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Zwanghafte Gier

Inhalt

  1. Cover
  2. Über die Autorin
  3. Titel
  4. Impressum
  5. Danksagung
  6. Widmung
  7. 1
  8. 2
  9. 3
  10. 4
  11. 5
  12. 6
  13. 7
  14. 8
  15. 9
  16. 10
  17. 11
  18. 12
  19. 13
  20. 14
  21. 15
  22. 16
  23. 17
  24. 18
  25. 19
  26. 20
  27. 21
  28. 22
  29. 23
  30. 24
  31. 25
  32. 26
  33. 27
  34. 28
  35. 29
  36. 30
  37. 31
  38. 32
  39. 33
  40. 34
  41. 35
  42. 36
  43. 37
  44. 38
  45. 39
  46. 40
  47. 41
  48. 42
  49. 43
  50. 44
  51. 45
  52. 46
  53. 47
  54. 48
  55. 49
  56. 50
  57. 51
  58. 52
  59. 53
  60. 54
  61. 55
  62. 56
  63. 57
  64. 58
  65. 59
  66. 60
  67. 61
  68. 62
  69. 63
  70. 64
  71. 65
  72. 66
  73. 67
  74. 68
  75. 69
  76. 70
  77. 71
  78. 72
  79. 73
  80. 74
  81. 75
  82. 76
  83. 77
  84. 78
  85. 79
  86. 80
  87. 81
  88. 82
  89. 83
  90. 84
  91. 85
  92. 86
  93. 87
  94. 88
  95. 89
  96. 90
  97. 91
  98. 92
  99. 93
  100. 94
  101. 95
  102. 96
  103. 97
  104. 98
  105. 99
  106. 100
  107. 101
  108. 102
  109. 103
  110. 104
  111. 105
  112. 106
  113. 107
  114. 108
  115. 109
  116. 110
  117. 111
  118. 112
  119. 113
  120. 114
  121. 115
  122. 116
  123. 117
  124. 118
  125. 119
  126. 120
  127. 121
  128. 122
  129. 123
  130. 124
  131. 125
  132. 126
  133. 127
  134. 128
  135. 129
  136. 130
  137. 131
  138. 132
  139. 133
  140. 134
  141. 135
  142. 136
  143. 137
  144. 138
  145. 139
  146. 140
  147. 141

Über die Autorin

Hilary Norman, geboren und aufgewachsen in London, war nach einer Karriere als Schauspielerin zunächst in der Mode-und Fernsehbranche tätig. Ihr erster Roman erschien 1986; seitdem hat sie fünfzehn weitere Bücher geschrieben, die in siebzehn Sprachen übersetzt wurden. Sie reist, wie sie selbst sagt, »so oft wie möglich«, um für ihre Romane zu recherchieren. Nach einem längeren Aufenthalt in den USA lebt Hilary Norman heute wieder mit ihrem Mann in London.

 

Für ihre Freundlichkeit und Hilfe gilt mein Dank:
Sarah Abe; Howard Barmad; Diana Bloch, BSc(Hons), MSc (die Sprachtherapeutin, die großzügig ihre Erfahrung mit mir geteilt hat); Jennifer Bloch; Sarah Fisher; Gillian Green; Howard Green; Gaby Hart; Russell Jones und seine Kollegen im Grand Hotel, Brighton; Jonathan Kern (der Beste!); Herta Norman (die noch immer für mich liest); Judy Piatkus; Christopher (Superdetektiv) und Penny Reynolds; Helen Rose (Chefproblemlöser); Neal Rose; Dr. Jonathan Tarlow (der nie etwas durcheinander bringt) und Keith Ward.

Wie stets sind sämtliche Personen,
die Handlung und das Wetter frei erfunden.

 

Für Charlotte,

geliebte Katze und sechzehn Jahre lang

Gefährtin beim Schreiben.

1988–2004

1

Frankie hat damit gerechnet, bis zum Morgenkaffee warten zu müssen. Übliche Zeit, üblicher Ort: in der Küche, am Tisch. Alles wie immer.

Fast wie immer.

Die Diazepamtabletten sind bereits zermahlen und mit dem Nescafé vermischt – ein wenig mehr als üblich, doch die Pillen besitzen kaum Eigengeschmack – und dazu ein Teelöffel Tate & Lyle als Granulat, alles zusammen in Roz’ Lieblingsbecher (der aus dem Caesar’s Palace in Las Vegas). Nun wartet das alles nur noch auf kochendes Wasser und entrahmte Milch.

Es ist der zweite Mittwoch im April. Montags und Mittwochs trinken sie immer um halb zwölf zusammen Kaffee; früher am Tag kann Roz keine Gesellschaft ertragen. Sie sei ein richtiger Morgenmuffel, hatte sie Frankie erklärt, als diese vergangenen November bei ihr angefangen hatte.

Das ist nun fünf Monate her.

»Ich bin nun mal Nachtschwärmerin«, sagte Roz immer.

Wie sie Frankie kurz nach deren Einstellung erzählt hatte, wisse sie ein wenig Aufregung durchaus zu schätzen. Sie ist völlig offen, was das betrifft, keine falsche Scham. Das mag Frankie an ihr.

Inzwischen weiß Frankie, dass Roz eine Spielerin ist.

Meist spielt sie Roulette im Lansdowne Casino am Regency Square in Brighton. Aber nicht jede Nacht – nur samstags, dienstags, gelegentlich donnerstags und jeden Freitag.

Sie sei, so hatte sie Frankie anvertraut, eine ziemlich erfolgreiche Spielerin, die mittlerweile so etwas wie ein »System« entwickelt habe.

»Natürlich gewinnt man nie wirklich«, hatte Roz gesagt. »Doch wenn man hartnäckig ist, wenn man weiß, wann man aufhören muss, kann man eine Menge Spaß haben und dabei noch ganz gut abkassieren.«

Roz ist nicht reich – jedenfalls nicht, soweit Frankie weiß –, aber sie steht sich auch nicht schlecht.

Sie hat ein sehr schönes Haus auf einem Hügel in Rottingdean.

Das schönste Haus in der Straße.

Außerdem ist Roz ungebunden. Sie hat sich vor niemandem zu verantworten. Und niemand sorgt sich um sie, soweit Frankie weiß. Natürlich hat Roz Bekannte, zumeist andere Spieler aus dem Club, doch niemand sorgt sich wirklich um sie.

Das ist der Punkt.

Der Grund für das hier.

Und das Haus ist ein Grund mehr.

Die beiden Becher – Frankies ist mit dem Bild einer schwarz-weißen Katze verziert – stehen auf einem Tablett neben dem Kessel auf einer der Granitarbeitsplatten in der grau-weißen Küche … nur dass das Schicksal gerade in Gestalt von Roz eingegriffen hat, die zwanzig Minuten früher als üblich herunterkommt und Frankie im Wintergarten bei der Arbeit antrifft.

»Guten Morgen, meine Liebe.«

»Guten Morgen, Mrs Bailey.« Frankie schlägt das Herz vor Schreck bis zum Hals, doch sie versteht es zu verbergen. »Sie sind früh.«

»Hm«, sagt Roz.

Sie trägt ihren blauen Bademantel aus Velours und mit Reißverschluss, jene Art Kleidungsstück, wie reifere Damen es gern tragen, wenn sie jemanden bewirten, weil es so aufreizend ist – nur dass Roz weder jemanden bewirtet, noch sieht sie sonderlich aufreizend aus. Nett anzuschauen ist sie allerdings schon, obwohl sie mit ihren dreiundvierzig Jahren an der Hüfte ein wenig zugelegt hat und das dunkle, kinnlange Haar bisweilen nachfärben muss.

Morgens allerdings sieht sie manchmal übel aus. Heute ist ein solcher Morgen, was – so nimmt Frankie an – entweder bedeutet, dass der gestrige Dienstagabend in Lansdowne mies oder ausgesprochen gut und dementsprechend lang war.

Für Frankie macht das keinen Unterschied.

Und für Roz auch nicht, wenn sie es wüsste.

Frankies Gedanken sind auf die Kaffeebecher gerichtet, die gut sichtbar in der Küche stehen. Wenn man genauer hinschaut, könnte man allerdings auf den Gedanken kommen, dass der Inhalt des Caesar’s-Palace-Bechers ein wenig merkwürdig aussieht.

»Alles in Ordnung?«, fragt Frankie beiläufig.

»Wenn man so was mag.« Roz klingt reumütig.

»Schlimme Nacht gehabt?«

»Lange Nacht. Und als ich dann endlich ins Bett kam, konnte ich nicht einschlafen.«

»Nun ja«, sagt Frankie, »wenigstens haben wir einen schönen Morgen.« Sie hält kurz inne. »Wollen Sie mit dem Kaffee noch ein bisschen warten?«

»Nein, bringen Sie ihn mir am besten sofort«, sagt Roz. »Wenn es Ihnen nichts ausmacht.«

»Natürlich nicht.« Frankie dreht sich vor Aufregung der Magen um.

»Trinken wir ihn zur Abwechslung hier, ja?«, schlägt Roz vor.

»In Ordnung«, erwidert Frankie leichthin.

Es könnte gar nicht besser laufen.

Wirklich nicht.

Genau am richtigen Ort.

Roz scheint mit ihrem verkaterten Spielerkopf zum ersten Mal zu bemerken, dass Frankie eines ihrer kleinen Gartenwerkzeuge in den Händen hält: eine Miniatursichel.

»Sprießt das Unkraut wieder?«

Ja, es sprießt wieder. Schon zum zweiten Mal diesen Monat hat das verdammte Zeug sich zwischen den spanischen Fliesen hindurchgequetscht.

»Ja«, bestätigt Frankie. »Ziemlich lästig.«

Roz kommt näher und schaut es sich an. »Wir werden an die Wurzeln gehen müssen.«

»Ich gehe Weedol kaufen«, sagt Frankie.

Roz runzelt die Stirn. »Geben Sie Acht, dass es keine Flecken auf den Fliesen gibt.«

»Bevor ich es kaufe«, erwidert Frankie, »lese ich besser die Gebrauchsanweisung durch.«

Roz blickt auf die kleine Sichel, die Frankie noch immer in der Hand hält, und eine Ader pocht auf ihrer Stirn. »Ich hoffe, Sie haben damit nicht die Steine zerkratzt.«

Einen Augenblick lang juckt es Frankie in den Fingern.

Nein, ermahnt sie sich. Kein Blut.

»Ich liebe meine Fliesen«, bemerkt Roz.

Ihre Fliesen.

»Ich hole den Kaffee.« Frankie legt die Sichel beiseite, wohl wissend, dass sie diese noch wird reinigen müssen, bevor sie wieder ihren Platz neben der Kelle hinter den Orchideen findet. »Setzen Sie sich doch, Mrs B. Sie sehen aus, als könnten Sie es gebrauchen.«

Während sie in der Küche darauf wartet, dass das Wasser im Kocher zu brodeln beginnt, sieht Frankie, wie ihre Hände zittern.

Hör auf damit, Mädchen.

Jetzt gibt es kein Zurück mehr.

Sie öffnet die Keksdose, holt zwei Vollkornbiskuits und zwei Pfeffernüsse heraus und legt sie auf einen blassgrauen Teller. Das Zittern endet.

Wenn sie wollte, könnte sie jetzt zurückgehen.

Das Wasser im Kocher blubbert, und das Gerät schaltet sich automatisch aus.

Jetzt ist es zu spät.

Frankie schenkt ein – zuerst in den Becher aus dem Caesar’s Palace, dann in ihren eigenen.

»Wie’s gerade kommt«, sagt Roz immer, wenn es um Kaffee oder Tee geht.

Gut gemacht, denkt Frankie und gibt Milch in den Mix aus Kaffee, zermahlenen Tabletten und Zucker.

Dann sieht sie die Krümel.

Es sind zwei, auf der Arbeitsplatte zwischen der Dose und dem Tablett.

Frankie reißt ein Küchentuch ab und wischt die Krümel in ihre linke Hand; dann öffnet sie den Mülleimer mit dem rechten Fuß, faltet das Papier ordentlich um die Krümel und wirft es hinein.

Nur dass sie plötzlich nicht mehr sicher ist, ob die Krümel wirklich hineingefallen sind.

Sie schickt sich an, auf dem Boden nachzusehen.

Nicht jetzt.

Aber wenn ein Krümel auf dem Vinylbelag ist, und wenn sie ihn vergisst und später drauftritt …

Nicht jetzt, Frankie.

Mit größter Willensanstrengung richtet sie sich auf und nimmt das Tablett.

Tritt drauf, und aus einem Krümel werden hundert.

Eine andere Stimme meldet sich in ihrem Kopf.

»Dumme Kuh.«

Bos Stimme.

Einen Augenblick hat Frankie das Gefühl, als würde das Zittern wieder anfangen, doch sie bekommt es unter Kontrolle.

»Die Krümel können mich mal«, sagt sie leise.

Und du mich auch, Bo.

Sie balanciert das Tablett aus und trägt es vorsichtig, um nur ja keinen Tropfen Kaffee zu verschütten, in den Wintergarten.

»So, da wären wir«, sagt sie.

2

Selbst jetzt noch, fünf Jahre später, kommen Alex die Erinnerungen, wenn sie auf den Herd blickt, und sie muss daran denken, wie sie losgezogen war, um ihn zu bestellen.

Es war drei Tage nach Matts Beerdigung gewesen, an dem Tag, nachdem ihre Mutter Sandra wieder nach Stockholm geflogen war, wo sie mit ihrem neuesten Mann lebte. Alex war erleichtert gewesen, zugleich aber beschämt, weil sie so empfand.

Der Herd der Edelmarke Aga war Alex’ Geschenk für ihn. Das war besser als Blumen auf dem Grab, aber die hatte sie ihm am selben Tag natürlich auch gebracht: einen Strauß Rittersporn, den sie bei einem Blumenhändler an der Selsdon Road gekauft hatte. Rittersporn war Matts Lieblingsblume.

Alex hatte die Blumen auf dem Grab verteilt, sodass es aussah, als hätte der Wind sie dorthin geweht. Dann hatte sie sich neben das noch frische und vergleichsweise öde Grab gehockt und ihm von dem Aga erzählt.

»Ich habe den Herd bestellt, Schatz. In dem Blau, das du dir gewünscht hast. Fast die gleiche Farbe wie die Blumen hier.«

Gut eine Stunde später hatte Alex sich daran erinnert, dass Rittersporn giftig war. Sofort war sie in den Wagen gesprungen und wieder zum Friedhof gefahren, um die Blumen zurückzuholen. Sie hatte Angst, ein Vogel oder ein anderes Tier könne davon essen, oder schlimmer noch – ihre Fantasie war schon immer ein wenig überzogen gewesen –, ein Kind könne damit spielen und sich dann die Finger in den Mund stecken, woraufhin es mit Belladonna vergiftet würde, oder was immer für ein Gift in diesen Blumen enthalten sein mochte.

Die Blumen hatten noch auf dem Grab gelegen, denn es wehte kein Wind, und weder Mensch noch Tier hatten sich daran zu schaffen gemacht. Alex hatte sie aufgesammelt und es Matt erklärt. Fast hatte sie gehört, wie er sie auslachte.

Fast.

Matt hatte den Herd schon seit Jahren haben wollen, obwohl er und Alex ihn erst hätten gebrauchen können, wenn sie aus der kleinen Wohnung über dem Café Jardin in ein eigenes Haus umgezogen waren. Das Haus würde mindestens drei Schlafzimmer haben, hatte Matt immer gesagt, und eine Küche, groß genug für wenigstens einen Aga und einen langen Tisch.

»Lang genug für uns und unsere Kinder und Suzy mit ihren Kindern und so viele Freunde, wie wir hineinbekommen«, hatte Matt gesagt.

Alex hatte ihn gefragt, wie viele Kinder er denn für sie voraussehe, und Matt hatte geantwortet, das liege an ihr und dass er sich von eins bis fünf mit allem zufriedengeben würde. Sollten sie aus irgendeinem Grund keine Kinder bekommen können, würde er jederzeit eines adoptieren; aber falls sie, Alex, das nicht wolle, wäre das auch in Ordnung.

»Solange ich nur dich habe.«

Alex erinnerte sich, bei diesen Worten geweint zu haben.

Weniger als ein Jahr später war Matt tot, und Suzy lag im Koma.

Sie alle hatten sich im Alter von elf Jahren am ersten Tag auf der Croydon Grammar School kennen gelernt.

Alex, die zum ersten Mal ihr Turnzeug anziehen musste, schreckte ein wenig davor zurück, ihre langen, dürren Arme und Beine zu entblößen. Immer wieder zuckten ihre Blicke zu den Körpern der Mitschüler, wobei sie davon überzeugt war, dass alle anderen viel selbstbewusster waren als sie selbst und viel hübscher, besonders das Mädchen mit dem langen blonden Haar, das zu einem unordentlichen Zopf geflochten war. Betrübt starrte das Mädchen in seinen Stoffbeutel.

Plötzlich hatte es den Kopf gehoben, hatte Alex’ Blick bemerkt und gegrinst.

»Keine Sportsachen«, sagte das blonde Mädchen.

Alex trat näher. »Gar nichts?«

»Nur Schuhe«, antwortete das Mädchen. »Na ja, ist wenigstens ein Anfang.«

»Wir könnten uns meine Sachen teilen.« Alex musterte das Mädchen von Kopf bis Fuß. »Bei den Shorts bin ich nicht sicher, aber das Top müsste gehen. Dann wären wir beide wenigstens zur Hälfte richtig angezogen.«

»Warum willst du dir einen Anschiss einhandeln?«, fragte das Mädchen.

Alex zuckte mit den Schultern. »Sie werden uns schon nicht erschießen.«

»Okay«, sagte das Mädchen. »Danke.«

»Ich bin Alex Harper«, stellte Alex sich vor und zog ihr Top aus.

»Suzy Levin«, erwiderte das Mädchen. »Du hast tolle Beine.«

Er hatte draußen nach der Schule auf Suzy gewartet.

»Das ist Matt, mein Bruder«, hatte Suzy zu Alex gesagt.

Alex hatte ihn sich angeschaut und einen Jungen von vierzehn Jahren gesehen, groß und mit ziemlich langem dunklem Haar, braunen Augen und einem netten Lächeln. Sie war sofort dahingeschmolzen.

Suzy hatte sie über den Bürgersteig in Matts Richtung gezogen.

»Das ist Alex. Aber ich glaube, ich werde sie Ally nennen«, hatte sie gesagt. »Ich hab mein Turnzeug vergessen, und sie hat ihres mit mir geteilt, sodass wir beide Ärger bekommen haben. Dafür sind wir von jetzt an die besten Freundinnen.«

»Cool.« Matt hatte seine Schwester umarmt und gegrinst. »Wie wär’s mit einem Burger?«

Essen von Anfang an.

3

Fast fertig.

Bis jetzt war es einfach.

So verdammt einfach, dass Frankie hätte weinen können.

Oder lachen.

Nein, eher weinen, da sie Roz doch so mag. Es ist in Ordnung zu weinen, wenn jemand stirbt, den man mag.

Der Tod war vergleichsweise angenehm: bloß einschlafen und sich keine Sorgen machen, was als Nächstes geschieht. Keine Angst, kein Schmerz. Besser als das, was mit der Zeit auf natürliche Art gekommen wäre. Krebs vielleicht oder ein Herzinfarkt. Oder in einem Flugzeug zu sitzen, von dem man weiß, dass es abstürzen wird.

Letzteres war zwar nicht sehr wahrscheinlich, aber wahrscheinlicher, als ermordet zu werden – auch wenn Frankie schon einmal gehört hatte, dass es wahrscheinlicher sei, einem Mord zum Opfer zu fallen, als im Lotto zu gewinnen.

Roz hätte zu gern im Lotto gewonnen.

Irgendwann wäre sie wohl sowieso an Krebs erkrankt. All diese verrauchten Casinos. Frankie war bisher nur einmal in einem Casino gewesen, zusammen mit Bo, in Blackpool, und sie hatte den Rauch kaum ertragen können, und auch nicht die Menschen, die sich um die Tische drängten, ihr auf die Pelle rückten, sie berührten …

Lungenkrebs.

Wenigstens das hatte sie Roz erspart.

Nur ein Becher Kaffee – falls die Tabletten den Geschmack veränderten, sagte Roz zumindest nichts davon –, und dann einfach einnicken in ihrem hübschen, mit Chintz bespannten Lehnstuhl in ihrem genauso hübschen Musikzimmer mit dem Glasdach.

Ohne zu ahnen, was auf sie zukommt.

Frankie war immer wieder davor zurückgeschreckt, was als Nächstes kommen würde, hatte sich gar keine Gedanken darüber machen wollen.

Sie hatte sich gefragt, ob sie ihre Absicht wohl noch ändern und die Sache mit einem Kissen zu Ende bringen würde. Einfach ein Kissen nehmen und es ihr aufs Gesicht drücken, bis es vorbei war.

Aber Frankie hatte Roz’ Kissen schon immer gemocht. Sie weiß, dass Roz sie von einer Frau in Hangleton hatte nähen lassen, und Frankie würde die Schneiderin nie darum bitten können, Ersatz anzufertigen – außerdem würde ein neuer Stoff ohnehin nicht passen.

Deshalb muss es eine Plastiktüte sein.

Das ist zwar hässlich, weil man zuschauen muss, aber viel sauberer.

Also erste Wahl.

Frankie fragt sich oft, was sie ohne Plastik tun würde.

Sie bemerkt es, kurz bevor sie die Tüte überzieht.

Zwei Flecken auf den gepolsterten Stuhllehnen.

Speichel aus Roz’ Mundwinkel, wie sie angewidert erkennt, denn ein paar Tropfen hängen noch immer am Kinn der Bewusstlosen.

Lass das erst mal.

Zunächst gilt es, Wichtigeres zu erledigen.

Frankie nimmt die Plastiktüte, zögert dann aber.

Wenn sie die beiden Flecken nicht sofort entfernt, werden sie eintrocknen und bleiben. Egal wie sehr sie dann schrubbt, sie wird immer wissen, dass sie dort sind – wie die Bakterien, von denen es heißt, dass sie im Mund eines jeden Menschen leben.

Frankie schaut auf den Boden und sieht einen weiteren Fleck auf einer Fliese – oder besser, sie glaubt ihn zu sehen.

»Ich liebe meine Fliesen«, hat Roz vor dem Kaffee gesagt.

Jetzt sind es Frankies Fliesen. Oder werden es bald sein.

Sobald sie mit der Sache hier fertig ist.

Frankie legt die Plastiktüte wieder beiseite und holt, was sie braucht. Sie beeilt sich, auch wenn Roz noch für Stunden bewusstlos bleiben wird. Doch Frankie will jetzt kein Risiko mehr eingehen. Sie wischt die Flecken weg und desinfiziert die Stellen. Der neue Geruch ist zwar nicht gerade angenehm, aber äußerst befriedigend.

Frankie ist eine wirklich gute Putzfrau.

Und nun, nachdem das erledigt ist, kann sie sich um die andere Sache kümmern.

4

Es war Suzy, die Alex schließlich – Matt war fast einundzwanzig, Suzy und Alex waren achtzehn – aus der Behaglichkeit einer wunderbaren Freundschaft in das Unvermeidliche stieß.

»Um Himmels willen«, sagte Suzy den beiden getrennt voneinander. »Ihr wisst doch, dass ihr füreinander geschaffen seid. Warum hört ihr nicht endlich mit diesen Spielchen auf und lasst euren Trieben freien Lauf?«

Ein Jahr später hatten sie das Café Jardin eröffnet – drei Monate nach ihrer Hochzeit – und die Wohnung darüber gemietet. Matt war in der Küche der Boss; Alex erledigte das Geschäftliche und kontrollierte, was sie »vorne« nannte, und Suzy, die inzwischen im PR-Business untergekommen war, nutzte schamlos alle Kontakte, die sie hatte. Jung wie sie waren, machten sie zusammen das Restaurant – in Selsdon, nahe South Croydon – innen wie außen zu einem hübschen und sehr gemütlichen Treff. Je nach Jahreszeit dekorierten sie alles mit den entsprechenden Blumen, und im Garten gab es einen überdachten Bereich sowie einen Heizstrahler. Es hatte nicht lange gedauert, bis die ersten Gäste erschienen waren und Gefallen an der Umgebung gefunden hatten, und wichtiger noch: an Matts Kochkunst. Rasch hatten sich die Qualitäten des Café Jardin herumgesprochen.

»Matt Levin versteht etwas vom Essen und von Menschen«, hatte ein Kritiker in Time Out geschrieben.

Kurz darauf bekam man Donnerstags, Freitags und am Wochenende nur noch mit frühzeitiger Reservierung einen Tisch.

Alex hatte es geliebt, mit Matt zusammenzuarbeiten, hatte es mehr geliebt als alles andere, was ihr bis jetzt in diesem Leben widerfahren war, und mit ihm oben zusammenzuwohnen, war noch besser gewesen. Aber auch wenn die Gegenwart angenehm genug gewesen war, hatte sie das nicht davon abgehalten, manchmal über die Zukunft zu sprechen: über ein eigenes Haus, über den Aga, über Kinder und über Hunde.

Und dann, eines Montagmorgens im Frühling, hatte Suzy Matt zu einem Radiointerview abgeholt, das sie für ihn bei LBC arrangiert hatte. Auf Streatham Hill war ihnen ein Lastwagen entgegengekommen. Plötzlich war dem Laster ein Reifen geplatzt. Der Fahrer hatte die Kontrolle verloren und war frontal in Suzys Wagen gerast. Matt war bei seiner Einlieferung ins King’s College Hospital für tot erklärt worden, und als Alex Suzy später am Tag auf der Intensivstation gesehen hatte, hatte sie ihre Schwägerin und beste Freundin fast nicht wiedererkannt. An diesem Tag hatte die Welt, wie Alex sie kannte, aufgehört zu existieren.

Der blaue Aga stand in der Küche, in die er eigentlich gar nicht passte, weder von seiner Größe noch vom Stil her. Er stand in der kleinen Wohnung über dem Café Jardin – ein nutzloser Staubfänger, denn als die Handwerker gekommen waren, um den Herd anzuschließen, hatte Alex sie weggeschickt. Als sie den Herd gekauft hatte, war es eine trotzige Demonstration ihrer alles überdauernden Liebe gewesen, ein Versuch, eine feste und sichtbare Brücke zwischen ihrem alten und neuen Leben zu schlagen. Doch nur wenige Tage später hatte die Erkenntnis, wie hoffnungslos diese Geste war, sie mit voller Wucht getroffen. Ohne Matt, der den Aga hätte benutzen können, war der Herd nicht nur sinnlos, sondern eine zusätzliche grausame Erinnerung an ihren schmerzlichen Verlust.

Doch Alex hatte ohnehin keinen Appetit. Sie aß selten, und wenn, dann nur das Wenige, das sie herunterbekam und bei sich behalten konnte – gerade genug zum Überleben. Bohnen, Toast und gelegentlich ein gekochtes Ei. Nichts, wofür sie den Aga hätte anheizen müssen.

Suzys Verletzungen waren schwer gewesen, die Behandlung langwierig. Die Gesichtsverletzungen, die Alex und Lyn Perry – Suzys und Matts Tante, die aus Florida hergeflogen war – anfangs den größten Kummer bereitet hatten, waren jedoch das geringste Problem gewesen. Die meisten Wunden waren Schnitte, Schürfwunden und Blutergüsse, die man leicht nähen oder auf natürliche Art abheilen lassen konnte. Suzys Beine und das Becken waren viel schwerer geschädigt. Wenn sie sich so weit von ihren Kopfwunden erholt hatte, dass sie die anderen Verletzungen spüren konnte, würden sie ihr für längere Zeit beträchtliche Schmerzen bereiten. Dementsprechend lange würde der Heilungsprozess dauern, und der Chirurg hatte sich geweigert, verbindliche Aussagen zu Dauer und Erfolg der Behandlung zu machen.

»Suzy wird wieder gehen können, egal was die Ärzte sagen«, hatten sowohl Alex als auch Tante Lyn erklärt, obwohl beide sich bewusst gewesen waren, wie unrealistisch dieser Gedanke war, doch die Vorstellung, dass die lebhafte, energiegeladene Suzy für den Rest ihres Lebens im Rollstuhl sitzen musste, war unerträglich für sie gewesen.

Allerdings nicht so unerträglich wie einige der Alternativen.

Zum Beispiel, dass Suzy im Koma blieb.

Oder dass ihr Gehirn einen bleibenden Schaden davongetragen hatte.

»Das wird nicht geschehen«, hatte Alex Tante Lyn schon frühzeitig und mit aller Bestimmtheit erklärt.

»Das können wir noch nicht mit Sicherheit sagen, Liebes«, hatte Lyn erwidert.

»Ich schon«, hatte Alex ihr widersprochen. »Ich schon!«

Das war die einzige Leidenschaft, die sie sich in jenen frühen Tagen erlaubt hatte. Denn hätte sie zugelassen, mehr zu empfinden … Gott wusste, dass die Qual in ihrem Innern keinen Platz für etwas anderes ließ, und hätte sie diesen Gefühlen freien Lauf gelassen, wäre sie in eine Million Teile zersprungen.

Was sie begrüßt hätte, wäre da nicht Suzy gewesen, die an lebenserhaltenden Maschinen hing und im Koma noch gar nicht wusste, wie viel Liebe, Geduld und Pflege sie brauchen würde.

Suzy, die noch nicht wusste, dass Matt gestorben war.

Suzy, die nun keinen Menschen mehr hatte außer Alex und Tante Lyn. Letztere hatte allerdings einen Mann, zwei Kinder und ein Geschäft in Fort Lauderdale.

»Wenn sie sich gut genug erholt hat«, hatte Lyn gesagt, »kann sie vielleicht zu uns rüberfliegen.«

»Wenn sie sich gut genug erholt hat«, hatte Alex entgegnet, »würde ich nicht darauf wetten, dass sie das will.«

»Ich weiß«, hatte Lyn erwidert. Sie war nicht beleidigt. Sie wusste so gut wie Alex, dass Suzy es erst vor drei Jahren abgelehnt hatte, in Lyns Gästehaus zu ziehen, nachdem Matts und Suzys Eltern innerhalb von sechs Monaten gestorben waren.

»Mein Leben ist hier«, hatte Suzy ihrer Tante erklärt. »Meine Arbeit, Matt und Ally.«

Doch dieses Leben war nun auf schreckliche Art zusammengeschrumpft, wie Suzy feststellen würde, sobald sie aus dem Koma erwachte, falls sie erwachte, und falls sie sich erinnern konnte, wer sie war.

Alex würde zwar noch immer da sein, doch die Arbeit würde sie zunächst einmal vergessen können.

Und Matt war nicht mehr da.

Den größten Teil der ersten Wochen nach der Beerdigung und Suzys ersten lebensrettenden Operationen hatte Alex neben ihr gesessen und zu ihr geredet, fest davon überzeugt, dass Suzy sie hören konnte. Vor Lyns Rückkehr nach Florida hatte sie dieser versichert, dass sie an Suzys Seite bleiben und sie niemals aufgeben würde.

Ich kann ohnehin nirgendwo sonst hingehen.

Dann und wann war sie im Café Jardin gewesen, das sie nur wenige Tage nach dem Unfall geschlossen hatte; die Angestellten waren bezahlt, sämtliche Reservierungen gestrichen. Sie war über den Berg ungeöffneter Post hinweggestiegen und zwischen den kahlen, verstaubten Tischen hindurch zur Küche gegangen. Wenn sie die Augen geschlossen hatte, hatte sie Matt dort gesehen, in seinem Element, beim Rühren, Riechen und Abschmecken. Doch wenn sie die Augen wieder öffnete, war niemand mehr da gewesen, und sie war ins Krankenhaus zurückgekehrt, um wieder an Suzys Bett zu wachen.

Der Moment, den Alex am meisten herbeigesehnt hatte – Suzys Erwachen –, war mit unbarmherziger Schnelligkeit in jenen Augenblick übergegangen, den sie wie keinen anderen gefürchtet hatte.

»Matt?«, hatte Suzy ganz plötzlich gefragt.

Der Name hatte unfertig geklungen – das »tt« am Ende kaum hörbar –, doch es hatte kein Zweifel bestanden, nach wem, nach was Suzy gefragt hatte, und ihre Augen hatten Alex verraten, dass sie die Antwort bereits kannte. Zumindest konnte sie sich denken, dass etwas nicht stimmte, da ihr Bruder nicht an ihrer Seite war: Matt hätte jede freie Sekunde am Bett seiner Schwester verbracht.

Alex war klar gewesen, dass sie Suzy sofort die Wahrheit sagen musste, so qualvoll sie auch sein mochte. Für Zurückhaltung war kein Platz.

Alex hatte Suzys Hand genommen und ihr in die Augen geblickt.

Das Licht darin war schon erloschen, ehe sie es ausgesprochen hatte.

»Matt ist gestorben, Suzy, Liebes.«

»Was wirst du jetzt tun?«, hatten die Leute Alex gefragt.

»Ich weiß es nicht«, hatte sie jedem wahrheitsgemäß geantwortet. Sie hatte sich ziellos gefühlt, verloren. Ihr Leben hatte keinen Sinn mehr gehabt.

Bis zu dem Tag, da Suzy – vier Monate, nachdem sie aus dem Koma erwacht war – ihren ersten verständlichen Satz zustande gebracht hatte.

»Das Essen hier ist Mist.«

Sie hatte Physio- und Sprachtherapie bekommen, seit sie das Bewusstsein wiedererlangt hatte, und Alex hatte Suzys Beziehung zu Ginny Khan, der Sprachtherapeutin, mit Interesse verfolgt. Die Faszination über den stetigen Vertrauensaufbau zwischen beiden Frauen, das Wahren des empfindlichen Gleichgewichts zwischen professioneller Distanz und Vertrautheit und die Freude, nachdem sie die ersten Erfolge mit eigenen Augen hatte erleben dürfen – das alles hatte Alex bewegt wie sonst nichts seit Matts Tod.

»Wie geduldig bist du?«

Das war eine von vielen Fragen, die Ginny Khan Alex gestellt hatte, nachdem diese vierzehn Tage in Bibliotheken und mit Nachdenken verbracht und vorsichtig die Möglichkeit erwähnt hatte, ihr Leben von Grund auf zu ändern und sich ebenfalls zur Sprachtherapeutin ausbilden zu lassen.

»Wie entschlossen bist du?«, hatte Ginny weiter gefragt. »Im Allgemeinen.«

»Ich kann sehr entschlossen sein«, hatte Alex geantwortet, »wenn es sein muss.«

»Bist du zart besaitet?«

»Nein.«

Es war immer schwieriger geworden, die Fragen zu beantworten, ohne nachzudenken.

»Hast du irgendwelche Vorurteile?«

»Wie gehst du mit dem Versagen um? Mit dem anderer, aber auch mit dem eigenen?«

»Lässt du dich leicht unterkriegen?«

»Meinst du, dass du zwischen deinen eigenen Zielen, deinem eigenen Frust und dem deiner Patienten unterscheiden kannst?«

»Wie würdest du damit fertig, wenn man dir sagt, du sollst einen Patienten aufgeben, bevor ihr euer gemeinsames Ziel erreicht habt?«

Alex war immer unsicherer geworden.

»Das ist zu hart«, hatte sie später zu Suzy gesagt. »Offensichtlich muss man für diesen Beruf eine besondere Art von Mensch sein, und ich weiß nicht, ob ich dazugehöre.«

»Lass das Jammern«, hatte Suzy erwidert.

Ihre Stimme mochte noch unbeholfen klingen, doch ihre Wortwahl war wieder so prägnant wie eh und je.

»Meinst du wirklich, ich könnte es schaffen?«, hatte Alex gefragt.

»Mit links.«

5

Frankie hatte lange gesucht, bis sie Roz Bailey gefunden hatte.

Um genau zu sein, war sie insgesamt sieben Kandidaten durchgegangen, seit sie sich den Plan ausgedacht hatte.

Sie wusste von Anfang an, dass sie äußerst sorgfältig sein musste und dass es lebenswichtig war, nichts zu übereilen. Sie wusste, dass sie in ihrem Arbeitsfeld so normal und unscheinbar wie möglich auftreten musste. Je farbloser, desto besser. Eine Frau, die niemand zweimal anschauen würde, ohne einen besonderen Grund dafür zu haben.

Bloß die Putzfrau. Niemand Besonderes.

Ein Nichts, soweit es die Anderen betraf.

Die Anderen. Die Besitzenden.

Und eine dieser Anderen würde Frankie geben, was sie haben wollte.

Frankie suchte sich die Kandidaten sorgfältig aus, die in die engere Wahl kamen. Die meisten Putzfrauen neigten dazu, in einer bestimmten Gegend für möglichst viele Haushalte zu arbeiten, doch nachdem Frankie ihren Plan entwickelt und Calloway verlassen hatte, hatte sie ihre eigene Arbeitswoche vollkommen anders gestaltet: eine Putzstelle pro Tag, sechs Tage die Woche, jede in einer anderen Stadt oder einem anderen Stadtteil, nicht weniger als jeweils sechs Meilen voneinander entfernt.

Die Firma Calloway außerhalb von Romford war der letzte Arbeitsplatz gewesen, an dem Frankie offiziell in Geschäftsbüchern aufgetaucht war, auch wenn sie bereits dort nur in Teilzeit gearbeitet hatte. Natürlich hatte sie auch dort geputzt und Tee, Kaffee, Sandwiches und klebriges Zuckergebäck verteilt. Und selbst damals schon – vor der Idee – hatte sie es vorgezogen, dort zur Miete zu wohnen, wo sie bar bezahlen konnte. Einen Mietvertrag hatte sie nie gewollt, und stets hatte sie Vermieter gefunden, die damit zufrieden waren – erst recht, nachdem sie herausfanden, dass ihre neue Mieterin sich weit besser um ihr Eigentum kümmerte als alle anderen zuvor.

Da war ihr dann die Idee gekommen. Während sie die Porzellantassen des Direktors und die Löffel aus rostfreiem Stahl gespült hatte (die Arbeiter hatten Geschirr und Besteck aus Plastik). Der Plan, um alles zu verändern. Und nachdem sie ihn erst einmal im Kopf hatte, wusste sie, dass es kein Zurück mehr gab. Sie musste einen Weg finden, diesen Plan in die Tat umzusetzen.

Sie musste.

Frankie arbeitete seit gut elf Jahren als Putzfrau. Mit vierundzwanzig hatte sie damit angefangen, hauptsächlich, weil es der Beruf war, der am besten zu ihr gepasst hatte, aber auch, weil sie vorher schon so ziemlich alles versucht hatte, was sie als ungelernte Kraft hatte bekommen können.

Zuerst hatte sie in einem Geschäft gearbeitet, in einer Boutique in Romford, wo sie gelernt hatte, dass die Kunden nicht immer recht hatten und bisweilen unaussprechlich rüde sein konnten. Dann hatte sie in einem Friseursalon mit Namen »Gloss« an der High Road Haare gewaschen. Törichterweise hatte sie das für den idealen Job gehalten, eine saubere, hygienische Arbeit. Zu spät hatte sie bemerkt, wie widerwärtig verfettet die Köpfe mancher Menschen waren. Bisweilen tummelten sich sogar alle möglichen Kreaturen darauf. Deshalb brachte Frankie ihre eigenen Handschuhe mit, doch ihr Chef sagte, das beleidige die Kunden; also hatte sie gekündigt.

Als Nächstes versuchte sie es bei Moons Books in Chadwell Heath, weil der einzige Schmutz dort wohl nur der Staub auf den Büchern sein würde – dachte sie –, und weil die Kundschaft bestimmt einer gehobeneren Schicht angehörte. Doch in den drei Monaten, die Frankie dort gewesen war, hatte sich kaum ein Kunde blicken lassen, und so hatte ihr Chef sie entlassen. Anschließend nahm sie eine Stelle als Empfangsdame im Büro eines Steuerberaters an, wieder in Romford, doch acht Stunden hinter einem Schalter zu sitzen und gelangweilte Klienten anzulächeln, war bald unerträglich gewesen. Außerdem waren die Büroräume genauso verdreckt, wie der Buchladen und der Friseursalon gewesen waren. Bald gab es nur noch eines, das Frankie wirklich tun wollte: sich Gummihandschuhe (und am besten eine Maske) zu schnappen, Dettol, Domestos oder Jeyes in einen Eimer zu kippen und mit dem Schrubben anzufangen.

Das tat sie schließlich auch. Zu guter Letzt wurde sie also doch für das bezahlt, was sie am besten konnte.

Vier Jahre Zufriedenheit bei der Arbeit.

Bis Bo kam und ihr Leben für immer veränderte.

Und dann – nach Bo, nach ihrem »Problem«, als alles anders war – war sie anders geworden. Alle Hoffnung war dahin, ausgetreten wie eine seiner Selbstgedrehten. Frankie begann wieder zu arbeiten, zu putzen, und sie wusste, dass sie das missbilligen würden, dass sie ihr sagen würden, das sei doch nun wirklich der letzte Job, den sie ausüben sollte. Aber irgendetwas musste sie ja tun. Sie musste Geld verdienen, und Putzen war alles, was sie konnte. Außerdem liebte sie es.

Immerhin litt sie nicht unter Arbeitsmangel. Die Leute sagten immer wieder, dass gute, ehrliche Putzfrauen wie Gold seien, und sicherlich gab es keine bessere als Frankie Barnes. In einem ihrer fast schon glücklichen Augenblicke – so glücklich sie denn sein konnten – überlegte Frankie, ob sie sich vielleicht Visitenkarten mit dem Spruch Ein Leben für den Dreck drucken lassen sollte, obwohl es das nicht genau traf. Hygienesüchtig hätte es eher getroffen, die meisten Kunden aber wohl abgeschreckt; außerdem wollte sie keine Visitenkarten, nichts Schriftliches, nichts, das man als »offiziell« hätte bezeichnen können.

Vor Calloway’s, vor dem Plan, hatte Frankie immer nach »hübschen« Häusern in und um Chigwell gesucht. Nicht weil die Reichen besser zahlten, im Gegenteil: Frankie hatte die Erfahrung gemacht, dass reiche Leute oft geiziger waren als die mit schmalen Budgets. Aber fast immer wussten die Reichen die Sorgfalt mehr zu schätzen, die Frankie ihren Häusern angedeihen ließ. Außerdem war das Staubsaugen mit einem Miele oder Dyson viel effektiver als mit einem No-Name-Gerät, und auch das Schrubben eines verdreckten, fremden Bades oder eines ekelerregenden Klos war viel angenehmer, wenn man von kühlem und leicht zu reinigendem Marmor oder Granit umgeben war. Und wäre sie nicht von der Anzeige in der Lokalzeitung verführt worden, von der Aussicht auf mehr Geld bei Calloway’s – Frankie war schließlich auch nur ein Mensch, der seine Rechnungen bezahlen musste –, und wäre sie nach einiger Zeit nicht von den verdreckten Fabrikhallen derart angewidert gewesen, dann … ja, dann wäre sie vielleicht niemals so verzweifelt gewesen, dass sie auf eine solche Idee gekommen wäre.

Aber selbst die Häuser von Chigwell waren nie gut genug für sie gewesen.

»Ich weiß gar nicht, was Sie eigentlich wollen«, hatte Mrs Binder, eine ihrer Kundinnen, zu ihr gesagt, nachdem Frankie ihr offenbart hatte, dass sie den Job aufgeben würde. »Ich schaue Ihnen nicht die ganze Zeit über die Schulter. Ich überprüfe Ihre Arbeit nicht. Ich habe nie etwas gesagt, weil Sie in jedem Zimmer, in dem Sie eigentlich arbeiten sollten, den Fernseher laufen lassen.«

»Nicht wo ich arbeiten sollte, sondern wo ich arbeite«, hatte Frankie zornig erwidert.

»Ja, natürlich. Das wollte ich damit auch sagen«, hatte Mrs Binder ihr rasch versichert, denn Frankie war die beste Putzfrau, die sie je gehabt hatte. »Ich will ja auch nur wissen, womit ich Sie glücklich machen kann.«

»Mit nichts«, hatte Frankie entgegnet.

Erst später, in ihrem Zimmer in Chadwell Heath, war Frankie die richtige Antwort auf Mrs Binders Frage eingefallen.

»Geben Sie mir alles, was Sie haben.«

Nicht alles natürlich. Nicht Mr Binder. Den hätte Frankie nicht mal mit der Kneifzange angefasst. Und auch nicht Mrs Binders verwöhnte Bälger.

Nur das Haus. Und etwas von dem Geld – genug, um für die Instandhaltung zu bezahlen. Genug, um die Dachziegel auszutauschen, wenn sie locker wurden, oder jemanden zu holen, der die Regenrinne reparieren oder alle paar Jahre die Außenwände streichen konnte.

Genug, um eine Putzfrau zu bezahlen?

Nein. Den Job würde sie niemand anderem anvertrauen.

Bevor das passiert, lernen Kühe fliegen.

Das hatte Frankie sich damals gesagt.

Bis zu dem Plan.

Dem Plan, der alles verändert hatte.

Veränderung war das Wort der Stunde. Veränderung der Umgebung vor allen Dingen. Keine schmutzige Fabrik mehr und keine blassen Essex-Weiber, kein Romford und kein Chadwell Heath.

Und vor allem keinen mehr, der Frankie Barnes kannte.

Kurz spielte sie mit dem Gedanken, aufs Land zu ziehen, doch die Küste zog sie mehr an. Die endlose Wasserfläche, die Boote und je nach Jahreszeit die vielen Fremden, die dorthin strömten, hatten etwas Befreiendes. Außerdem hatte sie mal irgendwo gelesen, dass Salzwasser – sah man von der allgegenwärtigen Umweltverschmutzung ab – sehr rein sei.

Aber wohin genau sollte sie? Soweit sie anhand des täglichen Wetterberichts im Fernsehen beurteilen konnte, war es an der Ostküste zu kalt, und im Westen schien es noch schlimmer zu sein. An der Südküste kannte sie sich wenigstens ein bisschen aus; sie war schon in Eastbourne gewesen, in Brighton und auch in Bournemouth. Doch Eastbourne hatte ihr gar nicht gefallen, und Bournemouth war ihr zu versnobt und die Bewohner überaltert. Brighton aber liebte sie.

Also ging sie zu W. H. Smith und kaufte sich eine Landkarte.

Es sah ziemlich einfach aus. Alles gut überschaubar auf einer geraden Linie, die sie mit dem Finger entlangfahren konnte: Worthing, Portslade-by-Sea, Hove, Brighton, Rottingdean und Newhaven – obwohl Letzteres, das wusste Frankie, eine Hafenstadt war, und an einen solch geschäftigen Ort wollte sie dann doch nicht.

Schließlich gelangte sie zu dem Schluss, dass sie einen Wagen brauchte.

Doch seit Bo war sie nicht mehr gefahren.

Seit Bo hatte sie viele Dinge nicht mehr getan.

Zu lieben, zum Beispiel. Oder zu vertrauen.

Oder sich vorzustellen, wieder mit einem anderen Menschen zusammenzuleben.

6

Hätte Suzy sich nicht so gut erholt und hätte sie David Maynard nicht getroffen (im Wartezimmer ihres gemeinsamen Orthopäden, wo er auf das Ergebnis der Untersuchung seines verletzten Knies gewartet hatte), und hätte sie sich nicht in David verliebt und ihn geheiratet – einen blonden, blauäugigen Rechtsanwalt, der bisweilen üble Verbrecher verteidigte, aber von ganzem Herzen an die Rechte eines Angeklagten glaubte und Suzy geradezu vergötterte –, wenn das alles nicht passiert wäre, hätte Alex wohl gar nicht darüber nachgedacht, den Job in Hove anzunehmen.

Trotzdem war es schmerzhaft gewesen.

»Das ist ein fantastisches Angebot«, hatte Suzy ihr gesagt. »Die Leute, die dich haben wollen, gehören zu den Besten, das habe ich nachgeschaut. Viele Fußballer und andere Sportler sind dorthin gegangen, und David hat einen Freund die Sache überprüfen lassen. Der Laden ist grundsolide.«

»Versuchst du etwa, mich loszuwerden?«, fragte Alex.

»Was sonst?«, antwortete Suzy schelmisch.

Alex war zum Abendessen in die Erdgeschosswohnung der Maynards in Roland Gardens an der Old Brompton Road gekommen – was sie mindestens einmal im Monat tat –, unter anderem, um die Meinung ihrer Freunde zu hören. Beinahe hoffte Alex, diese würden sie entmutigen, wusste jedoch, dass es unwahrscheinlich war.

»Suzy hasst die Vorstellung, du könntest weggehen«, sagte David und goss Weißwein in die schlanken Gläser. »Aber wir wissen alle, dass es der erste wirkliche Topjob ist, den man dir angeboten hat.«

»Und Tatsache ist«, erklärte Suzy, »dass Matt dich vermutlich für ewig heimsuchen wird, wenn du nicht endlich aus dieser verdammten Wohnung verschwindest und alles hinter dir lässt.«

Das war der springende Punkt. Das Café Jardin war schon lange verkauft und in ein Fischrestaurant verwandelt worden. Die Wohnung hatten die neuen Besitzer jedoch nicht gebraucht, auch wenn der Vermieter das gern gesehen hätte, und Alex, die sich durch ihr erstes Jahr an der City University quälte, hatte durch einen Umzug nicht zusätzliches Chaos in ihr Leben bringen wollen – zumindest war das ihre Entschuldigung gewesen.

»Matt sucht mich nicht heim. Da ist kein Geist, der um mich herumspukt«, sagte sie zu Suzy. Der Unfall war nun drei Jahre her. Alex hatte ihren Bachelor-Abschluss und war hoch motiviert, lebte aber noch immer am gleichen Ort – körperlich und, wie sie zugeben musste, häufig auch emotional.

»›Heimsuchen‹ war vielleicht das falsche Wort«, räumte Suzy ein, »aber tief in deinem Innern weißt du, dass ein Teil von ihm immer bei dir sein wird, solange du dort bleibst. Er ist aber nicht mehr da. Ich wünschte, es wäre anders, aber er ist für immer von uns gegangen, und es ist höchste Zeit, dass du das akzeptierst und nach vorn schaust.«

Alex schwieg eine Zeit lang.

»Wenn ich ein kleines Haus finde, wirst du mich dann besuchen kommen?«, fragte sie dann.

»Ist Wasser nass?«, entgegnete Suzy.

Also hatte Alex die Stelle im neurologischen Reha-Zentrum in Hove angenommen und sich ein hübsches Häuschen an der Falmer Road in Woodingdean gesucht, fünf Minuten von Rottingdean entfernt und in unmittelbarer Nähe des Klinikzentrums. Abgesehen von ihren Kleidern, Büchern und ein paar persönlichen Dingen hatte sie aus der alten Wohnung nur noch die Speisekarten für das erste Mittag- und Abendessen mitgenommen, das Matt im Café Jardin gekocht hatte, ihr dickes Fotoalbum, seinen Fanschal von Crystal Palace und den königsblauen Aga.

Der Herd passte perfekt in die neue Küche im Melton Cottage. Er sah wunderschön aus, machte den Ort gemütlich und erfüllte schlussendlich auch seine Funktion. Am Ende eines langen, anstrengenden und manchmal aufreibenden Tages war der Aga eine Quelle des Trostes für seine Besitzerin.

Alex’ Patienten waren ein sehr gemischter Haufen. Größtenteils hatten sie Schlaganfälle oder schwere Kopfverletzungen erlitten; andere wiederum litten an degenerativen Krankheiten. In den Jahren seit ihrer Entscheidung, ihrem Leben eine neue Richtung zu geben, hatte Alex mehr gelernt, als sie es je für möglich gehalten hätte, und ihre Prioritäten hatten sich dramatisch verändert. Das lag nicht so sehr daran, dass sie weniger mit sich selbst beschäftigt gewesen wäre; doch angesichts von so viel Leid, so viel Mut und so viel harter Arbeit war es ihr nicht länger möglich, allzu viel über sich selbst nachzudenken. Tatsächlich hatte sie nicht einmal immer Zeit, sich um ihre alltäglichen Bedürfnisse zu kümmern.

»Du hast dich verändert«, bemerkte ihre Mutter bei einem ihrer seltenen und stets flüchtigen Besuche in England. Sie saßen bei einer Tasse Tee in der luxuriösen, wunderbar entspannenden Victoria Lounge des Grand Hotel in Brighton. »Du bist sehr dünn geworden.«

»Es geht mir gut, Mama«, erwiderte Alex und schaufelte sich saure Sahne und Erdbeermarmelade auf ihren zweiten Teekuchen, als wollte sie ihre Worte auf diese Weise betonen.

Sandra schaute sie sich genauer an.

»Ja«, sagte sie. »Ich glaube, es geht dir wirklich nicht schlecht.« Sie hielt kurz inne. »Matt wäre stolz auf dich.«

Es war nun fünf Jahre her, seit sie ihn verloren hatte. Matt und ihre wunderbare Beziehung zu ihm waren noch ein Stück weiter in die Schatten der Erinnerung gerückt. Die alte Liebe war zwar noch immer eine wärmende Kraft in Alex, aber nicht mehr das schmerzhafte Kraftfeld, das sie einst umhüllt hatte.

Alex ging sogar wieder mit Männern aus, wenn es ihre Zeit erlaubte.

»Gibt es da jemanden?«, fragte Suzy regelmäßig am Telefon.

Sie meinte jemand Besonderen.

»Nein«, antwortete Alex jedes Mal.

Ihre Gespräche verliefen oft nach demselben Muster. Suzy, die mit ihrem David glücklich war, wünschte sich nichts sehnlicher, als dass auch Alex wieder ihr Glück finden würde. Alex sagte ihr jedes Mal wahrheitsgetreu, dass sie zufrieden und viel zu beschäftigt sei, um sich über solche Dinge Gedanken zu machen.

»Vergiss das mit dem ›zufrieden‹«, hatte Suzy vor ein paar Wochen gesagt. »Wann hast du zum letzten Mal so richtig gut gevögelt?«

Das war so lange her, dass Alex sich kaum daran erinnern konnte; aber sie sprach es nicht aus.

Tatsächlich versuchte sie, nicht darüber nachzudenken, weil solche Gedanken unweigerlich die Sehnsucht nach Matt zurückbrachten, nicht nur nach dem körperlichen, sondern nach jedem Teil ihrer Beziehung: dem Zusammensein, der Leidenschaft, dem ständigen Bewusstsein des anderen, der Wärme, dem Trost und dem Vertrauen, die sie einander gegeben hatten.

Aber mit einigen Männern war sie schon ausgegangen.

Mit einem Arzt, einem Sanitäter, einem Pfleger und einem Sozialarbeiter.

»Gibt es in Sussex irgendeine Verordnung«, fragte Suzy einmal, »die Sprachtherapeutinnen vorschreibt, ausschließlich mit medizinischem Personal oder Angehörigen verwandter Berufe Beziehungen zu führen?«

Alex lachte und erwiderte, das läge an den Umständen.

»In meinem Beruf«, fügte sie hinzu, »ist es eher unwahrscheinlich, dass ich mir einen Anwalt angele.«

»Anwälte sind es auch nicht wert«, sagte Suzy. »Es gibt nur wenige wie David. Du brauchst etwas ganz anderes, Ally.«

»Und was?«

»Jemand Wunderbaren«, antwortete Suzy.

Wie Matt, dachte Alex, sprach es aber wieder nicht aus.

Eigentlich nicht wie Matt, sondern nur Matt.

Noch immer.

7

In den frühen Stunden des Aprilmorgens nach dem Unfall in Luddesdown Terrace träumte Jude Brown wieder von Scott.

Es war der gleiche alte Traum.

Das schreckliche Schlagen und das unbeschreibliche Geräusch, das der Wagen gemacht hatte, als er über ihn hinweggerollt war.

Das Gesicht ihrer Mutter, als sie erkannt hatte, was geschehen war.

Was sie getan hatte.

Wie sie zitternd herausgesprungen war und ihr erster Schrei, als sie ihn gesehen hatte. Und die Schreie hatten angehalten, waren lauter und schriller geworden, als sie den Wagen von ihm heruntergerollt hatte – von ihrem Sohn, und ihr ganzer Leib hatte gezittert wie ein Ast im Sturm.

Dann folgte für einen Moment gar nichts in Judes Traum. Nur eine seltsame Leere, wie ein Riss in einem alten Film.

Dann der Anblick von Scotts Körper.

Er sah eigentlich ganz normal aus: kein Blut, keine Prellungen.

Aber auch keine Atmung.

Jude wachte schweißgebadet auf, wie immer, wenn er den Traum gehabt hatte.

Nach zweiundzwanzig Jahren suchte er ihn gottlob nicht mehr ganz so häufig heim, doch wenn er ihn packte, war seine Kraft so groß wie eh und je.

Jude schaute sich um, sah, dass er auf seiner kleinen Couch lag, und erinnerte sich daran, warum er es gestern Nacht nicht mehr ins Bett geschafft hatte.

Er erinnerte sich an den Unfall.

Vermutlich war das der Grund, dass der Traum zurückgekehrt war.

Sie hatten die schäbigen kleinen Reihenhäuser von Luddesdown Terrace in Kemp Town während der vergangenen Monate restauriert, und während die fertigen Gebäude wieder hell ...

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