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Zwei Frauen

INHALT

  1. COVER
  2. INHALT
  3. ÜBER DIE AUTORIN
  4. TITEL
  5. IMPRESSUM
  6. WIDMUNG
  7. KAPITEL 1
  8. KAPITEL 2
  9. KAPITEL 3
  10. KAPITEL 4
  11. KAPITEL 5
  12. KAPITEL 6
  13. KAPITEL 7
  14. KAPITEL 8
  15. KAPITEL 9
  16. KAPITEL 10
  17. KAPITEL 11
  18. KAPITEL 12
  19. KAPITEL 13
  20. KAPITEL 14
  21. KAPITEL 15
  22. KAPITEL 16
  23. KAPITEL 17
  24. KAPITEL 18
  25. KAPITEL 19
  26. KAPITEL 20
  27. KAPITEL 21
  28. KAPITEL 22
  29. KAPITEL 23
  30. KAPITEL 24
  31. KAPITEL 25
  32. KAPITEL 26
  33. KAPITEL 27
  34. KAPITEL 28
  35. KAPITEL 29
  36. KAPITEL 30
  37. KAPITEL 31
  38. KAPITEL 32
  39. KAPITEL 33
  40. KAPITEL 34
  41. KAPITEL 35
  42. NACHWORT

ÜBER DIE AUTORIN

Diana Beate Hellmann, 1957 in Essen geboren und dort aufgewachsen, wurde bekannt durch ihren Bestseller ZWEI FRAUEN, in dem sie ihren Kampf gegen den Krebs verarbeitet. In ICH FANG NOCHMAL ZU LEBEN AN und LEBEN OHNE ALKOHOL äußerte sie sich offen über ihren jahrelangen Alkoholmissbrauch. Der Krankheit hat sie bis heute erfolgreich getrotzt – der Krebs kehrte indes zurück in ihr Leben. In AUS LIEBE ZU IHM griff sie das Thema Prostata-Krebs auf. Diana Beate Hellmann lebt seit 1994 in Los Angeles. Seit einigen Jahren ist sie verstärkt als Übersetzerin tätig.

KAPITEL 1

Es war im Frühjahr 1962 an der italienischen Riviera. Der Ort war klein, er lag irgendwo zwischen Finale Ligure und Alassio. Hier gab es noch keinen Touristenrummel, hier regierten noch die Fischer. Abends fuhren sie mit ihren Booten aufs Meer hinaus, morgens kehrten sie zurück und legten am Strand ihre Netze aus, und den Tag verbrachten sie im Schatten der Palmen auf der Strandpromenade. Dort schliefen sie, dort aßen sie, dort debattierten sie lautstark über Politik. Währenddessen standen ihre Frauen auf dem Markt. Sie verkauften den nächtlichen Fang, aber auch den selbst gemachten Käse, das im eigenen Gärtchen gezogene Obst und Gemüse, die handgestrickten Pullover und Tischdecken, und nicht selten boten sie alles zusammen an einem einzigen Stand feil. Der Lärm, den sie dabei machten, klang in meinen Ohren wie Musik. Ich liebte diese Frauen, die mich »bella bimba« nannten, und ich liebte ihre Männer, die mich »bella bionda« riefen, wie ich diesen ganzen Ort liebte, seine malerische Altstadt, seinen lang gestreckten weißen Strand, die sich majestätisch erhebenden Gebirgszüge im Hinterland. Noch nie hatte ich etwas ähnlich Schönes gesehen.

Damals war ich gerade vier Jahre alt. Zum ersten Mal in meinem Leben hatte ich meine Eltern in die Ferien begleiten dürfen. Wir bewohnten ein Haus in den Bergen. Von der Terrasse aus hatte man einen wundervollen Blick aufs Mittelmeer, und an klaren Tagen konnte man am Horizont sogar die großen Frachter erkennen, die den Hafen von Genua ansteuerten. Auf dieser Terrasse frühstückten wir morgens, und anschließend fuhren wir dann mit dem Wagen zum Meer hinaus. Dort saß ich oft stundenlang im warmen Sand und baute Burgen, die ich mit grobem Kies und großen Steinen verzierte. Manchmal lief ich mit meiner Mutter zum Jachthafen, um die ankernden Segelschiffe zu bestaunen, oder ich tobte mit meinem Vater im Wasser. Meist spielte ich jedoch mit italienischen Kindern: Legte ich beide Hände vor die Augen, wussten sie, dass sie sich verstecken sollten, streckte ich die Zunge heraus, hieß das, dass der Eismann gleich Kundschaft bekommen würde – so konnten wir uns über alle Sprachbarrieren hinweg mühelos verständigen. Dann kam der 28. April.

Es war ein ganz besonders klarer, aber auch stürmischer Tag. Die Fischer waren am Vorabend gar nicht erst hinausgefahren, und deshalb standen ihre Frauen auch nicht wie sonst auf dem Markt. Überhaupt schien das ganze Dorf ausgestorben zu sein, denn als ich morgens mit meinen Eltern an den Strand kam, waren wir trotz des strahlenden Sonnenscheins die einzigen Gäste. Mit uns war nur noch die rote Fahne, das Zeichen für Gefahr. Sie flatterte im Wind, und zu ihren Füßen gingen krachend mannshohe Wellen nieder. Ich fand das großartig, es war so gewaltig. »Es ist aber auch gefährlich«, behauptete meine Mutter, um mir alsdann ausdrücklich zu verbieten, mich dem Wasser auch nur zu nähern. »Spiel im Sand!«

Das passte mir zwar gar nicht, doch nickte ich artig, wie es meine Art war, und dann ließ ich mich nieder, um mich meinem Schüppchen, meinem Eimer und meinen Förmchen zu widmen.

Wie lange ich so dasaß, wusste später niemand mehr zu sagen, und ich selbst erinnere mich nur, dass mich das Spiel mit den Förmchen irgendwann fürchterlich langweilte. Deshalb fing ich an, meine Eltern mit den üblichen Forderungen zu bestürmen: »Ich habe Durst! Ich habe Hunger! Ich will mit dem Ball spielen! Ich möchte ein Eis!«

Gerade wollte ich aufstehen, als mein Vater trotz der roten Fahne in die tosenden Fluten stürzte und weit hinausschwamm. Dort draußen legte er sich flach auf den Rücken, sodass ich nur noch seinen Kopf und seine Zehenspitzen sehen konnte. Er ließ sich von den Wogen schaukeln. Wut und Enttäuschung machten sich in mir breit. Sonst nahm Papa mich immer mit, mich und Helmut, mein Schwimmtier, ein sonnengelbes, luftgefülltes Seehundungetüm aus Plastik, das ich über alles liebte. Das lag jetzt einsam und verlassen neben meiner Mutter, die im Windschatten der Strandbar saß, und als ich zu ihr lief, um mich zu beschweren, musste ich zu allem auch noch feststellen, dass sie schlief.

Man hatte mich also abgehängt! Da kam mir eine Idee: Ich pirschte mich mit vorgeschobenem Unterkiefer – dem deutlichsten Anzeichen meiner kindlichen Entschlossenheit – heran an mein geliebtes Schwimmtier, schnappte es mir unbemerkt und rannte zum Ufer zurück. Dort wurde es schwierig. Helmut war mir zwar lieb, doch war er auch sperrig und schwer umzuschnallen. Die Haken waren groß, viel zu groß für meine kleinen Hände. Nach einigen Fehlversuchen hatte ich es endlich geschafft. Ich holte tief Luft, rannte los, kniff Nase, Mund und Augen zu, und dann, dann sprang ich durch den schäumenden Wellenkamm.

Es klappte gleich beim ersten Mal. Mein Seehund fing mich ab, sodass ich die Wucht der Brandung kaum spürte, und dahinter war die See dann längst nicht mehr so stürmisch und bedrohlich. Es war wie auf einer Kirmes. Die hohen Wogen warfen mich und Helmut auf und nieder, und das machte mir Mordsspaß. Ich genoss meinen Triumph. Mein Vater hatte dieses unvergleichliche Vergnügen für sich allein haben wollen, aber so leicht ließ ich mich nicht abschütteln. Ich winkte ihm zu. »Papa, Papa, guck mal!«

Erst da entdeckte er mich, doch reagierte er ganz anders, als ich erwartet hatte.

»Eva!«, schrie er entsetzt. »Zurück!«

Ich lachte nur. »Ich komme, Papa! Guck mal!«

»Zurück, verdammt noch mal! Zurück, Eva!!!«

»Ich komme! Ganz schnell!«

Jauchzend strampelte ich mit den Beinen, und meine Arme schlang ich fest um Helmuts sonnengelbes Plastikköpfchen. Ich war so fröhlich in diesem Moment, so ausgelassen, es war herrlich – da spürte ich auf einmal diesen Ruck an meiner Brust, und noch bevor ich begreifen konnte, was geschah, waren meine Arme auch schon leer, und ich wurde unter Wasser gedrückt. Es rauschte in meinen Ohren, es brannte in meinen Augen, ich bekam keine Luft mehr. Endlich tauchte ich wieder auf, aber ich konnte nur husten, ich schlug verzweifelt um mich, fand aber nirgends einen Halt …

»Der Schwimmreifen!«, rief mein Vater mir zu. »Er ist ab, Eva, macht nichts, schwimm allein, Eva, schwimm!«

»Ich kann nicht!!!«

»Doch, Eva, du kannst! Schwimm!!!«

Die Stimme meines Vaters klang anders als sonst, aber es schwang keine Angst in ihr mit. Ich sah, wie er mir entgegenzuschwimmen versuchte, ich sah, dass er sich umsonst anstrengte, weil ihn das Meer immer wieder hinaustrug. Dennoch schien er keine Angst zu haben.

»Schwimm, Eva, schwimm!«, rief er nur immer wieder.

Ich konnte aber nicht schwimmen. Nur ein einziges Mal, und das war schon lange her, hatte mir mein Vater in seichtem Wasser gezeigt, wie man Arme und Beine bewegt, um nicht unterzugehen. Ich wusste es, aber jetzt, da ich es versuchen musste, waren die Bedingungen denkbar schlecht, denn das Wasser drang mir in Nase und Mund. Ich hustete, bekam keine Luft, und meine Augen brannten wie Feuer.

»Schwimm!!!«, hörte ich meinen Vater wieder rufen. Dieses Mal war es ein zorniger Aufschrei und keine ermutigende Aufforderung.

Mir wurde schwarz vor Augen. Ich wusste genau, dass dies hier das Ende war oder ein neuer Anfang, aber ich wusste nicht, wovor ich mich mehr fürchtete. Es tat weh, hilflos zu sein und unterzugehen, aber es war auch bequem, es war einfach, nur noch ein paar Sekunden, dann würde ich es hinter mir haben, … und doch … etwas in mir lehnte sich auf, und dieses Etwas sorgte dafür, dass ich plötzlich ganz von allein Arme und Beine spannte, sie kräftig durchstreckte und nach vorn stob … ganz eng winkelte ich Arme und Beine an meinen Körper, spannte sie wieder, stieß sie weit auseinander, streckte sie durch … ich schwamm.

»Ja, Kind, ja!«, hörte ich die Stimme meines Vaters. »Komm, Eva, schwimm her zu mir!«

Mit brennenden Augen blickte ich zu ihm hinüber. Er lachte. Er lachte über das ganze Gesicht – seine Tränen sah ich nicht –, und so schwamm ich auf ihn zu … geradewegs ins Leben … zum ersten Mal …

Diese Geschichte erzähle ich immer, wenn man mich nach meiner Kindheit fragt. Der Tag, an dem ich schwimmen lernte, und der Tag, an dem ich leben lernte, hatten vieles miteinander gemein. Schwieriger wird es, wenn ich erzählen soll, wie »es« damals begann. »Es« hatte keinen erkennbaren Anfang, da war nichts, von dem man im Nachhinein hätte sagen können, dass es der Auslöser gewesen wäre, da geschah nichts plötzlich und unerwartet, um mit einem Schlag ein bislang sorglos verlaufenes Leben zu verändern. Denn mein Leben war niemals sorglos verlaufen. Vielmehr hatte es von Anfang an aus Herausforderungen bestanden, vom ersten Augenblick an …

Ich kam am Spätvormittag des 2. Oktober 1957 zur Welt. Der Professor, der meine Mutter entband, war ein enger Freund meines Vaters, und deshalb gab er sich ganz besonders viel Mühe. Dennoch hatte meine Mutter nach mehreren Stunden Kreißsaal plötzlich keine Wehen mehr; meine Herztöne wurden immer schwächer, und schließlich waren sie gar nicht mehr zu hören. Da sah der gute Herr Professor keine andere Möglichkeit mehr, als seine Patientin zu anästhesieren und alles für einen Kaiserschnitt vorzubereiten. Er wollte sie von dem »toten« Kind befreien.

Ich selbst spürte genau, dass da etwas nicht stimmte. Man ließ mich einfach in dem fruchtwasserlosen Dunkel zurück, man gab mich auf. Damit konnte und wollte ich mich nicht abfinden, und so machte ich mich ganz schmal und presste meinen kleinen Körper mit Gewalt aus der Enge. Ich sah, wie grelles Licht in meine Augen blitzte, ich sah die großen Hände, die sich mir plötzlich entgegenstreckten und mich aus dem Gefängnis in die Freiheit hoben, und ich sah dieses entsetzte Männergesicht … er war entsetzt, er … vor lauter Empörung schrie ich erst mal laut auf!

»Die ist zäh«, sagte der Professor später zu meinem Vater, »die bringt es im Leben zu was!« Warum er so dachte, behielt er für sich, und das, obwohl er bei uns ein und aus ging und ich ihn später liebevoll Onkel Hans nannte. Wenn wir auf meine Geburt zu sprechen kamen, wiederholte er immer nur den einen Satz: »Dein Vater und ich, Eva, wir haben damals jeder einen Kasten Bier darauf getrunken!« Der Rest blieb sein Geheimnis, zwanzig Jahre lang.

Nachdem ich mich in der ersten Schlacht meines Lebens so erfolgreich behauptet hatte, wurde ich dafür nachhaltig belohnt. Als Kronprinzessin der Familie Martin wurde ich auf den klingenden Namen Eva Katharina getauft. Mein Zuhause war eine Zwanzig-Zimmer-Villa mit Hausangestellten, Kindermädchen, Chauffeur und Gärtner.

Mein Vater war damals schon fünfzig Jahre alt. Er stammte aus einer wohlhabenden Familie und hatte es im Verlauf seines Lebens durch harte Arbeit zu wahrem Reichtum gebracht. Er war ein unkonventioneller Mann. Die Ehe mit meiner Mutter war seine vierte, und die Zahl seiner Verlobungen war nicht einmal aktenkundig. Sein Herz trug er auf der Zunge. Er nahm nie ein Blatt vor den Mund, und seine Schimpfkanonaden waren berühmt und berüchtigt. Wenn er befürchtete, mit Worten allein nicht zum Ziel zu kommen, drohte er auch schon mal mit seinen Fäusten, und ohne die dämpfende Sanftmut seiner Frau hätte er sicherlich einen Großteil seines Lebens hinter schwedischen Gardinen verbracht.

Meine Mutter war zwanzig Jahre jünger als er und stammte aus einer äußerst vornehmen Familie. »Aber Ernst!«, und »Das ziemt sich nicht!«, waren ihre bevorzugten Äußerungen. Das meinte sie aber niemals böse oder gar abfällig. Sie liebte meinen Vater über alles, und auch nach meiner Geburt spielte er die »erste Geige« in ihrem Leben.

»Als ich Mutter wurde, hatte ich schließlich nicht die Absicht, meine Stellung als Ehefrau aufzukündigen«, erklärte sie mir einmal. »Dein Vater war vor dir da, Eva, merk dir das!«

So lernte ich früh, dass ich, das Kind, ein Ergebnis der Liebe meiner Eltern war, nicht mehr, aber auch niemals weniger.

»In ihrem Miteinander liegen deine Wurzeln, Eva!«, pflegte Oma »Tati« zu sagen. Die Mutter meiner Mutter lebte mit uns im Haus. Eigentlich hieß sie Henriette, aber da ich diesen Namen als Kleinkind nicht hatte aussprechen können, blieb es bei der Koseform.

Oma Tati war eine Bilderbuch-Großmutter. Ihr Körper war weich und rund, ihr Haar lang und weiß, ihr Herz war groß und warm. Oft saß ich stundenlang auf ihrem Schoß und schmuste mit ihr, während sie die schönsten Märchen erzählte. Vor allem aber besorgte sie meine religiöse Erziehung. Das begann mit der Geschichte vom Jesuskind und endete mit dem Abfragen von Luthers Lebensweg. Mit ihr ging ich sonntags in die Kirche, sie lehrte mich lange vor der Konfirmation den Katechismus, sie verlangte, dass ich sämtliche Strophen von Befiehl Du meine Wege auswendig aufsagen konnte.

»Religiosität ist das Fundament eines Menschenlebens«, erklärte sie mir. »Nur ein Mensch, der einen festen Glauben hat, Eva, hat auch eine Zukunft.«

Da ich sie nur anzusehen brauchte, um zu wissen, dass sie die Wahrheit sprach, machte ich mich frohen Mutes auf den Weg durch meine Kindheit.

Ich war ein fröhliches Kind, das gern lachte und munter drauflosplapperte. Ließ man mich unbeobachtet, war ich mir selbst genug. Dann saß ich allein und in mich versunken in meinem Zimmer und spielte mit Legosteinen, malte Bilder, zog stundenlang meine Puppe Monika an und wieder aus.

Über ein derart pflegeleichtes Kind hätten meine Eltern nun eigentlich froh sein müssen. Sie waren es aber nur bedingt, und das machte meine an sich aufregende Kindheit so anstrengend. »Siehst du nicht, Eva, dass dein Lego-Häuschen schief ist? Mach das doch mal anständig! – Aber Eva, das Männchen, das du da gemalt hast, hat ja gar keine Haare, und die Sonne ist ja größer als der Teich. Mach das doch mal richtig! – Guck mal, Eva, du kannst der Monika doch kein gelbes Pullöverchen anziehen und ein rotes Höschen und grüne Schühchen. Hast du denn kein Farbempfinden? Nun mach das aber mal schön!« Von früh bis spät ging das so, und es wurde »Perfektionismus« genannt. Ich hielt es eher für Schinderei, hatte aber nicht die geringste Lust, mich dagegen zu wehren. Ich dachte mir, wenn ich den Ansprüchen meiner Eltern erst einmal genügen würde, fände ihre erzieherische Allmacht unwillkürlich ein Ende, und so zeigte ich mich unermüdlich, wenn es galt, etwas schöner, richtiger oder anständiger zu machen. Vielleicht ahnte ich, dass ich diese strenge Erziehung brauchen würde, um mein weiteres Leben überhaupt leben zu können, und vielleicht ahnte ich auch, dass mir nicht viel Zeit blieb, mich erziehen zu lassen, weil mich das Schicksal sehr früh auf den mir bestimmten Weg schicken würde. An einem Sommernachmittag des Jahres 1962 war es nämlich schon so weit.

Es fing ganz harmlos an. Ein Junge aus der Nachbarschaft hatte mich im Garten spielen sehen und gefragt, ob ich nicht Lust hätte, mit ihm Fahrrad zu fahren. Ich hatte keine Lust. Dieser kleine Racker pflegte zu kratzen, zu beißen und zu schlagen. Dass ich dennoch seine Einladung annahm, war wohl die reine Vorsehung. Es kam, wie es kommen musste! Das gemeinsame Fahrradfahren ging nur eine knappe halbe Stunde gut, dann schubste mich mein Kavalier – aus purer Lust am Schubsen –, und ich flog in hohem Bogen mitten auf die Straße. Im nächsten Moment sah ich den Tod. Er rollte auf mich zu in Gestalt eines Sattelschleppers. Meine ahnungslosen Kinderaugen starrten gebannt auf die riesigen Räder, und in meinen Ohren dröhnte das verzweifelte Quietschen der Bremsen … Nur wenige Zentimeter von meinem Kopf entfernt kam das Ungeheuer zum Stehen … Ich war noch einmal davongekommen.

Was mir blieb, war eine lebenslange Abneigung gegen Fahrräder und kleine Jungen, vor allem aber ein gebrochenes Schienbein, und das wurde zu meinem eigentlichen Schicksal. Der Heilungsprozess erwies sich nämlich als äußerst langwierig. Jedes Mal, wenn es endlich geschafft zu sein schien, wuchs ich ein wenig, sodass der lädierte Knochen wieder riss und ich einen neuen Gipsverband bekam. Dieser reichte mir immer bis zur Hüfte und war so schwer, dass er mich dirigierte, statt umgekehrt. Er zwang mein Bein in eine völlig abnorme Stellung, und als er nach fast drei Monaten endlich abgenommen wurde, stand mein rechter Fuß auswärts, der linke geradeaus. Außerdem hatte das lange Krankenlager mich völlig verändert. Die ehemals zart besaitete, sanfte, kleine Eva war zu einer leicht erregbaren und unberechenbaren Person geworden, die man überall das »Rumpelstilzchen« nannte.

»Die hat zu viel Kraft!«, lautete das allgemeine Urteil. »Die hat so lange gelegen, dass sie jetzt fast platzt vor Tatendrang!«

So beschlossen meine Eltern, zwei Fliegen mit einer Klappe zu schlagen. Zwecks Abbau überschüssiger Energie einerseits und zwecks Neuausrichtung meiner Gehwerkzeuge andererseits wurde ich zum Gymnastikunterricht geschickt.

»Eva ist sehr musikalisch«, hieß es da bereits nach kurzer Zeit. »Es wäre schön, wenn Sie das fördern würden. Schicken Sie sie doch zum Ballett!«

Das Ballett wurde zum Inbegriff meines Lebens. Gleich in der ersten Unterrichtsstunde spürte ich, dass ich eine Tänzerin war und auch gar nichts anderes sein wollte. Es war ein innerer Zwang, dem ich einfach nachgeben musste, und dass ich ihm auch nachgeben konnte, verdankte ich nicht nur meiner angeborenen körperlichen Konstitution, sondern auch der Erziehung meiner Eltern. Ihr Streben nach Perfektionismus zahlte sich jetzt aus, denn ich war disziplinierter und zielbewusster als andere Kinder, wenn es darum ging, im Ballettsaal die eine oder andere Bewegung schöner, besser oder schneller zu versuchen. Was ich auf Anhieb nicht schaffte, übte ich am heimischen Küchenstuhl bis zum Umfallen – die Legohäuschen hatten mich nichts so sehr gelehrt wie Ausdauer.

Darüber neigte sich meine eigentliche Kindheit schon ihrem Ende zu: Ich wurde nämlich schulpflichtig.

»Mit dem heutigen Tag beginnt der Ernst des Lebens!«, sagte Papa. »Bildung ist von enormer Wichtigkeit, Eva! Und Fleiß! Nur wer fleißig ist, kann es im Leben zu etwas bringen, und was du hast, das musst du dir erst mal selbstständig erhalten können. Tu deine Pflicht, Eva! Denn nur wer seine Pflicht tut, hat auch Erfolg! Und Erfolg, Eva, Erfolg ist das Allerwichtigste!«

»Außerdem …«, fügte Mama hinzu, »… Lernen ist schön!«

All diese Dinge hörte ich in den folgenden Jahren so oft, dass ich sie bald selbst glaubte und mich auch daran hielt. Ich war fleißig wie ein Bienchen, pflichtbewusst wie ein preußischer Offizier und erfolgreich wie eine Martin. Reibungslos überstand ich die Umschulung aufs anspruchsvollste Gymnasium der Stadt, nahtlos ging es weiter mit Einsern und Zweiern, und dafür wurde ich daheim weder gelobt noch belohnt. Gute Noten waren selbstverständlich. Ebenso selbstverständlich war, dass ich nach dem Unterricht so überaus wichtige Dinge wie Reiten, Tennisspielen und Segeln lernte. Deshalb musste ich samstags immer aufs Pferd, mittwochs und freitags auf den Aschenplatz und sonntags mit Papa ins Boot. Ich nahm das alles auf mich, aber mehr aus Berechnung als aus Leidenschaft. Reiten war meines Erachtens nur für die Figur des Pferdes von Vorteil, der Unterschied zwischen Steuerbord und Backbord war mir nur gleichgültig, und der Sinn, der darin bestehen sollte, mit der Vor- oder mit der Rückhand auf einen wehrlosen Filzball einzuschlagen, wollte mir auch nicht einleuchten. Dennoch tat ich, was man von mir verlangte, denn sonst hätte man mir womöglich nicht mehr meine Sternstunden finanziert: die Montage, die Dienstage und die Donnerstage, an denen ich zum Ballettunterricht ging. Diesen Stunden fieberte ich entgegen, und wenn es so weit war, wenn ich endlich an der Stange stand, zu sanfter Klaviermusik meine Übungen machte und meinen Körper von den Zehen- bis zu den Haarspitzen spürte, dann, nur dann erfüllte mich endlich das Gefühl, das mir sonst immer fehlte, das Gefühl, wirklich auf der Welt zu sein.

Die Einzige in meiner Familie, die dafür Verständnis zeigte, war Oma Tati. Sie ließ sich so manches Mal etwas von mir vortanzen, und wenn ich ihr dann gestand, dass ich eine berühmte Primaballerina werden wollte, lächelte sie immer und meinte: »Dann musst du viel üben, Eva!«

Als sie starb, war ich gerade elf, und ihr Tod war das schmerzlichste Ereignis meiner Kindheit. Von einem Tag auf den anderen war Oma Tati nicht mehr da, und es hieß, dass sie auch nie zurückkehren würde. Das konnte und wollte ich mir gar nicht vorstellen, auch wenn man behauptete, es ginge ihr da, wo sie jetzt wäre, besser als auf Erden. Während der Trauerfeier weinte ich so laut, dass mich der Herr Pfarrer mehrmals strafend ansah, und nach der Beisetzung lief ich sofort nach Hause und verkroch mich in mein Zimmer. Dort blätterte ich in Oma Tatis Bibel, denn die hatte sie mir hinterlassen – das Einzige, was mir von ihr geblieben war. Sie selbst hatte diese Bibel an dem Tag ihrer Hochzeit bekommen, und unter ihrem Namen und dem meines Großvaters stand mit der Hand geschrieben:

»Möge Gott mir die Kraft geben, die Dinge anzunehmen, die ich nicht ändern kann; den Mut, die Dinge zu ändern, die ich ändern kann; und die Weisheit, zu unterscheiden.«

Ich ahnte nicht, was diese Worte einmal für mich bedeuten sollten. An jenem Tag, dem traurigsten meines bisherigen Lebens, las ich sie zum ersten Mal, und sofort hörte ich auf zu weinen – denn ich fühlte mich plötzlich erleichtert …

Dieses Gefühl hielt allerdings nicht lange vor. Der Tod von Oma Tati traf mich nämlich doppelt hart. Er beraubte mich nicht nur eines Menschen, der mich geliebt hatte, sondern er lieferte mich zudem einer Person aus, die mich nicht liebte: Großmutter Martin.

»Oh, wie entsetzlich!«, hatte sie nach meiner Geburt erklärt. »Nur ein Mädchen!«

Sie selbst war zwar auch nichts Besseres gewesen, aber genau das war wohl der Punkt. Als eine Frau, die nur eine Frau war, hatte man es ihr im Leben nicht gerade leicht gemacht, und dafür rächte sie sich im Alter: Nichts fand ihre Zustimmung, niemand machte es ihr recht, natürlich auch ich nicht.

»Ich habe so gehofft, dass Henriette dich mit ihrem Gebetbuch dazu bringt, ins Kloster zu gehen, Eva! Aber nein, sie zog es vor zu sterben! Mir bleibt also nichts erspart!«

Damit deutete sie an, dass sie sich gezwungen sah, von ihrer ursprünglichen Absicht, ihr gesamtes Vermögen einem Tierheim zu vererben, nunmehr abzurücken und stattdessen mich, ihr einziges Enkelkind, trotz meines Geschlechts auf die Rolle der Universalerbin vorzubereiten.

»Auch das noch!«, stöhnte sie, und ich nickte mitfühlend, denn das Gleiche dachte ich: »Auch das noch!«

Trotzdem gelang es uns beiden im Laufe der Zeit, aus der heiklen Situation das Beste zu machen. Meine Großmutter beklagte bald nicht mehr hundertmal, sondern nur noch zehnmal am Tage, dass ich nur ein Mädchen und dazu auch noch ein schreckliches Mädchen wäre, und ich ließ mich zähneknirschend »formen«, wie sie es nannte. Sie brachte mir bei, wie man sich in der so genannten Gesellschaft zu benehmen und zu bewegen hatte, bei Konzerten, in der Oper oder auf Wohltätigkeitsveranstaltungen. Ich lernte, dass man stets freundlich, verbindlich und trotzdem kühl bleiben musste, dass man nie zornig werden oder gar fluchen durfte, und dass »Haltung« das Wichtigste war; das alles übte ich bei so genannten »Proben«, zu denen meine Großmutter mal ihren Rechtsanwalt, mal ihre Putzfrau lud.

»Damit du lernst, wie weit du dich herablassen musst, Eva, und wie weit du dich herablassen darfst. Das will nämlich gekonnt sein, weil man sich nur auf intelligente Menschen wirklich einlassen sollte. Dummheit ist gefährlich, Eva, und die meisten Menschen sind dumm, mehr noch, sie sind keine Menschen, sondern Karikaturen unserer Rasse!« Tagein, tagaus hörte ich mir diese Maximen artig an, war mit meinen Gedanken aber zumeist ganz woanders. Schließlich wollte ich keine Dame der Gesellschaft werden, sondern eine Tänzerin. Dieser Entschluss stand für mich fest, seit ich meine ersten Spitzenschuhe bekommen hatte. In jeder freien Minute trug ich diese Träume aus roséfarbenem Satin, und manchmal behielt ich sie sogar zum Schlafengehen an. Ich hegte und pflegte sie wie Wesen aus Fleisch und Blut, indem ich regelmäßig die seidigen Bänder bügelte, jede abgenutzte Stelle sofort ausbesserte und Lederflecken auf die Kappen klebte, damit sie sich nicht so schnell durchtanzten. Diese Schuhe betrachtete ich als das Symbol meines Lebens, und jedes Mal, wenn mir das neuerlich klar wurde, nahm ich mir vor, noch am gleichen Tag meinen Eltern zu sagen, dass ich nicht das Abitur machen und Medizin studieren, sondern eine berühmte Primaballerina werden wollte.

Monatelang sagte ich mir das jeden Morgen, aber ich riskierte es erst wenige Tage nach meinem zwölften Geburtstag. Ich ahnte wohl, dass da mehr auf mich zukommen würde, als ich mir in meinem Kinderverstand ausmalen konnte, ich ahnte wohl, dass wieder einmal eine Herausforderung auf mich wartete …

Ich beichtete meinen Eltern meine Zukunftspläne, aber sie lachten nur lauthals.

»So ein Firlefanz, Eva!«

»Das ist kein Firlefanz, Mama!«

»Aber Hupfdohle ist doch kein Beruf!«

»Für mich ist es sogar mehr als das, ich –«

»Für dich ist es eine Berufung, wie?«

»Ja, Papa!«

»Das kann ich verstehen!«

»Wirklich?«, fragte ich hoffnungsvoll.

»Ja …«

»Aber Ernst!«, rief meine Mutter erschrocken.

»… ich wollte als Kind auch Indianerhäuptling werden!«

Damit war das Thema für meine Eltern erledigt.

In meiner Not wandte ich mich an meine Ballettmeisterin, und die reagierte ganz anders auf meine Eröffnung. Sie lächelte. »Ich hatte gehofft, dass es so wäre«, sagte sie dann, »aber jetzt, wo ich es weiß …«

Wenige Wochen später veranstaltete sie eine Weihnachtsfeier. Zu diesem Anlass präsentierte ich voller Stolz die »Welturaufführung« eines von mir selbst choreographierten Tänzchens. Ich war noch dabei, die Ovationen meiner Mitschülerinnen entgegenzunehmen, als plötzlich eine fremde Frau auf mich zukam. Sie war klein und extrem zierlich, fast sah sie aus wie ein Junge. In ihrem hageren Gesicht prangten zwei klitzekleine Augen, eine überwältigend große Nase und ein harter Mund, der nicht einmal über den Hauch einer Venusfalte verfügte, aber sie hatte wunderschönes Haar. Es reichte ihr bis weit über die Schultern, war leicht gewellt und von einer ungewöhnlichen Farbe: nicht braun, nicht schwarz, nicht rot und doch von allem etwas. Fasziniert blickte ich auf diese Haarpracht, ängstlich auf die übrige Erscheinung dieser Dame. Ich versuchte zu lächeln. Die Frau reagierte nicht einmal darauf.

»Die will ich haben!«, sagte sie zu meiner Lehrerin. »Ist sie das?«

»Ja.«

»Wie heißt du?«

Ich erschrak über den harschen Tonfall, wollte mich aber nicht einschüchtern lassen. »Eva Martin«, antwortete ich.

Die fremde Frau zog die Augenbrauen hoch. »Klingt ganz ordentlich«, meinte sie, »kann so bleiben. – Komm her!«

Damit war der Handel perfekt. Da meine Eltern meinen Berufswunsch nach wie vor für einen Scherz hielten, hatten sie nichts dagegen, dass ich die Ballettschule wechselte, und so wurde Natascha Gruber meine neue Ballettmeisterin. Das machte mich überglücklich. Ich stellte zwar schon sehr früh fest, dass diese Frau nicht gerade der Mensch war, mit dem man im Katastrophenfall auf einer einsamen Insel hätte leben mögen, doch stellte ich ebenfalls fest, dass sie mich Dinge lehrte, die meine ehemalige Ballettmeisterin mir nicht hatte beibringen können. Unter ihrem Training bewegte sich mein Körper immer geschmeidiger und präziser. Da mir das für den Augenblick wichtiger erschien als alles andere, ließ ich mich wie im Fieberwahn von ihr malträtieren und tat alles, was in meiner Macht stand, um Schule und Ballettschule miteinander zu verbinden.

Mein Tagesablauf sah nun so aus: Kurz vor sieben in der Frühe kletterte ich aus dem Bett und raste zur Schule. Um zwei kam ich nach Hause zurück, schlang hastig das Mittagessen herunter, nahm statt der Schultasche die mit dem Trainingszeug und raste weiter zur Ballettschule. Dort begann das Training um drei, und meist war ich gegen halb neun abends wieder daheim. Dann machte ich meine Hausaufgaben, fiel gegen Mitternacht todmüde ins Bett und stand am nächsten Morgen um kurz vor sieben wieder auf.

»Solange du gute Noten schreibst, haben wir nichts dagegen«, erklärten meine Eltern. »Obwohl uns der Sinn der Strapaze nicht einleuchtet.«

Drei Jahre lang hörte ich das mindestens zweimal in der Woche, drei Jahre lang führte das mindestens zweimal in der Woche zu Streitgesprächen.

»Ich will eben Tänzerin werden!«, erklärte ich dann und bekam zur Antwort: »Tänzerin? Das ist doch ein Witz!«

»Du wirst dein Abitur machen, Eva!«

»Und Medizin studieren!«

»Nein!!!«

»Was dann, Eva, Germanistik …?«

»… Architektur …?«

»Ich will Tänzerin –«

»Kein gescheiter Mensch geht zum Theater, Kind! Das ist ein Sumpf für verkrachte Existenzen, das ist …«

»… indiskutabel!«

»Jawohl!«

So oder ähnlich ging es immer aus, mit dem Erfolg, dass ich mich drei Jahre lang mindestens zweimal in der Woche in den Schlaf weinte. Dann gab ich auf. Ich war es einfach leid: Ich verließ das Gymnasium nach der mittleren Reife, ohne meine Eltern um Erlaubnis zu bitten. Sie hätten mir ja doch nicht zugehört.

Das ließen sie als Entschuldigung jedoch nicht gelten. Sie straften mich hart für meine Eigenmächtigkeit. Am Abend des 22. Juni 1973 fiel das Urteil. Ich wurde offiziell ins Wohnzimmer gebeten, wo mir offiziell mitgeteilt wurde, dass ich das Haus umgehend zu verlassen hätte.

»Wir werden zwar weiterhin dein Training und deinen Unterhalt finanzieren«, hieß es, »aber hier leben wirst du nicht mehr. Wir können unter diesen Umständen nämlich nicht mehr mit dir leben, Eva. Also … du hast es nicht anders gewollt … pack bitte deine Sachen!«

Das ließ ich mir nicht zweimal sagen. Ich machte auf dem Absatz kehrt, fing sofort an zu packen und ging noch in der gleichen Nacht fort – mit zwei Koffern, einem schweren Herzen und einem Bauch voller Wut. Nur einmal sollte man mich wie einen räudigen Hund aus dem Haus gejagt haben, das schwor ich mir. Wiedersehen sollten mich meine Eltern erst, wenn ich eine berühmte Primaballerina wäre und an der Pariser Oper die »Giselle« tanzte. Jawohl! Dennoch blieb ich am Tor noch einmal stehen und blickte zurück auf dieses Haus, in dem ich groß geworden war.

Es lag völlig im Dunkeln, nirgends brannte mehr ein Licht, meine Kindheit und meine Jugend schienen also endgültig vorbei zu sein. Ich weinte bitterlich, aus Wut, aus Schmerz … vor allem aber aus Angst. Ich hatte Angst vor der Zukunft, vor dem Morgen, das so ungewiss war. Diese Herausforderung schien mir einfach zu groß zu sein. Ich war schließlich erst fünfzehn und doch schon ganz allein, das machte mir Angst …

Diese Angst verflüchtigte sich zunächst einmal, denn Frau Gruber nahm mich noch in der gleichen Nacht bei sich auf. Als ich um drei Uhr in der Frühe mit meinen beiden Koffern vor ihrer Haustür stand, war sie weder erstaunt noch verärgert. Stattdessen flog etwas wie ein Lächeln über ihr Gesicht. Sie bat mich herein, kochte mir eine Tasse Tee und richtete das Gästezimmer her.

»Siehst du, Eva, das ist fortan dein Zimmer! Und jetzt schlaf dich erst einmal aus!«

Als ich am nächsten Mittag aufwachte, sah die Welt nicht mehr so trübe aus wie in der Nacht zuvor. Gewiss, ich hatte meine Eltern verloren, aber zum Ausgleich harte ich etwas anderes gewonnen, etwas, was ich mir schon immer gewünscht hatte: Endlich konnte ich regelmäßig trainieren, ohne mich jedes Mal rechtfertigen zu müssen, endlich konnte ich für das Ballett leben, für diesen Traum, den ich seit meiner Kindheit träumte. Ich beschloss, das, was als Strafe gemeint gewesen war, anzunehmen wie ein Geschenk. Alles wollte ich tun, damit mein großer Traum Wirklichkeit würde.

Frau Gruber half mir dabei, wo sie nur konnte. Mehrere Stunden pro Tag arbeitete sie mit mir. In der Freizeit hetzte sie gegen meine Eltern, was eine ihrer Lieblingsbeschäftigungen wurde. Sie nannte »diese Leute« borniert und dekadent. »Schau dich doch bloß an, Eva! Du bist viel zu dick, und das kommt von den Soßen und Torten und von den vielen Kartoffeln!«

»Aber ich esse doch gar keine –«

»Ungeschälten Reis musst du essen, Eva, der ist gesund, und Salat und kurz gebratenes Fleisch!«

»Aber –«

»Und dann guck dir mal dein Gesicht an, Kind! Wenn man so ein Gesicht hat, darf man keine so breiten Augenbrauen tragen, das geht einfach nicht. Die musst du dir zupfen, Eva, ganz schmal musst du dir die zupfen, komm mal her, ich mach’ dir das! Und überhaupt solltest du dich schminken, damit du nach was aussiehst, das werde ich dir auch gleich mal zeigen, Eva! Komm!«

Ich kam jedes Mal und ließ alles mit mir machen, ließ mir da etwas wegrasieren, dort etwas hinmalen, sogar meine Haare ließ ich nach Frau Grubers Wunsch und Willen bearbeiten, denn die hatte sie von Anfang an nicht gemocht. Sie reichten mir bis zur Taille und waren mittelblond, mit einem leicht rötlichen Stich. Frau Gruber befand jedoch, mit einer solchen Farbe liefe jeder Straßenköter herum, und nachdem ich mich zwei Jahre lang zur Wehr gesetzt hatte, gab ich schließlich nach: Meine Haare wurden gefärbt.

Im ersten Anlauf wurde aus einer mittelblonden Eva eine feurige Rothaarige. »Es sähe gut aus«, äußerte Frau Gruber, »wenn du nicht die erotische Ausstrahlung eines gut gewachsenen Stangenspargels hättest.«

Also wurde ich umgefärbt: schwarz. Doch auch das war nicht des Rätsels Lösung, denn das passte allenfalls zu meinem Temperament. So wurde die Farbe herausgezogen, und ich erblondete wieder, immer mehr, immer heller. Als meine Haare endlich den Farbton einer Marilyn Monroe angenommen hatten, grunzte meine Ballettmeisterin zufrieden: »Das ist es!«

KAPITEL 2

Obwohl Frau Gruber sehr viel für mich tat, wurde ich das Gefühl nicht los, als täte sie mir damit auch sehr vieles an. Wie eine Kunstfigur kam ich mir vor, wie eine Puppe, die Frau Gruber selbst erschaffen hatte und der sie jetzt nur noch zu befehlen brauchte, und prompt tat das Püppchen, was sie wollte. Ich trat an auf Kommando; ich stand stramm auf Kommando; ich erledigte, was man mir auftrug; ich lächelte auf Kommando; ich sagte immer nur, was ich sagen sollte, und – was das Schlimmste war – ich dachte sogar zu Frau Grubers Wohlgefallen, denn da sie behauptete, meine Gedanken lesen zu können, hütete ich mich, etwas zu denken, was ihr vielleicht nicht genehm wäre. Ich stand also ganz unter ihrem Einfluss. Ich war ihr Geschöpf, und dafür, dass sie das aus mir gemacht hatte, konnte ich ihr unmöglich auch noch dankbar sein. Genau das erwartete sie aber von mir. Meine Ballettmeisterin verlangte Dank und Bewunderung von mir. Verweigerte ich ihr die demütige Anbetung, wurde ich sofort bestraft. Dann musste ich spülen oder putzen, Einkäufe oder anfallende Büroarbeiten erledigen.

»Damit du begreifst, wer hier das Sagen hat, Eva!«

Ich begriff es, schneller, als Frau Gruber lieb war, mit dem Ergebnis, dass ich mich fortan ständig bemühte, ihr etwas vorzuspielen. Bei jeder Gelegenheit erklärte ich ihr, wie unvergleichlich schön sie doch sei. Sobald ich ein paar Mark Taschengeld erübrigen konnte, kaufte ich ihr Blumen. Manchmal spülte und putzte ich sogar freiwillig.

Frau Gruber war eine höchst erfolgreiche Geschäftsfrau. Ihr gehörte eine der renommiertesten Ballettschulen weit und breit, mit sechshundert Klienten; das Unterrichtsspektrum reichte von Ausbildungs-, Kinder- und Erwachsenenklassen über Damengymnastik, Jazz-Dance und Steptanz bis hin zum Yoga, Frau Grubers Steckenpferd. Nichts liebte sie mehr, als Menschen zu erklären, wie verspannt sie doch wären, als ihnen zu zeigen, wie sie mittels Bauchatmung, Lotussitz und Kopfstand diese Verkrampfungen lösen könnten, als sie mit Phrasen zu bombardieren: »Wir sind vollkommen locker, vollkommen entspannt! – Wir sind frei von jeder Bindung! – Wir sind frisch und gesund!«

Von all den vielen Rollen, die Frau Gruber im Alltag spielte, war die des Gurus mit Abstand ihre beste. Sie war sich zwar selbst nicht ganz schlüssig, was sie denn da lehrte, ob Buddhismus, Hinduismus oder Zen, aber sie wusste zumindest, dass es sich um eine fernöstliche Religionsrichtung handelte. Ihre Unwissenheit glich sie mit Fanatismus aus: Sie befahl ihren Anhängern, nur ja gute Gedanken zu haben, weil ihnen nur dann der Weg zur Selbsterlösung offen stünde. Hatte doch mal einer gefehlt – was häufig vorkam –, so tröstete sie ihn damit, dass er Fehler, die er in diesem Leben beginge, im nächsten leicht wiedergutmachen könnte – als Präsident der Vereinigten Staaten oder als Regenwurm.

Natürlich blieben auch mir diese Sprüche nicht erspart. Dass ich eine entschiedene Christin war, hatte Frau Gruber nämlich von Anfang an nicht gepasst. Deshalb sprach sie mich jetzt schon morgens beim Frühstück auf mein »Karma« an, und nach dem Mittagessen versorgte sie mich mit Literatur, die mich einweihen und der »Erleuchtung« näher bringen sollte. War ich abends noch immer nicht bereit zur Reise ins Nirwana, wurde ich lautstark gerügt.

»Das zeigt mir, Eva, dass du nicht im Einklang bist mit dir selbst, und ein Mensch, der nicht im Einklang ist mit sich selbst, ist zum Scheitern verurteilt und deshalb …«

Deshalb wurde ich schließlich dazu verurteilt, regelmäßig am Yoga-Unterricht teilzunehmen.

Ich fügte mich. Ich hatte keinen Grund, es nicht zu tun. Mein Glaube war fest, und er war das Einzige, was ich mir von Frau Gruber nicht nehmen ließ, das sollte sie Jahre später dann auch begreifen. So lag ich fortan dreimal in der Woche abends zwischen acht und neun auf dem harten, kalten Holzboden in der Ballettschule und hörte mir an, wie Guru Grober mir weismachen wollte, ich läge in Wahrheit auf einer weichen und warmen Wiese. Packte mich darüber der Zorn, wurde mir aufgetragen, meine Seele vom Körper zu lösen; gelang mir das nicht, war ich selbst schuld: Alle anderen waren frisch und gesund, nur ich fühlte mich müde und krank – kein Wunder!

»Mach nicht so ein Gesicht, Eva, und zieh dich an! Wir gehen in fünf Minuten!«

Das sagte Frau Gruber nach jeder Stunde laut und deutlich, denn nur das garantierte ihr, dass jeder der Anwesenden noch mindestens eine brennende Frage hatte, die er in diesen kurzen fünf Minuten nun unbedingt noch stellen musste. So wurden aus den fünf Minuten jedes Mal zwei geschlagene Stunden. Guru Grubers Märchenstunden! Man konnte richtig sehen, wie sie dabei aufblühte. Bei gedämpftem Licht saß sie in einem hautengen Ganzanzug aus unschuldig weißer Baumwolle im Schneidersitz vor ihren Anhängern und hielt mit zum Licht passender Stimme lange Vorträge. Dass man viele, viele Opfer bringen müsste, um ihren Entwicklungsstand zu erreichen, behauptete sie, und dann erzählte sie aus ihrem Leben.

»Ich gehe jeden Abend früh zu Bett, um zu meditieren. Dem Sex habe ich schon mit dreißig abgeschworen, denn der verbraucht Kräfte, die man anderweitig viel sinnvoller einsetzen kann. Ich trinke keinen Alkohol, ich rauche nicht, und Vegetarierin bin ich auch …«

Nun, Vegetarierin war sie wirklich, die Frau Gruber, und wenn sie Zigaretten rauchte, dann nur solche mit Menthol. Ansonsten waren ihre Behauptungen nichts als Lügen. Den zumeist treu sorgenden Ehefrauen, die zu ihrem Yoga-Unterricht kamen, spannte sie gern die Männer aus, und was den Alkohol anging, so bestellte sie Wein und Cognac immer gleich kistenweise. Mit glasigen Augen saß sie nachts in ihrem feudal eingerichteten Wohnzimmer und ließ sich von ihren so genannten Freunden bewundern. Das waren allesamt merkwürdige Gestalten, und die merkwürdigste von allen war ein Mittvierziger, der sein Haar zartgrau färbte und ondulierte, und der sich vorzugsweise in violette oder fliederfarbene Seide hüllte. Wenn er lief, wogte sein Gesäß wie eine Nussschale auf dem Ozean, wenn er sprach, glich seine Stimme einem leidenden Koloratursopran, und wenn er ein Wesen in der Ferne erblickte, das ebenso »männlich« wirkte wie er selbst, spreizte er die beringten Fingerchen und eilte mit tänzelnden Schrittchen auf sein Opfer zu, sodass man befürchten musste, er würde im nächsten Moment zu Boden sinken und vor Begeisterung mit dem Schwänzelein wedeln. Leider hatte ich nie das Glück, diese Apotheose zu erleben. Dafür hörte ich, wie er eines Abends versehentlich rülpste und dazu meinte: »›Hubs‹ sprach der Lachs, da bin ich!«

All das entsetzte mich anfangs maßlos. Solche Leute und solche Lebensgewohnheiten hatte es in meinem Elternhaus nicht gegeben. Im Laufe der Zeit lernte ich aber, über all das hinwegzusehen: Frau Gruber war nun mal so! Womit sie sich so gern umgab, war ebenso falsch wie sie selbst. Sie war gar kein Mensch, sondern nur eine Imitation. Sie plapperte Dinge vor sich hin, die sie irgendwo gehört, aber nie verstanden hatte, und das war nicht nur brutal und skrupellos, sondern vor allem dumm. Ich verlor alle Achtung vor ihr, und das entging ihr wiederum nicht.

»Am besten, du gehst zurück zu deinen Eltern!«, pflegte sie häufig zu sagen. »Du kannst ja behaupten, du hättest es dir anders überlegt und würdest nun doch lieber Ärztin werden.«

»Ich will aber immer noch Tänzerin werden, Frau Gruber!«

»So?«

Dieses »So?«, war in aller Regel der Beginn einer Strafpredigt, im Verlauf derer Frau Gruber mir klar machte, dass alles, was ich sagte, falsch war. Was ich war, war nie genug: Ich war nicht hübsch, nicht charmant, nicht begabt genug … Sie versuchte mit allen Mitteln, mich klein zu machen, und ich ließ mir das widerspruchslos gefallen, denn ich wollte nun mal eine berühmte Primaballerina werden – unbedingt!

Meine Rechnung schien aufzugehen. Knapp sechzehnjährig, mitten in der Spielzeit, bekam ich schon mein erstes Engagement, im Theater meiner Heimatstadt. Es war kein besonderes Theater. Architektonisch war das Gebäude zwar hypermodern und mit allem Komfort ausgestattet, den es damals gab, aber was die künstlerische Klasse anging, so rangierte diese Bühne irgendwo zwischen der Hamburgischen Staatsoper und den Gummersbacher Bühnen. Aber es war mein Theater: Von hier aus wollte ich den Rest der Welt erobern, und dafür war mir keine Qual zu groß. Frau Gruber sah diese Kompromisslosigkeit gern und zwang mir einen bestimmten Lebensrhythmus auf.

Morgens rappelte mein Wecker. Noch im Halbschlaf vollführte ich die so sehr geschätzten und ach so anregenden Yoga-Atemübungen, dann sprach ich mein Morgengebet, nahm ein Bad, und anschließend gab es ein gemeinsames Frühstück. Das bestand aus Tee und Toast. Ich hasste beides, denn ich liebte Kaffee und frische Brötchen. Was ich liebte, interessierte Frau Gruber jedoch wenig, und so sah sie mir allmorgendlich dabei zu, wie ich den Tee mit verzerrtem Gesicht herunterwürgte und den Toast von einem Tellerende zum anderen schob.

Sie behielt ihre Prinzipien und ich einen knurrenden Magen.

Um halb zehn traf ich, streng nach Plan, im Theater ein, grüßte den Pförtner und huschte durch dunkle Gänge hinauf in die dritte Etage, wo ich die Garderobe mit fünfzehn anderen Mädchen teilte. Eines davon war Hilary Johnson. Sie war zwei Jahre älter als ich, und ihr eigentlicher Name war erschütternd provinziell. Deshalb habe sie sich einfach einen neuen gesucht. »In diesem Land«, erklärte sie mir, »musst du entweder Neger oder DDR-Flüchtling sein, wenn du Karriere machen willst. Bist du beides nicht, hilft nur noch ein amerikanischer Name, das muss man realistisch sehen.«

Hilarys Realitätssinn faszinierte mich. Sie stammte aus erbärmlichen Verhältnissen. Der Vater war Alkoholiker und hatte sie und ihre drei Geschwister regelmäßig verprügelt, die Mutter hatte als Putzfrau das Geld für die Ausbildung der Tochter zusammengespart.

»Dahin will ich nie wieder zurück!«, schwor Hilary mehrmals täglich. »Ich tue alles, um Karriere zu machen. Alles!«

Was Hilary unter »alles« verstand, eröffnete mir eine völlig neue Welt. Es gab im Umkreis von vielen, vielen Kilometern kaum einen Mann, den sie nicht »näher« kannte, und all diese Männerbekanntschaften brachten ihr im Verlauf weniger Monate eine komplette Wohnungseinrichtung ein und jede Menge Interviews in den Zeitungen.

»Beziehungen zur Presse muss man pflegen«, erklärte sie mir. »Wenn man oft genug in der Zeitung steht, wird man ganz von allein berühmt.«

Ich wusste nicht so recht, ob ich ihr das glauben sollte, aber da für meine Werbung ohnehin Frau Gruber zuständig war, interessierte es mich auch nicht sonderlich. Für mich war Hilary als Persönlichkeit von Bedeutung. Ich bewunderte sie einfach, weil sie, obwohl nur wenig älter als ich, längst eine Frau, ich aber immer noch ein Kind war. Sie war hübsch, und sie hatte so etwas an sich, was alle betörte. Sie konnte hervorragend mit Menschen umgehen, insbesondere mit Männern. Deshalb war es nicht verwunderlich, dass ich jeden Morgen ab halb zehn einiges mit ihr zu besprechen hatte.

Eine halbe Stunde später stand ich dann im Ballettsaal an der Stange und absolvierte mein erstes Exercice – Pliés, Tendus, Jetés, Frappés, Ronds de Jambe par Terre usw. Nach diesem Stangentraining kam das Adagio, und auf das Adagio folgten die Pirouetten, die kleinen und großen Sprünge.

Zwischen halb zwölf und zwölf saß ich dann mit den anderen Tänzern in der Kantine und gönnte mir einen kleinen Imbiss. Die Proben für die jeweiligen Vorstellungen dauerten bis zwei, danach gab es einen weiteren Imbiss, und alsdann marschierte ich quer durch die Innenstadt zu Frau Grubers Ballettschule.

Das war mein eigentliches Zuhause. Ich fand nirgends auf der Welt jemals wieder ein ähnliches Gefühl von Heimat. Jeder Winkel dieses Gebäudes war mir vertraut, ich kannte die Geräusche jeder einzelnen Bodenplatte, ich hätte jede der Fotografien, die an den Wänden hingen, mit geschlossenen Augen malen können.

Ab halb vier stand ich dort neben zehn- bis vierzehnjährigen Mädchen an der Stange und absolvierte mein zweites Exercice. Frau Gruber hielt dabei einen Bambusstock in der Hand, mit dem sie den Takt der Musik unterstrich. Wenn man nicht gehorchte, schlug sie damit auch schon mal zu. Also gehorchte man: »Höher die Beine! – Die Knie strecken! – Den Bauch rein! – Die Brust vor! – Die Schulter runter! – Den Po anspannen! – Nicht verkrampfen!!!«

Während die Kinder zu meiner Rechten und Linken zumeist unter diesem Tonfall litten, weil sie nichts mehr hassten als Ballett, genoss ich sogar die Befehle. Mehr noch als sonst brannte in jenen Augenblicken die Seligkeit in mir, eine Tänzerin zu sein, einen Körper voller Musik zu haben. In diesem Bewusstsein brachte ich dann unter Acht- bis Zehnjährigen auch noch eine weitere Kinderklasse hinter mich. Dann gab es eine kurze Pause, und ab sechs Uhr probten Peter und ich unser Pas-de-deux-Repertoire.

Dieser Peter Iwanow, seines Zeichens ein aufstrebender Solotänzer, war neben Frau Gruber der zweite Nagel zu meinem Sarg. Ich war gerade erst zwölf Jahre alt gewesen, als er mich bei einem offiziellen Vortanzen aus Scharen junger Mädchen zu seiner zukünftigen Partnerin auserkoren hatte. Seitdem wurde ich allerorten beneidet, denn Peter war schön und groß und blond, und dass er homosexuell war, sah man ihm nicht an.

»Sei dankbar!«, mahnte man mich immer wieder. »Du darfst die gleiche Luft atmen wie er.«

Wie schnell man von dieser Luft die Nase voll hatte, ahnte indes keiner dieser Neider. Peter verlangte nämlich Kadavergehorsam. Ich hatte zu funktionieren und ansonsten zu schweigen, mit anderen Worten: Peter und Frau Gruber verband eine Art von Seelenverwandtschaft. Sie waren im gleichen Alter und vom gleichen Schlage, und sie gefielen sich in den Rollen meiner Kerkermeister und holten das Letzte aus mir heraus. So beherrschte ich mit sechzehn Jahren den Pas de deux aus dem Don Quijote, mit siebzehn den Schwarzen Schwan und mit achtzehn schließlich die Spitze des Eisbergs, Le Corsaire. Um das alles zu lernen, musste man schon täglich üben. Also übte ich täglich, und anschließend lief ich, sofern ich Vorstellung hatte, wieder zum Theater zurück. Das war meist gegen acht Uhr, und der Pförtner hatte in der Zwischenzeit schon gewechselt, nur ich war immer noch die Gleiche.

Oben in der Garderobe ließ ich mich schminken, schlüpfte in mein Kostüm und verschwand zu einem weiteren kurzen Aufwärmtraining im Ballettsaal.

Irgendwann stand ich dann auf der Bühne und machte meine Mätzchen. Mit Kunst hatte das nur selten etwas zu tun, denn das Gros der Regisseure liebte es zu »abstrahieren«. Da nahm man dann einfach eine Tschaikowsky-Symphonie und ließ dazu ein Ballettensemble drei viertel nackt in einer Schlammdekoration herumstampfen, oder man bediente sich einer Puccini-Oper und verlegte die Handlung ins 23. Jahrhundert, wo die Sopranistin alsdann, von Synthesizer-Klängen begleitet, mit einem Astronautenhelm auf dem Kopf um ihr Leben schrie. All das wurde Kunst genannt, und ich hatte mich längst damit abgefunden.

Zwischen zehn und elf Uhr abends war mein Tagewerk dann in der Regel vollbracht. Ich schleppte mich heimwärts, wo Frau Gruber und das Abendessen auf mich warteten, ein zweihundert Gramm schweres Rinderfilet, medium gebraten – jeden Abend gleich –, eine Riesenschüssel grüner Salat – jeden Abend gleich sauer – und eine (!) Praline. Hatte ich das intus, setzte ich zum so genannten Endspurt an. Ich wusch mir die Haare, nahm ein Bad, bearbeitete meinen geschundenen Körper mit Arnikaöl und brachte die Yoga-Atemübungen hinter mich. Dann fiel ich todmüde ins Bett, sprach mein Nachtgebet und löschte das Licht.

Wie hart und wie eintönig dieser Alltag war, kam mir anderthalb Jahre lang gar nicht zu Bewusstsein.

»Stars werden nun mal nicht geboren«, erklärte Frau Gruber mir immer wieder, »Stars werden gemacht!«

So trainierte ich tagaus, tagein, trotz Fieber und trotz Zerrung, und stand noch artig auf meinen Spitzenschuhen, wenn das Blut bereits durch den Satin sickerte.

»Lächeln!«, schrie Frau Gruber dann. »Was wehtut, tut auch gut!«

Wenn ich einmal wagte, Zweifel an dieser Weisheit zu äußern, sagte Frau Gruber: »Pass auf, Eva! Wenn du nicht spurst, bilde ich dich einfach nicht weiter aus. Verstanden?«

Schon als Kind hatte ich das verstanden, und so hatte Frau Gruber mit dieser Drohung auch immer Erfolg. Mit einer einzigen Ausnahme hielt sie mich damit bei der Stange. Zu dieser Ausnahme kam es im Sommer 1975.

Damals war ich siebzehn, und ich tanzte mein erstes Solo, einen Csárdás, im Zigeunerbaron. Das war nichts Überwältigendes, aber es war immerhin ein Anfang, und zu verdanken hatte ich diesen Anfang unserem neuen Choreographen, einem hübschen, kleinen, zarten Amerikaner namens Jimmy Porter. Er mochte mich, und so gab er mir diese Chance – eine Chance, die ungeahnte Konsequenzen hatte. Ich, die ich bisher niemals ausgegangen war oder sonst irgendwie über die Stränge geschlagen hatte, ich veränderte mich plötzlich so sehr, dass Frau Gruber befürchtete, mir wäre »der Ruhm« zu Kopfe gestiegen. Denn von einem Tag auf den anderen sagte ich Ade zu Söckchen und Faltenröcken und stieg um auf Seidenstrümpfe und eng anliegende Kleider. Auch die flachen Sandaletten meiner Mädchenzeit landeten auf dem Müll. Stattdessen zwängte ich mich in hochhackige Pumps. Ich ging in meiner Freizeit aus, ohne zu sagen, wohin, und was für meine Ballettmeisterin das Ärgste war: Ich gab auf einmal Widerworte. So kam es zunehmend zu Streitigkeiten zwischen uns. Wenn ich mich nach einer Vorstellung noch mal für ein Stündchen vor den Fernsehapparat setzte, hieß es gleich: »Nur Bardamen sind derart vergnügungssüchtig, Eva!«

Weigerte ich mich, meine Haare wie früher zusammenzubinden, hieß es, ich sähe aus wie eine Lagerhure. »Aber das scheint dir ja nichts auszumachen, Eva, das gefällt dir vermutlich noch, wie dir dieser Krach gefällt …«

Mit dem »Krach« meinte meine Ballettmeisterin die Musik der Rolling Stones, die ich jetzt öfter hörte.

»Musik nennst du das, Eva! Das ist keine Musik, sondern Körperverletzung. Nur ein pubertäres Monstrum kann seinen Ohren so etwas antun!«

Die gute Frau Gruber war so verzweifelt, dass sie mich beschatten ließ. »Hubs!, sprach der Lachs, da bin ich!«, eignete sich prächtig dazu, weil er äußerlich sehr unauffällig war. Auf Meilen sah man seine ondulierten Haare und seine wallenden, violetten Gewänder, aber nichtsdestotrotz kam er zum Ziel. Davon war er zumindest überzeugt, und Frau Gruber war es auch, denn sie teilte mir eines Tages hoch erhobenen Hauptes mit, dass sie nunmehr alles durchschaut hätte.

Das war an einem Samstag. In der Nacht zuvor hatte ich schlecht geschlafen. Deshalb hatte ich am Morgen im Ballettsaal wohl auch eine ausgesprochen schwache Leistung gezeigt. Frau Gruber behauptete das zumindest. So hatten wir, als wir endlich am Mittagstisch saßen, mehrere handfeste Auseinandersetzungen hinter uns. Es sollte aber noch schlimmer kommen. Während ich mit der Gabel in so genanntem Lauchgemüse herumstocherte – das nichts anderes war als in Wasser abgekochter und nicht gewürzter Porree –, trank meine Ballettmeisterin ein Glas Rotwein nach dem anderen und ließ mich dabei nicht aus den Augen. »Du schläfst in letzter Zeit häufig schlecht …«, zischte sie nach etwa zehn Minuten eisigen Schweigens. »Aber ich weiß jetzt, woher das kommt – du bist verhext!«

Da ich mir derartigen Schwachsinn häufig anhören musste, erschütterte es mich nicht allzu sehr, aber es veranlaßte mich immerhin, den Blick von dem faden Porree abzuwenden. Ich schaute Frau Gruber an, die mich fast verschlang mit ihren Augen.

»Ich spüre es ganz deutlich«, knurrte sie, »diese negativen Schwingungen kann ich körperlich spüren …«

Ich atmete schwer.

»Ja, ja, Eva, ich weiß genau, dass du das nicht hören willst. Niemand will die Wahrheit hören, auch du nicht.«

Ich legte die Gabel aus der Hand und machte es mir bequem auf meinem Stuhl. »Die Wahrheit, Frau Gruber?«

»Oh ja!!«

»Was für eine Wahrheit?«

Meine Ballettmeisterin griff noch mal rasch zu ihrem Weinglas und leerte es in einem Zug, dann beugte sie sich vor und hob den Zeigefinger:

»Hilary ist an allem schuld, mein liebes Kind, das weißt du genau! Sie hat dich verhext! Dieses Mädchen ist ein ganz billiges Flittchen, aber das fällt dir ja nicht auf, weil sie dich beherrscht, weil sie –«

»Sie ist meine Freundin, Frau Gruber!« Meiner Ballettmeisterin derart schnöde ins Wort zu fallen, wäre mir früher nicht in den Sinn gekommen, aber dieses Mal konnte ich nicht anders. Unbedingt wollte ich Frau Gruber verständlich machen, was Hilary mir bedeutete, seit meiner Schulzeit hatte ich keine Freundin mehr gehabt, und ich brauchte jemanden, mit dem ich reden konnte.

»Reden?«, schrie Frau Gruber. »Du kannst mit mir reden!«

Dabei sprach sie nie mit mir, sie belehrte mich nur. Meine Probleme fand sie immer von vornherein absolut »lächerlich«.

»Das sind sie ja auch!«, schimpfte sie, als ich das jetzt endlich zu sagen wagte. »Du bist ein Kind von siebzehn Jahren! Was für Probleme willst du haben?«

»Ich bin schon lange kein Kind mehr, ich –«

»Ach, so ist das!« Meine Ballettmeisterin sprang auf, als wäre ihr der Stuhl zu heiß geworden. »Da steckt ein Kerl dahinter! Wer, Eva? Ich verlange, dass du mir auf der Stelle seinen Namen nennst, Eva! Sofort! Eva???«

Dieser Verdacht nötigte mir nur einen müden Blick ab. Ein Kerl! Als meine Schulfreundinnen bereits mit einem Jungen »gingen«, wie das genannt wurde, trainierte ich noch artig, ohne nach rechts oder links zu schauen. Ich war nicht einmal richtig aufgeklärt, das Einzige, was man mir mit auf den Weg gegeben hatte, war eine Warnung im Hinblick auf meine Jungfräulichkeit: »Lass da bloß keine Stümper ran!«, hatte mir mein Vater eingeschärft. »Denk immer dran, Eva: Was steht vor dem Bett und zittert? – Ein Anfänger!« Und da sprach Frau Gruber von einem Kerl!? Dafür konnte ich wirklich nur einen müden Blick erübrigen.

Diesen Blick wertete sie jedoch als deutliches Anzeichen zunehmender Renitenz. »Nimm dich in Acht!«, fuhr sie mich an. »Du bist nun mal nicht wie andere Mädchen. Du bist eine Tänzerin. Ich habe es dir immer schon gesagt: Karriere oder Liebe. Ein Und gibt es nicht. Solltest du irgendwann vor mir stehen und heiraten wollen, bringe ich dich um!«

Die letzten Worte schrie sie, statt sie zu sprechen. Ihr Gesicht lief feuerrot an, und ihre ohnehin kleinen Augen waren plötzlich nur noch Schlitze. Sie meinte ernst, was sie da sagte, und diese Erkenntnis ließ eine Sehnsucht in mir erwachen: ich bekam Sehnsucht, mich zu übergeben.

Also erhob ich mich von meinem Stuhl und lief zur Treppe, die in die erste Etage führte, wo mein Zimmer und das Bad waren. Da packte Frau Gruber mich am Arm.

»So kommst du mir nicht davon!«, keifte sie. »Ich weiß nämlich Bescheid, Eva. Hilary hat dich eingeladen. Sie gibt heute Abend eine Party, und du hast zugesagt, zu kommen. Aber genau das wirst du nicht tun, Eva! Du wirst heute Abend nach der Vorstellung brav nach Hause kommen, und wenn du das nicht tust …«

Den Nachsatz »… dann bilde ich dich einfach nicht weiter aus!«, konnte sie sich getrost ersparen, den kannte ich zur Genüge.

An diesem Samstag hatte meine Ballettmeisterin eine Verabredung mit ihren »Freunden«. Diese Verabredungen endeten meist erst in den frühen Morgenstunden und verliefen sehr alkoholreich. Ich selbst tanzte an diesem Abend im Zigeunerbaron. Da Peter, mein allgegenwärtiger Partner, ausnahmsweise mit Grippe im Bett lag, waren meine Gedanken, zum ersten Mal in meinem Leben nicht kontrolliert zu werden und eine aufregende Nacht zu verleben, einfach zu gut, als dass ich sie ungenutzt hätte lassen können. Ich musste zu Hilarys Party gehen, das war ich mir schuldig.

Ich tat es mit voller Überzeugung. Deshalb war ich auf dem Weg zum Theater auch bester Laune. Mein schönstes Kleid hatte ich an, einen zweiteiligen, schwarzgrundigen, mit dezenten Blütenmotiven bedruckten Traum aus Musselin. Der Rock war plissiert und reichte eine Handbreit übers Knie, was damals sehr modern war. Die Bluse war eng tailliert und hatte so genannte Fledermausärmel. Wunderschön kam ich mir darin vor, und ich fühlte mich so wohl, das Leben war herrlich, so herrlich …

An dieser Stelle endete später mein Erinnerungsvermögen. Plötzlich war da ein Loch in meinem Kopf, ein dunkles, schwarzes Loch, das Zeit und Raum verschlang. Ich kam erst wieder zu mir, als ich bereits auf Hilarys Party war, aber ich wusste weder, wie ich dorthin gekommen war, noch, wie lange ich zu diesem Zeitpunkt bereits dort weilte. Ich stand da, eine brennende Zigarette in der linken, einen Martini in der rechten Hand, und fühlte mich unendlich müde, unendlich erschöpft.

»Etwas nicht in Ordnung?«, sprach mich jemand an, und ich drehte mich um.

Vor mir stand ein Mann, der mich angrinste, und neben ihm stand noch ein Mann, der mich angrinste, und überhaupt waren da überall Männer, die mich angrinsten … Ich ließ das Glas mit dem Martini fallen und schrie. Ich hatte Angst, und ich bemerkte erst jetzt, dass mein Kopf fürchterlich schmerzte.

Da war eine Beule. Sie war riesig, aber ich wusste nicht, woher ich sie hatte. Diese vielen, fremden Männer standen immer noch da und grinsten mich an, und als mich einer von ihnen bei den Schultern fasste, war es ganz um mich geschehen: Ich attackierte ihn mit der brennenden Zigarette und ergriff die Flucht.

Draußen herrschte finsterste Nacht. Niemand war mehr auf der Straße, und ich rannte nach Hause, völlig verstört, mit dröhnendem, schmerzendem und leerem Kopf.

Frau Gruber erwartete mich bereits. »Das war dein erster und letzter Ausflug ins Nachtleben!«, empfing sie mich. »Wo kommst du her? Weißt du, wie spät es ist? Wo hast du dich herumgetrieben?«

Ich hätte viel darum gegeben, wenn ich ihr eine dieser Fragen hätte beantworten können, aber ich wusste gar nichts mehr und konnte nur noch heulen und schluchzen.

Frau Gruber nahm das zur Kenntnis, auf ihre Art.

»Bist du betrunken, Eva?«

»Nein …«

»Hast du Drogen genommen, Eva?«

»Nein.«

»Was dann, Eva?«

Ich schaute sie an und schluckte. Eh ich mich versah, versprach ich meiner Ballettmeisterin mit kindlicher Stimme, von nun an ein artiges Mädchen zu sein.

»Was?«, vergewisserte sie sich.

»Nie mehr … nie mehr was Böses tun …«, wimmerte ich, »… nie mehr …«

»Du bist doch betrunken, Eva!«

»Nein!«

»Du hast Haschisch geraucht?«

»Nein!«

»Dann geh jetzt zu Bett!«

Damit war diese Angelegenheit für Frau Gruber erledigt, was mir im Nachhinein bewies, dass sie noch wesentlich brutaler und skrupelloser war, als ich es mir in meinem Kinderverstand jemals hatte vorstellen können! Was mir widerfahren war an diesem Samstagabend, war so schrecklich gewesen, dass ich es sofort vergaß. Am nächsten Morgen konnte ich mich an überhaupt nichts mehr erinnern, ich wusste nicht einmal mehr, dass es diese vergangene Nacht gegeben hatte, und die mysteriöse Beule an meinem Kopf war mir völlig gleichgültig. Sie war nun mal da, mehr nicht.

Frau Gruber wusste indes genau Bescheid. Sie wusste zwar auch nicht, was sich zugetragen hatte, zumindest aber, dass sich da etwas zugetragen hatte, doch hütete sie sich, mich darauf anzusprechen. Für ihre Begriffe war nämlich ein Wunder geschehen. In einer einzigen Nacht hatte ich mich ganz von allein zu dem entwickelt, was sie jahrelang vergeblich aus mir hatte machen wollen. Endlich war ich ein formvollendetes Püppchen, ein Püppchen aus Überzeugung. Hatte ich früher zu dem geschwiegen, was mir nicht passte, so passte mir jetzt plötzlich alles, sodass sich das Schweigen erübrigte. Früher hatte ich nur widerwillig getan, was sie verlangte, jetzt tat ich es gern. Jetzt gehörte ich endgültig ihr, und da fragte sie natürlich nicht, warum das wohl so war.

Ich selbst fragte mich das auch nicht, obwohl meine so genannten Veränderungen alles andere als unauffällig waren. Ich legte mir nämlich von einem Tag auf den anderen jede Menge exklusiver Ticks zu. Ich ging zu den teuersten Friseuren, ich kleidete mich nur noch in Haute Couture und pflegte mein Äußeres wie einen Augapfel. Mein besonderes Faible galt kostbarster Nachtwäsche, die ich mir bald schon in allen Variationen zulegte. Geld hatte ich schließlich genug. Neben meiner Theatergage verdiente ich an Werbeveranstaltungen, die Frau Gruber organisierte. So war mein Konto schon bald fünfstellig, und ich träumte von einem italienischem Super-Luxus-Sport-Kabriolett.

Meine Kollegen sprachen mich nacheinander auf meine plötzliche Wandlung an, doch ich ging jeder Nachfrage aus dem Weg. Mehr noch, ich entwickelte binnen kürzester Zeit rhetorische Fähigkeiten, die ich mir selbst nicht zugetraut hätte. Beißender Zynismus brodelte in mir, auf alles fiel mir eine bösartige Antwort ein. Einer gab diesem Kind einen Namen, indem er es »Klapperschlangen-Charme« nannte, und dieser eine war der Einzige, der davon verschont blieb: Jimmy, unser Choreograph. Zu ihm knüpfte ich bald seltsame Bande, sie waren wohl auch nur »Ticks«, denn dass er wie die meisten Männer in unserer Kompanie homosexuell war, hatte ich von Anfang an gewusst. Dennoch war ich plötzlich in ihn verliebt, oder besser, ich glaubte, in ihn verliebt zu sein. Es war ein merkwürdiges Gefühl, das frei war von Leidenschaft und Zärtlichkeit, das nur wenige Wochen dauerte und mich trotzdem erfüllte. Jimmy spürte, was ich für ihn empfand. Zwar lag ein Hauch von Mitleid in seinem Blick, wenn er mich ansah, doch er konnte es nicht lassen, mich anzusehen und jedes Lächeln zu erwidern. Fortan schenkte er mir und meiner Arbeit besondere Beachtung.

Dann inszenierte er seinen ersten Ballettabend.

Es war ein Gershwin-Ballettabend, und er bestand aus der Rhapsody in Blue, dem Amerikaner in Paris und dem Konzert für Klavier und Orchester in F-Dur. Als die Proben im Herbst 1975 begannen, tanzten unsere Solistinnen erwartungsgemäß die Hauptrollen. Doch hatte Jimmy ursprünglich Artist werden wollen, und nachdem ein schwerer Unfall diesen Traum zerstört hatte, wollte er seine Zirkus-Fantasien auf choreographischer Ebene ausleben. Das ließen sich die Damen jedoch nicht bieten.

»Nicht mit uns!«, kreischten sie und warfen das berühmte Handtuch. »Such dir andere Idiotinnen, die vom Schnürboden springen und auf wackeligem Podest doppelte Fouettés drehen! Wir sind uns dafür zu schade.«

Eine knappe halbe Stunde später stand Jimmy vor mir in der Garderobe. »Wie ist es, Eva? Ich gebe dir die Hauptrolle in der Rhapsody und im Konzert, zusammen mit Peter Iwanow. Nimmst du an?«

Das war ja überhaupt keine Frage. Ich war außer mir vor Glück, und dieses Glück vermochte nichts zu trüben, nicht einmal die Tatsache, dass Hilary im Amerikaner die Hauptrolle tanzte.

»Es führen eben viele Wege nach Rom!«, erklärte sie mir. »Die eine schafft es mit Fleiß, und die andere …« Sie lachte, und ich stimmte zögernd mit ein. Seit jenem Samstag hatte ich kaum noch Kontakt zu ihr, sie war schließlich ein billiges Flittchen. Trotzdem raffte ich mich auf, wenigstens mit ihr zu lachen, anschließend zogen wir in trauter Eintracht und mit hoch in die Luft gestreckten Näschen in eine Sologarderobe und bekamen sogar eine eigene Garderobiere. Sie hieß Frau Schmidt, sie war eine liebe Frau von fünfzig Jahren, klein, dick und mit einem unserer Pförtner verheiratet. Da sie keine eigenen Kinder hatte, ließ sie ihre Mütterlichkeit an uns aus – und das ließ mich meine wirkliche Mutter nur noch mehr vermissen.

Von Anfang an hatte ich unter der Trennung von meinen Eltern gelitten. Mehr als einmal war ich drauf und dran, einfach nach Hause zu fahren. Doch mein Stolz verbot mir, eine solche Schwäche zu zeigen. Ich hielt durch und fraß den Jammer in mich hinein. Nur mein Herrgott wusste, wie es da drinnen mittlerweile aussah. Deshalb ließ Er wohl schließlich Gnade walten. Wenige Tage vor meinem achtzehnten Geburtstag bekam ich einen Brief von meinen Eltern, das erste Lebenszeichen nach zweieinhalb Jahren. Sie schrieben, dass sie in letzter Zeit viel über mich in der Zeitung gelesen hätten.

»Nicht nur deshalb würden wir uns freuen, wenn Du an Deinem Ehrentag nach Hause kämest.«

Das war durchaus herzlich gemeint, auch wenn es nicht so klang. Denn meine Eltern waren stolz. Sie hatten mich damals aus dem Haus gejagt, um meinen Willen zu brechen, und sie hatten fest damit gerechnet, dass ich nach drei oder vier Wochen reumütig wieder heimkehren würde. Dass das nicht geschehen war, hatten sie wohl nie verstehen können.

Nachdem ich mein Elternhaus am 22. Juni 1973 verlassen hatte, kehrte ich am 2. Oktober 1975 dorthin zurück. Vor der Tür stand das italienische Super-Luxus-Sport-Kabriolett, von dem ich seit langem geträumt hatte; neben dem Auto standen meine Eltern, sie wirkten verlegen.

»Weißt du«, sagten sie, »du hast getan, was du wolltest, Eva, aber der Erfolg gibt dir Recht. Lass uns den Ärger begraben!«

Diese Versöhnung machte mein Glück vorerst vollkommen. Ich zog zwar nicht wieder zu meinen Eltern – das hätte ich Frau Gruber einfach nicht antun können –, aber sie holten auch so in wenigen Wochen nach, was sie in zweieinhalb langen Jahren versäumt zu haben glaubten. Ich wurde verwöhnt, geliebt und getröstet. Den Trost brauchte ich bald nötiger als das tägliche Brot. Von nun an ging alles ganz schnell. Das Schicksal erwartete mich zum Hauptkampf, im Ring war schon alles bereit. Das Einläuten übernahm Frau Gruber, indem sie befand, Jimmy hätte die ihr so sehr verhasste Hilary bei der Rollenvergabe für den Ballettabend bevorzugt. »Sie kann im Amerikaner darstellerisch einfach mehr bringen, als du«, sagte sie. »Und das musst du wettmachen, Eva. Du musst technisch perfekt sein, brillant … ich werde das schon regeln.«

Fortan war Frau Gruber bei jeder Probe anwesend und mischte sich in alles ein. Choreographierte Jimmy eine doppelte Pirouette, wollte sie eine dreifache, verlangte er eine Serie Pas de quatre, bestand sie auf einem Pas de six. Herr Porter wollte sich von Frau Gruber natürlich nicht ins Handwerk pfuschen lassen. So keiften sie einander an, dass die Fetzen nur so flogen, und dieser Streit wurde auf meinem Rücken ausgetragen, denn letzten Endes bekam meine Ballettmeisterin doch immer, was sie wollte. Jimmy bemerkte nicht einmal im Nachhinein, wie er ihr ins Netz gegangen war. Arglos lieferte er die Ideen, Frau Gruber arbeitete sie aus, und ich hatte sie umzusetzen. Da es sich dabei oftmals um wahre Kabinettstückchen handelte, musste ich noch viel mehr arbeiten als zuvor. Manchmal hing ich dem Zusammenbruch nahe über einer der Trainingsstangen und brach in Tränen aus. Aber selbst dafür gab es dann noch Schelte.

»Hör auf zu flennen!«, fuhr Frau Gruber mich dann an.

»Aber ich kann nicht mehr.«

»Wer noch sagen kann, dass er nicht mehr kann, der kann noch. Wer wirklich nicht mehr kann, bricht wortlos zusammen. Weiter, Eva!!!«

Hatte Frau Gruber bisher gesagt: »Wenn du nicht spurst, bilde ich dich nicht weiter aus!«, so sagte sie jetzt: »Wenn du nicht spurst, lasse ich dich fallen wie eine heiße Kartoffel!« Das klang in meinen Ohren noch gefährlicher. Sie interessierte sich eben nicht für den Menschen in mir, für sie war ich nur die Tänzerin Eva. Das wurde mir einmal mehr klar, als ich binnen kurzer Zeit fünf Kilo Gewicht verlor und darüber erschrak. Frau Gruber zischte mich nur an:

»Du warst eh zu fett. Eine Ballerina darf schließlich nicht aussehen wie das Reklamegirl auf einer Haferflockenpackung.«

Kurze Zeit später entdeckte ich in meinen Leistenbeugen teils sichtbare, teils nur fühlbare Knoten und Knötchen. Die kleinsten hatten das Ausmaß einer Erbse, die größten das eines Pfirsichkerns. Einige waren gerötet, druckempfindlich und beweglich, andere waren hart abgegrenzt und bereiteten nicht die geringsten Beschwerden.

Auch dafür hatte Frau Gruber sofort eine Erklärung. »Das kommt von deinen engen Helanca-Trikots«, schimpfte sie.

Also stieg ich um auf weite Baumwolltrikots, aber die Knubben, wie Frau Gruber sie nannte, rührten sich trotzdem nicht von der Stelle. Stattdessen begannen sie zu schmerzen, und diese Schmerzen wurden zunehmend unerträglich. Sie fielen plötzlich über mich her, sodass mir der Atem stockte, sie lähmten für den Bruchteil einer Sekunde meine Beine und umspannten meinen Unterleib wie ein stählernes Korsett, dann war es wieder vorüber.

»Sprich da bloß nicht drüber!«, sagte Frau Gruber. »Wenn das im Theater jemand erfährt, wirst du sofort umbesetzt.«

»Aber sollte ich denn nicht zum Arzt gehen?«

»Was?« Frau Gruber war über alle Maßen empört. »Was von allein gekommen ist«, brüllte sie, »wird wohl auch von allein wieder verschwinden. Man kann doch nicht wegen jeder Lächerlichkeit gleich zum Arzt rennen!«

Ich beschloss, ein letztes Mal auf sie zu hören. Lächerlich machen wollte ich mich schließlich nicht. Auch meinen
Eltern sagte ich nichts, um ihnen unnötige Sorgen zu ersparen.

Da ich die Schmerzen nicht ertragen konnte, besorgte ich mir Tabletten aus der Apotheke. Die halfen jedoch nicht. Da bekam ich einen »Tipp«: Ich ging zum Bahnhof, kam ins Gespräch mit Herrschaften, die in verschlissenen Mänteln in düsteren, muffigen Ecken hockten, Schnapsflaschen und Zigarettenkippen in der Hand hielten und sämtliche Wohlgerüche des Orients verströmten. Sie halfen mir weiter, und so fand ich mich eines Morgens im verdreckten Kloraum eines abgestellten Eisenbahnwaggons wieder. Es war bitterkalt darin, und es roch nach Kot und abgestandenem Urin. Durch das halb offene Milchglasfenster drang zudem der Gestank von feuchtem Metall. Das kleine Waschbecken war vom Schmutz verschmiert, der Spiegel war blind, auf dem Fußboden lagen gebrauchte Papierhandtücher, und die klebrige Klobrille war gerissen. Gerade wollte ich entsetzt davonlaufen, als ein Mann hereinkam. Es war ein finsterer Geselle, aber gegen harte Währung gab er mir ein Päckchen Tabletten, die halfen. Sie fielen zwar unter das Betäubungsmittelgesetz und hatten derart starke Nebenwirkungen, dass ich gleichzeitig auch Aufputschpräparate schlucken musste, aber sie halfen.

So zehrten sich die eigentlich für den Sportwagen gedachten Ersparnisse zusehends auf. Die Premiere des Ballettabends rückte immer näher und beschäftigte mich so sehr, dass ich kaum bemerkte, wie rasant mein Pillenbedarf stieg. Täglich brauchte ich mehr, um leistungsfähig zu sein, und je mehr Pillen ich schluckte, desto nervöser wurde ich. Unter meinen Launen litten besonders Hilary und Frau Schmidt. An sie gab ich den Druck weiter, den Frau Gruber, Jimmy und Peter auf mich ausübten. Meist nahmen sie es kommentarlos hin, manchmal beschwerten sie sich darüber, aber niemals versuchten sie, sich in meine Lage zu versetzen. Der Ballettabend war nun mal das Einzige, woran ich denken konnte, er war meine große Chance, er sollte der Beginn meiner Karriere werden. Deshalb ignorierte ich auch, dass ich immer weiter abnahm und einen nahezu unerträglichen Ekel gegenüber Fleisch, Wurst und Süßigkeiten verspürte. Ich hatte lediglich Angst, die anderen könnten etwas bemerken. Diese Angst steigerte sich mit jeder Tablette, und als ich kaum mehr mit ihr leben konnte, brachte ich meine gesamte Garderobe in die Änderungsschneiderei und fertigte mir eine Art von Korsage, die von oben bis unten mit Bleiband ausstaffiert war. Dann fühlte ich mich sicher.

»Du irrst dich«, erklärte ich jedem, der mich fragte. »Ich habe nicht abgenommen, sonst würden meine Sachen ja nicht passen. Ich kann mich auch gern auf die Waage stellen.«

Diese gelungenen Betrügereien steigerten meine Euphorie nur noch. Ich redete mir ein, stark zu sein, und kämpfte mich wie in Trance zum Ziel.

KAPITEL 3

Der 1. März 1976 war ein bitterkalter Wintertag. Seit Wochen lag die Stadt unter einer dichten Schneedecke, und der ständig verhangene Himmel ließ es kaum mehr richtig hell werden.

Den Tag hatte ich im Bett verbracht, mit der Hoffnung, so etwas wie Ruhe zu finden.

Gegen Mittag wurden die Lider schwer, mein Atem floss gleichmäßig, und das Ticken des Weckers klang wie ein Schlaflied. Eh ich mich versah, machten meine nervösen Gedanken aber alles wieder zunichte, und ich riss, von Visionen gepeinigt, die Augen auf: Der Atem begann zu rasen, die Zeitbombe auf meinem Nachttisch rüstete zum Countdown. Ich war hellwach.

Erst als der Wecker um halb vier klingelte, machte sich eine bleierne Müdigkeit in mir breit. Jetzt hätte ich schlafen können … nur war es leider zu spät.

»Premierenfieber!«, erklärte meine Ballettmeisterin. »Nichts Besonderes, das hat jeder.«

Dass es jeder hatte, beruhigte mich zwar nicht, aber dafür zeigte Frau Gruber keinerlei Verständnis. Sie hatte andere Dinge im Kopf.

Durch meinen Gewichtsverlust hatte Peter zusehends das Verhältnis zu meinem Körper verloren. Einige Hebungen, insbesondere die eingesprungenen, waren dadurch völlig aus den Fugen geraten. Aus diesem Grund hatte Frau Gruber trotz der bevorstehenden Premiere eine letzte Probe anberaumt. Ich selbst fühlte mich überanstrengt. Sogar an diesem 1. März hatte ich trotz Bettruhe sechs Tabletten gebraucht, um die Schmerzen überhaupt ertragen zu können. Jetzt schluckte ich zwei weitere und jagte zwei Aufputschpillen hinterdrein.

Gegen halb fünf verließ ich das Haus. Draußen war es schon dunkel. Ich stapfte vorsichtig die schlecht beleuchtete Straße entlang. Die Luft war eisig. Ich bemühte mich, den Mund geschlossen zu halten, aber die Augen begannen zu tränen, und ich konnte kaum mehr erkennen, wohin ich überhaupt trat.

Nach etwa zehn Minuten Fußweg erreichte ich die Innenstadt. Sie war sonntäglich leer gefegt, wirkte aber bunter als sonst. Ihre Lichter glitzerten in tausend verschiedenen Farben, und inmitten all dieses Glanzes brillierte ein Stern: mein Theater.

Der Pförtner grinste, als ich verfroren eintrat und meine Schuhe abklopfte.

Mein Hals war plötzlich so trocken, dass ich kein verständliches Wort hervorbrachte.

Oben in der Garderobe drehte ich hastig die Heizkörper auf, zog die Vorhänge zu, schaltete das Licht ein und zog mich um. Darüber kam Peter herein.

»Im ersten Teil vom Pas de deux etwas mehr verzögern«, begrüßte er mich. »Dafür am Ende vom zweiten Teil schneller, Eva. Und nicht so viel Schwung! Mach es mit Gefühl, kapiert!«

»Ja.«

»Dann beweg deinen Arsch!!!«

Er hatte es noch nicht ganz ausgesprochen, als er auch schon wieder fort war.

Nach einem kurzen Aufwärmtraining stand ich pünktlich um fünf Uhr im Ballettsaal. Peter gönnte mir wie gewöhnlich keinen Blick. Frau Gruber machte sich am Tonbandgerät zu schaffen.

»Von wo an?«, fragte ich sie.

»Hör hin!«

Die Hebungen klappten eine wie die andere. Blieb nur die Schlusshebung, unser ganz spezielles Sorgenkind.

Ich musste aus einem tiefen Plié abspringen, und Peter ergriff am höchsten Punkt des Sprunges meinen Oberschenkel, warf mich mit einer halben Drehung über seinen Kopf, um mich in einer Haltung aufzufangen, die gemeinhin »Fisch« genannt wurde.

Ich beherrschte jede einzelne Phase des Bewegungsablaufes im Schlaf und stellte mich auch dieses Mal präzise in Position, machte eine Glissade, sprang ab – und schlug unmittelbar danach auf dem harten Holzboden auf.

Das war am Vortag auch schon passiert und wurde von den anderen gelassen hingenommen.

»Gleich noch einmal!«, tönte meine Ballettmeisterin voller Mitgefühl. »Ohne Musik!« Peter knurrte indes vor sich hin.

»Wie viel wiegst du, du Kuh? Verrat mir das!«

»Neunzig Pfund.«

»Mit Bett oder ohne?«

Ich wog in Wahrheit zwar nur mehr zweiundachtzig Pfund, aber das wollte ich auf keinen Fall zugeben. Stattdessen stellte ich mich wiederum in Position, machte meine Glissade, sprang ab – und stürzte erneut.

Frau Gruber seufzte.

»Entweder Peter hat Recht«, sagte sie, »und du bist tatsächlich viel leichter als vor Monaten …«

»Oder?«, hechelte ich hastig.

»Oder du nimmst zu viel Schwung. – Nimm noch mehr Schwung. Mach keine halbe Drehung, sondern eine anderthalbe!«

»Aber –«

»Red nicht, Eva, tu es!«

Ich tat es, aber ohne Erfolg. Ich stürzte und stürzte, und schließlich brach ich in Tränen aus.

»Wie oft soll ich dir noch sagen, dass du nicht immer gleich flennen sollst, Eva!«

»Es ist aber doch mein Blut, was hier fließt!«, schluchzte ich.

»Na und?«, gab Frau Gruber zurück. »Was willst du denn? Sieg oder Niederlage?«

»Sieg …!«, wimmerte ich.

»Dann tu was dafür! Ein Sieg hat seinen Preis. Weiter, Eva!« Ich ließ mich überreden; nach elf weiteren Stürzen und einer Schürfwunde am rechten Knie war es schließlich vollbracht: Ich knallte nicht auf den Boden, sondern wurde vorschriftsmäßig aufgefangen.

»Siehst du?«, frohlockte Frau Gruber, »man darf niemals aufgeben. Gleich noch einmal!« Wieder klappte es. »Und noch einmal, Eva! Und ein letztes Mal, Eva! Und ein allerletztes Mal! Jawohl!«

Ich konnte es kaum fassen, meine Ballettmeisterin gab sich ganz offensichtlich zufrieden. Peter aber hob drohend die Hand und sagte:

»Wenn du die Hebung in der Vorstellung vergeigst, Eva, wenn das passiert, ich schwöre dir, wenn das passiert –«

»Es wird nicht passieren!«

Frau Grubers Stimme klang scharf wie nie zuvor. Ich flüchtete in die Garderobe. Inzwischen war Hilary eingetroffen. Demonstrativ ausgeruht saß sie an ihrem Schminktisch, trank Kaffee und rauchte eine Zigarette.

»Na«, begrüßte sie mich, »wieder mal fleißiger gewesen als die anderen?«

»Es genügt, wenn eine schlampt!«, gab ich zickig zurück.

Die Garderobe war voller Blumen und Päckchen, und auf meinem Schminktisch häuften sich die Karten, auf denen toi, toi, toi stand. Unwirsch schob ich alles beiseite und wechselte das durchnässte Trikot. Darüber kam Frau Schmidt herein.

»Ach, da sind Sie ja endlich, Eva-Kind, ich hab’ schon so auf Sie gewartet!«

Das hatte mir gerade noch gefehlt.

»Unten in der Kantine sitzt nämlich so ein Pressefritze«, schnatterte sie los, »und der wollte vor der Vorstellung unbedingt noch mal eben mit Ihnen reden. Aber dem habe ich ja vielleicht Bescheid gesagt! Vor der Premiere, habe ich gesagt, da hat die Eva ganz andere Dinge im Kopf.«

»Was für ein Journalist ist das denn?«, mischte Hilary sich ein.

»Ari … Ari … irgend so ein Ari Dingsbums.«

»Ari Penkert? Mein Gott, Schmidtchen, das ist ja Ari Penkert?«

Hilary war völlig aus dem Häuschen.

»Wo sitzt er denn?«, wollte sie wissen.

»Ja, unten in der Kantine!«

»Und was hat er an?«

»Oh … ich …«

»Macht nichts, Schmidtchen, ich find’ ihn schon. Wenn Sie nur mal schnell Sigrid rufen, dass sie mich schminkt, damit ich vor dem Training …«

»Nein!!!«

Mein Schrei gellte durch den Raum, und die beiden sahen mich erschüttert an. »Schluss mit dem Gequatsche!«, keifte ich. »Ruhe jetzt, ich will meine Ruhe.«

Hilary stöhnte laut auf. »Merken Sie es, Schmidtchen? Unser Star ist gereizt.«

Dieser Säuselton gab mir endgültig den Rest. »Und wenn schon!«, tobte ich. »Ist ja kein Wunder!«

»Da hast du Recht«, erwiderte Hilary. »Schau dich mal an, Eva! Du bist so dürr, dass du eine sibirische Bergziege zwischen die Hörner küssen kannst.«

»Da hat die Hilary Recht«, gab Frau Schmidt nun auch noch ihren Senf dazu. »So dünn sind Sie, Eva-Kind, sooooo dünn …!«

Da war es um mich geschehen.

»Raus!«, rief ich. »Raus!!! Alle beide!!! Raus!!!« Es war ein einziger verzweifelter Aufschrei. Während Frau Schmidt flugs das Weite suchte, tänzelte Hilary betont langsam zur Tür und warf mir im Hinausgehen ein maliziöses Lächeln zu.

»Übrigens«, raunte sie, »auf Dauer soll Morphium ungesund sein.«

Dieser Satz traf mich bis ins Mark. Nachdem Hilary fort war, setzte ich mich an meinen Schminktisch und weinte hemmungslos. Ich wusste ja selbst, dass meine Tabletten mich in eine Abhängigkeit brachten, aus der ich so schnell nicht herausfinden würde. Um das zu erkennen, brauchte ich ja bloß in den Spiegel zu sehen. Das Mädchen, das mir entgegenblickte, war eine Fremde. Unter ihren Augen lagen tiefe, dunkle Ringe, ihre Wangen waren ausgehöhlt, und der Mund zitterte. Er wollte etwas sagen, aber ich wollte nichts hören. So unmittelbar vor dem Ziel durfte ich einfach nicht aufgeben.

Um Punkt sieben stand ich im Ballettsaal inmitten der gesamten Kompanie an der Stange. Keiner sprach ein Wort, die Mienen jedes Einzelnen waren vereist, mit starrem Blick absolvierte man das Exercice, das Jimmy zur Feier des Tages persönlich gab. Auch er wirkte verkrampft und bemühte sich vergeblich, Hilary und mir ein aufmunterndes Lächeln zu schenken. Das Premierenfieber hatte uns alle gepackt. Nach dem Training rannten wir hastig in die Garderobe zurück. Ich schlüpfte in mein Kostüm, ließ mich frisieren und schluckte zwei weitere Tabletten. Die Schmerzen waren unerträglich geworden.

»Achtung!«, dröhnte es schließlich aus dem Lautsprecher. »Es ist jetzt genau neunzehn Uhr fünfundvierzig. Noch fünfzehn Minuten bis zum Beginn der Premiere Ballettabend I im großen Haus. Frau Martin und Herr Iwanow bitte zur Bühne!

Ich wiederhole …«

Meine Nerven waren zum Zerreißen gespannt.

Das war er also, der Augenblick, auf den ich vierzehn Jahre lang gewartet und für den ich so viel geopfert hatte. Jetzt war er da, aber statt mich zu freuen, fühlte ich nur nackte Angst.

Die Schmerzen wollten einfach nicht verschwinden. Hartnäckig wie nie zuvor geißelten sie meine Leistenbeugen und machten jede Bewegung zur Qual. Eine mir bislang unbekannte Panik befiel mich, ich hatte Angst zu versagen. So steckte ich meine Pillen vorsichtshalber in die Tasche meines Bademantels, ließ mir von allen Seiten »toi, toi, toi« wünschen und machte mich auf den Weg.

Hinter der Bühne ging es äußerst geschäftig zu. Unmittelbar nach mir erschien Frau Gruber, flankiert von Jimmy und Peter.

»So!«, tönte sie und installierte sich neben dem Inspizientenpult.

»Wollen Sie da etwa die ganze Zeit stehen bleiben?«, fragte ich.

»Natürlich! Ich will genau sehen, was für einen Mist du verzapfst!«

»Aber, aber«, fiel Jimmy ihr ins Wort. »Eva ist hervorragend. Gestern hat sie –«

»Sagen wir, sie hat Talent.«

»Sie tanzt wie eine Göttin!«

»Sie tut ja auch seit fünfzehn Jahren nichts anderes.«

»Vierzehn!«, wandte ich zaghaft ein und erntete dafür einen bitterbösen Blick meiner Ballettmeisterin.

»Du halt den Mund und die Glieder warm!«, fauchte sie mich an.

Das ließ sogar Peter in Mitleid verfallen.

»Ich verlass mich auf dich!«, flüsterte er und umarmte mich. Mir kamen fast die Tränen.

Dann lief die Zeit, die letzten fünf Minuten rasten nur noch so dahin. Verzweifelt versuchte ich, ein inniges Vaterunser zu beten, wurde aber immer wieder von Frau Gruber unterbrochen.

»Lass diesen Unsinn!«, zischte sie. »Mach lieber ein paar Yoga-Übungen!«

Ich hörte sehr wohl, ließ mich aber nicht beirren. Unter Mühen führte ich mein Gebet zu Ende, und ich hatte noch nicht ganz »Amen!«, gesagt, als mir der Inspizient auch schon auf die Schulter klopfte.

»Es ist so weit!«, sagte er.

Ich schluckte.

»Schschsch …«, klang es von allen Seiten, »… wir fangen an!«

Im gleichen Moment verlöschte das Licht im Zuschauerraum, und das Orchester beendete das disharmonische Einstimmen der Instrumente, fand sich zusammen im Kammerton A – er bohrte sich wie ein Dolch in mein Innerstes. Dann trat Stille ein, der Vorhang öffnete sich, jemand hustete, das Spiel begann …

… ich fühlte mich elend. Meine Beine zitterten, meine Zähne klapperten, meine Haare kräuselten sich, doch außer mir schien das niemand zu bemerken. In den Augen der Zuschauer stand ich unerschütterlich fest auf meinen Fußspitzen, drehte und sprang, wie die Choreographie es verlangte. Dabei fühlte ich mich wirklich elend, elender denn je. Mit jedem Schritt, den ich tat, wurden meine Schmerzen bewusster, und ich kämpfte mich mit dem Mut der Verzweiflung durch eine namenlose Hölle – aber ich kämpfte.

Als sich die Rhapsody in Blue dem Ende zuneigte, rann mein Schweiß in Strömen. Es war kalter Angstschweiß. Das Haar klebte mir am Kopf, und meine rechte Wimper war in Auflösung begriffen, aber dann gab es Applaus, und einer der Bühnenarbeiter schrie »Umbau!« Jimmy strahlte. »Fantastisch!« Frau Gruber und Peter brummelten im Chor »Weiter so!«

Es hatte also niemand etwas bemerkt.

Mit letzter Kraft schleppte ich mich in die Garderobe zurück. Dort musste ich mich erst einmal übergeben.

»Was ist?«, fragte Frau Schmidt. »Um Gottes willen!«

»Nichts!«, antwortete ich rasch. »Es ist alles in bester Ordnung.«

Dann ließ ich mich umschminken und wechselte das Kostüm. Während Hilary im Amerikaner in Paris das Publikum von den Stühlen riss, saß ich in der Garderobe und traf eine folgenschwere Entscheidung: Der Beipackzettel meiner Medikamente nannte als Höchstdosis acht Tabletten pro Tag. Zehn hatte ich bereits intus, spürte jedoch keine Linderung. Ich musste diese Schmerzen aber loswerden, ich musste gut sein.

So schüttete ich in einem Anflug von Wahnsinn vier weitere Tabletten in mich hinein, schluckte drei Aufputscher und ließ mir von Frau Schmidt eine Flasche Sekt aus der Kantine bringen.

»Was?«, entsetzte sich die. »Alkohol und Tabletten?«

»Bitte!«

Sie sah wohl meinen Augen an, wie dringlich es war, und so tat sie mir den Gefallen.

Etwa eine Viertelstunde später setzte die Wirkung ein. Die Schmerzen vergingen, das Lampenfieber schwand. Als ich eine weitere Viertelstunde später auf die Bühne trat, wusste ich, dass Gershwins Konzert für Klavier und Orchester in F-Dur für mich zu einem Tanz auf dem Vulkan werden sollte. Es war wie ein Traum. Ich entglitt meiner Körperlichkeit und glaubte, mir selbst zusehen zu können. Ich fiel in eine Art von Ekstase, in der alles wie von selbst ging. Meine Pirouetten waren schneller und sicherer als sonst. Meine kleinen Sprünge waren hart wie Schläge, und die großen glichen dem Flug eines Vogels, der nur deshalb zur Erde zurückkehrte, weil die Choreographie es so verlangte. Im Adagio wogte mein Körper gedehnt und schmerzlich, und die Musik wurde zu einem Strang, an dem ich mich emporzog, um den großen Augenblick der Vollendung zu erleben.

Ich war in einer anderen Welt. Es war die Welt des Einsseins mit der Sphäre, die Welt des Morphins.

Peter ließ sich von mir mitreißen, und so tanzten wir plötzlich wie der Prinz und die Prinzessin aus dem Märchen meiner Kindheit. Der erste Satz des Konzerts küsste uns, der zweite umarmte uns, im dritten trug uns die Musik empor in schwindelnde Höhen, und wir glaubten schon, auf den Flügeln unserer Fantasie in das Reich meiner Träume entfliehen zu können. Aber die Wirklichkeit holte uns ein:

Schlusshebung! Um Haaresbreite hätte ich in meinem Rausch die einfache Variante gemacht. Dann aber sah ich die Leute um mich her, sie hielten den Atem an. Ich sah Peters Augen, die starr in die meinen blickten, ich sah Frau Grubers Gesicht, und ich hörte, wie sie rief: »… Und …!« Wie auf Kommando sprang ich ab, spürte die Rotation in meinem Körper: halb, ganz, anderthalb, Fisch!

»Na bitte!«, tönte meine Ballettmeisterin.

Noch während des Schlussakkords brach das Publikum in frenetischen Jubel aus. Es drang von fern bis zu mir vor und ließ alles in einem anderen Licht erscheinen. Mein Schweiß, meine Tränen und meine Einsamkeit, die verlorene Kindheit und die verschenkte Jugend, ja, sogar meine Schmerzen und all die vielen Tabletten, sie schienen sich plötzlich gelohnt zu haben, für diesen einen Augenblick.

Während das Corps begann, die Huldigungen des Publikums entgegenzunehmen, lehnte ich in der Gasse. Frau Gruber trat zu mir.

»Eva!«

Ich sah sie an, aber ihr Gesicht verschwamm vor meinen Augen. »War ich gut?«, hauchte ich.

»Man konnte hinsehen.«

Ich hörte das, begriff es aber nicht. Von fremder Glückseligkeit erfasst, strahlte ich sie an. »Ich werde niemals aufhören zu tanzen, Frau Gruber. Niemals! Man wird mich auf der Bühne erschießen müssen, um mich loszuwerden.«

»Eva! Was ist mit deinen Augen?«

»Was?«

»Deine Pupillen, … die …«

Im selben Moment kam Jimmy. »Du warst … so was habe ich noch nie … Applausordnung.«

Er stammelte wie ein Kind.

Liebevoll schob er mich auf die Bühne, wo Peter die stehenden Ovationen der Menge bereits entgegengenommen hatte, den Arm ausstreckte … das war mein Zeichen.

So trippelte ich auf ihn zu, ergriff seine Hand, verbeugte mich tief und fühlte plötzlich, wie weit ich von alldem weg war, was so nahe schien. Die Welt, in der ich mich bewegte, war nicht die, in der ich lebte, nicht in diesem Augenblick. Die Euphorie, die mich während der Vorstellung erfasst hatte, war dahin. Übelkeit erfasste mich, mir wurde schwarz vor Augen. Dennoch gelang es mir irgendwie, meine Pflicht zu tun. Ich »holte« Jimmy, der gemäß Applausordnung von mir zu »holen« war, weil er angeblich nicht allein gehen konnte. Das Gleiche galt für den Herrn Generalmusikdirektor, der sich wie gewöhnlich zierte wie eine Jungfrau, verlegen mit den Frackschwänzen schlackerte und mir schmachtend die Hände küsste. Das Publikum fand das auch noch großartig.

Dann folgten die Vorhänge, zehn, fünfzehn, vielleicht sogar noch mehr. Nach jedem Mal fühlte ich mich schlechter, und Frau Grubers Schimpfen dröhnte mir in den Ohren.

»Ich will, dass du lächelst!«, keifte sie mich an. »Wie du dich fühlst, interessiert da unten keinen Menschen. Lächeln!«

Sie machte es mir vor, und ich erschrak, denn ihr Gesicht glich plötzlich einer Fratze. Zugleich begann der Boden unter mir zu schwanken, die Luft wurde dicker und dicker, kalter Schweiß umhüllte meinen Körper.

Der letzte Vorhang war gefallen.

Ich fühlte mich, als steuerte ich in einem führerlosen Boot auf einen reißenden Abgrund zu. Ich sank zu Boden, und dabei spürte ich jede einzelne Phase dieses Sinkens, ich dachte an die Tabletten in meiner Handtasche und an meine Großmutter, die gestorben war, als ich noch ein kleines Mädchen war, und an saure Gurken und an meine ersten Pliés und an meine Eltern, die jetzt sicher schon in der Garderobe auf mich warteten, und an rote Rosen dachte ich, an den Tod.

»Schnell!«, hörte ich jemanden rufen. »Einen Arzt, schnell!«

Dann schloss ich die Augen.

KAPITEL 4

Doktor Laser führte eine luxuriöse Praxis mit dicken Velours-Teppichböden, schweren Ledergarnituren und geschmackvollen Gemälden an den Wänden. Das gefiel mir. Es nahm mir etwas von der Angst, den Händen eines Mediziners ausgeliefert zu sein. Laser selbst war groß, schlank und drahtig, seine braun gebrannte Haut war zweifellos dem zweiten Wohnsitz in Monte Carlo zuzuschreiben, und die Armbanduhr an seinem Handgelenk verriet, wie einträglich das Geschäft mit den Privatpatienten doch war.

»Fräulein Martin!«, begrüßte er mich freudestrahlend. »Geht es Ihnen besser?«

»Ja, danke!«, log ich.

Dann erkundigte sich Herr Doktor Laser eingehend nach meinen Lebensumständen.

»Es könnte natürlich sein, dass Ihr Körper derartigen Kraftanstrengungen auf Dauer nicht gewachsen ist«, meinte er dazu.

Sofort verneinte ich auf das Heftigste und verwies auf die Knoten in meinen Leistenbeugen. Ich war sicher, er hätte sie längst entdeckt.

»Was für Knoten?«, fragte er stattdessen.

»Was das ist, weiß ich ja auch nicht.«

»Dann würde ich mir das gern einmal ansehen.«

Er führte mich in seinen Behandlungsraum. Dort stand ein gigantischer Schreibtisch, der von Bücherregalen umringt war. Eine Sitzgruppe bildete den Abschluss dieses Privatbereichs, der nahtlos überging in eine medizinische Folterkammer. Da gab es Medikamentenschränke und Rollwagen mit blinkenden Instrumenten. Neben dem Waschbecken stand eine weiß bezogene Untersuchungsliege.

Seufzend ließ ich mich darauf nieder, und dann drückte Herr Doktor Laser voller Brutalität auf meine knotigen Leisten.

Im Anschluss daran nahm er mir Unmengen Blut ab, drückte neuerlich auf meinen Knoten herum, nahm mir weiteres Blut ab.

»Tja«, stöhnte er nur, »… das ist ja was.«

»Was!«, erkundigte ich mich.

»Wie bitte?«

»Was ist das?«

»Oh … da müssen wir die Befunde abwarten. Sie brauchen jetzt erst mal absolute Ruhe. Ich werde Sie krankschreiben, und Sie versprechen mir, dass Sie sich fest ins Bett legen, ja? Kommen Sie dann bitte nächsten Montag wieder.«

Damit verabschiedete er mich, und ich schleppte mich heimwärts.

Frau Gruber war nicht gerade begeistert.

»Ins Bett willst du dich legen?«, fragte sie mich.

»Ja.«

»Bis Montag?«

»Ja.«

»Wegen so ein paar lächerlicher Knubben?«

»Ja.«

Zähneknirschend versorgte sie mich mit Tee und Toast, während ich mit meinen besorgten Eltern telefonierte.

»Kein junger Mensch bricht grundlos zusammen«, jammerte meine Mutter. »Du hättest dich mal sehen sollen, Eva, jede Leiche sieht gesünder aus.«

»Bleib bloß im Bett, bis die Ärzte wissen, was mit dir los ist«, sagte mein Vater. »Am besten kommst du nach Hause, denn die Gruber wird dich ja wohl kaum in Ruhe lassen.«

»Aber nein«, erwiderte ich, »sie ist ganz lieb.«

»Das wäre das erste Mal.«

»Sie ...

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