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Zwei Western: Weidekrieg/ Tötet Shannon!

Thomas West

Zwei Western: Weidekrieg/ Tötet Shannon!

Cassiopeiapress Western





BookRix GmbH & Co. KG
80331 München

Zwei Western: Weidekrieg / Tötet Shannon

von Thomas West

Ein CassiopeiaPress E-Book

© by Author

© der Digitalausgabe 2014 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

Der Umfang dieses Ebook entspricht 233 Taschenbuchseiten.

Weidekrieg

Ein einsamer Reiter gerät in einen erbarmungsloser Kampf um Land, Macht und Leidenschaft.
Ein Roman um die Pionierzeit des amerikanischen Westens, tabulos und drastisch dargestellt.

1

Die Reiter kamen kurz nach Sonnenaufgang. Timothy Hardin hatte gerade den Ochsen vor den Pflug gespannt und stapfte hinter ihm her über die aufgerissene Erde. In seiner Hütte hörte er den Kleinen plärren und seine Frau singen. Vor dem Verschlag hockte sein Ältester und melkte die Ziegen. Die fünfjährige Tochter sah ihm dabei zu.

Die Reiter waren zu sechst. In gestrecktem Galopp ritten sie von Osten, von den Ausläufern der Brady Mountains heran. Die Schöße ihrer Ledermäntel wehten hinter ihnen her wie Kriegsstandarten. Halstücher verhüllten ihre Gesichter. Timothy entdeckte sie erst, als die Schüsse fielen. Vor ihm brach sein Ochse zusammen. Die Ziegen flohen meckernd ins Grasland hinaus, und seine Kinder schrien und stürzten durch den niedrigen Eingang in die Hütte.

Und dann waren sie bei ihm. Zwei ritten um ihn herum, vier sprangen vor der Hütte aus den Sätteln und drangen in Timothys ärmliches Zuhause ein. Er hörte seine Frau und seine Kinder schreien.

Einer der Reiter trug einen Vollbart. Timothy sah das graue Gestrüpp am Kiefergelenk des Mannes, wo das Halstuch die Gesichtshaut nicht vollständig abdeckte. Der Mann packte ihn vom Sattel aus an den Haaren und schleifte ihn durch die aufgepflügte Erde zu seiner Hütte. Dort stieß er ihn in den Dreck.

Der Schock erstickte jeden Gedanken an Gegenwehr in Timothy. Er war nicht einmal in der Lage, ein Wort der Beschwichtigung oder die Bitte um Gnade von sich zu geben. Er lag einfach im Staub und starrte in die zwei Gewehrläufe über sich.

Seine Frau und seine drei Kinder wurden aus der Hütte gestoßen. Sein Ältester blutete aus Nase und Mund. Seine Frau war blass und genauso stumm wie er selbst. Sie presste die zerrissene Bluse vor ihre entblößte Brust. Seine fünfjährige Tochter wimmerte vor Angst. Sie zitterte am ganzen Körper.

Eine Stiefelspitze traf Timothy in den Nieren. Der Schmerz raubte ihm für Sekunden die Besinnung.

"Steh auf!", schrie ihn einer der Männer an. Ein kleiner, drahtiger. Er konnte nicht besonders alt sein, denn seine Stimme klang wie die eines Halbwüchsigen. "Du sollst aufstehen, Hardin!"

Keuchend rappelte Timothy sich hoch. Die entsetzten Blicke seiner Kinder hingen an ihm.

"Tut mir leid um den Ochsen", sagte der mit dem grauen Bart unter dem Tuch. Er sprach ganz ruhig, und es klang, als würde er lächeln dabei. "Wir haben ihn für einen Büffel gehalten." Er hob die Achseln, als wollte er sich entschuldigen. "So geht es, wenn man Grasland umpflügt, das einem nicht gehört. Da kommen friedliche Männer über ihre Weide geritten, meinen, ein Büffel hat sich auf ihr Land verirrt, und Peng! Auf einmal hat so eine jämmerliche Wühlmaus wie du einen Ochsen weniger."

Der Maskierte schaute sich um. "Es ist doch hoffentlich nicht dein einziger gewesen? Na egal - du brauchst sowieso keinen mehr. Pack deine Sachen zusammen!"

Timothy wollte sagen, dass das Land sein Land sei, dass die Regierung per Gesetz jedem fünfundsechzig Hektar Land zugesprochen hatte, der mutig genug war, es zu besiedeln, dass er den beschwerlichen Weg von Lexington, Kentucky, hierher in dieses wilde Land auf sich genommen hatte, weil er mutig genug war. Und weil er an eine bessere Zukunft glaubte.

Aber er sagte nichts von alledem. Die Regierung saß weit weg in Washington. Und in Texas machten sich die Menschen ihre eigenen Gesetze. Drei Monate war er erst hier im tiefen Westen - aber das hatte er schon begriffen.

Die wenigen Habseligkeiten flogen aus der Tür und dem Fenster der Hütte. Hastig rafften Timothy und seine Familie alles zusammen, was sie tragen konnten.

Die Männer rissen die Grassodenwände und das Dach zusammen. Bald glich Timothys Behausung einem Erdhaufen. Nicht alle drei Ziegen hatten fliehen können. Eine war im Stall angebunden gewesen. Die Männer erschossen sie.

Schließlich packten zwei von ihnen seinen Ältesten. Der mit der Knabenstimme bohrte ihm den Lauf seines Revolvers in den Mund. "Wir sind keine Unmenschen, Hardin. Deswegen verzeihen wir dir noch einmal, dass du dich versehentlich auf einem Stück Land ansiedeln wolltest, das dir nicht gehört. Aber solltest du dich je wieder hier blicken lassen..." Er spannte den Hahn seines Revolvers.

Timothys Frau schrie laut. Seine kleine Tochter klammerte sich an den Ledermantel des Mannes. Der Junge ging in die Knie. Seine flehenden Augen stachen Timothy ins Herz.

Der Mann stieß das Mädchen von sich und zog den Revolverlauf aus dem Mund des Jungen. "Ich denke, wir haben uns verstanden..."

Minuten später hasteten Timothy und seine Familie ins weite Grasland hinein. Einer höchst ungewissen Zukunft entgegen...



2

Ein starker Westwind fegte über das hohe Gras. Wie grünes Wasser wogte es hin und her. Gewitterwolken zogen von Westen her über das Grasland. Die ersten Regentropfen klatschten auf Johnny Potters Hutkrempe und in die Mähne seines Pferdes. Er schien es nicht einmal zu bemerken.

Reglos saß er im Sattel. Und sah hinunter auf die Farm am Fuß des Hügels. Oder auf das, was von ihr übriggeblieben war.

Eine Viehherde weidete um das zerfallene Anwesen herum, dort wo Johnny früher mit seinem Vater den Boden umgepflügt und Mais angebaut hatte. Zwölf Jahre waren vergangen, seit er zum letzten Mal hinter Ochsengespann und Pflug durch die dampfende Erde gestapft war.

Einige Rinder grasten vor der Veranda des Farmhauses. Vor zwölf Jahren hatte man dort kaum einen Halm gefunden. Jetzt stand das Gras kniehoch.

Rundhölzer ragten aus dem Gras. Ein paar Latten hingen schräg an ihnen herunter. Überreste des Zaunes, der einst die gesamte Farm umschlossen hatte.

Links neben dem Anwesen, gleich hinter dem ehemaligen Ochsenstall, standen drei alte Eichen. Der Wind zerwühlte ihre dichten Laubkronen. Früher, als kleiner Junge, waren die Bäume Johnny Potters liebster Spielplatz gewesen. Jetzt lagen Rinder wiederkäuend zwischen den Stämmen.

Der Regen nahm zu. Das Pferd, eine rotbraune Stute, schnaubte und schüttelte sich. Johnnys Rechte zuckte, der Zügelriemen tätschelte ihren Hals. Sie setzte sich in Bewegung und trabte den Hügel hinunter.

Die Longhorn-Rinder schauten ihm gelangweilt entgegen, als er die Reste des Gatters passierte, durch das man früher in den Hof der Farm geritten war.

Vor dem verlassenen Haus stieg er aus dem Sattel. Sein Pferd beugte den Kopf ins Gras und begann an den Halmen zu zupfen.

Johnny schritt an der moosbedeckten Hausfassade entlang. Ein schwerer zerklüfteter Stein schien hinter seinem Brustbein zu ruhen. Zwölf Jahre - eine lange Zeit...

Nach zwölf Jahren wieder nach Hause kommen - das wäre Grund genug für ein paar sentimentale Minuten gewesen. Aber Johnny Potter kam nach Hause, und es gab kein Zuhause mehr...

Langsam ging er um den Holzbau herum. Überall fehlten Balken und Bretter. Im Dach klafften große Lücken. Die Fensterrahmen fehlten, die Eingangstür ebenfalls, auch die meisten Holzdielen der Veranda.

Vom Ochsenstall standen nur noch Rückfront und die Eckbalken, der Geräteschuppen fehlte vollständig. Irgend jemand hatte sich hier mit Baumaterial eingedeckt.

Kein Wunder - man musste schon ein Stück reiten, um Holz zu finden. Johnnys Vater hatte es vor fünfunddreißig Jahren über den nahen Concho River aus den Brady Mountains herangeschafft. Damals war Johnny noch nicht geboren gewesen.

Der erste Blitz zuckte über den dunklen Himmel. Donner grollte. Johnny betrat das Haus durch ein großes Loch in der rückseitigen Fassade. Es roch nach Staub, Moder und Tierkot. Fledermäuse flatterten an ihm vorbei und flüchteten ins Freie. Vor der kleinen Kammer, die er während seiner Kindheit und Jugend mit seinem älteren Bruder Billy geteilt hatte, blieb er stehen.

Draußen krachte ein Donnerschlag aus dem Himmel. Regen trommelte aufs Dach. Ungerufen blitzten die alten Bilder in Johnnys Schädel auf.

Billy und er in einem Bett, wenn die heftigen Sommergewitter über dem Grasland niedergingen. Billy und er auf den Holzbohlen kniend, während Mom mit der Petroleumlampe in der Hand das Nachtgebet sprach. Billy und er unter dem Bett, wenn Dad mit der Ochsenpeitsche hinter ihnen her war. Und so weiter, und so weiter.

Der Stein in Johnnys Brust schien anzuschwellen. Tränen stiegen ihm den Hals hinauf. Er schluckte sie hinunter.

Ein Scharren drang aus der Kammer. Dann tippelnde Schritte. Johnny wich einen Schritt zurück. Seine Linke legte sich auf den Kolben seines .44er Colt-Walkers.

Aus dem Halbdunkel der kleinen Kammer schälte sich der Schatten eines Tieres - buschiger Schwanz, lange Schnauze, nicht viel größer als ein Terrier. Draußen zuckte ein Blitz über den Himmel. Für einen Moment wurde das schwarzweiße Fell des Tieres sichtbar - ein Skunk.

"Bullshit!", zischte Johnny und wich in den großen Wohn- und Essraum zurück. Das Stinktier wuselte durch das Fassadenloch ins Freie.

Johnny drehte sich um - im leeren Rahmen der Eingangstür stand ein Mann. Klein, struppige graue Haare, Vollbart, Hosenträger über einem ehemals weißen Unterhemd, vielleicht vierzig Jahre alt. Er trug eine doppelläufige Schrotflinte bei sich. "Hallo Mister - jagen Sie Ratten hier?"

Johnny musterte das eingefallene Gesicht des Mannes. Er sah krank aus. Wie einer, der zuviel trinkt und zu wenig schläft. "Ich heiße O'Rourke", sagte der struppige Bursche. "Samuel O'Rourke." Er entblößte ein lückenhaftes Gebiss. Wahrscheinlich der Versuch eines Lächelns. Das erstarb ihm auf den Lippen, als Johnny langsam auf ihn zuging.

John Potter war ein großer Mann. Ein kantiger großer Schädel saß auf seinen breiten Schultern. Blonde Haare hingen ihm strähnig in die Stirn. Eine eindrucksvolle Erscheinung alles in allem. Man sah ihm die harten Jahre nicht an, die hinter ihm lagen.

"Ich meine, es geht mich natürlich nichts an, was Sie hier treiben..." O'Rourke wich zur Seite, und Johnny schob sich an ihm vorbei. Der Regen prasselte auf das löchrige Vordach der Veranda. Sein Pferd hatte sich unter die Eichen hinter der Stallruine geflüchtet. Ein Maultier stand vor der Veranda, festgebunden an den Überresten des Geländers. Neben ihm im Gras lag ein schwarzer Wolfshund, ein riesengroßes Vieh.

"... wahrscheinlich wollten Sie sich irgendwo unterstellen wie ich...", stammelte O'Rourke. "... oder einfach nur pinkeln..."

Johnny setzte sich auf die Vortreppe. Der Hund sprang auf und kläffte ihn an.

"Gib Ruhe, Grant!", rief der kleine struppige Kerl. Der Wolfshund verstummte. "Er schlägt sofort an, wenn er einen Fremden sieht." Der Mann breitete entschuldigend die Hände aus. "Ist sein Job."

"Einen Fremden..." Johnny stieß ein bitteres Lachen aus. "Ich bin hier aufgewachsen, verdammt noch mal!" Er zog einen Tabaksbeutel aus der Brusttasche seines Hemdes und begann sich eine Zigarette zu drehen.

"Dann sind Sie ein Sohn von Mr. Potter?", staunte O'Rourke.

Überrascht sah Johnny auf. "Sie kennen meinen Vater?"

"Und Ihre Mutter!", rief der kleine struppige Mann. "Und ob ich Kate und Will kenne...!" Er unterbrach sich, als hätte er etwas Falsches gesagt. "... kannte", korrigierte er sich mit gesenkter Stimme. "Sie wissen...?"

"Ja." Johnny zündete sich die Zigarette an. "Ich weiß, dass sie tot sind. Der County Sheriff hat es mir geschrieben."

"Al Buckley hat es Ihnen geschrieben?"

"Ja", sagte Johnny. "Den County kennen Sie auch?"

Der Mann nickte.

Eine Zeitlang schwiegen sie. Der Wolfshund trottete zu Johnny und beschnupperte dessen Stiefelspitzen. Johnny kraulte ihm das Nackenfell.

"Das läßt er sich nicht von jedem gefallen", staunte O'Rourke. Jetzt erst fielen Johnny die gelben Zahnstummel und die schwieligen Hände des Mannes auf. "Wollen Sie ihre Gräber sehen?", fragte O'Rourke mit gesenkter Stimme.

Johnny nickte. Gemeinsam gingen sie durch das hohe Gras über den ehemaligen Farmhof zu den drei alten Eichen. Der Hund trottete neben ihnen her.

Grant, dachte Johnny bitter. Vor einem Jahr noch hätte er es witzig gefunden, einem Hund mit dem Namen eines Nordstaaten-Generals zu begegnen. Aber inzwischen hatten die Yankees den Krieg gewonnen und feierten General Ulysses Grant als Kriegshelden.

Johnny hatte den höchsten Militär der Union tausendmal verflucht. Zuletzt im Kriegsgefangenenlager von Lewisburg, West-Virginia. Der Hund weckte traurige Erinnerungen...

Regenwasser tropfte von Johnnys Hut.

Die Rinder erhoben sich, als sie die Bäume erreichten. Träge bewegten sie ihre massigen Leiber aus dem Schutz der Eichen ein Stück weit in die Weide hinein. Dort blieben sie stehen und beäugten die Männer und den Hund abwartend.

Hinter den Eichen sah Johnny einen Steinwall. Mehr als kniehoch zäunte er ein quadratisches Stück Erde ein. Von fünf Schritten Seitenlänge vielleicht. Dahinter zwei Holzkreuze.

"Wer hat die Steine aufgeschichtet?", wollte Johnny wissen.

"Ich", sagte O'Rourke.

Johnny trat an den Steinwall und zog seinen Hut ab. Wasser floss über seine Hand. Eingekerbt in das verwitterte Holz der Kreuze waren die Namen seiner Eltern: Kathrin Potter, William Potter. Darunter das Todesdatum. Unter jedem Namen dasselbe: 8. Januar, 1865. Das letzte Kriegsjahr. Gerade mal zwanzig Monate her.

Vor den Kreuzen erhoben sich zwei Hügel aus Steinen. Auf jedem Steinhügel lag ein vertrocknetes Bündel aus Weizenähren und Kornblumen. Das Gras innerhalb des Steinwalls war kurzgeschnitten.

"Wer pflegt die Gräber?", fragte Johnny.

"Ich." O'Rourke zuckte mit den Schultern, als wollte er sich entschuldigen.

"Was bin ich Ihnen schuldig, O'Rourke?"

"Nichts," wehrte O'Rourke ab. "Will, Kate und ich waren Freunde. Meine Familie und ich kamen noch im selben Jahr hierher, als die Regierung das Heimstättengesetz beschlossen hat. Das Land, das wir absteckten, grenzte an das Land Ihrer Eltern. Kate und Will halfen uns, Fuß zu fassen. Will lieh mir Pflug und Ochsen aus, Kate half meiner Liz mit den Kindern. Ohne die beiden hätten wir unser Haus niemals in drei Monaten bauen können. Dabei waren sie ja nicht mehr die jüngsten. Vier Jahre ist das jetzt her..."

"Verstehe", sagte Johnny. "Wie sind sie umgekommen?"

Der andere senkte den Blick.

"Indianer", sagte er leise. "Comanchen."

Das konnte vieles bedeuten: Erstochen, aufgeschlitzt, skalpiert, von Pfeilen durchbohrt - Johnny hakte nicht nach. Aus seiner Zeit als Texas Ranger wusste er, wie Menschen starben, an denen kriegerische Comanchen ihren Zorn austobten.

"Kate hat von Ihnen erzählt", sagte O'Rourke vorsichtig. "Und von Ihrem Bruder."

"Mein Vater nicht?"

O'Rourke antwortete nicht. Johnny schien es auch gar nicht erwartet zu haben.

"Wir verstanden uns nicht, Dad und ich. Bin früh weg. Mit siebzehn. Vor zwölf Jahren. Hab' mich als Cowboy durchgeschlagen unten in Austin, danach als Postkutschen-Begleitschutz bei der Wells Fargo, dann eine Zeitlang bei den Rangers..."

"Und dann der Krieg?", fragte O'Rourke leise.

"Dann der Krieg", nickte Johnny.

"Und Ihr Bruder?"

"Gefallen." Johnny setzte sich den Hut wieder auf. "Wahrscheinlich können Sie sich bald revanchieren, Sammy - ich werde die Farm wieder aufbauen. Da brauch' ich ein paar Hände, die zupacken können."

O'Rourkes Gesicht wurde plötzlich sehr ernst. "Das wird nicht gehen, Mr. Potter", sagte er. Die Heiserkeit in seiner Stimme ließ Johnny aufhorchen. "Das Land gehört jetzt Abraham Masters." Johnny sah ihn fragend an. "Das ist der größte Viehzüchter zwischen San Angelo und Fort Worth."

Er deutete auf die Longhorn-Rinder im hohen Gras. "Das Vieh hier trägt sein Brandzeichen." Dann wieder diese entschuldigende Geste. "Aber bei Mister Masters werden Sie sicher Arbeit finden..."

"So, werd' ich das..." Der Name Masters war Johnny nicht unbekannt. Schon vor zwölf Jahren, als er von zu Hause fortging, hatte der Mann jedes Wasserloch beschlagnahmt, das er kriegen konnte. "Gibt's inzwischen ein Hotel in Paint Rock?"

"O ja", nickte O'Rourke. "Zwei. Und in jedem ein Saloon."

Johnny stieg auf sein Pferd. "Vielen Dank für alles, Sam", sagte er. "Ich kümmere mich ab jetzt um die Gräber. Und ich melde mich bei euch, wenn ich soweit bin, die Farm wieder aufzubauen."

"Vergiss es, Johnny!" O'Rourke machte ein wehmütiges Gesicht. "Aber wenn du uns besuchst, freuen wir uns trotzdem."

Johnny winkte und lenkte sein Pferd zu der kleinen Gruppe Rinder neben den Eichen. Seine Augen suchten die Flanken der Tiere ab. Und entdeckten das schwarze "M"...



3

"Da kommt er, Wash." Rosanne Masters tat, als würde sie hingebungsvoll ihren rotbraunen Hengst striegeln. Aus den Augenwinkeln beobachtete sie den schwarzgekleideten Mann, der eben einen Steinwurf von ihr entfernt die steinerne Vortreppe des Hauptgebäudes herunterschritt.

Jesse Harper. Alles an dem Mann war schwarz: die Hose, das Hemd, die Lederweste, der Patronengurt um seine Hüften, die beiden Revolverholster. Schwarz auch sein langes glattes Haar, das ihm aus dem schwarzen Hut heraus bis über die Schulter fiel. Nur die Beschläge seiner beiden Remington-Revolver funkelten silbrig in der Morgensonne.

Jesse Harper arbeitete erst seit zwei Monaten für Rosannes Vater. Trotzdem war er schon zum Vorarbeiter aufgerückt. Ein exzellenter Reiter und ein Schütze, der mit links genauso gut traf wie mit rechts. Niemand wusste viel über seine Vergangenheit. Im Bürgerkrieg hatte er für die Konföderierten gekämpft, als Kavallerist. Mehr hatte auch Rosannes Vater nicht erfahren.

Einigen der Cowboys passte die Sonderstellung nicht, die der Neue auf der Masters-Ranch einnahm. Sheldon Harrison zum Beispiel. Harpers Vorgänger als Vorarbeiter hatte gekündigt. Und drei gute Leute mitgenommen. Zwei Wochen nachdem Harper auf der Masters-Ranch aufgetaucht war. Die vier Cowboys arbeiteten jetzt für Wicliff, den Pferde- und Schafszüchter. Dads Erzrivale.

Rosanne und ihr Vater ließen jeden laufen, der nicht bleiben wollte. Die Männer in der Gegend rissen sich darum, für die Masters-Ranch arbeiten zu können. Abraham Masters zahlte dreißig Dollar pro Woche.

Rosanne trauerte Sheldon Harrison nicht nach. Er war in ihren Augen kein Mann gewesen. Gut im Sattel, nicht schlecht mit dem Revolver. Aber zu weich, wenn es darum ging, jemanden zu töten. Und zu feige, die Tochter des Ranchers auch nur anzuschauen. Rosanne aber wollte mehr als nur mit den Augen ausgezogen zu werden.

Dieser Jesse Harper jedoch - vielleicht war er ein ganzer Mann. Rosanne hatte ihn die zwei Monate beobachtet. Er machte den Eindruck, als würde er für einen guten Fick seinen Job riskieren. Jedenfalls verging kaum ein Tag, an dem sie nicht seine begehrlichen Blicke auf ihrem Körper spürte. Höchste Zeit, auszuprobieren, wie weit er sich vorwagen würde.

"Er geht in den Stall, Wash." Rosanne sah, wie Harper über den weitläufigen Ranch-Hof die große Pferdestallung ansteuerte. Ein paar Schritte entfernt nur ging er an ihr und ihrem Hengst vorbei. Er tippte sich an den Hut. "N'Morgen, Ma'am." Dann verschwand er hinter dem doppelflügligen Tor im Pferdestall.

Rosanne blickte sich um. Vor der Schmiede auf der anderen Seite des Hofes waren drei Cowboys damit beschäftigt, einem Pferd neue Hufe zu verpassen. Aus dem Geräteschuppen neben dem Hauptgebäude hörte sie Hammerschläge. Irgend jemand reparierte dort Rosannes Zweisitzer. Aus der langgezogenen Baracke an der nördlichen Schmalseite des Hofes drangen laute Stimmen. In der Unterkunft der Cowboys schienen sich einige Männer zu streiten.

Rosanne konnte niemanden entdecken, der sie beobachtete. Sie schnappte die Zügel ihres Hengstes. "Komm mit, Wash." Sie löste die oberen beiden Knöpfe ihres grauen Hemdes. Der Rotfuchs trottete hinter ihr her in den Stall.

Washington hatte sie ihr Pferd genannt. George Washington gehörte zu den wenigen Männern, die ihrem Bild eines wirklichen Mannes entsprachen: stahlhart, willensstark, mutig und ein Gewinner auf der ganzen Linie. Rosanne wußte nichts über das Liebesleben des ersten amerikanischen Präsidenten. Aber in ihrer Fantasie war er ein unersättlicher Liebhaber gewesen.

Jesse Harper stand bei seinem Rappen, als Rosanne die Stallung betrat. Er tätschelte den Hals des Tieres und blickte auf, als er die Schritte der Frau und ihres Pferdes hörte. Ihre Blicke begegneten sich.

Rosanne schloss das Tor hinter ihrem Pferd. "Du musst mal nach Wash schauen, Jesse", sagte sie. "Sein rechter Vorderhuf gefällt mir nicht." Sie führte den Hengst ans andere Ende des Stalles an seinen gewohnten Platz. "Er scheint mir ein bisschen zu hinken. Nicht, dass er in einen Nagel getreten ist."

Jesse Harper gab seinem Rappen einen Klaps auf den Hals und ging zu Rosanne. Sie kniete vor den Vorderläufen ihres Hengstes. Jesse ging neben ihr in die Hocke. "Lass mal sehen." Er tastete den Vorderlauf des Pferdes ab und untersuchte den Huf. Rosanne sog die Luft durch die Nase ein. Der Mann roch nach Schweiß, Erde und Leder.

Sie rückte näher. "Hier." Ihr Finger legte sich auf eine dunkle Stelle am Innenrand des Hufeisens. Ihr Knie berührte Jesses Unterschenkel. "Was ist das?"

"Dreck." Harper kratzte die Stelle mit dem Fingernagel weg und ließ den Huf des Pferdes los. "Und was ist das?" Er legte den Finger auf die nackte Haut zwischen den Knopfleisten ihres Hemdes.

Heiß schoss es ihr von der Brust in den Schoß. Doch Rosanne ließ sich ihre Erregung nicht anmerken.

"Wovon sprichst du, Cowboy?", lächelte sie kalt.

"Eben, als du vor dem Stall dein Pferd gestriegelt hast, war der Knopf noch geschlossen." Harpers stoppelbärtiges Gesicht wirkte undurchdringlich. Nur in seinen dunklen Augen glühte die Gier. "Und der darüber auch."

"Wie genau du hinschaust, Cowboy." Rosanne schnalzte mit der Zunge und mimte die Tadelnde. "Und wo du hinschaust..."

Er packte sie an den Armen. "Du hast sie für mich aufgeknöpft."

"Ich hab' sie aufgeknöpft, weil mir warm war."

Aus der Hocke ging er vor ihr in die Knie und zog sie heran. Seine Finger strichen ihr eine Strähne ihres rotbraunen Haares aus der Stirn. Behutsam fuhren sie die weichen Linien ihres Gesichtes nach. "Als du mich sahst, wurde dir also warm?"

"Mir ist furchtbar heiß", flüsterte Rosanne.

Jesses Rechte sank langsam zum Ausschnitt ihres Hemdes hinab. "Dann hast du dich wahrscheinlich nicht weit genug aufgeknöpft." Er öffnete den nächsten Knopf. Der Ansatz ihrer Brüste wurde sichtbar. Braune samtene Haut über prallen weißen Hügeln.

Jesses Atem wurde lauter, beschleunigte sich. Knopf um Knopf löste er, riss ihr das graue Baumwollhemd aus der Bluejeans und öffnete auch den untersten Knopf.

Sie trug ein schwarzes, tief ausgeschnittenes Unterhemd. Darunter ihre Brüste zu zwei weißen Bällen zusammengepresst. Jesse starrte die köstlichen Wölbungen an. "Prächtig...", flüsterte er.

"Wagst du es, die Tochter von Abraham Masters noch weiter auszuziehen?" Wieder das kalte Lächeln auf ihrem Gesicht. "Du weißt - das kann dich deinen Job kosten."

"Er braucht es nicht zu wissen, oder?", keuchte Harper. Er zog ihr das Unterhemd über die Brüste. Rosannes Brüste - nicht zu groß und nicht zu klein – wippten vor seinen Augen auf und ab.

"O Jesus", stöhnte Harper. Er stierte die Naturwunder an wie zwei unberührbare Heiligtümer.

Rosanne fasste unter ihre Brüste und hob sie an. "Gefallen sie dir?" Sie spreizte die Beine und rutschte auf seine Knie. "Dann küss sie..."

Er fasste sie am Rücken, riss sie zu sich und wühlte sein stoppelbärtiges Gesicht zwischen ihre Brüste. Sein schwarzer Hut fiel ins Stroh unter den Hengst. Rosanne griff in sein schwarzes Haar, bog ihren Oberkörper hin und her, vor und zurück und bot ihm abwechselnd ihre rechte und linke Brust dar.

Er leckte ihre Warzen, ließ seine Zunge um sie kreisen, saugte sich an ihnen fest. Rosanne spürte, wie ihre Nippel heiß wurden, sie spürte, wie ein heißer Strom von ihren Brüsten aus zwischen ihre Schenkel floss, sie spürte die Feuchtigkeit in ihr Höschen sickern.

"Gut, Jesse, das tut gut", flüsterte sie. "Mach weiter, immer weiter, hörst du...?" Ihr Gesäß rutschte auf seinen Schenkeln hin und her.

Er öffnete die Schnalle ihres Gürtels, dann den Schlitz ihrer Hose. Sie schloss ihre Knie, damit er ihr die Hose über das Gesäß streifen konnte. Doch noch während er an seinem eigenen Gürtel herumfummelte packte sie sein langes Haar, wickelte es einmal um ihre Hände und zog seinen Kopf gegen ihre Scham.

"Gib mir deine Zunge, Cowboy", forderte sie. Sie hielt seinen Kopf fest und rieb ihren haarigen Hügel an seinem Mund. Und endlich spürte sie seine Zunge zwischen ihre Schamlippen gleiten tanzen. Mit geschlossenen Augen und wie in Ekstase tanzte ihr Unterleib über seinem Gesicht.

"Harper!" Männerstimmen draußen auf dem Hof. "Harper, zum Teufel - wo steckst du!?"

Jesse Harper stieß Rosanne ins Stroh und warf sich über sie. "Ich hab's eilig, Ma'am..." Er holte seinen Schwanz hervor und wollte ihr die Hose abstreifen. Rosanne setzte ihm den Lauf eines Revolvers auf die Brust und spannte den Hahn.

"Du kriegst mich, Jesse", lächelte sie. "Du kriegst mich ganz - aber erst will ich sehen, dass du ein Mann bist." Verblüfft blickte er auf seinen eigenen Remington hinunter. "Und dann kannst du mich haben. Erst so, wie ich will, und dann so, wie du willst."

"Mr. Harper, wo stecken Sie?" Diesmal war es eindeutig die Stimme Abraham Masters', die nach Jesse rief. Hastig schloss er seine Hose und stand auf.

Lächelnd reichte Rosanne ihm den Revolver. Er bückte sich nach seinem schwarzen Hut und fischte ihn aus dem Stroh. "Okay, Ma'am. Ich komm' darauf zurück." Im Laufschritt verließ er den Stall.

Rosanne wartete, bis sie das Tor zufallen hörte. Dann ging sie in die Knie. Ihre Rechte schob sich in ihr Schamhaar. Langsam glitt ihr Mittelfinger zwischen die Schamlippen. Ihr Kitzler war geschwollen und pulsierte heiß. Sie begann ihn zu reiben und zu massieren.

Ihr Becken kreiste, ihr nackter Oberkörper bog sich nach hinten. Mit offenem Mund atmete sie tief ein und aus, um nicht laut stöhnen zu müssen.

Schließlich zuckte ihr Becken vor und zurück, als hätte es sich verselbständigt, und ihre Finger bohrten sich so tief in ihre Scham, wie es nur ging. Als sie kam, klammerte sie sich an den Vorderläufen ihres Pferdes fest. Ein unterdrücktes Stöhnen entfuhr ihr, und sie ließ sich nach unten ins Stroh gleiten.

Ein paar Minuten später ritt sie auf ihrem Hengst aus dem Stall, das rotbraune Haar unter dem Hut zusammengebunden, das graue Hemd bis zum Kragen zugeknöpft. Als wäre nichts geschehen.



4

Keines der beiden Hotels von Paint Rock verdiente den Namen Hotel. Es waren aus dem Boden gestampfte Baracken, im Erdgeschoss ein Saloon, darüber vier Kammern, in denen man vom Bett aus das Fenster oder die Tür öffnen konnte. Kleiderschränke gab es nicht. Man hätte sie nicht öffnen können, so eng waren die Zimmer. In beiden Hotels.

Das eine nannte sich schlicht Resting House und gehörte einem alten Mexikaner. Das andere hieß Santa Anna und wurde von zwei Frauen geführt.

Johnny entschied sich für das Santa Anna, weil er vermutete, dass die Frauen besser kochen konnten als der Mexikaner.

Mildred Baker und Liz Johnson hießen die beiden. Mildred war eine knapp über vierzigjährige Walküre mit den Oberarmen eines Preisboxers und dem Körperumfang einer trächtigen Kuh. Nur einen halben Kopf kleiner als Johnny Potter, bot sie eine respektable Erscheinung.

Liz, ein paar Jahre jünger, wirkte klein und zierlich gegen Mildred. Aber beide schienen aus dem gleichen Holz zu sein: Frauen, die zupacken konnten und sich ihrer Haut zu wehren wussten.

Johnny kannte sie nicht. Sie mussten nach Paint Rock gekommen sein, nachdem er die Gegend verlassen hatte. Ihm fiel auf, dass beide rote Haare hatten. Und später erfuhr er, dass sie Schwestern waren. Sie stammten aus irischen Einwandererfamilien. Ihre Männer hatten den Versuch, sich als Ackerbauern in Texas niederzulassen, mit dem Leben bezahlt.

Zwölf Jahre zuvor, als Johnny nach Austin gegangen war, hatte Paint Rock aus einem Store, einem Friseurladen, einem Saloon, einer Kirche und ein paar Stallungen bestanden. Jetzt gab es eine Mainstreet mit Bank, Billard Room, Bürgermeisterbüro, Tierarzt, Zimmermann und Futterhandlung. Und mit den beiden Hotels. Aber die kleine Stadt in den letzten Ausläufern der Brady Mountains am Concho River war immer noch ein ziemlich jämmerliches Nest.

Johnny verstaute seine Habseligkeiten in dem sogenannten Hotelzimmer und brachte seine Stute auf die Weide hinter dem Hotel. Anschließend genehmigte er sich ein warmes Essen: zwei Steaks, Bohnen und Bratkartoffeln.

Er hatte seit Wochen nichts Vernünftiges gegessen. Wie ein halbverhungerter Präriewolf machte er sich über den dampfenden Teller her.

Hinter der Theke stand Mildred. Es schien ihr Spaß zu machen, dem großen blonden Mann beim Essen zuzusehen - sie lächelte. "Schmeckt gut, was?"

"Fantastisch!", mampfte Johnny.

"Ich geb's weiter", sagte Mildred. "Liz kocht. Mein Platz ist hier bei den Flaschen und denen, die sie leeren."

Johnny betrachtete die schätzungsweise hundertachtzig Pfund Frau hinter der Theke, und es leuchtete ihm irgendwie ein, was sie sagte.

Am Nachmittag ging er ins Bürgerhaus, um den Bürgermeister zu sprechen. Ein Schild vor der verschlossenen Tür verwies ihn zur Bank. Dort fand er den Bürgermeister im Schalterraum sitzen und in irgendwelche Akten kritzeln, ein großer fetter Mann in schwarzem Frack und mit grauen schütteren Haaren.

Henry Oakdale. Johnny erkannte ihn sofort. Ein alter Freund seines Vaters. Als Johnny fortging, war er Vorarbeiter bei Masters gewesen. Jetzt war Bankdirektor und Bürgermeister.

"Bei allen Heiligen - Johnny Potter!" Oakdale klatschte in die Hände, als er Johnny erkannte, kam hinter dem Tresen vor und fasste Johnny bei den Schultern. "Junge! Wie viele Jahre hab' ich dich nicht mehr gesehen! Schön, dass du wieder zu Hause bist!"

Zu Hause... Das zerfallene Farmhaus erschien vor Johnnys innerem Auge. Er schluckte eine bittere Bemerkung herunter und nickte nur. "Wie geht's so, Henry?"

"Wie geht's uns in Texas nach dem gottverdammten Krieg?" Oakdale breitete die Arme aus und verdrehte die Augen. "Die Yankees pressen die letzten Dollars aus uns heraus, und kaum einer bringt noch Geld auf die Bank." Er winkte Johnny hinter sich her zu seinem Schreibtisch und deutete auf einen freien Stuhl. "Seit dem Heimstättengesetz kommen immer wieder neue Siedler in unsere Gegend. Die meisten halten nicht durch. Aber solange die verdammten Yankees scharf auf Steaks sind, werden wir wohl nicht untergehen. Die Viehzucht ist derzeit unser einziger Triumph."

Früher hatte Oakdale sich mit Cowboys und Indianern geprügelt, hatte die Nächte unter freiem Himmel auf den Weiden zugebracht und seinen Wochenlohn verspielt und versoffen wie jeder andere auch. Jetzt war er feist und schlaff und redete wie ein Geschäftsmann.

"Ich war zu Hause", sagte Johnny.

Oakdale sah auf und machte eine bekümmerte Miene. "Schlimme Sache... Alister hat dir geschrieben, ich weiß. Verdammte Rothäute..." Er seufzte tief. "Tut mir leid um deine Eltern, Johnny. Du weißt ja - dein Vater und ich, wir waren gute Freunde." Er schüttelte den Kopf. "Dieses gottverfluchte Indianerpack."

"Ich will die Farm wieder aufbauen, Henry." Johnny sah, wie der Mann auf der anderen Seite des Schreibtisches zusammenzuckte. "Ich war schon draußen. Masters' Vieh weidet im Hof. Kannst du mir das erklären?"

"Ja, weißt du denn nicht..." Oakdale räusperte sich. Eine Mischung aus Verlegenheit und Erstaunen zog über sein faltiges Gesicht. "Weißt du denn nicht, dass dein Vater verkauft hat? An Masters. Das Geld hat er bei mir angelegt. Zweitausendvierhundert Dollar."

Johnny runzelte die Stirn. Er glaubte nicht recht zu hören. "Er hat die Farm für lumpige zweitausendvierhundert Dollar verkauft?!"

"Inzwischen sind es natürlich mehr", beeilte sich Oakdale zu sagen. "Die Zinsen..."

"Die Farm war sein Leben!", rief Johnny. "Er hätte mir geschrieben, wenn er einen Verkauf geplant hätte."

"Ich bitte dich, Johnny", druckste Oakdale herum. "Du warst zwölf Jahre weg, hast nichts von dir hören lassen. Genauso wenig wie dein Bruder. Ihr und euer Vater..."

"Wir haben ihn nicht besonders geliebt", sagte Johnny. "Er war ein ziemlich grober Schläger. Billy und ich sind nicht ohne Grund abgehauen. Er hat mir auch nie geschrieben. Aber Mom hat zweimal im Jahr geschrieben. Sie hätte einen Verkauf erwähnt."

"Vielleicht wollte sie das, Johnny", sagte Oakdale. "Aber es ging alles sehr schnell, weißt du? Dein Vater hatte genug von der Farm. Die Indianer, die harte Arbeit - das hat ihn fertiggemacht. Er war ja nicht mehr der jüngste." Oakdale zog eine Schublade seines Schreibtisches auf und holte eine Rolle Zigarillos heraus. "Er wollte nach Kalifornien und einen Gemüseladen in Sacramento aufmachen."

Johnny lehnte den Zigarillo ab, den der Bürgermeister ihm anbot.

"Tja, und dann..." Oakdale zündete sich einen Zigarillo an. "Und dann kamen die Rothäute. Ein paar Tage, nachdem Will verkauft hatte. Und einen Monat, bevor er nach Sacramento ziehen wollte. Traurige Sache. Aber so geht es eben manchmal..."

Johnny saß auf seinem Stuhl und betrachtete den rauchenden Mann. Etwas an Oakdale gefiel ihm nicht. Er konnte nicht sagen, was genau sein Misstrauen verursachte. Alles, was der Bürgermeister erzählte, klang plausibel. Aber Johnny hatte den Krieg überlebt, weil er ein Mann war, der sich auf seinen Instinkt verließ. Und sein Instinkt sagte ihm, dass Oakdales Mund eine Menge einleuchtender Märchen ausspuckte.

"Ich will den Kaufvertrag sehen."

Oakdales zerfranste Brauen wanderten nach oben. "Da musst du Abraham Masters besuchen. Der hat natürlich den Kaufvertrag. Ich kann dir nur dein Sparbuch zeigen." Er lehnte sich in seinem Lehnstuhl zurück und sog an seinem Zigarillo. "Ich verstehe dich gut, Johnny, glaub' mir, aber es gibt wirklich keinen Grund, misstrauisch zu sein. Alles ist nach Recht und Gesetz gelaufen damals..."

"So ein Eigentumswechsel muss doch auf dem Katasteramt eingetragen werden." Johnny ließ nicht locker. Er ließ nie locker, wenn er einmal eine Sache in Angriff genommen hatte.

"Aber selbstverständlich, Johnny", sagte Oakdale. "Die neuen Besitzverhältnisse sind damals ordnungsgemäß im Katasteramt von San Angelo eingetragen worden. Reite hin und überzeug dich. Oder warte - der County Sheriff wollte in den nächsten Tagen sowieso nach Paint Rock kommen. Ich werde Al telegraphieren, dass er die Grundbuchauszüge mitbringt."

"Mach das, Henry." Johnny zog den Tabaksbeutel aus der Brusttasche seines Hemdes. "Und telegraphier ihm auch, dass ich mit ihm sprechen will. Er hat den Mord an meinen Eltern doch sicher untersucht, oder?"

"Und ob er das hat." Der Bürgermeister machte ein grimmiges Gesicht. "Bis in die Rockys hinein hat er die gottverdammten Comanchen verfolgt."

"Ich will mit ihm darüber sprechen." Johnny drehte sich eine Zigarette, steckte sie sich an und verabschiedete sich von Oakdale. Später saß er im Saloon des Santa Anna und stierte grübelnd in sein Whiskyglas.

"Du machst keinen glücklichen Eindruck, Cowboy." Mildred - die meisten Männer im Saloon nannten sie Milly - schenkte ihm ungefragt einen Doppelten nach. "Auf Kosten des Hauses."

"Danke", brummte Johnny. "Ich bin übrigens kein Cowboy."

"Aber das andere stimmt."

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