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Zweite Chance für unser Glück?

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1. KAPITEL

„Signora?“

Etwas Flehentliches lag in der Stimme, die Ava aus ihrem tiefen Schlaf riss. Einen Moment lang wusste sie nicht, wo sie war.

„Verzeihen Sie die Störung, Signora, aber Signor di Goia ist schon wieder am Telefon.“ Die Stewardess im smaragdgrünen Seidenkostüm hielt ihr ein schlankes schwarzes Telefon hin. Nun schon zum dritten Mal seit dem Abflug mit dem Di-Goia-Jet in Bali.

Ava seufzte und strich sich eine Strähne ihres roten Haares aus dem Gesicht. Der verstörende Traum, der sie in diesen Tagen heimsuchte, sobald sie die Augen schloss, wich zurück. Doch sofort stieg eine andere Unruhe in ihr auf. Ein schmerzliches Gefühl von Verlust, gepaart mit Sehnsucht. Sie sehnte sich nach dem Mann am anderen Ende der Leitung. Dem Mann, der ihren Atem auch auf tausende Meilen Entfernung noch stocken ließ. Dem Mann, den sie mit jeder Sekunde, die verstrich, ein bisschen mehr verlor. Cesare.

„Bitte sagen Sie ihm, ich melde mich, wenn ich gelandet bin.“

Die Stewardess sah sie fassungslos an. „Aber … er besteht darauf.“ Ava war sich ganz sicher, dass diese Frau es noch nie erlebt hatte, dass jemand sich Cesare di Goias Wünschen widersetzte. Schon gar nicht, wenn dieser Jemand – in diesem Fall sie – gerade den schwindelerregenden Luxus des Di-Goia-Universums genoss.

Die Innenausstattung des Flugzeugs ließ keinen Zweifel über den erstaunlichen Reichtum von Cesare di Goia. Tiefrote Clubsessel vor glänzenden cremefarbenen Marmortischen. Mit Seide umsäumte Kaschmirdecken auf jedem einzelnen Sitz des Jets, der Platz für mehrere Dutzend Passagiere bot.

„Signora?“, wiederholte die Stewardess ängstlich.

Allein aus Mitgefühl für ihre missliche Lage nahm Ava schließlich das Telefon.

„Cesare.“ Sie hielt den Atem an.

„Schön, dass du dich einmal dazu herablässt, einen meiner Anrufe entgegenzunehmen.“ Die vertraute tiefe Stimme klang gepresst.

„Warum sollte ich mit dir sprechen wollen, wenn du meine Anrufe ignorierst? Du wolltest letzte Woche nach Bali zurückkommen.“ Ihre Hand krampfte sich um den Hörer, als sie an die Unverbindlichkeit dachte, mit der er sie hingehalten hatte. Nicht viel anders behandelte er sie bereits seit einem Jahr.

„Ich wurde in Abu Dhabi aufgehalten. Es ging nicht anders“, erklärte er knapp.

Es ging nicht anders. Wie oft hatte sie das schon gehört? „Natürlich. Ist das alles?“

Sie hörte ein wütendes Schnauben am anderen Ende der Leitung. „Nein, das ist nicht alles. Du schuldest mir eine Erklärung.“

„Ich nehme an, du willst wissen, warum ich dein Flugzeug genommen habe?“

Sì. Das war nicht geplant.“

„Ich weiß, aber meine Pläne haben sich auch geändert. Es ging nicht anders“, erwiderte sie mit aufgesetzter Leichtigkeit.

„Inwiefern haben sich deine Pläne geändert?“

„Wenn du dir die Mühe gemacht hättest, in den letzten zwei Wochen mal ans Telefon zu gehen, wüsstest du es.“

„Wir haben in den vergangenen Wochen sehr wohl miteinander gesprochen…“

„Nein, Cesare, wir haben nicht miteinander gesprochen. Du hast zweimal angerufen, beide Male, um mir kurz zu sagen, dass sich deine Rückkehr verzögert …“ Ihre Stimme drohte zu versagen, als die Erinnerung zurückkam. Die endlosen Anrufe bei Cesares Sekretärin, die verführerischen Dessous, die sie sich extra gekauft hatte, die Besprechungen mit dem Koch der gemieteten Luxusvilla auf Bali, der Cesares Lieblingsgerichte kochen sollte. Sie hatte alles bis ins kleinste Detail geplant. In der Hoffnung, ihre Ehe zu retten. Alles umsonst. „Jedenfalls kannst du dir die lange Reise oder weitere Ausreden jetzt sparen. Auf Wiedersehen, Cesare.“

„Ava …“

Sie legte auf. Kaum einen Atemzug später klingelte das Telefon erneut. Vorsichtig legte sie es auf den Tisch.

Als sie den erstaunten Blick der Stewardess auffing, musste sie lächeln. „Keine Sorge. Er klingt schlimmer, als er ist.“

Die Frau räusperte sich nervös und verschwand an ihren Platz im vorderen Teil des Flugzeugs.

Mit zittriger Hand schenkte Ava sich ein Glas Wasser aus der Kristallkaraffe ein und trank einen Schluck. Ja, in seiner Welt war Cesare unbestreitbar der Boss. Aber sie war nicht die Frau, die sich herumkommandieren ließ. Eine Eigenschaft übrigens, die Cesare in der Vergangenheit ebenso faszinierend wie irritierend gefunden hatte.

In der Vergangenheit … bevor die träge Gleichgültigkeit eingesetzt hatte, bevor Cesare sich von ihr zurückgezogen hatte, um sich häufiger in Rom aufzuhalten als in ihrem Zuhause am Comer See. Bevor die Verwüstung nach dem Erdbeben im südlichen Pazifik jede Hoffnung in ihr zerstört hatte, ihre Familie zu retten.

Ihre Entscheidung zurückzukehren, die sie gestern auf Bali entschlossen und mutigen Herzens getroffen hatte, versetzte sie jetzt in Angst und Unruhe. Ihre Knie zitterten, als sie die Decke zurückschlug und über den cremefarbenen Teppich zum kleineren der beiden Schlafzimmer ging.

Sie drehte am Türknauf.

Annabelle schlief tief und fest. Das sanfte Licht der eleganten Lampen erleuchtete das schwarze Haar und den schlanken Körper ihrer Tochter.

Ava konnte nicht widerstehen. Sie nahm den Fotoapparat, der um ihren Hals hing, und machte ein paar Schnappschüsse, dankbar für das fast lautlose Klicken der Digitalkamera.

Sie ging zurück an ihren Platz und versuchte, sich zu beruhigen. Auf keinen Fall wollte sie als emotionales Wrack nach Hause zurückkehren. Der letzte Monat war fast schwerer gewesen, als sie ertragen konnte, aber nun musste sie stark sein und der Wahrheit ins Gesicht sehen.

Drum prüfe, wer sich ewig bindet.

Ihr Magen zog sich zusammen. Sie und Cesare – das war blinde Leidenschaft gewesen. Von Anfang an hatten sie die Dinge überstürzt, waren zusammen in einen Strudel aus stürmischen Dates und leidenschaftlichem Sex getaumelt. Die Gefühle waren zu stark gewesen, um sie zu verstehen oder einzudämmen.

Und dennoch: Selbst in diesem Chaos hatte sie sich bei Cesare zu Hause gefühlt. Er bot ihr das, wonach sie sich immer gesehnt hatte: eine richtige Familie.

Jedenfalls eine Zeit lang …

Dieser Wahnsinn muss aufhören! Ihr fielen wieder Cesares Worte ein, seine atemlosen und verzweifelten Worte nach einem leidenschaftlichen Quickie in einer Abstellkammer während eines Benefizdinners.

Ironischerweise hatte sie am nächsten Tag erfahren, dass sie mit Annabelle schwanger war.

Und nicht lange danach hatte Cesare begonnen, sich von ihr zurückzuziehen.

Ava schüttelte den Kopf, immer noch fassungslos über die traurige Entwicklung, die ihre Ehe durchgemacht hatte. Sie schob die Fensterblende hoch und ließ sich von der Morgensonne das Gesicht wärmen. Doch in ihrem Innern fühlte sie sich wie erkaltet.

Nein. Sie würde nicht zulassen, dass er ihr das antat. Schon allein wegen Annabelle durfte sie nicht verbittert werden. Ihr Kind brauchte eine Mutter, die mit sich im Reinen war. Die Familie, die sie bei Cesare gefunden zu haben glaubte, war eine Illusion gewesen. Der reizvolle, dynamische Mann, den sie geheiratet hatte, war ihr gegenüber inzwischen genauso kalt und gleichgültig, wie es ihr eigener Vater gewesen war.

Und in ihrer Verzweiflung darüber hatte sie fast ihre Tochter verloren.

Annabelle hatte genug durchgemacht, und jetzt würde Ava sie beschützen. Mit aller Kraft und was immer es sie kosten würde.

„Was wird hier eigentlich gespielt?“

Cesares dunkle, sinnliche Stimme ging ihr durch Mark und Bein. Er stand vor ihr im Türrahmen der gemeinsamen Villa am Comer See, stolz und schön wie eine römische Statue, in einem makellos weißen Polohemd und schwarzen Designerjeans, die seine schmalen Hüften und muskulösen Schenkel umschmeichelten.

Sein schwarzes Haar war noch feucht vom Duschen, es fiel ihm in die Stirn, voller und länger, als sie es in Erinnerung hatte.

„Willst du das Kind zu Tode erschrecken?“, fragte Ava wütend.

Er verzog das Gesicht und blickte auf das kleine Mädchen auf Avas Armen. „Sie schläft“, stellte er fest.

„Nicht mehr lang, wenn du nicht leise bist. Sie hat schon genug durchgemacht, Cesare. Ich will sie nicht aufregen.“

„Ich weiß genau, was sie durchgemacht hat. Tu nicht so, als sei ich ein Fremder für sie.“ Er hatte die Stimme gesenkt und fast einen Plauderton angeschlagen. Doch sein Blick glühte vor Zorn.

„Verzeih mir, dass ich dich daran erinnere. Aber du scheinst es vergessen zu haben. Ebenso wie du uns vergessen zu haben scheinst. Annabelle ist immer noch angegriffen, also halt dich bitte zurück. Und um auf deine Frage zurückzukommen, was hier gespielt wird: Ich dachte, ich hätte mich klar ausgedrückt.“

„Meinst du deine informative SMS: ‚Landen um 14.00 Uhr‘, wenige Sekunden vor deinem Abflug? Oder das kryptische ‚Meine Pläne haben sich auch geändert‘?“, fragte er. Noch immer stand er mitten im Eingang und versperrte ihr den Weg in die Villa.

„Beides.“

„Ava …“ Sein Tonfall war drohend.

„Lässt du mich jetzt rein, oder willst du diese Unterhaltung zwischen Tür und Angel weiterführen? Was machst du überhaupt hier? Du bist doch sonst kaum noch zu Hause.“ Sie sah ihm fest in die Augen, die bedrohlich funkelten.

„Was ich hier mache, spielt keine Rolle. Du solltest auf Bali warten, bis Annabelle über den Berg ist. Dann hätte ich euch abgeholt.“

„Die Ärzte haben schon vor drei Tagen Entwarnung gegeben.“

Überraschung blitzte in seinen Augen auf, dann sah er suchend über ihre Schulter zum Wagen. „Und Rita?“

„Sie hatte Albträume. Als sie aus dem Krankenhaus entlassen wurde, habe ich ihr einen Flug zurück nach London gebucht. Sie macht sich solche Vorwürfe, weil sie Annabelle losgelassen hat, als das Erdbeben losging …“ Die Erinnerung daran, wie aufgelöst und untröstlich das Kindermädchen gewesen war, versetzte ihr einen Stich. „Ich hielt es für die beste Lösung.“

Cesare sah grimmig aus, nickte aber. „Ich komme für ihre Behandlung auf und sorge dafür, dass sie eine Abfindung bekommt. Aber du hättest bleiben können …“

„Nein, Cesare. Rita war nicht die Einzige, die Heimweh hatte. Du wolltest nach Bali kommen und uns abholen. Stattdessen warst du in Singapur und in New York.“

Er fuhr sich mit der Hand durchs Haar. „Das ist kein guter Zeitpunkt, um darüber zu sprechen.“

„Es hat schon lange keinen guten Zeitpunkt für ein Gespräch zwischen uns gegeben, Cesare.“ Sie spürte, wie eine Welle von Traurigkeit sie überrollte. Doch sie straffte sich.

Feuchte Strähnen klebten an ihrem Nacken. Die Nachmittagssonne brannte auf ihrer nackten Haut. Wenn sie nicht bald aus der Sonne kam, würde sie am nächsten Morgen krebsrot sein. „Jetzt sind wir zu Hause. Du solltest mir dankbar sein, dass ich dir die Umstände erspart habe. Lässt du uns jetzt rein, oder spricht irgendetwas dagegen?“

Seine Nasenflügel bebten, und sein Blick fiel auf Annabelle. „Nein, natürlich nicht.“

Ava hielt ihr kostbares Bündel fest umschlungen. „Da bin ich aber froh. Ich möchte dir keine Umstände bereiten.“

Annabelle wurde von Sekunde zu Sekunde schwerer in ihren Armen. Die Anstrengung, die knapp Vierjährige während des zwölfstündigen Fluges zu beschäftigen, steckte ihr in den Knochen. Doch sie ließ sich nichts anmerken.

Doch Cesare stand weiter im Türrahmen und blickte sie unverwandt an. „Ava, wir müssen reden …“

„Zum Glück bin ich nicht paranoid, Cesare, sonst könnte ich auf die Idee kommen, dass du mir aus dem Weg gehst.“ Als er nicht widersprach, war ihr, als griffe eine eisige Hand nach ihrem Herzen. „Vielleicht hast du recht, dies ist kein guter Zeitpunkt. Ich fahre mit Annabelle für ein paar Stunden in mein Studio. Sag Bescheid, wenn du weg bist.“

Sie hatte noch keinen Schritt getan, als sich eine Hand um ihren Arm schloss und sie zurückzog. Ava prallte gegen den harten, muskulösen Körper ihres Ehemannes. Der Duft, der ihr in die Nase stieg, war ganz und gar Cesare. Die Mischung aus Sandelholz-Aftershave und Mann vernebelte ihre Sinne.

„Nein. Annabelle bleibt hier bei mir.“ Sie spürte die Anspannung in jeder Faser seines Körpers.

„Wenn du denkst, ich lasse sie aus den Augen, nach allem, was sie durchgemacht hat, dann hast du dich getäuscht.“ Sie versuchte, sich loszureißen. Ohne Erfolg. Er hielt sie weiter, und Hitze stieg in ihr auf. Nicht allein Wut, sondern ein anderes, sehr vertrautes Gefühl, das sie jetzt nicht erwartet hatte …

Sie wankte, Cesare stützte sie, stützte sie beide, mit einer Hand am Rücken des kleinen schlafenden Mädchens.

Ihr Puls hämmerte, und die Luft, die sie einsog, fühlte sich trocken an. Ein Schauer lief ihr über den Rücken, und sie zwang sich zu schlucken, während er sie immer noch festhielt.

„Ich gebe dir zehn Minuten, mir deine neuen Pläne mitzuteilen, dann …“

„Nein, so läuft das nicht. Erst bringe ich Annabelle ins Bett, dann können wir uns unterhalten wie zivilisierte Menschen.“

Er lachte leise. „Zivilisiert?“ Sein warmer Atem streifte ihr Ohr und brachte ihre Haut zum Prickeln. „Erinnerst du dich noch, wie wir uns kennengelernt haben, cara?“

Natürlich erinnerte sie sich.

Fast hätte er sie auf einem Zebrastreifen überfahren, gerade als sie damit beschäftigt war, ein jahrhundertealtes Gebäude zu fotografieren. Im Schock des Beinahe-Unfalls hatte sie instinktiv mit den Fäusten auf die sonnengewärmte Kühlerhaube seines blutroten Maserati eingetrommelt.

Wütend war er ausgestiegen. Doch sein Zorn hatte sich schnell in etwas anderes verwandelt, etwas, das nicht minder gefährlich war und – verboten aufregend.

„Ich wusste kaum, wie du heißt, da haben wir uns schon gegenseitig die Kleider vom Leib gerissen. Dio mio, wenige Stunden nach unserer ersten Begegnung warst du keine Jungfrau mehr. Und meine Kühlerhaube spielte dabei eine gewisse Rolle, wenn ich mich richtig erinnerte.“

Ein Brennen breitete sich in ihrem Körper aus, als sie daran dachte. „Spielt das eine Rolle?“ Ihre Stimme klang rau.

„Ich wollte dich nur daran erinnern, dass wir nie zivilisiert waren.“

„Das mag für dich gelten. Wenn du dich wie ein Höhlenmensch benehmen möchtest, meinetwegen. Aber deshalb muss ich mich ja nicht auf dein Niveau herablassen.“ Irgendwie musste sie die starken Gefühle, die Cesare in ihr auslöste, in den Griff bekommen. Für ihre Tochter.

Wieder versuchte sie, sich zu befreien. Diesmal ließ er sie los.

„Tu nicht so, cara. Wir beide kennen die Wahrheit.“

Sein Blick verfolgte sie wie ein mitleidloser Raubvogel ein junges Kaninchen, als er die Tür aufstieß und mit verschränkten Armen beiseitetrat.

Sie zwang sich, den Blick von ihm abzuwenden, als sie den Palazzo betrat, der seit vier Jahren ihr Zuhause war. Sie waren nur wenige Wochen fort gewesen. Doch so vieles war passiert seitdem.

Wie mit fremdem Blick schaute sie sich um. Das elegante cremefarbene Innere des Hauses stand in einem Kontrast zu seiner Fassade in warmem Terracotta und den Gartenterrassen und alten Brunnen hinter dem Gebäude. Stuckverziertes Mauerwerk und gewölbte Decken gaben den Räumen ein einzigartiges Flair.

Die Villa di Goia war einst ein berühmtes Museum gewesen. Daran erinnerten bis heute die kostbaren Möbel in der Eingangshalle, die Renaissancegemälde und die Porträts an den Wänden. Der venezianische Marmor und das Parkett erstrahlten in einem Glanz, wie ihn sich nur die Superreichen leisten konnten.

„Hier hat sich nichts verändert. Ich schlage vor, du hörst auf, die Architektur zu bewundern, und erklärst mir lieber, was los ist. Du hast acht Minuten.“ Unter seiner ruhigen Fassade brodelte es.

Sie holte tief Luft und sah ihm ins Gesicht. „Ich schlage vor, du hörst auf, die Zeit zu stoppen, und hilfst mir mit Annabelle.“

Seine Augen weiteten sich kaum merklich vor Überraschung. Unter anderen Umständen hätte Ava gelacht. Doch das Gewicht ihrer Tochter schien sich mit jeder Sekunde zu verdoppeln.

Cesare presste die Lippen zusammen, trat einen Schritt vor und nahm ihr das Kind ab.

Ava hörte ihn aufatmen, als er sie an seine Brust drückte und betrachtete.

„Sie sieht gut aus“, flüsterte er.

„Es geht ihr auch gut. Der Arzt ist sehr zufrieden mit ihren Fortschritten“, erwiderte Ava und massierte ihren schmerzenden Arm.

Cesare konnte den Blick kaum von seiner Tochter abwenden, und Ava brauchte keine Kristallkugel, um zu wissen, dass er an das letzte Mal dachte, als er sie in den Armen gehalten hatte. An die überwältigenden Gefühle, als sie Annabelle nach dem Erdbeben endlich gefunden hatten …

Nun stieg er mit ihr die breite Treppe hinauf, die zu den oberen Stockwerken führte, und Ava hatte Mühe, mit ihm Schritt zu halten. Als er sich Richtung Ostflügel wandte, konnte sie ihre Überraschung nicht verbergen. „Hast du das Kinderzimmer verlegt?“ Annabelles Zimmer befand sich eigentlich im Westflügel.

, ich hab ein bisschen umgebaut. Ich wollte sie in meiner Nähe haben.“ Seine Stimme klang abweisend, als wollte er nicht darüber reden. Wieder spürte sie den kalten Griff um ihr Herz. In meiner Nähe, nicht in unserer.

Als sie ihm ins Kinderzimmer folgte, hätte Ava fast nach Luft geschnappt.

Der Raum war völlig neu eingerichtet, in Annabelles Lieblingsfarben Rosa und Grün, mit einem Himmelbett und voll von Spielzeug, vor allem den von Annabelle heiß geliebten Pferden.

Sie sah zu, wie er Annabelle sanft auf das breite Bett legte und zurücktrat. Er winkte ab, als sie helfen wollte, und zog dem Mädchen Schuhe und Strümpfe aus. Dann deckte er sie zu, nahm ein Stoffpferdchen aus einem Regal und legte es ihr in den Arm.

Ava traute ihren Augen kaum. Wie oft hatte sie sich eine solche Geste gewünscht, als Annabelle noch ein Baby war? Wie oft hatte sie sich vorgestellt, er würde seiner Tochter die Stirn küssen und buona notte, bambina flüstern?

Er drehte sich um, und ihre Blicke trafen sich.

„Komm. Sie schläft, lass uns reden.“ Entschlossen schritt er zur Tür.

Sein Körper verriet seine innere Anspannung, und mit jedem Schritt wuchs ihre eigene Nervosität. Sie wischte sich die feuchten Hände an ihrem langen Rock ab.

Als sie das Wohnzimmer betrat, stand er vor den großen Panoramafenstern und sah auf die üppigen, perfekt gepflegten Gärten und den Privatsteg am weltberühmten Comer See. Der Blick war so atemberaubend, dass sie fast die Kamera gezückt hätte, doch sie versuchte, sich zu konzentrieren.

Cesares Blick folgte einem schnittigen Schnellboot auf dem türkisfarbenem Wasser.

„Du hättest auf Bali auf mich warten sollen, Ava.“ Er sprach, ohne sich zu ihr umzudrehen.

„Ich bin nicht der Typ, der Befehle befolgt, ohne sie zu hinterfragen, das weißt du. Und du schienst es nicht besonders eilig zu haben, uns nach Hause zu holen.“

„Ihr hattet doch alles, was ihr braucht.“

„Ja, das Personal hat uns jeden Wunsch von den Augen abgelesen.“

„Aber?“

„Aber ich hatte genug davon, von Fremden umgeben zu sein. Annabelle braucht eine vertraute Umgebung. Da sind wir also“, sagte sie ruhig.

„Du hättest mit mir sprechen sollen!“

„Wo liegt das Problem? Bist du sauer, weil ich nach Hause kommen wollte oder weil ich deine Autorität infrage gestellt habe?“

Er sog scharf die Luft ein. „Es hat sich viel geändert …“

„Das ist mir durchaus bewusst. Aber es wird nicht dadurch besser, dass ich nicht zurückkomme.“

„Warum bist du früher gekommen als abgesprochen?“

„Weil es nicht nur um dich geht, Cesare. Das Leben geht weiter, und Annabelle muss so schnell wie möglich ins normale Leben zurückfinden. Außerdem: Als ich sagte, meine Pläne hätten sich geändert, war das mein Ernst. Man hat mich für die Marinello-Hochzeit engagiert.“

Er runzelte die Stirn. „Du bist eine preisgekrönte Dokumentarfotografin. Seit wann machst du Promihochzeiten?“

„Wie ich schon sagte, Annabelle braucht im Moment eine vertraute Umgebung.“

„Und du hast es nicht für nötig gehalten, mich vorher zu informieren?“

„Ich werde nicht gern sitzengelassen.“

„Ich habe dich nicht sitzengelassen. Annabelle musste medizinisch versorgt werden und konnte nicht reisen.“

„Ja, aber es war nicht geplant, dass wir auf unbegrenzte Zeit bleiben. Obwohl ich allmählich den Verdacht habe, dass es dir nur recht gewesen wäre.“

„Das stimmt nicht. Ich finde auch, dass Annabelle eine vertraute Umgebung braucht, aber …“ Er zögerte.

Aber du nicht. Ein kalter Schauer lief ihr über den Rücken. „Du brauchst es nicht auszusprechen, Cesare.“ Ihr Lächeln bröckelte. „Im Moment geht es nur um Annabelles Wohl. Du kannst unbesorgt nach Rom zurückfahren.“

Etwas, das sie nicht gleich deuten konnte, blitzte in seinen Augen auf. Er ballte die Fäuste, seine Nasenflügel bebten. Eine ganze Weile sagte er nichts. Die Luft knisterte förmlich. Endlich erwiderte er mit heiserer Stimme: „Ich bleibe den Sommer über hier.“

Ihr Herz setzte für einen Schlag aus. Sie starrte ihn an und sah, wie sich Unmut in seinem Gesicht abzeichnete. „Das könnte für einen von uns ziemlich unangenehm werden“, sagte sie schließlich.

„Ich will dich hier nicht. Nicht jetzt.“

Die unverblümten Worte versetzten ihr einen Stich.

„Warum nicht?“

„Ich bin gerade …“ Er unterbrach sich und fuhr sich mit der Hand durchs Haar. „Wir wissen beide, dass es zwischen uns schon eine Weile nicht mehr so gut läuft. Aber … ich kann jetzt keine Ablenkung gebrauchen.“

Sie atmete tief durch und erinnerte sich daran, warum sie hier war. Sie stellte ihre Tasche auf dem Couchtisch ab. „Deine Ehefrau kommt dir ungelegen?“

„Wenn du auf Bali geblieben wärst …“

„Bin ich aber nicht. Du willst immer alles und jeden kontrollieren, aber mich kontrollierst du nicht. Das hier ist ebenso mein Zuhause wie deins. Du wirst meine Anwesenheit ebenso ertragen müssen wie die deiner Tochter.“

„Annabelle ertragen? Ich bin ihr Vater.“

„Lass uns lieber nicht über deine Qualitäten als Vater reden.“

Unter der sonnengebräunten Haut wich ihm die Farbe aus dem Gesicht. Sie sah, dass er schluckte. „Wenn du ein zivilisiertes Gespräch willst, wie du behauptest, solltest du vorsichtig sein, Ava. Was zwischen uns steht, darf nicht unserer Tochter schaden.“

Sie versuchte, gegen den tiefen Schmerz anzukämpfen, der in ihr aufstieg, und setzte sich möglichst weit von ihm entfernt.

„Wenigstens darin sind wir uns einig. Ich schlage vor, wir machen einen Plan. Du hast sie morgens, wenn ich bei meinen Kunden bin, ich übernehme die Nachmittage. Solange sie glücklich ist, werde ich dich nicht stören.“

Er lachte bitter auf. „Du störst so wenig wie ein Elefant im Porzellanladen.“

„Nur wenn es nötig ist.“ Zum Beispiel bei einem aufbrausenden und bedauerlicherweise atemberaubend gut aussehenden Italiener, der alles und jeden herumkommandierte. Oder bei einem gleichgültigen Vater, der einen behandelte wie Luft. „Manchmal ist es die einzige Möglichkeit, um beachtet zu werden.“

„Bist du deshalb Knall auf Fall zurückgekommen? Damit ich dich beachte?“, fragte er plötzlich mit sanfter Stimme.

Diese Stimme, genau diese Stimme, dieser Tonfall weckte in Ava Erinnerungen, die sie nicht ertragen konnte. „Ich bin hier, weil meine Tochter ihr Zuhause braucht.“

Wieder funkelten seine Augen gefährlich. „Unsere Tochter. Sie ist ebenso meine Tochter, Ava.“

Sie sprang auf. „Ach, wirklich? Im letzten Jahr hast du sie kaum gesehen. Du bist lieber in Rom geblieben und hast immer neue Ausreden erfunden, warum du nicht nach Hause kommst. Also, was willst du hier eigentlich? Was hat sich geändert? Woher dieser plötzliche Wunsch, den Papa zu spielen?“

Ein Schatten huschte über sein Gesicht. „Sie ist meine Tochter. Mein Blut. Es bestand nie ein Zweifel, dass ich meine elterlichen Pflichten wieder aufnehme.“

Wieder aufnehmen! Man kann bei der Erziehung seiner Kinder nicht einfach auf Pause drücken, wenn einem gerade danach ist. Dann passt sie also gerade in deinen Terminplan? Für wie lange? Was ist, wenn du plötzlich wieder nach Abu Dhabi musst oder Doha oder in die Mongolei? Drückst du dann wieder auf Pause?“

Seine Miene verfinsterte sich. „Du denkst, ich würde Annabelle für ein Geschäft im Stich lassen?“

„Ach, tu doch nicht so. Wie oft hast du mich wegen irgendwelcher Projekte am anderen Ende der Welt im Stich gelassen?“

Er winkte ab, als wollte er eine lästige Fliege verscheuchen. „Das war etwas anderes.“

Die Gleichgültigkeit seiner Worte verschlug ihr den Atem. „Wie soll ich glauben, dass sich etwas ändert, wenn du es nicht einmal schaffst, deine Tochter nach Hause zu holen?“

Ava war mehr als nur aufgebracht. Sie war zutiefst beunruhigt.

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