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Zurück in den Armen des Prinzen

 

 

 

Achthundert Jahre zuvor gründete Antonio D’Agostino das Königreich Castaldinien, das wegen seiner italienischen und maurischen Einflüsse eine einzigartige Kultur besaß. Doch was Castaldinien politisch von allen anderen Monarchien unterschied, war das Gesetz, das die Thronfolge regelte. Antonio D’Agostino, der keinen seiner Söhne für geeignet hielt, die Herrschaft zu übernehmen, bestimmte, dass nur derjenige König werden durfte, der die moralischen, familiären und wirtschaftlichen Voraussetzungen dafür mitbrachte. Außerdem musste der Kronrat die Wahl des Königs einstimmig billigen.

Im Detail lauteten die Auswahlkriterien wie folgt: Der Thronanwärter musste einen tadellosen Ruf haben, vollkommen gesund und ohne Laster sein, und seine Herkunft musste über allen Zweifel erhaben sein. Darüber hinaus verlangte das Gesetz einen Mann, der Charisma, Charakter sowie einen guten Führungsstil besaß und sein Vermögen selbst erwirtschaftet hatte.

Seit achthundert Jahren bewarben sich nur die besten der D’Agostinos um die Herrschaft. Und immer hatte es einen gegeben, der schließlich das Rennen machte. Danach wählte er seinen Kronrat aus jenen Mitgliedern der königlichen Familie, denen er vertraute, und suchte während seiner Regentschaft einen geeigneten Kronprinzen aus, damit die Thronfolge gesichert war, falls ihm selbst irgendetwas zustieß.

Das Motto der Könige von Castaldinien war: Lasciate vincere l’ottimo uomo.

Lasst den besten Mann gewinnen.

PROLOG

Acht Jahre zuvor

 

„Komm näher, Phoebe, ich beiße nicht. Jedenfalls nicht doll.“

Seine dunkle, verführerische Stimme erregte sie, und sie hielt den Atem an, wie sie es immer tat, wenn sie diesen Mann sah. Vor Nervosität, vor Freude, vor Verlangen. Er stand am Panoramafenster seiner Penthousewohnung in Manhattan und schaute hinaus in die glitzernde New Yorker Nacht, seine Figur wie gemeißelt, sein Profil makellos, und Phoebe erinnerte sich nur zu gut daran, wie seidig sich sein dunkelbraunes, rötlich schimmerndes Haar anfühlte. Sie schaute ihn an, sehnte sich mit jeder Faser ihres Körpers nach ihm und zögerte doch, die kurze Distanz zwischen ihnen zu überbrücken.

Näher kommen, dachte sie. Ich bin bereits viertausend Meilen gereist, um dir nah sein zu dürfen.

Acht Stunden zuvor, während der Krankengymnastik ihrer Schwester Julia, hatte sie von Ernesto, Leandros rechter Hand, der auch als Liebesbote zwischen ihnen fungierte, eine Nachricht erhalten. Zuerst hatte Phoebe gedacht, er wollte sie zu einem der üblichen heimlichen Rendezvous mit Leandro einladen, und angenommen, dass sie diesmal noch vorsichtiger sein mussten. Leandros Situation in Castaldinien hatte sich abrupt verschlechtert, nachdem er seine Arbeit als Botschafter seines Landes in den USA niedergelegt hatte. Doch anstelle von Leandro hatte sein Privatjet auf sie gewartet, der sie in nur sieben Stunden nach New York brachte. Während des gesamten Fluges hatte ihr Geliebter kein Wort mit ihr gewechselt.

Wie in den vergangenen vier Monaten. Phoebe hatte befürchtet, sein Schweigen wäre seine Art, ihr den Laufpass zu geben. Doch offensichtlich war das nicht der Grund gewesen.

„Ich bin vor zwei Monaten dreißig geworden“, sagte er.

Seine Worte trafen sie bis ins Mark, und sie hätte sich ihm am liebsten in die Arme geworfen. Natürlich hatte sie von seinem Geburtstag am sechsundzwanzigsten Oktober gewusst. Das Bedürfnis, Leandro anzurufen, hatte sie an diesem Tag fast um den Verstand gebracht. Doch Phoebe hielt sich an die Regeln, die er von Anfang an aufgestellt hatte. Er war derjenige, der Kontakt aufnahm. Und eine Weile schien es, als würde er es nie wieder tun.

„Herzlichen Glückwunsch“, erwiderte sie lahm und schämte sich dafür. „Genau“, bemerkte er sarkastisch und drehte sich zu ihr um. „Es war der schönste Geburtstag meines Lebens.“

Phoebe war nicht in der Lage, sich zu rühren.

„Hast du mir sonst nichts zu sagen, bella malaki?“ Das bedeutete ‚mein schöner Engel‘, und die Koseworte in jener ureigenen Mischung aus Italienisch und Maurisch, die nur Leandro verwendete, berührten sie sehr. Nun kam Leandro auf sie zu. Sein weißes, zur Hälfte aufgeknöpftes Hemd wirkte hell im dämmrigen Licht des Zimmers. Darunter konnte Phoebe seine muskulöse Brust erkennen. „Soll ich es dir einfacher machen? Dir den Weg ebnen?“ Er blieb kurz vor ihr stehen und warf ihr einen herausfordernden Blick zu. „Hast du mich vermisst?“

Und wie, dachte sie, wusste aber, dass das untertrieben war. Sie war fast gestorben vor Sehnsucht.

Da berührte er sie, legte die Hände auf ihre Arme, und ein Schauer durchlief ihren Körper. „Möchtest du, dass ich es herausfinde?“

Ja, rief ihre innere Stimme. Doch er tat nichts, blieb nur vor ihr stehen. Sie begann zu zittern.

Im gleichen Moment, als er es bemerkte, weiteten sich seine Pupillen vor Verlangen, und nun war es um Phoebes Selbstbeherrschung geschehen.

Sie schlang die Arme um seinen Hals und küsste Leandro. Leidenschaft überwältigte sie, als sie ihn spürte, eine Leidenschaft, die sie mit keinem anderen Mann erlebt hatte. Sie fühlte sich eins mit ihm und spürte ein Begehren, das sie fast zerriss.

Er erwiderte ihren Kuss, übernahm bald die Führung, bis sie in seinen Armen regelrecht dahinschmolz und nur noch eines wollte: von ihm geliebt werden.

„Das nächste Mal, bella helwa, das nächste Mal werde ich mir Zeit lassen, um dich zu verwöhnen, aber diesmal …“

Sanft, aber bestimmt schob er sie zum Bett, und Phoebe stöhnte leise, als sie die seidigen Laken spürte. Sie wusste nicht, wie ihr geschah, doch Sekunden später waren sie beide nackt und fielen ausgehungert und verrückt vor Begehren übereinander her. Phoebe stieß einen Schrei aus, als er ohne Vorwarnung in sie eindrang; es war so, wie sie es sich in ihren Träumen ausgemalt hatte, heftig, wild. Und nur wenige Augenblicke später erlebte sie ihren ersten Höhepunkt. Leandro erstickte ihr lustvolles Stöhnen mit einem alles verzehrenden Kuss und beschleunigte sein Tempo, bis auch er kam. Keuchend lagen sie eng umschlungen da und spürten der Lust nach, die sie beide gerade gemeinsam erlebt hatten.

Leandro, dachte Phoebe zärtlich. Mein Löwe. Wieder zurück in meinem Leben. Und jetzt? Müssen wir es immer noch geheim halten?

Doch er bewegte sich bereits wieder in ihr, und sie hörte auf nachzudenken, konzentrierte sich ganz aufs Fühlen. Sie drängte sich ihm entgegen, um ihn noch tiefer in sich aufzunehmen. Er flüsterte ihr etwas ins Ohr und zeigte ihr gleich darauf, wie sehr er genoss, was sie tat, indem er zarte Liebesbisse auf ihrem Hals verteilte. Phoebe seufzte verlangend, doch dann sickerten die Worte, die er ihr gerade zugeflüstert hatte, langsam in ihr Bewusstsein: „Ich werde niemals nach Castaldinien zurückkehren.“

Still lag sie da. Ihr war klar, dass es in Castaldinien in letzter Zeit große Schwierigkeiten für ihn gegeben hatte, doch nie wieder zurückkehren? Nichts, was geschehen war, rechtfertigte einen solchen Schritt. Oder doch?

Sie spürte sein Gewicht auf sich. „Was meinst du damit – du wirst nicht zurückkehren? Du musst aber doch …“ Verblüfft sah er sie an, dann wurde er wütend und zog sich abrupt von ihr zurück. „Weißt du es denn nicht?“

„Was denn?“, fragte sie vorsichtig.

Dio, das ist nicht zu fassen“, stieß er unwirsch hervor. „Haben Sie das Dekret in Castaldinien wirklich unter Verschluss gehalten? Das ist noch schlimmer, als ich dachte. Das Land isoliert sich nicht nur kulturell und wirtschaftlich, sondern errichtet jetzt auch noch seine eigene Version des Eisernen Vorhangs.“

„Bitte, Leandro … Ich verstehe nicht …“

„Willst du wirklich wissen, was sich außerhalb von Castaldinien wie ein Lauffeuer durch die Medien verbreitet hat? Nun, nichts weiter als die triviale Nachricht, dass Prinz Leandro D’Agostino, von dem man allgemein annahm, dass er der nächste Kronprinz werden würde, des Landes verwiesen und aller Titel beraubt wurde. Und das nur, weil ich es gewagt habe, dem König und seinen Vertrauten zu widersprechen.“

„Oh nein …“

Er lachte freudlos. „Bloß kein Mitleid. Es gibt noch mehr Neuigkeiten. Sie haben mich ausgebürgert, mir die Staatszugehörigkeit entzogen.“

Sie war wie erstarrt. Ihr stockte der Atem. „Das kann nicht wahr sein.“

„Oh doch. Allerdings hat man mir hier die amerikanische Staatsbürgerschaft angetragen, und ich habe akzeptiert. Ich werde niemals wieder einen Fuß auf castaldinischen Boden setzen.“ So abrupt, wie er sich von ihr gelöst hatte, zog er sie nun wieder an sich, schob die Finger in ihre Locken und küsste Phoebe hart und besitzergreifend. Sein Verlangen löschte alle Gedanken in ihr aus und ließ sie in seinen Armen dahinschmelzen.

„Auch du wirst nicht zurückkehren“, flüsterte er heiser zwischen zwei Küssen.

Es klang wie eine Drohung, und sie wandte den Kopf zur Seite, um hervorzustoßen: „Aber ich muss doch!“

Aus zusammengekniffenen Augen sah er sie durchdringend an. „Nein, das musst du nicht. Amerika ist jetzt deine Heimat, so wie es meine ist. Du bleibst bei mir.“

Nur mühsam brachte sie die nächsten Worte hervor. „Aber Julia braucht mich. Ich muss zurück.“

Er hörte auf, ihre Brüste zu streicheln, und sofort empfand Phoebe ein Verlustgefühl. „Oh, deine arme, bedürftige Schwester. Die Prinzessin, der ein ganzes Königreich zur Verfügung steht – mit allen Annehmlichkeiten, die es mit sich bringt.“

„Du weißt genau, weshalb sie mich braucht.“

„Aber ich brauche dich auch.“

Sein Geständnis traf sie wie ein Schlag, gleichzeitig wuchs ihre Hoffnung, nur um kurz darauf wieder dem Misstrauen zu weichen.

Leandro brauchte sie? Warum jetzt? Zuvor hatte sie nie das Gefühl gehabt, er bräuchte sie für mehr als das Offensichtliche. Er wusste doch gar nicht, was es bedeutete, einen Menschen zu brauchen. Alles, um was es ihm ging, war, der nächste König von Castaldinien zu werden. Nichts sonst zählte, schon gar nicht sie. Das hatte er ihr nur allzu deutlich gemacht, indem er ihre Beziehung geheim hielt und, um die Medien abzulenken, mit anderen Frauen ausging, vor allem mit seiner Cousine zweiten Grades, mit Stella. Bei offiziellen Einladungen war er oft mit Stella am Arm an Phoebe vorbeigegangen und hatte ihr nur ein Kopfnicken gegönnt, ganz so, als wäre sie nichts weiter als die Schwägerin seines Cousins Paolo.

Leandro hatte ihr versichert, er tue das nur, um Klatsch und Tratsch von ihr abzuwenden, um ihren Ruf nicht zu schädigen, ebenso wenig wie seine Chancen auf den Thron zunichtezumachen. „Ich mache das, um uns beide in diesen schwierigen Zeiten zu schützen“, hatte er gesagt, und sie hatte geglaubt, dass das ein Versprechen auf die Zukunft war. Auf eine gemeinsame Zukunft. Die Sitten waren streng in Castaldinien, und eine Frau musste auf ihren Ruf achten, besonders wenn sie vorhatte, den künftigen König zu heiraten.

Doch während der gesamten Zeit, in der ihre heimliche Beziehung währte, hatte Leandro nichts mehr getan, um sie in ihrer Hoffnung zu bestärken. Und irgendwann hatte Stella, diese falsche Schlange, ihr mitgeteilt, was alle außer Phoebe offensichtlich bereits wussten und als Tatsache betrachteten: Wenn Leandro König wurde, musste er eine Frau wählen, die der Hof akzeptierte. Phoebe hatte da natürlich wesentlich weniger Chancen als Stella, in deren Adern königliches Blut floss. Und selbst Stella war nur zweite Wahl, denn sie würde Leandro nur bekommen, wenn die ideale Partnerin ihn abwies. Und mit dieser Frau war Phoebe befreundet. Es handelte sich um Clarissa D’Agostino, die Tochter des Königs.

Nun endlich gestand sie sich die Wahrheit ein. Leandro hatte gar nicht ihren Ruf schützen wollen, sondern seinen. Um seine Wahl zum tadellosen Kronprinzen nicht zu gefährden. Clarissa oder Stella, beide waren förderlich für sein Anliegen, sie dagegen nicht.

Phoebe wurde klar, dass er sie nie heiraten würde, und sie begriff auch, dass es keinen Sinn hatte, ihm ihre Ängste und Wünsche mitzuteilen, denn dann hätte er die Affäre vermutlich sofort beendet. Phoebe jedoch liebte ihn so sehr, dass sie sich zwang, die Augen vor den Tatsachen zu verschließen, um ihn nicht zu verlieren.

Doch dieser Selbstbetrug konnte ihre Zweifel und Ängste nicht völlig überwinden. Je näher Leandro der Krone kam, desto mehr fürchtete Phoebe den Tag der Trennung. Hatte sie sich nicht sogar heimlich gewünscht, er würde nicht als Kronprinz erwählt, sodass er frei war und sie heiraten konnte? Und hatte sie nicht panische Angst davor gehabt, dass sie ihm nicht widerstehen konnte, wenn er nach seiner Heirat mit Stella oder Clarissa beschloss, die Affäre mit ihr fortzuführen? Mittlerweile konnte sie gut verstehen, wie Frauen in die Situation „der anderen“ hineinschlitterten.

Jetzt lag sie hier in seinem Bett, und plötzlich brach die gemeinsame Zukunft über sie herein. Leandro war nicht mehr im Rennen für die Krone. Und er wollte Phoebe haben, hatte die Worte ausgesprochen, die sie nie erwartet hätte zu hören: Ich brauche dich.

Nachdem er die Beziehung zu ihr über ein Jahr wie ein schmutziges kleines Geheimnis behandelt und sich die vergangenen vier Monate überhaupt nicht gemeldet hatte.

In diesem Moment brachen all ihre Angst, ihre Enttäuschung und ihre Wut sich Bahn. „Wozu solltest du mich brauchen, Leandro? Als deine Geliebte auf Abruf, so wie bisher? Oder vielleicht hast du ja vor, eine Art von normaler Beziehung mit mir einzugehen, weil nichts Besseres mehr auf dich wartet? Was könnte ich dir denn bedeuten? Wäre ich nicht nur eine ständige Erinnerung an das, was dir entgangen ist? Eine Frau, die da ist, wenn du Sex haben willst? Wärst du mir überhaupt treu? Warst du mir jemals treu?“

Er sah sie an, als hätte sie sich in ein bösartiges Monster verwandelt, und sie sah den Zorn in seinen Augen aufblitzen. Es tat ihr weh, diese Gefühle in ihm ausgelöst zu haben, und am liebsten hätte sie alles sofort zurückgenommen. Doch sie tat es nicht, weil sie wusste, dass sie sonst ihren letzten Rest an Selbstachtung verlieren würde.

Er ließ sie los, stand auf und sah verächtlich auf sie hinunter. „Du machst mir Vorwürfe? Nach allem, was ich für dich getan habe, nach allem, was mich das gekostet hat? Sei doch ehrlich, und gib zu, dass es stimmt, was ich dachte, nachdem du in den letzten vier Monaten nicht einmal bei mir angerufen hast. Ich war doch nur interessant für dich, solange ich noch Aussichten hatte, der nächste König von Castaldinien zu werden. Sobald klar war, dass man mich aus dem Land geworfen hat wie einen Verbrecher, war ich für dich gestorben.“

Seine Wut und seine falschen Anschuldigungen trafen sie tief, aber Phoebe gewann daraus auch die Kraft, sich ihm zu widersetzen. Sie stand ebenfalls auf. „Denk doch, was du willst.“

Plötzlich riss er sie in seine Arme. „Du wirst mich nicht verlassen, nicht auch noch du.“

Sie wollte sich wehren, doch dann gewann seine unwiderstehliche Ausstrahlung wieder Macht über sie. Der Schmerz, den sie in seinen Augen las, berührte sie unendlich. Er war heimatlos, alles war ihm genommen worden. Sie sehnte sich danach, ihn zu trösten, mit ihm zusammen zu sein. Für immer.

Aber es konnte nicht sein. Er brauchte sie nicht, hatte sie nie gebraucht. Alles, worum es ihm ging, war, seinen Willen durchzusetzen und sein angekratztes Ego aufzupolieren.

Ihre Trauer, die sie im vergangenen Jahr so erfolgreich unterdrückt hatte, bahnte sich unaufhaltsam einen Weg an die Oberfläche und verwandelte sich in Wut. Phoebe löste sich aus Leandros Griff und zog sich hastig an. „Ich hoffe, du wirst glücklich in deinem neuen Land. Hier wird man es zu schätzen wissen, dass du keine Menschenkenntnis hast und ein totaler Egoist bist. Du wirst hier viele Freunde finden.“

Leandro kam drohend auf sie zu, und Phoebe stockte der Atem. „Zuerst machst du mir einen völlig absurden Vorwurf, und wenn ich mich verteidige, gehst du nicht auf meine Argumente ein, sondern nutzt sie als Vorwand, um zu tun, was du ohnehin von Anfang an vorhattest: mich zu verlassen. Du willst unbedingt, dass ich der Sünder bin und du die verführte Unschuld.“

„Mein Vorwurf war nicht absurd, und Argumente habe ich von dir nicht gehört“, erwiderte sie tonlos. „Ich habe seit über einem Jahr nur getan, was du von mir verlangt hast. Und jetzt bin ich fertig damit.“

„Wie bitte? Ich hätte von dir verlangt, mir zu sagen, dass du dich unendlich lebendig fühlst, wenn ich dich berühre, wenn ich mit dir schlafe?“, fuhr er sie an. „Fällt es dir so leicht zu gehen? Mich zu verlassen?“

Seine Attacken trugen nur dazu bei, dass ihre Wut noch weiter stieg. Zu sehr hatte Phoebe unter der Heimlichtuerei und ihrer Angst, ihn zu verlieren, gelitten. „Dich verlassen?“, erwiderte sie scharf. „Wann wäre ich je wirklich mit dir zusammen gewesen? Ich war doch bloß die verliebte Idiotin, die dich grenzenlos bewundert hat und jederzeit verfügbar war, wenn du Lust auf Sex hattest. Klar mochtest du es, dass ich dir schmeichelhafte Dinge gesagt habe. Jetzt ist dein Stolz verletzt, weil du süchtig danach bist, angehimmelt zu werden.“ Sie hielt inne. Ihr Atem ging schwer. Bitter fuhr sie fort: „Du brauchst mich nicht, Leandro, du willst nur, dass ich dich brauche. Aber da liegst du falsch. Ich habe ein Leben außerhalb dieser Affäre, auch wenn ich dich vielleicht in dem Glauben gelassen hatte, ich lebe nur für dich. Ich trage Verantwortung und habe auch beruflich noch viel vor. Ich bin kein Spielzeug, das du benutzen und wegwerfen kannst, wie es dir passt.“

„Und wer hat um mehr gebettelt, wenn ‚es mir passte‘, wie du es nennst?“ Er zog sie erneut an sich und presste die Lippen auf ihren Hals, während er die Hände verlangend unter ihr Top schob und ihre Brüste umfasste. Sofort reagierte sie auf seine Liebkosungen, ihre Brustspitzen wurden hart, heiße Schauer durchliefen sie. „Dein Körper gehört mir. Vorhin haben wir die höchste Lust geteilt, und auch jetzt bist du bereit, dich mir hinzugeben.“

Die Grausamkeit, mit der er ihre Gefühle ausnutzte, bewies Phoebe, dass sie mit ihrer Einschätzung recht gehabt hatte. Sie bedeutete ihm nichts, war nur eine Sexgespielin für ihn gewesen. Nun, da sie sich weigerte, ihm diesen „Dienst“ zu erweisen, zeigte er sein wahres Gesicht.

Sie wand sich aus seinem Griff und rannte zur Tür, riss sie auf, verließ das Penthouse und blieb nicht stehen, bis sie Tausende von Kilometern zwischen sich und Leandro gebracht hatte. Einmal in Sicherheit, hoffte Phoebe nur inständig, dass sie nie wieder von ihm hören würde.

1. KAPITEL

In der Gegenwart

 

„Die Zukunft von Castaldinien ruht auf deinen Schultern.“

Diese wenigen Worte, die leise aus dem Mund des alten Mannes kamen, trafen Phoebe wie ein Schlag.

Sie hatte die große Flügeltür zum Thronsaal passiert und sah König Benedetto entgeistert an, der langsam und hinkend auf sie zukam und sich auf seinen Stock stützte, so als schien jede Bewegung ihn Mühe zu kosten.

Phoebe hatte Herzklopfen und hoffte inständig, dass sie sich verhört hatte, doch da wiederholte er, was er gesagt hatte.

„Es hängt alles von dir ab, figlia mia.“

Es berührte sie jedes Mal tief, wenn er sie „Tochter“ nannte. Sie liebte ihn tatsächlich wie den Vater, den sie nie gehabt hatte. Ihr eigener hatte die Familie verlassen, als sie zwei Jahre alt und ihre Mutter mit Julia schwanger gewesen war. Doch sie wusste auch, dass sie im Herz von König Benedetto erst weit hinter seinen Enkeln und deren Mutter – ihrer Schwester – rangierte. Trotzdem bemühte Phoebe sich unablässig, sich des Vertrauens und der Zuneigung des alten Mannes würdig zu erweisen.

Doch was meinte er damit, dass Castaldiniens Zukunft auf ihren Schultern ruhte? Nur ein König konnte das drohende Unheil von dem Land abwenden. Phoebe suchte in seinen stahlblauen Augen nach einer Antwort. Sein Blick wirkte entschlossen, und ihr wurde klar, dass er sich entschieden hatte. Wofür, wusste sie nicht, aber dass seine Entscheidungen immer richtig waren.

König Benedetto war nicht umsonst der am längsten regierende und beliebteste Herrscher seit König Antonio. Phoebe hielt ihn für den klügsten und fähigsten Monarchen des zwanzigsten Jahrhunderts. Allerdings war er auch einer der umstrittensten, denn in den vierzig Jahren seiner Amtszeit hatte er Castaldinien aus allen Konflikten in der Welt herausgehalten und das Land politisch isoliert. Andererseits hatte das dazu geführt, dass Castaldinien international als Refugium galt – mit einer romantischen Atmosphäre, die den Tourismus förderte.

Im neuen Jahrtausend jedoch hatten sich die Dinge geändert. Benedetto stand den Problemen, die die neue Zeit mit sich brachte, geradezu hilflos gegenüber, und das Land drohte daran zu zerbrechen. Um die Probleme noch zu verschärfen, hatte er sich bisher geweigert, einen Kronprinzen und damit seinen Nachfolger zu bestimmen.

Nun hatte er aber vier Monate zuvor einen Schlaganfall erlitten, und jetzt drängte die Zeit. Falls er starb und es keinen neuen König gab, drohte eine Katastrophe.

König Benedetto blieb ein paar Meter von ihr entfernt stehen und stützte sich schwer auf seinen Stock. Seine halbseitige Lähmung war durch gute Rehabilitationsmaßnahmen zurückgegangen, aber immer noch deutlich sicht- und hörbar, wenn er sprach. „Ich werde die Regierungsgeschäfte nie wieder vollständig übernehmen können“, sagte er.

Phoebe blickte in sein Gesicht, sah seine einst majestätische Gestalt, um die nun die prunkvolle Uniform schlotterte. „Ihr macht aber Fortschritte, Eure Majestät.“

„Nein, figlia mia“, widersprach er. „Ich kann kaum gehen, meine linke Seite ist taub, und die kleinste Erkältung wirft mich um.“

„Als Monarch müsst Ihr doch nicht vollkommen fit sein, um regieren zu können“, wandte sie ein.

„Oh doch“, erwiderte er. „Das Gesetz in Castaldinien verlangt es. Außerdem hat mein Kopf gelitten …“

„Das stimmt nicht“, rief sie erschrocken aus und meinte es ernst. „Ihr seid geistig genauso fit wie immer.“

Er seufzte. „Das ist nicht wahr. Ich vergesse Dinge. Ich drifte ab, wenn ich mich konzentrieren müsste. Doch selbst wenn ein Wunder geschieht und ich wieder ganz gesund werde, braucht Castaldinien eine neue Perspektive. Ich habe viel zu lange damit gewartet, dem Land einen Aufbruch in die Zukunft zu ermöglichen.“

Es tat ihr weh, zu sehen, wie schuldig er sich fühlte. „Aber Ihr konntet doch gar keinen Nachfolger auswählen“, warf sie ein. „Es gab doch keinen geeigneten Kandidaten.“

Er schüttelte den Kopf und hinkte hinüber zu einem vergoldeten Sessel, auf dem er sich mühsam niederließ. „Das stimmt nicht ganz“, sagte er dann. „Vor zehn Jahren hat es drei Kandidaten gegeben, die alle Kriterien erfüllten. Jeder von ihnen hätte Castaldinien regieren können. Nun verhält es sich aber so, dass diese drei Männer die Einzigen sind, die sich nicht um den Job bewerben werden.“

Also gab es drei Mitglieder der Familie D’Agostino, die alle Bedingungen erfüllten, um König von Castaldinien zu werden? Das war Phoebe neu, und ihre Gedanken überschlugen sich, als sie an Leandro dachte. Der König konnte ihn nicht meinen, denn Leandro hatte sich damals beworben.

Besorgt, aber auch neugierig trat sie auf den König zu. „Wo liegt das Problem?“

Benedetto seufzte. „Bei jedem Kandidaten gibt es einen Punkt, der einer möglichen Regentschaft im Wege steht.“

„Dann ist es nicht Eure Schuld, wenn Ihr keinen von ihnen erwählt.“

„Oh, das habe ich mir auch lange genug eingeredet“, erwiderte der König. „Aber ich kann nicht mehr warten. Es geht um die Zukunft und die Sicherheit des Landes. Daher habe ich mich mit meinen Ministern beraten. Sie haben argumentiert, dass es ein Fehler wäre, die alten Gesetze zu ändern, weil Castaldinien dadurch einen Teil seiner Identität verlieren würde. Ich habe dagegengesetzt, dass die Zukunft Castaldiniens in Gefahr wäre, falls es uns nicht gelingt, einen fähigen König zu wählen. Und vorgestern bin ich während der Sitzung für zehn Minuten ohnmächtig geworden.“

Phoebe fuhr erschrocken auf, aber Benedetto griff nach ihrer Hand und drückte sie. „Mir konnte nichts Besseres passieren“, erklärte er und lächelte schief. „Mein Zustand bringt sie endlich dazu, zu begreifen, dass wir nicht länger warten können und einen dieser drei ...

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