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Zurück in den Armen des stolzen Griechen

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PROLOG

Ganz fest drückte Siena DePiero die Hand ihrer älteren Schwester, als sie gemeinsam den Palazzo verließen. Obwohl sie selbst erst zwölf und Serena knapp vierzehn war, versuchten die Kinder stets einander zu unterstützen und zu trösten wenn nötig. Und heute war wieder so ein Tag, denn ihr Vater zeigte sich noch launischer als gewöhnlich.

Der Wagen stand direkt am Bordstein. Ein uniformierter Fahrer wartete darauf, ihnen die Tür aufzuhalten, und Siena wusste, dass sich auch die Bodyguards ganz in der Nähe befanden.

Unerwartet tauchte neben ihnen ein junger dunkelhaariger Mann wie aus dem Nichts auf und stellte sich ihrem Vater in den Weg. Wild gestikulierend sprach er ihn mit Papà an. Die beiden Mädchen standen da wie erstarrt, während sich zwischen ihnen und der beängstigenden Szene breitschultrige Männer aufbauten. Siena verrenkte den Hals, um das Geschehen besser verfolgen zu können. Der junge Mann sah ihrem Vater tatsächlich sehr ähnlich: der gleiche Gesichtsschnitt, die gleichen tief liegenden Augen. Aber wie konnten die beiden Männer miteinander verwandt sein?

Sie zuckte zusammen, als sie einen gedämpften Laut hörte. Im nächsten Moment lag der Fremde mit blutender Nase am Boden. Ihr Vater hatte ihn niedergeschlagen. Schockiert über diesen Gewaltausbruch drückte Siena die Hand ihrer Schwester nur noch heftiger.

Mit einer unwirschen Handbewegung bedeutete ihr Vater den beiden verstörten Mädchen, ihm zu folgen. Der Gehweg war an dieser Stelle so schmal, dass sie über die ausgestreckten Beine des jungen Mannes steigen mussten. Siena hatte zu viel Angst, um ihn direkt anzusehen – doch seine Wut und Empörung konnte sie fast körperlich spüren.

Eilig wurden Serena und sie auf den Rücksitz der wartenden Limousine gedrängt. Siena hörte, wie ihr Vater seine Männer instruierte. Über all dies hinweg schallte die hasserfüllte Stimme des am Boden liegenden: „Ich bin Rocco, dein Sohn, du Bastard!“

Der Wagen fuhr an. Siena wandte den Kopf nach hinten und spürte Übelkeit aufsteigen, als sie sah, wie grob die Bodyguards ihres Vaters den jungen Mann wegzerrten. Serena saß da wie erstarrt und starrte stumm geradeaus, während sie immer noch fest die Hand ihrer Schwester umklammert hielt.

Plötzlich drehte ihr sich Vater mit einem unterdrückten Fluch nach hinten um, packte Siena am Ohr und riss ihren Kopf herum. „Was gibt es da zu gaffen?“

Obwohl er ihr wehtat, dachte sie nicht im Traum daran, sich zu beklagen oder auch nur eine Miene zu verziehen. „Nichts, Papà.“

Sein harter Mund war nur noch ein schmaler Strich. „Gut. Denn du weißt ja, was geschieht, wenn du mir Ärger machst?“

Als sie spürte, wie sich die Finger ihrer Schwester noch mehr verkrampften, hätte Siena um ein Haar die Fassung verloren. „Ja, Papà“, versicherte sie tonlos, um ihn nicht noch mehr zu reizen.

Nach einem endlos scheinenden Moment ließ ihr Vater sie los und wandte sich wieder nach vorn.

Oh ja, Siena wusste ganz genau, was geschah, wenn sie ihren Vater verärgerte. Er würde ihre Schwester Serena bestrafen. Niemals sie selbst. Weil es genau das war, was ihn an der ganzen Sache amüsierte: eine gegen die andere auszuspielen.

Die Schwestern sahen sich nicht an, hielten sich aber für den Rest der Fahrt weiterhin fest an den Händen.

1. KAPITEL

Andreas Xenakis missfiel das wilde Triumphgefühl, das ihn bei ihrem Anblick packte. Denn es besagte, dass ihm dieser spezielle Moment viel mehr bedeutete, als er zugeben mochte. Da saß doch tatsächlich die Frau in seiner unmittelbaren Nähe, die ihm seinerzeit eine versuchte Vergewaltigung unterstellt hatte, um den eigenen Ruf zu schützen und für ihren Vater als Unschuldslamm zu gelten.

Damit hatte sie ihm nicht nur eine gehörige Tracht Prügel beschert, er hatte daraufhin auch seinen Job verloren und war in praktisch jedem europäischen Hotel auf die schwarze Liste gesetzt worden. Er hatte ganz von vorn anfangen müssen. Weit weg von jedem, den er kannte oder der über ihn Bescheid wusste.

Sie war immer noch außergewöhnlich hübsch und ungeheuer anziehend. Dabei hatte er sich fünf Jahre lang eingeredet, dass sie ihn niemals mehr so in ihren Bann ziehen könnte wie früher, sollten sie sich irgendwann wieder begegnen. Aber das tat sie. Zumal er heute eine voll erblühte Frau vor sich sah, keinen halben Teenager.

Ihr hellblondes Haar, das im Licht der zahlreichen Kerzenleuchter fast weiß wirkte, trug sie zu einem raffinierten Knoten aufgesteckt. Ihre Haltung, ja, das gesamte Erscheinungsbild, war genauso elegant und perfekt wie damals in dem Pariser Ballsaal.

Andreas presste die Lippen zusammen. Eine Aristokratin inmitten des gemeinen Volkes! Es war offensichtlich, dass die Frauen in ihrer unmittelbaren Umgebung versuchten, sie auszugrenzen – als würden sie die Konkurrenz fürchten.

Aus schmalen Augen betrachtete er die feinen Gesichtszüge und die gerade, klassische Nase, ein genetisches Erbe ihrer Vorfahren aus einem alten italienischen Adelsgeschlecht. Den hellen, porzellanartigen Teint hingegen verdankte sie ihrer Mutter, die sogar mit der britischen Königsfamilie verwandt war. Ihre Haut war blass und zart wie die Blüten einer Rose. Andreas spürte ein heftiges Ziehen in der Brust, als er sich daran erinnerte, wie sie sich unter seinen Fingerspitzen angefühlt hatte.

Damals war es ihm vorgekommen, als hätte er diese ätherische Schönheit durch seine Zärtlichkeiten beschmutzt. Er ballte die Hände zu Fäusten, wenn er an ihre lockende Stimme und die verführerischen Worte zurückdachte: Bitte! Ich will, dass du mich berührst, Andreas! Nur um ihm mit dem nächsten Atemzug in den Rücken zu fallen und ihn zu beschuldigen, er hätte sie sexuell belästigt.

Unerwartet wandte sie den Kopf und schaute in seine Richtung. Andreas’ Wut erlosch, während ihn gleichzeitig heißes Begehren erfasste. Sein Herz hämmerte hart in der Brust, und ihm wurde schwindelig.

Es gab kein Entrinnen vor diesen großen, strahlenden blauen Augen … umrahmt von langen, dunklen Wimpern. Trotzdem war es hauptsächlich ihr Mund, der seinen Blick gefangen hielt. Sündhaft geschwungen und rosarot. Als würde er nur darauf warten, geküsst zu werden.

Andreas fühlte sich wie ein Tier, weil er sich von einer Sekunde zur anderen willenlos seinen Instinkten ausgeliefert sah. Das durfte nicht schon wieder passieren! Er hasste seine animalische Reaktion auf ihren Anblick und wollte um jeden Preis verhindern, dass diese Frau ihn auch in Zukunft um ihren schlanken Finger wickelte.

Ihm fiel nur ein einziger Weg ein, wie er diesen Fluch loswurde. Er musste beenden, was sie damals begonnen hatten – bevor sie noch einmal sein ganzes Leben mit einem Schlag zerstörte. Damals hatte sie es geschafft, weil sie zu neugierig und gelangweilt gewesen war und unbedingt mit dem Feuer spielen musste. Und weil sie die Macht dazu besaß, andere zu vernichten.

Wilde Entschlossenheit packte ihn. Heute war er kein Niemand mehr! Siena DePiero schien dagegen inzwischen sehr tief gefallen zu sein. Auf Gedeih und Verderb war sie ihm und seiner Rache ausgeliefert, was für eine Ironie!

Ihr blonder Schopf verschwand kurz aus seinem Blickfeld, und er verspürte ein seltsames Gefühl der Enttäuschung, dem er lieber nicht näher auf den Grund gehen wollte. Stattdessen ärgerte er sich über die Tatsache, dass sie von anderen Männern angegafft und umschwärmt wurde. Es weckte einen unbestimmten Beschützerinstinkt in ihm, den er am liebsten ignoriert hätte. Schließlich war sie schon einmal dreist genug gewesen, mit ihm ihre Spielchen zu treiben. Er begehrte sie, mehr aber auch nicht. Und ganz sicher würde er sich niemals wieder von einer Frau zum Idioten machen lassen!

Als sie wieder in sein Blickfeld kam, registrierte Andreas mit fliegendem Puls, dass sie sich langsam, aber stetig auf ihn zu bewegte.

Mit einem Tablett in der Hand schlängelte sich Siena DePiero geschickt durch die Gäste und bemühte sich, dabei nicht zu stolpern oder etwas zu verschütten. Plötzlich schob sich eine eindrucksvoll breite Brust in ihr Sichtfeld und hinderte sie daran, weiterzugehen. Sie hob den Blick und wollte sich gerade mit einer höflichen Entschuldigung freie Bahn verschaffen, als ihr die Worte im Hals stecken blieben. Der Mann vor ihr im makellosen Smoking war kein Fremder. Es war Andreas Xenakis.

Ausgerechnet er und ausgerechnet hier!

Diese Erkenntnis kam für sie einer Katastrophe gefährlich nahe. Plötzlich schien es, als wären seit ihrer letzten Begegnung nicht mehr als fünf Minuten vergangen – dabei waren es fünf Jahre. Er wirkte größer als in ihrer Erinnerung, dunkler und auch etwas schlanker.

Unter dem unmissverständlichen Ausdruck von Abscheu und Hass in den dunklen Augen begann sie am ganzen Körper zu zittern. Siena wurde regelrecht übel vor aufsteigender Panik. Warum musste er sie auch gerade in dieser Situation aufspüren? Als wäre ein Zusammentreffen allein nicht schon schlimm genug. Wahrscheinlich platzte er innerlich vor Schadenfreude! Aber konnte sie es ihm verdenken? Nein, wohl eher nicht.

„So, so …“

Seine spöttische Stimme klang unglaublich vertraut, und Sienas Anspannung wuchs.

„Was für eine Überraschung, dich hier zu treffen.“

Siena war wie erstarrt, während er sie quälend langsam von oben bis unten musterte. Sie trug ein Kellnerinnenkostüm, das aus einer schwarzen Hose, einem schmalen Schlips und einer figurbetonten weißen Bluse bestand.

Genau wie vor fünf Jahren bekam sie weiche Knie in seiner Nähe. Durch ihre Adern schien plötzlich glühende Lava zu fließen, die sie zu versengen drohte. In ihrem Kopf wurden Bilder wach, die zeigten, was damals zwischen ihnen geschehen war. Das machte sie schrecklich nervös.

Andreas, der sie scharf beobachtete, schob die Brauen über den dunklen Augen zusammen. Das kantige Kinn und die zusammengepressten Kiefer ließen sein männlich attraktives Gesicht hart und abweisend erscheinen. Nur der spöttisch verzogene Mund war genauso sexy und sinnlich wie damals und erinnerte an den Mann von früher.

Offenbar erwartete er eine Antwort von ihr. Und obwohl Siena sich wie ein steuerloses Boot auf hoher See kurz vor dem Kentern fühlte, riss sie sich zusammen. „Mr Xenakis. Wie nett, Sie so unverhofft wiederzusehen“, begrüßte sie ihn förmlich.

Er lachte trocken auf. „Selbst jetzt klingst du noch, als würdest du mich auf deiner eigenen Dinnerparty willkommen heißen. Dabei servierst du hier Getränke für Leute, die du damals nicht mal mit deinem entzückenden Hintern angeschaut hättest.“

Betroffen zuckte sie zusammen, allerdings nur innerlich. Nach außen ließ sie sich nichts anmerken. Schließlich war nachvollziehbar, dass Andreas sich heute so gnadenlos überheblich und ganz anders benahm als damals in Paris. Sein kometenhafter Aufstieg zum weltbekannten Hotelier, und das im Alter von erst dreißig Jahren, war ihr nicht entgangen. Und dieser Erfolg kam auch nicht von ungefähr, dafür musste man wohl auch über Leichen gehen.

„Ich fühle mich geschmeichelt, dass du dich an mich erinnerst“, sagte er schneidend. „Schließlich sind wir uns bloß ein einziges Mal begegnet, auch wenn dieser Tag – zumindest für mich – ziemlich eindrucksvoll war.“

Fast hätte sie ihn korrigiert und behauptet, sie wären sich zweimal über den Weg gelaufen. Immerhin hatte sie ihn am Morgen nach jener fatalen Nacht noch gesehen, aber daran wollte sie im Augenblick lieber nicht denken.

„Ja.“ Unsicher blickte sie zur Seite und senkte die Stimme. „Natürlich erinnere ich mich an dich.“ Ihr war das alles zu viel. Der unverhohlen feindliche Ton, die überraschende Konfrontation mit unangenehmen Erinnerungen …

Das Tablett in ihren Händen begann, gefährlich zu kippeln. Doch bevor es zu Boden fallen konnte, nahm Andreas es ihr ab und stellte es auf einem Tisch in der Nähe ab.

Im nächsten Augenblick stand auch schon Sienas Boss vor ihnen und bedachte sie mit einem vernichtenden Blick, während er Andreas sein blendend weißes Gebiss zeigte. Es war der missglückte Versuch eines ebenso devoten wie entschuldigenden Lächelns.

„Mr Xenakis, ist alles in Ordnung? Falls meine Angestellte sich Ihnen in irgendeiner Weise …“

„Absolut kein Grund für Sie, sich zu echauffieren“, wurde er kühl unterbrochen. Arroganz und Autorität hielten sich in Andreas’ Stimme die Waage.

Siena schluckte trocken. Inzwischen hatte er also seinen verheerenden Sex-Appeal noch um Macht und ein unerschütterliches Selbstvertrauen aufgestockt. Damit war sie verloren! Diese frustrierende Erkenntnis ließ sie schwanken. Heute war sie definitiv noch weniger gegen Andreas’ Charisma gewappnet als früher.

„Alles ist in bester Ordnung“, behauptete er gerade. „Vor einigen Jahren haben ich und Miss …“

Bevor er ihren verhassten Namen aussprechen konnte, fiel sie ihm ins Wort. „Wie ich bereits sagte, Mr Xenakis, es war nett, Sie wiederzusehen. Bitte entschuldigen Sie mich jetzt, ich sollte wirklich weiterarbeiten.“

Vorsichtig nahm sie das schwere Tablett wieder vom Tisch und setzte sich in Bewegung, ohne ihn oder ihren Chef noch einmal anzusehen.

Andreas starrte ihr hinterher und ärgerte sich über den kleinen rundlichen Mann, der ihr Gespräch unterbrochen hatte. Sienas Boss machte einen extrem unsympathischen Eindruck und wirkte auf ihn außerdem wie eine hinterlistige Kröte.

„Ich muss mich in aller Form bei Ihnen entschuldigen, Mr Xenakis. Unser Personal hat strikte Anweisungen, niemanden unserer Gäste anzusprechen, aber Miss Mancini ist neu bei uns, und …“

„Im Grunde habe ich ihr ein Gespräch aufgedrängt“, erklärte Andreas mit steinerner Miene. „Sie sagten, ihr Name wäre Mancini?“

„Ja“, gab der andere Mann unsicher zurück. Dann lächelte er schleimig und beugte sich vertraulich vor. „Ihr Aussehen ist natürlich ihr größtes Kapital. Sie könnte ohne Weiteres als Model arbeiten, wenn Sie mich fragen. Ich habe keine Ahnung, weshalb sie lieber kellnert, aber ich will mich nicht beschweren. Noch nie wurde ich so häufig um die Telefonnummer einer Angestellten gebeten.“

Andreas sah davon ab, den Mann darüber aufzuklären, dass Siena bei der gesamten europäischen High Society unten durch war und daher kaum eine Wahl bezüglich ihrer Berufswahl hatte. Ihre Namensänderung wunderte ihn zwar, aber gegenwärtig hatte er andere Sorgen. Unter gesenkten Lidern starrte er seinen Gesprächspartner an. „Ich gehe davon aus, Sie geben diese Telefonnummer unter keinen Umständen heraus?“

Der kleine Mann errötete. „Nun, ich … Selbstverständlich nicht, Mr Xenakis. Das gehört nun wirklich nicht zu unserem Service. Ich kann Ihnen versichern …“

„Lassen Sie es!“, unterbrach Andreas ihn barsch. „Ich werde mir ein eigenes Urteil erlauben, nachdem ich Ihr Unternehmen gründlich überprüft habe.“

Damit wandte er sich ab und ging in die Richtung, in die Siena verschwunden war. Auf keinen Fall durfte sie sich jetzt einfach wieder in Luft auflösen!

Ein paar Stunden später lief Siena wie ein aufgescheuchtes Reh durch die Straßen von Mayfair. Sie hatte immer noch nicht verkraftet, Andreas Xenakis ausgerechnet hier in London wiederzubegegnen. Dieser Ort hatte ihre Zuflucht vor der Welt sein sollen, um ihr Leben wieder in den Griff zu bekommen.

Zu ihrer grenzenlosen Erleichterung hatten sich ihre Wege an diesem Abend nicht noch einmal gekreuzt. Trotzdem war ihr seine eindrucksvolle Erscheinung von Weitem ständig präsent gewesen, und Siena hatte sich stets am anderen Ende des Raumes aufgehalten. Ganz bewusst.

Es ärgerte sie, wie sehr seine Anwesenheit sie aus der Bahn warf. Sicher, sie teilten eine Geschichte miteinander, und die war nicht besonders schmeichelhaft. Siena versuchte verzweifelt, nicht an den hasserfüllten Ausdruck auf seinem Gesicht zu denken, als sie sich vor fünf Jahren neben ihren Vater gestellt und mit dem Finger auf Andreas gezeigt hatte. Ja, er trägt die Schuld, Papà. Ich konnte mich nicht wehren.

Andreas hatte sich zu verteidigen versucht und war dabei in seinen harten griechischen Akzent verfallen. „Das ist eine freche Lüge! Sie hat mich angefleht …“

Mit erhobener Hand hatte ihr Vater ihn damals zum Schweigen gebracht und sich dann seiner Tochter zugewandt. Die Erinnerung an den schrecklichen Moment drohte sie auch jetzt noch aus der Bahn zu werfen. „Er ist derjenige, der lügt, oder? Du würdest dich doch von so einer Kreatur niemals anfassen lassen? Er ist absolut unter deiner Würde.“

Obwohl sie sich und ihren Vater noch heute dafür verabscheute, hatte Siena das Einzige getan, was ihr damals übrig geblieben war. „Ja, er lügt. Ich würde jemandem wie ihm niemals erlauben, mich zu berühren.“

Der Gedanke an diesen beschämenden Abschnitt ihrer Vergangenheit bedrückte Siena bis heute. Und jetzt musste sie sich auch noch eingestehen, dass Andreas immer noch einen verheerenden Effekt auf ihre Libido ausübte. Das konnte unabsehbare Folgen für sie beide haben …

Um ehrlich zu sein, war sie überrascht, dass er sie überhaupt wiedererkannt hatte. Sie wusste selbst allzu gut, wie leicht man geneigt war, nur die Hand zu sehen, die einen bediente, und nicht die Person. Siena erinnerte sich an eine Familienfeier und an den rasenden Wutausbruch ihres Vaters, weil sie einem Kellner hatte helfen wollen, umgestürzte Gläser wieder einzusammeln.

„Weißt du nicht, wer wir sind?“, hatte er sie später in seinem Arbeitszimmer angebrüllt. „Über Menschen wie ihn sehen wir geflissentlich hinweg und halten uns nicht auch noch damit auf, ihnen zu helfen!“

Damals hatte sie sich eine passende Antwort verkneifen müssen. So wie du deinen eigenen Sohn ignoriert hast und über ihn hinweg getrampelt bist? Über unseren Bruder? Aber dieser Kommentar hätte ihrer Schwester Schläge eingehandelt. Ihr Vater war ein grausamer Mensch gewesen, der es genoss, Druck auf seine Kinder auszuüben: Wurde Siena frech, musste eben Serena dafür büßen.

Ein Stück vor sich sah Siena endlich ihre Bushaltestelle und atmete erleichtert auf. Morgen würde die Erinnerung an den heutigen Abend vergessen und Andreas Xenakis wieder aus ihrem Leben verschwunden sein. Hoffentlich auch aus ihren Gedanken, obwohl sie sich diesbezüglich wenig Hoffnung machte. Es war ihr ja auch bisher nicht gelungen zu verdrängen, was Andreas aufgrund ihrer falschen Beschuldigungen widerfahren war.

Mit seinen heißen Küssen hatte Andreas damals dafür gesorgt, dass ihr jeder Sinn für Realität oder Vernunft abhanden gekommen war. Nachdem sie später aus der Presse von seiner bravourösen Karriere erfahren hatte, war sie regelrecht erleichtert gewesen. Es hatte ihr einen Teil ihrer Schuldgefühle genommen, dass seine Karriere sich wesentlich besser als erwartet entwickelte.

Energisch verdrängte Siena das restliche schlechte Gewissen, das ihr noch geblieben war. Stattdessen überlegte sie, ob ihre beiden Jobs überhaupt ausreichten, um ihrer Schwester weiterhin helfen zu können. Es würde an ein Wunder grenzen, wenn dem so wäre.

Gerade hatte sie das Bushäuschen erreicht, da fiel ihr ein schnittiger silberner Sportwagen auf, der wenige Sekunden später vor ihr hielt. Noch bevor die Scheibe herunterfuhr, wusste Siena, wer dahinter zum Vorschein kommen würde. Das Herz schlug ihr bis zum Hals, während sie vor Andreas Xenakis’ sengendem Blick instinktiv zurückwich. So leicht ließ er sie also nicht vom Haken. Er wollte sie quälen und die veränderten Umstände zu seinem Vorteil nutzen. Was für eine Genugtuung musste das für ihn sein!

Blitzschnell sprang er aus dem Wagen und fasste Siena am Ellenbogen. „Komm, ich fahre dich nach Hause!“

Sie war wie gelähmt. Er benahm sich zwar, als hätte er keinerlei Hintergedanken, aber für Siena war diese Situation unerträglich. Ihre dünne Jeansjacke bot kaum Schutz gegen die kalte Nachtluft, und sie war nach dem langen Abend zutiefst erschöpft. „Nein, danke. Der Bus wird gleich hier sein.“

Andreas kniff die Augen zusammen. „Wissen deine Kollegen eigentlich, dass du dich mit praktisch jedem ausländischen Gast in diesem Saal in seiner jeweiligen Muttersprache unterhalten könntest?“

Siena machte nicht den Fehler, diese Bemerkung als Kompliment zu werten, da sie ohnehin nur dazu gedacht war, ihr die momentane missliche Lage unter die Nase zu reiben. Mit einem Ruck machte sie ihren Arm frei und raffte ihren ganzen Stolz und Mut zusammen. „Du hast doch sicherlich Besseres zu tun, als mir wie ein Hündchen hinterherzulaufen“, hielt sie ihm mit einer Arroganz vor, die seiner in Nichts nachstand.

Sein Blick wurde starr, und sofort bereute sie ihre Bemerkung. Es erinnerte sie zu sehr an die hässlichen Dinge, die sie an jenem Abend in Paris von sich gegeben hatte. Genau diese Art von zynischen Bemerkungen erwartete Andreas von ihr.

Ungerührt umfasste er erneut ihr Handgelenk. „Lass uns gehen, Signorina DePiero! Der Bus kommt, und ich versperre ihm den Weg.“

Hinter ihm bemerkte sie einen Doppeldeckerbus, der sich langsam näherte. Als er auch noch zu hupen begann, warfen die wartenden Fahrgäste Siena finstere Blicke zu.

Seelenruhig zuckte Andreas die Schultern. „Stell mich ruhig auf die Probe, zur Not lasse ich meinen Wagen hier zurück.“

Noch einmal ertönte die Hupe, und ein Fremder neben Siena machte seinem Ärger lauthals Luft. „Mensch, jetzt steig schon ein! Wir wollen auch nach Hause!“

Einen Moment lang war sie noch unschlüssig, dann ließ sie sich fast willenlos von Andreas zum Sportwagen führen und stieg ein.

„Anschnallen nicht vergessen“, mahnte er, nachdem er selbst hinter dem Steuer Platz genommen hatte. „Oder bist du es noch gewohnt, dass man auch das für dich erledigt?“

Sein Sarkasmus löste Siena aus ihrer Erstarrung, und sie konnte endlich wieder klarer denken. „Sei nicht albern!“, gab sie in scharfem Ton zurück und schwieg dann.

Gekonnt lenkte Andreas den Wagen in den dichten Straßenverkehr. Es war lange her, seit sie in einem derart exklusiven Gefährt gesessen hatte. Verstohlen strich sie über das weiche Leder ihres Sitzes und genoss das sinnliche Gefühl von so viel unerwartetem Luxus. Aber das durfte sie eigentlich gar nicht! „Halt bitte an und lass mich aussteigen! Ich kann allein nach Hause gehen. Ich habe mich bloß von dir mitnehmen lassen, um da hinten eine peinliche Szene zu vermeiden.“

Sein Seufzen klang echt. „Seit sechs Monaten suche ich nach dir, Siena. Da werde ich dich bestimmt nicht so leicht entwischen lassen.“

Vor genau einem halben Jahr war ihr Vater verschwunden und hatte Serena und ihr nichts anderes hinterlassen als die Trümmer seines Lebens und einen Berg von Schulden. So waren die Schwestern gezwungen, sich wegen seiner feigen Flucht ganz allein der harten Realität des Alltags zu stellen.

Erst verspätet drängte sich Siena die Bedeutung von Andreas’ letzter Bemerkung auf. Voller Entsetzen wandte sie sich ihm zu. Demnach war ihre Begegnung heute Abend kein Zufall gewesen? „Du hast nach mir gesucht?“

Sein verkniffener Mund war Antwort genug. „Seit ich vom Verschwinden deines Vaters und eures gesamten Vermögens gehört habe.“

Während er einen Seitenblick auf ihr Profil und die geröteten Wangen warf, fragte Siena sich, weshalb er das getan hatte. Etwa um sie zu bestrafen? Um sich an ihr zu rächen?

„Wir haben noch etwas miteinander zu klären, meinst du nicht?“, fragte er mit tödlicher Ruhe.

Langsam steigerten sich ihre Nervosität und Anspannung zu echter Panik. Siena war auf eine solche Auseinandersetzung absolut nicht vorbereitet. „Nein, das meine ich nicht! Und jetzt lass mich endlich aussteigen!“

„Deine Adresse, Siena“, forderte er kühl, ohne auf ihre Bitte einzugehen. „Sonst werden wir die ganze Nacht kreuz und quer durch London fahren.“

Sie biss die Zähne zusammen und starrte auf seine schlanken Finger, die das Lenkrad fest umklammert hielten. Plötzlich kam er ihr noch viel unbeugsamer vor, als ihr Vater es jemals gewesen war. Zumindest hatte Andreas bereits bewiesen, wie skrupellos und ehrgeizig er sein konnte.

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