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Zwei Herzen im Schnee: Rendezvous mit dem Boss

Liz Fielding

Zwei Herzen im Schnee: Rendezvous mit dem Boss

Aus dem Amerikanischen von Melissa Granau

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Alle Rechte, einschließlich das des vollständigen oder

auszugsweisen Nachdrucks in jeglicher Form, sind vorbehalten.

Der Preis dieses Bandes versteht sich einschließlich

der gesetzlichen Mehrwertsteuer.

Alle handelnden Personen in dieser Ausgabe sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen wären rein zufällig.

1. KAPITEL

Maxim Fleming war wütend. Und seine Schwester am anderen Ende der Leitung wusste auch genau, warum.

„Ich bitte dich doch nur darum, mir eine Aushilfssekretärin zu besorgen, Amanda. Ich bin nicht schwierig.“ Er ignorierte das spöttische Lachen seiner Schwester. „Ich will nur jemanden, der seinen Job beherrscht.“

„Max …“

Aber er schnitt ihr ungeduldig das Wort ab. „Ist das so ein großes Problem?“

„Max, Darling …“

Er ignorierte weiterhin den warnenden Unterton in ihrer beschwichtigenden Stimme. „Jemand, der korrekt tippen kann, ein bisschen Stenografie …“

„Deine Vorstellung von ,ein bisschen‘ Stenografie entspricht leider weder meiner noch der von all den absolut kompetenten Sekretärinnen, die ich dir schon geschickt habe“, unterbrach sie ihn schroff. Dann seufzte sie leicht. „Heutzutage legt man auf Kurzschrift nicht mehr so viel Wert, Max …“ Jedenfalls galt das für die Mädchen, die sie ihrem Bruder bereits geschickt hatte. Sie und Max hatten eben völlig unterschiedliche Vorstellungen von den Fähigkeiten, die eine erstklassige Sekretärin besitzen sollte. „Wäre es nicht einfacher, wenn du – wie alle anderen im 20. Jahrhundert – endlich ein Diktiergerät benutzen würdest?“

„Willst du damit andeuten, dass die berühmte Garland-Agentur nicht in der Lage ist, eine fähige Sekretärin zu stellen, die stenografieren kann?“

„Das habe ich nicht gesagt, Max. Aber du musst mir schon ein bisschen Zeit geben. Deine Anforderungen sind einfach zu hoch.“

„Ich habe aber keine Zeit, und die Garland-Mädchen sind doch angeblich die besten“, erinnerte er sie. „Ich bin gern bereit, ein Topgehalt zu zahlen für eine Sekretärin, die richtig tippen kann und beim Steno eine Spur schneller ist, als wenn sie Langschrift schreiben würde. Das ist doch sicherlich nicht zu viel verlangt von Londons angesehenster Sekretärinnenagentur, oder?“

„Und außerdem bist du immer so ungeduldig“, fügte sie hinzu, ohne auf seine Frage einzugehen. „Allein in den letzten vierzehn Tagen hast du diverse von Londons besten Sekretärinnen zurückgeschickt.“

„Aha, von den besten!“ Wenn das die Besten waren, verzichtete er gern darauf, die anderen kennenzulernen.

„Bisher habe ich noch keine einzige Klage über meine Mädchen gehört. Ganz im Gegenteil, sie werden immer in den höchsten Tönen gelobt.“ Das war zwar richtig. Aber in den anderen Fällen hatte sie auch nie versucht, sowohl eine perfekte Sekretärin als auch passende Lebensgefährtin für den Kunden zu finden.

Max Fleming ließ einen für ihn charakteristischen verächtlichen Laut hören. „Deine Werbeabteilung hat gute Arbeit geleistet, da gebe ich dir recht. Jeder führende Manager ist heiß auf eins der fabelhaften Garland-Mädchen. Aber ich brauche solche Vorzeigedamen nicht, hin und wieder hätte ich gern etwas Solides. Jemanden mit Charakter.“

Du meine Güte! Sie mochte ja die Mädchen mehr nach ihrem Aussehen und Charme als nach ihren Fähigkeiten ausgesucht haben, aber so schlecht waren sie nun auch nicht. „Unsinn. Gib es zu, Max. Du bist das Problem! Warum sollen sich meine Mädchen mit deinen Launen und unmöglichen Arbeitszeiten abfinden?“

„Vielleicht wegen des Geldes, Schwesterherz? Oder hast du ihnen als Lohn nur in Aussicht gestellt, mein gebrochenes Herz zu heilen?“

„Du hast kein Herz.“

„Du weißt das, und ich weiß es auch. Aber wenn du es fertigbringst, ein Mädchen zu finden, das hinreichend schnell stenografiert, wer weiß, vielleicht bin ich dann zu jedem Opfer bereit.“ Er machte eine Pause. „Wenigstens bis es der Mutter meiner Sekretärin wieder besser geht. Es ist mir egal, wie die Aushilfe aussieht, und es interessiert mich wirklich nicht, mit wem sie zur Schule gegangen ist.“

„Max Fleming, du machst mich wahnsinnig.“

„Ich weiß“, sagte er barsch und unterbrach ihren Redefluss. „Meine Fehler sind bekannt. Wenn ich Besserung gelobe, schickst du mir dann jemand Geeigneten? Nur für ein paar Tage, bis ich den Bericht für die Weltbank fertig habe?“

„Ich sollte ihn dich selbst mit zwei Fingern tippen lassen, dann wärst du nicht so.“

„Kapitulierst du etwa?“

„Das hättest du wohl gern, großer Bruder. Also gut. Ich werde dir morgen jemanden schicken. Aber das ist deine letzte Chance. Wenn du das wieder vermasselst, stehst du allein da.“ Amanda Garland runzelte die Stirn, als sie den Hörer auflegte, und wandte sich dann ihrer eigenen Sekretärin zu. „Was um alles in der Welt soll ich nur mit ihm machen, Beth?“

„Vielleicht aufhören, die richtige Frau für ihn zu suchen, und dem armen Mann endlich eine kompetente Sekretärin schicken?“, schlug Beth grinsend vor. „Doch jemanden zu finden, der mit Lichtgeschwindigkeit stenografieren kann, dürfte schwieriger sein, als Ihren Bruder wieder vor den Altar zu bringen. Wir sind total ausgebucht.“

„Haben wir nicht kürzlich eine Bewerbung von einem Mädchen aus Newcastle bekommen, das erstaunlich schnell in Steno ist? „

„Mm, Jilly Prescott. Sie meinten doch, dass sie nicht wie ein Garland-Mädchen wirkt, Amanda“, sagte Beth zweifelnd und betrachtete kurz das Foto, bevor sie den Lebenslauf des Mädchens weiterreichte.

„Mein Bruder hat seinen Anteil an attraktiven Garland-Mädchen dieses Jahr gehabt. Er muss jetzt nehmen, was kommt.“

Beth sah nicht sehr überzeugt aus. „Sie ist schrecklich jung. Sie wird nicht lange bei ihm überleben.“

„Vielleicht“, sagte Amanda Garland nachdenklich. „Vielleicht auch nicht. Er glaubt, dass sich unsere Mädchen mehr um ihr Äußeres als um ihre Arbeit kümmern.“

„Das kommt, weil Sie ihm immer nur die gut Aussehenden geschickt haben.“

„Na ja, das wird er von Jilly Prescott nicht sagen können.“ Sie betrachtete das Foto einer durchschnittlich aussehenden jungen Frau mit einem Wust von dichtem schwarzem Haar, mit dem man auch eine Matratze hätte füllen können. „Er möchte jemanden mit Charakter.“ Sie sah nachdenklich zu Beth hinüber. „Frauen aus dem Norden sind angeblich charakterstark, oder?“

„Wenn Sie meinen, dass Ihr Bruder zu Kreuze kriechen wird, Amanda, dann kennen Sie ihn nicht so gut, wie Sie glauben.“

„Es ist einen Versuch wert.“ Amanda lächelte bei der Vorstellung, was so ,ein bisschen‘ Charakter in der wohlgeordneten Welt ihres Bruders bewirken würde. „Prüfen Sie ihre Referenzen. Wenn sie etwas wert sind, rufen Sie sie an, und sagen Sie ihr Bescheid, dass sie morgen früh hier sein soll.“

Jilly Prescott wählte die Nummer ihrer Cousine. Es klingelte drei Mal, bevor sich ein Anrufbeantworter meldete. „Hallo, hier ist Gemma. Ich kann gerade nicht ans Telefon kommen, aber wenn Sie mir Namen und Rufnummer hinterlassen, rufe ich zurück.“

„Mist!“ Jilly strich sich eine Strähne ihres dunklen Haars aus der Stirn.

„Probleme, mein Schatz?“, fragte ihre Mutter, die ungeduldig an der Tür stand. Sie hasste es, wenn jemand lange Ferngespräche führte, und sie wollte sicher sein, dass Jilly sich kurz fasste.

„Nein, nein. Ich habe nur ihren Anrufbeantworter dran, das ist alles“, erwiderte Jilly und wartete auf den Piepton. „Gemma, hier ist Jilly. Wenn du da bist, nimm bitte ab. Es ist wichtig.“ Sie zögerte einen Moment und hoffte auf die unwahrscheinliche Chance, dass ihre Cousine zu Hause war. Warum war Gemma ausgerechnet heute Abend nicht da? Schließlich hinterließ Jilly ihre Nachricht: „Ich rufe dich nur an, um dir zu sagen, dass ich jetzt einen Job in London habe. Ich nehme den ersten Frühzug nach King’s Cross. Ich melde mich wieder, wenn ich in London bin.“ Sie legte auf und drehte sich zu ihrer Mutter um. „Es ist alles in Ordnung“, behauptete sie zuversichtlicher, als sie war. „Gemma hat immer gesagt, dass ich jederzeit bei ihr wohnen kann.“

Ihre Mutter blickte skeptisch. „Ich weiß nicht recht, Jilly. Was ist, wenn sie verreist ist?“

„Natürlich ist sie nicht verreist. Es ist Januar, wohin sollte sie schon im Januar gefahren sein? Ich nehme an, sie ist einkaufen. Sie wird später anrufen und wenn nicht, habe ich immer noch ihre Büronummer. Das geht in Ordnung, wirklich.“ Die Garland-Agentur war die beste ihrer Art in London, und die Leute dort wollten sie, und zwar schon am nächsten Tag, und wer weiß, wann sie jemals wieder so eine Chance bekommen würde. „Ich werde jetzt lieber weiter packen.“

„Gut, dann bügle ich deine beste Bluse noch einmal auf“, sagte Jillys Mutter. Jilly wusste, ihre Mutter wollte nicht, dass sie ging, und erst recht nicht, dass sie mit Gemma zusammen war. Jillys Mutter brauchte jetzt Ablenkung, um damit fertigzuwerden.

„Ich möchte nicht wissen, wie du aussiehst, wenn du dich selbst um deine Sachen kümmern musst!“

„Das schaffe ich schon.“

„Wirklich?“

„Ich bügle meine Sachen seit meinem zehnten Lebensjahr selbst, Mom.“

„Das habe ich nicht gemeint.“ Jillys Mutter machte eine Pause. „Versprich mir nur, wenn irgendetwas nicht klappt und Gemma dich nicht unterbringen kann, dass du dann sofort wieder nach Hause kommst.“

„Aber …“

„Es wird auch noch andere Jobs geben, Jilly“, unterbrach ihre Mutter sie und wartete einen Moment. Ein Versprechen ihrer Mutter gegenüber war für Jilly etwas, das sie nicht leichtfertig gab. Wenn sie versprach, nach Hause zu kommen, musste sie es tun, wenn etwas schiefging. Aber was sollte schon passieren?

„Ja, Mom, das verspreche ich.“

Beide schwiegen einen Augenblick. Dann fragte Jillys Mutter nachdenklich: „Du wirst sicher auch bei Richie Blake vorbeischauen, oder?“

„Ja, wahrscheinlich“, sagte Jilly so beiläufig wie möglich. Als würden beide nicht ganz genau wissen, dass sie, Jilly, nur seinetwegen nach London wollte.

„Na ja, er ist da jetzt ein ganz großes Tier. Vielleicht will er an seine Vergangenheit gar nicht erinnert werden.“

„Wir waren Freunde, Mom. Gute Freunde“, bemerkte Jilly leicht empört. Sie erinnerte sich immer noch an den Moment, an dem sie ihn zum ersten Mal gesehen hatte. Ein mitleiderregender Junge, klein für sein Alter, mit weißblondem Haar und einer Brille, die mit Klebeband zusammengehalten wurde. Eine Gruppe älterer Jungen hatte ihn ständig geärgert, und obwohl Jilly fast ein Jahr jünger war als er, hatte sie sich schützend vor ihn gestellt, den anderen furchtlos die Meinung gesagt und sich aufgeplustert wie eine Glucke, die ihr Küken verteidigte.

Danach war sie vernarrt in ihn gewesen. Vielleicht sah sie deshalb mehr in ihm als die anderen, eben etwas Besonderes.

Sie war diejenige gewesen, die das Festkomitee der Schulweihnachtsfeier überredet hatte, ihn als Discjockey zu nehmen. Sie hatte seine Fotos an die Lokalzeitungen geschickt, damit er kostenlos Werbung bekam. Sie hatte ihre Brüder dazu gebracht, auf ihren Computern Plakate zu entwerfen und Demobänder mit seinen ersten Moderationsversuchen aufzunehmen. Und dann hatte sie so lange die Radiostationen damit überschüttet, bis er schließlich für nicht mehr als ein Taschengeld in einer Jugendsendung seine erste Chance bekam.

Und sie hatte ihm auch das Geld für die Fahrkarte nach London geliehen, nachdem ihm ein Londoner Privatsender telefonisch einen Vertrag angeboten hatte.

„Du bist ein wundervolles Mädchen, Jilly“, hatte er gesagt, als sie wartete, dass der Zug losfuhr, und sich wünschte, mitfahren zu können. „Du bist die Einzige, die immer an mich geglaubt hat. Du bist die Beste. Ich werde dich niemals vergessen, das verspreche ich.“

„Sie haben unglaubliches Glück, so eine Chance zu bekommen, Jilly.“ Amanda Garland hörte sich skeptisch an.

Sie war offenbar nicht die Einzige, die Zweifel hatte. Doch im Gegensatz zu ihr hatten Jillys Bedenken nichts mit ihrer Fähigkeit zu tun, den Job zu meistern. Das beunruhigte sie ganz und gar nicht. Viel schlimmer war, dass Gemma sich noch nicht gemeldet hatte. Gleich nach ihrer Ankunft in London hatte Jilly ihre Cousine noch vom Bahnhof angerufen, aber wieder lief nur der Anrufbeantworter. Und das zu einer Zeit, zu der jedes berufstätige Mädchen, egal, wann es in der Nacht zuvor nach Hause gekommen war, sich langsam aus dem Bett gequält haben sollte.

Und nun, als wäre das nicht schon genug, saß sie auch noch einer Frau gegenüber, die sie erst in aller Eile aus Newcastle hatte kommen lassen und jetzt mit ihrer Entscheidung, Jilly den begehrten Job zu geben, offensichtlich nicht so recht glücklich zu sein schien. Sicherlich, ihre perfekt gebügelte Bluse – sie hatte am Bahnhof schnell ihre Jeans und den Pullover von der Fahrt gewechselt – machte nicht den von ihrer Mutter erhofften Eindruck. Aber in dieser kalten Glitzerwelt hätte alles, was sie besaß, schäbig ausgesehen.

Sie hatte ihr Bestes getan, um dem Bild einer intelligenten, effizient arbeitenden, gepflegten Sekretärin zu entsprechen – jedenfalls so gepflegt, wie es mit einer Haarmähne möglich war, die seit Jillys zehntem Lebensjahr keinen Haarschnitt von professioneller Hand mehr erfahren hatte. Jetzt trug Jilly ihr Haar als gedrehten, hochgesteckten Zopf. Einzelne lockere Strähnen hatte sie mit Haarkämmen befestigt. Aber wie sie so dasaß, spürte sie, dass sich ihre Kreation aufzulösen drohte.

Für ihre Heimatstadt hatte es genügt. Der Rechtsanwalt, für den sie gearbeitet hatte, bevor er vor wenigen Wochen in den Ruhestand ging, war sogar recht beeindruckt davon gewesen. Aber in der extravaganten Welt von Knightsbridge wurde schnell offensichtlich, was sie war: ein durchschnittliches Mädchen aus einer durchschnittlichen Kleinstadt aus dem Industriegebiet des Nordostens. Es brauchte mehr als eine gut gebügelte Baumwollbluse, eben mehr als Kleidung von der Stange, um diese Tatsache vergessen zu machen.

In Jeans, einem einfachen weißen T-Shirt und mit Pferdeschwanz hätte Jilly vermutlich einen besseren Eindruck gemacht. Für Mädchen wie Jilly war ein schlichter Stil besser als gar keiner. Nicht so für die Frau, der Jilly jetzt gegenübersaß an dem riesigen, makellos aufgeräumten Schreibtisch. Ihr glänzendes rabenschwarzes Haar war nach der neuesten Mode gestylt. Die zarten blassen Hände waren geradezu geschaffen für die erlesenen Diamantringe, die sie an den Fingern trug. Und das Etikett an ihrer Designerjeans zeigte deutlich, dass die Besitzerin nur in den teuersten Boutiquen Londons einzukaufen pflegte. Jillys Hose dagegen war eine, bei der man lieber gleich das Etikett herausschnitt, um bei den Freunden nicht an Ansehen zu verlieren.

Und nun sah Amanda Garland von der Garland-Agentur Jillys lange, gerade Nase an, und es schien, als könnte sie nicht recht glauben, dass sie Jilly Prescott überhaupt einen Job angeboten hatte – egal, wie brillant ihre Zeugnisse auch waren.

Und Jilly konnte es auch nicht glauben, jetzt, mit Blick auf all die teuren Möbelstücke, den dicken Teppich und die Powerfrau vor sich, wie sie sie nur aus amerikanischen Seifenopern kannte.

In der Bücherei ihrer Heimatstadt hatte sie sich aus den Tageszeitungen Londons Agenturen herausgesucht, die Zeitarbeit für Sekretärinnen anboten. Dann hatte sie allen ihren Lebenslauf geschickt und gehofft, dass jemand hinreichend beeindruckt von ihren Qualifikationen wäre, um ihr eine Chance zu geben. Schließlich waren ihre Zeugnisse hervorragend.

Jetzt aber beschlich sie das Gefühl, dass es vielleicht nicht so weit her war mit ihr. Doch ihr Newcastle-Stolz ließ sie gar nicht erst in Erwägung ziehen, dass sie vielleicht in allem nur die zweite Wahl war und deshalb sofort die Flucht ergreifen sollte. Ihr Stolz und Richie.

„Enormes Glück.“ Amanda Garland begann, Jilly ärgerlich zu machen. Glück, dachte sie, während sie insgeheim die Schultern straffte, Glück hatte damit nun wirklich nichts zu tun. Das war harte Arbeit.

Immerhin hatte sie an der Königlichen Akademie der Künste das Sekretärinnen-Diplom mit Auszeichnung bestanden, eine Leistung, an der auch die Amanda Garlands dieser Welt nicht vorbeikamen. Doch Jilly wusste auch, dass bei ihrer Bewerbung ihr außergewöhnliches Steno-Zeugnis den Ausschlag gegeben hatte. Kaum jemand schaffte es, hundertundsechzig Silben pro Minute zu stenografieren und fehlerfrei in Maschinenschrift zu übertragen.

„Gut. Ich werde Sie nicht länger aufhalten. Ich habe Max gesagt, dass Sie heute noch bei ihm anfangen können. Haben Sie schon eine Unterkunft, Jilly?“, fragte Amanda, wobei sie einen Blick auf Jillys Koffer warf.

„Ich wohne bei meiner Cousine, bis ich etwas Passendes gefunden habe. Da fällt mir ein, ich müsste sie mal anrufen, um ihr zu sagen, dass ich angekommen bin …“ Sie hatte schon viel früher fragen wollen, ob sie einmal telefonieren dürfe, doch die Sekretärin hatte Jilly sofort zu Amanda geführt. Und später hatte Jilly andere Dinge im Kopf gehabt.

Amanda Garland blieb an der Tür stehen. „Vielleicht sollte ich Sie warnen, Jilly. Max ist ein sehr anspruchsvoller Arbeitgeber, und Unfähigkeit kann er nur schlecht ertragen.“ Und? Die Frage war Jilly deutlich im Gesicht geschrieben, denn Amanda fuhr fort: „Er ist verzweifelt und braucht jemanden, der wirklich gut stenografieren kann, sonst …“

„Sonst?“, wiederholte Jilly.

Die andere Frau hob verwundert eine Augenbraue. So viel Offenheit hatte sie nicht erwartet. „Sonst, um ehrlich zu sein, hätte ich Sie nicht für diese Position ausgewählt.“

„Sie nehmen wirklich kein Blatt vor den Mund“, erwiderte Jilly, die es endgültig leid war, dass man auf sie herabsah. Die Frau konnte ihren Job behalten. Es gab noch Hunderte von anderen Agenturen in London, und wenn sogar die Garland-Agentur bereit war, sie nur wegen ihrer Stenofähigkeiten aus Newcastle zu holen, dann sollte sie wohl auch woanders eine echte Chance haben. „Liegt es an meiner Kleidung?“, wollte Jilly mit der Direktheit wissen, für die die Leute aus ihrer Heimat bekannt waren. „Oder ist mein Akzent das Problem?“

Daheim behaupteten alle, sie würde piekfein sprechen, aber Jilly war vom Gegenteil überzeugt. Ihre Mutter hatte sie sogar zum Sprechunterricht zu einer Schauspielerin geschickt, die seit dem Krieg nicht mehr aufgetreten war. Allerdings wagte niemand zu fragen, seit welchem. Doch immer noch verriet Jillys Aussprache ihre Herkunft.

Ms Garlands Augen weiteten sich leicht, und sie verzog belustigt die Lippen. „Sie sind sehr direkt, Jilly.“

„Was sehr hilfreich ist, wenn man die anderen wissen lassen will, was man von ihnen denkt. Was denken Sie, Ms Garland?“

„Ich meine … ich meine, Sie werden es vielleicht schaffen, Jilly.“ Und schließlich wurde aus ihrem anfänglichen Schmunzeln ein breites Lächeln. „Und machen Sie sich keine Gedanken wegen Ihres Akzents – mein Bruder stört sich nicht dran. Ihm ist nur wichtig, wie gut Sie Ihren Job machen. Ich fürchte, er ist beinahe ein Ungeheuer, wenn es um die Arbeit geht. Es wäre mir lieber, wenn Sie etwas älter wären. Ich werfe Sie ja regelrecht ins kalte Wasser.“

Ihr Bruder? Jillys Wangen begannen zu glühen. Amanda Garland traute ihr zu, für Mr Garland zu arbeiten? „Oh“, sagte sie. „Ich dachte … “ Und dann lächelte sie plötzlich: „Kein Problem, Ms Garland, ich bin eine ziemlich gute Schwimmerin, Goldmedaille, Rettungsschwimmerurkunde. Und was mein Alter betrifft, ich werde jede Minute älter.“

Amanda Garland musste lachen. „Bewahren Sie sich Ihren Sinn für Humor, und hören Sie nicht auf Max’ Unsinn. Wenn er Sie anbrüllt, dann seien Sie einfach geradeheraus.“

„Keine Sorge, das werde ich. Außerdem hilft es ungemein, wenn Männer besonders schwierig sind, dass man sie sich nur nackt vorstellt.“ Amanda lachte so, dass sie husten musste. „Wie lange wird er mich denn brauchen?“, fragte Jilly, als Amanda wieder antworten konnte.

„Seine Privatsekretärin muss sich um ihre kranke Mutter kümmern, und wir haben keine Ahnung, wann sie wiederkommen wird.“ Ihre Miene wurde ernst. „Aber ein paar Wochen wird es wohl dauern, denke ich. Grübeln Sie darüber nicht nach. Wenn Sie für Max arbeiten können, dann können Sie es für jeden anderen auch. Mit Ihren Qualifikationen dürfte es kein Problem geben, Ihnen eine neue Stelle zu verschaffen.“

„Oh, gut. Na dann, danke schön.“

„Danken Sie mir jetzt noch nicht. Denken Sie nur daran, was ich Ihnen zum Thema ,Selbstbewusstsein‘ gesagt habe. Und nehmen Sie ein Taxi. Ich möchte nicht, dass Sie uns auf dem Weg nach Kensington verloren gehen.“

„Ich habe ein Ticket für …“, begann Jilly.

„Ich sagte, nehmen Sie ein Taxi, Jilly. Ich habe Max versprochen, dass Sie noch heute bei ihm sind, nicht erst, wenn es die öffentlichen Verkehrsmittel zulassen. Ich rufe ihn gleich an und sage ihm, dass Sie kommen.“

„Ja, aber …“

„Gehen Sie jetzt endlich!“ Als Jilly immer noch zögerte, sagte Amanda. „Das ist ein Notfall! Lassen Sie sich eine Quittung geben. Sie bekommen Ihr Geld schon von Max zurück.“

Jilly konnte es immer noch nicht fassen. Noch nie hatte ein Arbeitgeber sie so dringend gebraucht, dass er ihr das Taxi sogar bezahlen wollte. Wenn so die Arbeitswelt in London aussah, wunderte sie sich nicht mehr, dass es Gemma hier gefiel. Jilly nahm ihren Koffer in die eine Hand, hielt die Karte mit Max Flemings Adresse in der anderen und eilte hinunter auf die Straße, um eins dieser berühmten schwarzen Taxis heranzuwinken.

Das hatte sie schon tausendmal im Kino und Fernsehen gesehen, und sie konnte kaum glauben, dass sie es jetzt selbst tat. Den Koffer fest in der Hand, trat sie an den Gehsteigrand, hob die Hand und rief: „Taxi!“

Zu ihrem Erstaunen machte ein gerade vorbeifahrendes Taxi mitten auf der Straße kehrt. Der Fahrer hielt direkt neben ihr und riss die Tür auf. Es funktionierte! Sie kletterte auf den Rücksitz und lächelte zufrieden. Es war zwar ein schwacher Start gewesen, aber jetzt begann sie tatsächlich, das Ganze zu genießen.

Das Taxi hielt vor einem eleganten Haus in Kensington. Inmitten einer gepflegten Parkanlage wurde das Gebäude durch eine hohe Mauer vor neugierigen Blicken geschützt. „Da sind wir, Miss“, sagte der Fahrer und öffnete Jilly die Tür. Sie gab ihm, was er verlangte, und legte noch ein großzügiges Trinkgeld drauf. Er grinste sie an. „Danke. Brauchen Sie eine Quittung?“

„Oh, ja. Gut, dass Sie mich daran erinnern. Ich hab damit nicht so viel Erfahrung.“ Nachdem sie den Beleg bekommen hatte, ging sie auf das schwarz gestrichene Tor zu, das die Mauer teilte, und drückte auf die Klingel.

„Ja bitte?“, fragte eine Frauenstimme am anderen Ende der Sprechanlage.

„Jilly Prescott“, sagte Jilly energisch. „Ich komme von der Garland-Agentur.“

„Na wunderbar! Kommen Sie herein.“

Als der Summer ertönte, öffnete Jilly das Tor. Über einen geschmackvoll gepflasterten Gartenweg, vorbei an wertvollen Keramiktöpfen und einer kleinen Bronzenymphe, gelangte Jilly zu einem Haus mit einer prachtvollen Fassade.

Die grauhaarige Dame, die ihr geöffnet hatte, winkte sie eilig herbei. „Kommen Sie, Ms Prescott. Max wartet schon auf Sie.“ Sie führte Jilly durch eine weitläufige Eingangshalle, vorbei an einer gewundenen Treppe und blieb vor einer getäfelten Tür stehen. „Gehen Sie einfach hinein.“

Jilly stand an der Türschwelle zu einem kleinen, ebenfalls getäfelten Büro. Auf der gegenüberliegenden Seite stand eine Verbindungstür offen. Ein Mann sprach mit tiefer, ungehaltener Stimme. Offensichtlich telefonierte er, denn Jilly hörte sonst niemanden.

Sie blickte sich um. Auf dem Schreibtisch waren zwei Telefonapparate zu sehen sowie eine Gegensprechanlage, ein benutzter Stenoblock und ein Becher mit angespitzten Bleistiften. Auf einem speziell angefertigten Tisch dahinter standen ein hochmoderner Computer und ein ebenso neuer Drucker. Jilly fragte sich, mit welcher Software sie hier wohl arbeiten müsse. Also holte sie ihre Brille aus der Handtasche, setzte sie auf und lehnte sich vor, um den Computer anzuschalten.

„Harriet!“ Die körperlose Stimme hatte offensichtlich ihr Telefonat beendet. Jilly wandte sich sofort vom Computer ab, nahm den Stenoblock vom Schreibtisch und griff nach einigen Bleistiften. Schnell strich sie noch eine lose Haarsträhne zurück und stand auch schon an der Tür zum Nebenzimmer. Max Fleming wartete am Fenster und betrachtete den winterlichen Garten. Er drehte sich nicht um. „Ist dieses verdammte Mädchen immer noch nicht da?“, fragte er ungeduldig.

Was für ein hagerer Mann! dachte Jilly spontan. Viel zu dünn für seine Größe und erst recht für seine breiten Schultern. Das Jackett hing schlaff an ihm herunter. Er musste in letzter Zeit enorm abgenommen haben. Aber sein dunkles volles Haar war perfekt geschnitten, genau wie das seiner Schwester. Die feinen silbrigen Strähnen an den Schläfen ließen es sogar noch dunkler erscheinen.

Das war alles, was sie wahrnehmen konnte, bevor er gereizt mit seinem schmalen Ebenholzstock, auf den er sich gestützt hatte, auf den Fußboden klopfte. Dann drehte er sich halb um und nahm sie aus den Augenwinkeln wahr. Für einen Moment sagte er nichts, sondern starrte sie nur an, als könne er seinen Augen nicht trauen.

„Wer zum Teufel sind Sie denn?“, fragte er herrisch.

W

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