann mittleren Alters, mit dunklem Maßanzug und einer eleganten Brille mit schmalem Drahtgestell, kam raschen Schrittes herein. „Ich bin Don Phillips, der Anwalt der Lukas’. Entschuldigen Sie, dass ich Sie habe warten lassen.“

Jared erhob sich nun und schüttelte dem Mann die Hand. „Jared Reed.“

„Kate Malone.“ Ihre Stimme klang gefasst.

Der Anwalt nahm hinter dem Schreibtisch Platz, und auch Jared setzte sich wieder.

„Dieses Unglück tut mir so leid. Ich fühle mit Ihnen“, erklärte Don Phillips. „Wirklich tragisch.“

Jared nickte, während Kate stumm blieb. Nur die weißen Knöchel ihrer krampfhaft verschränkten Finger verrieten, was in ihr vorging.

„Danke, dass Sie so schnell gekommen sind.“ Der Anwalt griff nach einer Aktenmappe. „Leider habe ich Sie beide ja gestern nicht persönlich erreicht. Unter den gegebenen Umständen hielt ich es für wichtig, dass Sie so schnell wie möglich herkommen.“

„Natürlich“, sagte Jared. Dann gab er sich einen Ruck und fragte: „Kümmert sich schon jemand um die Beerdigung?“

„Ja.“ Mr. Phillips zog ein Blatt aus der Mappe. „Die Aufgabe hat Mr. Lukas, Bradys Vater, übernommen. Am Mittwoch findet eine Totenwache im Trauerhaus statt, am Donnerstag der Trauergottesdienst mit anschließendem Beisammensein in den Räumen der Kirchengemeinde. Und dann werden die sterblichen Überreste nach Maine überführt.“

Aus dem Mund des Anwalts klang alles so furchtbar nüchtern. Als wäre es eine ganz banale Checkliste wie jede andere, dachte Jared.

„Susan …“, begann Kate und verstummte.

„Was?“, fragte Jared.

Sie strich sich nervös eine Strähne hinters Ohr. „Susan mochte Maine nie.“

„Ich weiß“, stimmte der Anwalt zu. „Aber sie und Brady haben es in ihrem Testament so festgelegt.“

„Oh.“ Kate fuhr sich nervös mit der Zunge über die Lippen. „Ja, dann …“

„Glücklicherweise waren Brady und Susan so vorausschauend und haben klare Anweisungen für den Fall der Fälle hinterlassen.“

Für den Fall der Fälle. Jared lief es kalt den Rücken hinunter. Sich das alles anzuhören kostete ihn Überwindung.

„Es mag zwar für die Hinterbliebenen kein echter Trost sein, aber es erleichtert ihnen die schwere Zeit erheblich, wenn man einen Letzten Willen zu Papier gebracht hat. Das sage ich den Leuten immer.“ Damit zog Don Phillips einen ganzen Stapel Unterlagen aus der Mappe.

„Sollten wir nicht besser auf Bradys Eltern warten?“, fragte Jared.

„Mr. und Mrs. Lukas kommen nicht“, erklärte Don Phillips. „Mr. Lukas hat sich von Maine aus um die Beerdigung gekümmert, aber die Ärzte haben ihm und seiner Frau von der weiten Reise abgeraten. Sie haben Kopien der Testamente erhalten und ihr Einverständnis erklärt. Kann ich fortfahren?“

Jared nickte. Er sah zu Kate hinüber, die stocksteif dasaß. Obwohl ihr das Herz brechen musste, ließ sie sich keine Gefühlsregung anmerken. Wieder unterdrückte er den Drang, ihr tröstend die Hand auf den Arm zu legen.

„Wie Sie wissen, war Brady Einzelkind, und Susan hatte seit ihrem fünften Lebensjahr in Pflegefamilien gelebt. Außer Bradys Eltern besaßen sie keine lebenden Verwandten.“ Jetzt sah der Anwalt Kate direkt an. „Auch wenn Sie für Susan wie eine Schwester waren.“

Nur ein Zucken in ihren Lidern verriet, dass sie ihn gehört hatte.

„Das Ehepaar Lukas hat große Stücke auf Sie gehalten, Mr. Reed. Deshalb haben die beiden Sie zum Nachlassverwalter bestimmt“, fuhr er fort. „Nehmen Sie die Vollmacht an?“, wollte er wissen.

Jared hatte keine Ahnung, was das genau bedeuten mochte, aber er nickte entschieden.

„Ich kann Sie gern bei den Einzelheiten beraten“, ergänzte der Anwalt. „Je eher wir damit anfangen, desto besser. Ich würde Ihre Bestellung zum Nachlassverwalter gern im formfreien Verfahren erreichen. Dann brauchen wir keine Anhörung.“

Verfahren. Anhörung. Jared spürte, wie sich ihm die Nackenhaare sträubten. Es war alles so unwirklich. Vor ein paar Wochen hatte er noch mit Brady Pläne für ein Pokerturnier geschmiedet, und Kate hatte das Wochenende mit Susan verbringen wollen. Und jetzt befasste er sich hier mit dem Nachlass seiner Freunde.

Während Don Phillips sich etwas auf einem gelben Linienblock notierte, warf Jared wieder einen Blick zu Kate hinüber. Sie saß da, als handele es sich hier lediglich um eines ihrer üblichen geschäftlichen Meetings. Aber er sah, wie ihr die Hände zitterten, und am liebsten hätte er sie auf seine Knie gezogen und in den Armen gehalten, bis es ihr wieder besser ging. Bis sie wieder lächelte.

„Sobald Sie zum Nachlassverwalter bestellt sind, möchten Sie vielleicht die Schlösser am Haus der Lukas’ auswechseln lassen“, bemerkte der Anwalt. „Ich kann Ihnen eine Liste der örtlichen Firmen geben.“

Jared nickte mechanisch.

„Wozu denn das?“, fragte Kate.

„Man weiß nicht, wer alles Schlüssel zum Haus hat“, erklärte Don Phillips. „Babysitter, Nachbarn, Putzhilfen, die Liste kann lang sein. Sie wollen sicher nicht, dass etwas wegkommt. Das gibt es leider.“

Im Geist sah Jared nun das ältere zweistöckige Haus vor sich, in dem Brady und Susan gewohnt hatten. Die beiden waren mit der Renovierung nie recht vorangekommen und hatten dann am Schluss ihre ganze Energie in die Einrichtung des Kinderzimmers gesteckt. All das konnte jetzt jemand anders übernehmen.

Auf einmal gingen ihm wieder Bilder von den Tagen durch den Kopf, an denen er und Kate an ihrem eigenen Altbau gewerkelt hatten. Wie sie sich auf einer Leiter geküsst und auf einer alten Abdeckplane geliebt hatten. Vor seinem inneren Auge erschien eine hinreißende Kate, die sich über ein paar Farbspritzer aufregte … Das schien alles so unendlich lang her.

Demnächst gehörte das Haus Kate allein. Er hatte sich nicht mit ihr darum streiten wollen, obwohl ihm das Haus mit all seinen Mängeln und Eigenheiten ans Herz gewachsen war. Aber er lebte nicht mehr in Portland, und er lebte nicht mehr mit Kate zusammen. Auch wenn er es manchmal immer noch nicht recht glauben konnte.

„Und jetzt zu Cassidy“, unterbrach der Anwalt Jareds Gedanken. Dabei blätterte er wieder in seinen Papieren.

Jared begriff nicht. „Was ist mit Cassidy?“

Auch Kate sah den Mann aus großen Augen an.

„Das Testament ernennt Sie beide zu gemeinsamen Vormündern“, sagte Mr. Phillips. „Sie wissen natürlich, dass niemand Sie zwingen kann, die Vormundschaft anzunehmen.“

Jared schüttelte ziemlich verwirrt den Kopf. Wovon redete der Mann?

„Ich verstehe nicht ganz“, sagte Kate unnatürlich heiser. Ihre Unterlippe zitterte. „Cassidy ist doch tot.“

Stirnrunzelnd sah der Anwalt auf.

„Oh, da gab es wohl ein Missverständnis“, erklärte er. „Cassidy saß mit im Auto, aber sie hat überlebt.“

Unwillkürlich griff Jared nach Kates Hand, und ihre Finger umklammerten seine. Er wusste genau, was sie fühlte: plötzliche Hoffnung – und gleichzeitig die Furcht, es könnte sich am Ende doch als Irrtum erweisen.

„Sie lebt?“, flüsterte Kate.

„Cassidy ist quicklebendig.“ Mr. Phillips legte seinen Füllfederhalter beiseite. „Wegen ein paar kleinerer Blessuren liegt sie im Krankenhaus, aber sie wird sich bald erholt haben.“

Gott sei Dank! Jared schluckte. Brady hätte so gern gewollt, dass seine kleine Tochter weiterlebt.

Kate sprang von ihrem Stuhl auf und zog Jared mit hoch.

Unter Tränen lächelte sie ihn an. „Das kann doch nicht wahr sein!“

Er lächelte zurück. Als sie ihm um den Hals fiel, stieg ihm der Duft ihres Grapefruit-Shampoos in die Nase. Eine Woge fast vergessener Gefühle überschwemmte ihn.

„Dürfen wir uns denn freuen?“, flüsterte sie, und ihr warmer Atem an seinem Kinn kam ihm fast wie eine Liebkosung vor.

„Ja, Kate.“ Jared schlang die Arme um sie und spürte, wie ihm selbst die Augen feucht wurden. „Mir geht es genauso.“

Unter Tränen lachten sie – zum ersten Mal seit langer Zeit wieder gemeinsam.

„Tut mir sehr leid.“ Der Anwalt nahm seine Brille ab und rieb sich heftig die Nasenwurzel. „Es war ein schwerer Tag gestern. Vielleicht habe ich mich am Telefon nicht klar genug ausgedrückt.“

„Cassidy lebt …“ Kate setzte sich, ohne Jareds Hand loszulassen, und ließ ihm damit keine Wahl, als sich ebenfalls wieder auf dem Stuhl niederzulassen.

„Es geht ihr gut“, erklärte Mr. Phillips. „Ihr Kindersitz hat sie offenbar vor größeren Verletzungen bewahrt.“

Kate erstarrte.

„Was ist?“, fragte der Anwalt.

„Der Kindersitz – er war unser Taufgeschenk“, erklärte Jared.

Mr. Phillips lehnte sich vor, sah sie beide durchdringend an und nickte nachdenklich. „Ein hervorragendes Geschenk.“

Ein Schauer überlief Jared, als er an die Zeit vor der Taufe dachte. Kate hatte stundenlang über Katalogen gebrütet und Testergebnisse studiert, um den richtigen Kindersitz auszusuchen. In seinen Augen war sie wieder übertrieben perfektionistisch gewesen, aber womöglich hatte ihre Gründlichkeit dem Baby das Leben gerettet.

Sie wirkte geistesabwesend. Ob sie auch gerade daran dachte?

Entschlossen kehrte Jared in die Gegenwart zurück. Cassidy lebte, ihre Eltern waren tot. Und jetzt hatte die Kleine nur noch ihn und Kate.

Doch erneut schweiften seine Gedanken ab. Er erinnerte sich daran, wie Brady und Susan sie damals übers Wochenende in Portland besucht hatten. Die beiden Frauen waren losgezogen, um Umstandskleidung für Susan zu kaufen, und Brady hatte ihm geholfen, die Pergola hinterm Haus fertig zu bauen. An jenem Abend hatten Brady und Susan sie bei einer Flasche Cidre gefragt, ob sie die Vormundschaft für ihr ungeborenes Kind übernehmen würden, falls ihnen je etwas zustieß. Am nächsten Morgen hatten Kate und er zugesagt.

Aber das alles lag weit vor ihrer Trennung. Bevor Kate die Scheidung eingereicht hatte.

„Von wann ist denn das Testament?“, fragte er nach.

„Brady und Susan sind eine Woche nach Cassidys Geburt zu mir gekommen.“

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