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Zwei Herzen und vier Pfoten

1. KAPITEL

„In dieser Ausstaffierung siehst du wie eine Nonne aus!“

Resigniert drehte Audrey Graham sich zu ihrer Freundin Marion um.

„Danke“, antwortete Audrey trocken.

Marion warf ihr einen aufmunternden Blick zu, und Audrey seufzte. Ohne die wunderbare Marion Givens hätte sie die vergangenen Monate nicht überlebt.

Erneut schaute sie in den Spiegel. Ihre Kleidung hatte in der Tat eine gewisse Ähnlichkeit mit einem Ornat – einem Designer-Ornat, wenn es so etwas überhaupt gab.

„Obwohl – mit diesem Gesicht bist du viel zu hübsch für eine Nonne“, fuhr Marion fort, der man beim besten Willen nicht ansehen konnte, ob sie sechzig oder siebzig Jahre alt war. „Wenn man dich allerdings nur von hinten sieht …“

Stirnrunzelnd betrachtete Audrey ihr Spiegelbild.

Ihr langes braunes Haar hatte sie vor sechs Wochen abschneiden lassen, weil sie das Gefühl hatte, unbedingt etwas verändern zu müssen. Sie wollte anders aussehen – in jeder Beziehung. Die kurzen Haare waren lockiger und hüpften munter bei jedem Schritt auf und ab. Irgendwie hatte sie sich ihre Frisur ganz anders vorgestellt. Trotzdem fand sie sich ganz ansehnlich. Zumindest an manchen Tagen.

Es war nur gut, wenn sie heute absolut nicht sexy wirkte.

Vorsichtshalber hatte sie an diesem Morgen kein Make-up aufgelegt – nur einen Hauch von Lippenstift und ein wenig Mascara. Sie sah aus wie …

Audrey wusste es nicht. Jedenfalls nicht wie sonst. Jünger, als sie gedacht hatte. Aber auch das war nicht ihre Absicht gewesen.

Sie wollte vor allem unauffällig sein.

„Nonnen sollen doch ein sehr friedliches Leben führen.“ Sie griff nach ihrer Handtasche und dem Autoschlüssel. „Das würde mir schon gefallen. Im Moment stehe ich nämlich Todesängste aus. Das ist mein erstes Vorstellungsgespräch seit fast zwanzig Jahren.“

Ihr erstes und bisher einziges Bewerbungsgespräch hatte sie mit neunzehn gehabt. Damals hatte sie sich in einer Kneipe vorgestellt, wo die Kellnerinnen knappe Tops und sehr kurze Röckchen trugen. Dafür war das Trinkgeld sehr gut. Eigentlich war sie für den Job zu jung gewesen, doch sie hatte ihn trotzdem bekommen.

Jetzt ging sie auf die Vierzig zu – meine Güte, wie die Zeit verflog! – und zeigte so wenig Haut wie möglich.

Es wird Zeit, Audrey.

„Ich glaube nicht, dass sich an Einstellungsgesprächen so viel geändert hat“, versuchte Marion sie zu ermutigen.

„Bist du sicher, dass er wirklich jemanden braucht? Du hast das doch nicht etwa bloß eingefädelt, um mir einen Gefallen zu tun?“

„Ganz und gar nicht. Er sucht wirklich jemanden. Als ich ihn neulich getroffen habe, klang er wirklich ganz verzweifelt. Das will etwas heißen bei einem Mann wie ihm. Und vergiss nicht, dass sein Haus sehr günstig liegt.“

Nur fünf Häuserblocks von Audreys Tochter entfernt.

Im Moment herrschte zwischen ihnen zwar Funkstille, aber …

Nicht im Traum hatte Audrey jemals daran gedacht, Andie so nahe zu sein. Die Apartments in der Gegend waren nämlich viel zu teuer, als dass sie sich eins hätte leisten können.

„Okay.“ Audrey warf einen Blick auf ihre Uhr. Es wurde Zeit.

„Entspann dich“, riet Marion ihr. „Atme tief durch. Er ist zwar ein bisschen ruppig, aber kein Menschenfresser. Er hat’s nur immer eilig. Verschwende nicht seine Zeit. Rede nicht um den heißen Brei herum. Das kann er auf den Tod nicht ausstehen. Er mag es auch nicht, wenn man ihm nach dem Mund redet.“

„Mag er denn irgendetwas?“, fragte Audrey, die jetzt noch nervöser geworden war.

„Seine Ruhe. Und für die sollst du sorgen.“ Marion musterte sie von oben bis unten. „Vielleicht ist das Kleid doch keine so schlechte Idee gewesen.“

Krampfhaft umklammerte Audrey das Steuer ihres Wagens.

Sie fuhr nicht gern in diesen Stadtteil. Den ehemaligen Nachbarn womöglich über den Weg zu laufen, wäre ihr sehr peinlich. Aber ihre Tochter wohnte hier, und die würde sie nur zu gern wiedersehen.

Andie lebte zurzeit bei ihrem Vater, aber Audrey wusste von Richard, dass er nicht sonderlich daran interessiert war, Daddy zu spielen. Irgendwann würde auch Andie das merken. Ob sie dann zu ihrer Mutter zurückkam?

Audrey rechnete fest damit. Die Zeit und die Nähe arbeiteten für sie. Das hoffte sie jedenfalls. Und sie wollte in ihrer Nähe sein, wenn es soweit war. Deshalb musste sie diesen Job unbedingt bekommen.

Beim Einbiegen in die Maple Street riss sie das Steuer vor Nervosität so heftig herum, dass der Wagen fast aus der Spur geriet.

Tief einatmen, befahl sie sich. Du bist eine andere Frau geworden, Audrey. Nicht mehr so verletzt. Nicht mehr so wütend. Nicht mehr so selbstzerstörerisch.

Ihr Herzklopfen ließ nur unwesentlich nach.

Unter neunzehn Jahre ihres Lebens hatte sie im vergangenen Herbst in einem Anfall von Wut und Verzweiflung kurzerhand einen Schlussstrich gezogen. Es war gar nicht so schlecht gewesen. Ihre Ehe war recht gut, anfangs sogar glücklich gewesen – ebenso wie das Familienleben.

Und dann hatte ihr Mann sie verlassen.

Neunzehn Jahre, im Handumdrehen zunichtegemacht. Es war, als hätte es diese Zeit nie gegeben. Schlaflose Nächte und tränenreiche Tage hatten aus ihr ein Häufchen Elend gemacht. Ihr Mann hatte sie und ihre gemeinsame Tochter verlassen.

Audrey schloss die Augen und atmete tief durch.

Denk nicht länger darüber nach. Du bist eine andere geworden.

Am Ende des Häuserblocks bog sie ab und erreichte den älteren, gediegeneren Teil von Highland Park mit den prachtvollen Villen. Hier also wohnte … residierte Simon Collier.

Wow!

Anders als seine Nachbarn hatte er keine hohe Mauer um sein Anwesen gezogen.

Das zweistöckige Haus, ein beeindruckendes schiefergraues Gebäude, stand auf einem weitläufigen Grundstück, das hier und da ein bisschen … ungepflegt wirkte.

Sie fuhr über die gewundene Auffahrt und parkte vor der Garage, die vier Fahrzeugen Platz bot, stieg aus und schaute auf ihre Uhr.

Genau zur rechten Zeit. Sie war sogar zwei Minuten zu früh.

Um Punkt sieben Uhr öffnete sich eines der Garagentore. Neben einem schnittigen schwarzen Lexus Cabrio stand ein Mann in einem eleganten dunklen Anzug, weißem Hemd, blauer Krawatte und blitzblank geputzten Schuhen.

Das musste Simon Collier sein.

Irgendwie beunruhigend, dass er genau um sieben Uhr wie ein Magier aus dem Dunkel der Garage auftauchte.

Ein perfekter Auftritt.

Unwillkürlich musste sie lächeln, obwohl ihr fast ein wenig übel war. Während sie auf ihn zuging, redete sie sich ein, er sei ein wichtiger Klient ihres Exmannes, der zum Abendessen zu ihnen nach Hause kam und dem sie das Gefühl vermitteln musste, herzlich willkommen zu sein.

Sie streckte die Hand mit den perfekt manikürten Fingernägeln aus – der einzige Schönheitstick, den sie sich noch leistete. „Mr Collier? Ich bin Audrey Graham. Schön, Sie kennenzulernen.“

Er ergriff ihre Hand. Ihre direkte Art schien ihm zu gefallen. Offenbar kannte Marion ihn tatsächlich recht gut.

Trotzdem fiel es Audrey schwer, nicht nervös zu werden.

Ihre Augen gewöhnten sich an das Dämmerlicht in der Garage, und sie stellte fest, dass der Mann atemberaubend gut aussah.

Der Anzug war für seinen muskulösen Körper maßgeschneidert. Er hatte ein angenehmes Gesicht und einen zupackenden Händedruck, als er ihre Hand einen Moment lang festhielt, ehe er sie wieder losließ. Sein dichtes pechschwarzes Haar war makellos gekämmt. Kleine Lachfältchen umrahmten seine dunklen Augen, und er hatte ein einnehmendes Lächeln. Er schaffte es, gleichzeitig elegant, verwöhnt und dennoch durch und durch männlich auszusehen.

Sie hatte ihn für älter gehalten. Je mehr sich ihre Augen an das Dämmerlicht gewöhnten, umso jünger und besser sah er aus.

Audrey war perplex. In dieser schwerreichen Gegend hatte sie eher mit einem kahlköpfigen Sechzigjährigen als Villenbesitzer gerechnet statt mit solch einem Prachtexemplar von Mann.

Ein kahlköpfiger Sechzigjähriger mit einem Bierbauch wäre ihr allerdings auch recht gewesen. Vielleicht wäre das sogar besser gewesen …

„Miss Graham, Sie sind überpünktlich. Sehr schön. Leider habe ich heute Morgen nur wenig Zeit, aber das ist meistens der Fall. Wir sollten rasch zur Sache kommen.“

„Natürlich.“

„Momentan habe ich drei Probleme, Audrey. Darf ich Audrey sagen?“

„Bitte.“

„Gut. Nennen Sie mich Simon. Wie gesagt, drei Probleme. Ich mag keine Probleme. Zu meinem Job gehört es, Probleme zu lösen – und jetzt habe ich gleich drei davon.“

„Das tut mir leid.“ Was hätte sie auch sonst erwidern sollen?

„Das braucht es nicht. Ich zähle auf Sie, dass Sie sie lösen. Ihnen ist klar, dass Sie in meinem Haus leben müssen?“

„Ja.“

„Ausgezeichnet. Mein erstes Problem ist der Garten. Marion hat mir erzählt, dass Sie den schönsten Garten in ganz Mill Creek hatten.“

„Ich …“ Was antwortete man nun darauf? Sie entschied sich für: „Einigen schien er gefallen zu haben.“

„Sie hat mir die Adresse genannt. Ich bin neulich vorbeigefahren, um einen Blick darauf zu werfen. Nicht überladen, nicht zu … ordentlich. Groß und grün, selbst schon zu dieser Jahreszeit. Könnten Sie so etwas hier auch hinbekommen?“

„Klar. Aber Sie sollten wissen, dass ich keine gelernte Gärtnerin bin.“

„Das ist mir egal.“ Mit einer ausladenden Handbewegung deutete er über das Grundstück, während er sich in Bewegung setzte. Audrey folgte ihm. „Ich habe es bereits mit drei Landschaftsarchitekten versucht. Deren Pläne haben mir nicht gefallen. Die haben meine Zeit verschwendet. Sie haben Ihren Garten selbst geplant, gestaltet und gepflegt?“

„Ja.“

„Gut. So was Ähnliches möchte ich auch haben. Etwas ganz Normales. Nur keinen Firlefanz. Und verschonen Sie mich mit Einzelheiten. Ich möchte, dass Sie selbstständig arbeiten. Zeigen Sie mir einen Plan, machen Sie mir einen vernünftigen Kostenvoranschlag, und dann tun Sie, was Sie für nötig halten. Einverstanden?“

„Ja.“ Die Vorstellung, dass drei Landschaftsgärtner nicht in der Lage gewesen waren, seine Wünsche zu erfüllen, machte ihr Angst. Und jetzt erwartete er von ihr, dass sie alles zu seiner Zufriedenheit erledigte, obwohl sie gar keine Ausbildung hatte?

Außerdem flößte ihr seine bestimmende Art ein wenig Angst ein.

Er klang nicht unfreundlich … aber so, als erwarte er, dass jede seiner Bitte umgehend erfüllt wurde.

Als er unvermittelt stehen blieb, verlor sie beinahe das Gleichgewicht beim Versuch, ihn nicht anzurempeln. Rasch packte er sie beim Arm. „Entschuldigung.“ Er lächelte flüchtig, ließ sie sofort wieder los und trat einen Schritt beiseite.

Aus nächster Nähe betrachtet sah er sogar noch jünger aus.

Vielleicht lag es an den Lachfältchen in seinen Augenwinkeln, die ihn älter erscheinen ließen.

War er überhaupt schon vierzig?

Plötzlich hatte Audrey das unangenehme Gefühl, man könnte ihr jedes ihrer achtunddreißig Jahre ansehen, und einmal mehr wünschte sie sich, dass er bereits sechzig und kahlköpfig wäre.

Er zeigte mit dem Finger zu Boden. Nur wenige Zentimeter vor ihren Füßen tat sich ein großes Loch im Rasen auf.

„Das ist mein zweites Problem“, erklärte er.

„Ein Loch im Rasen?“ Verwirrt schaute sie ihn an.

„Sie sind überall. Auf dem ganzen Grundstück. Sie müssen aufpassen, wenn Sie über den Rasen laufen, dass Sie sich nicht die Knochen brechen. Wie der letzte Gärtner. Er versucht gerade, mich zu verklagen. Noch so eine Sache, für die ich überhaupt keine Zeit habe.“

„Oh.“ Audrey sah sich um. „Ich passe schon auf. Haben Sie Probleme mit Tieren?“

„Mit einem Hund.“ Er sprach es aus, als sei es etwas Bösartiges. „Er buddelt überall.“

Audrey verbiss sich ein Grinsen. Ein Hund konnte einen Mann seines Formats aus der Ruhe bringen? Also war er doch menschlich.

„Tyrannisiert von einem Hund.“ Es zuckte um seine Mundwinkel. „Ich weiß, wie lächerlich das klingt. Aber so ist es nun mal. Ich hasse den Hund. Der Hund hasst mich. Seit Wochen führen wir einen Krieg gegeneinander, den der Köter zu gewinnen scheint. Sie ahnen nicht, wie schwer es mir fällt, das zuzugeben …“

„Oh doch“, entgegnete Audrey verständnisvoll.

„Marion hat mir auch erzählt, dass Sie einen wohlerzogenen Hund haben.“

„Wir hatten eine wundervolle Hündin. Sie ist vor zwei Jahren gestorben.“

„Hat sie nichts in ihrem gepflegten Garten verbuddelt?“

„Sie hatte eine kleine Ecke, wo sie ihre Knochen vergraben durfte. Wären Sie damit einverstanden? Eine abgelegene Stelle, wo das Tier so etwas dürfte?“

Er seufzte. „Wenn es unbedingt nötig ist.“

„Ich denke schon.“

„Na gut“, antwortete er resigniert, als habe er soeben einen Vertrag unterschrieben, der ihn eine Million Dollar kostete. „Der Hund gehört meiner fünfjährigen Tochter Peyton. Sie liebt ihn mehr als mich – zurzeit jedenfalls. Mit dem Hund habe ich mir ihre Liebe zu kaufen versucht. Zugegeben, ich bin nicht stolz darauf, aber eine Zeit lang hat es funktioniert. Sie kommt jetzt gerne zu mir. Das Problem ist: Ihre Mutter erlaubt die Besuche nur am Wochenende. Aber der Hund ist die ganze Zeit hier. Ihre Mutter will ihn nicht bei sich zu Hause haben. Ich glaube, meine Exfrau will mich damit nur noch mehr quälen. Übrigens sehr erfolgreich, denn dieser Köter hat verheerende Schäden angerichtet.“

„Das tut mir leid.“ Erstaunlich, wie freimütig er über seine Schwächen sprach – das Mädchen, das er liebte, und die Frau, die ihm zusetzte. Die meisten Männer hätten das nicht getan, sondern sich als unbesiegbar dargestellt. Nun gut, da war etwas Einschüchterndes in seinem Auftreten, aber Audrey fand es auf merkwürdige Weise amüsant. Doch trotz allem schien er davon überzeugt zu sein, am Ende als Sieger aus dem Kampf hervorzugehen. Aus allen Kämpfen, die er auszufechten hatte.

Mal abgesehen von dem mit einem Hund.

„Er ist die ganze Zeit um mich herum“, beklagte er sich. „Gräbt Löcher. Frisst meine Socken. Hat meine Lieblingsschuhe angeknabbert, bellt rund um die Uhr und ist alles in allem eine ziemliche Plage. Ich glaube, er ist noch nicht mal stubenrein.“

Audrey nickte und hoffte, genauso ernst auszusehen, wie er das Problem nahm. „Haben Sie es mal mit einer Hundeschule versucht?“

„Drei Mal.“ Er schaute sie frustriert an.

Und sie hatten seine Zeit genauso verschwendet wie die bedauernswerten Gärtner. Wie mochte Simon Collier wohl reagieren, wenn er wirklich verärgert war? Wenn er es mit einem richtigen Problem zu tun bekam?

„Ich bin auch keine Hundetrainerin …“, begann Audrey.

Er warf ihr einen Blick zu, der dreierlei zu sagen schien: erstens: Das weiß ich schon. Zweitens: Darüber haben wir schon geredet, und es ist mir egal, ob Sie eine entsprechende Ausbildung haben. Drittens: Ich möchte mich nicht wiederholen.

„Gut. Ich soll also auch den Hund erziehen“, sagte Audrey ergeben.

Er nickte, zweifellos froh darüber, dass er sich nicht zu wiederholen brauchte und sie nicht noch mehr von seiner kostbaren Zeit verschwendete.

„Außerdem frisst er auch die Büsche an.“ Er zeigte auf eine bedauernswerte Azalee, offenbar das jüngste Opfer des Hundes. „Er frisst Ranken, Blumen … einfach alles. Oder er reißt die Pflanzen aus der Erde und vergräbt sie anderswo. Das müssen Sie auch unterbinden.“

„Hat der Hund auch einen Namen?“, wollte Audrey wissen.

„Wie ich ihn nenne, möchte ich Ihnen lieber nicht sagen“, antwortete er trocken.

Audrey musste grinsen. Ob er doch jünger war, als er aussah? Achtunddreißig? Sechsunddreißig?

Plötzlich kam sie sich ganz alt vor und beneidetet ihn um sein Selbstbewusstsein, seinen Einfluss, seinen Reichtum und die Sicherheit, die ihn wie eine Aura umgaben. Sie schienen zu sagen: Ich bin auf nichts und niemanden angewiesen. Meine Zukunft liegt allein in meiner Hand.

Es war die Art von Sicherheit, die einem niemand nehmen konnte.

Wie mochte sie sich wohl anfühlen?

„Wie nennt Ihre Tochter den Hund denn?“, versuchte sie es erneut.

Angewidert verzog er das Gesicht, ehe er antwortete. „Tinkerbell ist sein voller Name.“

Wieder musste Audrey sich das Lachen verbeißen.

Seine Lippen wurden eine schmale Linie. „Wir haben uns auf Tink geeinigt. Angesichts seines Charakters scheint uns dieser Name besser zu passen.“

Audrey traute sich nicht, etwas zu erwidern.

„Wahrscheinlich muss ich Sie beide erst miteinander bekannt machen, ehe Sie Ihre Zustimmung geben.“ Erwartungsvoll schaute er sie an.

Vielleicht hoffte er, dass sie auf ein Kennenlernen verzichtete? Sollte sie sich darauf einlassen? Brauchte sie den Job wirklich so dringend? Leider ja.

Noch ehe sie etwas erwidern konnte, ergriff er erneut das Wort. „Meine geschäftlichen Erfahrungen sagen mir, dass ich Ihnen den Job erst noch auf andere Weise schmackhaft machen sollte, ehe Sie den Hund kennenlernen. Soll ich Ihnen das Apartment zeigen?“

„Bitte.“

Er hob den Arm und zeigte in die Richtung, aus der sie gekommen waren. „Dann kann ich Ihnen auch noch gleich von meinem dritten Problem erzählen. Meine Haushälterin. Miss Bee. Ich bete sie an.“

„Wirklich?“ Er mochte jemanden! Was für eine Überraschung.

„Ja.“ Einen Moment lang sah es so aus, als wollte er wirklich lächeln. „Man hat Ihnen vielleicht erzählt, dass ich … schwierig bin. Fordernd. Uneinsichtig. Dass keine Frau es mit mir aushalten könnte. Das stimmt aber nicht. Miss Bee und ich kommen ausgezeichnet miteinander aus.“

Die Leute redeten also über Simon Collier, und das gefiel ihm offensichtlich nicht. Audrey überlegte, ob sie ihm verraten sollte, dass sie nichts auf Klatsch gab.

Obwohl sie ihn gerade erst zehn Minuten kannte, war sie bereits davon überzeugt, dass es keine Frau an seiner Seite leicht haben würde. Sie hatte bereits herausgefunden, dass er sehr anspruchsvoll war, geradezu perfektionistisch veranlagt, und wohl schon im Kindergarten den Ruf weghatte, nicht gerade ein anpassungsfähiger Spielpartner zu sein.

Vermutlich kennzeichnete das auch sein Verhältnis zu Frauen. Er wollte die Macht, und sie sollten sich unterwerfen.

In einer solchen Beziehung hatte Audrey auch einmal gelebt – und was war nun aus ihr geworden?

Aber hier ging es um ihn und Miss Bee.

„Das freut mich für Sie beide“, meinte Audrey.

Er lächelte ironisch. „Sie ist seit zehn Jahren bei mir. Viel länger, als meine Ehe gedauert hat als. Wir verstehen uns ausgezeichnet. Sie ist genau, umsichtig, ordnungsliebend. Sie führt mein Haus mit vollkommener Präzision. Alles in diesen vier Wänden ist ihr Wirkungsbereich. Sie dürfen ihr nicht widersprechen oder sich in ihre Angelegenheit mischen. Ich könnte mir ein Leben ohne sie nicht vorstellen. Ich möchte es auch gar nicht.“

„Natürlich“, sagte Audrey.

Was hatte sie mit seiner Vorliebe für seine Haushälterin zu tun?

„Leider hasst Miss Bee den Hund. Vermutlich noch mehr als ich“, fuhr er fort.

„Oh.“

„Sie hat gedroht zu kündigen, falls ich ihn nicht abschaffe. Ich habe schon mal überlegt, ob ich Peyton nicht erzählen soll, der Hund sei auf Nimmerwiedersehen verschwunden oder von einem Auto überfahren worden. Aber dann würde sie weinen, und das mag ich nicht. Ich will aber auch nicht auf Miss Bee verzichten.“

„Verstehe.“

„Ich habe ihr versprochen, jemanden zu finden, der sich um den Hund kümmert, damit sie nichts mehr mit ihm zu tun hat. Nur so konnte ich sie zum Bleiben überreden. Und nun kommen Sie ins Spiel. Sie werden darauf achten, dass der Hund Miss Bee nicht in die Quere kommt. Deshalb brauche ich jemanden, der hier im Haus wohnt.“

Sie gingen an der Garage vorbei, und er führte sie über eine seitlich am Haus gelegene Treppe in die erste Etage. Er öffnete die Tür und trat beiseite, damit sie als Erste hineingehen konnte.

Die Wohnung war L-förmig geschnitten und geschmackvoll, wenn auch spärlich möbliert. Sie bestand aus einem Wohnzimmer, einer Essecke und einer kleinen Küche. Offenbar hatte Miss Bee sich kürzlich hier zu schaffen gemacht, denn die Räume blitzten vor Sauberkeit. Der Parkettboden glänzte ebenso wie die Arbeitsflächen und Armaturen in der Küche.

Die Wände waren in einem fröhlichen Hellgelb gestrichen, und eine große Fensterfront gewährte einen Blick in den Garten.

Audrey schaute ins Schlafzimmer. Das Bad lag praktischerweise direkt daneben.

„Die vorherigen Besitzer hatten einen Sohn, der hier wohnte, als er nicht länger zu Hause leben wollte“, erklärte Simon. „Gefällt es Ihnen?“

„Es ist perfekt“, versicherte Audrey.

Wäre sie auf sich allein gestellt, hätte sie sich so etwas gar nicht leisten können.

„Also – sind Sie in der Lage, sich um den Garten zu kümmern und den Hund von Miss Bee fernzuhalten?“

Darüber brauchte sie gar nicht lange nachzudenken; schließlich wollte sie in der Nähe ihrer Tochter wohnen. Also holte sie tief Luft und antwortete mit fester Stimme: „Davon bin ich überzeugt.“

„Ausgezeichnet.“ Er nannte ihr die Summe, die er ihr zahlen wollte und die ihr angesichts der Tatsache, dass sie keine Miete zahlen musste, ausgesprochen fair erschien. „Wann können Sie anfangen?“

„Wann würde es Ihnen denn passen?“

„Am liebsten ab sofort – aber Sie müssen ja erst einmal Ihre Sachen hierher bringen. Wäre Ihnen morgen recht?“

„Brauchen Sie keine Referenzen oder Zeugnisse?“

Er schüttelte den Kopf. „Marion hat Sie empfohlen. Das reicht mir.“

Audrey zögerte. „Hat sie Ihnen auch erzählt … ich meine, wissen Sie …“

„Dass Sie einer ihrer Schützlinge sind? Dass Sie ein paar Probleme hatten und Ihr Leben wieder auf die Reihe kriegen wollen? Und dass Sie eine Weile bei ihr gewohnt haben?“

„Ja.“ Er hatte sich wirklich gründlich erkundigt.

„Waren Sie mal im Gefängnis?“, wollte er wissen.

„Nein.“

„Marion würde Sie nicht bei sich wohnen lassen, wenn Sie nicht clean wären oder … nun ja, die Einzelheiten gehen mich ja nichts an. Ich brauche nur jemanden, der sich um meine drei Probleme kümmert. Wollen Sie das für mich tun?“

„Ja.“

„Prima.“ Er drückte ihr die Wohnungsschlüssel in die Hand, drehte sich um und ging die Treppe hinunter. Dabei redete er noch immer mit ihr.

Audrey eilte ihm hinterher.

„Machen Sie sich selbst mit Miss Bee bekannt. Sie ist in der Küche und wartet auf Sie. Sie wird Sie über alles informieren.“

„Danke. Das ist nett.“

„Ich danke Ihnen. Sie werden mein Leben einfacher machen.“

Audrey nickte.

„Der Hund müsste jeden Moment zurück sein. Wir haben eine Hundesitterin engagiert in der Hoffnung, diese Woche irgendwie überstehen zu können. Ja, da kommen sie.“

Audrey folgte ihm die Treppe hinunter und blieb neben ihm stehen, als eine junge Frau in Shorts und T-Shirt die Auffahrt hinaufkam. Sie zog einen langhaarigen Hund mit schwarz-weiß geflecktem Fell hinter sich her, der etwa ein halbes Jahr alt war. Rastlos lief er hin und her und machte den Eindruck, als würde er am liebsten sofort den nächsten Spaziergang machen. Mit dem aufgerissenen Maul sah er aus, als ob er grinste.

Er war richtig süß.

Die junge Frau sagte „Guten Morgen, Mr Collier“, und wollte ihm die Leine übergeben. Aber er deutete auf Audrey.

Aufgeregt wedelte der Hund mit dem Schwanz. Dann richtete er sich bellend auf und stemmte die Vorderpfoten gegen Audreys Schenkel. Glücklicherweise reichte er ihr nicht bis ans Gesicht, um es abzulecken.

Simon Collier schnitt eine Grimasse. „Jetzt wissen Sie, was ich meine.“ Dann verabschiedete er die junge Frau.

Lächelnd packte Audrey die Pfoten und stellte den Hund zurück auf die Erde, ehe sie sich hinkniete, um Simon Colliers Nemesis auf Augenhöhe zu begegnen.

„Guten Tag, Tink.“

Tinks Grinsen wurde noch breiter. Der Hund legte seine zottige Pfote auf Audreys Knie und begann, ihr die Wange zu lecken.

Simon ließ einen angewiderten Laut hören.

„Wir werden gute Freunde sein“, flüsterte Audrey dem Hund ins Ohr und hoffte, dass es stimmte. Schließlich hing ihr neuer Job davon ab.

Sie erhob sich. Freudig tänzelte Tink um sie herum, ohne jedoch an ihr hochzuspringen, was sie als Zeichen von Intelligenz interpretierte. Außerdem schien er ihr gefallen zu wollen.

„Sie haben doch hoffentlich nicht Ihre Meinung geändert?“

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