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Zwei Krimis: Was bleibt, ist das Verbrechen/ ...acht, neun... aus?

Horst Bieber

Zwei Krimis: Was bleibt, ist das Verbrechen/ ...acht, neun... aus?

Zwei Cassiopeiapress Romane des Deutschen Krimipreisträgers in einem Band





BookRix GmbH & Co. KG
80331 München

Zwei Krimis: Was bleibt, ist das Verbrechen/ ...acht, neun, aus?

von Horst Bieber

dieser Digitalausgabe 2014 by Alfred Bekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen

www.alfredbekker.de

postmaster@alfredbekker.de

Die EDITION BÄRENKLAU wird herausgegeben von Jörg Martin Munsonius

www.editionbaerenklau.de

Der Umfang dieses Ebook entspricht 613 Taschenbuchseiten.

Was bleibt, ist das Verbrechen

Kriminalroman von Horst Bieber

© dieser Digitalausgabe by Alfred Bekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen

www.alfredbekker.de

postmaster@alfredbekker.de

EDITION BÄRENKLAU, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius

DIE INFO-SEITE RUND UM DIE PRODUKTE DES VERLAGES FINDEN SIE UNTER:

www.editionbaerenklau.de

Was bleibt, ist das Verbrechen, Krimi von Horst Bieber, 2011/14

Cover & Layout: Steve Mayer, 2014

Korrektorat Antje Ippensen

Für die erste Juniwoche hatte auch die Dämmerung viel zu früh eingesetzt. Auf dem Parkplatz, den eine Mauer von der Schlucht abtrennte, standen riesige Pfützen, ein böiger Wind kräuselte ihre Oberflächen, es troff nur so von den Bäumen und bei jedem Windhauch prasselten Sturzgüsse herab. Thilo hatte an dem Abend einiges getrunken, bei der rechtsmedizinischen Untersuchung wurden später 1,5 Promille festgestellt. Warum er ohne Jacke und Mantel nach draußen gegangen war, wurde nie geklärt. Er verschwand wortlos und unbemerkt aus der Gaststube und aus dem Leben aller seiner Freunde, und kam nicht mehr zurück.“

20 Jahre später lädt die Zwillingsschwester Thea die Freunde von damals zu einer Wiedersehensfeier ein. Auch ihren früheren Freund Rolf Kramer, der inzwischen als Privatdetektiv arbeitet. Nicht ohne Hintergedanken!

Denn es gibt neue Informationen, dass der Tod des Bruders kein Zufall war. Rolf Kramer muss lernen, wie wenig er doch damals seine Freunde wirklich kannte.

Das Treffen wird wohl ein Abschied auf ewig. Von der Vorstellung die er von seiner Vergangenheit gehabt hatte, von seiner Jugendliebe Thea und von der Stadt, die sich nicht unterscheidet von anderen Städten, wenn es um ein Tötungsdelikt geht.

Denn es ist nur zu wahr: Einem Verbrechen in der Nachbarschaft zum Opfer zu fallen, ist nicht jedermanns Sache – aber so etwas passiert ja Gott sei Dank immer nur bei den anderen…

Personenverzeichnis:

1. Dr. Thea Schabranski [Rechtsanwältin in Würzburg]

2. Thilo Schabranski [Theas verstorbener Zwillingsbruder]

3. Hans-Peter Beck, [Eigentümer der Chemischen Fabrik Beck & Falke in Neustadt/Ulitz] [Eltern: Eberhard Beck und Adrienne Falke-Beck]

4. Christian Neufel [Prokurist in München]

5. Cordula (genannt Dula) Oppenstedt [Galeristin in Neustadt]

6. Martin Adler(mit Spitznamen Adlerauge) [Ingenieur in Veitshöchsheim]

7. Rolf Kramer [Privatdetektiv in Tellheim.)

8. Corinna Altmann/Etzel [Hausfrau und Mutter in Fulda]

9. Sonja Drexler [Nachtbarbesitzerin in Neustadt]

10. Klaus Etzel (mit Spitznamen Klein-Attila, verheiratet mit Corinna Altmann) [kaufmännischer Angestellter in Fulda]

Diese eng befreundeten "Zehn schlimmen Finger" haben vor zwanzig Jahren gemeinsam Abitur am Jean-Paul-Gymnasium in Neustadt an der Ulitz gemacht.

Tina Schabranski Theas und Thilos zwei Jahre jüngere Schwester.

Anke Ludwig auch Jean-Paulianerin, ein Jahrgang jünger als die Schlimmen Finger, heute Hotelbesitzerin in Neustadt/Ulitz

Brigitte Moll Schülerin auf dem Jean-Paul, als ihr Vater Richard Moll ermordet wurde.

Alfons Kullisch Mathe- und Physiklehrer, als "gestreiftes Ferkel" bei seinen Schülern verhasst.

Milli Wirth bediente in der Wolfsbachschlucht

Jutta Wirth Millis ältere Schwester, unglücklich verheiratet mit Georg Mühlen.

Heidrun Falke bei der Aufteilung eines Erbes sehr benachteiligt.

Guido Sandmann Jean-Paulianer, ein Jahrgang älter als die Schlimmen Finger.

Ann-Katrin von Zeeden Sandmanns Ehefrau.

Erwin Stange glück- und erfolgloser Kriminalbeamter.

Alle Personen und Namen sind frei erfunden, ebenso alle Taten und Ereignisse, die im Jahre 2010 spielen. Jede Ähnlichkeit mit lebenden oder verstorbenen Personen wäre rein zufällig. Das gilt auch für das Jean-Paul-Gymnasium in Neustadt. Selbst die Orte Tellheim und Neustadt an der Ulitz existieren real nicht.

I.

Lebensweisheit eines alten Geographielehrers, den seine Schüler nur "den Schnurz" nannten: "Die Welt ist merkwürdig eingerichtet - zu groß, um sein Glück zu finden, zu klein, um sich vor seinem Unglück zu verstecken."



Gegen 13 Uhr klopfte es an seine Bürotür, und Rolf Kramer stand verwundert vom Schreibtisch auf. Wenn er sich nicht irrte, hatte er keine Verabredung, und seine Nachbarin Anielda aus dem Studio gegenüber (Zukunftsfragen auf wissenschaftlicher Basis) hielt Anklopfen für eine lästige Anstrengung und Zeitverschwendung, die zumal unter Freunden unnötig sei. Er öffnete und starrte so verwundert wie beindruckt auf die Frau vor ihm. Ein verdammt hübsches Weib. Fast genau so groß wie er, mit einem rundlichen Koboldgesicht und kurz geschnittenen kastanienbraunen Haaren. Sie strahlte Kramer aus großen braunen Kulleraugen an, sagte aber vorerst nichts. Zwar kam sie ihm sofort bekannt vor, aber im Moment fiel ihm beim besten Willen nicht ein, woher er sie kannte und wer sie war. Sie merkte wohl seine Unsicherheit und zog einen Schmollmund.

"Sag bloß, du weißt nicht mehr, wer ich bin. Rolf, das kannst du mir doch nicht antun. Du kannst mich doch nicht vergessen haben. Schließlich habe ich dir meine Jungfräulichkeit geopfert, um uns gemeinsam in den Club einzuführen, und wenn ich mich recht erinnere, hat es dir großen Spaß gemacht. Mir auch, wie ich dir damals schon gestanden habe, und deswegen haben wir die Prozedur sofort wiederholt. Den Höhepunkt habe ich bis heute nicht vergessen. Das kannst du doch nicht alles verdrängt haben. Oder habe ich mich so verändert?", klagte sie bewegt. Ihre lockeren Sprüche halfen ihm auf die richtige Spur.

"Ja", antwortete er fest. "Du hast dich sehr verändert. Du bist noch schöner geworden, Thea."

Die nächsten Sekunden war er vollauf damit beschäftigt, sein Gleichgewicht zu bewahren. Sie hatte ihre Aktenmappe fallen lassen und war ihm so schwungvoll um den Hals gefallen, dass er nach rückwärts taumelte und sich ausnahmsweise beglückwünschte, ein so winziges Büro gemietet zu haben. Denn nach fünf oder sechs Schritten durch den kleinen, schmalen Flur stieß er schon an die Schreibtischkante und konnte sich aufrichten, wobei er beide Hände fest um ihre Taille legen musste, die immer noch beneidenswert schlank war. Der Kontrast zwischen ihrem großen, festen Busen und den schmalen Hüften hatte ihn schon vor gut zwanzig Jahren so fasziniert, dass er nachts davon träumte.

Sie lachte fröhlich. "Du bist nach wie vor der charmanteste Lügner, den ich kenne. Ich liebe Komplimente, immer noch."

Dabei hatte er nicht einmal besonders geflunkert. Sie war unverändert attraktiv, sexy und lebhaft, aber in den vergangenen zwanzig Jahren, in denen sie sich nicht gesehen hatten, reifer und weiblicher geworden. Thea Schabranski, vor zwei Jahrzehnten, als Kramer am Jean-Paul-Gymnasium in Neustadt an der Ulitz auf das Abitur zusteuerte, der absolute Schwarm der Oberstufe (männlich). Thea hatte an jedem ihrer langen, kräftigen Finger zehn Verehrer zappeln. Dass sie ausgerechnet den eher schüchternen und zurückhaltenden Rolf Kramer, der sie schweigend verehrte und aus der Ferne anbetete, schließlich erhörte und, wie sie es nannte, in den Club einführte, war ihm schon damals wie ein großes und unverdientes Wunder erschienen.

Trotz aller Schwüre hatten sich die zehn Freunde nach der feierlichen Ausgabe der Abiturzeugnisse aus den Augen verloren. Das hatte sicherlich mit dem schrecklichen Ende ihrer privaten Abitur-Abschiedsfeier zu tun, bei der Theas Zwillingsbruder Thilo über die Parkplatzmauer ihrer Stammkneipe Wolfsbachschlucht in die Tiefe gestürzt war und sich das Genick gebrochen hatte. Es war ein kühler, ungemütlicher, regnerischer Juniabend gewesen, mit tief herabhängenden Wolken, viel zu kalt für die Jahreszeit. Für die erste Juniwoche hatte auch die Dämmerung viel zu früh eingesetzt. Auf dem Parkplatz, den eine Mauer von der Schlucht abtrennte, standen riesige Pfützen, ein böiger Wind kräuselte ihre Oberflächen, es troff nur so von den Bäumen und bei jedem Windhauch prasselten Sturzgüsse herab. Thilo hatte an dem Abend einiges getrunken, bei der rechtsmedizinischen Untersuchung wurden 1,5 Promille festgestellt. Warum er ohne Jacke und Mantel nach draußen gegangen war, wurde nie geklärt, er verschwand wortlos und unbemerkt aus der Gaststube, die die Schulfreunde reserviert hatten, und kam nicht mehr zurück. Gegen Mitternacht waren sie alle aufgebrochen, nur Thea hatte sich geweigert, nach Hause zu gehen, sie wolle bleiben, bis Thilo zurück war. Alle, die bei ihr bleiben und mit ihr auf Thilo warten wollten, hatte sie barsch und unfreundlich weggeschickt, auch Rolf Kramer. Eine Stunde später wollte der Wirt schließen.

Thilos Leiche wurde erst am nächsten Morgen gefunden, aufgestöbert von einem Hund, den sein Herr spazieren führte. Thilo hatte sich bei dem Sturz rücklings in die mit Steinen und Felsen übersäte Schlucht Genick und Schädeldecke gebrochen. Sobald am nächsten Tag dieses schreckliche Unglück bekannt geworden und Thea mit einem Streifenwagen zur Identifizierung ihres Bruders in die Rechtsmedizin gebracht worden war, hatten die anderen Abiturienten wie in einer wortlosen Vereinbarung vermieden, sich noch einmal zu treffen oder in den späteren Jahren Abitur-Jubiläen zu feiern. Einige wenige kamen noch zu Thilos Beerdigung fünf Tage später auf den Neustädter Südfriedhof, und von den meisten seiner früheren Klassenkameraden und -kameradinnen wusste Kramer mit einer Ausnahme nicht einmal, ob sie noch lebten, geschweige denn, was aus ihnen geworden war oder wo sie heute wohnten. An Thea Schabranski hatte er häufiger auch mit Sehnsucht gedacht, aber nie die Energie aufgebracht, sich nach ihr zu erkundigen oder einen Kontakt zu suchen. Der Gedanke an Thilo und seinen Tod lähmte alle und flößte allen ein unbegründetes, aber peinigend schlechtes Gewissen ein.

Und Kramer konnte einfach nicht den Tag der Beerdigung vergessen, als er vor der Friedhofskapelle neben einem Pfeiler stand und beobachtete, wie Thea aus Guidos Auto stieg und Guidos Arm nahm. Der schöne Guido Sandmann hatte im Jahr zuvor Abitur gemacht; dass er sich schon lange um Thea bemühte, war kein Geheimnis. Kramer hatte auf dem Friedhof mit aller Kraft die Wut- und Enttäuschungstränen unterdrücken müssen, aber die Kränkung saß noch heute tief. Es gab nach Thea immer wieder einmal Frauen, bei denen er an eine längere Verbindung, gelegentlich sogar ans Standesamt gedacht hatte, aber im entscheidenden Moment trat immer wieder das Bild vor seine Augen. Thea, blass und schön, stieg aus Guido Sandmanns Auto und warf Kramer nur einen flüchtigen Blick zu; selbst als er ihr am Grab die Hand drückte und sein Beileid aussprach, drehte sie rasch den Kopf zur Seite. Am folgenden Tag saß Kramer mit allen Unterlagen im Zug nach Hildesheim und kam erst knapp drei Jahre später nach Neustadt an der Ulitz zurück. Seine Mutter erzählte ihm, dass Thea weggezogen sei. Doch wo Thea studierte, wusste sie angeblich nicht.

Es gefiel ihr sichtlich nicht, dass er sich so bald nach Thea erkundigte.


Sie gingen in die Alte Waage, und Thea ließ ihre Mappe im Büro. Sie müssten nachher sowieso noch einiges besprechen. Die Waage war kein Lokal für Feinschmecker, sondern "gut bürgerlich", wie das so hieß. Zwischen zwölf und eins waren die meisten Tische besetzt. Viele Firmen in der Umgebung des Marktes sparten sich eine eigene Kantine und gaben an ihre Angestellten Gutscheine aus, die in der Waage wie Bargeld eingelöst werden konnten. Normalerweise aß Kramer unter der Woche nicht zu Mittag, um die anschließende Müdigkeit zu vermeiden. Thea hielt es ähnlich, wie sie gestand, wobei sie auf ihre Gürtelschnalle klopfte, war aber gestern mit alten Freundinnen in Neustadt unter die Räder geraten und musste nun etwas für Kopf und Leber tun. In der Alten Waage steuerte Kramer eine Nische an, in der sie einen kleinen Tisch für sich hatten, die Nachbarn saßen weit genug entfernt, um nichts zu verstehen. Bei nächster Gelegenheit konnte er dann auch fragen, ob Thea, die keinen Ring trug, verheiratet sei. War sie nicht. Geschieden. Seit fast zehn Jahren schon. Nein, keine Kinder.

"Und du?"

"Gelernter Junggeselle, Thea. Immer noch. Nein, ab und zu lebe ich mit einer Frau zusammen, aber es hält nie sehr lange. Liegt an mir und meinem Beruf. Nein, ich bin nicht unglücklich. Auch nicht unzufrieden. Aber zu behaupten, ich wäre rundum glücklich, nein, das wäre eine Übertreibung."

"Du wolltest nach dem Abi ins Ausland, stimmt's?"

"Ja, bin ich auch gewesen. Du hast doch mal meine Tante Cornelia kennengelernt, die mit den schlohweißen Haaren."

"Die aus Hildesheim? Die so fantastische Plätzchen backen konnte?"

"Genau die. Sie war zwei Monate vor unserem Abi gestorben und hatte mir für damalige Verhältnisse einen Haufen Geld vererbt, freilich unter der Bedingung, dass ich mit diesem Geld Neustadt verlassen müsse. Es reichte, dass ihre Schwester Paula in diesem reaktionären, miefigen Nest zu einer unerträglichen Nörglerin versauert sei." Thea nickte, mit Kramers Mutter hatte sie sich nie verstanden; und dass ihr schüchterner Rolf auf dieses "schamlose Weib" hereingefallen war, bekümmerte die Mutter Tag und Nacht. An Thea passte ihr vieles nicht: Vater Schabranski hatte ein Feinkostgeschäft im Stadtzentrum aufgebaut und verdiente sehr gut, was Kramers Mutter als ganz persönliche Kränkung empfand. Denn ihr Mann Eduard war ein kleiner Beamter im Neustädter Katasteramt und würde, wie die Dinge lagen, nie so viel verdienen, wie Paula Kramer sich das wünschte und irgendwie als ihr gutes, aber vom Schicksal vorenthaltenes Recht betrachtete. Dass ihr Eduard die flotte und witzige Thea ausgesprochen gut leiden konnte und Thea diese Sympathie offen erwiderte, bildete zwischen den permanent verzankten Eheleuten Eduard und Paula einen weiteren Streitpunkt.

"Was hast du denn mit Tante Cornelias Erbschaft angestellt?"

"Ich bin auf gut Glück losgezogen, zuerst nach Spanien, Madrid, dann Sevilla und Andalusien, habe da und dort gejobbt, was damals nicht so einfach war, auf der anderen Seite gab es noch überall Arbeit. Und wenn ich mal zur Guardia Civil oder aufs Bürgermeisteramt zitiert wurde, konnte ich immer nachweisen, dass ich genug Geld besaß, um jederzeit nach Deutschland zurückzukehren. Und irgendwie fühlten sich die Spanier damals noch geschmeichelt, wenn ich erklärte, ich zöge durch ihr schönes Land, um die Sprache zu lernen. Von Andalusien aus bin ich in die Algarve nach Portimao weitergezogen, habe durch einen unglaublichen Zufall einen Job in Porto bekommen und bin dort einem Franzosen begegnet, der mir eine befristete Stelle in Le Havre anbot. Die habe ich angenommen, von Le Havre hat es mich über Nantes und Brest nach England verschlagen."

In Nantes hatte er auch die jüngsten Entwicklungen aus Neustadt gehört, er traf ein deutsches Paar, Arno Brügge (Abitur 1985 auf dem Jean-Paul) und Gisela Fröhlich (Mittlere Reife 1987 auf dem Gertrud Bäumer), beide wurden ziemlich vom Heimweh geplagt und unterhielten deshalb einen regen Briefwechsel mit ihren Eltern. Gisela brach in Tränen aus, als sie aus einem Schreiben ihrer Mutter vorlas, dass es am Gertrud Bäumer gebrannt hatte. Keine Einzelheit, die Kramer so erfuhr, ließ ihn seine Abreise aus Neustadt bedauern oder gar bereuen.

Thea räusperte sich und er schreckte aus seiner Träumerei hoch.

"... und als ich in Leeds massiven Ärger mit den Behörden wegen fehlender Arbeitserlaubnis bekam, ging auch mein geerbtes Geld zur Neige und ich bin nach Neustadt zurückgekehrt. Mutter wollte, dass ich dort blieb und wahrscheinlich hat sie damit genau das Gegenteil erreicht, ich habe mir umgehend eine Lehrstelle in Tellheim gesucht, bei einer kleinen Import-/Exportfirma Heuermann & Weiden, die von der Konkurrenz als Heu und Gras verspottet wurde, bin für Heu & Gras in Brasilien und Guatemala gewesen, bis wir dort geschäftlich nichts mehr zu vermelden hatten. Also bin ich nach Tellheim zurückgegangen und habe da in der Zentrale - wie das klingt! Zentrale!- gearbeitet. Als kleiner Angestellter ohne Ehrgeiz und Aufstiegschancen."

Über ein Jahr hatte Paula Kramer die ihr wichtig erschienene Post an ihren Sohn Rolf aufgehoben, und als er an einem Wochenende aus lauter Langeweile in dem Stapel wühlte, fand er ein Schreiben des Jean-Paul-Altschülervereins, das ihn zum Beitritt aufforderte. Er hatte das Blatt umgehend im Papierkorb versenkt.

Thea musterte ihn regelrecht besorgt.

"Rolf, das sieht dir aber gar nicht ähnlich. Ohne Ehrgeiz, ohne Gedanke an Karriere."

"Mag sein. Und der Henker weiß, wieviele Jahre ich den Trott ausgehalten hätte, wenn mir nicht bald eine wunderschöne Kollegin über den Weg gelaufen wäre. Sie hieß Petra Auffermann und wurde, nachdem sie mir den Laufpass gegeben hatte, die Assistentin und Geliebte eines neuen Geschäftsführers, der die Firma systematisch ausplünderte und mit einer gigantischen Kardamom-Spekulation ruinierte. Dazu brauchte er Petras Hilfe, doch am letzten, größten Coup wollte er die Auffermann nicht mehr beteiligen. Sie merkte es und drohte ihrem Geliebten Eberhard Johns, allgemein nur Ejo genannt, alles an die Eigentümer zu verraten. Ejo brachte sie um und verstand es, den Verdacht auf mich, Petras früheren Liebhaber, zu lenken. Das machte er so geschickt, dass die Kripo mich tatsächlich wegen Mord einbuchten wollte. Besonders eine Kommissarin Caroline Heynen war fest davon überzeugt, dass ich meine frühere Geliebte Petra um die Ecke gebracht hätte. Also blieb mir gar nicht anderes übrig, als selbst den wahren Mörder zu finden und zu überführen. Ejo gestand, wurde verhaftet und schließlich verurteilt."

"Deswegen bist du Privatdetektiv geworden?"

"Nein, nicht nur. Sobald Ejo gestanden hatte, haben Caro Heynen und ich ein Verhältnis begonnen, das aber nicht lange gedauert hat - immerhin so lange, dass wir heute noch Freunde sind. Als sie mich wegen eines anderen Mannes fortschickte, meinte sie, ich sollte doch Privatdetektiv werden. Erstens läge mir das ja wohl, zweitens würden wir uns dann bestimmt häufiger über den Weg laufen, was doch ganz nett wäre, und drittens sei ich von Natur aus zwar schüchtern, aber schrecklich neugierig."

"Eine kluge Frau. Gibt es eine Chance, sie mal kennenzulernen?"

"Warum nicht?"

"Und wie sieht es privatim aus? Bist du im Moment solo?"

"Nein. Bei einer Recherche habe ich eine Frau in meinem Alter kennengelernt, mit der ich noch befreundet bin."

"Warum betonst du 'noch'?"

"Dörte - so heißt sie -hält mich im Grunde ihres Herzens für einen unsoliden Hallodri und deswegen wird unsere Beziehung wohl nicht mehr lange dauern, fürchte ich."

"Abwarten. Unsere Beziehung hat ja auch zwanzig Jahre gehalten." Dabei lachte sie ihn an und trat ihm unter dem Tisch kräftig auf den Fuß. Wenn sie es so ausdrückte...

"So, liebe Thea, nun hätte ich gerne auch eine Kurzversion deines Lebens."

"Sobald wir bestellt haben. Ich möchte gerne eine Weißweinschorle."

"Trinkst du das immer noch?"

"Ja, warum fragst du?"

"Weil das auch mein Lieblingsgetränk geworden ist. Ich habe es von dir gelernt und muss immer mal an dich denken, wenn ich es bestelle."

"Liebe geht halt wirklich durch den Magen. Wie schmecken denn mittlerweile die Forellen aus der Ulitz?"

"Nicht mehr empfehlenswert."

"Was soll ich nehmen?"

"Großer oder kleiner Hunger?"

"Eher klein, aber sauer sollte es sein."

Er schaute sie fest an, bis sie etwas kläglich lächelte.

"Ganz richtig, Rolf. Zuviel Krötenblut."

"Und wo bist du auf dem Krötenblut ausgerutscht?"

Mit diesem wenig appetitlichen Namen wurde in Neustadt ein dort hergestellter dunkelroter Brombeerlikör bezeichnet, der sich durch Aroma, kratzige Süße und Alkoholgehalt auszeichnete. Man brauchte allerdings eine starke Speiseröhre, einen guten Magen, eine trainierte Leber, einen unempfindlichen Kopf und überhaupt eine Bombenkonstitution, um mehr als drei Gläschen zu vertragen.

"Im Steghaus."

So, wie sie das Wort aussprach, musste ein Ortsfremder vermuten, dort würden saftige Stücke Rindfleisch gebraten. Doch das Wort leitete sich von dem hölzernen Steg ab, der bis in die 1880er Jahre, als die steinerne Brücke in Neustadt gebaut wurde, der einzig trockene Weg über die Ulitz war, der freilich mit unschöner Regelmäßigkeit vom Wintereis oder vom Frühlingshochwasser weggerissen und ebenso unverdrossen wieder aufgebaut wurde. So exklusive Dinge wie Steaks bot das Steghaus nicht an, sondern Bratkartoffeln, Pommes, Frikadellen, Bier und eben Krötenblut.

"Dann empfehle ich dir Weinkraut mit der kleinen Schlachtplatte. Die Gewürzgurken sind hier ausgezeichnet."

"Okay. Buße muss sein."

Nach der Bestellung begann sie zu erzählen.

Weil der Vater sie darum gebeten hatte, arbeitete sie noch rund ein halbes Jahr im Geschäft, das eigentlich Bruder Thilo hatte übernehmen sollen und wollen. Doch auf Dauer war das nichts für sie, zur großen Enttäuschung des Vaters, der sie erst ziehen ließ, als sie ernsthaft krank geworden war. "Ich muss doch nicht alle medizinischen Details meiner Eingeweide vor dir ausbreiten?" Für das Geschäft fand sich im großen Schabranski-Clan ein Pächter. Thea begann mit dem Jura-Studium in Heidelberg, wechselte dann häufiger die Universitäten, war auch zwei Semester in Genf und kehrte schließlich nach Tellheim zurück, um hier Examen zu machen. Referendariat, Assessor-Zeit an verschiedenen Stellen im Lande, sie musste sich etwas beeilen, weil der Vater kränkelte und sie ihm noch helfen sollte, das Geschäft so schnell wie möglich verkaufen; der Pächter wollte seinen Vertrag nicht mehr verlängern. Im letzten Semester vor dem Staatsexamen hatte sie einen Kommilitonen aus Würzburg kennengelernt. Sie heirateten, nachdem er im zweiten Anlauf die Hürde des ersten Staatsexamens bewältigt hatte. "Er war fleißig und gewissenhaft, aber leider nicht sehr intelligent und auch nicht klug. Und als er endlich merkte, dass ich schneller vorankommen würde als er, begann er zu schmollen und seine alte Liebe zu den Bocksbeuteln wieder zu pflegen. Nach einigen Jahren ging es nicht mehr, und ich habe mich scheiden lassen."

Kramer musterte sie ungläubig: "Thea, das war doch sicher nicht alles. Wenn es eine Frau gab, von der wir in der Schule die verrücktesten Dinge und die tollste Karriere erwarteten, dann warst das doch du."

Sie nickt etwas traurig. "In der Kurzfassung hört es sich wirklich ziemlich langweilig an."

"Hast du denn einen Freund?"

"Nein, der ist mir vor drei Monaten nach Berlin entlaufen." Ihre Stimme zitterte, und Kramer traute seinen Ohren nicht. Ausgerechnet die freche, forsche Thea. Vorsichtshalber wechselte er das Thema:

"Wie geht es denn deiner Familie?"

"Mein Vater ist gestorben. Meine Mutter und ich haben das Geschäft verkauft. An eine Supermarkt-Kette. Feinkost Schabranski existiert im Neustädter Ladenhof nicht mehr."

"Du hast doch eine Schwester, die kleine mit den Sommersprossen."

"Tina."

"Richtig. Was treibt sie?"

"Ich weiß es nicht."

"Wie bitte?"

"Ja, du hast richtig gehört, sie ist seit - Moment - knapp fünf Jahren spurlos verschwunden."

Kramer schüttelte ungläubig den Kopf. Tina Schabranski, zwei Jahre jünger als das Zwillingspärchen Thilo und Thea, war ein lebhaftes, hochintelligentes und, wie Kramer damals fand, auch reichlich vorlautes und aufdringliches Wesen, das sich mit seinen älteren Geschwistern erstaunlich gut verstanden hatte. Kramer erinnerte sich vor allem daran, dass Tina keine fünf Minuten ruhig auf einem Fleck bleiben konnte. Sie war dauernd in Bewegung, unterwegs, plante etwas, hatte etwas vor oder gerade etwas angestellt. Dabei konnte man ihr nicht böse sein, sie besaß Charme für zehn und entwickelte, wenn sie etwas erreichen wollte, eine fast unglaubliche und vor allem unwiderstehliche Liebenswürdigkeit. Als sie spitz bekommen hatte, dass Kramer ihre Schwester Thea "verehrte", lauerte sie ihm bei allen möglichen Gelegenheiten auf und hielt ihm ihre Hausaufgaben in Englisch oder Französisch hin. "Für dich ist das doch eine Kleinigkeit", lockte sie mit umwerfendem Schmelz in der Stimme. "Hab' Mitleid, ich müsste Stunden darüber brüten."

Sprachen waren ihm tatsächlich immer leicht gefallen, und deswegen ließ er sich oft erweichen, wobei er natürlich auch hoffte, Tina werde ihn vor Schwester Thea gebührend rühmen. Kramers auch zwei Jahre jüngere Schwester Annette ging ebenfalls auf das Gertrud-Bäumer-Gymnasium und war vorübergehend mit Tina Schabranski befreundet.

"Was macht denn deine Schwester? Moment, wie hieß sie noch? Annette, nicht wahr?"

"Ja. Annette ist nach dem Abi und einem Praktikum auf die Textilfachschule gegangen und hat nach dem Examen sehr schnell geheiratet. Den Erben einer Textilfabrik in Stadtausa. Dem hat sie zwei männliche Erben geschenkt, wie sie das auszudrücken pflegt." Er fügte nicht hinzu, dass sein Kontakt zur ehrgeizigen Schwester schlechter war als zu seinem Schwager, der die Dinge lässiger sah und vor allem sich selbst nicht so ernst nahm.

"Na, wie sich das so getroffen hat", bemerkte Thea scheinbar arglos.

"Wir sehen uns selten", beeilte er sich klarzustellen, weil er sich durchaus korrekt daran erinnerte, dass sich Thea Schabranski und Annette Kramer zuletzt wie Hund und Katze begegnet waren. Annette war in jeder Beziehung ein Mamakind und hatte stets blind Partei für ihre Mutter ergriffen. Weil Kramers Mutter Thea Schabranski nun mal nicht ausstehen konnte, mochte Tochter Annette gegen Ende der Schulzeit auch die Schwester der "roten Thea" nicht mehr leiden.

"Habt ihr Tina seinerzeit nicht gesucht?"

"Doch, natürlich. Wir haben sie sogar als vermisst melden wollen. Aber die Polizei hat gleich abgewunken. Tina war volljährig, sie hatte in Hamburg einen regulären Job bei einer Versicherung, hatte keine Probleme mit Polizei oder Justiz: Dass sich ein Erwachsener nicht mehr bei seinen Eltern oder seinen Geschwistern meldet, kommt ja nicht selten vor. Hinweise auf ein Verbrechen gab es nicht, und leider auch kein Lebenszeichen mehr von Tina. Für meinen Vater war diese Enttäuschung das Ende. Erst der Sohn Thilo, dann die Tochter Tina und die Tochter Thea weit weg."

"Und deine Mutter?"

"Meine Mutter lebt in einem Pflegeheim für Demenzkranke in Kromburg und will von ihrer Familie nichts mehr wissen", versetzte Thea kühl. "Wenn du zahlst, können wir in dein Büro zurück."

Kramer wunderte sich über Theas plötzlichen Stimmungsumschwung, sagte aber nichts, weil sie die Zähne zusammenbiss, als müsse sie eine innere Explosion verhindern. Auf dem Rückweg bummelte sie dann wieder ganz entspannt an den Schaufenstern vorbei, schwieg aber die meiste Zeit.

"Was hat dich eigentlich heute nach Tellheim geführt?", erkundigte Kramer sich schließlich.

"Ich möchte heute Nachmittag einen Krankenbesuch machen. Und weil ich eine Fahrkarte für den Bus lösen musste, wollte ich zum Ausgleich das Porto für einen Brief sparen, der für dich bestimmt ist."

"Da bin ich aber gespannt."

"Kannst du dich noch an Brigitte Moll erinnern?"

"Ja, schwach."

"Sie liegt im Bethanienkrankenhaus und möchte mit mir was Juristisches besprechen."

Auf dem Neuen Markt kam ihnen Eva Posipil entgegen, in der rechten Hand einen Geigenkasten, in der linken ein Netz voll mit Äpfeln. Für Ende Mai war es angenehm warm, das launische Wetter schien sich darauf zu besinnen, dass der Sommer vor der Tür stand und übte sich deswegen schon einmal in trockenen, windstillen Tagen mit einigen Sonnenschein-Stunden.

"Hei, Rolf!"

"Hei, Eva. Darf ich bekannt machen, Eva Posipil, die Tochter eines Freundes, der auf meinem Flur im Ruhlandhaus seinen Betrieb hat. Thea Schabranski, ihres Zeichens Rechtsanwältin in Würzburg und vor zwanzig Jahren meine große Schülerliebe."

"Wie romantisch", zwinkerte Eva und setzte ihr Netz ab, um Thea eine Hand zu geben.

Thea grinste: "Er ist überhaupt ein romantischer Mensch, er glaubt an die große Liebe, an die Gerechtigkeit ..."

"... und den unvergänglichen Wert der klassischen Musik", ergänzte Eva rasch. "Ich bin Geigerin, ich darf das beurteilen. Kommen Sie am Samstag zu unserem Konzert?"

"Konzert?", fragte Thea verständnislos.

"Eva hat mit Kollegen und Kolleginnen von der Musikhochschule ein Klavierquintett gegründet", musste Kramer erklären.

Thea schüttelte den Kopf. "Ich fürchte, nein. Dieser neugierige Mensch hier soll mir helfen, ein Problem zu lösen."

"Schade", bedauerte Eva, "dann vielleicht ein andermal."

"Eine hübsche junge Frau", urteilte Thea, nachdem sie sich von Eva verabschiedet hatten.

"Dazu klug, intelligent und fleißig", ergänzte Kramer. "Außerdem fast erschreckend zielstrebig."

"Aha. Höre ich da eine gewisse Bewunderung heraus? Oder gar eine versteckte Zuneigung?"

"Zuneigung ja, aber nicht die, die ältere Männer in der Regel für jüngere Frauen aufbringen."

"Wie alt ist denn deine Eva?"

"Weiß ich gar nicht genau, 26 oder 27, schätze ich."

"Also zu alt für deine Tochter?"

"Das schon, aber eine Tochter wie Eva würde mir schon gefallen."

"Warum hast du nie geheiratet?"

"Die richtige ist mir nie über den Weg gelaufen."

Thea schnaubte entrüstet, sagte aber nichts. Sie standen vor dem Gänsemarktbrunnen und beobachteten die winzigen Fontänen.

"Hast du dir eigentlich keine Kinder gewünscht?", fragte Kramer nach einer Weile.

"Doch", antwortete sie hart, "aber nicht von dem Mann, den ich geheiratet habe. Komm, lass uns weitergehen, bevor wir beide richtig sentimental werden." Zweihundert Meter weiter hatte Thea ihre Stimmung schon wieder geändert. Sie blieb vor einem Modegeschäft stehen und winkte Kramer heran. "Gefällt dir das zweiteilige Kleid da hinten?"

"Das blaue?"

"Genau."

"Ja, es sieht sehr gut aus."

"Finde ich auch. Brigitte hat ihre Lieferanten gewechselt und die Neuen oder genauer: die neue Firmen haben schöne Sachen und geben sich viel Mühe."

"Brigitte ...?"

"Brigitte Moll. Kannst du dich nicht mehr an sie erinnern? Jean-Paul, zwei Jahre unter uns."

"Ehrlich gesagt, so gut wie gar nicht."

"Der Vater hatte das Juweliergeschäft neben dem Gemeindezentrum an der Langen Gasse."

"Es dämmert, der Vater ist doch von Einbrechern getötet worden?"

"Genau. Etwa ein Jahr vor unserem Abi, Brigitte hat das Jean-Paul- Gymnasium verlassen und bei einer Tante hier in Tellheim eine Lehre begonnen. Mit dem Geld aus der Lebensversicherung des Vaters haben sie und ihre Mutter dieses Modengeschäft eröffnet. Zu Anfang mussten sie heftig strampeln, aber seit etwa vier Jahren läuft der Laden ganz ordentlich."

"Woher weißt du das alles?"

"Brigitte und ich schreiben uns, früher Briefe und Glückwunschkarten zu Weihnachten, heute tauschen wir mails aus, und wenn ich mal in der Gegend bin, kaufe ich bei ihr ein. Gitte war mit meiner kleinen Schwester Tina befreundet und ziemlich erschüttert, als Tina verschwand."

"Ist der Mörder ihres Vaters eigentlich gefunden worden?"

"Nein."

"Willst du jetzt reinschauen?"

"Nein, heute nicht. Brigitte sehe ich heute Nachmittag im Krankenhaus, und das Kleid kann ich mir auch noch morgen besorgen. Komm, lass uns weitergehen."


Kramer schloss gerade sein Büro im Ruhlandhaus auf, als Anielda aus ihrem Studio "Zukunftsfragen auf wissenschaftlicher Basis" herauskam und so tat, als sei sie überrascht, ihn in Begleitung zu sehen. "Entschuldigung", murmelte sie, "ich wusste nicht, dass du Besuch hast." Thea hatte das Schild an der Tür gelesen und verzog nun den Mund zu einem amüsierten Lächeln.

"Ich bin kein Besuch, ich habe ein Problem, das dieser Sherlock Holmes für mich lösen soll. Er ist ein alter Schulkamerad."

"Aha!", machte Anielda, und in dem kleinen Wörtchen schwang soviel Skepsis und Misstrauen mit, dass Thea lachen musste.

"Sie glauben mir nicht?"

"Doch, doch. Aber ich kenne auch meinen lieben Rolf. Er ist gefühlvoll bis dorthinaus, und ich weiß nicht, was er von einer alten Schulfreundin erwartet."

"Alte Liebe rostet nicht", warf Kramer grob ein. "Man muss allerdings mal eine gehabt haben." Anielda ging ihm mit ihren unbegründeten Besitzansprüchen gelegentlich schwer auf den Wecker.

Prompt machte die Seherin der Zukunft auf dem Absatz kehrt und verschwand in ihrem Studio. Hinter ihr donnerte die Tür ins Schloss. Thea kicherte. "Seit wann so empfindlich, lieber Rolf?"

"Nicht jetzt. Anielda ist ein abendfüllender Roman." Thea sagte dazu nichts mehr.

Er schaute sie amüsiert an: "Du wolltest mir doch persönlich einen Brief geben, um das Porto zu sparen."

"Bitte, hier."

Der gedruckte Briefkopf lautete "Dr. Thea Schabranski, Rechtsanwältin“. Eine Kanzleiadresse in Würzburg, eine ganze Reihe von Telefon- und Faxnummern, e-mail-Adresse. Bürozeiten. Konten. Wenn er mal ganz viel Geld verdient hatte, würde er sich auch so eindrucksvolles Briefpapier drucken lassen. Sie schmunzelte, als habe sie seine Gedanken erraten.


Liebe Freundinnen und Freunde,

in diesem Sommer ist es zwanzig Jahre her, dass wir am ruhmreichen Jean-Paul-Gymnasium zu Neustadt an der Ulitz unser Abitur gemacht haben; viele haben sich seitdem nicht mehr gesehen oder gesprochen. Ich meine, wenn unser verehrter alter Klassensprecher es nicht schafft, zu diesem Jubiläum die Mannschaft der alten C zusammenzutrommeln, dann sollten die "Schlimmen Finger" ein Treffen auf eigene Faust organisieren. Und deshalb würde ich gerne alle Neun zu einem Abendessen einladen: Am Samstag, 16. September, 19.00 Uhr in unserer alten Stammkneipe "Zur Wolfsbachschlucht". Ich habe bereits das alte Jägerzimmer, das nun vornehmer Jagdstube heißt, für uns reserviert und nachgefragt, ob es die berühmten Wolfsschnitzel noch gibt. Es gibt sie noch, jetzt allerdings als Schweineschnitzel nach Art des Hauses. Überhaupt hat sich unsere Kneipe sehr gemausert. Sie ist jetzt ein weithin gerühmter Fresstempel mit Stern oder Sternchen, aber das Bier ist noch die vertraute alte Marke, preiswert und gut.

Bitte kommt doch alle und schickt mir eine kurze Nachricht, ob ja und mit wieviel Personen. Am Sonntag, 17. September, beginnt um 15 Uhr das jährliche Schulfest. Auf dem Programm stehen für alle, die es wünschen, Rundgänge durch das Jean-Paul, das sich übrigens unter der Direktorin auch schwer herausgemacht hat. Die alte Turnhalle steht inzwischen unter Denkmalschutz, am Ende des Schulhofes, wo früher die schönen Platanen wuchsen, ist eine neue moderne Halle entstanden, schräg gegenüber steht ein modernes Gebäude für die Naturwissenschaften und die Computerfreaks. Die Aula ist geblieben, sie ist sogar restauriert worden und strahlt im alten Glanz der Holztäfelung und der Stuckdecke. Es gibt wieder ein großes Schulorchester, an das einige wohl mit Vergnügen zurückdenken. Am ersten Abend steht ein Konzert auf dem Programm, am zweiten Abend ein Theaterstück mit - lest und staunt! - Ballett-Einlage. Wir können an allem, aber wir müssen an nichts teilnehmen. Dann bleibt auch viel Zeit zum Quatschen und Tratschen oder zu einem Spaziergang durch das Städtchen, das leider nicht sehr viel schöner geworden ist.

Ein Hinweis für alle, die länger bleiben wollen; am Mittwoch, 19. September, beginnen die Feiern zum fünfzigjährigen Bestehen des Landschulheimes Josephshöhe, und das heißt, die Hotels werden gut belegt sein. Ich empfehle Euch das Hotel "Rieker Höhe", das von der ehemaligen Jean-Paulianerin Anke Ludwig geleitet wird; sie ist bei rechtzeitiger Anmeldung zu einem großzügigen Rabatt bereit.

So, dieser Brief geht an folgende Paulianer der Gattung Ex-C; ich habe alle Anschriften, Telefon-, Faxnummern und mail-Adressen, die mir bekannt sind, nach bestem Wissen und Gewissen beigefügt. Wenn ich einen Fehler begangen haben sollte, schickt mir doch bitte eine Korrektur, ich werde sie unverzüglich an alle neun Freunde und Freundinnen der ehemals "Schlimmen Finger" weiterleiten. Es grüßt Euch herzlich und freut sich darauf, Euch nach 20 Jahren wiederzusehen Eure Thea.

Kramer nahm das zweite Blatt und spürte plötzlich einen sanften, aber festen Druck auf der Brust. Ja, das waren sie, die neun, ursprünglich zehn Unzertrennlichen, die sich dann doch so schnell aus den Augen verloren hatten.

Thea Schabranski. Rechtsanwältin in Würzburg

Hans-Peter Beck. Fabrikant in Moosberg/Ulitz.

Christian Neufel. Prokurist in München.

Cordula "Dula" Oppenstedt, Galeristin in Neustadt/Ulitz.

Martin Adler, Diplom-Ingenieur in Veitshöchheim

Rolf Kramer, Privatdetektiv in Tellheim

Corinna Altmann/Etzel, Hausfrau in Fulda

Sonja Drexler, Gastronomin in Neustadt/Ulitz.

Klaus Etzel, kaufmännischer Angestellter in Fulda.

Einer fehlte aus der alten Gruppe, Thilo Schabranski, vor zwanzig Jahren beerdigt auf dem Neustädter Südfriedhof.

"Weit sind die C-ler ja nicht herumgekommen", sagte Kramer versonnen, doch Thea widersprach sofort. "Du meinst, die neun Freunde aus der C, von den anderen weiß ich es nicht. Vielleicht lebt einer von ihnen mittlerweile am Südpol und dressiert freilaufende Pinguine?"

"Von den großen Lieben aus der Schulzeit hat offenbar nur die Liaison Corinna Altmann - Klaus Etzel gehalten."

Thea warf ihm einen bitterbösen Bick zu. "Du meinst, weil sie geheiratet haben?"

Er nickte nur, von ihrem Ton alarmiert, und wollte ablenken: "Wenn du schon in Neustadt warst, hättest du die Einladungen auch Sonja Drexler und Hans-Peter Beck persönlich geben können." Moosberg war nicht weit von Neustadt entfernt.

"Du weißt doch sicher noch, dass ich nicht gerne mit Hans-Peter unter vier Augen zusammentreffe."

Hans-Peter Beck war in der Mittelstufe als Sitzenbleiber in die C gekommen, ein anfangs großmäuliger, aufgeblasener Typ, der sich nur schwer in die Klassengemeinschaft integrierte und eigentlich bis zum Abitur in einer gewissen Außenseiterposition geblieben war. Wenn ihr Primus Christian Neufel ihn nicht verteidigt hätte, wäre Beck isoliert worden. Zu seinen Versuchen, von den Klassenkameraden doch anerkannt und aufgenommen zu werden, zählten die vielen Partys im Keller der elterlichen Villa, in dem es neben einer immer reichlich bestückten Bar und einer Sauna auch einen Swimmingpool gab. Die Eltern Beck waren beruflich und privat viel unterwegs, Hans-Peter konnte oft mit einer sturmfreien Bude locken. Vater Beck besaß am Rande von Neustadt direkt an der Ulitz eine kleine, sehr gut gehende Chemische Fabrik, die Komponenten für Kosmetika und Medikamente herstellte, Hans-Peter war der einzige Sohn und sollte den Laden einmal übernehmen, seine Halbschwester Heidrun, die seine Mutter mit in ihre zweite Ehe gebracht hatte, sollte ausbezahlt werden. Das Geldausgeben hatte Hans-Peter bereits perfekt gelernt und wegen seiner Großzügigkeit waren seine Partys immer gut besucht, auch wenn der Gastgeber nicht übermäßig beliebt war.

Die Kleinstadt Neustadt an der Ulitz lag nur 35 Kilometer von der Großstadt Tellheim entfernt, aber es hätten auch 3500 oder mehr Kilometer sein können. Wie in vielen Kleinstädten achteten die Neustädter streng auf heile und saubere Fassaden, hinter denen sie sorgfältig alles verbargen, was sie bei anderen Leuten sofort als unmoralisch, verderbt und verworfen anprangerten. Die Zahlen 19 und 68 hätten sie am liebsten aus der Reihe der zweistelligen Ziffern getilgt, die Romane von Jean Paul stellten das Maximum erlaubter Frivolität dar, und eine Party junger Leute in einem dunklen Keller ohne visuelle Dauer-Kontrolle durch die Eltern war hier selbst in den 1980er Jahren noch eigentlich unvorstellbar, verrucht, unmöglich, unverzeihlich. Der liebe Herrgott hatte nun einmal den Fehler begangen, zwei Geschlechter zu schaffen, aber nirgendwo stand geschrieben, dass man sie vor dem 25. Lebensjahr zueinander lassen solle. Koedukation war eine Erfindung des Teufels und der Anfang aller Laster; ordentliche Eltern schickten ihre Töchter nicht auf das Jean-Paul-Gymnasium mit gemischten Klassen, sondern auf das Gertrud-Bäumer-Gymnasium für Mädchen. Ordentliche Eltern waren auch damit einverstanden, dass man nach Einbruch der Dämmerung die Bürgersteige hochklappte, alle Cafés und Lokale schloss und Tanzveranstaltungen und Tanzschulkurse am besten im Gemeindehaus unter Aufsicht des Pfarrers und des Kirchenvorstandes organisierte.

Kramer war in dieser bigotten, engstirnigen, reaktionären Umgebung und vermufften Einstellung aufgewachsen; wie vermieft, verklemmt und verlogen sie war, begriff er erst später, als er Neustadt an der Ulitz für immer verlassen hatte. Später las er einmal in einer Heimatgeschichte, dass sich schon im 17. und 18. Jahrhundert anderswo vertriebene Sekten an der Ulitz niedergelassen hatten, die auch später sogenannte strenggläubige Mitglieder aus dem Land anzogen und schnell integrierten. Als Sekte konnte man in Neustadt nicht bestehen, aber man konnte einer der großen Kirchen beitreten und problemlos seine Gesinnung behalten und auch bekennen. Eine jüdische Gemeinde hatte es in Neustadt nie gegeben, dafür schon Mitte der zwanziger Jahre des vorigen Jahrhunderts eine Ortsgruppe der Nazi-Partei. Als die deutschen Christen aus den Pfarrstellen vertrieben werden sollten, hatte es beinahe Aufstände in den Gemeinden des Ulitz-Tales gegeben.

Deswegen waren Hans-Peters Parties bei seinen Mitschülern so beliebt. Hier durfte man knutschen, schmusen und sogar Petting wagen. Unvorstellbare Schweinereien für die meisten Neustädter. Unter den regelmäßig eingeladenen Mädchen war Sonja Drexler besonders beliebt, weil sie willig war und sich nie lange zierte. Sie war das erste nackte Mädchen, das Kramer je sah, als sie nach einer besonders "wilden" Party morgens mit den Jungens in die Sauna ging und später nackt in den Swimmingpool hüpfte.

Bei einer Party sprang der Junge, der Sonja zu Hans-Peter mitgebracht hatte, plötzlich ab und beschäftigte sich mit einem anderen Mädchen. Kramer hatte es mitbekommen und war als Tröster bei der Schulfreundin Sonja herzlich willkommen. Bei ihr durfte er zum ersten Mal einen BH aufhaken und einen Busen küssen. Das wiederum hatte die scharfsichtige Thea Schabranski trotz der Dunkelheit mitbekommen und ihm mächtig verargt. Kramer bewunderte Thea aus der Ferne, er hätte nie den Mut aufgebracht, sich an die von allen Jungens umworbene und umschwärmte Thea heranzumachen oder sie zu einer Hans-Peter-Party einzuladen. Thea wiederum vermochte sich nicht vorzustellen, dass ein 17jähriger Junge so schüchtern und so unerfahren sein konnte, sie vermutetet also, dass Rolf Kramer eben für Thea Schabranski nicht viel übrig hatte, aber einiges für das kleine Flittchen Sonja Drexler, das sich so widerstandslos von allen anfassen ließ. Das Missverständnis dauerte bis ins letzte Jahr vor ihrem Abitur.

Dabei wurde Kramer schon auf einer der nächsten Parties von Sonja Drexler in die Ecke gestellt, eine Kränkung, die er ihr nie vergessen hatte.

1988, ein Jahr vor dem Abitur, wurde das alljährliche Ulitzer Talfest in Neustadt ausgerichtet. Am Nachmittag setzte sich Kramer auf dem Schützenplatz zu Rosemarie Scholz. Ihre Eltern wohnten auch in der Gärtnerstraße im Nebenhaus und Kramer hatte mit ihr gespielt, so lange ein "richtiger" Junge noch mit kleinen Mädchen spielen durfte. Unmittelbar nach seiner Einschulung griff Paula Kramer ein. Schluss mit kleinen Mädchen im Sandkasten und Schluss mit dieser ordinären Scholz-Blase. Nach der Hauptschule hatte Rosemarie zu arbeiten begonnen und war zurzeit als Hausmädchen bei den Becks angestellt. Natürlich kamen sie auf Hans-Peter zu sprechen, den Rosemarie nicht leiden konnte. "Ein arrogantes Schwein, milde formuliert. Und dazu stinkfaul. Er glaubt, man könne alles kaufen. Und wenn er in der Schule mal nicht mitgekommen ist, dann liegt das nie an ihm, sondern an den dummen Lehrern, die was gegen ihn haben. Und seine Mutter ist so dämlich, ihm immer Recht zu geben."

"Wie meinst du das?"

"Gestern hatte er mal wieder in Chemie nichts begriffen und abends sagt sie zum ihrem Mann: 'Ich hab' dir ja gleich gesagt, wir sollten uns nicht gefallen lassen, dass Hans-Peter in die C zu diesem sozialen Schrott gesteckt wird'." Doch Eberhard Beck konterte:

"Er hätte ja in seiner vornehmen A bleiben können, wenn er sich etwas mehr angestrengt hätte. Aber dazu hast du ihn ja nicht bringen können."

"Ach, jetzt bin ich wieder an allem schuld?"

Rosemarie schnaufte. "Zanken können die sich wie die Bürstenbinder."

Sie war ein mäßig hübsches Mädchen, fleißig und zuverlässig, und die Bemerkung ihrer Chefin hatte sie mehr empört als ihn. Kramer hörte aufmerksam zu und musste, was ihm schwerfiel, seiner Mutter recht geben: Rosemarie war ziemlich laut und ordinär.

Kramer erzählte mit eigenen Worten Thilo, was Rosemarie ihm berichtet hatte. Thilo grinste nur: "Auch schon bemerkt? Also, von der schnellen Truppe bist du aber auch nicht. Ganz klar, als die zu großen Klassen A und B geteilt werden mussten, wurde in die C reingesteckt, was nicht zur High Society Neustadts zählt, arm und unbedeutend ist oder neureich und noch nicht angepasst."

"He, und was ist mit Corinna Altmann?"

"Das Feigenblatt, oder die moralische Korsettstange für einen Haufen sozial nicht oder noch nicht Vollwertiger."


Dass die zugewanderten Schabranskis auch zu diesen noch nicht Anerkannten zählten, war kein Geheimnis. Man kaufte bei ihnen, aber das hieß noch lange nicht, dass man sie schätzte. Kramer fuhr aus seiner Träumerei hoch und begegnete Theas spöttischem Blick: "Wieder in der Gegenwart?"

"Okay, du gehst Beck immer noch gern aus dem Weg. Was ist mit Sonja?"

"Da beginnt das Problem, das du für mich lösen sollst."

Thea holte eine weitere Klarsichthülle aus ihrer Mappe heraus. "So, ich hoffe, deine Geographiekenntnisse haben ausgereicht, aus der Adressenliste zu ersehen, dass Martin Adler und ich nicht weit voneinander entfernt wohnen."

"Haben sie."

"Er kam eines Tages zu mir in die Kanzlei, ziemlich bedeppert, weil er eine Anklage wegen Betrugs am Halse hatte. Einzelheiten fallen ohnehin unter meine Schweigepflicht, aber soviel kann ich sagen, dass er sich ziemlich dämlich aus Geldgier in eine böse Sache hatte hineinziehen lassen. Er war eher Opfer als Täter. Das konnte ich in der Hauptverhandlung dem Gericht beweisen und klarmachen. Adler wurde freigesprochen und hat mich anschließend zu einem Dankeschön-Essen eingeladen. Kennst du Würzburg?"

"Ein wenig."

"Früher war ein sehr bekanntes Fresslokal Der Stiefel. Jetzt hat es Konkurrenz bekommen, und die nennt sich Der Knecht."

"Nicht die feine Art!"

"Mag sein, aber das Essen ist gut, sehr gut sogar. Wir haben geschlemmt wie die Fürstbischöfe und wahrscheinlich etwas viel Bocksbeutel getrunken. Jedenfalls wurde der liebe Martin plötzlich sentimental und meinte mit feuchten Augen, er sollte mir etwas erzählen, was alle vor mir über die Jahre verschwiegen haben. Etwas, was an dem Abend in der Wolfsbachschlucht passiert ist."

"An dem Abend ...?"

"Ja, an dem Abend, an dem Thilo in die Schlucht gestürzt wurde."

Kramer musterte sie schweigend von der Seite, nicht erstaunt, weil er etwas in der Art erwartet hatte. Das war es also. Thea glaubte seit zwanzig Jahren, dass ihr Zwillingsbruder Thilo umgebracht worden war.

Sie bemerkte seinen nachdenklichen Blick nicht. Martin Adler hatte sich seinerzeit gewaltig in Sonja Drexler verguckt und hoffte, an dem Abend bei ihr zum Zuge zu kommen. Deswegen fiel ihm auf, dass Sonja heimlich das Jägerzimmer verließ und längere Zeit wegblieb. Also hatte er es nach einer gewissen Zeit nicht mehr ausgehalten und war ebenfalls nach draußen geschlichen. Martin Adler(auge) war krankhaft neugierig und gab erst Ruhe, wenn er alles herausbekommen hatte, was man vor ihm zu verbergen suchte. Und festzustellen, dass es zwischen Hans-Peter Beck und Sonja Drexler zu einer Verstimmung gekommen war, konnte man nicht übersehen.

Als er Sonja fand, stand sie seitlich vor der Tür unter dem Regendach, starrte ins Dunkle auf den Parkplatz und war ziemlich erschrocken, als er ihr auf die Schulter tippte. Natürlich hatte er sinngemäß gefragt: "Was machst du denn hier?" Und sie erwiderte: "Meine Augen haben von dem Qualm im Jägerzimmer so getränt, dass ich unbedingt frische Luft brauchte. Ich stehe hier und warte, bis ich klar sehen kann und das Gefühl verspüre, wieder Sauerstoff in den Lungen zu haben."

Er hatte dann gefragt: "Frierst du nicht?" Sie trug nur einen dünnen Rock und ein dünnes, tief ausgeschnittenes Oberteil.

"Nein", hatte sie zu Adlers Erstaunen gesagt. Er hat ihr einen Arm um die Taille gelegt und die Hand auf ihre Hüften gleiten lassen, worauf sie den Kopf schüttelte. "Nicht jetzt, Martin, später, bei mir. Du, ich habe eben was Merkwürdiges gesehen. Ich hatte mich gerade hier hinter den Vorsprung hingestellt, als Thilo und Hans-Peter auf den Parkplatz rausgegangen sind."

Thea wandte sich direkt an Kramer: "Kannst du dich noch an das Wetter erinnern?"

"Oh ja, es hat gegossen. Und es war für Juni lausig kalt und windig."

"Richtig. Und das - so Martin Adler - habe Sonja so verwundert, dass sie habe warten wollen, bis die beiden pitschnass in das Lokal zurückkehrten."

"Wieso pitschnass?"

"Thilo hatte nur seine Jacke, aber nicht seinen Regenmantel an, Hans-Peter war ohne Anorak rausgegangen."

Darauf sagte Kramer erst einmal nichts, sie war sehr erregt geworden.

"Aber nach acht, neun Minuten sei nur Beck allein zurückgekommen, von meinem Bruder fehlt ab da jede Spur."

Er musterte sie gespannt.

"Sonja ist dann mit Adler in das Jägerzimmer zurückgegangen. Unterwegs haben sie verabredet, von dieser Episode niemandem etwas zu erzählen."

"Und warum nicht, sie mussten sich doch gefragt haben, wo denn Thilo abgeblieben war."

"Martin hat mir auf diese Frage nur gesagt, er habe von Sonja gehört, dass sich Thilo an dem Abend noch mit Milli treffen wollte. Vielleicht sei er ja am Haus entlang zum Seiteneingang geschlichen. Der Wirt durfte ihn ja nicht sehen und anfangen zu kombinieren, warum Thilo Schabranski und Milli Wirth plötzlich gemeinsam von der Bühne abgetreten waren."

Kramer kaute auf seinen Lippen, eine dünne Erklärung, wie er fand, aber an dem bierfeuchten Abend mochte sie alle, die nach Thilo oder Milli fragten, überzeugt haben. Milli, die im Jägerzimmer bediente, war hübsch und bis über die Ohren in Thilo Schabranski verschossen.

"Warum denn dieses Schweigen?", wollte Kramer wissen,

"Das habe ich auch gefragt. Martin sagte, Sonja habe darauf bestanden, ohne irgendeine Begründung. Und er - Martin - habe den Eindruck gehabt, dass Sonja dem Hans-Peter Schwierigkeiten ersparen wollte. Wenn er - Martin Adler - ihr das nicht versprechen wolle, würde auch ihre private Nachfeier heute nicht stattfinden. Warum, das konnte er mir auch nicht erklären. Wahrscheinlich war das Sonjas Bedingung für das Weitere, von dem Hans-Peter Beck auf keinen Fall was erfahren sollte."

"Kannst du mir das erklären?"

"So halbwegs, du weißt doch, Hans-Peter und Sonja waren damals recht eng verbandelt, und ich vermute, Hans-Peter hat Sonja damals schon mit Geld geködert."

"Oder für bestimmte Dinge bezahlt?"

"Auch das ist möglich. Martin und Sonja sind nämlich später zusammen weggegangen und Martin Adler hat mir gestanden, mit glutroten Ohren, dass er und Sonja die Abiturfeier in ihrem Zimmer privatim fortgesetzt haben. - Natürlich im Bett! - Sonja hatte in dem Häuschen ihrer Eltern ein separates Zimmer unter dem Dach direkt an der Treppe, so dass niemand ihr Kommen und Gehen bemerkt hat."

"So, und jetzt glaubst du, dass Beck deinen Bruder in die Schlucht gestürzt hat?"

"Glauben nutzt mir nichts, Rolf. Ich muss es wissen. War er's und wenn ja, warum hat er das getan? Warum sind die beiden in den strömenden Regen hinausgegangen? Warum hat Thilo seinen Mantel im Jägerzimmer zurückgelassen? Ich verstehe ja, dass Martin nicht an die große Glocke hängen wollte, er sei Sonja nachgelaufen." Was fast alle Freunde taten oder bereits getan hatten, aber eben deswegen nicht gerne erzählten. "Aber warum hat Sonja sofort festgelegt, von der Geschichte nichts zu erzählen?"

"Hast du sie nicht danach gefragt?"

"Nein, danach nicht. Ich habe sie an der alten Brücke getroffen, und wir sind in die Stadt gegangen, Kaffee trinken. Ich habe ihr die Einladung gegeben und sie dann gefragt, was da passiert sei, also die Geschichte, die mir Martin Adler erzählt hatte. Es war ihr gar nicht recht, dass ich davon erfahren hatte. Erklären wollte sie nichts, sondern hat mir eine Bedingung gestellt: Sie sei aus lauter Dusseligkeit in eine böse Falle getappt, und erst, wenn ich ihr da herausgeholfen hätte, würde sie mir erzählen, was da los war. Ich war nicht gerade begeistert, wie du dir denken kannst, aber sie ist stur geblieben. Sie habe nur wenig Geld und könne meine Anwalts-Rechnung wohl gar nicht bezahlen. Ihre Geschichte wäre dann das Honorar für meine Arbeit."

"Was hast du darauf getan?"

Thea zuckte die Achseln, und Kramer erinnerte sich, dass sie mit dieser Bewegung schon früher bekräftigt hatte: "Ich will und ich werde nicht."

Weil sie dabei eine Grimasse schnitt, fragte er vorsichtig weiter: "War Sonja der Anlass für zuviel Krötenblut?"

"So ist es."

"Hast du alleine getrunken, liebe Thea?"

"Nein, du weißt doch, dass ich nicht gerne alleine trinke."

"Würdest du mir verraten, wer dir Gesellschaft geleistet hat?"

"Die eine kennst du - Anke Ludwig. Die andere wahrscheinlich nicht - Hermine Gundlach."

"Nein, wer ist das?"

"Sie war eine gute Freundin meiner Eltern und hat fast dreißig Jahre in der Lokalredaktion Ulitztal des Tageblatts gearbeitet. Was Hermine über Neustadt nicht weiß, hat auch nicht stattgefunden."

"Und wo hast du an dem Abend gewohnt?"

"In unserer alten Villa."

"Die habt ihr noch?"

In der alten Villa hatte an dem Tag, an dem sie ihre Abschiedsfeier in der Wolfsbachschlucht hatte nachmittags das stattgefunden, was Thea spöttisch den "Eintritt in den Club" nannte. In ihrem Zimmer. Thilo war zu seiner Geliebten Jutta Mühlen gegangen, einer mit einem Vertreter verheirateten Frau Anfang dreißig, die sich im Alltag und in ihrer Ehe langweilte. Juttas Schwester Milli Wirth, acht Jahre jünger als Jutta Mühlen, ledig, zierlich und hübsch, bediente in der Wolfsbachschlucht und hätte ihrer älteren Schwester Jutta nur zu gern den Geliebten Thilo Schabranski ausgespannt. An dem Tag wäre sie ihrem Ziel ein gutes Stück näher gekommen. Denn unerwartet kam Thilo viel früher in die alte Villa zurück als sonst, Kramer stand noch im Bad unter der Dusche und konnte nicht verstehen, was der zornige Thilo unten brüllte, er hörte nur aus dem Tonfall heraus, dass Thilo gefährlich schlechte Laune hatte. Thea kam zu Kramer ins Bad gehuscht und lachte schadenfroh. Juttas Mann Georg Mühlen war ohne Vorwarnung nach Hause gekommen und Bruder Thilo musste sich wie in einem schlechten Boulevardstück vorübergehend in einem Wandschrank verstecken, bis er unbemerkt die Wohnung verlassen konnte. Jutta hatte immer gewarnt, ihre eifersüchtige Niete von Ehemann würde nicht zögern, einen Liebhaber seiner Frau mit dem Beil oder einer Hacke zu erschlagen. Auch Kramer musste nach Thilos Rückkehr abtauchen, und zwar in die Speisekammer, bevor Thea ihn ins Freie lotsen konnte. Thilo wünschte nämlich nicht, dass sich seine Schwester einen Liebhaber zulegte. Was er als sein gutes Recht beanspruchte, hatte nicht für seine Schwestern Thea und Tina zu gelten. Die Eltern Schabranski waren geschäftlich nach Ingolstadt verreist.

Kramer hatte nicht geahnt, geschweige denn gewusst, was ihn an dem Nachmittag in der alten Schabranski-Villa erwartete.

"Kannst du dich noch an Jutta Mühlen und Milli Wirth erinnern?", fragte er versonnen, und Thea gluckste. "Und ob."

"Weißt du, was aus den Schwestern geworden ist?"

"Nein, mein Lieber. Das weiß ich nicht. Das alles darfst du für mich herausfinden."

"Dabei kann ich mich auch einmal nach Maria Ruiz Costa erkundigen."

"Warum denn das?", wollte Thea wissen und ihre Miene verfinsterte sich jäh.

"Ich habe sie seit dem Abitur nicht mehr gesehen."

"Ist das ein Grund, einer Frau nachzulaufen?"

"Ich laufe ihr nicht nach, ich möchte ihr nur mal wieder Guten Tag sagen."

"Wer's glaubt, wird selig."

"Eifersüchtig?"

"Lachhaft."

Vor zwanzig Jahren hatte Thea ihm gestanden, dass sie auf Maria Ruiz Costa sogar mächtig eifersüchtig war. Grundlos, wie Kramer beteuerte, ohne Glauben zu finden. Auf sehr verschlungenen Wegen hatte es die Studentin der Romanistik aus Asturien nach Neustadt an der Ulitz verschlagen, und als es Zeit für sie wurde, Geld zu verdienen, fand sich für sie am Internat Schloss Josephshöhe eine Stelle als Spanisch-Lehrerin.

Kramer hatte Maria an einem glühend heißen Tag in Neustadt kennengelernt. Neben der alten Ulitzbrücke gab es ein winziges Einkaufszentrum, "Ladenhof" genannt, mehrere kleine Geschäfte rings um einen quadratischen Innenhof, der bei Ulitz-Hochwasser regelmäßig überschwemmt wurde. Zu den Geschäften gehörte auch die einzige Eisdiele des Ortes, und Kramer hatte sich einen Becher gekauft, um sich draußen auf eine schattige Bank am Ulitzufer zu setzen. Maria saß auf einer anderen Bank, sah sein Eis und fragte auf Spanisch aufgeregt: "Wo gibt es das?"

Kramer verstand und sprach zu der Zeit schon genug Spanisch, um ihr zu erklären, dass sie da drüben in den Innenhof gehen müsse. Dort gebe es eine Eisdiele. Sie bedankte sich, sprintete los und kam mit einem gewaltigen Papp-Becher zurück, setzte sich zu Kramer auf die Bank und fragte ehrlich neugierig, wo er Spanisch gelernt habe.

"Aus dem Lehrbuch meiner kleinen Schwester." Annette träumte zu der Zeit noch von großen Expeditionen durch Lateinamerika und auf den Quellflüssen des Amazonas.

"Sprachen fallen dir leicht, wie?"

Das stimmte. Er musste keine Vokabeln pauken oder Grammatiken büffeln, er lernte durchs Zuhören und Sprechen. Die Anfangsgründe des Portugiesischen hatte ihm zum Beispiel Federico - Rico - Freire Almeida beigebracht. Der gleichaltrige Rico wohnte in der Gärtnerstraße zwei Häuser nebenan, sein Vater war als eine Art Hausmeister im Internat Schloss Josephshöhe angestellt, Rico machte eine Elektrikerlehre in einem kleinen Handwerksbetrieb und spielte in jeder freien Minute Fußball; sein Traum und Ziel war die Libero-Position bei Benfica Lissabon, und wenn das nicht klappen sollte, würde es auch Bayern München tun. Seine Eltern waren von Coimbra nach Kassel gezogen, als Rico sechs Jahre alt war, heute sprach er so perfekt die übliche Mischung aus Hessisch, Bayerisch und Thüringisch, dass kein Einheimischer ihn für ein Ausländerkind hielt.

Bei Maria war das anders. Sie musste und wollte noch viel Deutsch lernen; Kramer und sie schlossen ein gegenseitiges Lehr- und Lernabkommen. Er brachte ihr Deutsch bei, sie unterrichtete ihn in Spanisch. Als er aus Neustadt abreiste, hatten sie mit der Lektüre des Cervantes begonnen und er hatte ihr versprechen müssen, einmal durch die Extremadura und die Mancha zu reisen. Erfüllt hatte er sein Versprechen erst vor zwei Jahren. Was aus der sanften Maria mit den langen schwarzen Haaren geworden war, wusste er nicht.

Thea stieß ihm schmerzhaft einen Ellbogen in die Rippen. "Sag' bloß, du träumst von der guten alten Penne?"

"So gut war sie nicht."

"Nein, aber die Zeit war nicht schlecht."

"Das stimmt nur zum Teil."

"Warum bist du damals eigentlich ohne Piep und Kommentar aus Neustadt abgereist und hast dich nie bei mir gemeldet?"

"Willst du das wirklich wissen?"

"Aber ja. Du hast mich damals mächtig enttäuscht."

"Wenn du Kaffee kochst, erzähle ich's dir."

"Wollen wir es nicht auf heute Abend verschieben und lieber fahren? Bei mir ist es auch - verzeih' - gemütlicher als in deiner Bude hier."

"Fahren? Wohin?"

"Nach Neustadt, mein Schatz. Hat dein Gedächtnis gelitten?"

"Von Neustadt hast du noch nichts gesagt."

"Aber sicher hab' ich. Du musst in die Palette gehen und Sonja ausquetschen." Sie kicherte albern. "Sie ausquetschen, wie du es früher mit ihr in Hans-Peters Partykeller gemacht hast. Ich habe mich immer gewundert, dass ihr stürmischen Knaben der anschmiegsamen Sonja nie eine Rippe oder einen Rückenwirbel gebrochen habt." Kramer musste laut lachen, weil er in derselben Sekunde genau dasselbe gedacht hatte. Aber Sonja war so weich und nachgiebig, man konnte sie so fest an sich pressen, wie man wollte, sie leistete keinen Widerstand und ihr Körper gab immer nach. Sie schien weder Rippen noch Rückgrat noch Beckenknochen zu besitzen.

"Ich fahre zu Brigitte Moll in das Bethanien und du packst ein Köfferchen für erst mal - sagen wir - eine Woche."

"Und wo werde ich wohnen? Bei dir oder mit dir in der alten Villa?"

"Nein, mein Schatz, für dich werde ich bei Anke ein Zimmer in der Rieker Höhe bestellen. Wo treffen wir uns? Du musst mich mitnehmen, mein Wagen steht wegen des Restalkohols noch in Neustadt."

"Warum das?"

"Meine Leber und mein Kopf kämpften heute Morgen noch mit dem Krötenblut."

"Okay, meinetwegen. Frau Rechtsanwältin wünschen mir einen festen Auftrag zu erteilen?"

"Das wird sich noch herausstellen. Vielleicht geschieht ja auch alles aus alter Zuneigung."

"Dann muss ich zu Hause vorbeifahren und einen kleinen Koffer packen."

"Nix dagegen, mein Schatz. Und anschließend zum Bethanien. Wie sieht es mit deinen andern Aufträgen aus?"

"Im Augenblick herrscht Funkstille. Ich muss nur Anielda Bescheid sagen, dass sie sich ums Büro und mögliche Post kümmert."

Thea schniefte etwas hämisch, sagte aber nichts. Anielda sagte auch nichts, als sie hörte, dass Kramer mit seiner alten Schülerliebe nach Neustadt an der Ulitz fahren und dort ein paar Tage bleiben würde. Sie grinste zwar anzüglich, hielt aber zu ihrem Glück ihre vorlaute Klappe.

"Wirklich ein richtiger Auftrag?", spottete sie, "du brauchst dabei nicht zufällig meine Hilfe?" Also war sie wieder mal knapp bei Kasse.

"Das weiß ich noch nicht. Ich werde mich rechtzeitig melden."


Thea Schabranski staunte nicht schlecht, als er in die Haffstraße einbog. "Du wohnst wirklich an dieser Rotlichtmeile?"

"Als ich hier mit der Detektei anfing, konnte ich mir nichts Besseres leisten. Außerdem liegt die Haffstaße zentral, und weil hier immer Verkehr herrscht, wagt kein Einbrecher, sich mit Bohrer oder Stemmeisen an meiner Haustür zu vergreifen. Wir sind etwas zu früh dran, sonst könnte ich dir auch meine Sprachlehrerin vorstellen."

"Wie bitte?"

"Von dem alten Meilenstein da betreibt Babsie Kundenfang. Ab und zu lässt sie mir ein Schnäppchenangebot zukommen und wenn ich ablehne, beschimpft sie mich mit Vokabeln, die ich sonst nie hören und lernen würde."

"Außerdem bleibst du, was Tarife und Leistungen angeht, immer auf dem Laufenden", stichelte Thea und schüttelte ungläubig den Kopf.

"Auch über die Zimmerpreise in den Stundenhotels da drüben. Eine meiner Ex-Freundinnen hat bei Babsie eine gefährliche Leberentzündung diagnostiziert, Babsie ist noch gerade rechtzeitig ins Krankenhaus gekommen, und seitdem gelte ich als eine Art Schutzpatron der Prostituierten, werde nicht belästigt, nicht überfallen und nicht beklaut."

"Ich kann's einfach nicht glauben. Mein schüchterner Rolf!"

"Schüchtern bin ich immer noch, und weil ich nicht will, dass alle Welt erfährt, wo ich wohne, stehe ich auch nicht im Telefonbuch."

In seiner Wohnung bewunderte sie als erstes den Riesenkaktus im Wohnzimmer. "Der ist ja prächtig. Und diese vielen Blüten. Wie machst du das?"

"Das hängt nur von der Bewässerungs-Methode ab. Er bekommt alle Reste aus meinen Gläsern und Tassen, von Bier, Whisky, Weinschorle, auch Kaffee und Tee und selten einmal Mineralwasser. An hohen mexikanischen Feiertagen spendiere ich ihm auch ein paar Tröpfchen Tequila gegen das Heimweh. Allergisch reagiert er nur auf ein Bier mit dem sinnigen Namen Desperados."

"Mineralwasser wohl nur mit Alka Seltzer, was?"

"Warum soll ein Kaktus nicht auch einmal Kopfschmerzen haben?" Darauf wusste Thea keine Antwort; sie strich neugierig durch die Zimmer, während er packte, und begann laut zu lachen, als er von seinem Schlafzimmerfenster aus ihr seine "grüne Insel", den für die Chefs reservierten Parkplatz des Allgemeinen Versicherungsvereins mit den Kirschlorbeer-Hecken zeigte.

"Erstaunlich ruhig hast du es hier", meinte sie verblüfft.

Kramer musterte sie von der Seite und beschloss, alles auf heute Abend zu verschieben. Jede Wette: Die liebe Thea plante schon etwas, und dafür lockte sie ihn nach Neustadt, die Aussage von Sonja Drexler war doch nur ein Vorwand. Aber im Moment hatte er tatsächlich keinen anderen Auftrag angenommen, und die ungewöhnlich tiefschwarzen Zahlen auf seinem Konto-Auszug erlaubten ihm problemlos einen Kurzurlaub, der sogar etwas länger ausfallen durfte.


Er brachte sie zum Bethanien-Krankenhaus. Sie war heute zum ersten Mal mit dem Bus durch den Tunnel der B 111 gefahren, der die mühselige Kurbelei von Tellheim rauf auf die Talhöhen und auf der anderen Seite wieder runter ins Ulitztal oder rauf nach Tellheim zum Teil ersparte. Außerdem hatte man auf dieser Seite für die B 111 eine neue Brücke westlich von Mingenbach über den Fluss gebaut und die Bundesstraße vierspurig an der Stadt vorbei bis zur Autobahnauffahrt Tellheim Nord verlängert. Als die Steuerquellen noch reichlich sprudelten, war sogar eine zweite, gigantische Hochbrücke in der Planung gewesen, von der Mündung des B 111-Tunnels um die hundert Meter hoch über das Ulitztal hinweg bis zum sogenannten Rieker Loch, einer Schlucht, die nach Süden quer durch das sich von Ost nach West erstreckende Riek verlief. Die Neustädter wären vom lästigen Durchgangsverkehr entlastet, aber auch von einer der wichtigsten Nord-Süd-Verkehrsadern des Landes abgeschnitten worden. Die A 7 verlief weit außerhalb der Stadtgrenzen. Die Trauer hielt sich deswegen in Grenzen, als das heftig umstrittene Brückenprojekt mangels Geld aufgegeben werden musste. Man brauste also mit Tempo 100 - erlaubt waren 80 km/h - durch einen modernen Tunnel, musste am südlichen Ausgang scharf bremsen und dann vorsichtig die Serpentinen ins Ulitztal hinunterschleichen. Manchen Autofahrern bereitete das keinen Ärger, weil sie von den Abgasen der dicken Brummis vor ihnen sowieso halbwegs betäubt waren. Nur Lebensmüde wagten ein Überholmanöver auf der engen, schlechten Straße. Und Kramer war ein vorsichtiger Viel-Fahrer, der unnütze Risiken scheute.

Als sie auf den Krekeler Platz im Zentrum einbogen, stand auf dem Bürgersteig gegenüber eine Frau in ihrem Alter, die Kramer auch bekannt vorkam, ohne dass er sie unterbringen konnte. So eine Panne wie heute Morgen mit Thea sollte ihm nicht noch einmal passieren, deswegen ging er langsam neben Thea auf die Frau zu, um sich die Unbekannte in aller Ruhe anzuschauen. Zufällig hob er den Kopf und bemerkte an einem Fenster des Kreis-Behördenhauses und Landratsamtes einen Mann, der ein Fenster geöffnet hatte und durch einen Feldstecher auf den Platz hinunterschaute. Es war nicht sicher auszumachen, was ihn dort so interessierte, aber Kramer hatte den Eindruck, dass der Mann Thea und ihn beobachtete. Als sie näherkamen, machte es Klick in seinem Kopf: Das war doch Cordula, genannt Dula, Oppenstedt, die "Künstlerin" der Klasse C; schon lange vor dem Abitur stand für sie fest, was sie einmal werden wollte - Malerin. Zweifellos hatte sie Talent, aber ob sie auch genug Ausdauer und Disziplin besaß, Rückschläge zu verkraften und sich durchzubeißen, wagte Kramer nicht zu beurteilen.

"Ich werd' verrückt, der Rolf."

Dula warf sich ihm regelrecht an die Brust und küsste ihn heiß auf den Mund. Es hätte ihm mehr Spaß gemacht ohne Theas finsteres Gesicht und den erneuten Kampf um seine senkrechte Position. Dass die Frauen ihn heute unbedingt auf den Rücken werfen wollten! Als er sich von Dula freimachte, schaute er noch einmal hoch. Der Mann mit dem Feldstecher am Fenster war verschwunden, das Fenster wieder geschlossen.

"Mensch, ist das schön, euch mal wieder zu sehen! Wann treffen wir uns? Oder ihr besucht mich mal in der Galerie. Ich freue mich riesig."

"Machen wir bestimmt, Dula!", versprach Thea. "Gibst du uns deine Telefonnummer?"

"Aber sicher." Dula kramte hastig in ihrer Handtasche und fischte zwei Karten heraus. Cordula Oppenstedt, Grafik- und Mal-Unterricht. Galerie für moderne Kunst im Ladenhof. Kramer und Thea beglückten Dula mit jeweils einer Karte und Dula bekam riesige Augen: "Du bist Privatdetektiv? Das ist ja toll. Du hast bestimmt eine Menge zu erzählen. Tut mir leid, ihr Lieben, ich muss jetzt abzwitschern. Gleich habe ich Unterricht." Damit machte sie kehrt und lief mit langen Schritten zum Eingang der Geschäftszeile. Kramer schaute ihr nachdenklich hinterher. Dula war immer schon überschwänglich gewesen und auch etwas flatterhaft. Bereits in der Schulzeit war sie "künstlerisch" gekleidet, es passte nicht immer alles zusammen, manches war schreiend bunt und saß arg figurbetont oder schlabberte weit um sie herum, was sie sich damals wie heute leisten konnte, und ihre von Natur gekräuselten Haare bildeten selten eine erkennbare Frisur, sondern standen ihr als Markenzeichen wild vom Kopf ab. Dula war lebhaft, beweglich und immer unternehmungslustig gewesen, aber nie so hektisch wie in den vergangenen Minuten.

Thea musterte ihn finster: "Sag mal, ist mir da was entgangen?"

"Wie meint du das?"

"Sie hat dich wie einen früheren Liebhaber geküsst."

"Stimmt, das ist mir auch aufgefallen. Aber da war nix."

"Hoffentlich."

"Du meine Güte, sie hat halt für mich geschwärmt." Thea tippte sich an die Stirn und rümpfte die Nase.

"Du kannst mir helfen, dort im Supermarkt eine Kiste Mineralwasser zu holen."

"Mineralwasser?" Sie verstand den wahren Grund seiner skeptischen Frage, und pochte sich an die Stirn: "Schorle besteht immer noch halb aus Wein, halb aus Wasser."

"Und Wein hast du sicher im Haus."



II.

Die alte Villa in der Rhönstraße hatte sich nicht verändert, wenn man davon absah, dass sie frisch gestrichen worden war, einige der hölzernen Fensterläden waren zweifellos neu, ein Fachmann hatte den großen verwilderten Vorgarten auf Vordermann gebracht, und an der rechten Seite war eine zweite Garage angebaut worden. "Schön", sagte Kramer ehrlich. "Da hast du aber viel Geld und Arbeit reingesteckt."

"Ja", murmelte sie. "Ich würde das Haus gern verkaufen, aber das wird wohl so schnell nichts, es gibt im Moment keine Interessenten und ich brauchte Tinas Zustimmung. Aber ich möchte es wenigstens so bald wie möglich vermieten."

"Hör mal, Thea. Das wäre schon eine schöne Ausrede, wenn dich einer fragt, was ich hier in Neustadt treibe. Du hast mich gebeten, wegen des Hausverkaufs deine Schwester Tina zu suchen."

Sie zögerte zwei, drei Sekunden und nickte dann: "Gute Idee, das machen wir."

Auch drinnen sah es noch so aus, wie Kramer es in Erinnerung hatte. Die Teppiche schienen nachgedunkelt, wie auch die Tapeten, das Parkett hatte eine dunkelgoldene Honigfarbe angenommen. Im Esszimmer stand eine Klappleiter neben der Tür, Thea schaute ihn fröhlich an: "Ein, zwei Glühbirnen müssten noch ausgewechselt werden. Du bist doch hoffentlich schwindelfrei?"

"Das bist du auch", sagte Kramer düster. "Du müsstest dir nur Schuhe mit flachen Absätzen anziehen."

"Und Hosen, wie? Du alter Voyeur würdest mir doch glatt unter den Rock schauen." Thea war schon früher der Meinung gewesen, massive Beleidigungen würzten und belebten die Unterhaltung.

Noch entschied er, wer ihn wann beleidigte. "Ein Vorschlag: Du holst alles, was der Mensch für eine gute Weißweinschorle braucht, ich wechsele dir die Glühbirnen aus und dann reden wir mal ehrlich über die Vergangenheit und deine Pläne für die Gegenwart."

"Einverstanden."

Als er die Birnen ausgewechselt hatte, saß sie im Wohnzimmer auf der Couch und klopfte auf den Platz neben sich. "Komm, mein Schatz."

Sie hatte sich umgezogen, trug jetzt Hose und einen dünnen Rollkragenpulli und hatte die Fenster einen Spalt geöffnet.

"Danke für deine Akrobatiknummer. Mir ist bei deiner Ungeschicklichkeit der kalte Schweiß ausgebrochen. Warum hast du dich nie bei mir gemeldet, sondern bist nach Thilos Beerdigung einfach nach Hildesheim abgedampft, um das Erbe deiner Tante anzutreten?"

"Woher weißt du das mit Hildesheim?"

"Ich habe mich selbstverständlich nach dir erkundigt. Zum Beispiel bei deiner Schwester Annette."

"Der Hauptgrund war Guido Sandmann."

"Wie denn das?", fragte sie, ehrlich verblüfft.

"Bei Thilos Beerdigung bist du mit ihm in seinem Auto zum Friedhof gekommen. Selbst am Grab hast du so getan, als seien wir uns fast fremd."

"Hat dich das so gekränkt? Komm, trink einen Schluck."

"Ja, es hat mich fürchterlich gekränkt, aber noch mehr verunsichert. Was sollte ich denn von dem halten, was wir hier am Nachmittag erlebt hatten? Ich habe schon nicht verstanden, dass du mich wie alle anderen weggeschickt hast, als du noch in der Wolfsbachschlucht geblieben bist, um auf Thilo zu warten."

"Ich wollte nicht mit einem Mörder da herumsitzen."

"Mörder ...?"

"Ja, sicher, Thilo ist ermordet worden, davon war ich damals sofort und bin ich auch noch heute überzeugt ..."

Er schüttelte ungläubig den Kopf.

"Moment, Rolf!", fuhr sie hastig fort. "Heute kennen wir beide den Unterschied zwischen Mord und Totschlag und fahrlässiger Tötung. Damals war das für mich noch eins, und ich wollte nicht mit dem Mitschüler oder der Mitschülerin zusammenbleiben, die Thilo in die Schlucht gestürzt hatte."

"Das war doch gar nicht gesagt, zu dem Zeitpunkt. Und wenn er sich zu Milli ins Zimmer unter dem Dach geschlichen hätte?"

"Ich habe, bevor ich euch abgewimmelt habe, mit Milli gesprochen. Sie hat mir geschworen, dass sie nicht wisse, wo Thilo stecke. Er wusste doch, dass ich da saß und ohne ihn nicht nach Hause kommen würde. Weil ich gleich das Schlimmste befürchtet habe, habe ich euch alle weggeschickt. Auch dich, ich wollte dich nicht anders behandeln als den Rest der Mannschaft. Es sollte kein Getuschel und keine Gerüchte geben. Die Wirtsleute haben mich dort noch eine Stunde sitzen lassen, dann haben sie Milli vorgeschickt, sie müssten jetzt abschließen. Ich habe Milli gefragt, ob ich bei ihr in der Dachkammer schlafen könnte. Aber Milli wollte nicht, ich denke mir, sie hoffte immer noch, Thilo würde doch noch zu ihr kommen. Da musste ich telefonieren, dass mich jemand holte, ich hatte doch kein Geld, das Portemonnaie und die Schlüssel für's Haus und für das Auto hatte Thilo immer in seinen Hosentaschen. Meine Eltern waren nach Ingolstadt verreist, wie du weißt. Heute würde ich ein Taxi rufen, meinen Personalausweis vorzeigen und dem Fahrer meine Karte geben: 'Ich bezahle Sie morgen', aber damals ...? Ich wusste mir nicht anders zu helfen, ich habe Guido Sandmann angerufen, und er hat mich abgeholt und nach Hause gebracht. Tina war schon ganz aufgeregt. Wo ich denn so lange geblieben wäre. Wir haben vor Sorge und Unruhe nicht mehr geschlafen und auf Thilo gewartet, bis am Vormittag die Polizei anrief. Ein Mann, der seinen Hund ausführte, habe in der Wolfsbachschlucht unterhalb des Parkplatzes eine Leiche gefunden mit Ausweisen auf den Namen Thilo Schabranski. Ich musste die Leiche identifizieren, du weißt ja, wie schrecklich das ist. Und am Tag von Thilos Beerdigung stand Guido früh morgens vor der Villa, um mich zum Friedhof zu fahren. Ich konnte ihn nicht wegschicken. Außerdem war mein Vater von Guido sehr angetan und sah es ausgesprochen gern, dass ich zu Guido ins Auto stieg."

Das bezweifelte Kramer nicht. Der alte Schabranski liebte das Geld, und bei den Sandmanns war eine Menge zu holen.

Sie trank hastig und wich Kramers Blick aus. Er war überzeugt, dass sie ihm die Wahrheit gesagt hatte, aber er glaubte nicht, dass sie alles erzählt hatte. Doch dann sah er, dass sie die Zähne zusammenbiss und nach der Weinflasche griff. Heute wollte sie nicht mehr berichten. Sie schüttete sich ungeschickt ein, das Glas schwappte über, und sie lief rasch in die Küche, einen Lappen zu holen, mit dem sie fahrig die Überschwemmung beseitigte. Doch sie setzte sich nicht wieder, sondern blieb vor ihm stehen. "Ich kann mir einfach nicht vorstellen, dass du vor zwanzig Jahren auf Guido Sandmann eifersüchtig gewesen bist."

"Er war ja ganz offen hinter dir her."

"Das stimmt. Und gerade deswegen mochte ich ihn nicht. Wenn er mir heimlich Blumen geschickt oder Gedichte für mich geschrieben hätte -wer weiß. Aber er tat so, als reiche es, dass ein Guido Sandmann, der reiche Supermann, sich für ein Mädchen interessierte, um es zu erobern."

"In den ersten Wochen hätte ich ihn ermorden können."

"Dasselbe hab' ich von Maria Ruiz gedacht", gestand sie flüsternd.

"Wie gut, dass du es nicht in die Tat umgesetzt hast. Du hättest eine Unschuldige umgebracht."

"Wirklich?" Sie wollte wohl, aber sie konnte ihm nicht unbedingt glauben.

"Ja, wirklich. Du, ich will gar nicht leugnen, dass ich manchmal auch gedacht oder vielleicht sogar gehofft habe, sie wolle mehr von mir, als nur mit mir unregelmäßige Verben und deutsche Redensarten zu pauken. Aber heute bin ich froh, dass ich nie den Mut aufgebracht habe, eine Probe aufs Exempel zu machen. Wenn sie da so dicht neben mir saß, weil wir nur ein Buch hatten, in das wir beide die Köpfe stecken mussten, wenn sie nach einem bestimmten Parfüm duftete, dann musste ich mich schon gewaltig zusammenreißen, um nicht die Beherrschung zu verlieren. Aber heute weiß ich, dass sie hier einsam war, dass sie nicht Sex, sondern Gesellschaft suchte. Wahrscheinlich ist ihr damals nie klar geworden, wie sehr sie mich in Versuchung geführt hat."

Thea schaute ihn groß an, kaute auf ihren Lippen und schwieg. Ihre Gedanken war nicht schwer zu erraten: Auch bei ihr hatte er nicht gewagt, den ersten Schritt zu tun, gut möglich also, dass er sich bei Maria Ruiz genau so verhalten hatte. Sie musste die Initiative ergreifen, hinter der Schulbühne. Später in ihrem Zimmer, und er hatte nie den dummen Spruch vergessen, den sie ihm zugeflüstert hatte: "Der Mann kann die Keuschheit auch übertreiben. Die Menschheit braucht Nachwuchs, um weiter zu bestehen."

Ihre Blicke begegneten sich jetzt, und sie mussten beide lachen. "Es wird Zeit für dich, in die Palette zu fahren. Sonst ist unsere Sonja schon vergeben."

"Wo finde ich den Laden?"

"An der Ulitz. Da, wo früher die wilde Müllkippe war, du weißt schon, an der Straße nach Moosberg."

Bevor sie aufstehen konnten, erschreckte sie ein dumpfes Poltern draußen vor dem Fenster. Dann knirschte zerbrechendes Glas.

"Was ist das, Thea?"

"Keine Ahnung, das war nebenan."

Sie stürzte aus dem Zimmer und er folgte ihr auf dem Fuß, raste in das Nebenzimmer und knipste das Licht an. Wie gut, dass ich die Glühbirnen ausgewechselt habe", dachte er noch, da schrie sie erschrocken: "Rolf!"

Das Gesicht der Person, die eine Scheibe zerschnitten hatte und davonjagte. Als das Licht anging, hatte er nichts mehr gesehen, nur die Umrisse eines Menschen, der in den Garten hinter der Villa flüchtete. Er würde, bis sie über die Veranda in den Garten gelaufen waren, einen viel zu großen Vorsprung haben. Und in wenigen Augenblicken würde er auch den Bereich verlassen haben, der von den Gartenlampen erleuchtet wurde. Trotzdem, einen Versuch war es wert. "Los, ich will über die Veranda hinterher."

"Er ist doch längst über alle Berge."

"Vielleicht, vielleicht auch nicht."

Thea brachte ihn ins Wohnzimmer, öffnete eine Tür zur Veranda und schaltete die restliche Gartenbeleuchtung ein. Hell konnte man das Resultat nicht nennen, aber es reichte so eben zu erkennen, wohin man trat. Über Beete, Einfassungen und Rabatten springend rannte er zum hinteren Zaun. Doch er kam zu spät. Keine Person weit und breit. Auch kein Geräusch eines startenden Motors auf der Straße, die er über einen Plattenweg an den Garagen entlang und durch ein niedriges Törchen erreichte. Da war nix zu machen, der andere war schneller gewesen.

Nach zwei, drei Minuten gab er es auf, ging zur Haustür und klingelte. "Was erreicht?", fragte sie unruhig.

"Nix. Er oder sie war weg."

"Pech! Was mag er gesucht haben?"

"Also, für einen Profi halte ich ihn nicht. Dem wäre so ein dummes Missgeschick wie mit der zerbrechenden Fensterscheibe nicht passiert."

"Ein Amateur oder Anfänger?"

"Keine Ahnung, Thea. Soll ich nicht lieber bleiben?"

"Nein. Mach dir keine Sorgen. Ich pass schon auf mich auf." Sie drängte ihn regelrecht aus dem Haus, was ihn ärgerte, aber er ließ sich nichts anmerken. Thea war nicht seine erste Kundin, die glaubte, klüger als der Detektiv zu sein, den sie gerade angeheuert hatte. Nun denn!


In Neustadt hatte sich wirklich nicht viel verändert. Nur an den Rändern des kleinen Ortes mit der alten Ulitzbrücke im Mittelpunkt waren neue Häuser entstanden. Die Müllkippe existierte nicht mehr, sie war mit Erde zugeschüttet und planiert worden und bot heute einen Parkplatz für zwei niedrige Gebäude direkt am Uferweg; die Palette nahm den linken Bau ein, im rechten schien eine Familie zu wohnen. Die Gardinen waren vorgezogen, drinnen brannte Licht. Auf dem Parkplatz standen nur drei Autos, davon würde eines kaum noch die nächste TÜV-Plakette erhalten.

Er fuhr noch gut zweihundert Meter Richtung Ortsausgang und bremste vor dem Hotel Rieker Höhe. Es war neu gebaut, nicht sehr groß, aber modern und ordentlich. Für das Nest Neustadt fast luxuriös. An der Rezeption stand eine große, schlanke Blondine mit auffallend blauen Augen, die ihn anstrahlte, als sei mit ihm endlich das Glück in ihr Haus eingetreten. Anke Ludwig hatte sich in den vergangenen zwanzig Jahren anscheinend überhaupt nicht verändert, immer noch so anziehend und herzlich wie auf dem Jean-Paul.

"Guten Abend, Anke."

"Hei, Rolf."

"Schön, dich mal wieder zu sehen. Du hast dich überhaupt nicht verändert, immer noch so schön wie früher."

"Heißen Dank, der Herr." Sie knickste und freute sich ehrlich über sein Kompliment. Er wusste, dass sie eine kleine Schwäche für ihn hatte, seit er sie vor den Handgreiflichkeiten eines zudringlichen Mannes bewahrt hatte, und er hatte die Blondine mit den schönen, weichen Locken oft betrachtet. Und wenn da nicht Thea Schabranski gewesen wäre, die seine Gedanken noch mehr beschäftigte, hätte aus ihnen was werden können. Anke Ludwig wurde umschwärmt, aber sie ließ sich durch Balzen nicht beeindrucken.

"Thea hat dich schon angekündigt."

"Dann hast du noch ein Zimmer für mich?"

"Aber natürlich. Hast du schon eine Ahnung, wie lange du bleibst?"

"Vor dem Klassentreffen muss ich noch einmal nach Tellheim zurück - Thea hat dir doch bestimmt erzählt, was sie plant?"

"Hat sie. Bei zuviel Krötenblut im Steghaus. Sie hat auch erzählt, dass sie gern die Villa verkaufen möchte, aber dafür Tinas Zustimmung braucht."

Das traf sich gut, da konnte er gleich einen Pfahl einschlagen. "Und ich darf mich jetzt darum kümmern, wo das freche Mädchen abgeblieben ist."

"Wie das, Rolf?"

"Ich bin inzwischen Privatdetektiv und suche verschwundene Schwestern, abgängige Ehemänner und verschollene Erbtanten. Gegen Honorar, versteht sich."

"Darüber musst du unbedingt mehr erzählen."

"Tu ich bei Gelegenheit bestimmt."

"Nicht vergessen!", mahnte sie und drehte sich um: "Zimmer 112?"

"Wenn es ruhig ist, okay."

"Ist es."

"Ich bringe nur meinen Koffer nach oben; ich muss noch einmal fort."

"Fein, dann sehen wir uns beim Frühstück. Christian ist übrigens auch hier."

"Welcher Christian? Christian Neufel?"

"Na klar. Er sitzt im Kuratorium der Josephshöhe, und das tagt zurzeit im Landschulheim."

"Prima. Das trifft sich ja gut."

Das Zimmer war wirklich ruhig, hatte einen kleinen Balkon zum Garten auf der Rückseite des Hotels, und war so eingerichtet, wie Kramer es liebte, praktisch und nüchtern, ohne Staubfänger und Schnickschnack, modern. Es gab unter dem Fernseher die unvermeidliche Minibar, aber er hatte in der Lobby unten gesehen, dass es im Hotel auch eine richtige Bar gab, und ein Hotel, das sich Rieker Höhe nannte, würde auch Weißwein aus dem Riek führen, das für die Qualität seiner Weine berühmt war.

Er ließ den Schlüssel an der Rezeption zurück, nachdem er seinen Karren in die Tiefgarage gefahren hatte, und spazierte die paar Meter zur Palette. Das ganze Etablissement sah von außen nicht gerade vertrauenerweckend aus, und der Schaukasten neben dem Eingang mit den Bildern halbnackter Frauen verriet sofort, dass den Besucher eine bunte Vielfalt, aber keine moderne Bohème erwartete. Ein muskelbepackter Gorilla musterte ihn scharf, ließ ihn aber ohne weiteres eintreten. In der Garderobe hingen nur zwei Regenmäntel. Wahrscheinlich war es noch zu früh, der richtige Betrieb lief erst später an. Hinter der Bar standen zwei Frauen, die ihn neugierig ansahen. Beide trugen Oberteile mit riesigen Ausschnitten, verfügten aber auch über die erforderlichen und beeindruckenden Oberweiten. Am anderen Ende der langen Bar saßen zwei mittelalterliche Männer, die je ein Bier vor sich stehen hatten.

"Guten Tag", sagte er laut, und wurde von beiden umgehend korrigiert: "Guten Abend."

Die Brünette beugte sich vor und gewährte ihm einen großzügigen Einblick. "Was kann ich dir bringen?"

"Gibt es eine Weißweinschorle?"

"Aber ja. Ein Glas?"

"Vorerst ja. Ich würde gerne mit Sonja sprechen."

"Mit Sonja? Sonja Drexler?"

"Ja." Und weil er ihren erstaunten Blick sah, fügte er rasch hinzu: "Sonja und ich sind zusammen auf die Schule gegangen."

Wenn er gesagt hätte, "Wir sind beide vom Mond gefallen", hätte er nicht mehr Verblüffung auslösen können.

"Echt?", fragte die andere Frau.

"Ganz echt."

"Sollen wir sie holen?"

"Das wäre sehr freundlich."

"Und wen sollen wir melden?" Das klang nach schlechtem Film.

"Ich heiße Kramer, Rolf Kramer."

Die eine Frau verschwand nach hinten und die andere stellte die Schorle vor ihm ab. Kramer trank einen Schluck und ärgerte sich über die lauwarme süße Pampe mit Kohlensäure. Die beiden Männer hatten offen gelauscht und flüsterten nun miteinander. Dann hörte Kramer, dass sich energische Schritte näherten und eine Frau sagte laut: "Rolf Kramer?"

"Hallo, Sonja."

Sie kam hinter die Bar und streckte ihm die Hand hin: "Ich werd' verrückt. Nicht zu glauben. Tatsächlich der Rolf."

"Hei. Schön, dich mal wieder zu sehen!" Was streng genommen gelogen war. Sonja war kein schöner Anblick. Sie hatte tiefe Falten um den Mund bekommen, ihre Haare waren stumpf geworden, Lippen und Fingernägel trugen ein zu grelles Rot, und am meisten entsetzte ihn ihre Kleidung. Sie trug enge Hosen aus einer Art Samtstoff und ein dünnes, durchsichtiges Oberteil ohne BH und Hemdchen. Ihr früher so schöner, straffer Busen war schlaff geworden. Zwanzig Jahre gingen an keinem Menschen spurlos vorbei, aber verglichen etwa mit Anke Ludwig war Sonja Drexler alt geworden, richtig alt und schlimmer noch: Sie sah verlebt aus, abgegriffen und ordinär. Kramer hatte Mühe, sein Gesicht unter Kontrolle zu behalten, und trank hastig.

"Hast du Zeit mitgebracht?", erkundigte sie sich.

"Ja, habe ich, Sonja."

"Dann lass uns nach drüben gehen. Da ist es gemütlicher und da sind wir ungestört."

"Drüben?"

"Ich wohne in dem Haus nebenan."

Sie verließen die Bar durch einen schmalen Flur und erst dabei warf Kramer einen Blick in einen Nebenraum, in dem sechs oder sieben Frauen saßen, warteten, lasen oder strickten oder häkelten; Kleidung, Frisuren und Aufmachung ließen keinen Zweifel, was sie waren und worauf sie warteten. Am Ende des Flures gab es eine stabile Tür, den Schlüssel hatte Sonja sich an einer Schmuckkette umgehängt. Durch die Verbindungstür traten sie in eine Art Diele, mit Garderobe, Gäste-WC und Windfang vor der Haustür. Er bemerkte nur eine in den Keller führende Treppe, das Häuschen war ansonsten einstöckig. Sie gingen in eine Art Arbeitszimmer mit einem Schreibtisch, Computer, Drucker, Tischkopierer, Regal mit Ordnern, einem kleinen runden Tisch und zwei Sesseln samt einer dazu passenden Zweier-Couch.

"Setz dich doch. Möchtest du was trinken?"

"Eine Weißweinschorle wäre schön. Aber bitte kein Süßwein."

"Moment, bin gleich wieder da." Sie sauste aus dem Zimmer, und er blickte ihr ungeniert nach. Ihre Figur konnte sich immer noch sehen lassen. Weil sie ziemlich viel Zeit brauchte, sah er sich um. Eine nüchterne und sachliche Einrichtung, ohne Schleifchen, Blümchen und neckische Bilder mit leicht geschürzten jungen Damen.

Was sollte er eigentlich hier? Thea würde bestimmt nicht wünschen, dass er mit der Tür ins Haus fiel und Sonja direkt fragte, was vor zwanzig Jahren in der Wolfsbachschlucht vorgefallen war. Also Geduld.

"So, da bin ich wieder, tut mir leid, es hat was gedauert, aber wie immer, wenn es flott gehen soll, streikt der Korkenzieher. Zum Wohl, Rolf."

"Danke und zum Wohl, Sonja." Wenn er sich nicht täuschte, war das ein gut gekühlter Rivaner, der in den letzten Jahren das Riek erobert und den alten Müller-Thurgau radikal verdrängt hatte.

"Sehr gut", sagte er ehrlich.

"Ich hab' alles behalten, was du und dein Vater mir damals erzählt habt."

Einmal im Herbst waren er und sein Vater bei einer Wanderung ins Riek Sonja Drexler am Busbahnhof begegnet, wo sie ziellos herumstreunte. Eduard Kramer, der wenig verdiente, aber ein großes Herz besaß, guten Wein schätzte und immer gastfreundlich war, hatte die sich langweilende Sonja eingeladen, sie in ein Dorf zu begleiten, wo an dem Tag Weinproben bei den Winzern stattfanden. Sie hatte so etwas noch nie mitgemacht und ließ sich von Vater Kramer gern belehren, woran man einen guten Wein erkannte, wie man ihn behandeln musste und was er so ungefähr kosten dürfe. Sonja war schwer beeindruckt, ihr Vater war ein stadtbekannter Alkoholiker, der sich mit Bier und Schnaps zuschüttete. Was sie offen erzählte. Die Kramers hatten sie noch zum Essen eingeladen, und als sie sich in Neustadt trennten, hatte Sonja Tränen in den Augen. "Du wirst es mir nicht glauben, Rolf, aber das war der erste Ausflug meines Lebens. Ich beneide dich um deinen Vater." Es war eine angenehme Erinnerung, über die Kramer und Sonja sich jetzt anlächeln konnten.

Die erste Viertelstunde verplauderten sie mit dem üblichen Small-talk - Wie geht es dir, wie ist es dir ergangen, was machst du so. Wann warst du das letzte Mal in Neustadt, hast du noch Kontakt zu den anderen, das Übliche halt, unverbindliche Neugier. Kramer kam nur selten nach Neustadt, vielleicht ein-, zweimal im Jahr, blieb dann auch nicht lange, ging zum Grab seiner Eltern und sah zu, dass er abends wieder nach Hause fahren konnte. Sie kam selten nach Tellheim, eigentlich nur zu Untersuchungen im Krankenhaus, zur Krebsvorsorge und zu ihrer Frauenärztin. Nein, sie hatte auch keinen Kontakt mehr zu den anderen, hier in Neustadt lebten von den ehedem zehn „Schlimmen Fingern“ nur noch Hans-Peter Beck, der in zweiter Ehe verheiratet war und mit seiner Frau in Moosberg, einem Nachbarort von Neustadt, wohnte. Die alte Villa - sie zwinkerte ihm zu - die mit dem Partykeller und Swimmingpool, war verkauft. "Und du, wen triffst du noch?"

"Niemanden."

"Und Thea?"

"Thea ist zu mir gekommen, weil ich was für sie erledigen soll."

"Und was, wenn ich fragen darf?"

"Sie muss das Haus in der Rhönstraße verkaufen und braucht dazu die Einwilligung von Tina. Doch das Schwesterchen ist untergetaucht, verschwunden, nicht mehr auf der Bildfläche."

"Dann habt ihr gar nicht über mein Problem gesprochen?"

"Nein, welches Problem?"

Es wurde eine längere Geschichte, bei der jeder ein zweites Glas Schorle vernichtete. Sonja hatte, wie sie behauptete, in leicht angetrunkenem Zustand einen Liefervertrag mit einem neuen Getränkevertrieb unterschrieben und offenbar nicht genau genug auf die Konditionen, Klauseln und Preise geachtet. Nach der Rechnung für die erste Bestellung hatte sie den Vertrag sofort kündigen wollen, aber die Firma hatte kühl abgewinkt. Hier, ihre Unterschrift, der Vertrag war frühestens nach zwei Kalenderjahren kündbar, und in der Zeit verpflichtete sie sich, von keinem anderen Lieferanten Getränke zu beziehen. Für diese zugegeben erschwerenden Klauseln verpflichtete sich der Vertrieb, ihr auf jede Rechnung einen Rabatt von zwölf Prozent zu gewähren, den man ihr, falls sie das wünschte, bar aushändigen würde. Kramer sagte vorerst nichts. Was sie da schilderte, war eine beliebte Masche der organisierten Kriminalität. Wenn ein halbwegs seriöser Zeuge aussagte, dass Sonja Drexler bei der freiwilligen Unterzeichnung dieses Knebelvertrags bei vollem Bewusstsein war und nicht bedroht oder unter Druck gesetzt worden war, würde es höchst kompliziert sein, der Gegenseite eine betrügerische Absicht nachzuweisen.

So war der Stand, als Sonja zufällig vor der alten Ulitz-Brücke Thea Schabranski traf, von der sie wusste, ...

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