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Zwei wie Feuer und Eis

1. KAPITEL

Die Weite der englischen Hügellandschaft in der Abenddämmerung, die reinste Idylle. Wie gut das Gras duftet. Wie gemächlich die letzten Sonnenstrahlen die nächtlichen Schatten über die sanften Erhebungen treiben …

Verdammt, hoffentlich musste er nicht zu lange in diesem Nest ausharren!

Mit einem verärgerten Schnauben wechselte Heath den Sender. Von wegen duftendes Gras. Hier stank es überall nach Kuhmist. Dazu regnete es in Strömen.

Übellaunig trat Heath das Gaspedal durch, bis das Röhren seines Lamborghinis das Vogelgezwitscher übertönte. Perfekt. Er vermisste den Asphaltdschungel – keine Gerüche, kein Schlamm, keine kaputten Abflüsse. Warum Onkel Harry ihm diesen maroden Herrensitz vermacht hatte, blieb ihm ein Rätsel. Heath war allergisch auf Landluft – auf alles, was nicht mit Punkt-com endete. Sein Imperium hatte er in einem winzigen Zimmer aufgebaut. Wozu brauchte er das alles hier?

Er hatte sich die Frage noch nicht beantwortet, da sah er das Zelt, das jemand neben der Zufahrt aufgebaut hatte … und den kleinen rosa Fuß, der aus dem Zelt ragte. Plötzlich regte sich in ihm der Hausherr. Was würde er tun, wenn jemand vor seiner Londoner Wohnung kampierte?

Er hielt den Wagen an, sprang heraus, marschierte auf das Zelt zu und zog den Reißverschluss auf.

Gleich darauf erklang ein Schrei, der das Prasseln des Regens mühelos übertönte. Heath trat einen Schritt zurück und wartete gespannt ab. Lange musste er sich nicht gedulden, bis ein junges Mädchen, das eher einem Kobold ähnelte, aus dem Zelt gekrabbelt kam, sich vor ihm aufbaute und ihn anbrüllte, was ihm einfiele, sie mitten in der Nacht so zu erschrecken.

Die knallroten Haare zerzaust, stand sie da wir eine kampfbereite Gottesanbeterin und beschimpfte ihn mit Ausdrücken, die genauso undamenhaft waren wie ihre Klamotten, an denen sie wütend herumzupfte – Indienhemdchen und pinkfarbene Leggings. Ein zorniger Blick auf seinen Wagen, und er war für alles verantwortlich, vom Erschrecken des örtlichen Wildbestands bis hin zur globalen Klimaerwärmung. Die Schimpftirade ging weiter, bis das seltsame Wesen den Schock, so rüde aufgeweckt zu werden, überstanden hatte, schluckte, tief Luft holte und ausrief: „Heath Stamp…“ Sie presste eine Hand auf ihre Brust und starrte ihn an, als traute sie ihren Augen nicht.

„Bronte Foster-Jenkins“, murmelte er und musterte sie.

„Ich habe dich erwartet …“

„Das sehe ich“, erwiderte er mit einem Blick auf das Zelt.

Ja, sie hatte Heath erwartet, aber nicht mit dieser Reaktion auf sein Erscheinen gerechnet. Heath Stamp, der Traum aller Frauen, aalglatt, der Schuft in Person, skrupellos … und noch um einiges attraktiver als auf den jüngsten Fotos in den Zeitungen. Die entschieden verbesserte Ausgabe des Mannes, von dem sie seit dreizehn Jahren, zwei Monaten, sechs Stunden und ein paar Minuten träumte.

„Weißt du, dass das Hausfriedensbruch ist, was du da treibst, Bronte?“

Und genau so ein Ekel wie damals.

Die Jahre schmolzen dahin. Sofort waren sie wieder wie Hund und Katz. Bronte musste sich in Erinnerung rufen, dass Heath nicht mehr der wilde Teenager war, der wegen einer Schlägerei verhaftet und statt ins Gefängnis nach Hebers Ghyll zur Besserung geschickt worden war. Inzwischen machte er sehr erfolgreich Geschäfte im Internet und war der neue Besitzer von Hebers Ghyll, wo Bronte aufgewachsen war und ihre Mutter als Haushälterin und ihr Vater als Jagdaufseher gearbeitet hatten. „Das Anwesen steht jetzt schon seit Wochen leer …“

„Und das entschuldigt dein unerlaubtes Eindringen?“

„Das Tor war offen, und hier geht alles den Bach runter“, erklärte sie wütend.

„Was natürlich meine Schuld ist.“

„Hebers Ghyll gehört doch dir, oder?“ Seine Erbschaft ging ihr aus verschiedenen Gründen zu Herzen, nicht zuletzt deshalb, weil sie den Landsitz als ihr zweites Zuhause betrachtete.

Heath war mit den Jahren nicht nur nicht freundlicher geworden, er scherte sich auch immer noch einen feuchten Dreck darum, was sie Leute von ihm hielten.

Er ging ein paar Schritte, um Abstand zu ihr zu gewinnen. Bronte wiederzusehen hatte ihn umgehauen. Seit seinem ersten Besuch auf Hebers Ghyll, wo sein Onkel Harry ironischerweise eine Besserungsanstalt für schwer erziehbare Jugendliche unterhielt, hatte sich etwas zwischen ihm und Bronte entsponnen, das aus dem guten Mädchen ein böses zu machen drohte. Er hatte versucht, sich von ihr fernzuhalten, wollte sie nicht verderben. Aber er dachte ständig an sie, wenn er allein war und auf seine verletzten Fingerknöchel starrte.

Damals hatte Bronte alles verkörpert, das rein, lustig und glücklich war, wohingegen er der Junge aus der Gosse war, der jedes Problem mit seinen Fäusten löste. Wusste sie überhaupt, dass er sie aus der Ferne angebetet hatte? Aber diese Anziehung war inzwischen bestimmt Geschichte.

„In diesen Baum hat der Blitz eingeschlagen, allerdings hat sich niemand darum gekümmert“, sagte sie, um seine Aufmerksamkeit wiederzugewinnen.

Er hatte gar nicht gemerkt, dass er den alten Baum angestarrt hatte.

„Der bleibt da stehen, bis er verrottet ist, nehme ich an“, meckerte sie weiter.

„Ich lasse ihn fällen“, meinte er achselzuckend. „Und vielleicht einen neuen Baum pflanzen.“

„Da bin ich ja gespannt.“

Er warf Bronte einen warnenden Blick zu. Aber der hatte bei ihr noch nie gefruchtet. Bronte kämpfte für ihr Leben gern, ganz gleich ob gegen Batteriehaltung von Legehennen oder für ein Freizeitheim für die örtliche Jugend.

„Denk doch nur an all das kostenlose Feuerholz“, meinte sie beiläufig.

Sie sorgte sich um ihn. Wann hatte sie das jemals nicht getan? Und plötzlich waren die Erinnerungen wieder da – was sie für ihn getan hatte und wie er sie um ihr einfaches Leben auf dem Anwesen mit ihrer glücklichen Familie beneidet hatte. Wie verzweifelt er sich danach sehnte, an diesem Glück teilzuhaben, und wie er sich immer von dieser Familie ferngehalten hatte, aus Angst, er könnte Mist bauen. Und er hatte tatsächlich unheimlich viel Mist gebaut.

Und jetzt?

Jetzt war er immer noch hart und verschlossen.

Und Hebers Ghyll?

Da war noch nichts entschieden.

Und Bronte?

Ungestüm fuhr Heath sich durchs Haar.

Bronte schluckte. Das ging ihr alles viel zu schnell. Dass sie das Wiedersehen mit Heath so aufwühlen würde, traf sie völlig unerwartet. Sie suchte Schutz im Schatten einiger dichter Bäume und holte ein paarmal tief Luft, um sich zu beruhigen. Und sich in Erinnerung zu rufen, weshalb sie hier war – um herauszufinden, was Heath mit dem Anwesen vorhatte. „Ich habe gehört, dass der neue Besitzer Hebers Ghyll abreißen …“

„Und?“

„Das geht nicht.“ Brontes Herz schlug schneller, als Heath sich zu ihr unter die Bäume gesellte. „Du hast keine Ahnung, was hier in der Gegend los ist. Wie verzweifelt die Leute nach Jobs suchen. Du warst seit Jahren nicht mehr hier …“

„Und du?“

Bronte schoss das Blut in die Wangen. Ja, sie war weg gewesen, aber ihre Reisen hatten dazu gedient, das, was sie auf dem College gelernt hatte, in die Praxis umzusetzen. Als Kind war sie Onkel Harry nicht von der Pelle gewichen und hatte ihm Löcher in den Bauch gefragt, weil sie alles über Hebers Ghyll und die Landwirtschaft wissen wollte. Sie sei jetzt schon eine große Hilfe, hatte er gesagt, und könne eines Tages eine gute Verwalterin abgeben, wenn sie fleißig lerne. Nach der Schule hatte Onkel Harry ihr eine entsprechende Ausbildung am College finanziert. „Ich war eine Weile weg“, räumte sie ein, „aber abgesehen davon habe ich mein ganzes Leben auf Hebers Ghyll verbracht.“

„Willst du damit sagen, dass du die Einzige bist, die sich um Hebers Ghyll schert?“

„Interessiert dich denn das Anwesen als solches oder nur sein Wert?“, gab Bronte aufgebracht zurück.

„Ich müsste verrückt sein, wenn ich den Wert außer Acht ließe.“

„Aber hier geht es um so viel mehr als nur um Geld.“ Und sie war fest entschlossen, so lange auf dieser Zufahrt zu kampieren, bis sie ihm das bewiesen hatte. „Warum meinst du wohl, habe ich den Speicher meiner Eltern nach diesem alten Zelt umgekrempelt? Glaubst du, es macht mir Spaß, im Regen zu kampieren?“

„Ich weiß nicht, was dir Spaß macht.“

Die Kluft zwischen ihnen wurde größer. Es wäre einfacher gewesen, ihm alles zu erklären, wenn sie ihn in letzter Zeit schon einmal getroffen hätte. Dann wäre sie jetzt nicht so verunsichert. Und das lag nicht nur an seiner Größe oder seinem fantastischen Aussehen, sondern vor allem an seiner dunklen und zugleich unverschämt maskulinen Ausstrahlung.

„Also, Bronte“, fuhr Heath mit dieser gelangweilten, rauchigen Stimme fort, die Bronte innerlich erschauern ließ, „was kann ich für dich tun?“

Sie atmete kurz durch, um dieses seltsame Gefühl abzuschütteln. „Als ich nach dem Studium hierher zurückkehrte, war Onkel Harry gestorben, und niemand hier von den Angestellten oder den Leuten im Dorf hatte eine Ahnung, wie es weitergehen würde, ob sie ihre Jobs behalten …“

„Und deine Eltern?“

Sie vermutete, dass Heath die Antwort auf seine Frage bereits kannte. Seine Anwälte mussten ihm gesagt haben, was mit dem Personal von Hebers Ghyll passiert war. „Ich kann nur vermuten, dass Onkel Harry wusste, dass er unheilbar krank war, denn er hat meinen Eltern vor seinem Tod ein wenig Geld gegeben. Er sagte ihnen, sie sollten sich eine Auszeit nehmen und sich ihren Traum von einer Weltreise erfüllen.“

Bronte merkte, dass sie nervös ihre Oberarme umklammerte, und ließ die Hände sinken. Es war schwer, schlüssig und überzeugend mit Heath zu argumentieren, während er sie derart intensiv anstarrte. Er kannte sie zu gut und spürte selbst nach all den Jahren ganz genau, was sie fühlte und nicht aussprach. Sie hatten schon immer eine unheimlich starke Verbindung gehabt, obwohl sie zu Anfang Angst hatte, dass der Wilde, den Onkel Harry zu zähmen versuchte, ihren Puppen die Köpfe abreißen würde. Doch das Gefühl, das Heath nun in ihr auslöste, war ein anderes. „Ich kann nicht glauben, dass du jetzt der Herr von Hebers Ghyll bist“, bemerkte sie kopfschüttelnd.

„Und das gefällt dir nicht, wie?“

„Das habe ich nicht gesagt…“

„Ist auch nicht nötig. Vielleicht glaubst du, Onkel Harry hätte das Anwesen dir vermachen sollen…“

„Nein! Das ist mir nie in den Sinn gekommen. Du bist sein Neffe, Heath, und ich nur die Tochter der Haushälterin.“

„Die sich hier häuslich niedergelassen hat.“ Wieder dieser tadelnde Blick.

„Das Tor war offen. Frag deinen Verwalter, wenn du mir nicht glaubst.“

„Dieser Mann wurde von Onkel Harrys Nachlassverwalter eingestellt und arbeitet nicht mehr für mich.“

„Nun, wer immer das war …“ Bronte verstummte, als ihr klar wurde, dass Heath das alte Anwesen gerade mal ein paar Tage besaß und bereits einen Angestellten gefeuert hatte.

„Der Typ war überflüssig“, knurrte Heath. „Und ersetzbar.“

Ist denn jeder in Heaths Welt ersetzbar? dachte Bronte verstört.

„Nachdem so viele Leute hier in der Gegend Arbeit suchen, sollte es mir nicht schwerfallen, einen anderen Mann zu finden.“

„Oder eine Frau.“

Heath stieß ein humorloses Lachen aus. „Immer noch die alte Bronte.“

Beim letzten Mal, als sie so miteinander gestritten hatten, war Bronte zwölf gewesen und Heath fünfzehn. Ein schwieriges Alter für sie beide und unmöglich, einen gemeinsamen Nenner zu finden. Daran scheint sich bis heute nichts geändert zu haben, dachte Bronte und verschränkte energisch die Arme vor der Brust. „Wann können wir uns mal zu einem vernünftigen Gespräch treffen?“

„Jederzeit. Vorausgesetzt, du beschreitest den korrekten Weg.“

„Ich habe bei dir im Büro angerufen, aber dein Sekretär wollte mich nicht durchstellen. Ich bin nur hier, weil ich entschlossen bin, mit dir zu reden.“

„Du? Entschlossen?“ Der erste Anflug von Humor durchbrach seine finstere Fassade.

„Jemand musste ja in Erfahrung bringen, wie es weitergeht.“

„Und das bist wie üblich du.“

„Ich habe mich als Sprecherin angeboten.“

„Du?“ Heath schob den Kopf zurück und musterte sie aus gewittergrauen Augen. „So eine Überraschung!“

„Und, wirst du mir verraten, was du mit Hebers Ghyll vorhast?“ Warum wollte sich ihr Puls einfach nicht beruhigen?

Wegen seiner wilden, rebellischen Ausstrahlung, flüsterte ihre innere Stimme. „Ich sage dir, was ich vorhabe.“

„Ja?“ Angespannt wartete sie, während Heath auf sie zuschlenderte.

„Das Anwesen ist völlig verkommen“, sagte er und ließ den Blick über kaputte Zäune, bröckelnde Mauern und verwilderte Hecken schweifen, „deshalb hat das mit der Erbschaftssteuer gedauert. Aber jetzt bin ich hier. Was als Nächstes passiert? Ich mache eine Bestandsaufnahme.“

„Ja?“, flüsterte sie, wie hypnotisiert von seinen Augen.

„Genau“, bestätigte Heath knapp und wandte sich ab. „Ich nehme an, du warst noch nicht im Haus, oder?“

Brontes Mut sank. „Nein.“ Plötzlich ahnte sie Schlimmes. Das Anwesen bestand aus dem Herrenhaus, der Ruine eines ehemaligen Schlosses und etlichen Morgen Land. Onkel Harry hatte im Herrenhaus gelebt und es im Rahmen seiner Möglichkeiten erhalten – die nicht sehr umfangreich waren, denn er hatte einen Großteil seines Vermögens darauf verwandt, anderen zu helfen.

Die alten Buntglasfenster waren prachtvoll gewesen, erinnerte sie sich, es gab eine holzvertäfelte Bibliothek mit einem offenen Kamin, in dem immer ein Feuer gebrannt hatte, und eine altmodische, aber makellos saubere Küche, die das Reich ihrer Mutter gewesen war. Hatte sich das alles so verändert? „Was ist passiert, Heath?“, erkundigte sie sich ängstlich. „Kann ich irgendwie helfen?“

„Was kannst du denn?“

Bronte war von der Frage überrascht und beleidigt zugleich. Aber auch wild entschlossen herauszufinden, wie Heaths wirkliche Pläne aussahen. „Es geht das Gerücht, dass du Hebers Ghyll bereits verkauft …“

„Sonst noch was?“, knurrte er und verschränkte die muskulösen Arme vor der Brust.

Seine Augen waren immer noch so faszinierend, wie sie sie in Erinnerung hatte, und ebenso kalt. „Und Bulldozer – man sprach von Bulldozern.“ Sie sah keinen Anlass, die Sache zu beschönigen und ihn nicht mit den Tatsachen zu konfrontieren. „Man erzählt sich auch, dass du eine Firma mit dem Abriss der Gebäude beauftragt hast, um anschließend hier ein Shoppingcenter zu …“

„Und wenn es so wäre?“

Panik ergriff sie bei dem Gedanken, dass er das wirklich tun könnte und jedes Recht dazu hatte. „Und was ist mit Onkel Harry?“

„Onkel Harry ist tot“, erklärte Heath ungerührt, und für Bronte war es, als hätte er ihr ein Messer ins Herz gerammt. Heath hatte früher so gut wie keine Gefühle gezeigt, war nur ganz selten einmal aus sich herausgegangen, und dann auch nur ihr und Onkel Harry gegenüber. „Du meine Güte, Heath, du bist sein Neffe – fühlst du denn gar nichts?“ Zum Teufel mit dem Job, für den sie sich hatte bewerben wollen. „Weißt du denn nicht mehr, was Onkel Harry alles getan hat…?“

„Für Kinder wie mich?“, unterbrach er sie eisig. Sie hatte seine Vergangenheit wachgerufen, die Erinnerung an seinen Vater, den nichtsnutzigen Bruder von Onkel Harry – seine Kindheit, die von Gewalt bestimmt war. Nur auf Anweisung des Gerichts hatte sein Vater zugestimmt, Heath für eine gewisse Zeit der Obhut seines Onkels auf Hebers Ghyll zu überlassen. Und wie er selbst dagegen angekämpft hatte. Wie er die Freundlichkeit seines Onkels mit Füßen getreten hatte. Etwas, das er inzwischen zutiefst bedauerte.

„Du weißt, dass ich das nicht so gemeint habe“, beeilte sich Bronte zu versichern. „Onkel Harry hat dich geliebt. Du musstest doch wissen, dass du für ihn der Sohn warst, den er nie hatte.“

„Solche Taktiken fruchten bei mir nicht, Bronte.“

„Taktiken?“, brauste sie auf. „Ich sage nur die Wahrheit. Tu nicht so, als ob dich das alles kaltlässt. Ich kenne dich.“

„Du kennst mich?“

„Ja, ich kenne dich, Heath“, beharrte sie stur.

„Du kanntest mich damals“, erwiderte er. Und die Erinnerung daran gefiel ihm gar nicht.

„Ich will nicht mit dir streiten, Heath.“

Ihre Stimme war sanfter geworden. Machte Bronte einen Rückzieher? Das wäre das erste Mal. Oder hatten die Jahre sie gezähmt? Offenbar nicht, entschied er, als er an ihren Empfang hier dachte. „Entschuldigung angenommen“, sagte er. Doch als ihre Blicke sich trafen, wusste er, dass dieses kleine Zugeständnis der erste Schritt in Richtung Verderben war. Der erste Angriff auf seine Libido. Bronte war immer noch so attraktiv wie früher – besonders, wenn sie wütend war.

„Es ist wichtig, Onkel Harrys Arbeit hier fortzuführen“, erklärte sie mit leidenschaftlicher Stimme. „Und mit dir am Ruder, Heath“, setzte sie mit weniger Überzeugung hinzu.

Seine Sinne liefen Amok. Sie war wunderschön mit diesen funkelnden grünen Augen und den ausgeprägten Wangenknochen. Standhaft und unbeirrbar wie eine Kriegerin. Aber sie fühlte sich auch sichtlich unbehaglich, wusste nicht, was sie von ihm zu erwarten hatte. Was er ihr nicht verdenken konnte, wenn er an die Zeit zurückdachte, die ihm jetzt wie ein anderes Leben vorkam. „Wenn ich meine Entscheidung getroffen habe, wirst du es als Erste erfahren. Aber eins musst du wissen: Ich mache mir nichts aus Wochenenden in Gottes freier Natur, fahre nicht in den Urlaub und brauche keinen Landsitz. Also, überleg dir was dazu.“

„Ich glaube, das beantwortet meine Frage.“ Der Blick ihrer grünen Augen war auf sein Gesicht geheftet.

„Und, was gedenkst du zu unternehmen, nachdem dir anscheinend so viel an Hebers Ghyll liegt?“, drehte er den Spieß um.

„Jedenfalls nicht kampflos das Feld räumen.“

Daran hatte er keinen Zweifel. „Und praktisch gesehen?“

Bronte hob entschlossen das Kinn. „Ganz gleich, ob du das Haus behältst oder nicht, ich werde mich auf jeden Fall für den Job des Verwalters bewerben.“

Er lachte. Sie hatte ihn ehrlich überrascht. „Dass du hier mit deiner Mutter Erdbeertörtchen produziert hast, qualifiziert dich nicht wirklich für diesen Job.“

„Du bist nicht der Einzige, der etwas aus sich hat machen müssen“, schoss sie zurück. „Ich habe Immobilienmanagement studiert, bin durch die Welt gereist und habe gelernt, wie man Ländereien wie diese schnell auf Vordermann bringen kann.“

Damit hatte sie sein Interesse geweckt.

„Es ist nur verständlich, dass ich etwas über deine Pläne erfahren möchte“, insistierte sie. „Ich will doch meine Sprüchlein nicht an den falschen Mann verschwenden.“ Sie reckte kämpferisch das Kinn vor.

„Meine Pläne gehen dich nichts an.“ Seine Bewunderung für sie schmolz dahin, als ihm klar wurde, dass sie etwas haben wollte, das ihm gehörte. Oder es zumindest kontrollieren wollte, was aufs Gleiche herauskam. Viele Sommer waren vergangen, seit er ein wütender, rebellischer Junge war und sie die mustergültige Tochter der Haushälterin, die sich heimlich aus dem Haus geschlichen und hinter den Bäumen versteckt hatte, um ihn zu beobachten. „Wenn du willst, dass ich mit dir rede, dann räum den Kram hier weg und verschwinde von meinem Grundstück.“

„Du hast versprochen, dass wir uns unterhalten.“

„Soll ich anfangen?“ Langsam verlor er die Geduld.

Sie stieß einen Schrei aus, als er einen der Heringe aus dem Boden zog. „Spinnst du? Was fällt dir ein?“, rief sie und stürzte sich auf ihn.

„Wage es nicht“, knurrte er und hielt sie an den Handgelenken fest. Sein Blick glitt über ihre geöffneten Lippen, und der Drang, sie zu küssen, überwältigte ihn beinahe.

„Lass mich los, Heath!“ Ihre Stimme bebte. Ihre Augen waren schwarz vor Zorn. Ihre Lippen zitterten …

Da fasste sich Heath wieder. Ließ ihre Hände los. „Bau das Zelt ab.“

„Du jagst mir keine Angst ein“, zischte sie trotzig und rieb sich die Handgelenke.

Er vielleicht nicht, aber ihre Reaktion auf ihn machte ihr Angst. Auch an ihm war diese elektrisierende Spannung zwischen ihnen nicht spurlos vorübergegangen. Das war kein normales Wiedersehen, überlegte er, während sie murrend das Zelt abbaute. Der rothaarige Wildfang und der böse Junge aus der Stadt hatten in der Vergangenheit erbitterte Kämpfe ausgefochten, und es schien, als hätten diese bis heute nichts an Leidenschaftlichkeit eingebüßt. Und doch war etwas anders. Bronte hatte sich unter seinen Händen zierlich und verletzbar angefühlt. Sie war jetzt eine erwachsene Frau, und ihr Duft nach Seife und feuchtem Gras hatte seine Sinne betört und einen Eindruck hinterlassen, den er nur schwer würde abschütteln können.

2. KAPITEL

Heath Stamp ist zurück, sagte sie sich immer wieder wie ein Mantra vor, als könnte dieser Satz sie davor bewahren, in seiner Nähe aufgeregt herumzutänzeln wie ein liebestoller Teenager. Sie hatte geglaubt, auf diese erste Begegnung vorbereitet zu sein. Doch nichts hätte sie auf das, was sie jetzt fühlte – Verwundbarkeit und sinnliche Erregung –, vorbereiten können.

„Jetzt mach mal ein bisschen Dampf, Bronte.“

„Ich beeil mich ja schon.“

„Gut, denn es gibt Leute, die haben noch zu arbeiten.“

„Ich auch“, versetzte Bronte schnippisch. Sie hatte sich noch von unterwegs aus einen Teilzeitjob in der Gegend beschafft, und es war purer Zufall, dass Heath an einem Wochenende hier aufgetaucht war.

„Geht das nicht schneller?“, schnauzte er ungeduldig. „Ich muss zurück nach London.“

Es hatte aufgehört zu regnen, und Heath lief rastlos auf dem Rasen hin und her. Bronte wäre schon längst fertig gewesen, wenn er nicht so unverschämt gut ausgesehen hätte. Sein Haar war schon immer dicht und kräftig gewesen, aber jetzt trug er es länger; es umspielte seine markanten Wangenknochen und fiel ihm über den gebräunten Nacken, so widerspenstig wie eh und je. Und er war immer noch unheimlich muskulös, obwohl er sich sicherlich nicht mehr auf der Straße prügelte. Versonnen betrachtete sie seine lässigen Jeans, abgewetzt und fadenscheinig an Stellen, wo ein anständiges Mädchen nicht hingucken sollte …

„Hast du dich in eine Salzsäule verwandelt? Oder gibt es eine Chance, dass du dich heute noch irgendwann vom Acker machst, Bronte?“

„Ach, du bist noch da?“, versetzte sie mit einem aufsässigen Blick und wollte noch eine freche Bemerkung anschließen, als ihr wieder einfiel, weshalb sie hier war.

„War das dein Ernst, dass du dich um diesen Verwalter-Job bewerben willst?“, fragte Heath unvermittelt, als hätte er ihre Gedanken gelesen.

„Selbstverständlich.“ Sie sprang auf die Füße. Ihr war klar, an welch seidenen Faden ihre Hoffnungen geknüpft waren. „Und falls du Hebers Ghyll nicht behalten willst, würde ich dich bitten, bei dem neuen Besitzer ein gutes Wort für mich einzulegen.“

„Warum sollte ich das tun, wenn ich nicht einmal weiß, was du kannst? Gut, dein Studium und deine Reisen klingen nicht uninteressant. Aber was macht dich so sicher, dass du die richtige Person für diesen Job bist?“

„Ich weiß es einfach“, erklärte sie hartnäckig. „Alles, worum ich dich bitte, ist ein faires Gespräch.“

„Und wenn ich dem zustimme?“

„Kannst du dir deine Meinung bilden. Und mich auf Probe einstellen.“ Das war ziemlich forsch, dachte sie, aber zum Teufel mit den Nettigkeiten.

Heath schwieg eine Weile, dann verzogen sich seine Lippen zu einem spöttischen Grinsen. „Sollte ich nicht verkaufen, werde ich dein Angebot im Hinterkopf behalten.“

Das reichte ihr. Heath traf nie eine überstürzte Entscheidung, erinnerte sich Bronte. Ganz im Gegensatz zu ihr.

„Geh jetzt nach Hause, Bronte. Du hast doch immer noch das Cottage deiner Eltern, nehme ich an?“

„Das würden sie nie verkaufen“, erwiderte sie mit einem deutlichen Vorwurf in der Stimme. „Zum Glück gehört es ihnen – soweit ich weiß, hast du alle Pachtverträge aufgelöst.“

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