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Zwei Herzen im Schnee: Ein Prinz zum Fest

Susan Wiggs

Zwei Herzen im Schnee: Ein Prinz zum Fest

Aus dem Amerikanischen von Astrid Hartwig

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Alle Rechte, einschließlich das des vollständigen oder

auszugsweisen Nachdrucks in jeglicher Form, sind vorbehalten.

Der Preis dieses Bandes versteht sich einschließlich

der gesetzlichen Mehrwertsteuer.

Alle handelnden Personen in dieser Ausgabe sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit
lebenden oder verstorbenen Personen wären rein zufällig.

1. KAPITEL

“Hey, Riley! Gehst du zu dem Ball?”

“Brad, du kennst doch Riley”, mischte Derek sich ein. “Er kann mit Bällen nur etwas anfangen, wenn sie den Aufdruck ‘Wilson’ tragen.”

Jack Riley hatte die Füße auf einem Stapel Akten auf seinem Schreibtisch ausgestreckt. Er war in einen meditationsähnlichen Prozess versunken. Betrachtungen über seine abgewetzten Schnürstiefel. Nun blickte er auf. Der kleinste Weihnachtsbaum der Welt, dekoriert mit Gegenständen, die die Kinder im Heim gebastelt hatten, thronte auf seinem Monitor.

Wenn es nach ihm gegangen wäre, hätten sich der vollgestopfte Nachrichtenraum, die klingelnden Telefone, die grellen Leuchtstoffröhren mitsamt den beiden Quasselstrippen von Kollegen in Luft auflösen können.

“Sieh dir den Jungen doch an, Brad. Der alte Riley hat nichts anzuziehen.” Derek Crenshaw war ekelerregend stolz auf seinen Kaschmirpullover von Brooks Brothers, den seine allzu nachsichtigen Eltern ihm geschenkt hatten.

“Nicht so voreilig”, sagte Riley, während er sein graues CUNY-Sweatshirt kratzte. “In meiner Sporttasche habe ich noch einen Trainingsanzug.”

Seine Kollegen brachen in schallendes Gelächter aus. Schüler, die sich hier als Starreporter aufspielen, dachte Jack. Sie sind wirklich leicht zu amüsieren. Er faltete seine langen Beine unter dem Schreibtisch und griff nach dem Bleistift, der hinter seinem Ohr klemmte. Dann schob er seine Hornbrille mit den dicken Gläsern auf der Nase zurecht. Für einen Moment blieb sein Blick auf der edlen Einladungskarte haften, die auf dem Müllberg seines Schreibtisches obenauf lag. Irgendwo darunter vergraben lag ein nagelneuer Tintenlöscher, ein Geschenk von einem dankbaren Jungen, dem er einmal geholfen hatte und der dafür sein letztes Kleingeld mühsam zusammengekratzt hatte.

Jack schielte auf die cremefarbene Karte. Miss Madeleine Langston bittet um das Vergnügen Ihrer Gesellschaft … neun Uhr … im Dakota … Abendkleidung erbeten, schwarze Krawatte …

“Schwarze Krawatte”, murmelte er, während er seine Schirmmütze tiefer in die Stirn zog. Zweifellos betete Miss Madeleine Langston jeden Tag, dass Mr. Jack Riley vom Erdboden verschwand. Warum hatte sie ihn überhaupt eingeladen? Aus Mitleid? Hatte sie einen Schuldkomplex? Oder war sie einfach neugierig auf einen Niemand aus Brooklyn?

“Hey, Riley!”, sagte Derek, während er mit einem Marker in der Hand auf ihn zutrat. “Ich hätte da so eine Idee. Soll ich dir die schwarze Krawatte auf dein Hemd aufmalen?”

“Hey, Derek”, gab Jack zurück. Mühelos kopierte er den südkalifornischen Akzent seines Kollegen. “Ich hätte da so eine Idee. Soll ich dir die Kniescheibe brechen und dich in ein dunkles Loch werfen?”

Brad und ein paar der übrigen Kollegen brachen erneut in schallendes Gelächter aus.

“Bei der Arbeit, Gentlemen?” Diese Frage zerschnitt die ausgelassene Stimmung wie eine frisch geschärfte Messerklinge.

Die Eisvenus. Die Kristallgöttin. Der Fluch seines Lebens.

Seine Verlegerin.

“Jack gibt dem Artikel noch den letzten Schliff”, sagte Derek hastig, während er die Kappe auf den Marker steckte. Er ließ eine Mappe auf Jacks Schreibtisch fallen.

Madeleine Langston schwebte durch das Labyrinth der Schreibtische. Sie bewegte sich, als wäre die Anordnung der Tische und Stühle in dem gläsernen Nachrichtenraum in ihr Gehirn eingeprägt wie auf einem Computerchip.

Nach dem Tod ihres Vaters vor sechs Monaten hatte sie den Courier geerbt. Allgemein hatte man erwartet, dass sie sich würdevoll zurückzog und die Einnahmen hereinrollen ließ. Eine Zeit lang hatte sie das auch getan. Dann, etwa vor drei Wochen, hatte sie den unfähigen Chefredakteur entlassen und sich selbst zur Herausgeberin erklärt. Anscheinend hatte sie so schnell niemanden finden können, der ihre hohen Anforderungen erfüllte. Und deswegen traf sie, zum Leidwesen der gesamten Belegschaft, vorerst alle Entscheidungen selbst.

Bis letzte Woche hatte sie sich in den Redaktionsräumen nicht sehen lassen, sondern ihr steriles Büro eine Etage höher bevorzugt. Es war das zweite Mal, dass Jack sie aus der Nähe sah. Sie war beängstigend attraktiv und regte Jacks Fantasien in jeder Hinsicht an.

Weil er wusste, dass er sie damit reizen würde, legte er die Füße wieder auf den Schreibtisch und verschränkte die Hände hinterm Kopf, während er sie mit gesenktem Kopf unter dem Schirm seiner Mütze hindurch beobachtete.

Wie ein Marschflugkörper nahte Madeleine Langston. Sie war, wie Jack geschworen hätte, die einzige Frau in Manhattan, die den ganzen Tag lang einen elfenbeinfarbenen Wollanzug tragen konnte, ohne auch nur eine einzige Falte darin zu bekommen. Vielleicht weil ihr die Körperwärme fehlte. Sie war kalt wie Eis.

Was sie besaß, waren gutes Aussehen, Verstand und Geld. All das im Überfluss. In ihrer Gegenwart verspürte er den Impuls, die Finger zu kreuzen, um das Böse abzuwenden. Schlimmer noch. Er verspürte den Impuls, mit ihr schlafen zu müssen, bis sie um Gnade flehte … oder nach mehr verlangte.

Sie blieb vor seinem Schreibtisch stehen. Gelassen betrachtete er ihr fein geschnittenes Gesicht. Zarte Wangenknochen und eine Nase, die womöglich als Modell in der Schönheitschirurgie diente. Augen blau wie ein Pool. Hellblondes Haar, das peinlich exakt zu einer Art Makramee-Arrangement frisiert war.

Madeleine Langston legte den lackierten Zeigefinger an die Unterlippe und ließ ihn dort einen Moment lang ruhen, nur für den unwahrscheinlichen Fall, dass Jack ihr nicht seine Aufmerksamkeit schenkte. Dabei betrachtete sie den schiefen Miniatur-Christbaum auf seinem Monitor. Zweifellos war er ihr etwa so fremd wie Mondgestein.

Wenn sie darauf wartete, dass er aufstand oder seine Mütze abnahm, würde sie ihre Party am Abend verpassen.

“Der Finanzskandal bei der Abwasserwirtschaft?”, fragte sie. In ihrem geschliffenen Ostküstenakzent klang das Ergebnis einer seit Generationen hervorragenden Bildung mit. Jahre und Jahrzehnte in Marymount und Vassar.

Jack schenkte ihr sein arrogantestes Lächeln, während er sein vor einer Woche zum letzten Mal rasiertes Kinn rieb. “Warum engagieren Sie nicht endlich einen Chefredakteur, der über uns eigenwilligen Burschen die Peitsche schwingt?”

“Dies ist meine Zeitung, Mr. Riley, und ich schwinge die Peitsche, wie es mir gefällt.”

“Klingt kindisch, Miss Langston”, murmelte er. Er beugte sich vor und zog aus dem Stapel unter seinen Füßen eine Mappe hervor, die er ihr entgegenhielt.

Platin- und Edelsteinringe blitzten an ihren Händen auf, als sie die Mappe aufschlug. Eine leere Kartoffelchip-Tüte segelte zu Boden. Sie machte einen bewundernswerten Versuch, dies zu ignorieren, während sie den Text überflog.

Mit einem kaum merklichen Nicken klappte sie die Mappe wieder zu. “Und die Schuldebatte? Ich meine die Gesundheitsdebatte?”

Jack grinste. “Sie meinen die Diskussion darüber, ob an den Highschools Kondome verteilt werden sollen?” Mit Genuss bemerkte er die zarte Röte, die in ihre Wangen stieg. “Ja, damit bin ich fertig.” Ohne den Blick von seiner Chefin abzuwenden, drückte er eine Taste auf der Tastatur. Der Drucker neben seinem Schreibtisch warf eine Kopie des Artikels aus.

Ihre zarten Nasenflügel begannen zu flattern. “Mr. Riley, wie hat ein Mann mit Ihrem Charme es fertiggebracht, sich bisher noch keine nennenswerten Körperverletzungen zuzuziehen?”

Er grinste, während er mit dem kurzen Ringelzopf in seinem Nacken spielte. “Ich bin wahrscheinlich schnell genug auf den Beinen.”

Auf den geringschätzigen Blick, den sie ihm zuwarf, wäre Katharine Hepburn stolz gewesen. “Verstehe.” Sie nahm das Blatt aus dem Drucker und fügte es ihrem Stapel hinzu.

Zu Jacks Erleichterung richtete sie ihren durchbohrenden Blick nun auf Brad und Derek. “Und was ist mit Ihnen, meine Herren? Sind Sie zu Redaktionsschluss ausnahmsweise einmal fertig?”

Die beiden stierten sie schmachtend an, wie man mit Schokolade liebäugelt, wenn man auf Diät gesetzt ist. Idioten, dachte Jack. Er wusste, dass sie eine Wette laufen hatten, wer von ihnen die Chefin als Erster ins Bett bekam. Als ob einer von ihnen eine Chance hätte. Und wer würde überhaupt ein Interesse an ihr haben, außer vielleicht ein Polarforscher, aber nur mit Kälteschutzanzug.

Jack Riley, der hat ein Interesse, dachte er nicht ohne Ekel vor sich selbst. Sie verkörperte alles, was er an einer Frau verachten sollte. Perverserweise fand er sie trotzdem umwerfend sexy. Er begehrte sie, wie er schon lange keine Frau mehr begehrt hatte. Er wollte das Eis, das sie umgab, mit seiner Hitze schmelzen.

“Natürlich, Miss Langston”, sagte Brad mit einer Miene, als hätte er die Tüchtigkeit erfunden.

“Selbstverständlich”, bestätigte Derek.

“Ausgezeichnet.” Madeleine drehte sich um und steuerte auf die Tür zu. Doch bevor Jack endgültig aufatmen konnte, blieb sie stehen. Das Klicken ihrer Dreihundert-Dollar-Schuhe verstummte, als sie sich ihnen zuwandte. “Und, Gentlemen? Sehe ich Sie heute Abend im Dakota?”

“Sicher”, erwiderten Derek und Brad wie aus einem Munde. In ihren Kaschmirpullovern personifizierten sie den neuen Look geklonter Nachrichtenreporter. Im Smoking würden sie anschwellen. Geradezu aufblähen. Und sicher würden sie den ganzen Abend ihre Chefin schmachtend anstarren.

Madeleine Langstons Blick ruhte auf Jack. Verdammt, sie war eine unglaubliche Schönheit. Welch eine Verschwendung an …

“Nun?”, unterbrach sie seine Gedanken. “Werden Sie kommen?”

Jack beschloss, ihre Wortwahl nicht mit einer sarkastischen Bemerkung zu kommentieren. “Nein”, sagte er. Seine Augen funkelten amüsiert, als er ihre Erleichterung sah. “Ich werde es leider nicht einrichten können. Heute Abend habe ich eine Verabredung mit den Urban Animals.”

Plötzlich zog sie fragend eine gezupfte Augenbraue hoch. “Urban Animals?”

“Eine Gruppe von halbstarken Schlittschuhläufern im Central Park.”

“Oh. Man wird Sie vermissen.”

Jack konnte sein Lachen nicht länger unterdrücken. Meine Güte, ihre überhebliche Höflichkeit tat fast weh. Dies war erst ihre zweite Begegnung, und die Fronten waren bereits geklärt. Er liebte es, sie zu provozieren. “Wissen Sie”, sagte er in einem Tonfall, als würde er noch mal darüber nachdenken, “ich könnte es vielleicht doch einrichten …”

Ihre schönen großen Augen verrieten, dass sie keinen Wert auf seine Gesellschaft legte. Für eine Göttin aus Eis war sie eine ziemlich armselige Lügnerin. Und ihre Angewohnheit, in Situationen der Bedrängnis zu erröten, ließ sie beinah menschlich wirken.

“Keine Sorge, Prinzessin”, sagte er beruhigend, während er die Einladung in den überfüllten Papierkorb neben seinem Schreibtisch segeln ließ. “Der charmante Prinz hat andere Pläne.”

2. KAPITEL

Im perfekten Abendkleid stand Madeleine Langston in der perfekten Suite im Dakota. In der Mitte des Raumes stand ein perfekter Designerchristbaum. Sie hörte die perfekten Klänge der Swing-Band und beobachtete die perfekte Haltung der Gäste, während sie an einem perfekten Horsd’œuvre knabberte.

“Madeleine, Darling!” William Wornich, zuständiger Redakteur für die Klatschspalte im Courier, beugte sich zu ihr hinüber, um einen Kuss auf ihrer Wange anzudeuten. “Eine wundervolle Party. Alles ist perfekt. Ein traumhaft perfekter Ball.”

“Danke, William.”

Der beißende Rauch seiner Zigarre trieb ihr die Tränen in die Augen. Verdammt. Sie musste ihre Kontaktlinsen herausnehmen, und ohne Linsen war sie praktisch blind.

Wornich fuhr unbeirrt mit der Plauderei fort. “Und dieses Kleid!”, sagte er, während er einen Schritt zurücktrat. “Einfach zu raffiniert. Wo hast du es erstanden?”

Sie schenkte ihm ihr einstudiertes Lächeln. “Darling, du würdest es nicht glauben, wenn ich es dir sagen würde.” Es hatte ihrer Großmutter gehört. Ganz im Stil der vierziger Jahre, aus schwarzem Seidentaft mit Trompetenrüschen an Schultern und Saum. Das perfekte Tanzkleid. Leider war aber niemand da, mit dem sie hätte tanzen wollen.

Oh, Daddy, dachte sie unwillkürlich. Wehmütige Erinnerungen stiegen in ihr auf. Das luxuriöse Apartment im Dakota hatte ihm gehört. Nächste Woche sollte es verkauft werden.

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