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Zurück in unser Paradies auf Mykonos

1. KAPITEL

„Im Büro der Schulleiterin wartet ein Mann auf dich“, sagte Laurette Jones, als sie in Ava Monroes Klassenzimmer kam. „Ich kümmere mich um deine Klasse, bis du zurückkommst.“

„Ist mit Theo alles okay?“, fragte Ava besorgt. Ihr Sohn besuchte den Kindergarten des exklusiven Internats in Florida, in der sie die Unterstufe unterrichtete. Es kam äußerst selten vor, dass sie mitten am Tag aus dem Unterricht gerufen wurde. Die relative Ruhe, die an diesem warmen Februar-Nachmittag herrschte, kam ihr auf einmal unheilvoll vor.

„Ich weiß es nicht. Karin hat mich nur gebeten, herzukommen und dich zu holen.“ Laurette arbeitete im Büro der Schulleiterin Karin Andrews.

„Danke, Laurette“, erwiderte Ava und eilte den Gang entlang. Ihr Sohn Theo litt unter Asthma, und bisher hatten sie noch kein Medikament gefunden, mit dem sie die Krankheit wirklich unterdrücken konnten. Allein bei dem Gedanken, dass er einen Anfall haben könnte, wurden Ava die Hände feucht.

Auf dem Weg schaute sie kurz im Büro der Krankenschwester vorbei, aber Theo war nicht dort. Erleichtert ging Ava weiter und hoffte, dass Theo keine Schwierigkeiten in seiner Gruppe gemacht hatte. Er war zwar nicht gerade ein Störenfried, aber ein ausgesprochen lebendiges Kind.

Mit einem Mal hörte sie eine tiefe Stimme, die ihr wohlbekannt war. Abrupt blieb Ava stehen. Diese Stimme hatte sie niemals vergessen können, und noch immer tauchte sie in ihren Träumen auf. Christos Theakis.

Aufgewühlt klopfte sie an die Tür zu Karin Andrews’ Büro.

„Kommen Sie herein, Ava, wir haben auf Sie gewartet.“

Sie trat ein. Und da stand er, lässig gegen Karins Schreibtisch gelehnt. Während Ava in den Raum ging, richtete Christos sich zu voller Größe auf. Er war gut einen Meter achtzig groß und wie immer lässig, aber weltmännisch gekleidet.

Unauffällig wischte Ava sich die Handflächen an ihrem Rock ab und sammelte sich. Nur die Ruhe bewahren, dachte sie. Schließlich war sie nicht mehr dieselbe wie damals. Auch wenn sie sich in diesem Moment wieder fühlte, als wäre sie noch das Kleinstadtmädchen, das er damals verführt hatte.

„Hallo, Christos. Mein herzliches Beileid zu deinem schweren Verlust.“

Er neigte schweigend den Kopf, und Ava konnte für einen Augenblick den Schmerz und die Trauer in seinen Augen lesen. Schon im nächsten Moment hatte er seine Gefühle wieder im Griff.

Seit einem Monat wurde in den Nachrichten über den Unfall berichtet. Ava hatte viel an Christos und den gesamten Theakis-Clan gedacht. Christos’ älterer Bruder Stavros, seine Schwägerin Nikki und seine beiden Nichten waren ums Leben gekommen, als ihr Privatjet kurz nach dem Start vom Athener Flughafen abgestürzt war.

Ava war in Tränen ausgebrochen, als der Reporter die Namen nannte, denn sie hatte einmal als Kindermädchen für die Familie gearbeitet. Auch wenn sie damals im Streit gegangen war, hatte sie die beiden kleinen Mädchen sehr gemocht.

Ihr Sohn war angesichts ihrer Tränenflut ganz verwirrt gewesen und hatte sie getröstet, wie es nur Vierjährige konnten: mit seinem Lieblingskuscheltier, einem Affen, und einer festen Umarmung.

Aber der Schmerz über den Verlust der beiden Mädchen, um die Ava sich gekümmert und mit denen sie gespielt hatte, war längst nicht versiegt.

„Wir müssen reden.“

Mit den Worten riss Christos sie wieder zurück in die Gegenwart. Ava hatte seine Entschiedenheit einmal sehr anziehend gefunden. Ach, wem wollte sie denn etwas vormachen – sie fand es immer noch hinreißend. Ein Mann, der wusste, was er wollte, und das auch unumwunden aussprach, das war eine erfrischende Abwechslung zu den Männern ihrer Bekanntschaft, die schon überfordert waren, wenn sie sich für ein Restaurant entscheiden sollten.

„Ja“, erwiderte sie.

Christos zog eine Augenbraue hoch und wandte sich ab. „Dürfen wir Ihr Büro benutzen, Miss Andrews?“

Karin errötete, was Ava von der sonst so professionellen Schulleiterin gar nicht kannte. Während sie von ihrem Stuhl aufstand und zur Tür ging, schenkte sie Christos ein Lächeln. „Natürlich, und bitte nennen Sie mich doch Karin.“

Die getäfelte Holztür fiel hinter der Schulleiterin ins Schloss. Christos sagte nichts, und je länger sie schwiegen, desto unangenehmer wurde die Situation. Ava suchte krampfhaft nach Worten, doch alles, was ihr durch den Kopf ging, kam ihr unendlich banal vor.

Schließlich hob sie den Blick und sah Christos an. „Also … warum bist du hier?“

„Um den Theakis-Erben nach Hause zu holen.“

Ava sah genauso aus, wie Christos sie in Erinnerung hatte: rotblondes Haar, feine Gesichtszüge und diese großen blauen Augen, die mehr Rätsel bargen als die Tiefen des Ozeans. Ihm war sie immer einzigartig vorgekommen. Im Gegensatz zu den Menschen, die wegen seines Geldes, seiner Kontakte oder seiner Herkunft seine Nähe suchten, hatte sie vielmehr trotz all dieser Dinge bei ihm sein wollen. Zumindest hatte er das damals gedacht. Sie war ihm so frisch und unschuldig vorgekommen, und aus diesem Grund hatte er sich so stark zu ihr hingezogen gefühlt.

Damals hätte er sein Vermögen darauf verwettet, dass Ava nicht fähig war zu lügen. Jetzt wusste er, er hätte diese Wette verloren. Er schwieg und beobachtete sie, wohl wissend, wie unangenehm es ihr war. Noch immer begehrte er sie – und das, obwohl sie das Kind seines Bruders zur Welt gebracht hatte …

Ava verdient diese drückende Atmosphäre, dachte er. Sie hatte mit ihm und mit seinem Bruder geschlafen und ein Kind zur Welt gebracht. Den Sohn seines Bruders, und genau den brauchte Christos jetzt. Himmel, was für ein Durcheinander.

Christos galt als der Playboy der Familie. Bisher war er mehr an seinem Vergnügen als an etwas anderem interessiert gewesen. Aber während der wenigen Monate, die er mit Ava in Griechenland verbracht hatte … Vergiss es, ermahnte er sich. Er wollte nicht mehr daran denken.

Er hatte sie aus seinem Leben verbannt, doch nach Stavros’ Tod hatte sich die Lage vollständig geändert. Christos vermisste seinen älteren Bruder und seine Nichten. Ihr Verlust war mehr als schmerzhaft. Seine Schwägerin vermisste er nicht genauso schmerzlich, aber Nikki hatte auch nie zu den Frauen gehört, die mit ihm befreundet sein wollten. Für sie war er immer nur der unbedeutende zweite Sohn gewesen. Nicht der Erbe.

Sein Temperament war berüchtigt, genau wie Stavros’, und der Streit, den sie wegen Ava ausgefochten hatten … Es war ziemlich heftig gewesen. Was Christos jedoch am meisten wehtat, war die Tatsache, dass er immer gedacht hatte, er hätte Jahre Zeit, um alles ins Reine zu bringen. Doch jetzt würde er nie mehr mit seinem Bruder sprechen können.

Er wusste, was sein Vater von ihm erwartete: Christos sollte die Firmenleitung übernehmen, heiraten und Kinder in die Welt setzen, um den Fortbestand der Familie Theakis zu sichern. Sein Vater hatte ihn zu Ava geschickt, damit er den Jungen anerkannte, für den Stavros ihr Geld gegeben hatte, damit sie Stillschweigen bewahrte.

Christos wusste, was Stavros ihm jetzt geraten hätte: dass er Ava heiraten und den Jungen als seinen Sohn anerkennen sollte. Er sollte die beiden mit nach Griechenland nehmen, wo der Junge so erzogen werden konnte, dass er seiner Aufgabe als Erbe gewachsen sein würde. Eben diesen Rat – oder eher Befehl – hatte ihm sein Vater erteilt, aber Stavros und Ari waren ja auch aus dem gleichen Holz geschnitzt.

„Ich bin überrascht, dass du hergekommen bist. Ich hätte nicht damit gerechnet, dich je wiederzusehen“, meinte Ava irgendwann.

Er konnte jetzt nicht über die traurigen Umstände sprechen, die ihn hierhergeführt hatten. Jetzt nicht. Und nicht mit ihr. Tristan, einer seiner besten Freunde, hatte ihm versichert, dass die Zeit die Wunden heilte, aber das konnte Christos sich im Moment nicht vorstellen. „Was weiß der Junge über seinen Vater?“

„Der Junge? Er heißt Theo. Und ich … ich habe ihm gesagt, dass du ein wichtiger griechischer Geschäftsmann bist und dass deine Unternehmungen deine gesamte Zeit in Anspruch nehmen.“

Dass ich ein wichtiger griechischer Geschäftsmann bin. Himmel, Christos konnte nicht fassen, dass Ava noch immer an der Lüge festhielt, er wäre der Vater. Er hatte jedes Mal aufgepasst, wenn sie miteinander geschlafen hatten. Nur einmal war er unvorsichtig gewesen, aber auch nur das und nur einen Augenblick lang. Und Stavros … na ja, sein Bruder war ziemlich sorglos gewesen. Kondome hatte er nie benutzt, jedenfalls hatte er das Christos gegenüber behauptet. „Das heißt, du hast deinem Sohn eine Lüge erzählt.“

„Nein. Du bist Geschäftsmann. Und du bist immer sehr beschäftigt, zumindest wenn man der Klatschpresse glauben darf. Ich denke, daran wird auch Stavros’ Tod nichts ändern. Du hast schon vor langer Zeit deine Entscheidung getroffen.“

Er tat die Bemerkung mit einem Schulterzucken ab. Mit der Vaterschaftsfrage würde er sich jetzt nicht wieder beschäftigen. Der Junge war ein Theakis, und er würde zu seiner Familie zurückkehren. Ava hatte ihre Unterschrift geleistet und Stavros’ Geld angenommen.

Christos bemühte sich, nicht an jene Tage in Griechenland zu denken. Nachdem er Ava damals mit seinem Bruder zusammen gesehen hatte, war er geflüchtet und hatte sein unstetes Leben wieder aufgenommen. Auf diese Weise hatte er die Erinnerungen an Ava auszulöschen versucht. Als Zweitgeborener konnte er ein Leben führen, das aus Oberflächlichkeiten und gesellschaftlichen Ereignissen bestand. Niemand erwartete etwas von ihm. Tagsüber hatte er sich auf Geschäftliches konzentriert, aber die Nächte durchgefeiert.

„Wo ist der Junge?“, fragte er.

Ava strich sich eine Locke hinters Ohr und betrachtete ihn grimmig. Sie verschränkte die Arme vor der Brust und sah aus dem Fenster. „Was hast du eben gemeint, als du sagtest, den Erben? Du hast mir damals gesagt …“ Ihr zitterte die Stimme.

„Ich weiß, was ich zu dir gesagt habe, aber die Zeiten haben sich geändert. Du musst jetzt wieder die Frau sein, für die ich dich einst gehalten habe.“ Das war die Wahrheit. Er brauchte etwas von Ava, was selbst sie nicht hatte voraussehen können. Er brauchte sie, als Mutter des Erben. Sie musste den Jungen großziehen, damit er in eine Welt hineinwachsen konnte, die voller Privilegien, aber auch voller Erwartungen und Fallstricke war – denn er selbst würde nicht genügend Zeit haben, um den Jungen entsprechend zu erziehen.

„Was für eine Frau war das?“

„Eine, der ich trauen konnte. Die Gesundheit meines Vaters ist nicht mehr die beste, und er vermisst seine Enkelkinder.“

„Theo ist nicht wie die Mädchen. Er kann sie nicht ersetzen“, wandte Ava ein.

„Was meinst du damit?“

„Er ist Amerikaner, Christos. Er weiß ein bisschen über deinen Hintergrund und über dein Erbe, aber er ist kein Grieche.“

„Ich werde ihm beibringen, was er wissen muss.“

Sie schüttelte den Kopf. „Ari hasst mich.“

„Mein Vater wird deinen Sohn lieben.“

„Mag sein, aber ich bin nicht mehr das naive Mädchen von damals.“

„Du bist immer noch jung“, erwiderte er. Sie war zwölf Jahre jünger als er, womit er ihr Verhalten damals entschuldigt hatte. Aber dieses Mal würde er nicht so nachsichtig sein.

„Mutter zu werden hat mich reifer gemacht.“

„Dann ist dir sicherlich klar, dass ich nicht länger zulassen kann, dass dein Sohn von der Theakis-Familie ferngehalten wird.“

Sie nickte. „Als ich die Nachrichten über Stavros und seine Familie sah, habe ich überlegt, ob ich Kontakt zu dir aufnehmen soll.“

„Warum hast du es nicht getan?“

„Ich hatte Angst davor.“

„Das verstehe ich.“ Seine Worte waren fast grausam gewesen, als sie ihm von der Schwangerschaft erzählt hatte. Aber damals war er nicht im Geringsten daran interessiert gewesen, auszubügeln, was sein Bruder angerichtet hatte. Also hatte Christos sie abgewiesen.

Nach dem Herzinfarkt seines Vaters hatte er jedoch einen Privatdetektiv engagiert, der Ava ausfindig machen sollte. Als sein Vater so krank gewesen war, hatte Christos ihm ein Versprechen gegeben: den Erben des Theakis-Clans zu finden und ihn nach Hause zu bringen.

Er hatte Ava niemals vergessen können, trotz der Tatsache, dass sie sich nicht gerade friedlich getrennt hatten. Theo zu holen war der Grund für sein Kommen. Aber Christos musste Ava nur ansehen und verspürte wieder das alte Verlangen in sich aufsteigen. Er wollte sie immer noch. „Ich möchte den Jungen kennenlernen.“

„Oh. Okay. Wann?“, fragte sie. Sie war nervös; das erkannte er an ihrer Haltung und ihrer stockenden Redeweise.

Christos ermahnte sich, die Sache ein wenig lockerer anzugehen – vergeblich. Was er für Ava und den Jungen empfand, war zu intensiv und zu widersprüchlich. „Heute, Ava. Ich denke, wir beide können das Problem allein lösen, ohne dass ich meine Anwälte einschalten muss.“

„Natürlich“, entgegnete sie. „Ich habe ja auch nicht gesagt, dass du ihn nicht sehen darfst. Ich wollte nur wissen, wann.“

„So schnell wie möglich. Trägt er unseren Familiennamen?“

„Nein.“

„Hattest du das mit Stavros vereinbart?“

Kritisch musterte sie ihn und zog eine Augenbraue hoch. Dieses Aufflackern ihres Temperaments erregte ihn mehr, als er für möglich gehalten hätte. „Was interessiert es dich? Du hast gesagt, du willst nichts mit meinem Kind zu tun haben.“

„Die Umstände haben sich geändert“, erwiderte er. „Theo ist schließlich ein Theakis.“

„Tja, er trägt meinen Nachnamen.“

„Das wird das Erste sein, was ich ändere. Ich werde veranlassen, dass meine Anwälte die entsprechenden Papiere aufsetzen.“

„Äh, ist das nicht ein wenig überstürzt? Warum …?“

„Nein, das ist wohlüberlegt und überfällig. Schließlich habe ich schon viel zu viel Zeit versäumt.“

Ava errötete – vor Wut, wie Christos vermutete – und schüttelte den Kopf. „Das war deine Entscheidung. Über alles andere müssen wir noch einmal in Ruhe sprechen. Aber ich bin sicher, dass Theo sich freuen wird, dich endlich zu treffen. Deinen Namen kennt er immerhin schon.“

„Sehr gut.“

Sie erwiderte nichts, doch er sah, wie ihre Augen erneut vor Zorn aufblitzten, bevor sie sich umdrehte. „Ich werde Karin bitten, ihn aus seiner Gruppe holen zu lassen. Er hat allerdings ziemlichen Respekt vor dem Büro der Schulleiterin. Vielleicht solltest du lieber draußen im Garten warten. Ich werde ihn zu dir bringen.“

Aufgeregt ging Theo neben ihr den Gang entlang. Auf dem Weg in den Garten stellte er unzählige Fragen über Christos. Doch Ava wusste nicht, was sie darauf antworten sollte. Schließlich traten sie hinaus in die Sonne, und ihr Sohn schob seine Hand in ihre und verstummte, als er den großen Mann sah, der ihnen den Rücken zuwandte.

Ava kniete sich vor ihren Sohn und umarmte ihn. „Er freut sich sehr, dich kennenzulernen.“

„Ehrlich?“

„Ehrlich“, erwiderte Christos und kam zu ihnen. „Hallo, Theo. Ich bin Christos Theakis.“

Theo ergriff Christos’ ausgestreckte Hand und schüttelte sie unbeholfen. „Hallo, Dad.“

Ruckartig hob Christos den Kopf und warf Ava einen Blick zu, den sie nicht zu deuten vermochte. Ein wenig zögernd schloss er dann Theo in die Arme, und Ava wandte sich ab. Es war leicht gewesen zu glauben, dass sie das Richtige für ihren Sohn tat, als sie ihn von Christos ferngehalten hatte. Bei ihrer letzten Begegnung war Christos unglaublich wütend gewesen. Er hatte sie beschuldigt, auch mit seinem Bruder zu schlafen. Und sie war nicht in der Lage gewesen, sich gegen Christos zu behaupten.

Er hatte von ihr gefordert, einen Test durchführen zu lassen, der zweifelsfrei klären sollte, wer der Vater von Theo war. Aber Ava hatte sich geweigert, weil sie wollte, dass Christos ihr vertraute. Sie hatte ihn in einigen Dingen belogen und das auch zugegeben, aber in diesem Fall war es ihr wichtig gewesen, dass er ihr glaubte. Denn eine Beziehung basierte nun einmal auf Vertrauen.

Die Gesellschaftsseiten der Boulevardpresse dokumentierten, dass er sein Leben munter fortgesetzt hatte. Aber hier, in diesem ruhigen Garten, als er Theo umarmte, fragte Ava sich, ob sie vielleicht doch einen Fehler begangen hatte.

Sie trat einen Schritt zurück und versuchte, sich all die Gründe zu vergegenwärtigen, warum sie nicht mehr in Christos verliebt war. Warum sie eigentlich von Anfang an nicht richtig in ihn verliebt gewesen war. Aber während sie beobachtete, wie er zaghaft Kontakt mit seinem Sohn aufnahm, kamen ihr diese Gründe auf einmal nichtig vor. Und ihr Herz, das in den vergangenen fünf Jahren eine Art Winterschlaf gehalten hatte, begann wieder schneller zu klopfen.

Aber das tat nichts zur Sache. Christos war der Mann, der ihr Leben völlig auf den Kopf gestellt hatte, und jetzt hatte sie es endlich wieder im Griff. Also würde sie sich nicht wieder mit ihm einlassen. Das Problem war nur, dass sie das musste, wenn er seine Rolle als Theos Vater annahm. Und Theo den Vater vorzuenthalten, wenn dieser jetzt die Hand nach ihm ausstreckte, war schlichtweg undenkbar. Die Theakis waren eine Familie, die zusammenhielt, ganz im Gegensatz zu ihrer eigenen Familie. Und für Theo wünschte Ava sich die Geborgenheit, die solch eine Familie bieten konnte.

Sie verbrachten einige Minuten zusammen, bevor Theo von Karin zurück in seine Gruppe gebracht wurde und Ava mit Christos allein blieb. Er blickte seinem Sohn nach, und es schnürte Ava die Kehle zu, weil sie ihm ansah, welche Gefühle in ihm tobten. Schon immer hatte sie vermutet, dass hinter der Fassade des oberflächlichen Playboys, die er der Welt präsentierte, weit mehr steckte. Hin und wieder hatte sie einen Blick auf sein wahres Ich erhascht, damals, als sie zusammen gewesen waren. Und das hatte genügt, um sich Hals über Kopf in ihn zu verlieben.

„Du hast ihn gut erzogen.“

„Danke. Ich … ich bin mir nicht immer sicher, ob ich das Richtige tue. Aber er ist ein lieber Junge.“

„Ja, das ist er.“ Christos steckte die Hände in die Hosentaschen und kam zu ihr. „Warum hast du ihm gesagt, ich wäre sein Vater?“, fragte er.

„Glaubst du mir etwa immer noch nicht?“

Er schüttelte den Kopf. „Ich habe dir die Chance gegeben, es mir zu beweisen, Ava, aber du hast dich geweigert.“

„Weil ich wollte, dass du mir vertraust.“

„Wer einmal lügt, dem glaubt man nicht.“

„Das ist nicht fair. Ich habe mich für meine Lügen entschuldigt. Ich war jung und dachte, du würdest mit einem Mädchen, das aus armen Verhältnissen kommt, nichts zu tun haben wollen.“

„Und die einfachste Möglichkeit sicherzustellen, dass du niemals dorthin zurückkehren musstest, bestand darin, dir einen Theakis zu angeln.“

Empört schüttelte sie den Kopf, da seine Worte sie bis ins Mark trafen. „So war es nicht.“

„Das kannst du mir ein anderes Mal erklären. Im Moment hast du zwei Möglichkeiten, Ava.“

Noch immer gefiel es ihr, wie er ihren Namen aussprach. Und das ärgerte sie, denn eigentlich hätte sie ihn am liebsten geschlagen, weil er sich so maßlos arrogant aufführte. Sie hatte Fehler gemacht, okay, aber warum kam dieser sture Grieche nicht darüber hinweg und hielt es ihr immer wieder vor? „Und die wären?“

„Du kannst das Sorgerecht für Theo an mich abgeben, damit er als Theakis aufwächst.“

„Warum sollte ich das tun?“ Christos musste verrückt sein, wenn er glaubte, dass sie ihren Sohn aufgeben würde.

„Es ist sein Recht, in unserer Familie aufzuwachen. Und du hattest ihn ja während der letzten vier Jahre für dich.“

„Du hast von ihm gewusst und hast ganz bewusst auf den Kontakt verzichtet“, erwiderte sie erbost, während die Vergangenheit wie ein Film vor ihrem inneren Auge ablief. Ava erinnerte sich noch genau an den Tag, als sie schwanger geworden war. Sie wusste auch noch, wie sich eine Mischung aus Lust und Verärgerung auf Christos’ Miene gespiegelt hatte, als sie sich geweigert hatte, als seine Geliebte in Griechenland zu bleiben.

Er hatte sie wie ein Besessener geküsst, und schon bald war aus dem Ärger Lust geworden, und sie hatten sich in seinem Arbeitszimmer geliebt. Es war keine zärtliche Verführung gewesen – dafür waren sie beide viel zu erregt gewesen, schon wegen des Wissens, dass es das letzte Mal sein würde.

Sie hatte sich an seine Schultern geklammert, und Christos hatte sie fest an sich gepresst und auf seinen Schoß gezogen. Als ihnen bewusst geworden war, dass sie kein Kondom benutzten, hatte er sich im letzten Moment zurückgezogen.

Keiner von ihnen hatte etwas gesagt. Aber ein paar Tage später war das Chaos über sie hereingebrochen, als Nikki behauptet hatte, Ava mit Stavros gesehen zu haben. Christos hatte seiner Schwägerin geglaubt, nicht ihr.

„Mag sein. Aber das wird sich jetzt ändern. Ich möchte, dass Theo ein Teil meines Lebens wird. Ich habe ‚Theakis Shipping‘ übernommen“, sagte er und drehte sich von ihr fort, um in den Schulgarten zu blicken. „Das heißt, dass ich jetzt gezwungen bin, das Leben des Erben zu führen, das ich nie gewollt habe. Und es heißt auch, dass ich mich um die Zukunft der Familie kümmern muss.“

„Also brauchst du jetzt lediglich einen Erben“, erwiderte sie. Es stimmte sie traurig, dass Christos nur aus diesem Grund hier war. Aber, verflixt, sie würde nicht zulassen, dass er Theo wehtat. Theo sollte keinen Mann bewundern, der derart kaltherzig war. Einen Mann, der eine Frau lieben und sie so fest an sich drücken konnte, als wollte er sie niemals wieder gehen lassen, und sie dann der Untreue bezichtigte!

„Unsere Familie braucht Theo“, fuhr er fort.

Ihm geht es nur um Theo, nicht um dich, dachte Ava. Aber in gewisser Weise ging es doch um sie. „Du hattest zwei Möglichkeiten erwähnt?“

„Ja. Wenn du weiterhin am Leben deines Sohnes teilhaben möchtest, dann bin ich bereit, dich zu heiraten.“

2. KAPITEL

Das Haus, das Christos gemietet hatte, bot zwar einen herrlichen Blick über den Atlantik und war groß und komfortabel, doch es wirkte irgendwie leer. Obwohl er Personal eingestellt hatte, fühlte er sich einsam. Christos lehnte sich in seinem Lederchefsessel zurück und griff nach dem Telefon, als es klingelte.

„Wie ist es heute gelaufen?“, fragte Tristan Sabina.

Tristan war einer von Christos’ zwei besten Freunden. Der andere war Guillermo de la Cruz. Mehr als die Hälfte ihres Lebens hatten sie jetzt ein munteres Trio von Unruhestiftern und Playboys gegeben. Sie hatten sich als Jugendliche in einem exklusiven Internat in der Schweiz kennengelernt und sich schon dort zusammengetan und keinen Unfug ausgelassen.

Als Söhne reicher Eltern hatten sie stets im Blickpunkt der Klatschpresse gestanden – spätestens seit sie schon mit Anfang zwanzig gemeinsam eine Kette von Nachtklubs in den größten Metropolen der Welt eröffnet hatten. Die exklusiven Klubs, genannt „Seconds“, waren weltweit im Handumdrehen zu begehrten Locations geworden, wo man sehen und gesehen werden konnte. Abend für Abend wiesen die Türsteher mehr Berühmtheiten und Möchtegernprominente ab, als sie einließen.

Tristan, Gui und Christos waren die Herrscher dieses Königreiches, das sie selbst geschaffen hatten.

Christos klemmte das Telefon zwischen Ohr und Schulter und trank einen Schluck Tequila. „Schwer zu sagen. Ich dachte schon, sie würde auf mich losgehen, als ich die Sache mit dem Heiraten ansprach.“

„Ihr Griechen wisst einfach nicht, wie man mit Frauen umgeht“, erklärte Tristan. „Du hättest sie in die Arme ziehen und sie bis zur Besinnungslosigkeit küssen sollen, um ihr dann zu sagen, dass du sie heiraten willst.“

„Es geht doch gar nicht um sie“, widersprach Christos.

„Das hört sich aber so an“, warf Gui wie immer ruhig ein, als er sich in die Telefonkonferenz einschaltete. „Du hast nie erzählt, was damals geschehen ist.“

„Ich habe auch jetzt nicht die Absicht, es zu tun.“

„Wie war der Junge?“, fragte Tristan.

„Der Junge war … Er schien …“

„Was, Christos?“, hakte Gui nach. Diese Telefonkonferenz war ein wenig umständlich, aber die beste Art zu kommunizieren, jetzt, da sie alle noch anderen seriösen Geschäften nachgingen.

„Er hat Stavros’ Nase.“

„Oder deine. Ihr habt doch alle diese Theakis-Nase“, meinte Tristan.

„Hast du sie ...

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