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Zwei Rosen für Darcy

1. KAPITEL

Nick Pirelli konzentrierte sich auf die Straße, die sich vor seinem Geländewagen durch die Berglandschaft schlängelte. Er war ziemlich erschöpft, außerdem braute sich am Himmel gerade ein Unwetter zusammen. Auf dieser Strecke waren schon einige Touristen im Graben gelandet und auch der eine oder andere Einheimische hatte hier bereits nähere Bekanntschaft mit der Leitplanke gemacht. Zum Glück kannte Nick die Gegend wie seine Westentasche, denn schließlich war er hier aufgewachsen.

Heute hatte er einen ungewöhnlich anstrengenden Tag hinter sich. Er war der einzige Tierarzt in der kalifornischen Kleinstadt Clearville und das schon seit fast zehn Jahren. An sich liebte er seinen Beruf: Er hatte einen guten Draht zu Tieren und freute sich, wenn er miterlebte, wie sie das Leben ihrer Besitzer bereicherten. Dabei hatte er im Laufe der Zeit gelernt, auch mit aufwühlenden Situationen umzugehen wie Unfälle und schwere Krankheiten. Oder damit, dass selbst das zäheste Haustier irgendwann an Altersschwäche stirbt.

Bei dem Pferd, das er heute im Auftrag des Sheriffs untersucht hatte, sah die Sache allerdings etwas anders aus. Der Hengst war weder krank noch verletzt oder alt. Stattdessen hatte sein Besitzer ihn einfach sich selbst überlassen – in einer von Unkraut überwucherten Koppel voller Schutt. So etwas konnte und wollte Nick nicht verstehen.

Während er sich mit dem Sheriff beraten hatte, was mit dem Pferd geschehen sollte, hatte das Tier den Kopf gesenkt gehalten. Kaum hatten die Männer eine Entscheidung gefällt, blickte es Nick direkt ins Gesicht. Dabei kam es ihm so vor, als hätte er etwas in den braunen Augen des Pferdes aufblitzen sehen. Statt weiter darüber nachzudenken, zog Nick schnell sein Handy aus der Tasche und rief Jarrett Deeks an. Kurze Zeit später war der mit seinem Pferdeanhänger vorgefahren, und gemeinsam hatten sie den geschwächten Hengst hineingeführt. Jarrett Deeks war früher ein erfolgreicher Rodeoreiter gewesen und kannte sich dementsprechend gut mit Pferden aus. Er wollte den Hengst bei sich unterbringen und nach Nicks Anleitung wieder aufpäppeln. Nick versprach, gleich am nächsten Tag vorbeizuschauen. „Falls irgendetwas sein sollte – du kannst mich jederzeit anrufen!“, hatte er Jarrett noch zugerufen.

Endlich war Nick auf dem Heimweg, aber das Schicksal des Pferdes ließ ihn immer noch nicht los. Hatte er richtig gehandelt? Er konnte es noch nicht abschließend beurteilen, jetzt hieß es erst einmal abwarten. Vielleicht gelang es ihm ja zu Hause, ein bisschen abzuschalten. Da er gerade nichts Dringendes zu erledigen hatte, wollte er sich ein paar Stunden mit einem Bier vor den Fernseher setzen, und zwar allein.

Heute übernachtete seine achtjährige Tochter Maddie zusammen mit ein paar anderen Mädchen bei einer Freundin. Er war froh, den Abend für sich zu haben – und hatte doch gleichzeitig ein schlechtes Gewissen. Schließlich war Maddie gerade erst zwei Wochen lang bei ihrer Mutter in San Francisco zu Besuch gewesen. Wieso wollte er jetzt schon wieder allein sein? Zum Glück hatte sich das Mädchen sehr über die Einladung zur Pyjamaparty gefreut, also würde sie ihren Spaß heute wahrscheinlich haben.

Maddie. Seine Tochter wurde so schnell immer größer, manchmal machte ihm das Angst. Und jedes Mal, wenn sie von einem Besuch bei ihrer Mutter zurückkam, wirkte sie erschreckend verändert. Ihr neuer Haarschnitt kam ihm viel zu erwachsen für eine Achtjährige vor. Und ihre neuen Sachen mussten in etwa so viel gekostet haben wie der Inhalt seines gesamten Kleiderschranks. Erst hatte er sich noch eingeredet, dass das nur oberflächliche Veränderungen waren und Maddie dabei die Gleiche geblieben war – sein kleines Mädchen.

Doch inzwischen sah es so aus, als würde sie sich mit jedem Besuch in San Francisco immer weiter von ihm entfernen. Als würde sie allmählich zu einem Abbild ihrer Mutter – der Frau, die er einmal geheiratet hatte. Besonders gut kam er mit dieser Entwicklung nicht zurecht. Trotzdem war ihm bewusst, dass das Mädchen seine Mutter brauchte. Also sorgte er auch dafür, dass Maddie sie so oft wie möglich in San Francisco besuchen konnte, obwohl Carol ihn und Maddie vor fünf Jahren einfach sitzen gelassen hatte, und zwar völlig unvermittelt, von heute auf morgen.

Seitdem lebte er als alleinerziehender Vater. Und eigentlich wollte er daran auch gar nichts ändern. Nur wenn er miterlebte, wie glücklich seine kleine Schwester Sophia und ihr Verlobter Jake miteinander waren, dann beneidete er sie doch ein bisschen. Offenbar war Sophia auch nach einer großen Enttäuschung noch einmal bereit, ein Risiko einzugehen – aus Liebe. Als er sie mit ihrem Verlobten zusammen gesehen hatte, war ihm bewusst geworden, wie einsam er sich selbst oft fühlte. Und immer, wenn er genauer darüber nachdachte, wurde er ganz unruhig und spürte den Drang, etwas gegen diese Einsamkeit unternehmen zu wollen …

In diesem Moment unterbrach das Schrillen des Mobiltelefons seine Gedanken. Auf dem Display erschien die Nummer seiner Tierarztpraxis und Nick zuckte zusammen. Hatte Jarrett Deeks etwa jetzt schon Probleme mit dem Pferd?

Nein, das war eher unwahrscheinlich. In diesem Fall hätte der Exrodeostar Nick direkt angerufen und sich nicht erst bei seiner Praxis gemeldet. Also konnte Nick nur hoffen, dass sich die Sache auf morgen verschieben ließ.

Er schaltete das Telefon auf Lautsprecherfunktion um. „Hallo Rhonda“, begrüßte er seine Assistentin. „Ich bin gerade auf der Fahrt nach Hause. Wenn es nicht gerade ein Notfall ist …“

„Es ist aber ein Notfall!“, unterbrach ihn die Mittvierzigerin, klang dabei allerdings seltsam belustigt.

In diesem Moment fielen die ersten dicken Regentropfen auf Nicks Windschutzscheibe. Nick fluchte innerlich. „Sag mal, willst du mich veräppeln? Ich finde das überhaupt nicht komisch.“

„Moment mal, Doc, ich kann doch nichts dafür!“

Nick seufzte und fand sich innerlich damit ab, dass heute wohl doch nichts aus seinem ruhigen Baseballabend vorm Fernseher werden würde. „Was ist das denn für ein Notfall?“, erkundigte er sich.

„Darcy Dawson hat gerade hier angerufen. Ich brauche sofort einen Tierarzt, hat sie gesagt.“

Aus persönlicher Erfahrung wusste Nick, dass Darcy Dawsons Stimme ganz anders klang als die seiner Assistentin, nämlich äußerst klangvoll und sehr sinnlich. Und ihr Lachen ließ bestimmt jedem Mann einen wohligen Schauer über den Rücken rieseln. Zumindest war das bei ihm so gewesen.

„Pass bloß auf!“, warnte Rhonda ihn. Sie klang immer noch amüsiert. „Ich hab mich sowieso schon gewundert, dass die Frau es noch nicht bei dir oder deinen Brüdern versucht hat. Ihr seid doch alle drei eine tolle Partie: jung, erfolgreich und Single.“

„Hey, hey, immer mit der Ruhe“, warf Nick lachend ein. Als ob er oder seine Brüder sich auf jemanden wie Darcy Dawson einlassen würden! Diese Frau war nicht mal seit zwei Monaten in der Stadt und schon bekannt für ihre heißen Affären. Und ein Liebesabenteuer kam für Nick überhaupt nicht infrage, nicht zuletzt wegen Maddie.

Schon gar nicht mit Darcy Dawson. Ganz egal, wie sehr sie ihn aus dem Konzept gebracht hatte, als er ihr im Lebensmittelgeschäft zum ersten Mal begegnet war. Als er ihr klangvolles Lachen gehört hatte, vergaß er prompt, was er eigentlich gerade einkaufen wollte. Und er konnte nicht anders, er musste sofort herausfinden, zu wem dieses Lachen gehörte.

Als er Darcy dann erblickte, landete er schnell wieder auf dem Boden der Tatsachen. Offensichtlich lebte diese Frau in einer ganz anderen Welt als er. Ihre schulterlangen roten Locken hatte sie mit einer überdimensionalen teuren Sonnenbrille zurückgeschoben. Und unter ihrem Arm klemmte eine Handtasche, die wahrscheinlich mehr gekostet hatte als die Monatsraten für seinen Geländewagen. Und erst ihre Kleidung! Sie trug ein tailliertes weißes Hemd mit Gürtel über einer schmalen schwarzen Hose, die sich eng um ihre scheinbar endlos langen Beine schmiegte. Ihre Füße steckten in Schuhen mit hohen Absätzen. Insgesamt wirkte sie wie eine sehr trendbewusste Frau mit Geld und gewissen Ansprüchen.

Zu dem Zeitpunkt hatte Nick zwar noch gar keine Gerüchte über sie gehört, trotzdem war ihm gleich bei ihrem Anblick bewusst geworden, dass sie beide völlig unterschiedliche Dinge vom Leben erwarteten.

Er atmete tief durch und wandte sich wieder an seine Assistentin. „Rhonda, hat Ms Dawson eigentlich gesagt, was es mit ihrem Notfall auf sich hat?“

„Nein, dazu ist sie nicht mehr gekommen, vorher hat sich nämlich ihr Mobiltelefon verabschiedet. Komisch, ich wusste gar nicht, dass sie überhaupt Haustiere hat …“ Rhonda lachte und Nick beendete das Gespräch so schnell er konnte. Offenbar hatte sie ihre eigenen Vermutungen darüber, warum Darcy den Tierarzt zu sich bestellt hatte.

Für Nick war Darcy Dawson unantastbar, so viel stand fest. Es durfte noch nicht einmal das Gerücht aufkommen, dass sie und er etwas miteinander hatten – sonst würde er nie eine Frau finden, die wirklich zu ihm und zu Maddie passte. Seine Tochter brauchte dringend ein weibliches Vorbild in ihrem Leben. Er erhoffte sich eine Frau, die immer für das Mädchen da war und idealerweise genau wie er in Clearville verwurzelt war. Ja, so stellte er sich seine zukünftige Partnerin vor. Und diesmal wollte er lieber dreimal zu viel hinschauen, bevor er wieder eine feste Bindung einging.

Die Hündin hatte sich kein Stück vom Fleck bewegt. Darcy kniete neben den Stufen, die hinter dem Haus zur Veranda hinaufführten, und spähte in den Zwischenraum zwischen Veranda und Erdboden. Der Gewitterregen prasselte auf sie nieder. Hin und wieder erhellte ein Blitz die Dunkelheit und spiegelte sich in den Augen der Hündin. Nur daran erkannte sie, dass das Tier immer noch unter der Terrasse hockte.

Darcy erschauerte und knöpfte sich den Mantel bis oben zu. Bisher hatte sie versucht, die Hündin mit Trockenfutter hervorzulocken – vergeblich. Selbst als sie ein Schüsselchen unter die Veranda geschoben hatte, bewegte sich das Tier keinen Zentimeter. Etwa aus Angst vor dem Sturm? Das war unwahrscheinlich, denn das Tier hatte sich schon verkrochen, als das Unwetter noch gar nicht ausgebrochen war.

Darcy kannte sich mit Hunden zwar nicht aus, trotzdem ahnte sie, dass mit dem Tier irgendetwas nicht stimmte. Bloß was? Sie fühlte sich völlig hilflos.

Es ist doch nur ein Hund, sagte sie sich immer wieder. Und ich kann Hunde noch nicht mal sonderlich gut leiden.

So ganz stimmte das allerdings nicht. Darcy hatte nichts gegen diese Tiere einzuwenden, sondern sie hatte eine Heidenangst davor. Als kleines Mädchen hatte ein Nachbarshund sie nämlich einmal schlimm gebissen.

Sie schob sich die Finger unter den Pulli und fuhr über die Narben, die seine Zähne auf ihrer Schulter hinterlassen hatten. Seit diesem Zwischenfall war sie Hunden verständlicherweise aus dem Weg gegangen. In der Großstadt Portland, in der sie bisher die längste Zeit gewohnt hatte, war das auch gut möglich gewesen.

Aber jetzt war sie nach Clearville in Kalifornien gezogen, um hier ein ganz neues Leben anzufangen. Und sie hatte sich vorgenommen, sich von unangenehmen Erfahrungen nicht beeinträchtigen zu lassen. Vielleicht war es also ein Zeichen, dass die streunende Hündin sich ausgerechnet in ihren Hintergarten verirrt hatte, weil sie vergessen hatte, die Pforte zu schließen? Vielleicht sollte es jetzt an der Zeit sein, sich ihrer Angst vor Hunden zu stellen?

Nicht, dass sie das Tier gleich bei sich aufnehmen wollte, so weit war sie noch lange nicht. Aber irgendwie ging ihr das Verhalten der Hündin unter die Haut. Sie wirkte so verunsichert und schutzbedürftig. Außerdem faszinierte sie Darcy mit ihrem grauschwarzen Fell, das am Kopf und an den Beinen mit braunen und weißen Punkten gesprenkelt war. Und erst diese Augen, mit denen sie so wach und intelligent dreinschaute! Das eine Auge war braun, das andere blau. Allerdings hatte Darcy dies erst festgestellt, nachdem sie das Gesicht des Tiers mit ihrer Digitalkamera herangezoomt hatte. So nah hätte sie sich nämlich nicht an das Tier herangetraut.

Schließlich hatte sie die Bilder auf ihren Computer überspielt und Aushänge gebastelt, die sie in der ganzen Stadt verteilt hatte: Hündin zugelaufen! Außerdem hatte sie eine Schachtel Trockenfutter und etwas Hundespielzeug gekauft und eine zusammengefaltete alte Decke als Hundebett in einen geschützten Winkel ihrer Veranda gelegt.

Eigentlich hatte sie fest damit gerechnet, dass sich der rechtmäßige Besitzer schon bald bei ihr melden würde, gerade in einer Kleinstadt wie Clearville. Oder dass zumindest jemand das Tier wiedererkannte, denn es sah doch sehr ungewöhnlich aus.

Aber als sich nach einer Woche immer noch niemand bei ihr gemeldet hatte, fragte sie sich allmählich, was sie bloß unternehmen sollte.

Manchmal kannst du deine Ängste nur besiegen, indem du dich ihnen stellst! hatte ihre Mutter oft gesagt.

Wahrscheinlich hatte sie recht, aber Darcys Mutter war auch eine sehr mutige Frau gewesen.

Darcy erschauerte. Inzwischen tat es nicht mehr so weh wie noch vor einem Jahr, als ihre Mutter gerade gestorben war. Daran, dass Darcy sie schrecklich vermisste, hatte sich allerdings seitdem nichts geändert. Sie blinzelte sich die Tränen aus den Augen und schluckte den Kloß in ihrem Hals herunter. „Du hast immer gesagt, dass wir uns einen Hund anschaffen wollen, Mom“, flüsterte sie heiser.

Alanna Dawson hatte ihre Tochter zu einer starken, selbstbewussten jungen Frau erzogen. Und dennoch hatte ihr plötzlicher Tod Darcy so schlimm erschüttert, dass sie in ihrer blinden Verzweiflung nach Halt gesucht hatte – bei Aaron Utley. Ihr Verlobter hatte sie in dieser schweren Krise allerdings nicht unterstützt, im Gegenteil: Er hatte ihre missliche Lage auch noch ausgenutzt.

Dabei hatte er sich erst noch so unglaublich mitfühlend und liebevoll verhalten … Doch irgendwann war er dazu übergegangen, Druck auf sie auszuüben. Erst sehr spät war ihr klar geworden, worum es ihm eigentlich die ganze Zeit gegangen war. Für ihn stellte sie nur ein Statussymbol dar – die schöne Frau an der Seite eines aufstrebenden jungen Anwalts.

Bis zu dieser schmerzlichen Erkenntnis hatte sie sich eingeredet, dass sie Aaron von ganzem Herzen liebte. Monatelang hatte sie sich bemüht, die perfekte Freundin und später auch die perfekte Verlobte zu verkörpern. Erst nach der Trennung und mit etwas Abstand war ihr klar geworden, wie sehr dieser Mann sie ausgenutzt hatte.

Wie gut, dass sie sich selbst aus dieser Verbindung gelöst hatte, ehe sie auch noch versucht hätte, die perfekte Ehefrau zu spielen! An ihrer Rolle als Mrs Aaron Utley wäre sie nämlich kläglich gescheitert.

Die Wut auf Aaron hatte ihr damals die Kraft gegeben, sich von ihm zu trennen, ihre Trauer zu überwinden und sich stattdessen an die schönen Dinge zu erinnern, die sie mit ihrer Mutter zusammen erlebt hatte. Lange Zeit hatten sie beide einfach alles miteinander geteilt. Und immer wieder hatte Alanna ihrer Tochter von ihrem großen Traum erzählt: Irgendwann wollte sie zurück in die nordkalifornische Kleinstadt ziehen, in der sie aufgewachsen war, und dort einen kleinen Schönheitssalon eröffnen. Nachdem sie jahrzehntelang verschiedene Filialen einer großen Kaufhauskette geleitet hatte, wollte sie ihre Erfahrungen in ihr eigenes Unternehmen einfließen lassen … eines Tages. Aber dazu war es nicht mehr gekommen. Der plötzliche Tod ihrer Mutter hatte Darcy vor Augen geführt, wie wichtig es ist, Träume nicht aufzuschieben.

Jetzt war sie fest entschlossen, die Pläne ihrer Mutter umzusetzen, und zwar sofort. Ohne lange darüber nachzudenken, war sie nach Clearville gezogen und damit in eine Stadt, in der sie niemanden kannte. Hier hatte sie sich kurzerhand ein etwa hundert Jahre altes und ziemlich renovierungsbedürftiges Haus gemietet und wollte in der Haupteinkaufsstraße ihr neues Geschäft eröffnen. Dies geschah zu einem Zeitpunkt, zu dem viele Läden schließen mussten – dass sie sich dabei alles andere als sicher fühlte, wollte sie sich freilich nicht anmerken lassen.

Die Windrichtung änderte sich, und der Regen prasselte ihr auf den Rücken und lief ihr eisig den Nacken hinunter. Erneut erhellte ein Blitz den Abendhimmel – gerade lange genug, dass Darcy den Hund unter der Veranda erkennen konnte. Er lag immer noch auf der Seite und fixierte sie aufmerksam.

„Wir schaffen das schon“, sagte sie, als der darauffolgende Donner das alte Haus erzittern ließ. „Gleich kommt der Tierarzt und dann wird alles wieder gut.“

Dabei wusste Darcy nur zu gut, dass selbst die besten Ärzte manchmal nichts mehr ausrichten können. Diese schmerzliche Erfahrung hatte sie erst gemacht, als sie tagelang am Krankenhausbett ihrer Mutter gesessen und vergeblich auf ein Wunder gehofft hatte.

Aus dem Vordergarten hörte sie ein leises Dröhnen. Erst hielt sie es für Donnergrollen aus der Ferne, aber dann fiel eine Autotür ins Schloss. „Der Arzt ist da“, flüsterte sie dem Hund zu. „Gleich kümmert er sich um dich.“

Mühsam stand Darcy von dem matschigen Boden auf und lief um die Veranda herum zum Vordergarten. Der breite Dachvorsprung ihres Hauses schützte sie notdürftig vor dem Regen. Das Herz schlug ihr bis zum Hals, und ihre Knie gaben nach. Was wäre, wenn Nick Pirelli ihre Befürchtungen bestätigte und das Tier wirklich schwer krank war?

Oder machte sie sich gerade etwas vor und sie war weniger wegen des Hundes aufgewühlt, sondern vielmehr wegen Nick Pirelli? Als sie dem Tierarzt zum ersten Mal im Lebensmittelgeschäft begegnet war, hatte sie nämlich ähnlich auf ihn reagiert.

Er war sehr groß, hatte volles, leicht gewelltes dunkelbraunes Haar und ausdrucksstarke braune Augen, mit denen er sie damals intensiv gemustert hatte. Gleichzeitig hatte er nicht wie jemand gewirkt, der sich ausgiebig mit seinem Äußeren beschäftigte. Das war auch gar nicht nötig, denn schließlich sah er schon ganz von selbst umwerfend männlich aus.

Als sie ihn im Lebensmittelladen gesehen hatte, hielt er gerade verschiedene pinkfarbene und violette Haarbänder in der Hand, offenbar für seine kleine Tochter. Darcy war hin und weg gewesen. Nick auch – allerdings im wortwörtlichen Sinne. Kaum hatten sich ihre Blicke getroffen, hatte er sich wieder umgedreht und war im nächsten Gang verschwunden. Die Erinnerung daran verpasste ihr einen kleinen Stich. Wahrscheinlich hatte er schon von ihr gehört und alles geglaubt, was sich die Leute über sie erzählten.

Egal, davon darf ich mich jetzt nicht stören lassen, sagte sie sich, als sie um die Hausecke in den Vordergarten bog. Nick Pirelli ist aus rein beruflichen Gründen hier, weil ich nämlich einen Tierarzt brauche. Und das ist alles, was jetzt zählt.

Aber dann erblickte sie Nick vor ihrer Haustür. Er trug eine alte Jeans und ein rot-schwarz kariertes Flanellhemd … und wirkte dabei so stark, selbstbewusst und zupackend, dass Darcy sich deutlich zu ihm hingezogen fühlte. Und sie fasste sogleich den Entschluss, dieses Gefühl einfach zu ignorieren. Nach seiner Reaktion im Lebensmittelgeschäft zu urteilen, hatte er nämlich sofort alle Lügengeschichten geglaubt, die man sich über sie erzählte. Und wie würde er dann erst reagieren, wenn er die Wahrheit über sie erfuhr? Auf Verständnis durfte sie ganz bestimmt nicht hoffen.

2. KAPITEL

Gerade wollte Nick an Darcy Dawsons Haustür klingeln, da hörte er hinter sich Schritte. Als er sich umdrehte, kam Darcy soeben die Stufen zur Veranda hinauf. Das dunkelrote Haar hatte sie zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden, der ihr feucht auf den Rücken hing. Nur wenige Zentimeter von ihm entfernt blieb sie abrupt stehen. Dabei rutschte sie auf dem feuchten Verandaboden aus und verlor kurz das Gleichgewicht. Instinktiv fing er sie auf.

Ebenso instinktiv legte er die Hände um ihre schlanke Taille und atmete ihren blumigen Duft ein, der sich mit dem Geruch nach Sommerregen mischte. Wenn er seinen Instinkten noch weiter gefolgt wäre, hätte er als Nächstes ihre vollen sinnlichen Lippen geküsst, hätte die Hände auf ihre Hüften gleiten lassen …

Stopp! sagte er sich.

Immerhin hatte er sich auf dem Weg hierher fest vorgenommen, Darcy Dawson bloß nicht zu nahe zu kommen. Er wollte sich dieser Frau gegenüber so höflich wie möglich verhalten, schnell seinen Job erledigen und dann wieder fahren – bevor irgendetwas passierte, das für sie beide sehr unangenehm werden könnte. Zum Beispiel das, was er sich eben in den schillerndsten Farben ausgemalt hatte …

Schnell zog er die Hände weg. „Alles in Ordnung?“, erkundigte er sich.

„Ja, alles bestens, danke.“ Mit so einer knappen Antwort hatte er nicht gerechnet. Das klang ja fast so, als hätte der plötzliche Körperkontakt Darcy genauso verwirrt wie ihn selbst …

Sie trat einen Schritt zurück und rieb sich über das nasse Gesicht. Unter einem Auge blieb ein dunkler Wimperntuschefleck zurück. Auf einmal wirkte sie auf Nick seltsam verletzlich, und auf eine unerklärliche Weise berührte ihn das sehr. Ein solches Gefühl hatte er schon lange nicht mehr empfunden.

„Entschuldigen Sie bitte“, sagte sie schließlich, „normalerweise falle ich den Leuten nicht einfach so in die Arme.“ Sie lächelte schief. Wusste sie etwa, was man sich in Clearville über sie erzählte? Dass sie sich brandneuen Gerüchten zufolge sehr wohl Männern in die Arme warf?

Schnell verdrängte Nick diesen Gedanken und versuchte, sich stattdessen auf seinen Job zu konzentrieren. „Meine Assistentin hat mich hergeschickt“, sagte er. „Sie meinte, es gäbe hier so eine Art Notfall!?“ Dabei hoffte er, dass Darcy seinen skeptischen Unterton nicht heraushörte, der ihm selbst sehr wohl bewusst war.

Sie nickte – offenbar war ihr nichts aufgefallen. „Das stimmt. Vielen, vielen Dank, dass Sie so schnell hergekommen sind.“

„Keine Ursache“, unterbrach er sie schnell. „Dafür bin ich ja da.“

„Das stimmt natürlich auch wieder. Kommen Sie, ich zeige Ihnen gleich, worum es geht.“

Nick hob seine alte braune Arzttasche auf, die er hatte fallen lassen, um Darcy stützen zu können, und folgte ihr zur Hinterseite des Hauses.

Vor dem Aufgang zur Veranda blieb sie stehen und hockte sich dann zu seiner Verwunderung auf den matschigen Boden. Im schwachen Licht der Außenbeleuchtung erkannte er, dass ihre Stiefel und ihre Hosenbeine völlig dreckverkrustet waren. Da­rüber trug sie eine lange graubraune Jacke, die bereits ziemlich nass geworden war. Offenbar hielt sich Darcy schon eine ganze Weile hier draußen auf.

„Ich krieg sie da nicht raus, und sie will auch nichts essen“, erklärte sie gerade. „Deswegen habe ich in Ihrer Praxis angerufen. Ich weiß einfach nicht mehr, was ich tun soll!“

Jetzt ging Nick selbst in die Hocke, um sich anzuschauen, von wem Darcy da eigentlich gerade sprach. Unter der Veranda entdeckte er eine mittelgroße Hündin. „Seit wann ist sie denn schon da?“, erkundigte er sich.

„Als ich heute Nachmittag nach Hause gekommen bin, habe ich gesehen, dass sie sich da verkrochen hat“, erwiderte Darcy und spähte ebenfalls unter die Veranda. Das Tier war offenbar durch ein schmales Loch im Gitterwerk geschlüpft. Das Loch war so schmal, dass Nick und Darcy dicht zusammenrücken mussten, um gemeinsam hindurchsehen zu können.

Nick versuchte, sich ganz auf den Hund zu konzentrieren, statt Darcys Profil zu betrachten. Trotzdem warf er immer wieder einen Seitenblick auf ihre hohe Stirn, die gerade Nase und die sinnlich geschwungenen Lippen. „Kann es sein, dass sie sich verletzt hat?“, erkundigte er sich. „In so einem Fall haben Tiere instinktiv das Bedürfnis, sich zurückzuziehen. Verwenden Sie in Ihrem Garten Pflanzenschutzmittel?“

„Nein, Pflanzenschutzmittel nehme ich nicht. Aber … glauben Sie denn, dass es etwas Schlimmes ist?“ Sie klang sehr aufgewühlt und besorgt. Automatisch drehte er sich zu ihr um und vergaß dabei, wie dicht sie neben ihm hockte. Er blickte in ihre tiefgrünen Augen.

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