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Zwei Krimis: Bolzenschüsse/Verlorene Sicherheit

Horst Bieber

Zwei Krimis: Bolzenschüsse/Verlorene Sicherheit

Cassiopeiapress Sonderausgabe





BookRix GmbH & Co. KG
80331 München

Zwei Krimis: Bolzenschüsse / Verlorene Sicherheit

von Horst Bieber

© 2014 dieser Digitalausgabe by Alfred Bekker/CassiopeiaPress

www.alfredbekker.de

postmaster@alfredbekker.de

Die EDITION BÄRENKLAU wird herausgegeben von Jörg Martin Munsonius

www.editionbaerenklau.de

BOLZENSCHÜSSE

von HORST BIEBER

THRILLER

Ein Mord ist ein Mord und bleibt ein Mord – kein Vertun! Doch was den ermittelnden Beamten wie ein einfacher Fall erscheint, entpuppt sich als der Stich in ein Wespennest.

Ein toter „Verfahrenstechniker“, ein revolutionärer neuer Kunststoff und der „Bolzen“, ein sicherer Akku mit ungeahnten Speicherleistungen, die uns endlich die Unabhängigkeit von den weltweiten Erdöllieferanten ermöglichen würden – das sind die Zutaten zu Biebers neuem Roman.

Irgendwann hängt alles an einem seidenen Faden. Politik, internationale Konkurrenz, die Polizei. Gewalt überall, wo sich die Konfliktparteien in die Quere kommen – und nur ein vorbestrafter Taschendieb bleibt als Zünglein an der Waage übrig.

Nicht alle Beteiligten werden überleben, aber vielleicht glückt es ja Gero Ackermann, der immer wieder auf der falschen Seite zu stehen scheint.

© 2014 dieser Digitalausgabe by Alfred Bekker/CassiopeiaPress

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postmaster@alfredbekker.de

Die EDITION BÄRENKLAU wird herausgegeben von Jörg Martin Munsonius

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BOLZENSCHÜSSE, Krimi/Thriller von Horst Bieber, 2014

Cover & Layout: Steve Mayer, 2014

Lektorat: Antje Ippensen

Personenverzeichnis

Gero Ackermann (Acko) vorbestrafter Dieb, auf Reststrafenbewährung draußen!

Gudrun (Fifi) Prosch, Bürobotin in dem Chemieunternehmen OLDECO, Ackos Freundin und Komplizin

Dr.Holger Stempel, Verfahrenstechniker in der OLDECO

Dr.Christine Manderscheid, blonde Mitarbeiterin in der OLDECO

Felix Bande, Personalchef der OLDECO

Uwe Lambert, Eigentümer der Uwe-Lambert-Chemie ULC

Lisa Otten, Kriminalhauptkommissarin

Heiko Möller, Kriminalkommissar, Lisas Kollege

Ewald Korte, Staatsanwalt

Markus Schreiber, Chef der OLDECO, mit Staatsanwalt Korte aus Studienzeiten befreundet

Leopold (Poldi) von Issen, Lebemann und Villenbesitzer.

Babette Günther, Go-Go-Tänzerin imTambourin, Fifis Nachbarin

Adele Hüllsen, lebt freiwillig auf der Straße und kennt Acko.

Dietrich Hüllsen, Adeles Ehemann, reich und gewissenlos

Alle Namen und Taten, Firmen und Organisationen, alle Orte und Plätze sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen wären rein zufällig. Auch den "Bolzen" und den "Sonnenofen" gibt es (leider) noch nicht, aber daran wird – unter anderen Namen – ernsthaft gearbeitet und geforscht.

Teil 1

1. Sieben Personen saßen in einer Reihe und starrten wie gebannt auf den großen Flachbildschirm, auf dem aber nicht Spannendes ablief. Gezeigt wurden nur zwei digitale Messgeräte, die Ziffern auf dem linken näherten sich der Null, und rechts wechselten die Ziffern von 99.9 auf 100.

"Das war's", sagte der Mann ganz rechts, der ein Schaltgerät mit Tasten auf den Knien liegen hatte. „Test 11 111 ist abgeschlossen."

"Schauen Sie mal nach, Stempel", sagte der Mann in der Mitte der Gruppe. Er hatte die Sechzig überschritten; seine kurz geschnitten drahtigen Haare waren schlohweiß, aber alles an ihm verriet noch Energie und Selbstbewusstsein. Jan Röder hatte zwar noch gehofft, aber eigentlich nicht mehr erwartet, dass er kurz vor Ende seiner Dienstzeit bei der OLDECO noch solch ein Projekt bis zum Beginn der Serienfertigung managen würde.

"Schauen Sie mal nach, Stempel?", wiederholte der Weißhaarige.

Der Mann mit dem Schaltgerät bediente ein paar Tasten, auf dem Bildschirm erschienen Grafiken und Tabellen. "Keine Abweichungen", verkündete er dann stolz, „nicht einmal im Promille-Bereich."

"Was heißt das genau?", fragte Markus Schreiber. Kerado, von der Belegschaft allgemein nur der Bolzen genannt, war das erste große Projekt in seiner Funktion als Geschäftsführer und Leiter der Chemiefirma OLDECO.

"Dass wir zehntausend Zyklen garantieren können." Röder lachte vor Stolz. "Getestet unter allen Bedingungen, schnelle und langsame Ladung, schnelle und langsame Entladung, von einem Zufallsgenerator gesteuert und kombiniert, wie auch die Ladung, schnell oder langsam, alles kunterbunt durcheinander."

"Na, Herr Doktor Zukunft, zufrieden?", wandte sich Schreiber an seinen Nachbarn. "Können wir es damit riskieren?"

Oliver Rinkum überlegte einen Moment, dann sagte er laut: "Ich denke, wir können."

Seine Nachbarin war eine auffallende Frau, mit einem sehr schönen Gesicht, überschlank, mit weißblonden, ganz kurz geschnittenen Naturlocken, die ihr wie eine Kappe eng am Kopf anlagen, nur zwei vorwitzige Löckchen kitzelten ihre Stirn.

"Ich hab' nichts dagegen", sagte sie nach einer Pause, in der alle auf sie warteten, "dann bin ich jetzt dran – oder?"

"Langsam, langsam", bremste Schreiber. "Eine Nacht dürfen wir nach diesem Erfolg schlafen und müssen erst morgen was Neues beginnen?!"

"Jetzt kommen bestimmt die Würmer", knurrte Talkow, der zusammen mit Stempel die Testreihe entworfen, aufgebaut und durchgeführt hatte.

"Wie meinen Sie das?", fragte Schreiber nervös.

"Ungeziefer, Schädlinge, Neugierige, Parasiten. Süße, reife Früchte verlocken mehr als saure."

Alle lächelten still vor sich hin, Talkow litt an einer milden Form von Paranoia und witterte überall Verrat, Spionage und Betrug.

Stempel schaltete schon die Geräte aus und Schreiber sagte: "Wer möchte, ist auf diesen Schnapszahlerfolg herzlich in mein Büro eingeladen zu einem Champagner, einem Whisky oder einem sehr trinkbaren Rotwein. Herr Stempel, wir heben Ihnen eine Flasche auf." Stempel hatte noch zu tun. Der Verfahrenstechniker war zugleich zuständig für die Dokumentation, die Datensicherung und die Zusammenstellung der Dokumente und Beiträge für die Patentanmeldung des Bolzens. Außerdem hatte er mit einer eigenen Arbeitsgruppe die ersten Anlagen für die großtechnische Herstellung des Bolzens entworfen. So wichtig er für das gesamte Projekt war, so wenig beliebt war er bei den andern Leitenden Mitarbeitern der OLDECO. Niemand würde bedauern, wenn er sehr spät zur Feier nachkam.

 

 

2.Mit dem finanziellen Ergebnis des Nachmittags war Acko alle andere als zufrieden. Früher waren die Menschen an diesen ersten sommerlich warmen Tagen unvorsichtiger, auch leichtsinniger oder großzügiger gewesen, hatten häufiger die Geldbörse für Blumen, Eis oder Kaffee mit Kuchen gezückt und ihre Wertsachen vertrauensvoller in offenen Taschen, Beuteln und Sahne oder Kleidertaschen herumgetragen. Heute schienen alle nur darauf bedacht, ihre Euros zusammenzuhalten oder gegen Diebe und Langfinger zu schützen. Von der inzwischen fast lückenlosen Videoüberwachung öffentlicher Plätze und Straßen ganz zu schweigen. Dabei war Acko dringend auf diesen Nebenverdienst angewiesen. Was man ihm bei citopress zahlte, reichte vorne und hinten nicht. Wichtiger als der Hungerlohn in der Schnelldruckerei war die Tatsache, dass er bei Kontrollen einen festen Wohnsitz und einen festen Arbeitsplatz angeben konnte, außerdem eine Renten-, Kranken- und Arbeitslosenversicherung besaß. Den Rest zum Leben musste er mit Diebstählen verdienen, wenn er nicht zum Sozialamt gehen wollte. Dabei war die Nebenarbeit schon schwer genug geworden: Fifi, seine Partnerin, die ihm bei der "Arbeit" geholfen und ihm unbemerkt die Sachen abgenommen hatte, die er gerade aus fremden Taschen und Tüten gefischt hatte, war Knall auf Fall gegangen. Da sei ein anderer gekommen, der ihr mehr bieten könne, finanziell und auch erotisch. Acko vermisste sie nicht nur bei der Arbeit, sondern auch immer mehr im Bett. Und weil ein Unglück selten allein kommt, hatte es auch seinen Stammhehler erwischt; der wartete jetzt auf seinen Prozess, und Acko musste sich einen anderen zuverlässigen Abnehmer suchen, was leichter gesagt als getan war.

 

Auf der obersten Stufe der Treppe, die vom Rathausmarkt zum Stadtweiher führte, saß auf einem Stapel alter Zeitungen Adele und sonnte sich. Er setzte sich neben sie:

"Hei, Dele." Sie mochte ihren Vornamen Adele nicht und bestand darauf, von allen Freunden und Bekannten mit "Dele" angesprochen zu werden.

"Hei, Acko. Wie geht es dir?"

"Bescheiden. Und dir?"

"Wenn man sich in der Sonne den Pelz aufwärmen kann, geht's mir immer gut."

Adele Hüllsen lebte seit zwei Jahren auf der Straße. Warum sie aus einer großen Villa, von einem gut verdienenden Ehemann und zwei fast erwachsenen, bildhübschen Töchtern fortgelaufen war, warum sie auf eine Rolle in der Gesellschaft verzichtet hatte, wusste niemand. Über die Gründe schwieg sie eisern, ebenso über ihren großen Bekanntenkreis aus früheren Tagen, und die Gäste des "Hotels Straße" waren in dem Punkt diskret und nicht übermäßig neugierig. An sehr kalten Abenden, wenn es zu schneien begann, war Adele gelegentlich zum "Nachtexpress" gekommen, so nannten die Obdachlosen den Bus, der abends eine warme Suppe, heißen Kaffee oder Tee, manchmal auch Decken und Tabletten, Handschuhe, Mützen und Schals zu den bevorzugten Schlafstellen brachte. Wenn es seine Zeit und seine Börse erlaubten, fuhr Acko auf dem Bus mit und spendete sogar für die private Organisation, die den "Nachtexpress" finanzierte. Fifi hatte sich immer kranklachen wollen: "Deine gute Tat für heute? Oder willst du Punkte für die letzte Gerichtsverhandlung da oben sammeln?"

"Fifi, wer weiß, ob wir nicht eines Tages auch froh sind, wenn es so etwas noch gibt."

Das glaubte sie nicht, Fifi war Optimistin, recht hübsch und ausgesprochen sexy, aber auch etwas dümmlich und ziemlich leichtsinnig, aber fest von sich überzeugt. Sie hatte eine gute Figur und unbestreitbare Qualitäten im Bett. Doch mit dem Posten einer Hausbotin der Innenverwaltung des Chemieunternehmens OLDECO hatte sie durchaus die Grenzen ihrer intellektuellen Fähigkeiten erreicht. Weil ihre Ansprüche ihr Gehalt bei weitem überstiegen, beteiligte sie sich gegen einen festen Anteil an Ackos Diebstählen, wobei sie sich sehr geschickt anstellte.

"Wo ist Fifi? Ich habe sie lange nicht mehr gesehen."

"Sie hat einen Besseren gefunden und mich wegen des Kerls von jetzt auf nachher sitzen lassen."

"Das tut mir leid, Acko. Kommst du denn alleine klar?"

"Na ja, so ungefähr. Und wie sieht es bei dir aus?"

"Na ja, so ungefähr." Sie imitierte ihn perfekt und lachte aus voller Kehle. In solchen Momenten war sie eine bezaubernd schöne Frau, der man die Monate auf der Straße und die Nächte in Hauseingängen nicht ansah. In einigen extrem kalten Winternächten war sie zu Acko gekommen und hatte bei ihm auf der Wohnzimmer-Couch geschlafen und morgens geduscht, worüber Fifi, die viel Egoismus und wenig Mitgefühl besaß, sich immer tierisch aufgeregt hatte. Sie mochte Adele nicht, was auf Gegenseitigkeit beruhte.

"Soll ich dir helfen, Dele?"

"Einen Fünfer könnte ich gut gebrauchen, doch, ja. Ich muss mir in der Bahnhofsdrogerie was kaufen."

Er gab ihr zwei Fünfer, bei guten Taten sollte man nicht knausern, auch wenn er danach total blank war.

"Danke, Acko. Jetzt hast du wenigstens zweimal Hilfen bei mir gut."

"Toi,toi,toi, Dele."

Dele wusste, wie er einen Teil seines Lebensunterhaltes "verdiente". Sie hatten sich im Kaufhaus Leydemann kennen gelernt. Acko kam gerade mit der Hand aus der Einkaufstasche einer Kundin, die vor ihm am Reklamations- und Umtauschschalter stand und eine große Show abzog. Er wollte das geangelte Portemonnaie in einer seiner Anoraktaschen versenken, als etwas sein Handgelenk umklammerte. "Leg' da sofort in die Tasche zurück oder ich breche dir den Arm", zischte eine Frauenstimme in sein Ohr. Acko gehorchte, weil er keine Aufmerksamkeit erregen wollte, aber beglückwünschte sich später, dass er keinen Widerstand versucht hatte. Die Frauenstimme gehörte einer Adele Hüllsen, einer Speerwerferin, die im deutschen Olympiaaufgebot gestanden hatte. Wenn sie zugriff, hörte er die Englein im Himmel singen. Ihre Töchter, beide fast erwachsen, hatten ihre Sportlichkeit geerbt. Charlotte war deutsche Jungendmeisterin im Florett, Claudia schwamm bereits Rekordzeiten.

Dass sie nebenbei auch noch sehr gute Schülerinnen waren, verstand sich fast von selbst.

 

Zu Ackos erster Beute heute Nachmittag hatte eine noch gültig Tageskarte für die Verkehrsbetriebe gehört, so dass er ohne Sorgen in den 37er Bus steigen und zum Stadtparksee fahren konnte. Vielleicht ergab sich dort noch eine Chance in den Freiluftcafés am Strand.

 

Und jetzt schien ihm tatsächlich das Glück hold zu sein. Als er am großen Parkplatz vorbeiging, hörte er direkt neben sich das Knacken einer fernbedienten Auto-Schließanlage. Aber aus dem silbergrauen Kabrio war niemand ausgestiegen. Zwanzig, dreißig Meter entfernt hatte wahrscheinlich ein Autobesitzer über Funk seinen Wagen verriegeln wollen und dabei unbeabsichtigt die verschlossenen Türen des Kabrios entriegelt. Acko sah sich um. Weit und breit niemand zu sehen. So leicht wurde es ihm selten gemacht. Blitzschnell hatte er die Fahrertür aufgezogen und sich hinter das Steuer geschwungen. Auf dem Beifahrersitz lag unter eine Decke ein schwarzes Aktenköfferchen aus glattem Leder. Acko konnte sein Glück nicht glauben. Das Köfferchen hatte zwei Zahlenschlösser, die beide nicht auf irgendeine Kombination eingestellt waren, sondern nach einem einfachen Druck auf den Schieber aufsprangen. Er durfte jetzt keine Zeit verlieren und sich lange mit dem Inhalt des Aktenköfferchens beschäftigen. Wer konnte wissen, wann der Eigentümer zurückkam. Aus seiner Jackentasche fischte er einen leeren "Einkaufsbeutel", eine feste, graue, undurchsichtige Plastiktüte ohne Aufdruck, kippte den Inhalt des Köfferchens hinein und genehmigte sich noch einen Blick in das Handschuhfach: Papiertaschentücher – nichts für ihn. Ein Leder-Mäppchen mit Visitenkarten – eine pulte er sich heraus. Dr. Christine Manderscheid, keine Anschrift, aber mehrereTelefonnummern, Festnetz und Handys. Der feste Briefumschlag enthielt Bargeld, ziemlich viele Scheine sogar mit beachtlich vielen Nullen hinter den Ziffern.

 

Acko versenkte alles in seiner grauen Plastiktüte und machte, dass er aus dem Kabrio herauskam. Nach diesem Coup musste er heute nichts mehr riskieren, er wartete auf den nächsten 37er, mit dem er zum Schraderkamp fuhr. Als der Bus in Sicht kam, warf er die zerrissene Visitenkarte in den Papierkorb.

Das Haus Schraderkamp 33 hatte vier Stockwerke und ein ausgebautes Dachgeschoss. Dort lebte Acko in einer winzigen Dreizimmerwohnung, wenig komfortabel, aber eben mit einer festen Anschrift, wichtig für einen Vorbestraften, der auf Reststrafenbewährung draußen war. Die Miete war erschwinglich, auch für einen Mann, der zum Leben nebenbei klauen musste.

Natürlich schaute er sich zuerst den Inhalt seiner Plastiktüte an. Das auffallendste Stück war eine DVD in einer halb durchsichtigen Papiertüte mit einem Klebeverschluss, der aber noch offen war. Er versuchte, auf seinem Computer die Datei zu öffnen. Doch DVD und sein Computer hustete ihm etwas, drei Passwörter wurden von ihm verlangt, und ein Text unter den Boxen warnte ihn, dass nach dem Scheitern des dritten Öffnungsversuches der Inhalt der Scheibe unwiederbringlich gelöscht würde. Na prima! Er legte die silberne Scheibe in den Papierumschlag zurück und steckte den in seinen Nebenarbeits-Anorak, der über geheimnisvolle Taschen und Schlitze und versteckte Reißverschlüsse verfügte. Geld ließ sich nicht identifizieren, aber mit so einer Scheibe konnte man ihn leicht als Dieb überführen. Das Bargeld war viel lohnender, fast dreitausend Euro, und er kontrollierte jeden einzelnen Schein sorgfältig: Keine Markierungen, kein Hinweis auf eine Fälschung.

Das Geld verstaute er zum größten Teil in seinem Versteck hinter den Küchenfliesen.

Dann erstarrte Acko. Es klingelte an der Haustür. So schnell konnte die Polizei ihn doch gar nicht finden? – Oder? Fliehen oder verstecken war unmöglich.

 

Nach dem dritten Klingeln hatte Acko auf den Öffner gedrückt, die Wohnungstür aufgezogen und hinuntergeschaut. Er traute seinen Augen nicht. Das konnte doch nicht wahr sein. Das war doch nicht...? Doch dann blieb die Gestalt, leise schnaufend, auf dem letzten Treppenabsatz stehen und schaute zu ihm hoch.

"Guten Abend, Acko", sagte Fifi leise, fast demütig, "darf ich reinkommen?"

Acko überlegte eine lange halbe Minute, bevor er nickte und zur Seite trat: "Komm rein!"

Fifi trug einen bunten, sommerlichen, weiten Rock, dazu ein weißes Shirt mit einem beachtlichen Ausschnitt, das große rote Flecken aufwies.

"Was ist denn das?", fragte Acko und deutete auf die roten Stellen.

Sie schluchzte auf: "Das ist Blut, er hat mir ein paar gescheuert, dass meine Nase wie verrückt geblutet hat."

"Ihr habt euch also gezankt?"

"Und wie! Er hat mich rausgeschmissen, hochkant, Acko, und gedroht, wenn er mich das nächste Mal sähe, würde er mit alle Knochen brechen. Ich habe Schiss und weiß nicht, wohin, Acko. Deshalb bin ich zu dir gekommen. Bist du mir noch böse? Ich weiß, ich habe dich schäbig behandelt. Kannst du mir noch mal verzeihen? Bitte!"

 

Acko hatte keine Ahnung, für wen Fifi ihm den Laufpass gegeben hatte, aber der Gute musste ein gefährliches Temperament haben. Dass Fifi für ihr Verhalten eine Tracht Prügel verdient hatte, würde Acko nicht bestreiten, aber nun schien sie den Lohn für ihre Untreue schon erlitten zu haben, und da musste er nicht nachtragend sein.

"Okay", sagte er deshalb ruhig. "Wir können es ja noch einmal miteinander versuchen."

"Danke", flüsterte sie erleichtert, "ich bin froh, dass ich dich angetroffen habe."

"Ist was passiert?", wollte er wissen, von ihrem Ton beunruhigt.

Sie schaute ein paar Sekunden an ihm vorbei, bevor sie schluckte.

"Hast du was dagegen, wenn ich mir das Shirt ausziehe?"

"Fifi, was soll das?"

Sie deutete nur auf einen der dunklen Flecken: "Ich würde das gern auswaschen. Das Shirt war teuer."

Ihr weinerlicher Tonfall alarmierte ihn: "Was ist denn das?"

"Blut aus meiner Nase, Acko."

"Was ist denn passiert?"

Dass es so schnell zwischen dem Neuen und Fifi zu Ende gehen würde, hatte Acko nicht angenommen. Dass er sie vermisste, im Bett und bei der Arbeit auf der Straße, wusste sie bestimmt. Und weil er noch zögerte, setzte sie hinzu: "Natürlich arbeiten wir wieder zusammen, Acko."

Er sinnierte noch, ob er ihr vom Parkplatzcoup am Stadtparksee erzählen sollte, beschloss dann aber, lieber den Mund zu halten. Fifi war nicht sehr helle: Dass der neue Freund sie vielleicht gewaltsam vor die Tür gesetzt hatte, weil er irgendwie erfahren hatte, dass sie mit einem vorbestraften und bei der Polizei zu gut bekannten Taschendieb einmal liiert war, kam ihr nicht in den Sinn. Der Neue konnte schließlich auch Dreck am Stecken haben und deswegen Begegnungen mit der Polizei vermeiden.

Fifi hatte Acko genau beobachtet und schien sein Schweigen als Zustimmung auszulegen. Sie zog das Shirt über den Kopf, ließ den Rock und den Slip fallen, öffnete ihren BH und verschwand mit allen Kleidungsstücken hüfteschwenkend im Bad, wo zuerst die Dusche zu rauschen begann und dann Wasser in die Badewanne lief. Sie kannte sich aus und wusste, wo er Waschpulver, Handtücher, Seife und das Klappgestell zum Trocknen aufbewahrte. Als sie ihr Verhältnis begannen, konnte sie nicht schnell genug ihre Liliputanerwohnung in der Öttlingergasse verlassen und zu ihm in den Schraderkamp ziehen. Immerhin hatte sie ihre Wohnung nicht gekündigt, auch nicht, als der Neue ihr große Traum-Villen und Luxus-Apartments in aller Welt versprach. Schwerfällig ging er in die Küche und holte sich ein Bier, mit dem er sich in das Wohnzimmer setzte. Pech und Glück hatten zwei Dinge gemeinsam: Erstens konnte man sie nicht beeinflussen, sie kamen und gingen, wie sie wollten und zweitens liebten beide es, gehäuft aufzutreten. Dass die liebe Fifi die Treue nicht erfunden hatte, wusste er; in dem Punkt hatte er sich nie Illusionen gemacht.

Acko hatte, nachdem er mit seiner Firma als selbständiger Büromaschinenmechaniker gescheitert war und er auf einem Haufen Schulden saß, sich als Taschendieb betätigt, war mehrmals geschnappt und schließlich verurteilt worden. Nach der Entlassung aus der Haft auf Reststrafen-Bewährung war er von Pontius zu Pilatus gelaufen, um Arbeit zu finden und zum Schluss dann doch im Rahmen eines staatlichen Wiedereingliederungsprogramms bei citopress in der Frankfurter Straße untergeschlüpft, weil ein Knastkumpel den Laden, der seinem Bruder gehörte, leitete. Dort werkelte Acko in der Schnelldruckerei und dem angeschlossenen Copy-Shop mit einem immerhin unbefristeten Anstellungsvertrag teils als Maschinenmechaniker und Hilfsdrucker, teils als Fahrradbote, lieferte Ware aus. Wenn er dort entlassen werden sollte, würde es eng für ihn werden, das wusste er. Auch die Wohnung hatte er über citopress bekommen, und mit Otto Maibaum, dem Bruder des Eigentümers von citopress, verstand er sich gut. Im Knast lernte man selten echte Freunde kennen, Otto war für Acko die große und wichtige Ausnahme.

Fifi kam aus dem Bad und hatte sich seinen viel zu großen Bademantel angezogen. Als der sich zum ersten Mal soweit öffnete, dass Acko erkennen konnte, was sie alles darunter nicht trug, stellte er ihr die letzte Frage, die er sich selbst gestellt hatte: "Warum bist du zu mir gekommen, Fifi, und nicht nach Hause gegangen?"

Sie schluckte und zögerte: "Erstens würde mir dort die Decke auf den Kopf fallen und zweitens kennt er die Wohnung. Da bin ich nicht mehr sicher vor ihm."

"Hat er denn einen Grund, dir was anzutun, nachdem ihr euch getrennt habt?"

"Er ist jähzornig und zu allem fähig. Ich möchte ihm lieber aus dem Weg gehen, am liebsten mit dir verreisen, Acko."

Eine wunderbare Einsicht. Sie machte alles leichter. "Okay, wir hauen übermorgen ab. Dann ist dein Rock auch wieder trocken – oder?"

"Doch, doch, Acko. Aber das ist auch schon morgen wieder trocken."

"Hm. Kennt er meinen Namen und meine Anschrift?"

"Nein, von mir nicht."

"Fifi, ich habe Otto fest versprochen, noch vor Monatsende eine ganze Menge Bestellungen auszuliefern. Morgen bin ich noch gut beschäftigt, tut mir leid. Du weißt, ich darf diesen Job nicht verlieren."

Sie nickte eifrig. Das verstand sie. "Dann kann ich auch bei meiner Firma vorbei und versuchen, Urlaub zu bekommen. Dieser Bandel ist mir noch einen Gefallen schuldig." Das sagte Fifi von vielen Männern, denen sie mal einen Blick in ihre großen Ausschnitte gegönnt hatte, das hatte nicht viel zu bedeuten. Bei Fifi wusste man nie so genau, ob sie so naiv war oder das gerade nur hervorragend spielte. Richtig hieß sie Gudrun Prosch, wie sie an den Spitznamen "Fifi" gekommen war, wusste sie angeblich nicht mehr. Gero Ackermann fand seinen Namen auch nicht umwerfend hübsch, hatte sich aber an die Zusammenziehung zu Acko mittlerweile gewöhnt. Er lächelte und sie rückte ein Stück näher an ihn heran.

 

3.Der Mann, der gegen 19 Uhr die 110 wählte, hatte eine auffallend tiefe Stimme und sprach sehr langsam und deutlich, irgendwie sehr höflich und diszipliniert.

"Guten Abend. Ich wollte melden: Im Haus Sängerweg 29 liegt eine männliche Leiche."

"Guten Abend, würden Sie mir bitte Ihren Namen sagen?"

"Nein", antworte der Bass ganz ruhig. "Im Sängerweg 29 liegt eine männliche Leiche."

"Und wer sind Sie?"

"Das werde ich Ihnen nicht sagen." Damit legte der Unbekannte auf. Der Polizist in der Zentrale versuchte, den Anrufer zu lokalisieren. Wie befürchtet, hatte der eine der letzten noch funktionierenden Telefonzellen am Hauptbahnhof benutzt. Der Wachhabende zögerte und rief dann doch seinen Chef an.

*****

Die Hauptkommissarin Lisa Otten und ihr Kollege, Kriminalkommissar Heiko Möller, sahen sich betreten an. Es war schon eine ziemliche Schweinerei im Sängerweg 29, die Streife hatte im Arbeits-/Wohnzimmer des kleinen Hauses eine männliche Leiche gefunden, die wahnsinnig stark geblutet hatte. Der Arzt richtet sich auf: "Ein Stich ins Herz, wahrscheinlich mit diesem Brieföffner da. Wenn ich mich nicht irre, hat der Täter mit seinem Stich die Aorta direkt am Herzen getroffen. Der Mann ist verblutet."

"Hätte man ihn retten können?"

"Vielleicht."

"Und wann ist er gestorben?"

"Mit dem üblichen Vorbehalt: zwischen 17 und 18 Uhr."

Lisa Otten trat einen Schritt näher heran und deutete auf die Brusttasche des jetzt völlig rot durchfeuchteten hellblauen Oberhemdes. "Seidel, was ist das?"

Der Leiter der Spurensicherung beeilte sich, mit einer Pinzette ein kleines Stück Pappe oder festes Papier aus der aufgesetzten Hemden-Brusttasche zu ziehen. Von der Schrift war nichts mehr zu lesen.

"Das müssen wir erst trocknen und dann rekonstruieren, Lisa."

"Ich bitte darum." Ob der Bass, der sie informiert hatte, Zeuge des tödlichen Stiches gewesen war? Oder ihn gar selbst ausgeführt hatte?

Der Täter hatte, wie die Streife und dann die Kripo, das Erdgeschoss durch die jetzt halb offenstehende Haustür oder die nicht geschlossene Verandatür betreten, die bei diesem schönen Wetter wohl den ganzen Nachmittag offen gestanden hatte; Einbruchspuren waren weder an den Türen noch an den Fenstern zu entdecken. Der tote Hausbewohner hieß laut Türschild Dr. Holger Stempel, was ein herbeigekommener neugieriger Nachbar aus Nr. 27 bestätigte, und arbeitete, wie der Nachbar ausgesagt hatte, bei der OLDECO, einem Chemieunternehmen am Stadtrand. Nein, von einer Ehefrau oder der Familie des Totenwisse er nichts.

Lisa Otten verabschiedete sich und bedankte sich bei dem Kollegen Möller, der noch bleiben und die Tatortaufnahme zu Ende führen würde. Er war zehn Jahre jünger als seine Chefin und wusste, dass sie in ihrem Berufsleben genug Opfer von Gewalt gesehen hatte und wenig Wert darauf legte, ein weiteres genau und länger zu inspizieren.

 

4.Acko war kein Fahrradbote, der behelmt auf einem Rennrad und mit einem Rucksack auf dem Rücken jede Lücke nutzte, um möglichst rasch voranzukommen, dazu war sein uraltes Rad mit den Hängetaschen viel zu schwer beladen, und der kleine zweirädrige gummibereifte und bis oben hin vollbepackte Karren bremste zusätzlich. Er hatte gut zu strampeln und musste sich, bevor er bei citopress vom Hof fuhr, erst einmal eine Rundtour ausgeknobelt haben, um bis zum Mittag möglichst alle Lieferungen erledigt zu haben. Er hatte Otto, der Acko trotz der Vorstrafen eingestellt hatte, fest zugesagt, bei Kunden seine Finger im Zaum zu halten und alles zu unterlassen, was dem Geschäft schaden konnte. Daran hielt er sich auch, und manchmal hatte Acko den Eindruck, dass irgendjemand gute Vorsätze umgehend auch belohnte. Schon an der ersten Ampel, an der er warten musste, blieb eine mittelalterliche Frau mit einer offenen Einkauftasche neben ihm stehen. Das obenauf liegende Portemonnaie war geradezu eine Bitte zuzugreifen, Acko widersetzte sich dem nicht, bog in die nächste Einfahrt ein und zog zwei Fünfziger, einige Zwanziger und Zehner aus der Geldbörse, wischte diese gründlich ab und ließ sie an der nächsten roten Ampel unauffällig in den Rinnstein fallen. Scheck- und Kredit- und Rabattkarten interessierten ihn nicht. Zwischen die Geldscheine war ein Abholzettel eines Fotoateliers geraten, den er in einer "Sonderabteilung" seines Anoraks verstaute. Das Studio Holten lag auf seinem Heimweg und die unbekannte Einkäuferin hatte ihm genug Geld zukommen lassen, sich den Luxus zu erlauben, seiner Neugier einmal nachzugeben.

Sein nächster "Spender" war ein junger Mann in einer leichten Sommerjacke, mit weiten aufgesetzten Taschen, aus denen Acko mühelos einen Schlüsselbund, einen Briefumschlag und als "Zugabe" ein Schweizer Armeemesser holte. Das traf sich gut, die Anschrift auf dem Umschlag verriet Acko, zu welcher Haus- und Wohnungstür die Schlüssel passen mochten. Die Teile versenkte er in seinem Nebenarbeits-Anorak und zog die Reißverschlüsse sorgfältig zu. Der Briefumschlag duftete schwach nach Sandelholz und hatte einen aufgedruckten Absender: Anja Trimborn, Lotharstraße 44.

In der Kanzlei Hendricks bekam er ein ordentliches Trinkgeld, eine Tasse Kaffee und die Gelegenheit, sich einen weißen Fuß zu machen, als die ansehnliche Brünette am Empfang aufstand, um irgendwohin zu verschwinden.

"Hallo, Frau Eller", rief Acko ihr nach und als sie sich etwas unwirsch umdrehte, deutete Acko auf den Ring, den sie sich spielerisch abgezogen und auf dem Tisch vergessen hatte.

"Vielen Dank", sagte sie ehrlich erleichtert, "er ist ein Geschenk meines Freundes, aber wir haben ihn wohl doch etwas zu klein gekauft, er kneift."

"Der Ring?", rutschte Acko heraus und sie musste lachen. "Natürlich, der Freund kneift nicht, und wenn, dann nur so, dass es mir Spaß macht."

Acko zwinkerte ihr weltmännisch zu, bedankte sich für den Kaffee und ging. Gegen zwölf Uhr hatte er das Gros der Ware abgeliefert und rollte Richtung Frankfurter Straße, rechnete bei citopress ab und gönnte sich ein ungestörtes Essen in der "Eintopfbude". Auf dem Heimweg machte er einen kleinen Umweg und ging am Studio Holsten vorbei. Die Bilder waren fertig, und die Bedienung fragte harmlos: "Kommt Frau Liesen nicht?"

Acko musste improvisieren: "Sie hat mich gebeten, die Bilder abzuholen, weil sie beim Einkaufen heute Morgen bös umgeknickt ist und einen richtig dicken Knöchel bekommen hat."

"Die Ärmste."

"Essigsaure Tonerde und ein schöner Verband helfen. Man sollte die guten alten Hausmittel nicht verachten." Die Bedienung musterte ihn seltsam und sagte nichts mehr. Den seltsamen Blick verstand Acko, als er sich in seiner Wohnung die Fotos genauer anschaute. Nur Pornoaufnahmen von jungen Mädchen. Acko hatte nichts gegen nackte Frauen, weder in natura noch als Bild, aber diese Fotos widerten ihn an. Er zerriss sie in kleine Stücke und warf die Fetzen in den Abfalleimer.

 

5.Fifi hatte nach dem Frühstück noch eine Stunde geschlafen, sich dann in der Firma krank gemeldet – in der Stadt grassierte eine Sommergrippe, und in der Personalabteilung der OLDECO zweifelte niemand an ihrer Begründung. Dann führte doch kein Weg daran vorbei, aus ihrer Wohnung etwas Garderobe zu holen und ein kleines Köfferchen zu packen. Die Öttlingergasse war so schmal, dass Passanten mit ausgebreiteten Armen beide Hauswände links und rechts berühren konnten. Im Flur von Nummer 7 begegnete ihr Babette. Babette schien keinen Familienname zu besitzen, an der Klingel und an der Wohnung im Parterre stand nur "Babette, Tänzerin". Sie machte kein Geheimnis daraus, was und wo sie tanzte. Vom klassischen Ballett war es weit entfernt, und das vorwiegend männliche Publikum legte wenig Wert auf Kostüme. Gebräunte Haut tat es auch. Fifi und Babette waren keine allerbesten Freundinnen geworden, aber sie kannten sich bald gut genug, dass Babette ihr gestand, sie lasse imTambourin die Hüllen fallen. Und Fifi gewöhnte sich daran, mit einer Vertrauten ihre Sorgen besprechen zu können.

"So, wie du aussiehst, könntest du da doch auch anfangen", meinte Babette treuherzig und streichelte ihr über die Hüften. Aber als Fifi hörte, was man bei dieser Tätigkeit verdiente, hatte sie abgewinkt, aber zögernd zugestimmt, als Babette vorschlug, mit ihr einmal eine Junggesellenparty im Schlosshotel Bardensteinzu besuchen. Der einladende Club Singleboys übernahm Fahrt- und Übernachtungskosten, spendierte ein Buffet und Getränke und wenn die Clubmitglieder im Verlaufe des Abends mit einer Tanzpartnerin auf ihre Zimmer verschwinden wollten, wurde das allgemein akzeptiert. Was hinter verschlossenen Türen passierte, und was die Junggesellinnen von ihren Junggesellen hinterher "geschenkt" bekamen, interessierte niemanden, so lange alles geräuschlos und skandalfrei ablief. Eifersucht war sozusagen verboten, und wenn eine Frau nach einem Zimmerausflug bald mit einem anderen Mann dessen Zimmer besichtigte, war das völlig normal und akzeptabel. Fifi hatte es bald in einer Nacht auf fünf Zimmergänge gebracht, was Babette ehrlich erstaunte. Fifi, die damals schon als Bürobotin in einem Chemieunternehmen arbeitete, erzählte ihrem Acko nicht, wo sie manche Nacht von Samstag auf Sonntag verbrachte, erst recht nicht, als sie bei einem dieser Singelboy-Treffen einen Mann kennenlernte, der ehrliches Interesse an ihr zu haben schien. Holger war ein sehr gut verdienender Chemiker, aber ein total unbeschriebenes Blatt, was Frauen betraf. Fifi brachte ihm sozusagen die Grundbegriffe der Erotik und Sexualität bei und lehnte es bald ab, für diese Lehrstunden Geldgeschenke anzunehmen. Sie erhoffte sich mehr und Holger bestärkte sie systematisch in diesem Irrtum. Holger und Fifi sahen sich also fast täglich in der Firma, aber sie durften und wollten sich dort nichts anmerken lassen und Fifi gewann bald den Eindruck, dass es Holger sogar sehr lieb war, wenn sie in der Firma auf Distanz und per "Sie" verkehrten. Doch so billig sollte er ihr nicht davonkommen, sie war fest entschlossen, ihn zur Rede zu stellen und eine Entscheidung zu ihren Gunsten zu erzwingen.

Babette war erstaunt, als Fifi sie eines Abends fragte, ob sie nicht mal wieder mit nach Bardenstein kommen könne.

"Ist es aus mit deiner großen Liebe?"

"Noch nicht, aber ich fürchte, es wird nicht mehr lange dauern."

 

Heute winkte Babette ihr aufgeregt zu: "Hast du eine halbe Stunde Zeit?"

"Wofür?"

"Alexander ist da und möchte gerne Modenschau veranstalten. Wir könnten doch mal als Kolleginnen auftreten."

Alexander war ein Ferkel, aber ein Ferkel mit Geld, wahrscheinlich impotent, ein Voyeur und ein nicht zu bremsender Fummler. Jede zweite Woche schleppte er einen Koffer voller Dessous an, die Babette vorführen und vor seiner Kamera an- und ausziehen musste. Die Dessous durfte sie neben dem Honorar behalten und das machte die halbe Stunde Modenschau zu einem lukrativen Job.

Fifi war einverstanden, Alexander überschlug sich vor Begeisterung und eine knappe Stunde später besaß Fifi etwas, womit sie ihr Köfferchen und ihr Portemonnaie füllen konnte. Sie hätte gut die doppelte Menge Scheine kassieren können, aber sie wollte sich nicht von Alexander anfassen lassen. Dafür bedankte sich Babette herzlich.

 

Stempels Leiche war gestern für das tagesjournal im dritten Fernseh-Programm zu spät gefunden worden. Das holte das dritte heute in aller Ausführlichkeit nach und Acko begriff Fifis Aufregung erst, als der Name OLDECO gefallen war.

"Kennst oder besser: Kanntest du diesen Holger St.?"

"Das muss der Doktor Stempel sein. Natürlich kenne – kannte ich den. Na, das wird ja eine Aufregung in der Firma sein."

Über Täter und Motiv konnten alle Beteiligten nur spekulieren, ebenso über den Anrufer, der die Polizei informiert hatte. An der Aussage der Polizei-Pressesprecherin, es gebe keine Spuren und Zeugen, zweifelte Acko. Er wusste aus eigener leidvoller Erfahrung, dass sich die Kripo zu Beginn einer Ermittlung nicht gern in die Karten gucken ließ. Was im Behördendeutsch "aus ermittlungstaktischen Gründen" hieß.

 

6.Am nächsten Morgen saß der Kollege Möller schon wieder am Schreibtisch, als Lisa Otten ins Präsidium kam. Neues gab es nicht.

"Zuerst zur OLDECO?"

"Am besten sofort." In der Firma schien niemand das tagesjournal zu sehen. Jedenfalls war kein Anruf eingegangen, der sich nach Holger St. erkundigen wollte.

 

7. Das Chemieunternehmen OLDECO war in einem supermodernen Hochbau am Stadtrand untergebracht. Durch die Flurfenster an der Rückseite hatte man einen beeindruckenden Blick über die Kessel, die verschiedenfarbigen Rohrleitungsbündel, seltsamen Apparate mit merkwürdig gekrümmten Zu- oder Ableitungen und hutartigen Aufsätzen, bunkerähnlichen Bauten, Säulen und Silos. Ein riesiges Gelände, auf allen Seiten mit einem hohen, festen Zaun abgesichert, den Nato-Stacheldraht krönte. Möller wollte wetten, dass die Geräte auf den hohen Masten bewegliche Video-Überwachungskameras waren. Auf anderen Masten waren ganze Scheinwerferbatterien installiert, die das dicht bebaute Gelände, das drei bis vier Fußballfelder groß war, im Alarmfall taghell erleuchten konnten. "Toll!", murmelte Möller. Die Sonne glitzerte auf den silberfarbenen Rohren und blendete. Es würde wieder heiß werden, eigentlich zu warm für die Jahreszeit.

Die ganze Anlage verbreitete nur ein leises summendes Geräusch, es roch zart nach Vanille und Lavendel; das Werksgelände der OLDECO schien menschenleer zu sein. Jenseits des Zaunes zog und schob eine kleine Lok Kesselwagen hin und her.

In Zimmer 425 erwartete sie ein großer, schlaksiger Mann in einem hellgrauen Maßanzug. Lisa schätzte ihn auf zweite Hälfte dreißig. Er hatte eine betrübte Miene aufgesetzt, seine brünetten Naturlocken zerrauft und war von einem Besuch der Kriminalpolizei gar nicht begeistert.

"Guten Tag, mein Name ist Felix Bandel, ich bin der Personalchef der OLDECO."

"Lisa Otten, Kriminalhauptkommissarin, mein Kollege Heiko Möller, guten Tag."

"Was kann ich für Sie tun?"

"Eine, wie ich fürchte, schlechte Neuigkeit entgegennehmen. Vorgestern am frühen Abend ist bei der Polizei ein anonymer Anruf eingegangen, im Haus Sängerweg 29 läge eine männliche Leiche. Der Anrufer wollte zwar seinen Namen nicht nennen, machte aber einen so ruhigen und seriösen Eindruck, dass die Zentrale eine Streife hingeschickt hat. Sie hat tatsächlich einen tote Männer in dem Haus gefunden, den ein Nachbar identifizieren konnte – Dr. Holger Stempel – ..." Bandel zuckte erschrocken zusammen. Lisa zögerte. Bandel war grau geworden und schwankte, irgendwie entsetzt, aber nicht wirklich erschüttert. "Das wäre ja furchtbar, Stempel tot."

"Er hat also bei Ihnen gearbeitet, wie der Nachbar behauptet hat?"

"Ja."

"Und als was, Herr Bandel?"

"Als Chemiker."

Möller sah eine Chance, mit seinen minimalen Chemiekenntnissen zu prunken: "Organiker oder Anorganiker?"

Bandel musterte ihn leicht spöttisch, die Todesnachricht hatte er erstaunlich schnell weggesteckt: "Weder – noch, Holger ist... war Verfahrenstechniker."

"Können Sie uns das bitte erklären?", sagte Lisa höflich und Bandel wandte sich von Möller ab.

"Etwas Neues im Reagenzglas zusammenzumixen, ist eine Sache, aber den Stoff später auch in großen Mengen sicher, umweltschonend, zuverlässig, billig und in gleichbleibender Qualität herzustellen, ist eine andere. Die Massenproduktion auszuknobeln, ist... war Stempels Aufgabe."

"Aber doch nicht eine Aufgabe für ihn allein?", bemerkte Lisa, und Bandel zwinkerte anerkennend.

"Nein. Holger leitet...hat eine eigene kleine Abteilung geleitet."

"Mit den Mitarbeitern würden wir uns gerne unterhalten, Herr Bandel."

Felix Bandel sah in dem Moment ausgesprochen unglücklich aus, was Lisa nicht entging. Sie brummte laut und unzufrieden.

"Ich bin nicht zum ersten Mal dienstlich in einem Betrieb, in dem man mir gerne und oft Auskünfte mit dem Verweis auf Betriebsgeheimnisse verweigert hat."

"Das kann Ihnen bei uns im Zusammenhang mit Holger Stempel auch passieren", sagte Bandel offen und rieb sich mit der flachen Hand über das Kinn.

"Warum?"

"Die OLDECO bereitet die Patentanmeldung eines neu entwickelten Kunststoffes vor, von dem wir uns nicht nur Wunderdinge in der industriellen Anwendung, sondern auch auf dem Firmenkonto versprechen."

"Aha. Und was hat das mit Holger Stempel zu tun?"

"Er und seine Abteilung entwickeln und koordinieren die Anlagen zur großtechnischen Herstellung dieses Wunderstoffes."

"Aha. Hängt sehr viel Geld an diesem Stempelstoff?"

Über Lisas Wortschöpfung musste Bandel gequält lächeln. "Sehr viel sogar. Darf ich Ihre Definition benutzen?"

"Welche Definition meinen Sie?"

"Stempelstoff."

"Gerne. Ich habe meine Stempelkissen am liebsten in Königsblau."

Bandel berührte einen Anstecker an seinem Revers: "Ich halte es mehr mit Gelb-Schwarz. Unsere direkten Nachbarn steigen zu oft auf und ab."

Das verstand nun Lisa offenkundig nicht. Möller mischte sich ein und übersetzte. "Borussia Dortmund gegen Schalke 04, Lisa. Der Vfl Bochum hat so seine Probleme mit der Bundesliga."

Bandel nickte bekümmert: "Ich komme aus Wattenscheid, für wen sollte man sich da entscheiden?"

Bevor die Herren ins Fachsimpeln abglitten – und von Fußball verstand Lisa nichts – klopfte sie erstmal ein paar Nägel ein.

"Sie kümmern sich um den Rest, Herr Bandel. Wenn vorhanden, hätten wir gerne Namen und Anschriften von Stempels Familie. Wir würden gerne mit einem Kollegen oder einer Kollegin sprechen, der oder die Stempel gut, auch privatim, gekannt hat. Gibt es einen Schreibtisch, ein Zimmer oder ein Büro, in dem Stempel vorwiegend gearbeitet hat? Wir würden uns den Raum und die Schränke darin gerne ansehen."

Wenn er gefordert wurde, bewies Bandel seine Organisationsfähigkeiten. Schon Minuten später standen Lisa Otten und Heiko Möller zusammen mit einer bildschönen überschlanken, weißbekittelten Brillenträgerin in einem kleinen Raum, der mit einem Schreibtisch, einem Riesen-Computer, mehreren Druckern, mit Plotter und zahlreichen Scannern schon überfüllt war. Die überschlanke Kollegin hatte rote, leicht verquollene Augen und weißblonde Naturlocken, ganz kurz geschnittene Haare und war jungenhaft apart. Sie konnte höchstens erste Hälfte dreißig sein und gefiel, wenn nicht alles täuschte, ihrem breit lächelnden Kollegen Felix Bandel ausnehmend gut. Seine Blicke, die die Schöne nicht zur Kenntnis nahm, verrieten mehr als kollegiales Wohlwollen.

Sie stellte sich als Doktor Christine Manderscheid vor.

"Aus der Oberburg oder der Unterburg?", fragte Möller sofort.

"Weder – noch", parierte sie rasch, "es heißt übrigens Niederburg." Möller ärgerte sich über seinen Fehler und sie lächelte ihm spöttisch zu. "Ich stamme nicht einmal aus dem Ort, sondern aus Wittgenstein... Kennen Sie Manderscheid?"

"Ich bin in Daun zur Schule gegangen."

"Die Welt ist doch klein", murmelte sie und rückte ihre schmale randlose Brille zurecht. Möller brummte zustimmend und Lisa räusperte sich.

Die Blondine und Bandel hatten sich gründlich umgesehen und meinten dann: "Nein, wir können nichts erkennen. Hier hat sich nichts verändert, was meinen Sie?"

"Nein. Ich würde auch denken, diesen Raum hat kein Unbefugter betreten."

"Sie arbeiten mit Stempel zusammen?"

"Nicht nur ich, das Projekt ist riesig..."

"Moment bitte!", unterbrach Bandel. "Frau Dr. Manderscheid, wir haben uns eben darauf verständigt, das Projekt den 'Stempelstoff' zu nennen."

"Hübsche Idee!", stimmte sie zu. "Gut, also, an dem Stempelstoff arbeiten viele Teams, und die Ergebnisse aus den unterschiedlichsten Bereichen laufen bei dem Projektleiter Stempelstoff und bei Holger zusammen, der unter anderem für die Dokumentation zuständig ist – war. Ich bin zum Beispiel nur die Katalysator-Tine." Weil Möller eine Grimasse schnitt, stichelte sie:" Sie wissen doch sicher, was ein Katalysator ist?"

Nun konnte Lisa punkten: "Ein Stoff, der die chemische Reaktion anderer Stoffe auslöst, ohne selbst daran teilzunehmen oder sich dadurch zu verändern."

"Ich verstehe", sagte Möller rasch, "wie eine schöne Frau, derentwegen sich zwei Männer prügeln und die Gesichter verbeulen, ohne die Frau selbst zu verletzen."

Frau Doktor wiegte nur bedenklich den hübschen Kopf. Soviel Unernst schien sie nicht gewohnt. Lisa wurde wieder streng. "Wenn dieser Stempelstoff für OLDEGO so wichtig ist, muss Holger Stempel doch an einer wichtigen Schaltstelle gesessen haben, wenn alle Teilinformationen und -ergebnisse bei ihm zusammenliefen."

"Das sehen Sie ganz richtig", mischte sich Felix Bandel eifrig ein. "Stempel ist...war ein sehr wichtiger Mann, und natürlich fürchten wir Werksspionage und Patentklau, betreiben deshalb einigen Aufwand, um Unbefugte und Neugierige von den Ergebnissen unseres – hm – Stempelstoffes fernzuhalten."

Lisa Otten konnte sehr hartnäckig sein. "Ich bin Ihre Konkurrenz, Herr Bandel, und habe gerüchteweise gehört, dass Sie einen Wunderkunststoff in der Entwicklung haben. Für das Rezept will ich unter der Hand gerne großzügig löhnen. Dann wäre Stempel doch eine der ersten Adressen, an die ich mich wenden sollte, nicht wahr?"

Bandel nickte bekümmert und sah auf einmal gar nicht mehr so gut und männlich aus. Christine Manderscheid flüsterte mit zitternden Lippen: "Ja."

"Sind Ihnen solche Spionageversuche bekannt geworden?"

"Nein", sagten beide wie auf Kommando und sie fingerte wieder an den schmalen Bügeln ihrer Brille.

"Oder gab es Ihres Wissens einen privaten Anlass, Holger Stempel umzubringen? Streit, Zank, oder eine uralte Blutrache?"

"Was meinen Sie mit privat?"

"Hat er einem anderen die Frau oder Freundin weggenommen? Ein Grundstück vor der Nase weggeschnappt? Jemanden verletzt oder geschädigt oder übervorteilt? Betrogen? Über's Ohr gehauen? Ist er jemandem beim Job, bei der Position oder beim Gehalt zuvorgekommen, so dass jemand Grund zu haben glaubte, ihn zu beseitigen?"

"Nein", sagten Bandel und die Weißblonde unisono.

"Hatte Stempel eine feste Freundin oder war er verheiratet?"

"Wahrscheinlich hatte er eine Freundin", meinte Bandel gelassen."Verheiratet war er nicht."

"Kennen Sie diese Freundin?"

Die Weißblonde antwortete langsam: "Nein. Wir kennen sie nicht."

"Was ist mit Stempels Familie?"

"Die kennen wir auch nicht", sagte Bandel etwas vorwurfsvoll.

Lisa Otten musterte die Weißblonde, die wieder an ihrer Brille fingerte, misstrauisch: "Eine Vermutung, wer uns mehr über Stempels private Verhältnisse erzählen könnte?"

Christine Manderscheid und Felix Bandel überlegten einige Zeit, bis sie gemeinsam wie auf Kommando die Köpfe schüttelten. Auch über Stempels Familie wussten sie nichts und Stempels Personalakte wollte Bandel kopieren und die Kopien umgehend ins Präsidium bringen lassen. Seidels Mannschaft hatte in dem Häuschen gestern nur einige wenige Dokumente und Briefe sichergestellt. Stempels handschriftlich geführtes privates Telefonverzeichnis war noch nicht ausgewertet, ein Handy mit Nummernspeicher hatten sie nicht gefunden. Zur offiziellen Identifizierung erklärte sich Felix Bandel bereit.

 

Vor dem Eingang stupste Möller seine Chefin an: "Wenn die beiden alles gesagt haben, was sie wissen, verzichte ich auf mein Weihnachtsgeld."

"Das gibt es wahrscheinlich sowieso nicht, Heiko. Das Land hat Schulden und muss sparen."

Kurz vor dem Einparken am Präsidium meinte sie dann: "Mir hat etwas anders nicht gefallen."

"Und was, verehrte Chefin?"

"Ich hatte diesen Bandel doch gebeten, mir eine Kollegin oder einen Kollegen zu nennen, der mit Stempel privatim näher bekannt war. Er hat daraufhin diese weißblonde Bohnenstange angeschleppt, und die wollte partout nichts Privates wissen. Wer hat uns nun auf den Arm genommen, Bandel oder diese Frau Dr. Manderscheid? Du solltest dir übrigens abgewöhnen, alle hübschen Zeuginnen so sehnsüchtig anzuschmachten. Manche Frauen macht das nervös."

 

8. Es war eine aufregende Nacht geworden, Fifi und Acko hatten nicht viel geschlafen, sondern mehrfach Wiederversöhnung vollzogen und gähnten am Morgen um die Wette.

"Wir müssen los", drängte Fifi.

"Ich packe gleich ein Köfferchen."

"Willst du mit einem Kleid, ohne Wäsche und Zahnbürste, verreisen?"

"Aber du kommst doch mit?"

"Ja, keine Angst. Glaubst du im Ernst, dein Ex kommt in der Öttlingergasse vorbei, nur, um dir noch eins auf die Nase zu hauen?"

"Du kennst ihn nicht, Acko. Dem ist alles zuzutrauen."

Während sie sich im Bad fertig machte, holte er aus dem Versteck hinter den Küchenfliesen genügend Geld, um nicht gleich wieder "nebenbei arbeiten" zu müssen. "Um 18 Uhr auf dem Postplatz am Herzog Albert, okay? Ich muss jetzt los."

Acko und seine Besucher verfehlten sich nur um Minuten. Kommissar Anders und Hauptmeister Berthold vom Referat Diebstahl trafen in der Wohnung Ackermann nur eine junge Frau an, sie sie halb neugierig, halb ängstlich musterte. "Nein, tut mir leid. Acko ist vor ein paar Minuten zur Arbeit losgegangen."

"Wo arbeitet er denn, Frau Prosch?"

"Bei citopress in der Frankfurter Straße."

"Haben Sie keine Arbeit?", erkundigte sich Berthold, dem die junge kurvenreiche Frau weit weniger gefiel als seinem Vorgesetzten Anders.

"Doch. Aber ich habe gleich einen Untersuchungstermin in der Uni-Klinik."

"Und wo arbeiten Sie?"

"Bei der OLDECO."

Anders wusste, dass sie kein Recht hatten, Ackos Freundin auszufragen und sagte deshalb freundlich, um keine Missstimmung aufkommen zu lassen: "Na, bei Ihnen in der Firma ist ja was los."

"Sie meinen den Mord an Dr. Stempel?"

"Woher wissen Sie davon?"

"Als ich mich in der Firma abgemeldet habe, hat's mir ein Kollege erzählt."

"Tun Sie uns bitte einen Gefallen? Wenn Acko nach Hause kommen oder anrufe sollte, richten Sie ihm doch bitte aus, er möchte sich umgehend bei uns melden. Es ist wichtig, Hier ist unsere Karte."

Sobald die Haustür unten ins Schloss gefallen war, rief Fifi über Handy an.

"Wer war da?"

"Die Kripo, warte, ich lese dir mal vor, wo du dich melden sollst."

Acko rang nach Atem: Seine Intimfreunde vom Diebstahl. Und dann fiel es ihm wie Schuppen von den Augen. Das Aktenköfferchen aus glattem schwarzem Leder. Natürlich hatten sich darauf seine Fingerabdrücke erhalten. Daran hätte er denken sollen. Aber in der Begeisterung über ein Auto, das ihn zum Einsteigen und Ausräumen aufforderte, hatte er alle Vorsicht vergessen. Wem mochte der Karren gehören? Dieser – wie hieß sie noch auf der Visitenkarte? Manderscheid? Eigentlich „wurscht“, wenn sie in schnappten, war erst einmal seine Reststrafenbewährung futsch, dann fuhr er in den Kahn ein. Und davor graute ihm.

"Fifi, haben die was gesagt, wer den Diebstahl gemeldet hat?"

"Nein, keine Silbe. Acko, was machen wir jetzt?"

"Wir treffen uns in zwei Stunden vor dem Herzog auf dem Postplatz."

 

9. Stempel war nicht sofort tot gewesen, er hatte noch ziemlich lange geblutet, sein ganzes Oberhemd war wie in Blut eingeweicht und konnte regelrecht ausgewrungen werden. In der Brusttasche hatte er ein kleines Karteikärtchen aufbewahrt, das von seinem Blut so durchfeuchtet war, dass der darauf vermerkte Text kaum noch leserlich war.

Dem Labor gelang es, die Zeilen wieder lesbar zu machen. Die drei untereinander stehende Wörter in Druckbuchstaben ergaben keinen Sinn: "Kerado, Tributylphosphat, Marmara."

"Verstehst du das?", fragte Lisa Otten ihren Kollegen ratlos. Möller schüttelte den Kopf. Nach der Mittagspause erhielten sie Besuch von zwei Kollegen aus dem Diebstahl. Die Kollegen Anders und Berthold wunderten sich, wie sehr die Firma OLDECO in die Schlagzeilen geraten waren.

"Wie meint ihr das?", fragte Lisa Otten verständnislos.

"Na, ihr habt einen Ermordeten aus der OLDECO am Hals. Bei uns hat am selben Tag eine OLDECO-Mitarbeiterin namens Christine Manderscheid einen Diebstahl aus ihrem Auto gemeldet. Der Dieb war so freundlich, seine Fingerabdrücke zu hinterlassen, und zwar in so guter Qualität, dass es keine Probleme gab, sie zu identifizieren. Ein guter Bekannter, Gero Ackermann, genannt Acko. Brav gemeldet im Schraderkamp 33. Wir also hin. Acko war zur Arbeit ausgeflogen, citopress in der Frankfurter Straße. Wir treffen nur noch seine Freundin an, eine Gudrun Prosch, genannt Fifi. Und nun ratet mal, wo diese Fifi arbeitet, ganz legal, fest angestellt in der Innenverwaltung."

Möller knurrte: "Wahrscheinlich bei der OLDECO."

"Du sagst es, Kollege."

Lisa knetete ihre Hände. Es gab Fälle ohne Anhaltspunkte, und es gab, was auch nicht schön war, Fälle mit zu vielen Anhaltspunkten und Verwicklungen. Beide Kategorien versprachen viel Ärger und große Mühe.

 

10. Nachdem sie ganze Arien an der Tür von Gero Ackermann heruntergeklingelt hatten, waren sie sicher, dass sich niemand in der Wohnung aufhielt. Lisa wollte gehen, aber Möller kramte schon sein "kleines" Werkzeugmäppchen aus der Jackentasche. Das Schloss an der Wohnungstür war Schwierigkeitsgrad Null für Anfänger und nach fünf Sekunden standen sie in der Wohnung.

"Ausgeflogen", knurrte Möller.

"Wissen wir, wo er arbeitet?"

"Ja, in einer Schnelldruckerei citopress in der Frankfurter Straße."

"Vielleicht ist er dort."

Im Treppenhaus begegneten sie einer jungen Frau, die sie erstaunt ansah. Sie war recht hübsch und hatte einen kleinen Pferdeschwanz, der lustig wippte, wenn sie den Kopf bewegte.

"Entschuldigung", meinte Möller, "Wissen Sie zufällig, wo Gero Ackermann ist?"

"Nein, weiß ich nicht." Das klang barsch, aber ihr Akzent verriet, dass sie Ausländerin war und noch Last mit der deutschen Sprache hatte. "Ist fortgegangen mit seiner Freundin."

In der citopress war Acko nicht, wie eine Frau am Telefon erklärte. Er sei heute Morgen hier gewesen, um sich aus heiterem Himmel in einen Kurzurlaub zu verabschieden.

"Wissen Sie zufällig, wohin er will?"

"Nein."

"In einen Urlaub fährt man doch selten alleine", tippte Möller und die Frau lachte.

"Richtig. Seine Freundin ist zu ihm zurückgekehrt und sie wollen, so mein Eindruck, ausgiebig und ungestört Versöhnung feiern."

"Toll", meinte Möller ironisch. "Und wie heißt die Glückliche?"

"Gudrun Prosch."

"Prima." Der Name ließ sich im Telefonbuch leicht finden.

Lisa Otten war während seines Telefonats durch die Wohnung gegangen und holte ihn jetzt ins Bad.

"Er hatte vor kurzem Damenbesuch." Sie trug Plastikfingerhandschuhe und deutete auf Lippenstiftspuren an einem Handtuch und lange Haare in einer Bürste. "Ich pack's ein."

"Vergiss die Zahnbürste nicht."

*****

Weil er es am Tag zuvor versprochen hatte, machte Acko noch eine Auslieferung, ein Paket Briefpapier plus Umschlägen und einer Schachtel Visitenkarten. Am Vorgarten-Türchen traf er eine Kollegin, die halb anerkennend, halb mitleidig das Paket musterte, das er trug.

"Na, das lohnt sich wenigstens."

"Bei dir nicht?"

"Nur ein Haufen Fotos. Die Dame ist sich natürlich zu fein, sich selbst ins Geschäft zu bemühen, die muss es sich bringen lassen." Acko war über den gehässigen Ton verwundert. "Tust du mir einen Gefallen? Nimmst du die Bilder mit? Ich hab's etwas eilig, mein Freund wartet schon." Flotten Teenies war Acko immer gern gefällig und nahm ihr den dicken Umschlag ab. Warum er ihn automatisch in eine seiner riesigen Anoraktaschen steckte, wusste er nicht, wahrscheinlich wollte er nur beide Hände frei haben für seine "legale Arbeit". Sein Paket war wirklich sehr unhandlich. Aber dass er den Umschlag eine halbe Minute später total vergessen konnte, hatte ausschließlich mit der Dame zu tun, die an die Haustür gehumpelt kam. Ohne die Laufstütze war sie eine der faszinierendsten Frauen, die Acko seit seiner Entlassung aus der Haft gesehen hatte. Laut seinem Lieferschein hieß sie Andrea Stehmannn.

"Guten Tag, ich bringe Ihre Bestellung von citopress."

"Wunderbar. Ob Sie so nett sind, mir das Paket ins Zimmer zu stellen?"

Für soviel Schönheit und Liebreiz hätte Acko auch jeden Briefbogen einzeln auf den Dachboden getragen. Sie humpelte an ihrer Krücke voran und er bewunderte eine perfekte Figur in einem hautengen Hausanzug. Als ob sie seine heißen Blicke gespürt hätte, drehte sie sich zu ihm um und lächelte: "Ein angetrunkener Autofahrer."

"Man sollte ihn erschießen."

"Das erledigt er wahrscheinlich selber, wenn er die Klageschrift meines Anwaltes auf Schmerzensgeld und Verdienstausfall bekommt."

Sie unterschrieb die Quittung und gab ihm ein mehr als reichliches Trinkgeld. Den Umschlag in seinem Anorak hatte er darüber total vergessen, erinnere sich erst wieder daran, als er bei citopress mit Lara Maibaum abrechnete. Aber jetzt wurde es Zeit für ihn, Fifi wartete nicht gerne, die Bilder konnte er auch per Post an die humpelnde Empfängerin schicken.

 

11."Und was machen wir jetzt?", wollte Fifi wissen und schaute zum Herzog Albrecht hinauf, der freilich nicht antwortete. "Hast du eine Idee, wo wir über Nacht bleiben können?", wollte sie dann wissen. Sie standen in einem dichten Pulk von Menschen, die heftig gestikulierten und laut debattierten. Wahrscheinlich konnte jeder in der Umgebung hören, was sie besprachen.

"Nein, bis jetzt nicht. Du?"

"Es soll ja wohl nicht zu teuer sein?"

"Nein."

"Dann würde ich vorschlagen, wir fahren mit dem Zug nach Lohmühlen. Da kenne ich ein winziges Hotel Sonne am Bahnhof, das zwar nicht komfortabel, aber sauber und billig ist."

"Hast du denn Geld? Ich ziemlich absolut blank und müsste erst etwas besorgen", log er. Wenn er ihr ehrlich sagte, wieviel er bei sich hatte, würde sie es leichtsinnig mit vollen Händen ausgeben wollen. Von der Beute aus dem schwarzen Aktenköfferchen hatte er noch kaum etwas ausgegeben. Sie kicherte, diese Art von Besorgung kannte sie.

"Für ein, zwei Tage reicht es schon, Acko." Alexander ließ sich nicht lumpen, wenn er seine Wäschemodels knipste und noch weniger, wenn er dann versuchen durfte, mit den Händen Maß zu nehmen.

"Okay, dann mal los."

Einer der Männer, die direkt vor ihnen gestanden hatten, trat zurück ohne sich umzusehen und landete schmerzhaft auf Ackos Fuß. "Pass doch auf, du Toffel!", fuhr Acho ihn an. Der Mann drehte sich um, sagte aber nicht "Entschuldigung" oder "Es tut mir leid", sondern schnauzte Acko an: "Reiß dein Maul nicht so weit auf!"

Acko und Fifi sagten gleichzeitig: "Der Igor."

Acko fügte laut hinzu: "Was kann man von einem Igor auch schon anderes erwarten."

"Sei vorsichtig", drohte Igor und drängte sich rücksichtslos an Fifi und Acko vorbei.

Acko kannte den unhöflichen Mann nur zu gut. Er hieß Gregorij Benin und war Koch oder Kellner im russischen Restaurant Smolensk. Im Haus Schraderkamp 33, wo er mit seiner jungen Frau Natascha im zweiten Stock wohnte, hieß er nur der Russki oder Igor, der Russki, wegen seiner ruppigen Unfreundlichkeit allgemein unbeliebt bei den Nachbarn. Manche verballhornten seinen Namen zu Lenin, und Fifi meinte auch, im Glassarg auf dem Roten Platz wäre er besser aufgehoben als im Treppenhaus; er hatte sie mehrfach grob angemacht, wenn sie zu Acko kam. Acko und Fifi hatten lange Zeit nicht verstanden, warum Igor sie so rüpelhaft attackierte, bis sie eines Tages vor Igors Wohnungstür einen Mann trafen, der neben Russisch auch fließend Deutsch sprach und ihnen übersetzen konnte, was Igor an Fifi so ärgerte. Es ging um die Wasserrechnung! Acko zahlte einen Anteil für eine Person, aber Igor meinte, Fifi dusche so oft und lebe so regelmäßig bei Acko, dass auf die Dachgeschoss-Wohnung ein Zweipersonen-Anteil entfallen müsse. Acko und Fifi wollten es anfangs nicht glauben, aber der Mann versicherte, das sei Gregorijs voller Ernst und er habe sich jetzt schriftlich beim Vermieter beschwert.

"Der Arsch hat mir gerade noch gefehlt", knurrte Acko.

"Den werden wir die nächsten Tage nicht mehr treffen", tröstete Fifi. Acko hielt den Mund: Er mochte "Lenin" auch nicht leiden. Aber anders als Fifi hielte er ihn nicht für einen harmlosen Querulanten. Das Smolensk galt als Treffpunkt merkwürdiger Typen, aber der russische Honorarkonsul, ein einflussreicher Geschäftsmann aus der City, hielt eine schützende Hand über das Lokal, an dem er finanziell und offiziell beteiligt war.

 

Mit dem Regional-Express fuhr man keine zwanzig Minuten nach Lohmühlen, und vom Bahnhof waren es nur noch zehn, zwanzig Schritte zum Hotel Sonne gleich nebenan. Beim Aussteigen konnte Acko einem Mann vor ihm ein paar Sachen aus der Jackentasche ziehen.

Fifi hatte nichts verlernt und ging dicht neben ihm, so, als wollte sie zärtlich nach seiner Hand fassen, nahm ihm die Gegenstände ab und verstaute sie in einer undurchsichtigen Papiertüte mit dem Aufdruck eines Kaufhauses. Dann entfernten sie sich unauffällig von ihm, so dass keiner vermutete, sie seien ein Pärchen. Vor dem Kiosk in dem schmuddeligen Bahnhofsgebäude trafen sie sich "rein zufällig." Fifi verstand mittlerweile genug von seinem "Gewerbe", um zu ahnen, wen er ins Visier genommen hatte. Neben der Kasse, gut sichtbar wegen der weit offen stehenden Eingangstür stand eine Frau, die sich Feuerzeuge anschaute und ihre Handtasche offen auf der Theke stehen hatte. Fifi ging auf das Regal mit den Zeitschriften zu, er stand unschlüssig vor der Riesenauswahl an Tabakpäckchen und bewegte sich, vollauf mit dem Studium der Aufdrucke beschäftigt, Richtung Kasse, wobei er an der Handtasche vorbeischlendern musste. Genau in der Sekunde stieß die ungeschickte Fifi einen Stapel Zeitschriften um, die mit Gepolter zu Boden platschten. Die Kundin und der Mann an der Kasse schauten unwillkürlich zum Unfallort, Acko griff zu und hatte ein längliches Ledermäppchen in der Hand. Keine Sekunde später eilte er der bestürzten Fifi zu Hilfe, die neben den Zeitschriften kniete, bückte sich und half ihr, die Zeitschriften zusammenzuräumen und zu handlichen Packen zusammenzulegen. Dass er dabei das Mäppchen in ihren Ausschnitt gleiten ließ, registrierte nur Fifi. Als die Zeitschriften wieder ordentlich gestapelt auf dem Regalbrett lagen, richteten sie sich beide auf, Fifi nahm das oberste Exemplar und ging zur Kasse.

"Entschuldigen Sie bitte", sagte sie zu dem Kassenmann, der sie nicht einmal unfreundlich mustere, was Fifi nicht anders erwartet hatte: So ein großer Ausschnitt verfehlte, richtig dargeboten, bei männlichem Personal selten seine ablenkende und stimmungsaufhellende Wirkung. "Das war sehr ungeschickt von mir."

"Schon in Ordnung", brummte der Mann, der sich wieder um seine Feuerzeug-Kundin bemühte, nachdem er Fifis Eurostück in die Kasse gelegt hatte. Vor dem Eingang des Bahnhofgebäudes kicherte Fifi: "Siehst du, ohne BH wäre das gute Stück gleich wieder runtergefallen. Korrekte Kleidung hilft doch meistens."

Sie hatten Glück und bekamen das letzte freie Doppelzimmer im vierten Stock nach hinten raus; ein Aufzug existierte nicht, ihr kleinen Koffer wurden von Stufe zu Stufe schwerer; sie schnauften beide, als er aufschloss. Auf der zweiten Etage stießen sie mit einer jungen Frau zusammen, die schwungvoll vom Flur in das Treppenhaus abbog. Fifi kicherte: "Hast du die gesehen?"

"Ja, was ist mit ihr?"

"Die sieht aus wie eine Zwillingsschwester von Natascha."

Das war Acko auch aufgefallen, er hätte es aber nie ausgesprochen. Fifi wurde ohne Vorankündigung albern eifersüchtig auf Natascha Benin, die Frau oder Freundin ihres rüpeligen Nachbarn Igor, und behauptete, Natascha mache Acko schöne Augen.

Sie bezogen ein kleines, aber sauberes Zimmer mit einem Fenster auf eine schmale Straße, auf der kein Autoverkehr herrschte. Die Züge konnte man hören, aber Fifi wusste, dass kurz vor Mitternacht der letzte Regionalexpress abfuhr und drei oder vier Minuten später die letzte S-Bahn.

Er durfte das Ledermäppchen aus dem Fifi’schen Zwischenlager holen, was eine angenehme Pflicht war. Vier Fünfzig-Euroscheine, das hatte sich gelohnt. Plus schwarzes Aktenköfferchen – vorerst hatten sie ausgesorgt.

Danach begutachteten sie, was er dem Mann aus der Jackentasche gezogen hatte. Das Etui enthielt Schlüssel und keinen Hinweis darauf, wo sich das Schloss dazu befinden mochte, es sei denn, er war der Empfänger des Briefes, den Acko ebenfalls mitgenommen hatte: Dieter Woller, Preetzer Weg 36. Das andere Teil stellt sich als winzige Leselampe mit Akku heraus, neuwertig, in einem hervorragenden Zustand, ebenfalls ohne Hinweis auf den Eigentümer oder Besitzer. Acko legte es neben das Armeemesser auf das Nachttischchen, das Teil konnte er behalten. Fifi brach sofort auf, um noch etwas zum Essen und Wasser für die Nacht einzukaufen; er begleitete sie und vor dem Supermarkt fischte er einer Frau das obenauf liegende Portemonnaie aus einer Plastiktüte. Die Frau hatte neben Kreditkarten rund neunzig Euro in Scheinen dabei gehabt. Das war hilfreich. Er ging noch einmal los und warf das abgewischte Portemonnaie in einen Abfallbehälter im Bahnhof.

Fifi nutzte seine Abwesenheit und durchsuchte seinen Anorak, stieß als erstes auf die kleine „Papiertüte" mit der silbernen Scheibe, auf der leider nicht stand, was dort gespeichert war. Sie überlegte. Offenbar war die DVD so wertvoll, dass Acko sie lieber mit sich herumtrug, als sie in seiner Wohnung im Schraderkamp zu lassen. Und das hieß: Fifi würde sich, sobald sich dazu eine Gelegenheit ergab, auch so eine Scheibe besorgen und die Teile austauschen. Bei aller Liebe zu und Dankbarkeit für Acko: Auch sie musste auf ihre Kosten kommen, und das durch Babette eingestrichene Honorar würde nicht ewig reichen. In einer der ersten Nächte, in denen sie Holger mit ihrer sexuellen Technik und Erfahrung fast um den Verstand gebracht hatte, war sie so selbstsicher und blöd gewesen, dass sie ihm erzählte, was sie neben dem Bett mit Gero Ackermann, genannt Acko, verband. Holger hatte sie ausgelacht. "Zehn bis zwanzig Prozent? Du bist verrückt, mein Lämmchen. Wenigstens die Hälfte steht dir bei diesem Risiko doch zu, mein Schatz." Acko schuldete ihr also noch eine Menge Geld. Sie konnte in dem Anorak noch etwas ertasten, fand aber den Verschluss der versteckten Tasche nicht, in der er den Umschlag aufbewahrte, den er eigentlich der citopress-Kundin hatte aushändigen sollen. Weil sie Schritte vor der Zimmertür hörte, verzichtete sie auf weitere Suche und drapierte den Anorak wieder über den Haken neben der Tür zum Bad.

 

Sie gingen bald zu Bett und schliefen fast sofort ein. Gegen eins, draußen war es richtig dunkel geworden, weckte ihn ein leises Knarren, von dem er nicht sagen konnte, was es war. Fifi schlief mit offenem Mund und „schnorchelte“ gleichmäßig leise vor sich hin. Dann ahnte Acko mehr als er hörte, dass die Zimmertür aufgeschoben wurde. Unendlich leise und vorsichtig drückte sich eine Gestalt in den Raum und glitt auf den Stuhl zu, auf den Fifi ihre Handtasche abgestellt hatte. Acko tastete nach dem Taschenmesser und klappte die größte Klinge, so weit er das fühlen konnte, lautlos heraus und schob geräuschlos die Bettdecke zur Seite. Der Eindringling war noch unterwegs Richtung Handtasche. Er und Acko erreichten das Ziel in derselben Sekunde und Acko flüsterte: "Verschwinde, du Arsch oder ich stecke dir ein Messer in den Bauch." Der Einbrecher schnaufte vor Erschrecken, als wolle er gleich platzen. Acko stach zu, ohne zu wissen, auf welch edlen Körperteil er zielte, und er traf irgendwas, was an einem Menschen hing und ein lautes Schmerzgebrüll auslöste.

Neben ihnen fuhr Fifi mit einem Überraschungsschrei hoch. Der Unbekannte begriff, dass er es jetzt mit zwei Personen zu tun hatte und sprang ohne Rücksicht auf Lärm zur Tür, riss sie weit auf und stolperte auf den Gang hinaus. Das sich anschließende Gepolter deutete darauf hin, dass er die Treppe mehr hinunterfiel als -lief.

"Was war das?", keuchte Fifi.

"Da wollte jemand an deine Handtasche."

"Wer?"

"Keine Ahnung, ich habe nur eine dunkle Gestalt mehr geahnt als gesehen, habe zugestochen und er ist getürmt."

"Warte mal, ich mache Licht."

Acko hatte getroffen, die Flecken auf dem dünnen Teppichboden sahen sehr nach Blut aus. Sie schnappte sich ihre Handtasche, wühlte sie durch und sagte dann verwundert: "Es fehlt nichts."

Er fragte nicht, wonach der Unbekannte denn hätte suchen können. Fifi war hübsch, aber eben auch so geheimnisvoll wie verlogen. Im Hotel rührte sich nichts, offenbar hatte keiner was von dem Zwischenfall bemerkt.

 

Lohmühlener, die frühmorgens zur Arbeit fahren wollten, fanden vor dem Eingang zum Bahnhof einen schwer verwundeten Mann und riefen den Notarzt, der zwei oder drei Minute zu spät eintraf und nur noch den Tod des Unbekannten feststellen konnte. Der Mann hatte nach einem Messerstich in die Bauchhöhle zu viel Blut verloren.

In der Sonne beseitigte der Reinigungstrupp nur oberflächlich die Blutflecken und sah keinen Anlass, den "verschütteten Tomatensaft" der Hotelleitung zu melden.

Als Acko Stunden später am Eingang des Bahnhofs Lohmühlen vorbeikam, sah er auf der Straße einen Zwanzig-Euro-Schein liegen, etwas schmutzig und zerknittert, aber herren- respektive damenlos; er bückte sich danach und steckte ihn ohne Skrupel ein.

Es war so schön geblieben wie zu Wochenbeginn. An einer roten Fußgänger- und Fahrradeampel stand er neben zwei jungen Damen, die weite Röcke trugen; der Anblick war sehr erfreulich, nicht nur wegen ihrer Beine und Taillen, sondern auch wegen der aufgesetzten Rocktaschen, in denen sie deutlich sichtbar eine Menge Zeugs herumtrugen. Hoffentlich nicht nur Handys, die Acko nicht gebrauchen konnte.

Acko griff nur einmal zu. Die linke Schönheit, neben der er stand, hatte in der Rocktasche einen Schlüsselbund aufbewahrt, der Acko wenig nutzte.

"Hallo", rief er deswegen laut, "Sie haben was verloren." Dabei schwenkte er den Bund, und die junge Dame machte kehrt.

"Vielen Dank", murmelte sie, und Acko grinste weltmännisch. Manchmal lohnten sich solche Zugriffe. Es gab immer noch Leute, die an ihren Schlüsselbunden Schildchen mit Namen und Adressen trugen, was einer Einladung zum Diebstahl in einer menschenleeren Wohnung gleichkam.

 

12.Acko und Fifi beschlossen, sich einen Tages-Ausflug zu leisten. Der Nahverkehrszug nach Kromburg hielt direkt am Lantener See, die Rundfahrt mit dem Boot führte an der Burg Lantern vorbei, die man besichtigen konnte. Weder Acko noch Fifi hätten es eingestanden, aber Tage, an denen man nichts zu tun hatte, konnten verdammt lang und sehr langweilig werden.

Vom Bahnhof Lantener See musste man gut dreihundert Meter bis zum Schiffs-Anleger laufen, und Acko wählte eine Abkürzungüber einen gut besetzten Parkplatz. Schräg links vor ihnen stiegen gerade eine große und schlanke Frau in einem ultrakurzen Röckchen mit weißblonden, lockigen und kurz geschnittenen Haaren sowie ein etwa gleichaltriger Mann aus einem silbermetallic lackierten Mercedes-Coupé aus und wendeten sich ebenfalls zum Anleger für das Rundfahrt-Boot. Fifi drehte sich hastig zur Seite, und weil das Acko aufgefallen war, wollte sie ihn ablenken: "Gefällt dir die Bohnenstange?"

"Weiß nicht, etwas mager, findest du nicht?"

"Manche Männer mögen das." Richtiger hätte Fifi sagen müssen: 'Viele Männer'. Denn sie wusste sehr genau, dass Christine Manderscheid in der OLDECO von den meisten Männern umschwärmt wurde, besonders von den verheirateten. Die Manderscheid durfte die angeblich kranke Bürobotin Fifi auf keinen Fall sehen. Deshalb hielt Fifi ihren Acko zurück, bis keine direkte Gefahr mehr bestand, von der OLDECO-Mitarbeiterin gesehen und erkannt zu werden. Acko hatte von dem Manöver nicht gemerkt und erwiderte harmlos:

"Stimmt, aber viele Männer sagen auch, sie würden nicht mit Kleiderständern ins Bett gehen, die seien zu eckig und zu hart."

Fifi seufzte. Sie konnte sich nicht über zu viele Kilos beklagen, aber sie ließ auch keinen Menschen wissen, wie viel Verzicht auf so schmackhafte Kalorien und wie viel Kasteiung das erforderte.

"Findest du mich zu dick?"

Sie gingen gerade an dem Mercedes-Kabrio vorbei, das Acko irgendwie bekannt vorkam. "Aber nein!", sagte er so entschieden wie liebevoll.

Sie kamen noch rechtzeitig an Bord und fanden auf dem nicht voll besetzten Ausflugsboot sogar noch zwei Plätze nebeneinander auf dem Oberdeck, durch die Brückenaufbauten windgeschützt und durch eine über die Bootsbreite gespannte Plane gegen die Sonne geschützt, die des Guten fast zu viel tat. Schräg halbrechts vor ihnen hatten die weißblonde Bohnenstange und ihr Begleiter Platz genommen. Acko hatte ihr Gesicht nur kurz gesehen und fand, dass sie eine schöne Frau war, was er aber vor Fifi nicht laut sagte. (Fifi hätte Acko verraten können, das der Mann Felix Bandel hieß und der Personalchef der Firma war, bei der sie – Fifi – sich wegen einer Sommergrippe krank gemeldet hatte). Mann und Frau waren nahe aneinander gerückt. Christine Manderscheid wehrte Felix Bandel nicht ab, als der eine Hand auf ihren nackten Oberschenkel legte und zu streicheln begann. Das Schiff legte ab und der Kapitän begann seine Erklärungen herunterzuleiern. Ab und zu unterbrach er für ein längeres Fluchen, weil er wieder einmal einem leichtsinnigen Segler ausweichen musste. Das Pärchen vor ihnen war so mit sich beschäftigt, dass es für die andern Gäste keinen Blick übrig hatte. Acko stieß Fifi an und deutete mit dem Kopf auf die Weißblonde: "Wo mögen die wohl heute Abend landen?" Fifi zweifelt zwar nicht daran, dass Bandel das Bett ansteuerte, aber würde die Manderscheid so kurz nach dem Tode des Kollegen, mit dem sie doch lange und eng zusammengearbeitet hatte, einfach mit einem anderen in die Kiste hüpfen? Oder – und der Gedanke kam ihr jetzt zum ersten Mal – hatte sich Stempel, der, wie Fifi ja aus eigener Erfahrung wusste, von Frauen wenig verstand, nur Illusionen gemacht? Sie spürte, dass Acko sie scharf musterte: "Fifi, kennst du die beiden?" Seine Stimme klang nicht sehr freundlich.

"Ja. Sie arbeiten beide bei der OLDECO und kennen mich; ich habe mich mit einer Sommergrippe krank gemeldet und deshalb wäre es gut, wenn die mich nicht hier sähen."

"Verstehe", sagte Acko, den diese logische Erklärung erst einmal beruhigte.

Burg Lantern lag etwa einhundert Meter oberhalb des Sees auf einer Felsnase; sie mussten hochsteigen und ließen sich, stolz auf ihre körperliche Leistung, von einer jungen Studentin belehren, wer die Lantener Burggrafen gewesen waren und welche unheilvolle Rolle sie in den Religionskriegen bis zum Westfälischen Frieden gespielt hatten.

Der Friede von Münster und Osnabrück sagte Acko nichts. Er hatte einmal in Münsteraner Polizei-Gewahrsam gesessen und konnte seitdem die Stadt nicht leiden. Fifi kannte immerhin den Spruch, dass es in Münster regnet oder die Glocken läuten und beides zusammen signalisierte, es war Sonntag. Auf dem zur Burg Lantern gehörenden Fischerhof am Ufer schwammen in großen Aquarien die heimischen Fische; wahrscheinlich nicht mehr lange; denn die Bestände wurden, wie ihre Studentin klagte, heillos überfischt.

Auf der Rückfahrt wurde die weißblonde Bohnenstange einmal auf ihrem Handy angerufen und hörte sich verärgert an, was der Anrufer mitzuteilen hatte.

"No, my dear, not today. I told you yesterday, I need some more time. Of course, as soon as possible... Sorry...okay. Bye."

Beim Aussteigen beeilten sich Acko und Fifi und waren weit entfernt, als der Mann und die Weißblonde festen Boden betraten. Acko fand, Fifis neues kurzes Kleidchen sei ausgesprochen sexy und Fifi habe genau die Figur für so etwas. Ihr geschmeicheltes Lächeln versprach reichen Lohn für diese minimale Lüge. Sie erinnerte sich auch noch an ein nahe gelegenes Restaurant, in das Acko sie einladen durfte. Die Portionen waren hier mehr für hungrige Steinbruch-Schwerstarbeiter als für Feinschmecker ausgelegt, aber bildeten immerhin eine solide und wirkungsvolle Grundlage für diverse Cocktails, die sie sich anschließend in einem Lokal mit dem schönen Namen Lederlich an der langen Bar gönnten.

"Das heißt doch 'liederlich'", kommentierte Fifi etwas mürrisch.

Sie wusste nicht, was eine Lohmühle ist oder war, und nachdem ihr Acko erklärt hatte, welche Rolle Lohe bei der Lederherstellung gespielt hatte, war sie damit einverstanden, dass es in einem Ort namens Lohmühlen eine Bar mit dem Namen Lederlich gab. Der Zutritt zum liederlichen Teil der Bar, in dem die Damen des Personals nur Lederstiefel und Ledergürtel trugen, war ihr verwehrt. Ziemlich angeheitert betraten sie sehr spät die Sonne, und sie fühlte sich bemüßigt, ihrem Begleiter für den netten, wenn auch etwas an ihren Nerven zerrenden Ausflug zu danken, und zwar auf die Art, die sie nun einmal am besten beherrschte und gegen die Acko auch nichts einzuwenden hatte.

 

13. Eine der Folgen war, dass sie spät zum Frühstück herunterkamen und Acko auf dem kleinen Tresen der Rezeption das heutige Tellheimer Morgenecho ins Auge fiel. Auf der Titelseite waren zwei Porträts abgedruckt. Gudrun "Fifi" P. war noch gut zu erkennen, aber bei ihm Gero A. hatte man wohl ein Bild aus der erkennungsdienstlichen Behandlung verwendet. Darauf sah er aus wie ein geistesschwacher Serientriebtäter, und dazu passte die Schlagzeile: "Die Kripo sucht Fifi und Acko". "Vermutlich sind Gero Ackermann und ‚Fifi‘ Prosch auf der Flucht."

Das Frühstücks-Buffet bestand nur aus einem kleinen viereckigen Tisch, um den sich höchstens sechs Gäste drängen konnten, aber Acko hatte ununterbrochen das Gefühl, dass alle Menschen sie scharf beobachteten, weil man sie erkannt hatte. Und dann erkundigte sich auch noch Fifi: "Sag mal, Acko, ist was mit uns? Die starren uns alle so an."

"Wirklich? Du siehst heute Morgen besonders hübsch aus", log er verzweifelt und schlang das Frühstück nur so in sich hinein.

"Was ist los? Warum hast du es so eilig?"

Dann nahm sich ein Gast auf der anderen Seite des Ganges seine Zeitung vor, und als er sie hochhielt, konnte sie auf dem Titelblatt die beiden Bilder sehen. Gerade noch rechtzeitig zischte er ihr zu: "Kein Laut!" Sie gehorchte und beeilte sich jetzt auch.

Als sie auf ihr Zimmer zurückhasteten, ließ er am Empfang ein Morgenecho mitgehen und während sie in aller Eile ihre wenigen Habseligkeiten zusammenpackte, las er, was die Kripo von ihnen wollte. Es ging um den Mord im Sängerweg 29. Mord?Auf Seite zwei war der Tote abgebildet.

"Kennst du den?", fragte Acko.

"Sicher. Der heißt Dr. Holger Stempel und arbeitet bei der OLDECO." Dann erst schaltete sie:"Acko, was ist eigentlich los? Und was machen wir jetzt?"

Auf die erste Frage konnte er nur antworten, was er im tagesjournal gesehen hatte, und auf die zweite Frage wusste er keine Antwort. Fest stand nur, dass sie von hier weg mussten, und zwar so rasch wie möglich. Doch wo konnten sie sich noch verstecken, wenn ihre Bilder schon auf den Titelseiten verbreitet wurden?

Dann fiel ihm einer der Lieblingssprüche seines Freundes Otto Maibaum ein: "Kommt Zeit, kommt Rat." Erst einmal weg, für einen oder zwei Tage irgendwo unterkriechen und ruhig nachgedacht. "Gib mal dein Handy und schalte es ein."

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