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Zwei Krimis: Niemand kommt so leicht davon/ Mord beginnt im Herzen

Horst Bieber

Zwei Krimis: Niemand kommt so leicht davon/ Mord beginnt im Herzen

Cassiopeiapress Thriller Spannung





BookRix GmbH & Co. KG
80331 München

Zwei Krimis: Niemand kommt so leicht davon / Mord beginnt im Herzen

von Horst Bieber

© dieser Digitalausgabe 2014 by Alfred Bekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen

www.alfredbekker.de

postmaster@alfredbekker.de

Die EDITION BÄRENKLAU wird herausgegeben von Jörg Martin Munsonius

www.editionbaerenklau.de

Der Umfang dieses Ebook entspricht 356 Taschenbuchseiten.

NIEMAND KOMMT SO LEICHT DAVON!

von Horst Bieber

© dieser Digitalausgabe 2014 by Alfred Bekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen

www.alfredbekker.de

postmaster@alfredbekker.de

Die EDITION BÄRENKLAU wird herausgegeben von Jörg Martin Munsonius

www.editionbaerenklau.de

NIEMAND KOMMT SO LEICHT DAVON!, Krimi/Thriller von Horst Bieber, 2011/2014

Cover & Layout: Steve Mayer, 2014

Lektorat: Antje Ippensen

Der Autor Peter Marholt hat sich in dem spanischen Küstenstädtchen Laredo de la boca eingemietet, um einen Dokuroman über seinen früheren Schulkameraden „Hako“ zu schreiben, der kurz vor dem Abitur bis heute spurlos verschwunden ist.

Am Strand lernt er zufällig die deutsche Touristin Karin Demus kennen, für die sich auffällig viele Männer interessieren. Einheimische und Deutsche – sie haben aber alle etwas gemeinsam: Männer mit einer kriminellen Vergangenheit und den Hang zu eindeutiger Gewaltbereitschaft.

Marholt, vom „Autoren-Ekel“ vor den Schlusskapiteln gepackt, lässt sich nur zu gerne durch Karins Schicksal ablenken, das sich aber unmerklich immer mehr mit der früheren Geschichte des verschwundenen „Hako“ verknüpft.

Und dabei stören sie die Kreise der CADI , der „Nachfolge-Organisation“, einer vormals mächtigen und einflussreichen katholisch-konservativen Vereinigung.

Zurückgekehrt nach Deutschland muss Peter Marholt erkennen, dass er sich mit den Falschen angelegt hat. Dieser „Schuh“ ist tatsächlich eine Nummer zu groß für einen einzelnen Mann. Doch einfach aufgeben gilt nicht, oder?

Personenverzeichnis

Peter Marholt Schriftsteller (Anfang 30), macht "Arbeitsurlaub" an der spanischen Mittelmeerküste in dem von Touristen noch nicht überlaufenen Ort Laredo de la boca

Karin Demus (Mitte 30), macht nach langer Krankheit Urlaub in Laredo

Ohana MacGregor (33), die geheimnisvolle Schöne des Örtchens Laredo

Debby MacGregor (31), Ohanas Schwester, hat schlechte Erinnerungen an Deutschland.

Miguel stammt aus Asturien und bedient im Granada.

Maricarmen (Anfang 20) die zukünftige Eigentümerin des Granada.

Paco (Ende 40) betreibt eine Bar und zankt oft mit seiner Frau Maria Jesus

Axel Kunz (Anfang 30) ist im Auftrag unterwegs und eckt mehrmals an.

Kurt Leuscha (Anfang 50) kommt aus Leverkusen und sucht in Spanien nach einem Schatz.

Vanessa Niegel, Leuschas Freundin, früher im Palais d'amour tätig.

Achim van Borgh (Ende 60) Juwelier, von den Frauen faszinierter Lebemann mit Geld, fürchtet um seinen Ruf und seine Ruhe.

Uwe Zindler (Ende 40) ist ebenfalls auf Suche nach seinem Glück, fällt durch seinen schwarzen Kinnbart auf und wird von einem Stein bös getroffen

Brigitte Landau (Mitte 30) würde zu gerne wissen, was aus ihrem Bruder Hans Konradin geworden ist.

Helmut Thielen ist mit Peter Marholt und Hans Konradin auf ein Gymnasium gegangen und amtiert jetzt als Staatsanwalt.

Sir Ralph Sheridan, genannt „Lord Jim“, besitzt Geld und hat ein schlechtes Gewissen.

1.

Die beiden Männer warteten schon zwei Stunden auf dem einsamen Waldparkplatz. Sie mochten beide zweite Hälfte zwanzig sein, der eine hatte noch volle schwarze, lockige Haare, der andere war schon fast kahl, bis auf einen schütteren Haarkranz undefinierbarer Farbe. Die Männer unterhielten sich in einer unbekannten Sprache. So lange sie warteten, waren nur vier Autos an der Einmündung des Waldparkplatzes vorbeigefahren. Jetzt dämmerte es stark, es hatte zu nieseln begonnen und der Schwarzhaarige rieb sich die klammen Hände: "Hoffentlich kommt er bald, es wird verdammt kalt."

"Er ist zuverlässig, aber nie pünktlich", bemerkte der Kahle gelassen.

"Kennst du ihn schon länger?"

"Seit er als Kurier fährt." Und Kurier wurde man erst, wenn man der Organisation jahrelang gedient und seine "Treue und Verschwiegenheit" bewiesen hatte. Und selbst dann reichte ein einziger Fehler, um in den Verdacht zu geraten, ein Verräter zu sein, mit denen ziemlich schnell kurzer Prozess gemacht wurde. Anders als die Mafia legte die Organisation Wert darauf, nicht bekannt zu werden. Seit er zwei Mordanschläge überlebet hatte, sann der Kahle auf Rache und hatte mit viel Mühe den Schwarzhaarigen aufgetrieben, der auch ein Interesse hatte, der Organisation was heimzuzahlen.

Eine halbe Stunde später hörten sie ein Motorgeräusch, ein unauffälliger Wagen mit einem belgischen Kennzeichen bog auf den Parkplatz ein. Die beiden Männer stiegen aus und stellten sich so hin, dass der Kurier sie im Scheinwerferlicht gut erkennen konnte. Der Schwarzhaarige holte ein Aktenköfferchen von der Hinterbank, klappte es auf und legte es auf die Motorhaube.

Der Kurier hatte einen Rucksack dabei, aus dem er ein Stoffbeutelchen herausholte, das er neben das Aktenköfferchen stellte. Dann zog er demonstrativ vorsichtig und offen einen Schein von einem der Geldbündel ab, prüfte ihn auf Marken und Zeichen, leuchtete den Hunderter mit einer Schwarzlichtlampe ab und trat dann zur Seite, nickte den beiden zu. Der Schwarzhaarige nahm sich den Beutel, holte einen schmutzig aussehenden kleinen Kiesel heraus und rieb den Kiesel über einen mit Metall eingefassten Glasstreifen, den er in der Hosentasche trug.

"Alles in Ordnung?", fragte der Kurier und drehte sich weg. Der Schwarzhaarige zog blitzschnell eine Waffe mit Schalldämpfer hinter seinem Rück hervor und schoss zweimal auf den Kurier. Schon der erste Schuss warf den Mann nach rückwärts auf die Erde, und bevor der Kahle einen Schreckenslaut herausgebracht hatte, wurde auch er von einer tödlichen Kugel getroffen. Der Schwarzhaarige legte den Rucksack des Kuriers auf die Rückbank und fuhr los. Den anderen Wagen und die beiden Toten rührte er nicht an. Bis Düsseldorf brauchte er knapp zwei Stunden.

In dem kleinen Hotel am S-Bahnhof Wehrhahn kannte man ihn. Und erst als er die Tür hinter sich verschlossen und die dichten Vorhänge vorgezogen hatte, öffnete er den Rucksack und schaute nach, was der Kurier noch dabei gehabt hatte. Der Inhalt des Rucksacks passte noch oben auf die Geldbündel im Aktenköfferchen und das brachte er am nächsten Morgen zuallererst in sein Bankschließfach.

Die beiden Toten und das Auto des Kuriers wurden erst drei Tage später gefunden, als der tagelange Nieselregen aufhörte und sich wieder Spaziergänger in den Wald nahe der deutsch-belgischen Grenze trauten. Beide Männer waren aus einer Waffe erschossen worden, die Gerichtsmedizin konnte die Kugeln sicherstellen und die Waffe wurde identifiziert: Eine Beretta 92,9 x 19 mm, für ein anderes Verbrechen offenbar noch nicht benutzt, nirgendwo waren Vergleichsprojektile archiviert. Einer der Toten hatte in Brüssel unter falschen Namen einen Wagen gemietet, der andere Mann blieb namenlos, konnte weder anhand seiner Fingerabdrücke noch durch sein Gebiss oder seine DNA identifiziert werden. Die Organisation vermisste ihren zuverlässigen, aber unpünktlichen Kurier erst nach einer Woche und gab sich Mühe herauszufinden, was ihr Mann auf seiner letzten Fahrt an wen verteilen sollte. Den Verlust konnte die Organisation verschmerzen. Aber sie wollte den Täter fassen und bestrafen, um allen zu zeigen, wer sich mit ihr anlegte, musste mit dem Tod rechnen. Und weil es ums Prinzip ging, ließ sie jahrelang nicht locker, dachte aber nicht daran, zum Schluss ihre Erkenntnisse der Polizei mitzuteilen.



2.

Kurz vor elf Uhr schaltete er den Computer aus. Zu der Zeit wanderte die Sonne um die Hausecke, spätestens jetzt musste er das Fenster schließen und die Läden vorlegen, für Juni war es ungewöhnlich heiß und trocken. Außerdem wurde er nach vier oder manchmal auch fünf Stunden Schreiben müde und spürte, dass ihm jeder Satz schwerer fiel und mehr Konzentration abverlangte. In den beiden vergangenen Wochen war er gut vorangekommen, er hatte sich schneller in den Rhythmus hineingefunden als angenommen, er musste sich nicht hetzen.

Ins Dorf ging er über den Strand. Ein besserer Trampelpfad führte im Zickzack den steilen, felsigen Hang hinunter. Touristen verirrten sich selten hierhin, und von den vier weißgekalkten Häusern standen drei noch leer, Türen und Läden fest verrammelt und mit Vorhängeschlössern gesichert, die Familien erschienen erst in den deutschen Schulferien. Die Gärten waren verwildert, in den ersten Tagen hatten die Väter gut zu tun, und Antonio, der alte Mann aus dem Ort, der zur Aushilfe geholt wurde, riss sich kein Bein aus, sondern knurrte, schimpfte und brabbelte vor sich hin, während er im Zeitlupentempo hackte und ächzend Unkraut jätete. Vor allem mussten sie den Pfad zum Strand hinunter befestigen, der Winterregen hatte auch die letzten Trittsteine seitlich unterspült und Lehm aus den Stufenfugen geschwemmt, und in diesem Jahr, so hatten die Nachbarn beschlossen, sollten die letzten Stufen auf den Sand hinunter fest einbetoniert und mit einem Geländer gesichert werden. Es gab immer etwas zu tun, und wenn sie nicht scharf aufpassten und selber Hand anlegten, zahlten sie viel Geld für schlampige Arbeit.

Keine dreißig Meter neben den Stufen lag wieder die Frau in dem weißen Bikini auf ihrer Badematte. Seit einer Woche kam sie regelmäßig mit ihrem Sonnenschutz, so, als sei es ihr auf dem Hauptstrand zu laut oder zu lebhaft, und auch heute war sie allein. Er nickte ihr freundlich zu, und sie lächelte unsicher zurück, während sie sich über die kurzen rotblonden Haare strich. Eine schlanke Frau mit einem angenehmen Gesicht.

Irgendwie hatte Laredo de la Boca den großen Bauboom an der Mittelmeerküste verschlafen. Jenseits des Flüsschens Sirina, das hier mündete und schon jetzt kaum noch Wasser führte, lagen zwei größere Hotels direkt über dem Strand, eines ein Pfuschbau aus den siebziger Jahren, der bereits deutliche Verfallsspuren zeigte, das andere Gebäude solider, ein drittes sollte wohl noch gebaut werden, aber nachdem die Baugrube ausgehoben worden war, ging dem Investor entweder das Geld aus oder er verlor die Lust, das war nicht so ganz klar, und die Gründe, warum es nicht weiterging, boten endlosen Gesprächsstoff. Er balancierte über die schon trocken liegenden Steine im Flussbett und stapfte durch den Sand auf die Rampe an der Kaimauer zu. Spanische Bau- und Kommunalpolitik besaß ihre Besonderheiten, die er immer noch nicht völlig durchschaute, und er hütete sich, seine Freude über die Rettung eines kleinen Stückes ursprünglicher Küste zu deutlich zu zeigen. Man wusste nie, wer gerade auf welcher Seite stand, und nicht alle teilten seine Begeisterung über das malerische Örtchen, das zwar seinen Charakter bewahrt hatte, in dem jedoch Arbeitsplätze fehlten. Allerdings dachte kaum einer daran, in die Stein- und Betonburgen der Touristenzentren östlich und westlich von Laredo de la Boca zu ziehen. Die guten Jobs waren schon lange vergeben, und die schlechten brachten nicht genug ein für das Leben, das hier wegen der Touristen spürbar teurer war als etwa in Laredo.

Seine Einkäufe hatte er schnell erledigt. Weißwein, Agua con gas, zwei große Tomaten, Oliven, Zwiebeln, Brot, eine Dose Sardinen oder Thunfisch oder auch mal ein Stück Chorizo, er prüfte, wählte aus, feilschte und beschwerte sich, die Frauen kannten ihn und empfingen ihn mit derbem Spott, der ihn nicht störte, weil er dadurch in den Kreis der beinahe Einheimischen aufgenommen war, jedenfalls nicht wie ein ausbeutungswürdiger Tourist behandelt wurde. Ihm war klar, dass sie ihn nicht ganz ernst nahmen; dass ein Mann sein Geld nur mit Büchern und Stücken für den Rundfunk und das Fernsehen verdiente, zählte schon zu den Merkwürdigkeiten, die sich wohl nur ein aleman leistete. Oder ein Kastilier, der den "Premio Asturias" gewonnen hatte. Doch dass er offenbar genug einnahm, um sich ein Häuschen zu mieten und mehrere Monate nicht zu arbeiten, machte die ganze Sache irgendwie vertretbar oder entschuldbar, eine brotlose Kunst betrieb er jedenfalls nicht, und wie alle Küstenbewohner, die hart schufteten und schlecht bezahlt wurden, besaßen die Laredanos gehörigen Respekt vor Geld, der bei wirklich reichen Leuten schnell in Unterwürfigkeit mündete.

Zurück marschierte er über die Straße und die Sirina-Brücke. Gleich hinter der Brücke lag Pacos Bar, dort trank er seine zwei Blancos und aß entweder Tostadas oder, wenn Maria Jesus früh aufgestanden und gut gelaunt war, auch Tapas, die sie mit viel Mühe und Geduld zubereitete, freilich nur, wenn sie Lust hatte und nicht mit Ehemann Paco zankte. Gegen Mittag, vor der Siesta, war Pacos Bar gut besucht, hier wurden die neuesten Informationen ausgetauscht und die jüngsten Gerüchte verbreitet; wer wissen wollte, was sich in Laredo de la Boca abspielte, fand sich in dem dunklen, kühlen Raum ein.

Juanito hatte sich ein Motorrad gekauft, woher nahm der Junge bloß das Geld? Denn Arbeit hatte er nicht gefunden. Ob er die wirklich suchte? Lazaro hatte sich den Fuß gebrochen, der Junge war wirklich ein Pechvogel.

Heute maulte Maria Jesus, er hörte sie schon unter der Tür, und Paco blinzelte ihm zu. Heute also keine Tapas, er schob sich an die Bar und wartete auf seinen Blanco.

"Wie geht's?"

"Danke, gut, und dir?"

"Bis auf das schreckliche Weib in der Küche kann ich nicht klagen."

Auch das gehört zum Ritual. Er grüßte nach links und rechts, die Männer nickten langsam, aber beachteten ihn nicht weiter. Ganz vorne an der Tür stand ein neuer Gast, der sich mit einem Ellbogen auf die Bar stützte und auf Ohana einredete. Groß, bestimmt 1,90 Meter, breitschultrig, dicke blonde Haare, blaue Augen, tief gebräunt, das Hemd weit aufgeknöpft und auf der behaarten Brust das unvermeidliche Goldamulett. Ein Deutscher wahrscheinlich, er redete in einem wüsten Gemisch aus Deutsch, Spanisch und Englisch auf die Schwarzhaarige ein, wobei er siegessicher grinste und perfekte Zähne zeigte. Einer dieser Hoppla-jetzt-komm-ich-Typen, unverwüstlich gut gelaunt und voll lärmigen Selbstbewusstseins, das den Spaniern schwer auf die Nerven ging, auch wenn sie es nicht zeigten. Dass sie von ihm weggerückt waren, schien der Blonde nicht zu bemerken, und Ohana hatte ihr Sphinx-Gesicht aufgesetzt.

"Wer ist das?", fragte er Paco halblaut.

"Neu hier. Kenne ihn nicht."

"Ohana wird sich freuen."

Darauf zwinkerte Paco nur. Ohana war ein Kind der Liebe, gezeugt von einem melancholischen Iren und einer bildschönen Italienerin, und die Mischung war so faszinierend wie brisant. Vor Jahren hatte es Ohana in eines der Hotels als Rezeptionistin verschlagen, der Geschäftsführer feuerte sie nach drei Wochen, weil sie nicht mit ihm ins Bett gehen wollte, und sie blieb hier in Laredo hängen, betrieb inzwischen ein Souvenir-Geschäft mit einer Abteilung für Haushaltsgeräte, das sogar ganz ordentlich lief, und angelte sich immer neue Freunde, meist Touristen in der Feriensaison. Von den Frauen angegiftet, von den Männern heimlich umworben und von allen Einheimischen wegen ihres unberechenbaren Temperaments gefürchtet, das war Ohana. Als Paco das zweite Glas abstellte, murmelte er: "Ein Landsmann von dir."

"Vielen Dank, die Sorte mag ich nicht, die schenke ich dir."

Paco hatte elf Jahre in Deutschland gearbeitet, bis ihn das Heimweh überwältigte, und seit der Zeit wohnten zwei Seelen in seiner Brust. Er sprach und verstand sehr gut Deutsch, aber er mochte die Deutschen nicht und hatte doch zu lange unter ihnen gelebt, um sich noch mit allen Angewohnheiten seiner Landsleute abzufinden. Ihm fiel auf, dass Paco den großen Blonden konsequent auf Spanisch ansprach, was seine Art war, seine Missbilligung auszudrücken. Ohana sagte nichts, sondern lächelte unergründlich. Sie hatte Katzenaugen, die sie gerne schloss. Nur Schnurren musste sie noch lernen.

"Bis morgen, Paco."

"Mach's gut, Pedro."


Die Hitze über Mittag war abenteuerlich, und während er aß, studierte er die Zeitung. Die ersten Warnungen, mit Wasser sparsam umzugehen. Und vorsichtig mit offenem Feuer! Sie würden nicht viel nutzen. Waldbrände gehörten in dem waldarmen Land zum Sommer.

Nach der Siesta faulenzte er bis zur Dämmerung. In den ersten Tagen hatte er versucht, am späten Nachmittag noch ein oder zwei Stunden zu schreiben, aber weil er morgens regelmäßig verwarf, was er in der Zeit am Vortag formuliert hatte, gab er es bald erleichtert auf. Trotz der geschlossenen Läden war es warm geworden, selbst Lesen wurde anstrengend.


Abends traf er seine hübsche Rotblonde vom Strand wieder. Sie saß im Granada und studierte mit hilflosem Gesicht die Speisekarte. Als er am Nebentisch Platz nahm, blickte sie auf und lächelte ihn verlegen an, er nickte wieder freundlich, kümmerte sich aber nicht weiter um sie.

Miguel brachte ihm ohne Aufforderung seinen Sherry und blieb gelangweilt neben seinem Stuhl stehen.

"Was empfiehlst du heute?" Auf die Speisekarte verließ er sich schon lange nicht mehr.

"Escalopes." Miguel hatte die Stenographie der Kommunikation erfunden, er stammte aus Asturien und begriff nicht, wie man Wörter verschwenden konnte.

"Bueno. Rotwein. Gemischter Salat."

Wortlos machte Miguel kehrt, er liebte es kurz und knapp, und schließlich kannten sie sich. Außer dem Granada gab es nur noch ein Restaurant in Laredo, das sich nicht auf Feriengäste eingestellt und Preise wie Qualität entsprechend verändert hatte. Man muss die Ziegen, die man melkt, nicht in sein Wohnzimmer holen, pflegte Paco zu sagen, und das war genau so unfreundlich gemeint, wie es klang.

"Entschuldigen Sie bitte, sprechen Sie Deutsch?"

Er fuhr zusammen. Seine Rotblonde hatte resigniert und sah ihn flehend an.

"Ja", antwortete er lustlos.

"Oh, das ist fein. Können Sie – könnten Sie mir bitte beim Bestellen helfen?"

"Sicher." Er wollte nicht unhöflich sein, aber wenn sie kein Spanisch verstand, hätte sie in ihrem Hotel bleiben sollen. "Was wollen Sie denn essen?"

"Was ich ... ich dachte, hier, auf der Karte ..."

"Vergessen Sie die Karte. Die Hälfte gibt es heute bestimmt nicht, und wenn Sie mir sagen, auf was Sie Hunger haben, werde ich mich bei Miguel erkundigen, ob es vorrätig ist."

Ihr verwirrtes Gesicht reizte zum Lachen, er zerkaute ein Schmunzeln, und sie holte plötzlich tief Luft: "Was haben Sie denn bestellt?"

"Kalbsschnitzel, dazu gemischten Salat."

Das überlegte sie sich einen Moment ernsthaft, dann nickte sie: "Ja, das würde ich auch gern nehmen."

"Okay, ich sag Miguel Bescheid."

Miguel betrachtete abwechselnd ihn und sie düster, hinter seiner gerunzelten Stirn wälzte er finstere Gedanken, und dann schnappte er sich unvermittelt das Sherry-Glas und stellte es auf ihren Tisch, drehte auf dem Absatz um und verzog sich Richtung Küche.

"Was ... was ..." Sie stammelte, und er hätte den Asturier erwürgen können.

"Miguel hat die Schweigsamkeit neu erfunden", knurrte er und stand auf. "Er will, dass ich mich zu Ihnen setze, es macht ihm weniger Arbeit."

"Das ist ... das wollte ich ..." Jetzt lief sie glühend rot an, und er biss einen Moment die Zähne zusammen. "Darf ich mich zu Ihnen setzen?"

"Bitte ... ja ... natürlich ... gerne ... es ist mir schrecklich peinlich ..."

Sie hatte immer noch nicht verstanden. Miguel kehrte ihnen den Rücken zu und sprach auf die kleine, bucklige Maricarmen ein, die hinter der Theke stand und die Getränke ausgab. Sie hielt eine Hand vor den Mund, wobei sie zu ihnen herüberschielte. Dieser alte Kuppler! Morgen würde ganz Laredo darüber klatschen: Pedro hatte im Granada eine deutsche rubia kennengelernt. Wie schön! Wie ist sie denn so, Pedro? Gefällt sie dir?

"Keine Ursache", sagte er brummig. "Ich heiße übrigens Marholt, Peter Marholt."

"Karin Demus." Die Röte wollte nicht weichen, und er brüllte durch den Raum: "Du fauler Maulwurf, wo bleibt der Sherry für die Dame?"

"Bin schon unterwegs!" Miguel war richtig empört, Maulwurf war eine schlimme Kränkung, weil es nicht nur auf den Bergbau in seiner Heimat Asturien anspielte, sondern auch auf die Terroristen zu Francos Zeiten. Und blind wie ein Maulwurf war er auch nicht! Seine Hand zitterte, als er das Glas abstellte, und sein Blick verriet tiefste Kränkung, erst recht, als Marholt ihn angrinste. Aber Rache musste sein, und an den anderen Tischen wurde anerkennend gelacht. Dieser Miguel! Der Deutsche hatte es ihm aber gut gegeben. Auch das würde man morgen bei Paco lang und breit besprechen.

Sie schaute ihn verständnislos an, aber er verspürte keine Lust, große Erklärungen abzugeben, und erkundigte sich deshalb nüchtern: "Sind Sie schon lange hier?"

"Gut eine Woche."

"Und gefällt es Ihnen?"

"Ich weiß nicht", zögerte sie und errötete wieder. "Es ist sehr – einsam. Ich meine, für mich."

"Waren Sie noch nie in Spanien?"

"Nein. Nein, es ist das erste Mal."

"Die Saison hat noch nicht begonnen. In einer Woche, wenn in Deutschland die Schulferien beginnen, wird's hier voller."

"Ja", stimmte sie zu, und es klang, als empfinde sie es mehr als Bedrohung denn Erleichterung. Viel Selbstsicherheit schien sie nicht zu besitzen, und zum unverbindlichen Plaudern fehlte ihr eindeutig das Talent. Ihn störte es nicht, er konnte gut schweigen und vermisste die Unterhaltung nicht. Miguel hatte die Beleidigung noch nicht verkraftet und knallte die Salat-Teller auf den Tisch: "Mit einer Empfehlung vom Chef."

"Vergiss das Öl und den Essig nicht."

"Ist er immer so schlecht gelaunt?", fragte sie schüchtern, und jetzt musste er Miguels Ehre doch verteidigen.

"Nein, aber er hat seinen eigenen Humor. Wissen Sie, in Spanien setzt man sich nicht zu anderen Leuten an einen Tisch, sondern wartet lieber, bis etwas frei wird. Nachdem er aber meinen Sherry bei Ihnen abgestellt hatte, wäre es eine schlimme öffentliche Beleidigung für Sie gewesen, wenn ich nicht an Ihren Tisch gekommen wäre."

"Oh!", machte sie und senkte den Kopf. Wider Willen musste er lachen, und als sie zaghaft lächelte, riss er sich zusammen.

Ihr Alter war schwer zu schätzen, Ende dreißig, Anfang vierzig vielleicht. Sie hatte ein hübsches, sehr ebenmäßiges, ovales Gesicht und große, dunkelbraune Augen, eine entzückende Stupsnase und einen vollen Mund, sie erinnerte auf den ersten Blick an einen lustigen Kobold, wozu aber ihre Schüchternheit nicht passte. Jedenfalls war sie keine Frau, die sich aufdrängte oder flirtete, im Gegenteil, sie schien sehr auf Abstand bedacht, und er erinnerte sich, dass sie am Strand immer allein lag. Kein Ring. Der Henker mochte wissen, wie es sie ausgerechnet nach Laredo de la Boca verschlagen hatte, das wahrlich nicht zu den bekannten Tourismus-Zielen zählte.

Bis zum Kaffee hatten sie keine zwanzig Sätze gewechselt, und ihre unruhigen Blicke gaben ihm den richtigen Gedanken ein. "Nein, Sie dürfen nicht für sich zahlen, und Sie dürfen mich auch nicht einladen."

"Aber das geht – das habe ich nicht ..."

"Keine Angst, Sie ruinieren mich nicht, und ich muss Miguel noch eine kleine Lektion erteilen."

Die Rechnungssumme half ihm, er legte einen Schein hin und wartete. Dreißig Cent blieben nach, Miguel kaute auf den Lippen, und Marholt sagte laut: "Die Dame bedankt sich, es hat sehr gut geschmeckt."

"Ich sag's dem Chef", erwiderte Miguel endlich mürrisch und bemühte sich, die anschwellende Heiterkeit an den anderen Tischen zu überhören. Diese Runde ging an den Deutschen!


Auf der Straße wollte sie sich verabschieden, er schüttelte den Kopf und sagte bestimmt: "Nein, ich bringe Sie noch zum Hotel."

"Das gehört sich so?"

Weil es eine Spur aufsässig klang, grummelte er: "Genau so."


Vor dem Hotel überraschte sie ihn, als sie die Hand ausstreckte und spontan dankte: "Das war ein netter Abend. Und es hat wirklich gut geschmeckt, viel besser als hier in diesem Schuppen."

"Das freut mich. Gute Nacht, Frau Demus."



3.

Am nächsten Mittag traf er sie wieder am Strand, sie grüßte herzlich: "Guten Morgen, Herr Marholt", machte aber keine Anstalten, ihn in ein Gespräch zu verwickeln, was ihm nur recht war.

Bei Paco führte wieder der große Blonde das Wort, Ohana hatte wohl beschlossen, es mit ihm zu versuchen, und unterbrach ihr Sphinx-Lächeln gelegentlich durch schmachtende Blicke, die ihm sichtlich schmeichelten. Dann zupfte sie an ihrem spitzen, tiefen Ausschnitt.

Maria Jesus hatte eine Pause im Ehekrieg eingelegt und Tapas gerichtet, Paco setzte das kleine, vor Kälte beschlagene Glas vor ihm ab und stichelte: "Miguel ist sehr, sehr zornig auf dich."

"Und ich erst auf ihn!"

"Ist sie nett, die Blonde?"

"Sehr schweigsam, Paco. Ich weiß nicht, was ich mit ihr reden soll!"

"Nein!" Paco glaubte ihm keine Silbe.

"Nicht jeder redet so gern wie dein neuer Gast."

"Das stimmt." Pacos Gesicht verdüsterte sich. "Er redet sehr viel und sagt dabei sehr wenig."

"Weiß er, dass du Deutsch verstehst?"

"Ich hoffe nicht."

"Ohana hat angebissen, wie?"

"Der arme Junge!" Nein, so wenig er den Blonden leiden konnte, bei Frauen wie Ohana mussten Männer zusammenhalten, aber der Blonde sah nicht so aus, als würde er einen gut gemeinten Rat annehmen. Sie lehnte sehr dekorativ an der Theke, das schwarze Oberteil war verheißungsvoll über eine Schulter gerutscht, aber das bedeutete noch gar nichts. Erst wenn sie den superkurzen, engen Rock anzog und dazu in ihre Sandalen mit den abenteuerlich hohen Absätzen stieg, durfte sich der Blonde wirkliche Chancen ausrechnen, und auch dann hing es im entscheidenden Moment von ihrer Laune ab, wie nah er ihr kommen würde. Das war viel zu spannend, um es durch einen guten Rat oder eine Warnung abzukürzen oder gar zu verhindern.

Diesmal verwickelten ihn zwei Männer in ein Gespräch, und wieder einmal spürte er, dass man ihn brauchte, gelegentlich ausnutzte, aber dass er nicht wirklich dazu zählte. Die Konjunktur in Deutschland. Sollte der arbeitslose Neffe in Spanien wie viele junge arbeitslose Leute auf einen Job warten oder sein Glück in Deutschland bei seinem Onkel in Hannover versuchen? Gab es dort wirklich Lehrstellen für Ausländer? Bekamen die wirklich kostenlosen Deutschunterricht?

Als er ging, redete ihn der Blonde an: "Du bist doch auch Deutscher?"

Wie angenagelt blieb er stehen und starrte den Grinsenden an, die Wut war so heiß in ihm hochgeschossen, dass sich seine trockene Kehle zusammenzog. Offenbar verriet sein Blick genug, der Blonde wich unwillkürlich einen Schritt zurück, und als Marholt sich endlich wieder unter Kontrolle hatte, flüsterte er: "Kennen wir uns?"

Ohana zupfte gelangweilt an ihrem Oberteil. Marholt wartete und presste die Lippen zusammen, bis der Blonde hörbar unsicher murmelte: "Nein."

"Na also!"

Noch auf der Straße musste Marholt sich zusammenreißen. Dieser blöde Hund! Wenn er eines hasste, dann war es diese plumpe Vertraulichkeit. Dieses Duzen! Solchen Kerlen würde er am liebsten links und rechts in die Schnauze schlagen!


Am Abend traf er Karin Demus wieder. Sie marschierte entschlossen auf den Eingang des Granada zu und stockte, als sie ihn bemerkte, sagte fröhlich "Guten Abend" und hielt ihm wortlos ein kleines Buch hin.

"Guten Abend. Was haben Sie denn da?"

"Raten Sie mal!"

"Es sieht aus wie ein Wörterbuch."

"Ist es auch. Heute im Laden von Ohana gekauft und heute bestelle ich, und wehe, Miguel versteht mich nicht."

"Das möchte ich erleben. Machen Sie mir das Vergnügen, mit mir zu essen?"

Bei seinem feierlichen Ton zwinkerte sie verlegen, er lachte, nahm ihren Arm und tröstete: "Das war nicht so ernst gemeint. Kommen Sie, ich helfe mit ein paar Schimpfworten aus, falls Miguel nicht spurt."

Doch Miguel ahnte wohl, welches Unheil sich über seinen schwarzen Locken zusammenbraute, er überschlug sich fast vor Höflichkeit und stellte die beiden Sherrys ab, bevor sie richtig saßen.

"Donnerwetter", murmelte sie verblüfft. "Können Sie schimpfen, auf Spanisch, meine ich?"

"Doch, ja, für mittelschwere Beleidigungen reicht es schon."

"Ich muss noch viel lernen", gab sie zu und schlug ihr Wörterbuch auf. Miguel riss die Augen weit auf und sprach so langsam und deutlich, als habe er es mit einer debilen Schwerhörigen zu tun, die von seinen Lippen ablesen musste. Offenbar hatte sie sich schon im Hotel überlegt, was sie bestellen wollte, Marholt klemmte die Mundwinkel ein und schwieg eisern. Hinterher lachte sie erleichtert, Miguel schnaufte und zuckte zusammen, als Marholt kurz sagte: "Für mich dasselbe bitte."

"Natürlich, natürlich", stotterte er und drehte sich auf dem Weg zur Theke zweimal ungläubig um. Maricarmen, das kleine Luder, kicherte.

Der Erfolg hatte sie ermutigt, sie schaute ihn offen an. "Leben Sie hier in Laredo?"

"Nein, ich habe hier nur ein Häuschen gemietet, für drei Monate."

"Aber Sie sprechen sehr gut Spanisch."

"Es geht. Ich bin sehr oft hier."

"Sie haben es gut, wenn Sie sich drei Monate Ferien erlauben können."

Nicht schlecht, lobte er sie heimlich, diese indirekte Frage hatte sie gut vorgebracht.

"Es sind nicht reine Ferien", erwiderte er deshalb amüsiert. "Ich arbeite, doch, ja, allerdings nur am Vormittag."

"Arbeiten?"

"Ich schreibe", erklärte er. "Und dafür habe ich mir drei Monate Freizeit zusammengespart."

"Dann schreiben Sie also etwas Größeres?"

"Ja, das habe ich vor."

Sie nickte und wechselte zu seinem Erstaunen das Thema. Wie er sich gedacht hatte – sie war auf Distanz bedacht und scheute sich, einen Fremden mit neugierigen Fragen unter Umständen zu belästigen.


Auf dem Weg zum Hotel schlug sie vor: "Darf ich Sie wenigstens zu einem Wein einladen? Es geht doch nicht, dass Sie mich immer zum Abendessen ausführen."

"Es war mir ein Vergnügen, Frau Demus."

Unwillig schüttelte sie den Kopf: "Danke. Trotzdem – ach, ich würde mich – Herr Marholt, den ganzen Tag mit keinem Menschen reden zu können, ist auch nicht schön."

"Gibt es keine Deutschen im Hotel?"

"Doch, doch, aber die – die gefallen mir nicht."

"Gut, dann schlage ich Ihnen eine Bar vor. Nicht erschrecken, der Wein dort ist ausgezeichnet, und die Leute sind zwar laut, aber nett."

Trotz dieser Warnung schnappte sie nach Luft. Alfonsos Bar konnte in jedem Spielfilm als wüste Poker-Spelunke und Banditen-Hauptquartier benutzt werden, der Lärm war ohrenbetäubend, der Boden übersät mit Papier, Zahnstochern und Erdnussschalen, früher hatten auch die Kippen zentimeterhoch am Boden gelegen. Die Männer brüllten, um sich zu verständigen, gestikulierten wie vor einer Schlägerei. Der Fernseher, von niemandem beachtet, dröhnte auf höchster Lautstärke.

"Die Treppe rauf!"

In das kleine Zimmer über der Bar passten gerade drei winzige Tischchen, aber die Fenstertür stand weit offen, und um diese Tageszeit kühlte es angenehm ab. Von dem Betrieb unten war erstaunlich wenig zu hören, noch hatten sie den Raum für sich, und sie prustete erleichtert.

"Da hätte ich mich nicht reingetraut", gestand sie.

"Es wäre Ihnen nichts passiert, man hätte Sie nur so lange stumm angestarrt, bis Sie freiwillig gegangen wären."

"Ein Treffpunkt für Machos."

Das Wort ärgerte ihn ein wenig. "Nein, für Männer. Es gibt Lokale, in die man die Familie mitnimmt, wo zum Bespiel Kinder sehr willkommen sind, und es gibt Lokale, in denen Männer unter sich sein wollen. In Madrid und Barcelona haben schon Cafés nur für Frauen eröffnet."

Einen Moment runzelte sie die Stirn, bevor sie kläglich lächelte: "Ich muss wirklich noch viel lernen."

Luisa war erst acht Jahre alt, aber bediente mit dem Ernst einer Erwachsenen, und er lobte sie angemessen, wofür sie sich würdevoll bedankte: "Es muy amable, Don Pedro." Den Wein hatte er durch Zufall entdeckt, auf der verstaubten Flasche klebte nur ein Zettel mit einer Jahreszahl, und bisher hatte ihm keiner verraten wollen, woher dieses Gewächs stammte und wer es so perfekt kelterte. Man bestellte nur "den guten Weißen", und auch er hatte sich angewöhnt, dabei leise zu sprechen, wenn Fremde zuhören konnten. Selbst Paco kam ab und zu hierher, um "den Guten" zu trinken, und litt unter massiven Anfällen von Schwerhörigkeit, wenn Marholt sich bei ihm ganz beiläufig nach "dem guten Weißen" erkundigte. So weit ging seine Liebe zu seinem Pedro nun doch nicht.

"Den ersten Schluck ganz langsam trinken", empfahl er ihr, und sie gehorchte.

"Phantastisch", urteilte sie, sichtbar beeindruckt. "Wenn ich den mit dem Tischwein im Hotel vergleiche ..."

"Besser nicht." Er lachte sie an, und diesmal senkte sie den Blick nicht. Wenn sie wollte, war sie eine sehr hübsche Frau, die auf Männer wirkte.

Wie war sie ausgerechnet nach Laredo gekommen? Eine Freundin hatte es ihr empfohlen, vor vielen Jahren schon, sie hatte auch gewarnt, dort sei nicht viel los, und als sie das Bedürfnis nach Ruhe und vor allem nach Wärme und Sonne verspürte, war ihr der Name Laredo de la Boca wieder eingefallen. Weil er sie prüfend anschaute, erklärte sie leise: "Ich bin lange krank gewesen", und ihr Tonfall verbot weitere Fragen. Aber wie hatte es ihn hierhin verschlagen?

"Ein Kollege hat sich hier ein Haus gebaut. Da war das dritte Kind unterwegs, und nach der Geburt fand seine Frau, er sei doch nicht der rechte Mann für sie. Aber der andere entsprach auch nicht allen ihren Erwartungen, also legte sie sich eine Freundin zu, bis sie entdeckte, dass sie vielleicht doch keine Lesbe sei. Jetzt himmelt sie irgendeinen Sektenguru an, hat sich scheiden lassen, mein Kollege zahlt sich tot für sie und drei schulpflichtige Kinder und vermietet das Haus, das er bei seinem Kontostand eigentlich verkaufen müsste. Aber davon bekäme sie die Hälfte."

"Das ist bitter", murmelte sie. "Ich bin auch geschieden, er hat sich eine Jüngere zugelegt, die dem Alter nach seine Tochter sein könnte."

"Und? Ist er glücklich geworden?"

"Ich weiß es nicht, ich habe seit Jahren nichts mehr von ihm gehört."

Danach trat eine unbehagliche Pause ein, sie trank hastig und seufzte schließlich auf. "Wie sind wir darauf gekommen?"

"Sie wollten wissen, was mich nach Laredo geführt hat."

"Ja. Das Haus Ihres Kollegen." Ganz echt klang ihre Heiterkeit nicht, und er begann von dem dritten, dem nie gebauten Hotel zu erzählen, mit dem sich die Laredanos stundenlang aufhalten konnten.

Eine zweite Flasche lehnte sie nach reiflichem Überlegen ab: "Ich spüre den Alkohol schon."

"Dann bringe ich Sie zum Hotel."

Die Brise hatte sich gelegt, das Meer lag fast regungslos glatt und der zunehmende Mond spiegelte sich auf dem Wasser wider. Die Stille rauschte in seinen Ohren. Sie ging sehr langsam und schwieg, schaute manchmal zu den Sternen hoch und hatte wieder ihr trauriges, verschüchtertes Gesicht aufgesetzt.

"Es war ein wunderschöner Abend, vielen Dank", verabschiedete sie sich und sah dabei wieder zu Boden.

"Schlafen Sie gut!"

"Danke, auch für Sie eine gute Nacht."

Kurz vor der Brücke hörte er zum ersten Mal die Schritte hinter sich, aber als er sich umdrehte, war niemand zu sehen. Achselzuckend ging er weiter, aber lauschte auf der Brücke nach hinten. Kein Geräusch. Um diese Zeit war hier normalerweise kein Mensch mehr unterwegs, und ein Laredano hätte ihn erkannt und angerufen. Am Horizont funkelten ein paar Lichter von den Fischerbooten, die nachts hinausfuhren. Jenseits von Pacos Bar verlief die Straße in einer Kurve, und kaum war die Brücke hinter den Häusern verschwunden, vernahm er eilige Schritte; jemand sprintete über die Brücke. Wieder blieb er stehen, das Geräusch verstummte, und als er den Kopf drehte, glaubte er für den Bruchteil einer Sekunde einen Schatten zu sehen, der mit dem Dunkel eines Hauses verschmolz. Er überlegte, ob er zurückgehen und sich den Spaß verbitten sollte, aber die Mühe schien es nun doch nicht wert. Bis zu seinem Haus horchte er aber auf das, was sich in seinem Rücken abspielte. Keine Schritte mehr.


In der Nacht fuhr er hoch, alarmiert von einem scharfen Knacken und Rauschen, das sich aber nicht wiederholte.


Am nächsten Morgen bemerkte er, dass zwei starke Zweige seines Orangenbäumchens abgebrochen waren, und neben den Bougainvillien, die sich an der Hauswand hochrankten, fand er zwei tiefe Schuhabdrücke in der weichen Erde.



4.

Die Idee zu dem Buch war ihm vor zwei Jahren gekommen. Oder richtiger: Sie war ihm eingeredet worden. Nach dem Abitur und der feierlichen Verleihung der Zeugnisse hatte sich seine ehemalige Klasse nie wieder getroffen; die ehemals achtzehn Klassenkameraden waren kurz vor dem Abi aus nichtigen Gründen in zwei Fraktionen zerfallen, die nicht gut miteinander konnten, so dass keiner großen Wert darauf legte, mit den anderen Kontakt zu halten. Doch dann raffte sich Heiner Friese auf und organisierte eine Zusammenkunft, 20 Jahre danach. Von den achtzehn Ehemaligen waren dreizehn gekommen, einer hatte in der Zwischenzeit Selbstmord begangen, zwei waren nicht aufzufinden, und zwei erklärten brieflich, sie hätten noch jetzt die Schnauze voll von der verdammten Penne und verbäten sich jede weitere Belästigung oder Erinnerung an diese Zeit. Trotzdem wurde es ein gelungenes Treffen, die Schatten des letzten Jahres in der Oberstufe schienen vergessen. Bis das Bier die Dämme, die alle um ihre Vergangenheit errichtet hatten, fortspülte und die alten Wunden und Verletzungen freilegte. Besonders eine Frage hatte er nicht vergessen: 'Was war eigentlich mit Hako passiert?' Alle wussten noch genau, wie sehr sich Hans Konradin, Hako genannt, plötzlich verändert hatte, erst recht nach dem Artikel seines Vaters in den Tremonia, aber keiner hatte ihm helfen wollen, aus Gründen, die auch jetzt nicht so recht deutlich wurden oder immer noch nicht deutlich ausgesprochen wurden. Ein Gerücht wollte wissen, es habe etwas mit Heiner Frieses zwei Jahre jüngerer Schwester Sonja zu tun, die mit vielen Freunden ihres Bruders eng befreundet und mehr gewesen war, nicht nur mit Hako, sondern für kurze Zeit sehr intensiv auch mit Peter Marholt. Eines Tages war Hako weg, fort, verschwunden, wie vom Erdboden verschluckt, und noch 20 Jahre danach wiesen sich die alten Fraktionen gegenseitig Schuld zu, verdächtigten sich, äußerten die alten Sympathien und Antipathien. Zuerst staunend, dann betrübt, schließlich bedrückt hatte Marholt in einer Ecke gesessen und nur zugehört; damals, als Hako verschwand, war Marholt nicht gerade beliebt und nur mit zwei Mitschülern befreundet gewesen, aber er hätte nie geglaubt, dass sich um ihn herum so viel abgespielt hatte, an Beziehungen, Zwischenfällen, Freund- und Feindschaften, von dem er nichts erfahren und nichts bemerkt hatte. Was wohl auch, wie er sich heute dachte, auf Hako zugetroffen hatte. Und nicht alle hatten die damals erlittenen Verletzungen und Kränkungen überwunden. Doch weil sie älter und vielleicht sogar klüger geworden waren, konnten sie das Thema Hako auch wieder verlassen, die Runde wurde, anders als wohl vor 20 Jahren, dadurch nicht aufgesprengt, und am nächsten Morgen, beim Abschiedsschoppen im Alten Fährhaus, stellte sich neue Einigkeit ein: Daraus musste er – Peter Marholt – ein Fernsehstück machen. Oder ein Buch schreiben. Vielleicht einen Krimi, obwohl zu dem alles zu fehlen schien: kein Täter, keine Tat, kein Motiv. Wozu hatten sie einen in ihren Reihen, der vom Schreiben lebte? Hako und ihr Gymnasium – na, Holti, wie wär's? Los, ran an die Buletten! Versprochen hatte er nichts, aber auf der Fahrt nach Hause im Zug angefangen, sich Notizen zu machen, festzuhalten, was er am Abend zuvor gelernt und trotz des reichlich genossenen Bieres nicht vergessen hatte. Monate lagen die Skizzen in einer Mappe, dann begann er systematisch zu recherchieren, und nun schrieb er ein Buch darüber. Die Geschichte von Hans Konradins Verschwinden aus einer fiktiven Klasse in einem fiktiven Gymnasium in einer fiktiven Stadt. Seine Producerin, mit der er früher nicht nur beruflich zusammenarbeitete, hatte das Buch-Exposé gelesen und ihm einen Vertrag über ein Fernsehspiel verschafft. Sie war zehn Jahre jünger als Marholt und regelrecht fasziniert von einer Zeit, die für sie schon graue Geschichte war, ohne Handys, ohne SMS, ohne Internet, ohne Mails, ohne Google; ihre staunende Begeisterung hatte ihn verstummen, aber auch zum ersten Mal sein Alter spüren lassen.



5.

Karin Demus packte ihre Sachen zusammen, als er auf den Strand hinunterkam, und schloss sich ihm an: "Diese Hitze ist doch nicht normal – oder?"

"Nein", sagte er besorgt. "Es hat im Winter und Frühjahr viel zu wenig geregnet, und es gibt immer noch Verrückte, die Waldbrände legen."

"Zwei meiner Wasserhähne im Bad schließen auch nicht richtig. Ich möcht' nicht wissen, wieviel Wasser hier verschwendet wird."

"Wasser ist ein Riesen-Problem, aber zu viele Spanier weigern sich immer noch, es ernst zu nehmen."

Mittlerweile hatte sie etwas Farbe bekommen, und mit einer Hand hielt sie einen großen Strohhut fest. Er musste langsamer gehen, auf dem heißen, trockenen Sand lief es sich schwer und ihr Sonnenschutz war unhandlich. Ihre Haut glänzte vor Sonnenschutzcreme, und an ihrer Badetasche schleppte sie regelrecht. Aber sie schien ihm vergnügter als die Tage zuvor, und vor dem Hotel vertraute sie ihm an, dass die Erfindung der Siesta doch eine großartige Sache sei, auch für Menschen vor dem Rentner-Dasein. Er lachte und ging weiter.


Ohana wollte ihren Laden gerade abschließen und musterte ihn finster. Noch trug sie einen langen, weiten Rock und flache Stoffschuhe, der Blonde musste sich also noch etwas gedulden.

"Was willst du?"

"Tinte und zwei Schreibblocks."

Während sie in den Schränken kramte, las er die Schlagzeilen der ausländischen Zeitungen.

"Du hast Axel schwer gekränkt."

"Wen?"

"Axel."

"Ach, du meinst den großen Blonden?" Sie nickte knapp, und er sah sie erstaunt an. "Wieso denn das?"

"Er wollte sich nur mit dir unterhalten."

"Kann er. Jederzeit. Aber wir haben im Deutschen ein Sprichwort: Der Ton bestimmt die Musik."

Das musste sie eine Weile bedenken, er wusste, dass sie etwas Deutsch sprach, aber nicht verraten wollte, wo und wie sie es gelernt hatte, und natürlich sprach sie fließend Englisch und ein stark libanesisch gefärbtes Französisch, sie kannte Sitten und Manieren anderer Länder gut genug, um seine Abneigung gegen plumpe Anbiederung zu verstehen. Und dass viele Touristen die Lebhaftigkeit der Spanier als Distanzlosigkeit missverstanden, ärgerte sie, die irische Italienerin oder italienische Irin, ebenfalls.

"Gehst du zu Paco?"

"Ja."

"Warte einen Moment, ich komme mit."

"Dann wird dein Axel noch wütender auf mich."

Über ihre verächtliche Handbewegung musste er dann doch lachen. Offensichtlich überschätzte der liebe Axel seine Anziehungskraft auf erfahrene Frauen wie Ohana.

"Wie ist sie denn, deine Blonde?"

Ach ja, so etwas hatte er erwartet. Soviel Neugierde betrachtete sie als ihr gutes Recht, schließlich kannten sie sich seit mehr als drei Jahren. Marholt war das erste Mal nach Laredo de la boca gekommen, als die Frau seines Kollegen noch mit einem normalen Mann und Familienvater zufrieden war.

"Sie ist nicht meine Blondine. Übrigens heißt sie Karin."

"Sie ist einsam und hat Kummer, nicht wahr?"

"Beides kann sein."

"Gefällt sie dir?"

Die Antwort musste er sich gut überlegen. "Ja, sie gefällt mir. Weil sie nichts von mir will und nicht so viel redet."

"Und du? Willst du nichts von ihr?"

"Nein." Natürlich hatte sie sich mehr erhofft als die eine Silbe, das verriet ihr schneller Seitenblick, doch er griente spöttisch und schwieg.

Kurz vor der Brücke sagte sie nachdenklich: "Ich werde dich abends mal besuchen, Pedro!"

Diese Drohung hatte er nicht verdient, deswegen erwiderte er erschrocken: "Denk an deinen guten Ruf, Ohana." Dass an dem nichts mehr zu verderben war, wussten sie beide.

Sie tat so, als hätte sie nichts gehört. "Dann kann Axel sich mal in Ruhe mit deiner Blonden aussprechen."

Erstaunt blieb er stehen, doch sie ging weiter, ohne sich nach ihm umzudrehen, und er begriff, was sie ihm hatte stecken wollen. Als er nach ihr die Bar betrat, hatte sie sich schon zu dem großen Blonden an die Bar gestellt und lächelte wieder sphinxhaft. Axel beachtete ihn nicht.

Abends saß er allein im Granada, Karin Demus erschien nicht, und er versöhnte sich mit Miguel.



6.

Am nächsten Morgen fuhr er nach Malaga. Einmal in der Woche leistete er sich den Luxus, unter fremden Menschen zu sein und beim Einkaufen wirkliche Auswahl zu haben, manche Dinge gab es in Laredo einfach nicht. Außerdem war heute Telefontag, und Punkt elf Uhr rief er Brigitte in ihrem Büro an. Sie arbeitete als Rechercheurin und Dokumentaristin für eine Film- und Fernsehproduktionsgesellschaft.

"Na, wie geht's denn der schuftenden Bevölkerung im kalten Norden?"

"Hallo, Peter, gut, dass du anrufst." Ihr ernster Ton irritierte ihn.

"Was ist los, Gitte?"

"Peter, bei dir ist eingebrochen worden."

"Wie bitte?" Der Satz traf ihn hart, wie ein Schlag unter die Gürtellinie. "Eingebrochen?"

"Ja, irgendwann in der vorigen Woche. Ich hab's erst am Wochenende bemerkt."

"Wieso eingebrochen?" Er konnte es immer noch nicht glauben.

"Das weiß ich doch nicht. Eingebrochen irgendwie ... nein, nein, so weit ich das sehe, ist nichts gestohlen worden, aber der oder die Kerle haben deine ganze Wohnung durchwühlt und dabei auf den Kopf gestellt, ich kann dir sagen, es war das reinste Schlachtfeld."

"Wieso durchwühlt?"

"Alle Schränke, dein Archiv, deine Ordner, alles."

"Was hat er denn gesucht?"

"Peter, woher soll ich das wissen? Ich hab' aufgeräumt, so gut ich konnte, und von deinen Wertsachen und den Bildern und Grafiken und deinen Büchern fehlt wohl nichts."

"Wie ist er denn in die Wohnung reingekommen?"

"Du, entweder hat er Schlüssel gehabt oder einen Dietrich benutzt. Das Schloss ist heil, ich hab' extra einen Schlosser kommen lassen, der hat ein neues eingebaut, aber behauptet, das alte wäre nicht beschädigt. Auch die Tür und die Fenster sind in Ordnung, kein Kratzer, nichts."

"Verdammt." Noch immer schnürte es ihm die Kehle zu.

"Blöd, was? Aber mach' dir keine Sorgen, ich hab' die Nachbarn gebeten, in Zukunft etwas aufzupassen, und morgen wird der Schlosser von draußen einen gewaltigen Riegel anbringen, mit einem Sicherheitshängeschloss der Marke Fort Knox."

"Mensch, Gitte – soll ich nach Hause kommen?"

"Nein, Peter, wirklich nicht, ich sag' dir doch, gestohlen scheint nichts, ich wüsste nicht, was du hier tun könntest."

"Was ist mit dem Computer?"

"Heil und unversehrt. Auch deine CDs." Sie zögerte und holte tief Luft: "Also, auf Geld oder Wertsachen hatten der oder die es bestimmt nicht abgesehen. Und von Kunst, Grafiken etwa, verstand er auch nichts."

"Hast du es der Polizei gemeldet?"

"Ja, die war da und hat ein Protokoll aufgesetzt. Ich hab' auch deiner Versicherung geschrieben und dann mit einem Herrn Kruse telefoniert. Der meinte auch, du solltest nicht extra deswegen deinen Urlaub abbrechen, wenn sich doch noch herausstellen sollte, dass etwas gestohlen worden ist, kannst du das später nachmelden und regeln."

"Ja, ja, gut", sagte er, immer noch wie in Trance. "Vielen Dank für die Mühe, die du gehabt hast."

"Keine Ursache. Und Kopf hoch, Peter, du kannst dich auf mich verlassen."

"Tschüss, bis zur nächsten Woche, Gitte." Sie las auch seine Post, damit er keine wichtigen Termine versäumte oder sie beim Finanzamt Fristverlängerung beantragen konnte. Gitte war eine echte Freundin und wenn sie nicht verheiratet gewesen wäre – wer weiß, was aus ihnen hätte werden können.


Seine Einkäufe erledigte er anschließend wie im Traum. Ein Einbruch – natürlich hatte er Gitte, Hakos verheiratete Schwester, gebeten, sich während seiner Abwesenheit um seine Wohnung zu kümmern, aber da hatte er an einen Wasserrohrbruch oder Orkanschäden gedacht oder an einen Brand im Haus, aber doch nie an einen Einbrecher in einem Sechs-Parteien-Miethaus. Wer sollte bei ihm etwas holen?

Ob er doch nach Hause flog? Nur für ein paar Tage? Dann entschied er sich: Brigitte Landau war tüchtig, energisch, umsichtig; wenn sie sagte, das sei nicht nötig, durfte er sich darauf verlassen, auch wenn ein Rest von Unruhe blieb. Und was sollte er schon tun oder veranlassen?

Auf der Bank ließ er seine Chipkarte liegen, die junge Frau am Schalter musste ihm nachlaufen und kniff wütend die Lippen zusammen, weil er sich sichtlich geistesabwesend bei ihr bedankte. Wahrscheinlich war ja wirklich nichts passiert. Nur eine kleine dunkle Wolke schien am Himmel aufgezogen.


Mit der ganzen Computerei hatte er spät angefangen und sich nur schweren Herzens von seiner mechanischen Schreibmaschine getrennt, als es keine Ersatzteile mehr gab. Deswegen brachte er es auch jetzt nicht übers Herz, Notizen, Entwürfe, Briefe nur auf der Festplatte abzuspeichern; vieles druckte er aus und stellte es ganz altmodisch in Ordnern zu Dossiers zusammen. Die Ergebnisse der Recherchen für das Hako-Buch füllten drei Ordner, die er im Auto nach Laredo mitgenommen hatte, und zu Hause hatte er alles zusätzlich auf CD gesichert, die er in Brigittes Büro aufbewahrte. Gitte verlachte ihn, er sei der typische Hosenträger-Gürtel-Gummibund-Mann, aber in dem Punkt stellte er sich stur und taub.

Aber CDs ließen sich einspielen und am Bildschirm lesen. Und eine Möglichkeit festzustellen, ob der oder die Einbrecher sich CDs von seiner Festplatte gezogen hatten, gab es nicht. Dass er an einem Buch über Hakos Verschwinden arbeitete, war kein Geheimnis, aber über die Ergebnisse seiner Recherchen hatte er bis jetzt striktes Stillschweigen bewahrt.


In seinen Gedanken verpasste er die Ausfahrt zum Flughafen, musste umkehren und stand nachher auf dem Parkplatz, als habe er vergessen, was er hier eigentlich wollte.

Am Schalter herrschte noch viel Betrieb, er winkte Monika zu und wartete, bis die letzte Familie ihr Gepäck aufgegeben hatte. Warum die Menschen ihren halben Hausrat mit in die Ferien schleppten, verstand er nicht; er hasste Charterflüge, weil die Seltenflieger lärmten, pausenlos auf- und abliefen, sich und anderen das Leben erschwerten und einfach nicht begreifen wollten, dass man die vier oder fünf Stunden Sammelhaft in der engen Metallröhre nur durch Ruhe und Gelassenheit ertragen konnte. Auf Linienflügen schlief er oft schon, wenn die Maschine abhob, und mehr als einmal war er nach der Landung geweckt worden; an Schlaf war auf Charterflügen nicht zu denken.

"Hei, Peter." Monika lachte über das ganze Gesicht und kramte einen Zettel aus ihrer Umhängetasche. "Bine bleibt am kommenden Montag in Malaga. Ankunft 21 Uhr 30 aus München."

"Na, prima. Danke."

"He, he, ist das alles?"

"Meine ewige Verehrung umschlingt deine unvergleichlich hübschen Beine und Figur."

"Das klingt schon besser. Tschüss dann."

Monika – wie hieß sie eigentlich mit Nachnamen? – und Sabine Förster waren Kolleginnen und gute Freundinnen, aber Monika wollte nicht mehr fliegen und hatte sich für diese Saison in Malaga einsetzen lassen. Auch Bine klagte, dass sie sich schönere Tätigkeiten als den harten Job einer Stewardess vorstellen könne, und er hatte ihr versprochen, bei der Suche nach einem Job zu helfen. Sobald sie sich entschieden hatte, was sie in Zukunft machen wollte, und das fiel ihr schwerer, als sie zugab.

Auf der Rückfahrt hing ihm ein grauer Kleinwagen aufreizend dicht an der Stoßstange; zweimal fuhr er nach rechts, um ihn vorbeizulassen, aber der Fahrer nutzte die Chance nicht. Er oder sie trug eine übergroße Sonnenbrille mit verspiegelten Gläsern, die das Gesicht so gut wie eine Maske bedeckte. Erst als er für die Abfahrt nach Laredo de la Boca blinkte, gab der Verfolger Gas und schoss in einem waghalsigen Überholmanöver an ihm vorbei. Marholts Hände waren schweißnass geworden.


Während er seine Einkäufe verstaute, schaute er zufällig aus dem Fenster und begann leise zu fluchen. Der große Blonde kam den Pfad vom Strand hochgestiegen und schlenderte an seinem Grundstück vorbei, wobei er sich provozierend viel Zeit ließ und jede Einzelheit von Haus und Garten fast impertinent gründlich inspizierte. Dabei verriet seine Miene große Bereitschaft, Streit anzufangen, ganz gleich, mit wem und aus welchem Grund.

Wie das Schicksal so spielte, begegnete ihm der Blonde an dem Tag noch einmal. Marholt hatte Karin Demus vor ihrem Hotel getroffen, und sie hatte ihn auf einen Drink an die Hotelbar eingeladen. Noch in der Lobby überholte sie der Blonde, der an die Rezeption stürzte und lautstark seinen Zimmerschlüssel verlangte.

"Kennen Sie den Angeber?", fragte er seine Begleiterin.

"Nein, ich weiß nur, dass er auch hier im Hotel wohnt."

"Angeblich heißt er Axel und führt in Pacos Bar das große Wort." Er lachte leise: "Offenbar versucht er, die Ortsschöne zu erobern."

"Wird es ihm gelingen?"

"Möglich. Ohana ist nicht prüde, aber wählerisch, sie nimmt kein Geld, aber erwartet Geschenke."

"Wie heißt die Ortsschöne?"

"Ohana."

"Wissen Sie zufällig ihren Familiennamen?"

Er sah sie erstaunt an: "Ja. MacGregor. Der Vater war Ire."

"Das ist gut zu wissen", bemerkte sie geistesabwesend. "Wenn der Vater Ire war, spricht sie bestimmt Englisch."

"Ja, tut sie." Was sollte das? Aber Karin Demus registrierte wohl sein fragendes Gesicht, aber wollte nichts erklären.

Sie trafen die Ortsschöne in der Hotel-Bar; Ohana unterhielt sich eifrig mit einem älteren Mann, den Marholt nicht kannte, hatte – was alle Laredanos zu deuten wussten – den kurzen Rock und die Sandalen mit den waghalsig hohen Absätzen angezogen. Der Mann und sie sprachen Englisch miteinander. Er war groß und hager, hatte nur noch einen dünnen, grauen Flaum auf seinem Schädel und erinnerte mit seinem länglichen Gesicht und seinem ...

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