Logo weiterlesen.de
Zwei unter einer Decke

Alle Rechte, einschließlich das des vollständigen oder

auszugsweisen Nachdrucks in jeglicher Form, sind vorbehalten.

Der Preis dieses Bandes versteht sich einschließlich

der gesetzlichen Mehrwertsteuer.

1. KAPITEL

Maddy Potter konnte sich beim besten Willen nicht vorstellen, dass es noch schlimmer kommen könnte.

Im zweiten Monat schwanger, vom Vater des Kindes im Stich gelassen, und jetzt war sie auch noch mit ihrem Leihwagen im Graben gelandet. Kein Wunder bei diesem Schneesturm. Das Schlimmste an der Sache war, dass sie hier irgendwo im Niemandsland von Colorado kaum damit rechnen konnte, dass ihr jemand zu Hilfe kam. Mit einem solchen Unwetter hatte sie nie im Leben gerechnet. Man sah wirklich die Hand vor Augen nicht. Dabei hatten sie im Wetterbericht nur ein starkes Schneegestöber angesagt.

„Es ist der reine Wahnsinn, bei diesem Wetter zu fahren, junge Dame“, hatte der Autovermieter sie vor nicht einmal zwei Stunden gewarnt. „Suchen Sie sich ein gemütliches Hotelzimmer in der Nähe des Flughafens und vergessen Sie die Fahrt. Das ist das Vernünftigste, was Sie tun können.“

Aber wann war ich jemals vernünftig? fragte sie sich selbst. Bestimmt nicht an jenem Abend, als sie David Lassiters hartnäckigem Drängen nachgegeben hatte und mit ihm ins Bett gegangen war. Sie hatte sich geschmeichelt gefühlt, weil ein reifer, erfolgreicher Mann sich für sie interessierte. Immerhin hatte sie darauf bestanden, dass er ein Kondom benutzte. Sie hatte allerdings nicht damit gerechnet, dass das verfluchte Ding im entscheidenden Moment reißen könnte. Ihr Pech!

Seufzend legte Maddy sich die Hand auf den Bauch. Es würde nicht mehr lange dauern, bis sie zum ersten Mal das Leben spürte, das in ihr heranwuchs – Davids Kind. Aber David Lassiter war ihr Chef bei Lassiter, Owen und Cumberland, der drittgrößten Werbeagentur in New York, und nicht ihr Freund, geschweige denn ihr Verlobter. Er hatte von vornherein keinen Hehl daraus gemacht, dass er keinerlei Verwicklungen wünschte. Und eine Ehefrau schon gar nicht.

Aber Maddy wollte auch gar keinen Mann. Sie war sehr gut allein zurechtgekommen. Ein Mann würde alles nur verkomplizieren, würde sie womöglich nach der Heirat als sein Eigentum betrachten – und davor fürchtete sie sich am meisten.

Trotz allem hatte sie so viel Fairness besessen, dass sie Lassiter über die Schwangerschaft informierte. Ohne auch nur eine Sekunde zu zögern, hatte er sein Scheckheft gezückt und ihr einen ansehnlichen Betrag angeboten. Damit konnte sie seiner Ansicht nach problemlos eine Abtreibung vornehmen lassen.

„Gefühlloser Bastard“, schimpfte sie vor sich hin, während sie an seinen selbstgefälligen Gesichtsausdruck dachte. Wenn er nicht auch noch die Unverschämtheit besessen hätte, ihr mit der Kündigung zu drohen, falls sie sich seinem Wunsch nicht beugte, hätte sie bestimmt nicht so kopflos gehandelt und wäre zwei Wochen vor Weihnachten einfach abgehauen, um in den Armen ihrer Schwester Trost zu suchen. Mary Beth war der einzige Mensch, auf den sie wirklich zählen konnte. Leider lebte sie in Colorado.

Jetzt steckte Maddy im Schnee fest, und auf der Windschutzscheibe lag der Schnee so dicht, dass sie kaum etwas erkennen konnte. Sie wusste nur, dass sie in Colorado Springs auf den Highway 24 gefahren war. Da die Auffahrt in Denver’s Stapleton wegen der Schneeverwehungen gesperrt war, hatte sie eine Stunde später eine falsche Abfahrt genommen, war in dieser Einöde gelandet und hatte die Gewalt über den Wagen verloren.

Die Autovermieter würden sicher nicht begeistert sein – vorausgesetzt, sie würde sie jemals wieder sehen. Daran hatte sie im Augenblick erhebliche Zweifel.

Maddy griff nach der Handtasche und tastete nach ihrem Handy. Hoffentlich war der Akku noch nicht leer. Wenn sie jetzt ihre Schwester erreichte, wäre sie so gut wie gerettet. Mary Beth würde sofort ihren Mann losschicken. Und Lyle würde wissen, was zu tun war. Davon war sie überzeugt.

Ein Glück, der Akku war noch zu gebrauchen. Hastig wählte sie die Nummer der Randolphs. Es dauerte nur Sekunden, bis es am anderen Ende der Leitung klingelte, und sie erleichtert aufatmete.

Ihre Erleichterung hielt allerdings nur so lange an, bis sich eine unbekannte weibliche Stimme meldete. „Der von Ihnen gewählte Anschluss ist im Augenblick leider nicht erreichbar, bitte unterbrechen Sie die Verbindung und wählen Sie noch einmal.“

Maddy befolgte die Anweisung, doch nach einigen weiteren Versuchen gab die Batterie schließlich ihren Geist auf. Verzweifelt warf sie das nutzlose Handy auf den Rücksitz. Sie gehörte nicht zu den Frauen, die bei jeder Kleinigkeit in Tränen ausbrechen. Nein, sie war eher ein Kämpfertyp. Aber allmählich wurde ihr mulmig. Was sollte sie bloß tun? Nun kam auch noch der Hunger hinzu, weil sie nach einem hastig eingenommenen Frühstück nichts mehr gegessen hatte. Es war kaum auszuhalten. Kurz vor Weihnachten saß sie einsam und verlassen in dieser ungastlichen Gegend – hungrig und verfroren und hatte keine Ahnung, wie es weitergehen sollte.

Sie wusste nicht, wie lange sie da gesessen hatte, auf jeden Fall näherte sich ihr Stimmungsbarometer verdächtig dem Nullpunkt, als vor ihr in einiger Entfernung zwei Scheinwerfer zu erkennen waren.

Durch den dichten Schnee auf der Windschutzscheibe drang das Licht nur gedämpft zu ihr durch, aber bald hörte sie auch das Motorengeräusch eines näherkommenden Wagens.

„Hallo!“, hörte sie eine Männerstimme rufen, kurz nachdem das Geräusch verstummt war. „Ist da jemand?“

Sie hämmerte mit den Fäusten gegen die Scheibe auf der Fahrerseite. „Ja! Ich bin hier! Bitte helfen Sie mir.“ Das Herz klopfte ihr vor Aufregung bis zum Hals. Sie versuchte die Tür zu öffnen, aber der Schnee lag so hoch, dass es unmöglich war.

„Warten Sie einen Augenblick. Ich komme von der anderen Seite und versuche die Tür zu öffnen.“

Unter lautem Fluchen gelang es ihm einige Minuten später endlich.

Maddy atmete erleichtert auf. „Danke“, sagte sie leise und blinzelte, um die aufkommenden Tränen zurückzuhalten. Erst jetzt nahm sie den Mann, der sie gerettet hatte, richtig wahr. Er war groß, hatte blaue Augen und war über und über mit Schnee bedeckt. Sie konnte sich nicht erinnern, sich jemals mehr über irgendetwas oder irgendjemanden gefreut zu haben.

Pete Taggart half ihr kopfschüttelnd aus dem Wagen. Es war kaum zu glauben, sie trug hohe Pumps, einen dunkelblauen Hosenanzug mit winzigen goldenen Knöpfen, und einen Regenmantel, der wahrscheinlich nicht einmal gefüttert war.

Ein typisches Mädchen aus der Stadt. Er verzog verächtlich den Mund.

„Mit diesen Schuhen schaffen Sie es niemals bis zu meinem Wagen. Legen Sie mir die Arme um den Hals, dann werde ich Sie tragen.“

„Das ist nicht nötig“, erwiderte sie, und ihre Zähne klapperten vor Kälte. „Ich schaffe das schon.“

„Verflucht, natürlich ist es nötig. Sonst hätte ich es wohl kaum gesagt. Seien Sie nicht so stur und tun Sie, was ich Ihnen gesagt habe. Sonst erfrieren wir hier beide.“

Da ihr der Schnee beinahe bis zu den Knien reichte, streckte sie ihrem Retter ohne weiteren Protest die Arme entgegen. Während er sie mühelos hochhob, bereitete ihm der Weg durch den Schnee doch erhebliche Schwierigkeiten. Stellenweise lag er mehr als einen halben Meter hoch, und es dauerte einige Minuten, bis sie beide endlich in seinem Lieferwagen saßen. „Sie haben Glück gehabt, dass ich heute Nachmittag hier vorbeigekommen bin. Sie hätten erfrieren können. Diese Straße ist eine Privatstraße. Hier fährt kaum jemand entlang. Außerdem sieht Ihr Auto auch nicht gerade so aus, als wäre es bald wieder einsatzfähig.“

„Danke“, brachte sie trotz der klappernden Zähne endlich mühsam hervor. „Ich hatte nicht die Absicht, privates Gelände zu betreten. Ich wollte nach Leadville zu meiner Schwester und bin wohl vom Weg abgekommen.“ Sie hielt beide Hände vor die Heizung. Die warme Luft ließ ihre eiskalten Hände kribbeln. Es fühlte sich an wie tausend Nadelstiche.

Pete Taggart pfiff durch die Zähne. „Leadville ist meilenweit von hier entfernt und liegt außerdem in der entgegengesetzten Richtung. Sie befinden sich hier auf dem Land der Taggarts. Übrigens, ich bin Pete Taggart, und mir gehört diese Rinderranch hier.“

„Ich habe keine Ahnung, wie ich hierhergekommen bin.“

„Bei diesem Schnee kann man leicht die Orientierung verlieren. Ein Glück, dass ich noch nach meinem Bullen Henry sehen musste. Sonst hätte ich mich bei diesem Wetter niemals so weit vors Haus gewagt.“

Maddy gefiel es, dass er seinen Tieren Namen gab. Vielleicht war er ja doch nicht so hart, wie es zunächst den Anschein gehabt hatte. Sie zwang sich zu einem Lächeln. „Ich heiße Madeline Potter. Aber die meisten Menschen nennen mich Maddy.“

Sein Blick war starr auf die Straße gerichtet. „Was haben Sie sich eigentlich dabei gedacht, bei so einem Wetter mit dem Wagen loszufahren? Das war ziemlich unvernünftig. Aber Frauen und Vernunft …“

„Wie bitte?“ Maddy hoffte, dass sie sich verhört hatte.

„Sie haben mich schon richtig verstanden. Die meisten Frauen sind unvernünftig, wenn es um praktische Dinge geht. Es kann doch beispielsweise nicht so schwer sein, sich wettergemäß anzuziehen.“ Wieder bedachte er ihre Schuhe mit einem verächtlichen Blick. „Sie scheinen ganz eindeutig zu diesen Frauen zu gehören.“

Maddy kochte vor Wut. Immerhin taute sie auf diese Weise zumindest von innen auf. „Ich arbeite für eine angesehene New Yorker Werbeagentur. Ganz so dumm, wie Sie meinen, kann ich also nicht sein. Außerdem habe ich einen Studienabschluss mit Auszeichnung.“ Sie hätte ihm am liebsten auch noch erzählt, dass sie zeitweise drei verschiedene Jobs hatte, um ihr Studium überhaupt finanzieren zu können, und dass sie jahrelang auf jedes Vergnügen verzichtet hatte, um Karriere zu machen. Aber Cowboy-Pete würde das wahrscheinlich sowieso nicht begreifen.

„Was Sie nicht sagen. Hat man Ihnen an der Uni auch beigebracht, bei Schneesturm Auto zu fahren und dabei sein Leben aufs Spiel zu setzen?“

„Man hat mir beigebracht, selbstständig zu sein und mich in einer reinen Männerwelt zu behaupten. Und das ist mir bisher mit Erfolg gelungen. Man hat mir aber auch beigebracht, dass es frauenfeindliche Chauvinisten gibt. Solche wie Sie, Mr Taggart.“

„Oh, ich habe durchaus nichts gegen Frauen, Miss Potter“, erwiderte er zynisch. „Zumindest nicht gegen die Sanften und Hingebungsvollen.“

Maddy schluckte. „Mr Taggart, Sie sind ein … ein … Ach, ist ja auch egal“, unterbrach sie sich selbst mitten im Satz. Sie wollte nicht aussprechen, dass sie ihn für einen ungebildeten Neandertaler hielt, weil sie befürchtete, er würde sie kurzerhand im Schnee aussetzen. Also behielt sie ihre wenig schmeichelhafte Ansicht vorsichtshalber für sich.

Pete grinste, als er bemerkte, dass ihre Wangen vor Wut gerötet waren. „Wahrscheinlich haben Sie recht, Madam. Aber wenn ich nach draußen gehe, weiß ich zumindest, ob es regnet oder schneit. Und bei so einem Wetter bleibt man besser zu Haus. Wenn Sie es an der Uni nicht gelernt haben, dann doch sicher von Ihrem Vater?“

„Ich gebe ja zu, dass es dumm von mir war, bei diesem Wetter zu meiner Schwester fahren zu wollen. Aber es war mir ungeheuer wichtig. Ich konnte doch nicht damit rechnen, dass ich mich verfahre, und dass mein Wagen in den Graben rutscht.“ Maddy holte tief Luft und zwang sich, ganz ruhig bis zehn zu zählen. „Und was meinen Vater betrifft, Mr Taggart, so hat er seinen preisgekrönten Schweinen weitaus mehr Aufmerksamkeit entgegengebracht als meiner Schwester und mir. Wir wurden von unserer Mutter allein erzogen.“

Maddys Mutter war früh gestorben – nach Ansicht der Ärzte an einem Herzfehler. Doch Maddy hatte eine ganz andere Theorie. Sie war der festen Überzeugung, dass Andrew Potters Gleichgültigkeit, seine Eigenliebe und sein mangelndes Interesse an allem, was um ihn herum geschah, zumindest einer der Gründe war, die schuld an dem frühen Tod der Mutter waren.

Der Schmerz in Maddys Stimme war unüberhörbar. Deshalb wechselte Pete schnell das Thema. Die junge Frau hatte offensichtlich Probleme mit ihrem Vater, und er hatte nicht das geringste Interesse, Näheres darüber zu erfahren.

„Wir sind gleich da. Nach einem heißen Bad und einer warmen Mahlzeit fühlen Sie sich gleich wieder besser.“

Ein heißes Bad? War dieser Mann denn völlig verrückt geworden? Sie hatte keineswegs die Absicht, im Haus eines Fremden ihre Kleidung auszuziehen. Es war schon allein deshalb unmöglich, weil ihr Koffer immer noch im Kofferraum des Leihwagens lag. Daran hatte sie vorhin überhaupt nicht mehr gedacht. „Ich weiß Ihr Angebot zu schätzen, Mr Taggart, aber wenn Sie nichts dagegen haben, möchte ich nur kurz Ihr Telefon benutzen. Ich werde Sie nicht lange belästigen.“

„Das wird wohl nicht möglich sein, Madam“, sagte er, und Maddy bekam plötzlich Angst. Ihr wurde bewusst, dass sie keine Ahnung hatte, mit wem sie es hier zu tun hatte. Dieser Mann konnte ein Krimineller sein, ein Vergewaltiger oder ein sadistischer Mörder … Allerdings erinnerte er sie eher an den typischen Marlboro-Mann. Er wirkte unhöflich und arrogant.

„Sämtliche Telefonleitungen sind abgeschnitten, und wir haben keinen Strom mehr. Dieser Zustand kann unter Umständen Wochen anhalten, und bis morgen früh soll es noch einmal so viel Schnee geben. Ich glaube also kaum, dass Sie in nächster Zeit von hier wegkommen.“

„Aber … aber all meine Sachen sind noch im Auto“, sagte sie bestürzt. „Und meine Schwester erwartet mich doch.“ Letzteres entsprach nicht ganz der Wahrheit. Es war in ihrer augenblicklichen Situation eher eine Vorsichtsmaßnahme. Denn sie hatte darauf verzichtet, Mary Beth anzurufen. Für eine Diskussion am Telefon war die Angelegenheit viel zu wichtig und zu persönlich.

„Hätten Sie den Koffer nicht vorhin erwähnen können, als wir noch am Auto waren?“, fragte Pete gereizt. „Es wird eine Weile dauern, bis wir den Wagen abschleppen können.“ Vielleicht Wochen, dachte er bei sich. Willis Helmsleys Abschleppservice ließ nämlich zu wünschen übrig.

Maddy schenkte Pete Taggart wieder ihre Aufmerksamkeit. „Ich habe vorhin nur ans Überleben gedacht, Mr Taggart. Tut mir leid, wenn ich Ihnen Unannehmlichkeiten bereitet habe.“

„Es ist nicht so, dass ich nichts zum Anziehen habe, Miss Potter. Wir werden schon etwas für Sie finden.“ Er hatte Bethanys ganze Garderobe in Kisten auf dem Dachboden verstaut, aber die würde er niemals dieser fremden Frau anbieten.

Auch nach vier Jahren waren seine Erinnerungen an Bethany immer noch schmerzhaft. Und der Ärger nagte nach wie vor an ihm. Er empfand ihn wie eine offene Wunde, die nicht heilen wollte. Pete war sich nicht einmal sicher, ob er das überhaupt wollte. Sein Ärger gab ihm immerhin das Gefühl, am Leben zu sein. Und er sorgte dafür, dass er niemals vergaß, wie stur, egoistisch und dumm Frauen sein konnten.

Das vierstöckige Haus, das im viktorianischen Stil erbaut war, wirkte inmitten der unberührten weißen Pracht beinahe farbenfroh. Die Hauswände waren in mattem Gelb gehalten, während die Fensterläden dunkelgrün waren. Rundherum zog sich eine zimtfarbene Zierleiste, die an Pfefferkuchen erinnerte. Ein solches Haus hätte sie bei einem Mann wie Pete Taggart nicht vermutet. Sie konnte ihn sich eher in einer primitiven Holzhütte – oder noch eher in einer Höhle – vorstellen.

„Wie aus einem Märchen“, sagte sie hingerissen, als sie die großzügige Veranda betraten, die um das ganze Haus führte. Es musste ein Traum sein, in diesem Haus zu leben. Aber wie die Dinge lagen, würde Maddy sich wohl bis in alle Ewigkeit mit ihrer supermodernen, aber praktischen Wohnung in einem Hochhaus in Manhattan zufriedengeben müssen.

„Freut mich, dass es Ihnen gefällt. Das Haus ist seit Generationen im Besitz der Taggarts. Meine Urgroßmutter hat es bauen lassen, und sie hat darauf bestanden, dass immer ein Taggart darin wohnen sollte.“

„Dann hat sie ja Glück gehabt, dass es in Ihrer Familie genügend männliche Nachfahren gegeben hat.

Pete lachte. Natürlich war ihr auf den ersten Blick aufgefallen, dass er gut aussah. Das dunkle Haar, die strahlend blauen Augen und das markante Gesicht. Aber durch dieses Lachen, das sich auch in seinen Augen widerspiegelte, wirkte er viel entspannter und ausgesprochen anziehend.

„Das war keine Frage des Glücks. So hat man es mir zumindest erzählt. Meine Urgroßmutter Maggie war eine entschlossene Frau. Sie erwartete einfach, dass einer ihrer Söhne ihr einen Enkel schenken würde.“

„Schwer zu glauben, dass Sie so frauenfeindlich sind, wo Sie doch eine unglaubliche Persönlichkeit unter Ihren Vorfahren hatten. Ich glaube nicht, dass Ihre Urgroßmutter eine solche Haltung tolerieren würde.“ Er erwiderte nichts, doch das Lächeln war verschwunden. Offensichtlich war sie zu weit gegangen.

Na großartig! Maddy schlug sich die Hand vor den Mund. Sie würde wohl niemals lernen, ihre Meinung für sich zu behalten. Manchmal war es vielleicht von Vorteil. Andererseits bezahlten ihre Kunden viel Geld dafür, ihre Meinung zu hören. Ihre Werbeideen waren ausgesprochen gefragt.

In kürzester Zeit hatte sie bei Lassiter, Owens und Cumberland Karriere gemacht. Zumindest bis jetzt. Ihre Schwangerschaft setzte all dem ein abruptes Ende. Aber darüber würde sie später in Ruhe nachdenken.

Pete schleppte Maddy wie einen Sack Kartoffeln ins Haus. Mitten im Flur stellte er sie wieder auf ihre eigenen Füße, als sie auch schon von einem bellenden schwanzwedelnden Etwas begrüßt wurden.

Maddy bückte sich lächelnd, um den Hund zu kraulen. Aus Dankbarkeit leckte er ihre Hände.

„Fühlen Sie sich bitte ganz wie zu Hause. Das Gästezimmer befindet sich in der ersten Etage gleich links, wenn Sie die Treppe hochkommen. Direkt nebenan liegt das Badezimmer. An der Tür müsste ein Bademantel hängen, falls Sie ein heißes Bad nehmen möchten. Ich muss noch einmal kurz weg, um nach den Tieren zu sehen. Es dauert aber nicht lange.“ Pete pfiff nach dem Hund. „Komm, Rufus, lass uns gehen.“ Rufus folgte ihm widerwillig. Er war ihm anzusehen, dass er lieber im Warmen geblieben wäre.

Maddy nickte nur. „Danke“, murmelte sie, doch da war Pete schon im Schneegestöber verschwunden. Sie zog die Schuhe aus und bewegte die eiskalten Zehen. Sie spürte kaum die harten Holzdielen, über die sie lief, um ein Zimmer nach dem anderen zu inspizieren. Das große Wohnzimmer im vorderen Teil des Hauses war mit antiken Möbeln ausgestattet. An der hellen Blumentapete hingen Familienfotos der Taggarts. Es sah beinahe aus wie eine Ahnengalerie. Ihr Blick fiel auf ein altes Bild, das zwei gut aussehende Männer zeigte, die einander so ähnlich waren, dass sie Brüder sein mussten.

Nachdem sie Petes Einladung, das Badezimmer zu benutzen, gefolgt war, ging sie wieder nach unten und betrat die Küche. Es war alles da, was sie zum Teekochen benötigte, deshalb nahm sie ihren Gastgeber beim Wort und tat so, als wäre sie zu Hause. Sie setzte einen Kessel mit Wasser auf.

Obwohl ein großer Ofen, der mit Holz gefeuert wurde, eine heimelige Wärme verbreitete, fror Maddy immer noch. Während sie darauf wartete, dass das Wasser kochte, ließ sie sich auf einem der schweren rustikalen Holzstühle nieder. Der große Tisch sah so aus, als hätte er schon einige Generationen überdauert. Er war mit tiefen Kratzern und Kerben regelrecht übersät.

Darüber hinaus war die Küche mit sämtlichen modernen Geräten ausgestattet, die man sich nur wünschen konnte, und doch hatte sie den Charme des Altherkömmlichen nicht verloren.

Der Kessel pfiff, und nachdem Maddy in einer Kupferdose auf der Anrichte die Teebeutel entdeckt hatte, bereitete sie eine Kanne Tee zu. „Himmlisch“, sagte sie beim Anblick der dampfenden Flüssigkeit, trank vorsichtig einen Schluck und spürte sofort, wie die Wärme sich im ganzen Körper ausbreitete.

Die Hintertür schlug zu, und kurze Zeit darauf trat Pete Taggart in die Küche. Rufus folgte ihm auf den Fersen, legte sich ganz selbstverständlich auf einen Teppich dicht am Ofen und schlief ein.

Pete hatte seine Jacke und seine Stiefel ausgezogen, aber auch die Hose war voller Schnee. Unter dem feuchten Stoff zeichneten sich seine muskulösen Oberschenkel deutlich ab. Maddy ertappte sich selbst dabei, dass sie ihn anstarrte, und wandte vorsichtshalber den Blick ab. „Ich hoffe, Sie haben nichts dagegen, dass ich mir eine Kanne Tee gekocht habe“, sagte sie hastig, um auf andere Gedanken zu kommen. Petes Gesicht war dunkelrot vor Kälte.

„Ich habe überhaupt nichts dagegen, wenn für mich auch eine Tasse abfällt.“ Er blies sich in die Hände, um sie zu wärmen.

Maddy schenkte eine weitere Tasse ein und stellte sie vor ihn auf den Tisch. „Ein Glück, dass Sie beim Kochen nicht auf Strom angewiesen sind. Sonst würden wir ganz schön in der Klemme sitzen.“

„Das gilt leider nur für den Herd. Die anderen Geräte benötigen Strom. In gewisser Hinsicht sitzen wir also schon in der Klemme. Glücklicherweise gibt es im Haus aber genügend Petroleumlampen. Und das Holz für die Kamine wird auch ausreichen.“

„Anscheinend sind Sie an solche Situationen gewöhnt.“

Pete zuckte die Achseln. Er versuchte den Blick von ihrem weichen goldbraunen Haar abzuwenden, welches das fein geschnittene Gesicht sanft umrahmte. Auch das lebendige Funkeln in ihren grünen Augen verwirrte ihn. „Es bleibt mir wohl nichts anderes übrig. Ich lebe immerhin schon seit sechsunddreißig Jahren so. Trotzdem werde ich morgen nach dem Generator sehen. Wenn er funktioniert, ist vieles einfacher.“

„Gibt es hier in der Nähe eine Stadt? Bei dem Schneesturm vorhin war es unmöglich, etwas zu erkennen. Ich muss den Wagen reparieren lassen.“

„Die nächste Stadt heißt Sweetheart. Sie liegt etwa zwölf Meilen westlich von hier. Wenn Sie aber Einkaufspassagen oder Kinos suchen, sind Sie dort völlig fehl am Platze. Dann müssten Sie schon nach Colorado Springs oder Canyon City fahren. Und was Ihr Auto angeht … selbst wenn Willis es aus dem Graben ziehen könnte, so ist noch längst nicht sicher, dass er die nötigen Ersatzteile für die Reparatur parat hat. Er müsste sie in Denver bestellen, und das kann dauern. Außerdem hasst Willis es, bei dieser Kälte zu arbeiten.“

Maddy war verzweifelt. „Aber ich brauche mein Auto. Ich muss …“

„Sie müssen erst einmal abwarten, bis das Wetter besser wird. Es gibt Dinge, die wir einfach nicht ändern können. Damit müssen Sie sich nun einmal abfinden.“

„Aber ich möchte Ihnen nicht zur Last fallen, Mr Taggart. Gibt es denn wenigstens ein Hotel oder ein Gasthaus in der Nähe?“

Pete nickte. „In Sweetheart gibt es beides – Flannery’s Motel und das Sweetheart Inn.“ Maddy atmete erleichtert auf, doch er war noch nicht fertig. „Aber in der Weihnachtszeit sind sie völlig ausgebucht. Sie haben keine Chance, ein Zimmer zu bekommen. Sie werden wohl mit mir vorlieb nehmen müssen – zumindest vorübergehend.“

„Aber das ist doch …“

„Sweetheart ist nicht New York, Miss Potter. Ich denke, das werden Sie schon bald selbst herausfinden.“

Maddy lächelte. „Ich denke, das wird nicht nötig sein. Ich kann es mir sehr gut vorstellen, weil ich in einem kleinen Dorf in Iowa aufgewachsen bin.“ Dass sie das Leben dort gehasst hatte, behielt sie lieber für sich. Sie war von zu Hause weggezogen, sobald sie achtzehn war. Ihr Vater hatte es wahrscheinlich nicht einmal bemerkt. Ihre Mutter war schon lange tot, und Mary Beth hatte ihren Highschool-Freund Lyle Randolph geheiratet. Es gab also nichts mehr, was sie dort gehalten hätte, denn Andrew Potters einzige Leidenschaft waren seine Schweine.

Maddys Vater lebte immer noch allein auf der kleinen Farm. Mary Beth hatte noch gelegentlich Kontakt mit ihm, während Maddy seit Jahren kein Wort mehr mit ihm gewechselt hatte. Sie hatten sich nichts zu sagen.

„Wenn man aus Iowa kommt, muss New York der reinste Kulturschock sein“, lenkte Pete ihre Aufmerksamkeit wieder auf sich.

„Zuerst schon. Aber ich habe mich schnell eingewöhnt. Diese Großstadt hat einen eigenen Herzschlag. Überall pulsiert das Leben. Es war eine ganz neue Erfahrung. Man fühlt sich niemals allein.“ Zwar einsam, aber niemals allein.

„Ich war einmal dort, mit meiner …“ Beinahe hätte er Frau gesagt, doch im letzten Moment hielt er inne. Er wollte nicht mit Fremden über Bethany reden.

Wollen Sie wissen, wie es weiter geht?

Hier können Sie "Zwei unter einer Decke" sofort kaufen und weiterlesen:

Amazon

Apple iBookstore

ebook.de

Thalia

Weltbild

Viel Spaß!



Kaufen