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Zurück zu den Wurzeln

Andrea Camilleri

Zurück zu den Wurzeln

Commissario Montalbano vergeht der Appetit

Aus dem Italienischen
von Christiane v. Bechtolsheim

BASTEI ENTERTAINMENT

Das Buch ist Pepè Fiorentino

und Pino Passalacqua gewidmet,

die es nicht mehr lesen können.

Eins

Die erste Hälfte des freien Ostermontags verbrachte er in himmlischem Frieden.

Am Abend zuvor hatte das Fernsehen Gott und der Welt verkündet, dass der nächste Tag, also der Ostermontag, bis zum Mittag ein Genuss sein würde: fast sommerliche Temperaturen, wolkenlos und kein Windhauch. Am Nachmittag sollten ein paar Wolken aufziehen, doch man brauche sich keine Sorgen zu machen, das sei nur vorübergehend und nicht weiter schlimm.

Was bedeutete, dass ganz Vigàta mit Kind und Kegel aufs Land oder ans Meer strömen würde, ausgerüstet mit Unmengen an sfincioni, cuddrironi, arancini, pasta ’ncasciata, milanzani alla parmigiana, purciddratu, panareddri coll’ovo, cannoli, cassate sizilianischer Pizza, Pizza mit Tomaten, Zwiebeln und Kartoffeln, Reisbällchen, Auberginenauflauf mit Nudeln, überbackenen Auberginen, mit Feigenmarmelade gefüllten kleinen Kuchen, mit frischer Schafsricotta gefüllten Röllchen, Biskuittorte mit Ricotta und kandierten Früchten – und anderen Delikatessen, die bei dieser Freiluftveranstaltung, die theoretisch ein Picknick war, praktisch jedoch einem Neujahrsgelage gleichkam, verzehrt wurden.

Was auf jeden Fall bedeutete, dass der Strand vor Montalbanos Haus in Marinella von lärmenden Familien und voll aufgedrehter Musik heimgesucht würde, da war an ein geruhsames Essen auf der Veranda gar nicht zu denken. Daher hatte er in weiser Voraussicht in Enzos Trattoria angerufen und alles Nötige besprochen.

Am Ostermontag war sein Auto um neun Uhr morgens das einzige, das Richtung Stadt fuhr, während eine Riesenschlange Autos, Motorräder, Lieferwagen, Fahrräder sich aus Vigàta herauswand. Das Kommissariat war halb verlassen, als er ankam. Mimì Augello verbrachte den Tag mit Beba auf dem Land, wollte jedoch im Lauf des Abends kommen, Fazio machte einen Ausflug ins Grüne, sogar Catarella hatte das Weite gesucht und war zu offenen Gefilden aufgebrochen.

Montalbano wies den Beamten in der Pforte an:

»Messineo, ich bin für niemanden zu sprechen.«

»Wer sollte schon anrufen?«, lautete die weise Antwort.

Er hatte zwei Bücher dabei, eine Sammlung von Essays und Artikeln von Borges und einen Roman von Daniel Chavarría, der in Kuba spielte. Ein Buch für den Vormittag und eines für den Nachmittag. Tja, aber welches sollte er sich zuerst vornehmen? Er entschied, dass er, solange sein Kopf klar und noch nicht von der Verdauung lahm gelegt war, am besten mit Jorge Luis Borges anfing, der immer und immer wieder zum Mitdenken zwang. Er machte es sich auf dem kleinen Sofa bequem, das in einer Ecke des Büros stand, und begann zu lesen.

Als er auf die Uhr sah, stellte er ungläubig fest, dass gut drei Stunden vergangen waren. Halb eins. Wie kam denn das? Er war erst auf Seite 71, wo er an einem Satz hängen geblieben war, über den er nachdenken musste:

»Schon das faktische Wahrnehmen, das faktische Aufmerken ist selektiver Art; jedes Achthaben, jede Fixierung unseres Bewusstseins bedingt ein vorsorgliches Weglassen dessen, was nicht interessiert.«

Im Großen und Ganzen, fand er, stimmte das. Doch in seinem speziellen Fall als Polizist durfte die Wahl zwischen Interessantem und Uninteressantem nicht parallel zur Wahrnehmung stattfinden, das wäre ein schwerer Fehler. Wenn man ermittelte, durfte man sich bei der Wahrnehmung eines Sachverhalts nicht von einer subjektiven Auswahl leiten lassen, sie musste unbedingt objektiv sein. Entscheidungen wurden anschließend getroffen, mühsam und nicht mittels Wahrnehmung, sondern indem man nachdachte, Schlüsse zog, verglich, ausschloss. Dabei war nicht gesagt, dass man nicht auch irren konnte, im Gegenteil. Doch prozentual gesehen war die Möglichkeit zu irren hier geringer als bei Entscheidungen infolge instinktiver selektiver Wahrnehmung. Aber wenn man es recht bedachte, worin bestand dann Hammetts »Jagdinstinkt«, wenn nicht in der Fähigkeit zu blitzschneller Selektion im Augenblick der Wahrnehmung?

Was also hätte er in einem Handbuch des perfekten Ermittlers, das er im Geiste schrieb, empfehlen können? Dass der goldene Mittelweg das Richtige sei (er ärgerte sich, dass ihm dazu nur dieses Klischee einfiel). Dass der selektiven Wahrnehmung große Bedeutung beizumessen sei, weil man zunächst über sie reden müsse, bis man sie endgültig von der Hand weisen könne. Angetan von den schwindelerregenden philosophischen Höhenflügen, verspürte er plötzlich Heißhunger. Er rief in der Trattoria an. Ein Kellner meldete sich.

Die Stimme war Montalbano unbekannt, es musste sich um einen Aushilfskellner handeln.

»Montalbano hier. Gib mir mal Enzo.«

Im Hintergrund Stimmengewirr, Geschrei, Gelächter, weinende Kinder, Gläsergeklirr, Teller- und Besteckgeklapper.

»Gut, dass Sie nicht gekommen sind, Dottore«, sagte Enzo. »Hier ist die Hölle los. Wir haben keinen einzigen freien Platz. Ihre Sachen sind fertig. Spätestens in einer Viertelstunde kriegen Sie alles geliefert.«

Montalbano verbrachte die Viertelstunde damit, den Schreibtisch leer zu räumen und die Seiten einer alten Zeitung über der Tischfläche auszubreiten. Mit ein paar Minuten Verspätung brachte ein Junge zwei Plastiktüten. Darin befanden sich drei große Behälter, einer mit Pasta, einer mit Fisch und einer mit Antipasti, außerdem ein Laib Brot, eine halbe Flasche Wein, eine kleine Flasche Mineralwasser, Besteck und zwei Gläser. Der Junge kündigte an, er würde das schmutzige Geschirr in einer Stunde abholen, und kehrte in die Trattoria zurück, wo er gebraucht wurde. Montalbano genoss das Essen und ließ sich Zeit. Als er fertig war, glänzten die Behälter wie neu. Er verstaute alles in den Tüten, faltete die Zeitung zusammen, brachte den Schreibtisch wieder in Ordnung, ging aus dem Zimmer, übergab dem Wachhabenden mit den Worten, ein Junge werde kommen und sie abholen, die beiden Tüten und sagte:

»Ich drehe eine Runde.«

Die nahe Bar hatte geöffnet, Gäste waren keine da. Montalbano trank einen Espresso und lief dann durch menschenleere Straßen zur Mole und wie immer bis zum Leuchtturm. Er setzte sich auf seinen flachen Felsen, nahm eine Hand voll Kiesel und warf einen nach dem anderen ins Wasser. Von Westen her zogen sehr schnell dicke schwarze Regenwolken auf. Das Wetter schlug um.

Was Livia wohl gerade machte? Sie wollte mit ein paar Kollegen einen Ausflug nach Marseille unternehmen und hatte ihn lange bekniet, doch mitzufahren.

»Tut mir Leid, Livia, aber ich kann wirklich nicht. Ich habe zu viel um die Ohren.«

Das war gelogen, er hatte noch nie so wenig zu tun gehabt wie in diesen Tagen. Aber er hatte keine Lust, neue Leute kennen zu lernen; die Freude, mit Livia zusammen zu sein, würde durch die Unannehmlichkeit zunichte gemacht, die Zeit, und seien es nur drei Tage, mit Menschen verbringen zu müssen, die ihr vertraut, ihm aber völlig unbekannt waren.

»Die Wahrheit ist, dass du alt wirst«, hatte Livia gesagt, als er ihr dann doch den wahren Grund seiner Ablehnung gestanden hatte.

Ja und? Was hieß das schon, verdammt noch mal? Warum sollte man, wenn man älter wurde, nur unter den Unannehmlichkeiten des Alters leiden und nicht auch die Privilegien genießen dürfen? Stand es ihm nicht frei, sich neuen Bekanntschaften zu verweigern?

Ein tückischer Wind kam auf. Es war besser, ins Kommissariat zu fahren. Zurück im Büro, schob er einen Sessel vor sein Sofa, um die Beine hochzulegen.

Er nahm noch mal das Buch von Borges zur Hand. Doch nach nicht einmal zehn Minuten wurden seine Augen immer kleiner, heroisch hielt er die Lektüre noch eine Weile durch, und dann klappten seine Augenlider plötzlich zu wie Jalousien.

Von einem furchtbaren Krach geweckt, fuhr er erschrocken hoch. Himmel, was war passiert? Warum war es im Zimmer so dunkel? Da begriff er, dass ein Gewitter tobte, dass es wie aus Kübeln schüttete, dass sich draußen ein tolles Feuerwerk aus Donner und Blitz abspielte. Von wegen leichte Bewölkung, wie sie im Fernsehen vorhergesagt hatten! Wie lange hatte er denn geschlafen? Es war vier Uhr. Vielleicht sollte er besser nach Marinella fahren, das Unwetter hatte die Ausflügler bestimmt vom Strand verscheucht. Er schlüpfte gerade in seine Jacke und wollte das Kommissariat verlassen, als ein gellender Schrei ihn erstarren ließ.

»Iiiiiiiihhhhhhh!«

Er drehte sich um. Es war Catarella, der sich mit beiden Händen am Türpfosten festklammerte, um nicht in die Knie zu gehen.

»Dottori! Sie sind hier? Dieser Blödmann Messineo hat mir nichts gesagt! Was ist denn, hä, Dottori?«

Er sagte ihm lieber nicht die Wahrheit, Catarella hätte es nicht begriffen.

»Ich habe zwei Anrufe erwartet, die auch gekommen sind. Und jetzt fahre ich nach Hause. Hattest du einen schönen Tag?«

»Und wie, Dottori. Ich war mit Leuten von der Familie zusammen.«

»Mit welchen Leuten von welcher Familie, Catarè?«

»Mit denen von meiner Freundin, Dottori, also da war ihr Vater und ihre Mutter und ihr Bruder und ihre kleine Schwester und ihre große Schwester und ihr Mann, also der von ihrer großen Schwester, und wir waren in dem seinem Haus auf dem Land in Durrueli.«

»In wessen Haus, Catarè?«

»Dem von dem Mann von der großen Schwester von meiner Freundin, Dottori. Gebackenes Zicklein hat’s gegeben. Dann ist das Wetter schlecht geworden, und da sind wir wieder zurück. Dann bin ich wieder in die Arbeit.«

»Na gut, bis morgen dann.«

Wie schon am Morgen fuhr er einer Riesenschlange aus Autos, Rollern und Lieferwagen entgegen, die stockend nach Vigàta zurückkehrte. Das Unwetter versetzte ihn in schlechte Laune, er fluchte in einem fort, machte unflätige Gesten und beschimpfte die Autofahrer, die sich für besonders schlau hielten und beim Versuch, die Riesenschlange zu überholen, auf seine Seite ausscherten.

Als er in Marinella auf der Veranda stand, verschlimmerte sich seine schlechte Laune zusehends. Am Strand war zwar niemand mehr, aber die Horden hatten Tüten, Becher und Teller aus Plastik, leere Flaschen, Bierdosen, Pizzareste, Kinderkacke und zerknülltes Papier zurückgelassen. So weit das Auge reichte, gab es keinen Zentimeter Strand, der nicht dreckig gewesen wäre. Und der Regen machte die Verschmutzung noch sichtbarer. Die nächste Sintflut, dachte Montalbano, besteht nicht aus Wasser, sondern aus dem Müll, den wir über die Jahrhunderte angehäuft haben. Wir werden in unserer eigenen Scheiße ersticken. Bei dieser Vorstellung juckte es ihn am ganzen Körper. Er kratzte sich. War es möglich, dass man allein beim Gedanken an den ganzen Dreck selbst dreckig wurde? Vorsichtshalber duschte er.

Zurück auf der Veranda, stellte er fest, dass sich das Unwetter genauso schnell verzogen hatte, wie es gekommen war. Der Himmel klarte auf. Er empfand eine absurde Sympathie für das Spielverderberwetter, was für ihn, der mit schlechtem Wetter wirklich nichts am Hut hatte, sehr ungewöhnlich war. Das Telefon klingelte. Er war versucht, nicht dranzugehen. Und wenn Livia aus Marseille anrief?

»Ja, hallo?«

»Ich bin’s, Fazio, Dottore.«

»Wo bist du?«

»Am Piano Torretta. Ich rufe vom Handy aus an.«

»Und was machst du am Piano Torretta?«

»Gallo, Galluzzo und ich wollten mit unseren Familien den Ostermontag zusammen verbringen, Dottore. Da sind wir nach Sgombro gefahren.«

»Ja und?«

»Dann ist das Wetter umgeschlagen, und wir sind nach Vigàta zurückgefahren.«

»Was habt ihr gegessen?«, fragte Montalbano.

Fazio war verwirrt.

»Hm? Was wir gegessen haben, wollen Sie wissen?«

»Es wird wohl wichtig sein, wenn du mir schon Bericht darüber erstattest, wie ihr den Feiertag verbracht habt.«

»Entschuldigen Sie, Dottore, aber ich muss der Reihe nach erzählen. Auf der Höhe vom Piano Torretta herrschte ein ordentliches Durcheinander.«

»Was für ein Durcheinander?«

»Na ja … weinende Frauen … Männer, die hin und her liefen …«

»Was ist passiert?«

»Ein dreijähriges Mädchen ist verschwunden, Dottore.«

»Wie, verschwunden?«

»Die Kleine ist unauffindbar. Wir suchen sie. Gallo, Galluzzo und ich führen drei Gruppen von freiwilligen Helfern an … Aber in zwei Stunden ist es dunkel, und wenn wir sie bis dahin nicht gefunden haben, müssen wir die Suche effektiver gestalten … Sie sollten vielleicht besser vorbeikommen.«

»Ich bin gleich da.«

Die Straße nach Montereale war sehr voll, diesmal gehörte auch er zu der Riesenschlange auf dem Nachhauseweg. Hinter einer Kurve dachte er, jetzt sei alles aus.

Vor ihm saßen an die hundert Autos fest. Er konnte gerade noch bremsen, als hinter ihm auch schon ein holländischer Reisebus zum Stehen kam. Jetzt war er eingekeilt, er konnte weder vor noch zurück. Montalbano stieg fluchend aus und wusste nicht, was er tun sollte. Da raste aus der Gegenrichtung auf einer Schneise zwischen den beiden Kolonnen ein Streifenwagen der Verkehrspolizei daher. Der Beamte am Steuer erkannte ihn und hielt an.

»Kann ich Ihnen helfen, Commissario?«

»Was ist passiert?«

»Ein Lkw ist zu schnell gefahren, auf der nassen Straße ins Schleudern geraten und auf der Gegenfahrbahn mit einem Auto zusammengestoßen, in dem fünf Personen saßen. Zwei sind tot.«

»Dürfen Lastwagen denn an Feiertagen fahren?«

»Ja, wenn sie verderbliche Ware geladen haben.«

»Wie geht es dem Fahrer des Lkw?«

Der Polizist sah ihn irritiert an.

»Er steht unter Schock, ist aber unverletzt.«

»Gott sei Dank.«

Der Polizist staunte noch mehr.

»Kennen Sie ihn denn?«

»Ich? Nein. Aber behandelt ihn um Himmels willen gut. Ihr wisst doch, wie sehr unserem Minister, der ja will, dass wir alle mit hundertfünfzig Sachen fahren, die Lkw-Fahrer am Herzen liegen. Die kriegen sogar einen Nachlass auf die Strafzettel.«

Mit Hilfe des Polizisten fädelte er sich mühselig aus dem Stau und machte eine riskante Kehre, dann fuhr er zurück und nahm eine andere Strecke, die allerdings ein bisschen länger war.

So kam er an dem Ciuccàfa genannten Hügel vorbei, auf dem die monumentale Villa von Don Balduccio Sinagra stand; er war mal dort gewesen, als er im Fall eines alten Ehepaars ermittelte, das während einer Ausflugsfahrt nach Tindari verschwunden war. Der große Sinagra-Clan hatte sich aufgelöst, es gab anscheinend nur noch einen Überlebenden, einen Enkel von Don Balduccio namens Pino, »der Stimmer« genannt, weil er in heiklen Augenblicken viel diplomatisches Geschick an den Tag legte, aber auch, weil er einst einen Mann mit einer Klaviersaite erdrosselt hatte, wie man sich erzählte; selbiger Pino war jedoch schon vor Zeiten nach Kanada oder in die Vereinigten Staaten ausgewandert. Alles Hab und Gut (so hieß es zumindest) der Sinagras war beschlagnahmt worden. Orazio Guttadauro, der angestammte Rechtsanwalt der Familie und jetzt mit breiter Zustimmung ins Parlament, in die Reihen der Mehrheit gewählt, hatte es jedoch geschafft, die Villa von Ciuccàfa zu retten (so hieß es zumindest). Und auf dem Dach dieser Villa prangte jetzt, wie der Commissario überrascht bemerkte, eine gigantische Satellitenschüssel. Wie bitte? Die Villa war doch seit Jahren unbewohnt! Wer lebte da jetzt? Vielleicht war sie inzwischen vermietet.

Der Piano Torretta war ein merkwürdiges Stück Schweiz und passte wie die Faust aufs Auge zur sonstigen Landschaft. Ein weites Plateau, das grün war von Gras und Bäumen, fast kreisrund und begrenzt durch hohe Wildsträucher, die einen Schutz gegen die Straßen ringsum bildeten.

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