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Zwei wie Blitz und Donner

PROLOG

Als Alexander Merrick vor einigen Jahren Vizepräsident der Merrick Group wurde, war er noch keine dreißig Jahre alt. Jeder, der für ihn arbeitete, hegte nicht den geringsten Zweifel, dass er diesen Aufstieg allein seinen Fähigkeiten und nicht irgendwelchen familiären Vergünstigungen verdankte. Er führte die Firma genauso resolut wie sein Vater und Großvater vor ihm. Und doch war sein Führungsstil anders: Bereits am ersten Tag hatte er klargestellt, dass die Tür zu seinem Büro immer offen stand und Mitarbeiter mit Problemen jederzeit zu ihm kommen konnten.

An diesem Morgen lehnte er sich also in seinem Sessel zurück, bereit, sich anzuhören, was sein Assistent, der gerade mit niedergeschlagener Miene vor seinen Schreibtisch trat, zu sagen hatte.

„Was ist los, Greg? Hat Ihre Freundin Sie gestern versetzt?“

„Nein, Alex.“ Frisch aus dem College, konnte Greg Harris es noch immer nicht ganz fassen, seinen jungen Chef beim Vornamen zu nennen. „Ich habe einen Anruf bekommen. Schlechte Nachrichten. Unser Gebot war nicht erfolgreich.“

„Was?“ Alex sprang auf. „Wer, zum Teufel, hat dann den Zuschlag erhalten?“

„Das weiß ich noch nicht.“ Greg räusperte sich. „Ich habe meinen … meinen Freund gebeten, mir das Ergebnis der geheimen Auktion sofort mitzuteilen … als einen persönlichen Gefallen sozusagen. Nur aus diesem Grund weiß ich schon Bescheid. Weitere Details kenne ich auch nicht.“

Alex fluchte vernehmlich. „Es muss ein lokaler Unternehmer sein, der Freunde an den richtigen Stellen sitzen hat. Vermutlich wird er die Medlar Farm Cottages abreißen und Gott weiß was an ihrer Stelle erbauen.“ Er brach ab und schaute seinen Assistenten abwägend an. „Dieser Freund, das ist nicht zufällig eine Frau?“

Errötend nickte Greg.

Alex schenkte ihm sein schelmisches Lächeln, dem nur wenige Menschen widerstehen konnten. „Großartig. Laden Sie sie zum Dinner ein, seien Sie charmant und finden Sie heraus, wer den Zuschlag bekommen hat. Ich zahle.“

1. KAPITEL

Der Blick auf den von Bäumen gesäumten See im Sonnenuntergang war so perfekt, die Szene hätte Teil eines Filmsets sein können.

Sarahs Begleiter lächelte zufrieden. „Offensichtlich gefällt dir meine Wahl?“

„Natürlich.“ Wer würde nicht begeistert sein? Dennoch überraschte es sie, denn normalerweise speiste Oliver in eher traditionellen Restaurants, in denen – anders als im Easthope Court – die Nouvelle Cuisine ein Fremdwort war und blieb. „Gibt es einen Grund zu feiern?“

Er senkte den Blick. „Verschieben wir die Erklärungen auf später. Da kommt unser Essen.“

Die Speise, die unter der Silberglocke, die der Kellner schwungvoll abhob, zum Vorschein kam, war so kunstvoll angerichtet, dass Sarah den Teller ehrfürchtig ansah und nicht wusste, ob sie das Gericht essen oder einrahmen sollte. Um sich ihre Verwirrung nicht anmerken zu lassen, fragte sie Oliver nach seinem letzten Triumph im Gerichtssaal.

Aufmerksam lauschte sie seinen Ausführungen und gab hin und wieder angemessene Kommentare von sich. Schließlich legte sie Messer und Gabel beiseite. Kunstvolle Kreation oder nicht, das Essen war so reichhaltig, dass sie es nicht aufessen konnte.

„Magst du keinen Hummer?“, fragte Oliver besorgt.

„Er war ganz wunderbar, aber ich habe vorher schon zu viel Brot gegessen.“

Er winkte den Kellner heran. „Wähl doch schon mal ein Dessert, während ich mich für einen Moment entschuldige. Für mich bitte wie immer Käse, Sarah.“

Sie bestellte das Gewünschte, lehnte sich zurück und betrachtete interessiert die Umgebung. Die anderen anwesenden Frauen, manche jung, andere nicht, trugen fast ausnahmslos Kleider, wie man sie auf den roten Teppichen der Welt zu sehen gewohnt war. Die Männer an ihrer Seite befanden sich überwiegend jenseits der fünfzig. Dann fiel ihr Blick auf einen jungen Mann, der an einem Tisch in ihrer Nähe saß. Er fiel ihr auf, weil sein Haar dicht und dunkel war, was ihn auf angenehme Art von den anderen Männern unterschied, die weißhaarig oder kahlköpfig waren. Der Fremde hob sein Glas zu einem lächelnden Toast, woraufhin Sarah errötend den Kopf abwandte.

„Was feiern wir denn nun?“, fragte sie, als Oliver sich wieder zu ihr gesellt hatte und sich genussvoll ein Stückchen Stilton abschnitt.

„Woran du dich immer erinnern musst, Sarah“, begann er, „ist, dass ich immer nur dein Bestes im Sinn habe.“

Unwillkürlich wurde ihr das Herz schwer. „Sprich weiter.“

Oliver streckte die Hand aus und berührte ihre. „Nächsten Monat wird in meiner Kanzlei eine Stelle frei. Bitte mach mich glücklich. Gib deine fixe Idee auf und nimm den Job an.“

„Heißt das, du hast mich nur hierher ausgeführt, um die alte Geschichte wieder aufzuwärmen? Oliver, ich liebe dich sehr“, sagte sie aufrichtig, „und ich weiß, dass du dir Sorgen um mich machst. Aber du musst mich mein Leben auf meine Weise leben lassen.“

„Ich glaube einfach nicht, dass es die richtige ist! Mir behagt die Vorstellung nicht, dass du den ganzen Tag mit Farbe und Zement in der Bauruine zubringst, die du gekauft hast.“

„Oliver“, warf Sarah geduldig ein. „Das ist nun einmal, was ich gerne tue. Als Sekretärin in einer Kanzlei würde ich mich nutzlos fühlen … und unglücklich werden.“

„Aber du vernachlässigst dich und isst nicht anständig.“

„Um mich zu füttern, hättest du nicht dein Geld verschwenden und mich in ein so piekfeines Restaurant ausführen sollen!“

„Ich habe mich für diese besonderen Ort entschieden, weil ich morgen Geburtstag habe“, erklärte er würdevoll. „Ich hatte gehofft, du feierst mit mir.“

„Oh, Oliver!“ Sarah verspürte heftige Gewissensbisse. „Falls es deine Absicht war, mir Schuldgefühle einzureden, bist du sehr erfolgreich. Es tut mir leid. Aber ich kann den Job nicht annehmen. Nicht einmal, um deinen Geburtstag zu feiern.“

Er nickte schicksalsergeben. „Nun ja, den Versuch war es wert. Lassen wir uns davon nicht den Abend verderben.“

Als sie aufstanden, um zu gehen, eilte der Mann, der Sarah schon vorhin aufgefallen war, auf sie zu.

Begeistert schüttelte Oliver die dargebotene Hand. „Hallo, junger Mann. Ich wusste gar nicht, dass Sie auch hier sind.“

„Sie waren viel zu sehr mit Ihrer wunderschönen Begleiterin beschäftigt, um mich zu bemerken, Mr. Moore.“ Mit einem schelmischen Lächeln wandte er sich an Sarah. „Hallo. Ich bin Alex Merrick.“

Sarah erstarrte, als sie den Namen hörte. Und als wäre das noch nicht genug, lag in seinem Lächeln das vermeintliche Wissen, dass Oliver ihr älterer und vor allem wohlhabender Liebhaber sein müsse, und sie die junge Gespielin, die sich von ihm aushalten ließ.

„Sarah Carver“, erwiderte sie kalt.

„Sarah und ich feiern meinen Geburtstag“, erklärte Oliver.

„Herzlichen Glückwunsch! Es muss ein wichtiger sein, wenn Sie dafür London verlassen.“

„Nicht wirklich. Schlag Mitternacht werde ich vierundsechzig“, seufzte Oliver und unternahm einen merklichen Versuch, den Bauch einzuziehen.

„Das ist das beste Alter überhaupt, Sir“, versicherte Alex ihm. „Kommen Sie auch aus London, Miss Carver?“

„Sie ist dort geboren“, antwortete Oliver für sie. „Aber letztes Jahr ist Sarah in diesen Teil der Welt umgezogen. Ich habe versucht, sie zu überreden, wieder in die Zivilisation zurückzukehren, aber ohne Erfolg. Sie saniert alte Häuser und baut Scheunen zu Eigenheimen aus“, fügte er stolz hinzu.

„So ein Zufall, in der Branche bin ich auch“, sagte Alex.

Oliver lachte. „Allerdings nicht in derselben Größenordnung“, meinte er zu Sarah. „Alex leitet in dritter Generation die Merrick Group.“

„Wie interessant“, gab sie kühl zurück und wandte sich dann lächelnd an Oliver. „Ich fürchte, für mich ist jetzt Schlafenszeit.“

„Richtig“, entgegnete er und legte einen Arm um ihre Schultern. „Es war schön, Sie wiederzusehen, junger Mann. Richten Sie Ihrem Vater Grüße aus.“

Alex’ Blick wanderte von Olivers Arm zu Sarahs Gesicht. Er ignorierte ihr offensichtliches Missfallen. „Ich hoffe, wir treffen uns wieder.“

„Du warst nicht sehr freundlich“, bemerkte Oliver schließlich, als sie den Parkplatz erreichten. „Es wäre eine gute Idee, sich den jungen Alex zum Freund zu machen. Der Name Merrick bedeutet Macht und Einfluss in dieser Gegend.“

„Für mich nicht“, erwiderte Sarah finster.

Die Fahrt nach Hause empfand sie als sehr ermüdend. Oliver fing wieder mit seinem Vorschlag an, sie solle doch als Sekretärin arbeiten und brachte den ganzen Weg über eine Vielzahl von Argumenten vor. Erst als er innehielt, um Luft zu holen, erklärte Sarah ihm, dass es ihr gesamtes Leben auf den Kopf stellen würde, wenn sie jetzt nach London zurückkehrte.

„Mach dir um mich keine Sorgen. Mir geht es gut.“ „Ich hoffe es“, meinte er seufzend. „Du weißt, wo du mich findest.“ Sarah winkte ihm nach und machte sich müde auf den Weg zu ihrer Erdgeschosswohnung im Medlar House. Vor einiger Zeit war Sarah auf der Suche nach einem kleinen Apartment gewesen. Ohne große Hoffnungen hatte sie dem Besichtigungstermin im Medlar House, einer ehemaligen, inzwischen umgebauten Mädchenschule, zugestimmt. Wie sollte sie sich ein als Atelierwohnung angepriesenes Apartment leisten können? Aber es war die letzte Wohnung in der Kartei des Maklers gewesen, die in ihrer Preisklasse lag. Der ebenfalls wenig optimistische Makler hatte sein Verkaufsprogramm so hektisch abgespult, dass ihm gar nicht aufgefallen war, wie Sarah sich auf den ersten Blick in den lichtdurchfluteten Raum verliebt hatte.

„Vier Meter hohe Decken und eine Fensterfront“, begann Sarah scheinbar desinteressiert, die Mängel der Wohnung herauszustellen, „das bedeutet Probleme mit der Heizung und der Wärmedämmung.“

Schließlich zückte der Makler sein Handy, um sich mit seinem Vorgesetzten zu beraten. Am Ende bekam sie den Zuschlag für einen Preis, der weit unter dem Limit lag, das sie sich gesetzt hatte. Das Apartment im Medlar House bot viele Vorteile. Vor allem lag es nicht weit von den kleinen Farmcottages entfernt, die sie in begehrenswerte Eigenheime umbauen wollte.

All dies schien eine Ewigkeit zurückzuliegen. Jetzt löste Sarah ihren Zopf und setzte sich an die auf Holzböcken aufliegende Holzplatte, die als Schreibtisch, Zeichentisch und was sonst noch von einem Tisch verlangt werden konnte, diente.

Sie schaltete ihren Laptop ein, um kurz zu recherchieren.

Die Aussage, dass Sarah Carver und Alexander Merrick in derselben Branche tätig waren, war eine aberwitzige Behauptung. In den letzten Jahren hatte die Merrick Group ihre Interessen immer breiter gefächert, sogar im Recyclingbereich waren sie mittlerweile im internationalen Stil tätig. Verärgert klappte sie den Laptop wieder zu. Sicherlich war es irrational, noch immer diese Feindseligkeit zu empfinden. Aber der Blick, mit dem Alex Merrick sie bedacht hatte, hatte sie wütend gemacht. Oliver war dreiundsechzig – sie blickte auf die Uhr –, mittlerweile vierundsechzig, sie fast vierzig Jahre jünger. Wie kam dieser arrogante Kerl dazu, ohne Informationen die falschen Schlüsse zu ziehen? Und wieso kümmerte sie das überhaupt?

In ihrem winzigen Badezimmer machte sie sich bettfertig und stieg dann die Leiter zu ihrer Schlafebene hinauf. Das schwarze Kleid, das sie seit Ewigkeiten nicht mehr getragen hatte, wurde ordentlich auf einen Bügel zurück in den Schrank gehängt.

Morgen musste sie sehr früh aufstehen – wie immer. Die Arbeiten am ersten Cottage machten gute Fortschritte. Sobald es fertig gestellt war, sollte es als Musterhaus Interessenten dazu bewegen, eines der anderen Häuser zu kaufen.

Harry Sollers, der örtliche Bauunternehmer, der gemeinsam mit ihr an dem Projekt arbeitete, würde – auch wie immer – vor ihr dort sein.

Die sechs Cottages waren in einer geheimen Auktion versteigert wurden. Das hieß, jeder Interessent konnte ein Gebot abgeben, das nicht veröffentlicht wurde. Somit gewann derjenige, der von Anfang an am meisten Geld zu investieren bereit war.

Harry und seine Kumpel hatten allesamt darauf spekuliert, dass ein großer Investor den Zuschlag erhalten, die Häuser abreißen und an deren Stelle so viele wie möglich neu bauen würde. Als die Nachricht eintraf, dass ein Unternehmer aus London das Rennen gemacht hatte, hatte im Pub Green Man verdrießliches Kopfschütteln eingesetzt. Die Männer hatten erst damit aufgehört, als der Gastwirt ihnen eröffnet hatte, dass es sich bei dem Käufer um eine junge Frau handelte, die auf der Suche nach einem ortsansässigen Handwerker war, der mit ihr zusammen an dem Projekt arbeiten wollte.

An diesem Punkt hatte Harry Sollers – schon halb in Rente, überzeugter Junggeselle und erklärter Frauenfeind – alle Anwesenden in großes Erstaunen versetzt, indem er verkündet hatte, er übernehme den Job.

Anfangs machte er aus seiner Skepsis, was Sarahs Fähigkeiten anging, keinen Hehl, war jedoch äußerst beeindruckt, als er sie eine Wand verputzen sah. Als er dann noch Zeuge wurde, wie sie mit einem Stemmeisen die Bretter herunterriss, mit denen die ursprünglichen Kamine vernagelt waren, stand er vollends auf ihrer Seite.

Aber von Beginn an hatte Harry sehr klare Grenzen gezogen, was seine eigenen Fertigkeiten anging. Für bestimmte Aufgaben würde Sarah örtliche Handwerker anheuern müssen.

Als Dachdecker hatte er seinen Neffen empfohlen, einen Bekannten als Elektriker und für sämtliche Installationsarbeiten seinen alten Freund Fred Carter.

Schon bald sahen die heruntergekommenen Cottages wie behagliche Wohnhäuser aus. Vor allem, nachdem die hochwertigen Armaturen eingebaut waren. Zu Harrys Überraschung teilte Sarah jedoch Fred Carter mit, sie wolle alle Fliesen selbst verlegen, sowie die Schränke in Badezimmern und Küchen eigenhändig einpassen.

„Ich bin gut in diesen Dingen“, versicherte sie ihm. Die Nachricht hatte im Green Man einen Aufruhr verursacht.

„Du wirst dich auf ein paar Baustellentouristen einstellen müssen, Boss“, warnte Harry sie. „Die wollen überprüfen, ob Fred sie nicht auf den Arm genommen hat.“

Er sollte recht behalten. Harrys Kumpel kamen und schauten sich alles genau an. Doch sobald sie Sarah bei der Arbeit gesehen hatte, mussten sie zugeben, dass das Mädchen aus der Stadt sein Handwerk verstand.

Sosehr ihr die Arbeit gefiel, gab es auch immer wieder Tage, an denen Sarah sich deprimiert fühlte. Der Tag nach dem Essen im Easthope Court war einer davon. Vielleicht lag es zum Teil an Oliver und seinen schmeichelnden Worten über die freie Stelle in seiner Kanzlei. Zudem wirkte die Begegnung mit Alex Merrick sich bestimmt nicht positiv auf ihre Gefühlslage aus. Sie würde einfach abwarten müssen, bis ihre Stimmung sich wieder aufhellte. Glücklicherweise war Harry am frühen Morgen auch kein Sonnenschein. Wahrscheinlich bemerkte er ihre schlechte Laune gar nicht.

Doch damit lag sie falsch.

„Du bist früh dran … Und du siehst gar nicht gut aus“, bemerkte er.

„Ich bin gestern Abend ausgegangen“, erwiderte Sarah und widmete sich der Schranktür, die sie gerade einhängte.

„Wer war denn der glückliche Bursche?“

Manchmal leistete sie Harry in der Mittagspause im Green Man Gesellschaft. Die Älteren zogen Harry gewaltig mit seiner jungen Chefin auf, ein paar von den Jüngeren hatten versucht, mit Sarah zu flirten. Die wagemutigeren unter ihnen baten sogar um eine Verabredung. Es hatte all ihr Taktgefühl gebraucht, um die Ablehnung so zu formulieren, dass ihre Egos keinen Schaden erlitten. Kein Wunder also, dass Harry eine gewisse Neugier zeigte.

„So gerne er es auch hören würde, als Bursche bezeichnet zu werden“, sagte sie und lächelte zum ersten Mal an diesem Tag, „wir haben den vierundsechzigsten Geburtstag meines Patenonkels gefeiert. Er hat für ein paar Tage geschäftlich in Hereford zu tun. Deswegen ist er gestern schon aus London gekommen und hat mich nach Easthope Court ausgeführt.“

Harry pfiff beeindruckt. „Ist es dort nicht nach der Renovierung ziemlich chic und teuer?“

„Astronomisch! Von dem Geld, das Oliver für das Essen ausgegeben hat, hätte ich eine Woche leben können. Er besucht mich hin und wieder, weil er überzeugt ist, ich würde sonst verhungern. Aber normalerweise erwartet er von einem Restaurant nur, dass sie ein gutes Steak braten und einen trinkbaren Bordeaux vorweisen.“ Sarah seufzte. Mit einem Mal überkam sie das Bedürfnis, sich jemandem anzuvertrauen. „Er ist Anwalt. Und er möchte, dass ich in seiner Kanzlei arbeite.“

„Dann braucht er eine Handwerkerin?“

„Nein.“ Sarah erklärte ihm, welchen Job ihr Patenonkel für sie vorgesehen hatte.

„Er denkt, das gefällt dir?“, fragte Harry und kratzte sich am Kopf. „Kannst du denn tippen und mit Computern umgehen?“

Sie nickte. „Nach dem College habe ich das Büro von der Baufirma meines Vaters übernommen.“

„Wahrscheinlich hast du noch eine ganze Menge mehr getan. Dein Dad hat dich sein Handwerk gut gelehrt.“

„Danke!“ Aus Harrys Mund war das ein echtes Kompliment. „Übrigens“, fügte sie gleichmütig hinzu, „habe ich gestern einen Mann namens Merrick getroffen. Kennst du ihn?“

„Jeder hier kennt die Merricks. Der alte Edgar hat mit Altmetall angefangen. Er war ein richtiges Schlitzohr! Er hat sich so raffiniert angestellt, dass man meinen könnte, er habe einen Weg gefunden, aus Blech Gold zu machen. Nachdem sein George die Firma übernommen und sich für eine Expansion entschieden hat, haben sie noch mehr Geld verdient. Die Restaurierung von Easthope Court geht auf ihr Konto. Hast du George kennengelernt?“

„Nein. Einen Alexander.“

„Georges Sohn. Den Burschen kenne ich nicht, aber es geht das Gerücht, er sei ein richtiger Wirbelwind, seit er die Geschäfte in der Gegend übernommen hat. Ich habe gehört, George hält sich nun überwiegend in der Londoner Filiale auf.“ Ein sehr seltsamer Ausdruck trat in Harrys blaue Augen. „Im Pub höre ich eine Menge Dinge, Boss, aber ich selbst halte den Mund. Egal, was du mir anvertraust, es bleibt bei mir.“

„Das brauchst du mir doch nicht zu sagen, Harry!“

Er nickte zufrieden. „Dann kümmere ich mich jetzt um die Fensterrahmen in Nummer vier. Du leistest hier gute Arbeit“, fügte er mit Blick auf die Schränke hinzu.

„Danke.“ Sarah schaute ihn so strahlend an, dass er verdutzt blinzelte. „Wie wäre es in der Mittagspause mit einem Essen im Green Man? Ich zahle?“

„Einverstanden. Mittwochs backt Betty Mason immer Pasteten.“ Als Sarah sich wieder den Schranktüren zuwandte, fühlte sie sich schon viel besser. Bis auf eine kurze Kaffeepause arbeitete sie den ganzen Morgen hindurch. Schließlich streckte sie den schmerzenden Rücken, ging zur Tür, steckte zwei Finger in den Mund und stieß einen lauten Pfiff aus.

„Fertig, Harry? Ich verhungere!“

Harry kicherte, als sie sich zu ihm in den Pick-up setzte.

„Was ist los?“, wollte sie wissen.

„In letzter Zeit siehst du gar nicht mehr wie das Mädchen aus der Stadt aus, Boss.“

Lächelnd strich sie eine vorwitzige Locke hinter ein Ohr. „Der Vorteil vom Green Man ist, dass ich mich nicht rausputzen muss, um dort zu essen. Aber wenn es Sie beschämt, mit mir zusammen in Arbeitsklamotten gesehen zu werden, Mr. Sollers, kann ich meine Pastete auch im Wagen essen.“

Er lachte laut auf. „Kommt überhaupt nicht in Frage.“

Das Grüppchen Stammgäste grüßte Sarah so freundlich, dass ihre schlechte Laune mit einem Mal wie verflogen war.

„Hat dein Boss dir Ausgang gegeben, Harry?“, rief irgendein Komiker aus dem Hintergrund.

„Habe sie nur daran erinnert, dass heute Bettys Pastetentag ist. Hoffe, ihr habt uns welche übrig gelassen.“ Er half Sarah auf einen der hohen Hocker vor der Theke und gab ihre Bestellung auf.

Fred gesellte sich zu ihnen und fragte nach den Fortschritten auf der Baustelle. Bereitwillig erteile Sarah Auskunft, während sie die knusprige Pastete mit der leckeren Füllung aus Fleisch und Gemüse aß. Als ihr auffiel, dass sie dieses einfache Essen weit mehr genoss als das raffinierte Mahl, zu dem Oliver sie gestern eingeladen hatte, seufzte sie zerknirscht.

„Stimmt etwas nicht mit den Pasteten?“, fragte Fred besorgt.

„Nein, sie sind absolut köstlich.“ Sie erzählte ihm von dem Restaurantbesuch mit Oliver.

„Der Mann muss eine dicke Brieftasche haben, wenn er Sie dorthin ausführt“, mischte sich ein anderer Gast ein.

„Wir haben seinen Geburtstag gefeiert, Mr. Baker“, erwiderte Sarah und musterte ihn freundlich. „Ich bin froh, Sie heute hier zu treffen.“

„Er ist jeden Tag hier!“, rief jemand.

„Aber ich nicht. Deshalb muss ich zugreifen, wenn ich die Gelegenheit bekomme“, rief sie zurück. „Ich habe gehört, Sie sind ein hervorragender Gärtner, Mr. Baker.“

„Ich tue, was ich kann“, erwiderte er vorsichtig.

„Falls Sie ein bisschen Zeit erübrigen könnten, wäre ich Ihnen sehr dankbar für einige Ratschläge, was die Gärten der Cottages angeht.“

„Wann immer Sie wollen“, sagte er. „Darf ich Ihnen noch ein Bier ausgeben?“

„Nein, danke. Ich habe heute Nachmittag noch viel Arbeit vor mir“, bedauerte sie.

Es entstand ein allgemeines Interesse, was genau sie geplant hatte und das Gespräch wurde ziemlich laut und fröhlich. Plötzlich übertönte eine laute Stimme, deren Akzent eine gute Schulbildung verriet, das fröhliche Lärmen.

„Ich bin auf der Suche nach Miss Carver, Eddy“, wandte der Unbekannte sich an den Wirt. „War sie heute schon hier?“

Sarah zuckte zusammen und wünschte nichts sehnlicher, als sich unsichtbar machen zu können. Schicksalsergeben ließ sie sich von Fred vom Barhocker helfen und wandte sich zu Alexander Merrick um. „Sie haben nach mir gefragt?“

Sein dunkler Anzug wirkte völlig fehl am Platz in der heimeligen Atmosphäre des Green Man. Aber es war sein verwunderter Gesichtsausdruck, der Sarah lächeln ließ. Gestern Nacht hatte sie sich Oliver zuliebe – weil er gerne mit einem hübschen jungen Ding gesehen werden wollte, wie er es scherzhaft ausdrückte – in Schale geworfen und das enge schwarze Kleid und High Heels angezogen. Ausnahmsweise hatte sie dazu geschminkt und die Haare zu einem eleganten Knoten zusammengefasst.

Heute waren die Locken unter einer Baseballkappe verborgen, sie trug kein Make-up, dafür war ihr Overall mit Farbspritzern und Kleberresten verziert. Und ohne die Stöckelschuhe war sie zehn Zentimeter kleiner.

Deswegen konnte sie es dem Neuankömmling nicht verdenken, sie mit einem männlichen Azubi verwechselt zu haben. Zu ihrer Freude bemerkte sie, dass Harry und Fred sich beschützend hinter ihr aufbauten.

„Guten Tag, Miss Carver. Ich habe Sie gar nicht erkannt. Tut mir sehr leid, Ihren Lunch gestört zu haben.“

Sie zuckte die Schultern. „Kein Problem. Ich wollte sowieso gerade zurück an die Arbeit gehen. Was kann ich für Sie tun?“

„Ich möchte mich gerne mit Ihnen unterhalten … unter vier Augen. Heute noch, wenn möglich.“ Misstrauisch sah sie ihn an. „Normalerweise mache ich um sechs Uhr Feierabend. Danach könnten wir uns treffen.“ „Danke. Wo?“ „Auf der Baustelle.“ „Gut. Bis um sechs dann. Guten Tag, meine Herren.“ Er

nickte in die schweigende und verwirrte Runde und ging hinaus. Kurz danach fingen alle auf einmal an, wild zu diskutieren.

„Bei dem musst du auf der Hut sein“, sagte Harry. „Warum?“ „Zunächst einmal ist er ein Merrick.“ Daran brauchte er sie nun wirklich nicht zu erinnern! „Außerdem musst du ihn ja nur anschauen“, mischte Fred sich ein. „Der hofft doch nur auf Chancen bei den Damen.“ „Nicht so, wie er angezogen ist“, erwiderte sie lachend. „Sei dir da mal nicht so sicher“, meinte Fred düster. Grinsend leerte Harry sein Glas. „Keine Sorge. Ein Hieb mit dem Brecheisen, und die Sache hat sich für ihn erledigt.“ Bester Laune verließen sie den Pub und fuhren zurück zur Baustelle.

„Trotzdem, Boss“, bemerkte Harry unterwegs nachdenklich. „Ich denke, ich sollte mich heute Abend besser außer Sichtweite in einem der Häuser verstecken. Nur für den Notfall.“

Überrascht sah Sarah ihn an. „Der Mann will doch nur mit mir reden. Das ist alles.“

„Schon, aber worüber? Man munkelt, die Merricks waren nicht gerade begeistert, dass du den Zuschlag für die Cottages erhalten hast.“

„Weil die Grundstücke an ihr Land grenzen?“

Er nickte. „Also, gib acht! Ich vermute, der junge Merrick wird dir ein Angebot unterbreiten.“

Sarah presste die Lippen zu einer schmalen Linie zusammen. „Keine Chance.“

Es kostete sie einige Mühen, aber schließlich gelang es ihr, Harry zu überzeugen, sie käme allein zurecht.

„Auch gut“, meinte er, als es schließlich sechs Uhr war, und stieg in seinen Pick-up. „Sei aber vorsichtig.“

„Ich werde meinen besten Hammer in der Nähe deponieren“, versicherte sie – und das war nur zur Hälfte ein Scherz.

Kaum war er gefahren, wünschte Sarah, sie hätte ihn nicht weggeschickt. Lächerlich, schalt sie sich. Was sollte schon passieren an diesem milden Sommerabend?

Sie dachte daran, sich ein wenig herzurichten, konnte sich aber nicht recht dazu entschließen. Mr. Alexander Merrick würde sie so nehmen müssen, wie sie war. Sie lehnte sich gegen ihren Wagen, die Arme vor der Brust verschränkt, die Beine an den Knöcheln überkreuzt, und ...

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