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Zwei Herzen im Schnee: Zauber deiner Zärtlichkeit

Sherryl Woods

Zwei Herzen im Schnee: Zauber deiner Zärtlichkeit

Aus dem Amerikanischen von Erdmute Gabriel-Seter

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Alle Rechte, einschließlich das des vollständigen oder

auszugsweisen Nachdrucks in jeglicher Form, sind vorbehalten.

Der Preis dieses Bandes versteht sich einschließlich

der gesetzlichen Mehrwertsteuer.

Alle handelnden Personen in dieser Ausgabe sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen wären rein zufällig.

1. KAPITEL

Die untergehende Sonne spiegelte sich golden auf der Wasseroberfläche des breiten Flusses, ein atemberaubendes Naturschauspiel, wie für eine Ansichtspostkarte geschaffen. Doch der dumpfe Klang eines Schiffshorns entsprach eher Catherine Devlins trüber Stimmung.

Sie nippte an ihrem Glas Weißwein und versuchte sich zu erinnern, zu welchem Zeitpunkt ihr einst so bilderbuchmäßig verlaufendes Leben aus der Bahn geraten war. Wann hatte Matthew aufgehört, sie zu lieben, und angefangen, sich für andere Frauen zu interessieren? Jeder fand Mrs. Matthew Devlin reizend und charmant, doch niemand kannte Catherine wirklich. Ich bin mir ja selbst fremd geworden, dachte sie niedergeschlagen.

“Möchten Sie noch Kaffee?”

“Nein danke.” Catherine winkte dem Ober ab, ohne aufzusehen. Sie fühlte sich so trostlos und verlassen wie nie zuvor.

“Wirklich nicht?” Das klang enttäuscht. Catherine hob verwundert den Kopf. Sein Blick aus tiefbraunen Augen wirkte irgendwie herausfordernd.

“Der Kaffee ist ganz frisch.” Der Mann hielt ihr die Kaffeekanne direkt unter die Nase, das Aroma war verlockend.

Catherine atmete unwillkürlich tief ein und lächelte dann entschuldigend. “Ich trinke keinen Kaffee, nur Wein.” Dabei zeigte sie auf die unbenutzte Tasse neben ihrem Teller.

“Oh.” Der Mann blieb stehen und überlegte offensichtlich angestrengt, was er jetzt tun sollte.

Catherine fand seine Unentschlossenheit zwar sympathisch, aber gleichzeitig für einen Ober unpassend. “Sind Sie neu hier?”, fragte sie höflich. Obwohl sie ihm eigentlich nur die Peinlichkeit der Situation ersparen wollte, merkte sie, dass ihr die Unterbrechung guttat. Sie hatte es satt, mit ihren traurigen Gedanken allein zu sein.

“Sie haben’s erraten.” Der Mann wirkte sofort wieder zuversichtlich. “Sie sind die erste Person, die ich bediene.”

“Tatsächlich?”, fragte Catherine skeptisch. Dann musterte sie ihn genauer. Irgendetwas stimmte mit dem Mann nicht. Er war ungefähr fünfunddreißig Jahre alt, als Berufsanfänger also zu alt, wenn ihn nicht widrige Lebensumstände zu einem Berufswechsel gezwungen hatten. Das wiederum erschien ihr unwahrscheinlich. Der Mann wirkte außerordentlich selbstbewusst und erfolgsgewohnt. Sein Verhalten entsprach nicht dem eines gewöhnlichen Obers, obwohl er sich um einen beflissenen Tonfall bemühte. Catherine kam sich vor wie in einem schlechten Theaterstück mit falscher Besetzung.

“Ja, Sie sind mein allererster Gast”, bestätigte der Mann, “Wollen Sie wirklich keinen Kaffee?”

Catherine beschloss, das Spiel mitzuspielen, bis das Rätsel gelöst war. “Können Sie denn Kaffee einschenken, ohne etwas zu verschütten?”, fragte sie mit ernster Miene.

Der Mann lächelte übermütig, dabei bildete sich ein Grübchen auf seiner rechten Wange. “Eigentlich will ich mich nur länger mit Ihnen unterhalten.”

Diese herausfordernde Offenheit verschlug Catherine für einen Moment die Sprache. Die Ober in den Luxusrestaurants von Atlanta wagten niemals Annäherungsversuche bei den Gästen. Aber konnte sie das überhaupt beurteilen? Wann hatte sie jemals allein auswärts gegessen?

“Warum?”, fragte sie misstrauisch.

“Sie sind eine wunderschöne Frau. Sie sind allein. Und Sie sehen auffallend traurig aus. Sie brauchen jetzt unbedingt jemanden, der Sie aufheitert.”

“Sie sind wohl auf ein höheres Trinkgeld aus?”

Er schüttelte den Kopf und wirkte kein bisschen schuldbewusst. Dann beugte er sich zu ihr hinab. “Wenn Sie schwören, nichts zu verraten, mache ich Ihnen ein Geständnis.”

Das Gespräch verwirrte Catherine immer mehr, und zu ihrer Verwunderung hörte sie sich das Versprechen geben. Besser gesagt, glich es mehr einem feierlichen Eid. Seit ihrem zehnten Lebensjahr hatte sie so etwas nicht mehr getan. Aber es war verlockend, sich wieder jung zu fühlen und Geheimnisse zu teilen, vor allem mit einem Mann, der so unverschämt gut aussah wie dieser.

Er lächelte zufrieden. “Ich wusste, dass ich auf Sie zählen kann”, meinte er siegessicher. “Ich bin kein Ober. Ich habe mir die Kaffeekanne einfach vom Büffet geholt.” Er zeigte auf eine Anrichte in der Mitte des Restaurants, auf der Kaffeekannen, Gewürzständer, Silberbesteck und Servietten bereitgestellt waren.

Catherine ging auf seinen lockeren Tonfall ein. “Lassen Sie mich raten! Sie sind Kellnerlehrling und erhoffen sich eine Beförderung.”

“Falsch.” Er lachte. “Ich arbeite gar nicht hier.”

Catherine musterte die Hand, mit der er die Kaffeekanne hielt, und dann seine Kleidung. Er trug maßgeschneiderte Hosen. Das dezent gestreifte Hemd saß wie angegossen, die Manschetten waren mit einem Monogramm bestickt. Ihr Blick wanderte zu seinen Füßen. Die Schuhe sahen genauso aus wie das letzte Paar, das sie für Matthew gekauft hatte. Es hatte ungefähr zweihundert Dollar gekostet. Solche Schuhe konnte sich kein Ober leisten.

“Also gut.” Catherine bemühte sich, ernst zu bleiben. “Die Stunde der Wahrheit ist gekommen. Was wollen Sie wirklich?”

Er tat, als ob er schüchtern wäre, und das passte nun überhaupt nicht zu ihm. Er schien vielmehr der Typ zu sein, der es sonst nicht nötig hatte, Erklärungen abzugeben.

“Ich aß allein dort drüben.” Er zeigte auf einen Tisch, der gerade abgedeckt wurde. Über der Stuhllehne hingen das passende Jackett zu seiner Hose und eine Krawatte. “Ich sah Sie hereinkommen und wusste sofort, dass ich Sie kennenlernen muss. Weil Sie aber nicht der Frauentyp sind, der sich von Fremden ansprechen lässt, kam ich auf den Trick mit der Kaffeekanne.”

“Das war äußerst mutig”, bemerkte Catherine trocken. Sie war überrascht, wie anregend sie den unerwarteten Flirt fand. Seit einer Ewigkeit hatte niemand mehr gewagt, mit ihr zu flirten, höchstens in volltrunkenem Zustand. Matthew war viel zu besitzergreifend gewesen. Dieser Mann hier scherte sich offenbar nicht um Konventionen und fand sie interessant. Wie sollte sie da in ihrer momentanen Stimmung widerstehen?

Catherine sah ihn fest an. “Was für ein Frauentyp bin ich denn?” Sie wartete neugierig auf seine Antwort. Die Scheidungspapiere in ihrer Handtasche besagten, dass sie keine Ehefrau mehr war. Aber wer war sie ohne diese Rolle? Vielleicht half die Objektivität dieses Fremden ihr weiter.

“Eine Frau mit Stil und Ausstrahlung”, urteilte er ohne zu zögern. “Sehr kultiviert und beherrscht. Vielleicht ein bisschen einsam.”

“Interessant.”

“Warum? Habe ich so falsch getippt?”

“Nein. Zumindest nicht, was den letzten Punkt betrifft.” Catherine seufzte.

“Wollen Sie darüber sprechen?”, schlug er spontan vor.

“Mit Ihnen?”

“Warum nicht? Ich bin hier, habe den ganzen Abend Zeit und sogar eine Kanne voll Kaffee, die wir uns teilen könnten. Was wollen Sie mehr?”

Catherine musste lachen. Er verstand es, sie aufzuheitern. Allerdings musste sie sich erst daran gewöhnen, dass sie frei und ungebunden war. Sie konnte jetzt tun und lassen, was sie wollte. Also gab sie sich einen Ruck und nickte. “Sie haben recht. Warum eigentlich nicht?”

Der Mann holte Jackett, Krawatte und eine Tasse vom Nachbartisch. Dann schenkte er Kaffee ein und setzte sich Catherine gegenüber.

“So”, begann er und blickte ihr geradewegs in die Augen. Das hatte Matthew, seit er sie betrog, nicht mehr gewagt. Die Art, wie dieser Mann seine Gedanken offen und ohne Ausflüchte äußerte, gefiel Catherine. Außerdem schien er ihre Geschichte wirklich hören zu wollen, und das schmeichelte ihrem angeschlagenen Selbstbewusstsein. “Erzählen Sie mir, warum eine so schöne Frau wie Sie einsam ist”, forderte er sie auf. “Doch vorher möchte ich Ihren Namen wissen.”

“Catherine.” Sie fühlte sich so aufgeregt und verlegen wie ein Teenager. Das war ihr seit Jahren nicht mehr passiert. Im Gegenteil, normalerweise beherrschte sie die Kunst des Small Talks mit Fremden perfekt. Sie brauchte nur an die zahllosen Wohltätigkeitsveranstaltungen und Nachmittagstees zu denken, die sie jahrelang erfolgreich organisiert hatte. Aber dieser Mann kam ihr gar nicht wie ein Fremder vor. Sie lagen auf der gleichen Wellenlänge, das spürte Catherine. Er wollte sie näher kennenlernen und sah die attraktive Frau in ihr, nicht die sitzen gelassene, geschiedene Mrs. Matthew Devlin.

“Und weiter?”, ermutigte er sie. “Wer sind Sie, Catherine, und warum sitzen Sie allein hier?”

“Um es mit einer abgedroschenen Phrase zu sagen: Heute ist der erste Tag vom Rest meines Lebens.”

“Sie lassen sich scheiden!”

Catherine sah ihn verblüfft an.

“Keine Angst, ich bin kein Hellseher.” Er schmunzelte. “Aber Sie drehen so nervös an Ihrem Ehering, als ob Sie nicht entscheiden könnten, ob Sie ihn abnehmen oder anbehalten sollen. Das ist ein untrügliches Zeichen.”

Catherine streckte die Hand aus und versuchte, den prächtigen Diamanten in der schmalen Goldfassung nüchtern zu betrachten. Es gelang ihr nicht. “Ich mag nicht, was er repräsentiert”, gestand sie, “aber ich liebe den Ring trotzdem. Ist es nicht lächerlich, so an einem Schmuckstück zu hängen?”

Matthew hätte wahrscheinlich verständnislos gelacht und die Frage als typisch weibliche Eitelkeit abgetan, aber dieser Mann nahm sie ernst. “Es kommt auf den Grund an”, meinte er.

“Wir haben den Ring mit einem Stein anfertigen lassen, der meiner Urgroßmutter gehörte”, erzählte Catherine. “Nana Devereaux war eine wundervolle alte Lady. Sie starb mit siebenundachtzig Jahren. Das ist zehn Jahre her, und ich vermisse sie immer noch sehr.”

“Das kann ich verstehen, doch war es andererseits nicht ein schlechtes Zeichen, dass Ihr Ehemann Ihnen keinen neuen Ring kaufte?”

Die Kritik war nicht unberechtigt, trotzdem verteidigte Catherine ihren Exmann. “Damals nicht. Ich wollte diesen Ring wegen seines Erinnerungswertes haben. Außerdem beendete Matthew gerade sein praktisches Jahr in der chirurgischen Abteilung des Stadtkrankenhauses. Ich war knapp 21 Jahre alt und erst ein paar Tage mit dem College fertig. Wir waren froh, dass er das Aufgebot bezahlen konnte.”

“Aha, das typische Arztsyndrom. Sie hielten zu ihm und unterstützten ihn in den finanziell schwachen Jahren. Doch kaum warf die eigene Praxis Profit ab, und der Herr Doktor bekam einen Namen, als er Sie wegen einer Krankenschwester im Stich ließ.”

“Es war keine Krankenschwester”, verbesserte Catherine verwirrt. Was wusste dieser Mann eigentlich nicht?

“So?” Er zog die Augenbrauen hoch.

“Es war eine Kinderärztin.”

Er nickte, als wenn ihn das auch nicht überraschte. Dabei konnte er ein Lächeln kaum verbergen. “Verzeihung, ich vergaß die Errungenschaften der Emanzipation. Was hat denn diese Frau zu bieten, was Ihnen fehlt? Da kann ich mir beim besten Willen nichts vorstellen.”

“Eine Karriere.”

“Und das findet er attraktiv?”

“Das findet er vorteilhaft und bequem. Gleiche Interessen, gleiche Arbeitszeit. Und bestimmt gute Gelegenheiten, um es zwischendurch in der Umkleidekabine zu treiben.”

“Das klingt bitter.”

“Nein, darüber bin ich längst hinweg. Ich fühle mich auch nicht mehr wie betäubt. Ich habe nur noch Angst vor der Zukunft.” Catherine wunderte sich, wie sie ihre Gefühle so preisgeben konnte. Für gewöhnlich wahrte sie die äußere Form und ließ niemanden näher an sich herankommen. Matthew hatte großen Wert auf die Einhaltung strikter Gesellschaftsregeln gelegt, und so waren die meisten ihrer Freundschaften oberflächlich geblieben. Catherine merkte erst jetzt, wie sie die Vertrautheit der Collegetage und den natürlichen Umgang mit Gefühlen vermisst hatte. Der Mann ihr gegenüber ermutigte sie durch seine mitfühlende Art, weiterzusprechen. Sein aufrichtiger Blick sagte ihr, dass sie ihm trauen konnte.

“Ich weiß noch nicht, wie ich mein Leben jetzt einrichten soll”, fuhr Catherine fort. “Was tut eine zweiunddreißigjährige Frau, wenn sie zum ersten Mal in ihrem Leben wirklich auf sich selbst angewiesen ist?”

“Was haben Sie denn bisher getan?”

“Ich habe Spenden für den Ausbau der Kinderstation unseres Krankenhauses gesammelt”, erklärte Catherine ironisch.

“So, so”, sagte er ehrfürchtig, doch dabei zwinkerte er ihr belustigt zu. “Das ist zweifelsohne nicht mehr die passende Aufgabe für Sie.”

“Wie scharfsinnig!” Catherine zwang sich zu einem Lächeln.

“Haben Sie jemals gearbeitet?”, fragte er unverblümt.

“Ich habe zum Beispiel Bankette für fünfhundert Personen organisiert. Darin bin ich Profi. Außerdem kann ich Sponsoren überreden, ein paar tausend Dollar zu spenden. Das ist auch kein Kinderspiel.”

“Aber Sie übten keinen Beruf aus, und Arbeit zu wohltätigen Zwecken wird nicht als gleichwertig anerkannt”, bemerkte er einfühlsam.

“Genau.” Catherine musste sich zum ersten Mal nicht rechtfertigen. “Wie ich schon sagte, weiß ich noch nicht, was ich in Zukunft tun soll. Würden Sie mich einstellen, wenn Sie eine Firma hätten?”

Er nahm die Frage offensichtlich ernst und musterte sie prüfend. Catherine errötete unter seinem forschenden Blick. Da war neben dem kühlen Abwägen des Experten noch etwas, das ihr Herz schneller schlagen ließ. “Vielleicht”, sagte er schließlich.

Catherine wusste nicht, ob sie sich über seine vage Antwort ärgern oder sich freuen sollte, dass er die Möglichkeit überhaupt in Betracht zog. “Als was würden Sie mich denn einstellen?”, fragte sie neugierig.

“Als Mannequin.”

Catherine lachte amüsiert. “Das ist doch nicht ihr Ernst! Nach dem Trick mit der Kaffeekanne hätte ich etwas Originelleres von Ihnen erwartet.”

“Lachen Sie nicht.” Er sah sie unergründlich an. “Sie haben eine atemberaubende Figur, eine makellose Haut und geheimnisvolle, verführerische Augen – der Traum eines jeden Kameramannes.”

“Als Nächstes erzählen Sie mir, dass Sie einen Star aus mir machen könnten”, spottete Catherine.

“Das könnte ich wahrscheinlich”, behauptete er so selbstverständlich, dass es ihr für einen Moment den Atem verschlug. “Zumindest in der Werbebranche. Ich besitze eine Werbeagentur in New York. Ich vertrete eine Reihe von Produkten, die bestimmt reißenden Absatz erzielen könnten, wenn sie von einer Frau mit ihrem Stil und ihrer Eleganz präsentiert würden.” Er zeigte auf ihren Ehering. “Schmuck zum Beispiel.”

Catherine drehte die Hand, bis der Diamant im Kerzenlicht funkelte. “Warum sind Sie hier?”, wechselte sie das Thema. “Suchen Sie Schauplätze für eine Werbekampagne? Savannah ist eine wunderschöne Stadt.”

“Das stimmt, aber ich bin aus einem anderen Grund hier”, erzählte er bereitwillig. “Ich habe ein neues Produkt unter Vertrag genommen. Die Verhandlungen klappten schneller als erwartet, und eigentlich sollte ich schon auf dem Rückflug nach New York sein. Da ich aber ziemlich überarbeitet bin, beschloss ich, mir ein bisschen Ruhe zu gönnen und hier zu übernachten.” Ihre Blicke trafen sich. “Ich bin froh darüber.”

Catherines Puls raste. “Ich auch”, flüsterte sie und war schockiert über ihre Offenheit. War sie von Sinnen? Wo blieb ihre vornehme Zurückhaltung? Die ungezwungene Atmosphäre des Gesprächs weckte lang verborgene Bedürfnisse. Sie brauchte diesem Mann keine Rolle vorzuspielen, und seine Herzlichkeit war echt.

“Sind Sie mit dem Essen fertig, Catherine?”, fragte er.

Sie blickte auf den Krabbencocktail, in dem sie nur herumgestochert hatte, und nickte. “Ich bin nicht hungrig.”

“Dann lade ich Sie zu einem Spaziergang am Fluss ein. Hinterher bestelle ich Ihnen ein Taxi zu Ihrem Hotel.”

Catherine dachte automatisch an die obligatorischen Warnungen. Eine Frau allein ging niemals mit einem Fremden. Doch alles zog sie unwiderstehlich zu diesem Mann hin. Sie wusste instinktiv, dass er ihr nie etwas antun würde.

“Wenn Sie den echten Kellner herbeirufen würden, könnte ich bezahlen. Ich begleite Sie gern.” Catherine kam sich sehr mutig vor.

“Ich werde die Rechnung begleichen.”

“Nein, das lasse ich nicht zu”, protestierte sie. Schließlich hatte sie ihren Stolz.

“Ich akzeptiere kein Nein. Eines Tages können Sie sich bei jemandem revanchieren, der auch allein ist.”

Der Mann zahlte und führte Catherine aus dem Restaurant über die gepflasterte Straße zur Flusspromenade. Eine leichte Brise frischte die milde Abendluft auf. Am samtblauen Himmel glitzerten Sterne. Sie wanderten schweigend am Flussufer entlang und ließen die märchenhafte Abendstimmung auf sich wirken. Die Stille war genauso angenehm wie das Gespräch vorher. Trotzdem wuchs mit jedem Schritt eine erwartungsvolle Spannung. Catherines Herz schlug wie im Tangorhythmus.

Endlich hielt sie es nicht länger aus und zwang sich zu einer unverfänglichen Frage: “Sie stammen nicht von hier, oder täusche ich mich?”

Er verstand ihr Ablenkungsmanöver und ging darauf ein. Jetzt war er an der Reihe, von sich zu erzählen. “Wie kommen Sie darauf?”, antwortete er zunächst mit einer Gegenfrage.

“Sie speisten allein.”

“Vielleicht gefällt mir das.”

“Mag sein. Ich glaube eher, dass ein Mann wie Sie in gewohnter Umgebung keinen Mangel an weiblicher Begleitung hat. Gäbe es da zum Beispiel die Ehefrau?”

“Ist das eine doppeldeutige Frage?” Er sah sie herausfordernd an.

Catherine lächelte unergründlich. “Es wäre nur dann eine doppeldeutige Frage, wenn ich an Ihnen als Mann interessiert wäre”, behauptete sie. “Da wir aber Fremde sind, die sich zufällig begegnen, handelt es sich um simple Information.” Sie wartete gespannt auf seine Antwort.

“Aha, der feine Unterschied! Als Mann, der genaue Wortwahl schätzt, stimme ich Ihnen selbstverständlich zu.”

Catherine ließ sich nicht provozieren. “Sie haben meine Frage noch nicht beantwortet.”

“Vielleicht denke ich, wie Sie, nicht gern an mein Privatleben.” Er wurde ernst.

“Sind Sie etwa geschieden?”

“Das Verfahren läuft noch. Paula konnte meine zahlreichen Geschäftsreisen und Überstunden in der Firma nicht mehr ertragen. Sie fühlte sich vernachlässigt.”

“Also hat Sie Ihnen ein Ultimatum gestellt?”

“Nein, kein Ultimatum. Sie hat mir ohne viel Worte den Laufpass gegeben. Sie ist der Meinung, dass sich sowieso nichts ändern lässt.”

“Weil die Arbeit Ihnen wichtiger ist als sie?”, fragte Catherine aufmerksam.

“So sieht sie es.”

“Und stimmt es?”

Er schwieg eine Weile. Offenbar bemühte er sich um eine ehrliche Antwort. “Ich wünschte, ich könnte Nein sagen”, gestand er schließlich. “Aber ich weiß es einfach nicht. Ich habe sie geliebt, und ich vermisse die Kinder. Das ist das Schlimmste: von meinen Kindern getrennt zu leben.”

“Warum versuchen Sie nicht, Ihre Frau zurückzugewinnen?”

“Wäre es fair, wenn ich nicht versprechen kann, mich zu ändern?”

“Aber das wissen Sie doch gar nicht! Sie haben es noch nicht versucht.”

Er seufzte. “Besagt das nicht alles? Als es darauf ankam, war meine Liebe nicht groß genug. Paula verdient etwas Besseres als mich. Sie ist eine fabelhafte Frau.”

Im matten Licht der Promenadenbeleuchtung entdeckte Catherine Traurigkeit und Bedauern in seinem Blick. Sie wollte instinktiv die Hand ausstrecken und seine Wange berühren, aber sie hielt sich zurück. “Wenigstens sind Sie nicht stolz auf Ihren Entschluss”, sagte sie leise.

“Das bin ich wirklich nicht”, erklärte er. “Wenn ich die Zeit zehn oder fünfzehn Jahre zurückdrehen könnte, würde ich vieles anders machen. Jetzt muss ich mich mit der Gegenwart abfinden.”

“Jeder Tag ist ein neuer Anfang. Am besten ist es, die Realität ungeschminkt zu akzeptieren und anschließend zu ändern, was einem nicht gefällt. Ich versuche es. Deshalb bin ich nach Savannah gekommen.” Wenn ich doch wirklich so zuversichtlich wäre! dachte Catherine.

“Warum ausgerechnet hier?”, wollte er wissen.

“Vor meiner Heirat träumte ich davon, Städtebau mit dem Schwerpunkt Restauration zu studieren. Es gibt nur ein College, das diese spezielle Fächerkombination anbietet, und zwar hier in Savannah.”

“Haben Sie sich schon eingeschrieben?”

“Ich war heute da und bin verunsichert. Die Studenten sind alle so jung.”

Er wollte etwas entgegnen, doch sie kam ihm zuvor. “Sagen Sie jetzt nicht, dass man so alt ist, wie man sich fühlt.”

“Aber es stimmt, Catherine.”

“Ich glaube, es gibt für alles einen passenden Zeitpunkt. Für mich ist es zu spät, noch einmal mit einem Studium anzufangen.”

“Geben Sie nicht so schnell auf!”, beschwor er sie. “Stellen Sie sich vor, wie Ihre Kommilitonen von Ihrer Lebenserfahrung profitieren könnten.”

“So habe ich das noch nicht gesehen.” Catherine lächelte zaghaft.

Er blieb stehen und drehte sie zu sich herum. “Ich habe eine Idee. Lassen Sie uns einen Pakt schließen!”

“Einverstanden.” Sie war ganz in seinem Bann.

“Dann wiederholen Sie: Ich schwöre bei meiner Ehre …”

“Ich schwöre bei meiner Ehre …”

“dass ich im kommenden Jahr …”

“dass ich im kommenden Jahr …”

“herausfinden will, wer ich bin und was ich wirklich will. Keine halben Sachen, keine Torschlusspanik und keine Kompromisse anderen zuliebe.”

Catherine wiederholte den Schwur wie hypnotisiert.

Ihre Blicke trafen sich. Er sah sie voller Sehnsucht an und doch, als wäre sie für ihn unerreichbar. Dann senkte er langsam den Kopf, bis sich ihre Lippen berührten. Er küsste sie sehr zärtlich und zog sie sanft an sich. Dann wurde der Kuss leidenschaftlicher, und Catherine drängte sich instinktiv an ihn, obwohl die widersprüchlichsten Gefühle sie bewegten. Ich werde diesen Augenblick nie vergessen, dachte sie atemlos. Aus der zufälligen Begegnung zweier Fremder ist ein schicksalhaftes Treffen geworden.

Er löste sich schließlich widerstrebend von ihr. “Ach, Catherine, wenn die Dinge nur anders wären”, sagte er rau.

“Ist das alles?”, flüsterte sie kaum hörbar.

“Vielleicht nicht.” Er zögerte nur kurz. “Lass uns einen zweiten Schwur leisten, bevor ich dir ein Taxi bestelle.”

“Warum nicht.” Catherine bemühte sich um einen unverfänglichen Tonfall und wusste doch, wie schwer ihr der Abschied fallen würde. Schon wieder ein Abschied! Sie zwang sich trotzdem zu einem Lächeln.

“Es gibt ein Theaterstück, das du vielleicht kennst. Es handelt von einem Paar, das sich einmal pro Jahr trifft. Im Laufe der Jahre lernen die beiden sich gegenseitig besser kennen als ihre Partner, mit denen sie täglich zusammenleben.”

“Ja, das kenne ich.”

“Dann versprich mir, dass wir uns nächstes Jahr um dieselbe Zeit hier treffen, um festzustellen, wie unser Leben sich verändert hat.”

“Das verspreche ich.” Catherine träumte von einer Zukunft ohne unlösbare Probleme. Ob sie jemals zu erreichen war? In einem Jahr konnte so viel geschehen. Vielleicht würde sie die Enttäuschung über ihre gescheiterte Ehe überwinden und irgendwann in ihrem Herzen Platz für eine neue Liebe finden. Der Gedanke erregte und verwirrte sie gleichzeitig. Auf einmal kam ihr alles nicht mehr hoffnungslos vor.

“Ich werde auf dich warten, mit der Kaffeekanne in der Hand”, versprach er. Dann küsste er sie noch einmal, rief ein Taxi herbei, half ihr beim Einsteigen und ging unvermittelt fort.

Er war gerade noch in Hörweite, als Catherine einfiel, dass sie nicht einmal seinen Namen kannte. Sie bat den Taxifahrer, anzuhalten, riss die Autotür auf und rannte hinter ihm her. Er hörte ihre Absätze auf dem Kopfsteinpflaster klappern und drehte sich um. Catherine blieb stehen und kam sich plötzlich wie eine Närrin vor. Glaubte sie wirklich an ein Wiedersehen?

“Ich weiß nicht einmal deinen Namen”, sagte sie hilflos.

“Dominic, aber ich werde Nick genannt”, sagte er leise.

“Nick”, wiederholte sie. Der Name passte zu ihm. Sie lächelte so glücklich wie seit Wochen nicht mehr. Dann stieg sie wieder ins Taxi und winkte. “Bis zum nächsten Jahr.”

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